Kein überreiches Angebot an zivilem Ungehorsam
So übermäßig viel anzubieten hat man nicht eben, sieht man in die deutscheuropäische Regionalgeschichte, was so den Widerstandskämpfer angeht. Bei dem, was man "zivilen Ungehorsam" nennt. So die Tage, als da Zeitenwandel nach dem zweiten Weltkrieg war, als die Alliierten noch bei einem rumfragten, und als man selber auch, weil wieder Demokratie war, freie Meinungsäußerung und das herrschte, von daher mitunter auch auf der Suche war, nach neuen, etwas anderen Helden. Nach denen, die jenem einen bestimmten "Dritten Reich" mutig was entgegensetzten. Sich nicht so unbedingt den Verhältnissen und seinen Einflüssen auf den Charakter ergaben, sondern doch noch diesem und jenem bei einem, einer tapfer entgegentraten. Trotz allem, dieser einflußnehmenden Terror-Herrschaft. Dem übergestreiften Joch. Bei einem Geist, der sich wie Mehltau auf das Bürgerbewußtsein gelegt hatte. Damals, als der eine sein böshaftes Regime führte, dessen Visage das an ihm täuschende "Tramp"-Breitbärtchen bis zu seinem Ableben, einem flüchtigen, tristen Selbstmord, nicht mehr verließ.
Georg Elser war als so einer zu sehen. Ein Vereinzelter, der was für sich selber probierte. Ohne sich sonderlich um die Umgebung zu scheren. Als Heimwerker bastelte er an einer Bombe mit Zeitzünder. Ziemlich brauchbar. Die er glattweg auch unmittelbar einer Redebühne unterbringen konnte.
Das Sprengwerk, das ging hoch. Explodierte. Nur leider, es verfehlte sein Ziel. Weil der eine, den es treffen sollte, nicht eben die Pünktlichkeit in Person war. Pech, die Zeit, die Minutenfolge, die stimmte einfach nicht. Wäre er allerdings zu dem vorgesehenen Zeitpunkt droben auf der Kanzel für die Rede gestanden, hätte es ihn ziemlich in seine körperlichen Bestandteile zerlegt. Weil alles bei Georg Eisner erstklassig funktionierte, so, als wäre er von Haus aus ein Bombenbauer gewesen. Und trotzdem klappte das Attentat nicht: weil auf die Uhrzeit eines Eintreffens von jemandem kein Verlaß war. DER, daß sich ziemlich verspätete.
Das Geplante, für das relative Pünktlichkeit notwendig gewesen wäre, ereignete sich demnach nicht: das Opfer kam mit dem Schrecken davon, beguckte sich die Szene. Zu einer Verfolgungsjagd durch Polizeikräfte, Gestapo und manch anderen Kommandos kam es viel zu rasch. Nahe der Schweizer Grenze kam es zur Verhaftung Georg Elsers. Georg Elser wurde inhaftiert, erlitt Verhöre durch regimetreue Geheimpolizisten und so was. Höchste Justiz-Schergen des nationalsozialistischen Unterdrückungsstaates, berühmt durch andere Urteile nach den Gesetzmäßigkeiten im "Dritten Reich", die saßen über Georg Elser zu Gericht. Ein Schauprozeß bei feststehendem Urteil. Die meiste Zeit keiften sie Georg Elser boshaft an und sprachen ihn dann schuldig. Eine Schuld, die auch ziemlich eindeutig war. Attentatsopfer gab es ein paar, nur nicht das eine. Georg Elser wanderte in ein Konzentrationslager, begab sich auf eine Wanderschaft von Lager zu Lager. Um dort die Jahre durch nicht vergessen zu sein. Kurz vor Weltkriegsende wurde Georg Elser von daher schnell noch umgebracht.
Tja, Georg Elser, er erlitt nicht bloß körperliche Folter. Man versuchte es bei ihm auch mit einer Gehirnwäsche. Mit zahlreichen Unterhaltungen, "vernünftigen" Gesprächen kriegte er es überdies zu tun. Von oben herab, daß man sein gesamtes Leben, was man davon in Erfahrung brachte, mit Georg Elser besprach, bei mancher scheinanständigen Ansprache und aus der Schein-Vernunft des nationalsozialistischen Spießbürgerhorizonts heraus.
Wirklich, Georg Elser, alles hatte er zu erleiden. Georg Elser, der jahrzehntelang überhaupt nicht so angesehen war. Bei den Deutschen. In den fünfziger, sechziger Jahren und so. Es schien fast, als wolle man das bei Georg Elser dabei belassen, ihn ganz grundsätzlich zu vergessen. Und das trotz des gewaltigen Mangels, unter dem mal so deutschregional litt: dem an Widerstandskämpfern gegen das "Dritte Reich". So leicht sind so welche nicht zu finden. Der Widerstand der Reichsbürger und dem, was man "zivilen Ungehorsam" nennt, ziemlich dünn gesät, im "Dritten Reich". Das Unterdrückungsregime, das leistete beim Reichsbürger ziemlich umfänglich allerbeste Arbeit. Bezog die Bürger wie nebenher in vieles mit ein. Nur wenig, das ein deutscher Europäer der Jetztzeit von daher hernehmen kann, um jemandem zu erklären, es hätte jemand in diesem Unterdrückungsstaat größer was gegen Verhältnisse unternommen. Der Blockwart, "dein Nachbar dein bester Be- und Überwacher", ziemlich groß die Tage im "Dritten Reich".
Geradezu Hunger leidet man, angesichts dieser Begebenheiten in der Gegenwart ein wenig. Bei so viel mangelnder Zivilcourage, während man sich anderswo die Hände jede Menge dreckig und blutig machte. Irrsinniger Mut für das Falsche präsentiert sich in der Nachbetrachtung viel zu oft. Als feiger rassistischer Massenmörder im industriellen Maßstab ein soldatisch tapfer geheißener SS-Scherge. Von daher konnte man was durchziehen, was an den Tag legen. Als so was, Mitglied von derartigem. Zugehörig zu werden, dabeizusein, bei solch einer Institution wie der "SS". Selbst noch so die vom "Bund deutscher Mädels", die hätten gerne mehr betrieben, im "Dritten Reich". Mehr, als ihnen gestattet war. Auch wenn durchaus die oder die Weiblichkeit in den Konzentrationslagern und so bei allem eintraf, um dort auf der Seite des Wachpersonals zu stehen und so dem Mengele-Charakter auszuhelfen. Wie auch der Soldat der Wehrmacht sich zumeist nicht größer von so den "SS"-Staffeln unterschied. Höchstselbst so ein "SS"-Verhalten an den Tag legte. Wie das überdies beabsichtigt war, von oben nach unten in der Hierarchie verordnet, daß sich keiner einfach so außen vor vorfinden sollte. Sondern bei allem mittendrinnen dabei. Mitbeteiligt. Mitgenommen. Auch um die Zahnräder zu schmieren, wenn Dinge einen selber derart betrafen.
Daß nun heutzutage, muß man als Deutscher wirklich zugeben:, wenig was zum Vorschein kommt. Es war andererseits auch all zu vieles, was Mut haben hätte können, abgeräumt. In die Konzentrationslager verbracht. Womit es schließlich bereits kurz nach '33 anfing. Daß die ersten Konzentrationslager errichtet wurden. Dachau zum Beispiel. Eines der allerersten Lager, in denen Andersdenkende, eventuell mal Couragierte, hinverbracht wurden. Mit SPD'lern und den kommunistischen Kontrahenten bei den Straßenkämpfen begann man kurz. Kaum war das "Ermächtigungsgesetz" samt der Inthronisierung durch. Und zu Ausreisen aus dem "Reich" kam es auch.
Die Georg Elser, von daher dünn gesät. Die, die auch manches Risiko nehmen wollten. Georg Elsers Attentat war alles andere als dilettantisch schlecht ausgeführt. Georg Elser mußte sich allerdings auf den einen Faktor Zeit verlassen. Deswegen erwischte es den einen oder andern. Nur nicht DEN. DEN, den das Schicksal treffen sollte. ER, einer, der das mit Georg Elser nicht aus dem Hinterkopf verlor. Das, daß IHN einer einmal fast in einer Sekunde umgebracht hätte. Auf der Wanderschaft von Konzentrationslager zu Konzentrationslager und von Fron zu Fron war Georg Elser. Und, als es absehbar war, daß es für IHN in seinem Bunker dann zu Ende gehen sollte, Bei "Blondi", dem Hund, den er herstreichelte, bei einer Blonden, die er erst kürzlich hinter den dicken Bunkerwänden für den Rest des "Dritte Reich"-Boulevards, geheiratet hatte. Da kam ER kurz vor Toresschluß noch auf Georg Elser zurück. Georg Elser mußte sich dort, dort, in dem Lagerwesen, in dem er sich im Laufe jener Tage aufhielt, seinem Schicksal stellen. Und es war nicht Selbstmord, was mit ihm passierte.
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