Als Einschnitt war, weil sich was ändern sollte
So Mitte der siebziger Jahre war er, ein "Cut", ein tiefer Einschnitt.
Es läßt sich schwer beschreiben. Vielleicht nach einem Treffen von Schallplattenfirmen-Bossen mit Politikern. Und es machte seinen Weg dann von Britannien aus. Die Engländer, die brachten DAS unter die Leute.
Man könnt das so umschreiben, Mitte der Siebziger des letzten Jahrhunderts, da wurde so bei der handfesten, ernster zu nehmenden Jugendkultur so richtig der Stecker gezogen. Es wurde Dampf abgelassen, Luft ging raus aus dem Ballon.
Was vorher noch alles bei der und der Musikgruppe gemacht wurde, dem war daraufhin nicht mehr so. Schwierig, es zu umschreiben, es hatte der Spaß viele Facetten.
Bei massenweise Musikgruppen, daß nach dem "Cut" fast nichts mehr wie vorher noch hinzuhauen schien. Viel "den Bach runter". Fast könnt man so ein Bild für sich dafür nehmen: Es war, als wenn ein Mensch einen kleinen Gehirnschlag erlitten hätte. Zwar war er mit dem Leben davongekommen, es gab ihn noch, aber fehlte ihm zu den vorherigen Fähigkeiten einiges. Alles, als wär er nur mehr ungelenk, ungeschickt. Mühsam spielte man geistlos an der Sechssaitigen rum, als hätte man da was überbordend was verloren, eingebüßt. He, man konnte das vor ein paar Augenblicken doch noch alles ziemlich besser. Was ist das denn? Was ist hier los? Bei einem Gerinnsel im Hirn hat man die Lösung parat.
Das Texteschreiben, das Musikumsetzen - mau bei einem geworden. Musikklänge enttäuschten, weil Firmen scheinbar bereits die Demo-Bänder veröffentlichten, so das, mit dem, mit dem man eigentlich sonst sich noch rumspielte. Dadurch die auf Scheibe gepreßten aufgenommenen Klänge, weit entfernt von manchem. Weniger Arbeit war daran gemacht. Sollte man sich auch machen. Alles profaner, ordinärer, plumper. Als es vor dem einen großen Moment, vor dem Schnitt. Als da die Tage noch alles bei einem wie eh und je war. Und dann sauste man unbestimmt fast ab wie so ein Luftballon, der aufgeblasen war und unten nicht mehr mit den Fingern zugehalten wurde.
Mit dem "Punk" kam das vor, kam das so ähnlich bei den früheren, gepriesenen Gruppen an. Das Gerede war eins von der "Vereinfachung". Den "drei Griffen", die "für alles" eines Lieds reichen. Und der "Punker", der hatte für den Hinsehenden ein Augenzwinkern drauf. Tatsache: Mit der Veränderung von einem zu einem "Punker" konnte man sich praktisch fast wieder den Autoschlüssel Vatis besorgen. Bei einem Igel-Haarschnitt, dieser "Punk"-Mode-Kurzhaarfrisur. Glattweg auch beim "Irokesen" möglich. Die Schläfen nach hinten glatt rasiert, und nach dem Duschen, daß das Haarfestigerspray jedesmal sich rausschwemmt.
Überdies, der Vati, er war doch einer. Auch mal schlimmer. Auch Vati hatte was getrieben, als er jünger war. Eventuell mal die Karre seines Vaters, jetzt der Opa, weniger abgebremst gegen ein hingeparktes Auto gefahren und so. Daß es bei Vati damals reichlich Ärger gab, die Frage des Kostenpunkts wurde gestellt, wer was wie zahlen sollte. Auch da dabei, wenn eine von einem schwanger wurde.
Derweil, der eigene Papi, der einem das Auto nichtsdestotrotz die Tage vor dem großen Schnitt nicht fahren lassen wollte. Nicht mal die Idee hatte der, wenn der einen anschaute. Bis sich da dran was änderte. Als der "Punk" ankam. Versteht einer hier dieses große Augenzwinkern, das der "Punk" für einen sein sollte?
So kann man das sehen, das eine, das große Zwinkern des "Punks". Obwohl der "Punk" doch auch mit Drogen umging. Es hatte Drogentote, beim "Punk". Wie es schon früher so Tote gab. Weil mit Dosierungen zurechtzukommen war. Wenn man an Mächtigerem herumprobierte, dann hatte man zu gewahren, daß es einen erwischen konnte. Auch tödlich.
Weltweit war das erkennbar. Mit dem "Punk" gab es eine stillschweigende Übereinkunft, wie man als Musikjournalist zu reden hätte, was an Klängen abrupt zu loben. Auch diese Damen und Herren der Klängebewertung waren Teil von dem, wie nebenher der Dampf weggenommen wurde. Wie da ständig immer in einer Tour geschwatzt und geschrieben wurde, das man kaum von irgendwas was merkte. Bei dem "Neuen", dem "Punk". Wenn wer was mitkriegte, nicht mittun wollte, dann sollte er eben außen vor bleiben. Beim "Punk" war nicht eben Toleranz angesagt, beim "Punk" mußte sich jedes Gruppenmitglied äußerlich dem "Punk" anpassen oder aussteigen. Alles war ein veränderter Haarschnitt im "Punk", eine andere "Uniformität". Auch äußerlich hatte man den "Punk" zu präsentieren. Oder zumindest das Römer-Reich-Kurzhaar. Da ab den Fünfundfündsiebzigerjahren ging es voll rund damit. Oder man war außen vor, nicht Stil. Auch die der alten Bänds, auch die hatten Friseurbesuche. Etwas abgeänderte Haarschnitte. Seltsam.
Derweil man mit dem "Punk" noch was Schlimmeres probierte. An den Tag, daß man das gezielt legte: den Versuch, mit den wirklich reaktionären Typen. Den "Skinhead" zauberte man aus dem Hut hervor. Brachte ihn beim "Punk" mit ans Licht. Währenddessen man nun haufenweise "Punk"-Scheiben für die heimischen Plattenteller produzierte. Damit die Schallplattenläden vollstellte. Auch für den "Skin" hatte man passende Musik dazu auf Lager.
Das erste Mal wahrnehmbar, zu gewahren, mit dem "Punk", daß man sich von oben herab eine Kleinigkeit gestattete. Einen Aufsetzer, daß man sich erlaubte. Eine Aufführung. Weil es anscheinend so nicht weitergehen konnte, wie man bis Mitte der Siebziger unterwegs war. Aber ab Mitte der Siebziger wurde VIELES nicht mehr so produziert, sondern anders machte man DAS. Klänge wurden zu was, das jemand leichter vergessen konnte. Statt es sich immer wieder und immer wieder anhören zu wollen, reichte es, es bei der Sammlung nach hinten zu stellen, bei einer abwerfenden Handbewegung: nun kannte man es.
Erstmalig, daß man mit dem "Punk" den großen Jugendkultur der späten fünfziger, der sechziger Jahre höhnte. Spott, Häme, daß man über manche "Rock 'n' Roll"-Künstler ausschüttete. Über die ganzen Gitarren-Heroen, die ihre Mähnen schüttelten. Mit dem "Punk" wurde da was ganz anders angerissen. Erst recht mit dem Charakter des "Skinhead". Der war noch eine größere Verhöhnung von dem, was da früher eher jahrelang los war.
Der "Punk", das waren da die, die Engländer von ihrer Insel runter. Die brachten den "Punk" sardonisch grinsend unter das Volk, brachten ihn unter, den Siebziger-Jahre-Einschnitt. Das, daß Luft rausgelassen werden sollte, Dampf sich abzuschwächen hätte, Fahrt sich einbremsen. Während der "Yuppie" und so was, das waren denn die Nordamerikaner unmittelbar selber. Die sich nun auch bei so was wie die Briten in den Siebzigern ausprobierten. Die Amerikaner so in den Achtzigern. Wie das mit dergleichen Inszenierungen in den neunziger Jahren große Fortsetzung hatte. Mit den Mädchen- und Jungsgruppen, die man zusammenstellte. Die alle, die die Neunziger und manches bis in die Gegenwart rein schmücken. Bei den Gesangswettbewerben.
Da, in den Neunzigern, daß man Mädchen beobachten kann, die, wie bei den "Beatles", den "Rolling Stones", laut kreischten. Sich kaum einkriegen konnten, weil sie ihren Idolen so nahe waren. Bloß, daß das am Ende nicht die "Beatles" waren, sondern tanzende und singende Marionetten. Hohle Wegwerfware für den Verkaufssinn. Der huldigten sie, als aufgeheizte, ausgerechnete Kreische-Gören.
Besonders die Mädels, die können so was. Mittlerweile, die Jahre, Jahrzehnte durch, konnte man sich bereits ein paarmal kaum damit einkriegen, beim Initiieren von Mädchen-Kreischern bei sinnlosen Leuten, gesangsfähigen Schauspielern, die man als "Musikgruppe" aufbaute. Texte, Klänge, Produktion, nichts von ihnen selber. Darstellen, mimen dürfen hier welche nur mehr was. Der Angestellte in Sachen Musik und Tanz, der wegging, wenn man ihm den blauen Brief schickte. Damit zurechtzukommen hatte. Wenn er oder sie klug war, behielt er, sie es im Bewußtsein, was Sache war: daß es SO enden würde. Aus die Maus. Bei viel weniger Geld. Wenn überhaupt was übrig war.
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