Die verzweifelte Schönheit
Mann, Mann, ihre Schönheit, sie war nicht von schlechten Eltern. Am gemalten Bild muß man allerdings schon kurz genauer hinsehen, davon was zu erkennen.
Überdies kann DIE an sich heute keiner mehr wiedersehen. Niemand auf der Welt. Höchstens noch in der Weise, daß eine ihr ähnelt, ihrer wohlgewachsenen Gestalt gleichkommt. So, wie sie einmal war. Und wie sie vielleicht bald nicht mehr viel älter kennenzulernen war. Ihre Tage, die waren wenig später höchstwahrscheinlich gezählt.
Damals. Eine Lebenszeit, als es auch längst das eine oder andere Elend gab. Etwa in Liebesdingen und so. Wobei es sich bei dem, was sich auf dem gemalten Kunstwerk abbildete, weniger um handelsübliche Beziehungsfragen drehte.
Die, die mich hier so beeindruckt, ihr Äußeres betreffend, daß ich diese Zeilen verfasse, lebte so Ende des neunzehnten Jahrhunderts herum. Jede Menge konnte einen damals erwischen, nicht nur so im Heute. Nachdem man es beim Ringelpietz-mit-Anfassen ein bißchen besser zu was brachte.
Etwa gab es die Syphillis. Als sie, die eine, Gegenwart hatte, war die Syphilis ein arges, ekelhaftes Ding. Auf so diesem Werk eines Malers ist sie in einem Moment eingefangen zu gewahren, sie als eine blondhaarige Schöne. Zerzauste Haarsträhnen stehen dafür. Ganz in die Nähe von demselben Charakter ist sie da gelangt, der dafür sorgte, daß Friedrich Nietzsche nicht mehr selbständig aus einem Sessel, Stuhl hochkam, in den er hineinplaziert wurde. SEINE Schwester war die, die ihn pflegte und in einem Rollstuhl damaliger Ära voranschob, wenn er nicht daheim war.
Friedrich Nietzsche, eines der bekannteren Opfer der Lustseuche namens Syphillis. Eine Fürchterlichkeit, die Syphilis, während jener Epoche. Währenddessen die eine, von der ich was texte, eines der namenloseren Syphilis-Opfer ist. Namenlos, das ist von dem her relativ, weil ist sie auf einer künstlerischen Abbildung von einem zu erkennen ist, der seine Fähigkeiten bei Pinsel und Leinwänden und dem Farbemischen hatte. Vielleicht, daß der sie besser kannte.
Einen nachtdunklen Umhang, Überwurf, Mantel trägt die Blondine, eine Kapuze über das Haar gestreift. Verhuscht, daß sie an sich wirkt. Großartig viel ist auf dem Bildnis von ihr im Grunde nicht zu blicken, trotzdem läßt sich nicht daran herumdeuteln, was für ein herrlich anzusehendes Frauenzimmer sie war. Wohl nicht eins ohne angetrauten Ehemann, wahrscheinlich auch lange mit dem und dem Kind.
Arm scheint sie gleichfalls nicht gewesen zu sein. Schließlich ist alleine der Ort, an dem sie eingetroffen ist, einer, der Leuten einen Batzen Geld abverlangt. Der Quacksalber, zu dem sie in ihrer Verzweilfung in die Absteige kam, hatte bei seinen Pillchen, Salben und all dem, das kaum was gegen die Syphilis und ihre schlimmen Folgen half, mit Sicherheit seine stolzen Preise.
Prächtig im Aussehen muß sie gewesen sein, der Wahnsinn. Bei jeden Schönheitswettbewerb heutiger Tage könnte sie, wäre die Laune des Augenblicks auf ihrer Seite, ganz weit vorn landen, ihn selbst noch zu allem Überfluß gewinnen. Nichtsdestotrotz teilt sich bei der Atmosphäre der Malerei mit, wie fahrig sie zwischenzeitlich geworden ist. wie hektisch. In die allergrößte Not, in die sie geriet. Oft muß ihr das Herz gerast haben. Abgrundtiefe Verzweiflung treibt sie um. Schließlich, wenn sie bisher Glück hatte, daß sie DAS, was mit ihr los war, alsbald vor niemandem in ihrer Umgebung mehr verbergen konnte. Daß ihr noch völlig der Boden unter den Füßen weggezogen ward. Sogar herzlos in die Gosse gestoßen konnte sie enden. Nirgends mehr ein Halt für sie. Obzwar sie nichts Schlimmeres angestellt hatte, als daß sie dem einen oder anderen schmeichelnden Liebhaber nachgab. Einem, der ihre herrlich gewachsene Gestalt, ihr Beine, ihre Brüste, ihr ebenmäßiges Antlitz, ihre blonden Haare anpries. Bei dem einen oder andern war sie herumgelegen, hatte es zu allem bei sich kommen lassen. Anerkannte dahingehend nicht viel der Konvention jenes Neunzehntes-Jahrhundert-Zeitalters. Wohlweislich beim Thema "Untreue gegenüber dem Ehegemahl", all dem, was im Verlauf jener Tage so eine weibliche Person bei derartigem bedrohen konnte. Wen man einen Ruf zu verlieren hatte. Nebenher was, bei ihr bald noch das Allerwenigste, mit dem sie zurechtzukommen hatte. Zu jung zum Sterben fühlte sie sich. Bei dieser weiterhin jungen Frauengestalt, mit der sie sich selber sah, wenn sie in den Spiegel schaute. Das Alter mit seinen Gebrechen, das war bei ihr in ziemlicher Ferne.
Aber sie hatte den Tod vor Augen. Als eine, die all ihre körperlichen Vorzüge bei Männern in Gebrauch genommen hatte. Kess hatte sie den und den unmittelbar an sich rankommen lassen. Nicht bloß den einen Gatten. Und jetzt, jetzt betraf sie das unvorstellbar Gräßlichste. Dessen umfänglicher Ausbruch bei ihr unmittelbar bevorstand. Daß nichts weiter abzustreiten war. Bei dem einen mit seinen Umständen würde sie in ihrer Umgebung gesehen und besprochen werden.
Wohl nichts, daß da dagegen irgendwas von dem half, was sie dort in der Kammer, dem Gemach von dem einen Scharlatan, Kurpfuscher für den und den Betrag aus ihrem gefüllten Geldbeutel oder manch einem Teil an edel glitzerndem Geschmeide aus ihrer Schmuckschatulle ausgehändigt kriegte. Einem Mann überdies, dem man all seine Häme, seinen Spott gegenüber seiner Kundschaft, blickte man genauer hin, sogar deutlich anmerken konnte. Kaum verbarg er das bei sich. Und doch war sie, die Blonde, und noch welche dort, bei IHM. Solche, die verzweifelt nichts unversucht lassen wollten, dem Schicksal doch noch ein Schnippchen zu schlagen.
Das eine Fürchterliche, die Syphilis, sie muß sie kurz darauf die folgenden Wochen, Monate zerfressen haben, wie die Syphilis Friedrich Nietzsche zersetzte und schlußendlich dahinraffte. Daß Friedrich Nietzsches Schwester, diese rechtsnationale kleingeistig Biestigbornierte, sich das Erbe des Bruders umfänglich nehmen konnte. Um dann am Ende, auch eine Gipfelbesteigung bei allem, damit noch den mit dem Breitbärtchen zu treffen. Den Charlie Chaplin-"Tramp"-Nachäffer. Dem und seinem Parteiwesen war sie vonnutzen, spendete da was hin. Sogar als Fälscherin beim Werk ihres Bruders soll sie zugange gewesen sein, diese und jene Zeile neu verfaßt oder verschiedentlich was umgeschrieben haben. Alles für diesen einen bestimmten Kreis, den die Nietzsche-Schwester nie verließ. Das Werk ihres Bruders leidet bis in die Gegenwart darunter.
Oder auch nicht. Wie was leidet, das kommt ganz drauf an, welcher Perspektive der Leser bei den Schriften Friedrich Nietzsches ist.
Schwer zu sagen, wem da Friedrich Nietzsche eine aufs Maul gegeben hätte, wenn wer ihm wieder mal zu traut untergekommen wäre, ihm zuviel auf die Schulter hauen hätte wollen, weil er für sich was Exklusives bei Friedrich Nietzsche und in den Sätzen Friedrich Nietzsches vermutete. Als ihn die Syphilis noch nicht hatte, war Friedrich Nietzsche zu einigem fähig. Da mußte zwischendurch wer scharf aufpassen, wenn sich ereignete, daß Friedrich Nietzsche aus dem Stuhl auf die Füße hochsprang, mit allem möglichen um sich warf, schubste und mit der Faust zuschlug.
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