"Alpha" werden
"Etwas durfte 'Alpha' werden ..."
Eine alte Szene. Aber interessant.
Vorsicht: Was hier steht, das beschreibt den Moment, da waren diese Leute noch frisch und relativ unentwickelt. Durften erst anfangen, sich von oben herab anzubringen. Ohne irgendeinen Halt.
Sollte jemand von mir beschriebenes Verhalten dieser Herrschaften gut finden. Meine Zuneigung hat er nicht. In keinster Weise.
Daß hier keine Irrtümer aufkommen.
Also ...
Habe das von einer "Historie"-Sendung im ZDF her.
Das Drumherum.
Stimmt nämlich nicht ganz mit der in der ZDF-Sendung geschauten Szenerie überein.
Weil: Das ist meine Interpretation der Geschehnisse, sozusagen. Meine Variante. Des von mir Gesehenen.
Jemand anders setzt das Ganze wieder auf eine andere Art um. Vielleicht sogar besser.
Das hier ist also mein Text:
Eine Zeitreise. Wir machen einen kleinen Zeitsprung.
Infolge eines Eingabefehlers am Rechner befinden wir uns leider plötzlich im Jahre '33 des letzten Jahrhunderts ... Das Dort wird zu real. Es fängt an, über die Monitorwelt hinauszugehen. Schlimme Sache.
Es sind die unmittelbaren Tage, Wochen nach dem Wahlgewinn Hitlers.
Dieser Herr, seine Helfershelfer, anderweitigen Schattenfiguren und seine Partei, alle durften feiern, daß das Volk ihnen zur Macht verholfen hat.
Das Wahlergebnis jenes Tages im Jahr '33 sprach dafür. Was der beste Demokrat zu ertragen hatte. Denn: Es waren die Wähler mit ihrem Votum, die den Mann und diejenigen, die ihm auf dem Fuß folgten, nun legitimierten.
Da gab's danach nur noch wenig zu machen. Höchstens die Hände, die konnte man über dem Kopf zusammenschlagen, hatte man den Durchblick.
Blöde Zeitmaschine. Hatte einen Hänger. Voll das Bild gefressen. Perspektivische Erweiter- und Verdeutlichung. Zuviel der Realität.
Wo sich das abspielte, wovon ich in dem kurzen Text hier erzähle, das ist das Berlin der dreißiger Jahre. Berlin '33. Die Zeit, nachdem sich das frisch gewählte Parlament '33 konstituierte.
'33. Das Jahr '33. Mit der Hilfe von kleineren Parteien, zum Beispiel der "Zentrumspartei", hat es die NSDAP geschafft, das Gleichschaltungsgesetz zu verabschieden.
Jeder, der im 21. Jahrhundert lebt, dürfte wissen, was es mit dem "Gleichschaltungsgesetz" auf sich hatte. Was das im vollen Umfang bedeutete.
Mit dem Gleichschaltungsgesetz war die Weimarer Republik leider endgültig Vergangenheit. Die Demokratie und das demokratische Viel-Parteien-System hatte ausgespielt. War abgeschafft.
Hitler und Konsorten hatten es geschafft.
Wie gesagt, vorm Fernseher hockend, eine "Historie"-Sendung angeschaut ... Und dann, am Rechnertisch, dieser Fehler in der Zeitreise-Einstellung. Den keiner glaubt. Irgendwie eine komische, blöde Angelegenheit.
Direkte Landung in den dreißiger Jahren. Genauer: das Jahr '33. Knapp nach der Wahl Hitlers.
Muß, will jemand dort sein? In Echtzeit? Ernsthaft?
Obwohl, sollte man dort bleiben: Filmpaläste gab es. Nicht mehr nur mit Stummfilmen. "King Kong" war ein Film. Zum Beispiel. Wenn nicht dieser Wahltag '33 gewesen wäre ...
Das Radio stand '33 so richtig in den Startlöchern, sich in der Bevölkerung auszubreiten. 650 000 produzierte "Volksempfänger" am Ende des Jahres '33. 840 000 wurden '34 verfertigt.
Mit Fernsehgeräten gab es in der Weimarer Republik um das Jahr '30 herum bereits kleinere Vernetzungen. Mit ersten Fernsehgeräten.
Klobige Kastengebilde waren das. Mit einem gläsernen Bildschirm oberhalb eingebaut. Knappe "Laptop"-Schirmgröße würde man das in der Gegenwart nennen.
Auf derartige Bildschirmchen, daß ein paar wenige glotzten, bewegte Bilder in Schwarzweiß zu sehen kriegten.
Im März '35 geschah es in Deutschland: das erste Fernsehprogramm der Welt, in relativer Echtzeit übertragen. Über den Fernsehsender Paul Nipkov. Bei 75 eingeschalteten Empfangsgeräten; 250 Geräte hatte man verkauft.
Es waren demnach die dreißiger Jahre alles in allem eine Ära rasanter technischer Fortentwicklungen. Jede Menge neue Technik, die einer zur Verfügung hatte, fragte er interessiert nach. Das heißt, konnte diejenige Person es sich leisten. Geldbeutel-mäßig. Fürs Nazi-Größen-Schauen. Sich das mit denen reinzuziehen.
Es gab des weiteren sehr moderne Filmkameras. Ich rede von einer Qualität, ausreichend für vielerlei Zwecke. Nahmen in den dreißiger Jahren jetzt den Ton zum Farbbild auf.
Für die Geschichte, um die es sich in diesen Zeilen hier dreht, hatte ein Kameramann des Jahres '33 entweder den technischen Kram ohnehin bei sich daheim. Oder sich das, was er für seine Zwecke brauchte, nach Hause geholt. Ungefragt oder mit Erlaubnis.
Vielleicht aus einem bestens ausstaffierten Foto- oder richtigen Filmstudio. Der deutsche Film, der war zur damaligen Zeit ziemliche Weltklasse. Sagenhaft der Ruf der "Ufa-Filmstudios" mit der Filmstadt Babelsberg.
Ich meine, voll der Ruhm. Für schauspielerische Leistungen, innovative Filmtechnik und Einfälle. Ehe haufenweise Schauspieler, Regisseure, Studiomitarbeiter wie Bild- und Tontechniker, Requisiten- und Kulissenbaumeister ins Ausland abwandern mußten. Zum Beispiel nach Hollywood.
Die Gründe dafür allseits bekannt.
Die Dietrich, Lubitsch, um Namen zu nennen ...
Die Idee des kameratechnisch hochwertig ausgerüsteten Menschen und seiner Freunde, -innen war, an eine Fensterluke oben am Gebäude eine Kamera mit allem Drum und Dran fixiert anzubringen. Das Kameraobjektiv auf den Stadtplatz unterhalb ausgerichtet, ein paar Stockwerke tiefer.
Die Kameralinse sollte Zeuge sein. Für ein Zeitdokument. Festzuhalten, was abging in der Berliner Innenstadt.
War die Filmrolle voll, daß diese bei Gelegenheit ausgewechselt wurde. Einige Rollen, die auf solche Weise zusammenkamen.
Jahrzehnte später erst auf dem Dachboden des städtischen Gebäudes zufällig in einer Kiste wiederentdeckt.
Das, was die allerbeste Kameratechnik des Jahres '33 von der Welt unterhalb aufnahm, war nächtliche Berliner Platz- und Straßenlandschaft. Innenstadtumgebung, von elektrischen Straßenlaternen aufgehellt.
Für die Ohren außerdem jede Menge vielschichtiges Gelärme. Hörbares von den Vorgängen, die sicherlich die gesamte Stadtkulisse in der Art beherrschten. Diverses, was davon berichtet, daß der Schlaf der Menschen in den Häusern während jener Tage bestimmt nicht der beste gewesen sein konnte. Es sei denn, man lebte hinter ausreichend dicken Mauern, hatte bestens gedämmte Fenster.
Auf einem der besagten Filme, der der Nachwelt erhalten geblieben ist ...
So ein Pärchen kommt daher ins bessere Laternenlicht. Eng beieinander, Schulter an Schulter.
Der Mann ist ein gutaussehender Schnösel. Feiner, schwarzer Zwirn. Krawatte. Das Fräulein, es trägt ein die Hüften betonendes dunkles Kostüm. Hat ein Hütchen nach Art der damaligen Zeit keck schief auf.
Beschwingt, daß die beiden sind, er und sie; ihre Hüften, die haben einen Takt beim Gehen.
Alles, als hätten diese zwei bis dahin schon schöne, angenehmen Stunden gehabt. Dort, wo sie herkommen.
Nun, die zwei, sie könnten ein gewöhnliches Liebespaar sein, in der Weise, wie sie daherschreiten. Oder er, schließlich doch nur ein Freier? Sie eine Hure? Vielleicht so eine, eine der besseren Sorte. Die er sich irgendwo an ihrem Stammplatz in einem Klub oder dergleichen aufgetan hatte. Im trauter Zweisamkeit sind sie jetzt auf dem Weg zu einem Gebäude, in dem sie zusammen ...
Der Uniformierte, der vor das im Grunde genommen sympathische Pärchen hintritt. Dem Paar verstellt er den Weg, daß er und sie im Schritt innehalten mußten.
Das Laternenlicht, das hellte auf, schaffte für das von oben aufnehmende Kameraobjektiv sogar Farbe. Zeigt, daß das kein gewöhnlicher Berliner Polizist war, derjenige, der aufgetaucht ist; nein, nichts davon.
Schwarze Reitstiefel hatte der Kerl an den Füßen. Hellbraunes Hemd; diagonales Schulterkoppel zum Hosengürtel. Eine eher kackbraunfarbene, am Hinterteil und an den Oberschenkelhosenflügeln bauschige Reiterhose. Hatte einer sich in eine dieser Hosen für den Reiter reingeschissen, dauerte das länger, bis das bemerkt wurde. Noch dazu, wenn der Hosen-Träger parfümiert war.
Jetzt der schreckliche Effekt, wegen des "Errors" der Zeitmaschine: Alles wurde zu klar. Realweltdimensioniert. Beinahe, als befände man sich vor Ort. Immer besser. Gefährlicher.
"Stehengeblieben!" plärrt die SA-Type, da das Paar Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen, um unbeeindruckt an ihm vorüberzumarschieren.
Reglosigkeit beherrschte wieder die Szene.
Ungerührt, daß der im Anzug, der jetzt alleine, unvermittelt losgelassen von der ihn begleitenden Braut, dastand, aus der Wäsche guckte.
Der SA-Uniformierte, der einen Schritt auf dem Anzugträger zumachte. Den in Zivil vor die Brust stieß, heftig.
Der im feinen Tuch, der nach rückwärts stürzte, mit dem Gesäß am Teerboden landete.
Aus der liegenden Lage heraus, den Oberkörper leicht hochgereckt, sich mit den Ellenbogen am Boden abstützend, daß er von drunten herauf auf den SA'ler starrte. Auf den etwas Stämmigen in der SA-Uniform, der in kurzer Entfernung großmächtig breitbeinig aufgebaut dastand.
Die Stehposition der ansehnlichen Schönheit, die den Anzugmenschen bis vor wenigen Augenblicken ziemlich geschmückt hatte, die hatte sich ebenfalls verändert. Einigermaßen drastisch.
Einen Meter entfernt, seitlich schräg im Rücken von dem in der SA-Uniform, daß die Hübsche sich jetzt befand. Von dort aus die Vorgänge beguckte.
Daß es unbestimmt den Anschein erweckte, sie wäre von dem netten SA-Mann in seiner Uniform vor dem in der Bodenlage beschützt worden. Vor irgendwelchen finsteren Absichten, die der im Anzug und lediglich in Zivil hegte, bewahrt.
Das schwache, dumme Ding. Unterwegs in tiefster, dunkelster Nacht. Eventuell sogar gerettet. Vor dem am Boden unten. Einen starken, kräftigen Beschützer hatte das Mädel aber gefunden. Der für es sorgen würde.
Eben IHN, den SA'ler.
Bald, daß das arme Püppchen wohin verbracht würde. Eine Örtlichkeit, wo man Personalien aufnahm. Fragen stellte.
Es, mitten in den finstersten Nachtstunden in den Schluchten der Stadt anzutreffen. Wie? Was? Warum?
Gab Püppi Antworten, die zufriedenstellten, nach Hause, daß man es anschließend eskortierte. Zwei, drei, vier Mann stramm hoch. Jeder vorgestellt.
Oder es beantwortete die Fragen unzufriedenstellend, schlecht. Das war nicht toll. Bedeutete, ein Verweilen war fällig. In gesiebter Kerkerluft.
Ehe man im Verlaufe des folgenden Tages weiter über die Weibsperson nachdenken würde müssen. Über ihre Verhaltensweisen, Aufführungen.
Ein richtiges Verhör, das dann fällig wurde. Verschärfte Nachfragen bei dem Weib. Fragestellung: Woher kam es genau? War es von außerhalb, was führte es in der großen Stadt auf? Warum mußte es das treiben, anstellen?
Wohin es später sollte, das mußte gesehen werden. Welche Strafe für es sein mußte.
Weswegen das geschah?
Jegliches war dabei, sich zu verändern. Im Berlin des Jahres '33. In der Hauptstadt des Reiches. Und auch anderswo in den größeren, kleineren Städten bis ins allerkleinste Dorf waren die Vorgänge nicht viel anders.
SIE waren an die Macht gekommen. An der Macht.
Tun und lassen konnten SIE, was SIE wollten.
Wenn SIE sich etwas wünschten, ereignete sich das sicherlich.
Nach der Wahl im Jahre '33. Die ihre Legitimation war.
Razzien gab es. In rauhen Mengen. Bei Tag und bei Nacht.
SPD'ler. Linke. Wer IHNEN sonst noch unliebsam, IHNEN früher auffällig geworden war. Solche wurden aus den Häusern geholt, die sie bewohnten. In diverse Lager verbracht.
Die ersten Sammellager. Die die Vorgänger der Konzentrationslager waren.
Nicht wenig brutal, daß es in diesen Lagern bereits zuging. Folter, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung.
Das Hauptaugenmerk im Jahre '33 galt dabei erst einmal dem politischen Gegner. Natürlich, von Ausnahmen abgesehen.
Daß sich eine Kleinigkeit geändert hatte in den deutschen Landen, das betraf auch das Nachtleben der Städte.
Vorbei sollte das sein, das mit der "Negermusik". Dem "Charleston". Der "Burleske".
Das konnten die, die des Abends, Nachts ausgingen, doch nicht glauben, daß sie damit wie früher weitermachen könnten. Als wäre nichts geschehen. In den Tanzlokalen, Bars, privaten Klubs. Gleichgültig, ob sich auf den Bühnen welche ihrer Kleider entledigten oder nicht.
Das sollten sie merken, daß ein anderer Wind wehte, die Nachtschwärmer.
Nicht immer gingen die schlagstockbewaffneten Sonderkommandos der neuen Herren in die Gebäude hinein. Vielleicht waren Kommandosachen im Gange, wenn welche des Jahres '33 und die darauffolgende Zeit nächtens von irgendwo nach dem Abend-, Nachtvergnügen an die frische Luft herauskamen. Sich auf dem Weg heimwärts begaben.
Das hieß, dann begegnete man sich.
Damit irgendwann auch der Harnäckigeste von diesen Menschen das mitkriegte. Das, daß sich Sachen geändert hatten.
Daß nun SIE die neuen Herren waren. Die oben an den Schalthebeln der Macht.
Daß es angesagt war, es mit IHNEN zu können.
Über das Wohl und Wehe einer Person - SIE, die darüber entschieden. Nach der gewonnenen Wahl mit der darauffolgenden Machtübernahme.
Alle polizeilichen Vollmachten, daß SIE hatten. Wenn nicht im vorn-, dann im nachhinein.
SIE waren das Gesetz. Nicht viel was oder jemand anders.
SIE, SIE waren ab '33 die, die die Welt der deutschen Reichsbevölkerung gestalteten. Für eine neue Ordnung. In IHREM Sinne.
Und mit jedem Tag, der nach dem Wahlentscheid des Jahres '33 verging, geschah das ein bißchen mehr.
Wer sollte da dagegen irgendwas unternehmen wollen? Wer von der großen Masse wollte überhaupt?
Höchstens, wenn SIE nach der Auszählung der Wählerstimmen '33 nicht die Sieger gewesen wären. Das hätte die Zukunft verändern können.
Vielleicht.
Und diejenigen, die vormals die Polizeigewalt im Staate innehatten?
Zum Beispiel die von der Berliner Polizei. Die Polizeibeamten anderswo im Lande.
Die Polizisten kleideten sich weiterhin wie die von der Polizei. Bloß - ihre Rolle als Polizisten, die füllten sie nicht weiter für alle Bürger aus.
Es war eher an der Tagesordnung, daß die Wach- und Ordnungsmänner SIE begleiteten. Neben IHNEN in ihren Polizeiuniformen herschritten. Nicht umgekehrt.
Die Polizisten, die, denen das mit den Neuigkeiten nach der Wahl '33 nicht recht paßte? Denen SIE und IHR Treiben keine Laune machte?
Die hielten sich die Stunden ihres Nachtdienstes zumeist in Hinterhöfen auf, wenn sie bemerkten, daß sich in ihrer Umgebung Dinge ereignen sollten. In die man als anständiger Polizist besser nicht verwickelt werden wollte.
Am Tage schritten die althergebrachten Polizeiherrschaften, mußte es sein, auf Seitenwegen auf und ab. Oder ließen sich zu Kaffee und Kuchen irgendwo einladen. Ohne dort allzu viel von bestimmten Vorkommnissen mitzubekommen.
Schwer zu findende Leute waren diese Normalopolizisten für aufgeregt nach ihnen Ausschau haltende Menschen.
Mußte man verstehen. Hatte einer der gewöhnlichen Polizei, einer mit weniger Sympathie für SIE, Beschwerden wegen den Aktivitäten gewisser Personen, die der Nazi-Landschaft zurechneten, äußerte sich damit zu laut wahrnehmbar, führte das über kurz oder lang zu einem Anpfiff. In der Folge mochte eine Degradierung fällig werden. Am Schluß endete die Geschichte möglicherweise sogar auf rechtlichem Wege mit einem Dienstausschlußverfahren. Das hieß, Berufsverlust. Deutschlandweit.
Eventuell, daß derjenige froh sein durfte, erlaubte man ihm noch, Mitglied einer morgendlichen Straßenreinigungskolonne zu werden. Um mit dem wenigen Geld seine Familie ernähren zu können.
Die mit einer oberhalb am Wohngebäude fixierte Filmkamera aufgenommene Szene aus der "Historie"-Filmsendung ...? Deshalb die bewegten Szenen, die Möglichkeit, dort zu sein. Das Mistding einer zwischengeschalteten Zeitmaschine, Mensch, das elektronische Teil, das sich irgendwie gefressen hatte.
Obwohl alles lange viel zu deutlich war. Viel zu lange, daß dort war. Kriegte alles immer klarer. Viel zu klar.
Um die Situation anders zu umschreiben: Die Filmszene von "Historie", die war relativ hastig vorbei. Trotzdem, die Fixierung im Zeit-Raum-Kontinuum, die hatte Weile. Böse Weile.
Das zwischen dem Braunhemd-Mann aus der SA-Klitsche, dem im Anzug und seiner Braut, das ging hier weiter. Schlimm weiter.
Das, ohne dem Tisch, an dem man doch hockte, ursprünglich hockte. Blieb zu hoffen, daß es dem mit der eigenen körperlichen Manifestation ein bißchen haperte. Nicht daß ...
Was war, wurde man entdeckt? Wenn man vom Ort entführt wurde ...?
Woandershin verbracht. Damit die Verbindung endgültig abgerissen ...
Dortbleiben, das möchte dort echt kein Mensch.
Wenigstens nicht wir. Oder?
Verflucht, verflucht. Verfluchte Tatsache, Tatsache das, der SA'ler, der hatte den Anzugtypen mit einem Stoß vor die Brust zu Boden gebracht. Der Länge nach, daß der andere sich deshalb auf den Teerboden hinplazierte.
Sich mit den Ellenbogen abstützend, den Oberkörper leicht angehoben, starrte der in der Bodenlage zu dem vom SA-Kommando hinauf.
"Na, was ist?" hören wir deutlich die sonore Männerstimme, mit der der in der SA-Uniform bei dem Anzugträger sich erkundigte. "Willst du nun was, oder willst du nichts? Dreckiger Scheisser."
Keine Antwort von dem am Boden. Bei dem drunten blieb es beim Heraufglotzen auf seinen Widersacher im Braunhemd und mit etwas dunkelfarbener brauner Reithose.
"Na, willst du nun was?" wiederholte der vom SA-Sturmtrupp seine Anfrage. "Willst du nicht hochkommen? Komm schon hoch, los, greif mich an!"
Das mit der Lautlosigkeit und Bodenlägrigkeit des Angesprochen hatte kein Ende, wie die Szenerie in schönster weiter, raumgreifender Dreidimensionalität aufgebaut stand. Nichts weiter von Bildschirmmäßigem an sich hatte, daß das Herz raste.
Der Braununiformierte: "Ah, du weißt es! Ganz genau weißt du es! Haha! Daß du deines Lebens nicht mehr froh wirst, kommst du an mich ran. Tust du was gegen mich, dann ..."
Nichts kam erwidert.
"Du bist also keiner von uns", konstatierte der SA'ler herablassend. "Sieht nicht so aus, als wärst du einer von uns. 'ne Uniform, wie ich sie trage, trägst du nicht. Nee, tust du nicht. Sonst wär das anders mit dir. Oder trägst du sonst 'ne Uniform?"
Kein Wort, das den Lippen des Angegriffenen am Erdboden entfloh. Desjenigen, der nicht hochkam. Nicht hochkommen wollte, konnte.
"Nee, nee, ich seh' an dir keine Uniform", setzte der von der SA fort. "Eine, wie ich sie trage. Wie's aussieht, gehst du heute noch in den Kerker, Freund, möchte ich das. Ja, wenn ich dafür sorge ... Wird Muttern daheim weinen. Muttern daheim wird weinen. Wegen ihrem Bubi wird Muttern weinen. So teuer angezogen, ihr Bubi. 'ne Schönheit hat er mit dabei. Mit ihr kommt er hier daher. Vor mich an. Mitten in der Nacht ..."
In der benachbarten Ferne schwoll der Lärmpegel wieder an ...
Lautstarke Schreierei. Männer, Frauen. Befehlend bellende Männerstimmen.
Die Tonart von mehreren Trillerpfeifen. Alarm, der gegeben wurde.
Viele Füße mit schweren Stiefeln dran, die daraufhin losliefen.
Rufe. Hysterisches Gekreisch von Weibern. Unverständliches Geplärr.
Während die Schatten rundherum dräuten. Wo war das Scheiß-Tastenfeld zum Tippen? Wo war es hinverschwunden?
Das war heiß, für den ersten Herzschlag. Wenn der SA'ler herumschaute ... Wenn der sich noch von irgendwoher angesehen fühlte ...
Sah der einen ... Sah der einen real ... Kriegte mit, daß da noch einer da war ...
Griff der SA'ler nach seiner Trillerpfeife. Daß ... Daß noch mehr ankamen.
Wurde man überwältigt. Verschwand in einem Loch. Hatte man daheim vielleicht eine schlimme Geschichte gehabt. War ausgebrannt gewesen. Außer Haus verschwunden. Um in den Wald zu gehen. Wo man noch nirgends gefunden wurde ... Irgendwann würde man aber sicher gefunden werden ... Man konnte schließlich nicht spurlos verschwinden ...
"Ah, komm schon her!" verlangte die SA-Type, die die Szene sichtlich genoß. "Komm endlich hoch, Freund. Her zu mir. Oder, sagen wir - versuch, aufzuhüpfen, wegzulaufen ... Los, lauf weg."
Die Position von dem drunten am Teer, die blieb die gleiche.
"Was willst du nur, du Schöner?" Der Figur aus der SA-Schlägertruppgemeinde, der stand das Grinsen breit im Gesicht. "Denk dir, deine Nase, deine Nase, die gefällt mir nicht. Sie gefällt mir einfach nicht. Wer tut mir was, wenn ich sie blutig haue? Kommst du aber an mich ran, haust du mir meine blutig - dann bist du fällig. Fällig bist du dann. Deine olle Mutter, die kann was bei deinem Vatern an der Schulter weinen. Wegen ihrem Bubi. Nicht wissen wird Muttern, wie ihr Bubi in das Elend geraten hat können. Was muß Bubi nachts nur treiben? Mit Weibern treiben? Was bleibt Bubi nicht daheim bei Muttern im Haus? Was Bubi aber tun hätte sollen. Was soll Muttern bloß unternehmen, daß ihr Bubi wieder rauskommt, aus dem Loch, in das ich es werfen lasse? Mensch, Mensch! Menschenskind, deine Muttern ... Soviel Not für Muttern und Vatern. Warum nur, warum nur hat Bubi, ihr Bubi ...?"
Regungslos, daß der im Anzug am Boden verweilt, den Oberkörper hochgereckt, sich mit den Ellenbogen abstützend. Die Ewigkeit des Bildes.
"Hallöchen? Wird's demnächst wirklich nicht doch noch besser mit dir? Alles?" Die Stimme des SA-Uniformierten, die vor Spott und Hohn nur so triefte. "Ich mein', weil sich bei dir vielleicht was ändert. Na, mal das, daß du von nun an immer Uniform trägst. Eine wie meine. Na, vielleicht die gleiche, die ich anhab'. Stell dir das vor, Mutterns Bubi kommt hier gut davon ... Dann entschließt es sich später die Tage, immer Uniform zu tragen. Die unsrige noch dazu. Doch 'ne Möglichkeit. Könnt schon sein, das, daß du auf den Einfall kommst. Dich bei uns meldest. Du meldest dich bei uns. Bist du für uns geeignet, daß du dann richtig zu uns gehörst. Ein bißchen Erziehung - du kommst auf Zack, Mann!"
Der unten am Teerbelag Liegende, keine Bewegung schaffte der. Wartete lieber ausdauernd auf die Beantwortung der Frage, wie es weitergehen sollte mit ihm.
"Menschenskind, Mann!" Kopfschütteln des grinsenden SA-Trupps, der von hinten am Rücken einen Polizeischlagstock aus dem Hosengürtel herauszog, mit dem Teil durch die leere Luft schlug. "Wo ist sie aber im Augenblick noch, deine Uniform? Die Uniform, Mann, die Uniform! Warum hast du nicht lange dran gedacht? Die Uniform, die hätte sich eben vorhin gut an dir gemacht. Was gehst du heute nachts raus aus dem Haus, ohne Uniform? Warum ist dir das nicht eingefallen - eine Uniform anzuziehen? Die beste Uniform - eine, wie ich sie anhabe. 'ne andre als die von unseren Leuten wird dir in der Zukunft nur schwer was weiterhelfen, sag' ich dir."
Immer weiter, daß der Bodenlägrige sich zu nichts aufraffen konnte.
"Na, was ist nun?" Der SA'ler in Sommerkluft ohne Uniformjackett streckte seinen Schlagstock vor. "Was hast du dir überlegt? Du kannst da nicht bis morgen da drunten rumliegen. He, willst du nicht bald was von mir? Kommst du nicht endlich her zu mir ...? Mensch, Mensch - hahaha! -, um mir den Stiefel zu küssen, mußt du auch an mich rankommen ..."
Was war nebenbei mit dem hübschen Fräulein passiert? Der mit dem keck schief am Kopf sitzenden Hütchen und dem die Hüften betonenden dunklen Kostüm, die der gutaussehende Mann im Anzug mit sich mitgebracht hatte?
Mitten in der Nacht, daß er und sie herbeigeschlendert gekommen waren. Als konnte man das so einfach, abends, nachts ausgehen, wie immer, wie ehedem. Folgenlos. Als beträfe nach jenem Wahltag im Jahre '33, an dem das Volk SIE an die Macht gewählt hatte, niemanden nichts. Als wäre damit nicht unvermittelt etwas anders geworden in den deutschen Landen.
Eine Schönheit war sie, die Frau. Eine echte Schönheit.
Trotzdem konnte die junge Dame, aus der Sicht von dem von der SA, so alles mögliche sein, so nachtflügge. Daß man sie sich in aller Ruhe in einer Schreibtischräumlichkeit ansehen mußte. Sich bei ihr nach dem Stand der Dinge zu erkundigen.
Bloß, das spontane Weglaufen, das fiel ihr gerade nicht ein. Statt dessen beobachtete sie. Beoabachtete. Unter anderem den Schönling im teuren Zwirn. Dessen hübsche Braut sie bis vorhin in trauter Enge war. Eine, die auch anderen gut zu Gesicht stehen würde. Nichts als die Wahrheit, daß sie ihm nicht gehören mußte.
Wirklich, eine hundsmiserable Sachlage, die sich bei dem in Zivil eingestellt hatte. Bei seiner ganzen lang anhaltenden Bodenlägrigkeit.
"He, wir sind heute die, wir haben die Macht", wiederholte der in der SA-Uniform dem, der am Teerboden sich langgestreckt rumräkelte, ansonsten nichts weiter mit sich anfangen konnte, wollte. "Wir sind die, die die Befehle geben. Mensch, schau dich an, was für ein Kerl bist du? Wer bist du? Was bist du? Ich sag' dir, was du bist. Nichts bist du. Gar nichts."
Straßenlaternenschein.
Der vom SA-Kommandotrupp, der es nicht über sich kriegte, damit aufzuhören, sich an der Bodenlage von dem Anzugträger zu weiden.
Die ansehnliche Schönheit hinter dem Vogel von der SA, die guckte. Ohne Unterlaß guckte sie die ganze Zeit.
Nichts, das sie unternehmen wollte, davonzuspurten, die Flucht vor irgendwas zu ergreifen, das möglicherweise sie bedrohen könnte.
Verdammte Sache, so Hüften hatte sie, und seit längeren Augenblicken, daß sie bereits den Eindruck erweckte, schielte man wegen der bösen Gegenwart und Haltbarkeit der Szene nach ihr, daß sie momentan nicht mehr recht zu wissen schien, mit wem sie Hüfte an Hüfte, Arm in Arm auf der Örtlichkeit der Stadt eingetroffen war. Überhaupt nicht mehr übermäßig stark, die Bande zu dem mit dem guten Aussehen und im Nobelanzug, der sich am Teerboden unten vorfinden mußte. Demjenigen, dem der Mut richtig boshaft abhanden gekommen war. Klarerweise, weil er um die Möglichkeiten wußte.
He, erfreute sich die hüftbreite Schöne da nicht sogar an der unvorteilhaften Positionierung von dem im feinen Zwirn da am Erdboden, ihrem Begleiter?
Alles so saft- und kraftlos an ihm. Was allerschlimmste Weile hatte.
Voll verlassen von aller Courage, der Mensch. Welch eine miserable Präsenz, die sich für den hübschen Mann ergeben hatte. Der ihr Freund, Bekannter war. Der, der sich vorhin bei ihr - ein paar kurze Augenblicke in Wahrheit eigentlich erst her - wichtig aufgeführt hatte. Kühl, aufgeblasen, daß er sich gab, als er sie dahergeleitete. Mit ausschweifenden, wichtigen Gesten seine Rede betrieb. Als gehöre sie ihm, die Welt. Könnte ihm nie die kleinste Kleinigkeit geschehen. Hätte er ein Schild um sich rum.
Von all dem, dort am Boden unten nun überhaupt nichts mehr übrig, bei und an ihm. Ein Häuflein Elend war er, sonst nichts.
Wirklich, es sah aus, als hätte das schöne Fräulein auf einmal entschieden eine größere Sympathie für den von der SA. Dem Beherrscher bei ihm am Platz. Daß es sich das haarscharf vorstellen könnte. Das, sich, von einem Momentchen zum anderen, in die starken Arme von dem in der SA-Uniform zu begeben. Locker, leicht, problemlos. Fließend der Übergang.
Mit dem SA'ler eine ausgedehntere, nette Unterhaltung in seinem Sinne zu führen. Mit dem SA'ler über seine Witze zu lachen. Ihn vielleicht demnächst zu umarmen. Vielleicht sogar für einen Kuß auf die Wange. Noch ein Küßchen.
Ihn küssen, einen jener uniformierten Leute, denen nach dem Wahltag im Jahre '33 die Macht im deutschen Reich gehörte.
Schließlich war die Hübsche über die Vorgänge in Berlin, der Reichshauptstadt, und in den deutschen Landen allüberall unterrichtet. Zeitung las sie. Im Filmpalast schaute sie mit Freundinnen zusammen regelmäßig die Wochenschauen.
Über alle Geschehnisse der Gegenwart des Jahres '33 wußte sie ziemlich Bescheid. War ausreichend informiert über die neuen Verhältnisse jetzt. Daß die eigentlich Kleinigkeiten änderten. Einschneidend.
Einen gewissen Überblick, daß sie hatte, was die Zukunft bringen würde.
Ein paar in braunen Uniformen und mit Hakenkreuz-Emblem am Oberarm kannte sie außerdem seit längerem.
Waren die nicht auch nett? Waren welche Herren dabei, stramme Kerle. Denen die Uniform gut gestanden hatte. Gut dafür, sich mit ihnen zu treffen, mit ihnen abends auszugehen. Wie es andere Mädchen lange taten. Die und die Freundin.
IHR jedenfalls hatte noch keiner von denen irgendwas getan. Und das, was die in den SA-Uniformen redeten, so falsch, so falsch hatte das irgendwie nie in ihren Ohren geklungen, saß sie in der Vergangenheit einmal an einem Tisch dabei.
Dem da, mit dem sie am Platz angekommen war. Der, der in seinem besseren Herrenanzug am schmutzigen Teerboden herumflözte, begegnen mußte sie dem nach diesen Nachtstunden so schnell nicht wieder ...
Das war das in der "Historie"-Sendung im ZDF präsentierte filmische Zeitdokument, von einer Gebäudedachluke oder einem -fenster oben aus aufgenommen. Mit dessen Hilfe es zu einer Zeitreise kam.
Zu dem Moment einer Stadtszene aus der Berliner Innenstadt des Jahres '33. Nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler.
Eine Filmaufnahme, die wiedergab, was seitdem in der ganzen Stadt Berlin los war. Und was sich zu einhundert Prozent anderswo ähnlich in den deutschen Städten abspielte.
Nicht länger, daß SIE sich oder irgendwas sonst von IHNEN zu verbergen hatten. Keiner von IHNEN, der sich ab diesem Abend noch geheimbündlerisch zu geben brauchte. Offen konnte man sich herzeigen, hemmungslos und hemmungsloser sich geben. Weil: An IHNEN führte nach dem Wahltag '33 im deutschen Reich kein Weg vorbei. Alpha, daß SIE geworden waren. Die Alpha-Männchen.
Der ganze Rest, der ...
Der mußte das irgendwann mitgekriegt haben, wer die Wahlgewinner waren. Deswegen verstellten welche in SA-Uniformen Leuten, die des Nachts nicht in ihren Häusern daheimbleiben konnten, wollten, den Weg. Um Fragen zu stellen. Hatte das mit den Razzien mal Pause.
Und dabei konnte alles mögliche passieren. Ihnen passieren. Zum Beispiel das, daß einer in der Uniform der SA ankam. Weil ihm deine Nasenspitze nicht paßte, dich vor der Brust stieß. Der Stoß, der warf dich um. Auf dem Hosenboden sitzend, daß du hochstarren mußtest ...
Pure Psychologie.
Warst du einer derjenigen, einzeln oder in der Gruppe, der sich das nicht gefallen ließ. Darüber, daß du dich aufregen mußtest, gegen das, wie man dich ansprach, was dir mitspielte, aufbegehren. Dann konntest du am Schluß irgendwo landen. Vielleicht zunächst lediglich auf einem Polizeirevier.
Oder aber - du bist auf der Stelle abgefahren. Die Braun- und die ab und zu Schwarzuniformierten des Jahres '33 wußten nach dem Wahltag schließlich alle bald Bescheid, wohin sie unliebsame Personen zu verbringen hatten. Wovon du sicherlich schnell eine ungefähre Ahnung hattest, weil du es raunen gehört hast.
Außerdem, das paßte jetzt auch noch zur gesamten Geschichte dazu, daß SIE sich den Weibern richtig vorzeigen wollten. Daß es auch denen vom weiblichen Geschlecht ganz klar ins Bewußtsein drang. Das, daß SIE es ab nun waren. Wirklich SIE. Keiner sonst.
Mann, Mann, vorstellen muß man sich das, daß das mit den Braun- und Schwarzuniformierten und ihrem Regime noch zwölf lange Jahre weitergegangen war.
Zwölf ewige Jahre waren das.
SIE hatten sich an den Stühlen und Plätzen der Macht festgesaugt.
Eine mörderische Plage. Von der sich die Deutschen nicht selber befreien konnten.
In den zwölf Jahren verdichteter Zeit haben die Nazis zum Schluß jahrelang einen Krieg fast gegen die ganze Welt geführt. Samt dem Ausleben IHRER blutigsten Neigungen, Träume. Die darin gipfelten, daß SIE Konzentrationslager errichteten. Der Vorgang in diesen Lagern: technokratisch betriebener Massenmord.
Man stelle sich vor, eigene Wirtschaftsunternehmen waren die KZ. Vielerlei aus den KZ, das im Reich vermarktet wurde. Unterschiedlichste Dinge, in einem KZ verfertigt, gab es für die deutsche Reichsbevölkerung zu kaufen. Bürsten aus Menschenhaar, Seife aus ... - na?
Echt alles Erdenkliche.
Das reinste Grauen waren SIE.
Deswegen - so ein Fehler in der Zeitreiseeinstellung am Rechner. Das Zeitkontiunuum aufgerissen, und die Tasta verschwunden ...
Daß die Panik sich einstellte. Herzrasen, nicht zu fassen.
Da möchte man wieder weg, von dem Platz in Berlin im Jahre '33. Will, daß sich das mit dem Fehler des Rechners schnellstens behebt.
Da tut man was dafür, das abzustellen. Zumindest schaut man rundum, ob man noch mal was zu sehen kriegt. Was von der andern Welt, aus der man herstammt. Weil man das wirklich nicht braucht, dort bleiben zu müssen. Im Jahre '33.
Und da ist sie tatsächlich wieder, die Tastatur, man stelle sich vor. Sie ist wieder dabei, manifest zu werden. Man kann nach ihr hinfassen, Buchstaben, Zahlen tippen. Befehle.
Welch irres Glück, tippseln zu können.
Der Wechsel der Perspektive, zu bemerken, daß das ein Monitor ist, in den man hineinblickt. Das Viereck eines Monitors. In dem ein paar laufende Szenen sieht, gesehen hat. Nichts weiter.
Wahnsinn, was das für ein Glück ist.
Die Nazijahre leibhaftig zu erleben, dieses Pech zu haben - wer aus der heutigen Gegenwart möchte das? Hatte man schon das Glück, ein Nachgeborener zu sein, sollte man das nach Möglichkeit genießen. Oder?
Es reicht wirklich vollkommen, nebenbei was von Nazis zu lesen. Bilder mit ihnen und ihrem mörderischen Treiben am Fernsehbildschirm mitzukriegen.
So der rein mechanische Aspekt eines Problems bei der Zeitreise - alles einigermaßen locker, wenn sich das mit der Technik wieder zurückgesetzt hat. Sich selber repariert. Verschwunden waren mit der abrupten Abreise vom häßlichen Ort in Berlin schlagartig alle Sorgen.
Auch wenn sie markante, verheißungsvolle Hüften hatte, die Braut ... Deswegen mußte keiner da länger als notwendig bleiben, oder?
Zwölf lange, blutige Jahre, daß SIE braun-, schwarzuniformiert die Gewalt im Staate waren. Durch wenig in IHREM Treiben beschränkt. SS, Gestapo - IHRE bekanntesten Organisationen. IHRE Uniformen, die waren dabei zumeist schnieke. Sich zu präsentieren, das wußten SIE.
Zwölf Jahre. Zwölf Jahre, eine ewige Zeit. Die bis in das Heute hinein Schatten wirft.
Auch heute - auch heute noch - glauben Leute öfters, mit solchen mit der Nazi-Fratze, mit denen könnte irgendwas gutgehen. Man möchte der Geschichte nicht glauben. Was man jedoch besser sollte.
Derartige Personen, wie es die Nazi-Oberen waren, zu verklären... Wie ein Haken im Kopf. Ein geistiger Kolbenfresser. Böser Gehirnklatscher.
Von Modeschöpfern, Regisseuren.
Solcherart vom Leben eigentlich bestens bestallten Leuten ist das schon eingefallen, mit Faschismus zu kommen. Daß es nicht zu glauben war und ist.
Als ob alles eine Frage der reinen Ästhetik wäre.
Zum Beispiel die Bilder und Filmszenen der von Riefenstahl. Die zu bewundern.
Nicht den Zweck dabei zu blicken, und die Leute zu übersehen, die die von Riefenstahl mit ihren versierten Bildkonstrukten präsentierte.
Ekelhafte Leute für ihren Personenkult.
Oder sich an der Architektur des Herrn Speer zu erfreuen, ohne daran zu denken, daß sich hier Hitler und die Nazis in ihrem Größenwahn abbilden wollten. Mit dieser großmächtigen, kantigen Pracht. Größe war alles. Der Rest war egal.
Das Leben damals, das hatte nichts mit schönen neuen modischen Kleiderschnitten zu tun. Oder mit innovativ inszenierten Filmszenen. Sondern mit denen, die, die die Kleider trugen, und die, die die Szenen in einem Film zum Mittelpunkt hattem.
Angesichts dessen ist der Rest knapp zu vergessen. Nichts als Beiwerk. Das keiner im Heute tatsächlich braucht.
Den Blick auf die Wahrheit sollte man sich von nichts verstellen lassen.