ganz nah, aber woanders
Priester, Imame und so sind ungefähr so glaubhaft wie ich, wenn mich jemand fragt, ob ich die hübsche Blondine gestern hier in der Umgebung gesehen hätte. Ich sage 'ja', hab ich - und, man stelle sich vor -, ich behaupte, sie war bei mir. Bei mir wäre sie gewesen. Dabei war die Schönheit wirklich nicht im entferntesten bei mir rum, sondern zwei Straßen weiter, bei einem anderen.
Solange allerdings niemand genauer wissen will, ob das stimmt, was ich geschwatzt hab ... Solange ... Wobei: Vielleicht hörte die Blonde was davon, was ich geredet habe. Das kann dann wirklich gefährlich werden. Weil, ich hab ja einiges an Müll dahergequatscht, da könnte die Blondhaarige oder ihr Freund mal zu mir herkommen, mir ein paar Fragen stellen. Wenn das nicht also hochgefährlich und peinlich für mich werden kann, weil die Geschichte bei den Menschen rumgegangen ist.
Während man bei den Religionen dauernd was bei den Menschen umgeht. Man gleichzeitig eine Zeitmaschine bräuchte, festzustellen, wie manches in Wirklichkeit denn so war. Davon leben sie ja auch: diese gewisse Unschärfe. Daß Geschehnisse, die sie verbreiten, sich vielleicht so abgespielt haben. Obwohl ... Obwohl was möglicherweise genauso wahr war, wie mein Gerede, daß die schöne Blondine ...
Zwar hat es, was zum Beispiel die einen Monotheisten angeht, im römischen Reich hat es durchaus schon Historiker gegeben. Bloß, von denen spricht nicht andauernd wer. Aus diesen Chroniken geht schon das eine oder andere hervor. Zum Beispiel das, das das dauerte, bis DAS damals eine größere Rolle spielte. Es wurde tatsächlich nicht großartig erkannt. War nichts weiter als Sektenleben. Manches war, als es sich ereignete, ja auch so, wie die, die Lehre verbreiteten, behaupteten. Die Orte nachvollziehbar, denen in den "heiligen" Erzählungen, Schriften ziemlich entsprechend. Könnte was dort gewesen sein. Nehmen wir mal zum Beispiel das mit der Volkszählung. Die hat es gegeben. Nur ... Das mit dem Ermorden der Babys, Kleinkinder, von wegen dieses angekündigten "Gottessohnes", dem haben Wissenschaftler lange widersprochen. Die angeordneten Kindermorde haben nicht stattgefunden. Das ist trotzdem weiter Beiwerk, das so in dem Schriftgut dieser Religion zu lesen steht. Durch sie wird sie immer wieder neu aufgebrüht. Für jede Generation frisch. Daß es ihr jedesmal widerlegt werden müßte.
Was soll man dazu sagen? Wie es umschreiben? Wovon ich spreche, wie es bei denen in der Gegend zugeht: Alles so nah, und doch so fern. Orte dort, die hat es gegeben, aus so Szenen, in etwa. Wie die meine: Die Schönheit, die war bei mir in der Gegend. Das stimmt auch haargenau. Nur, das ist die Wahrheit, war sie zwei Straßen weiter und nicht, wie ich das wissen habe lassen, bei mir und mit mir wo drinnen. Nicht mit mir war sie für eine Sekunde zusammen, jemand anders hatte sie besucht. Ich und sie, wir kennen uns überhaupt nicht. Oder jetzt nur dadurch, weil ich der war, der den Einfall hatte, unvermittelt kundzutun, ich würde mit ihr besser bekannt sein. Einen Besucht hätte sie mir abgestattet.
Könnte doch gut die Möglichkeit sein, daß sie das hat, oder? So unmittelbar, wie sie mir im Grunde genommen war. Gar nicht weit weg, lediglich knappe zwei Straßen weiter. Mir trotzdem so was von fern, auch wenn der Fußweg von dort zu mir rüberkommen, höchstens zwei, drei Minuten für sie gedauert hätte. Trotz dieser Nähe bleibt es dabei: Mit mir hatte sie nichts zu tun. Höchstens insofern, als ich nichts als gelogen hab, als ich rumerzählte, sie wäre bei mir in Räumen rumgesessen. Trotzdem könnte mir meine Lüge auch späterhin irgendwer glauben. Jemand könnte sogar denken, sie wäre die, die lügt. Sie hätte gelogen, als sie dem widersprach, daß sie mich nicht kennt, nie im Leben war sie bei mir. Ich einer, der doch spinnt; der spinnt doch.
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