"Ein Sommernachmittag und das Makabre danach": 268
18. Mai 2012 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #"Ein Sommernachmittag und das Makabre danach"
Dort gab es Teelichter, jede Menge Grabkerzen, einzelne Blümelein, Blumensträuße. Dazu eine Fotografie Manuela Dombrowskis in einem goldfarbenen Bilderrahmen, der an einem herabhängenden Alu-Draht festgemacht war.
In die Hocke war ich gegangen, hielt das gerahmte Bild mit beiden Händen, hatte eine seltsame Erscheinung. Das Farbbild, das Manuela Dombrowski, Manuela Dombrowksi auf einem hölzernen Koppeltor hockend, zum Mittelpunkt gehabt hatte - die Szene war mir in Bewegung geraten. Böse.
Reinste Boshaftigkeit. Fürchterlich.
Total fixiert war ich auf das Fotogeschehen - da rollte ein Kieselchen an mir vorüber, eins, das zu einhundert Prozent unbeabsichtigt zu mir hingekickt worden war.
Der Kiesel, der lenkte tatsächlich meine bewußte Aufmerksamkeit auf sich, meine Augen vom Foto ab - womit ich mir wieder andernorts bewußt wurde. Daß ich hier war und nicht dort.
Das Bild plazierte ich seelenruhig am Leitplankenfuß, erhob mich aus der Hockposition auf die Füße hoch. Dann wandte ich mich auf dem Absatz herum, schaute mir voller ängstlicher Sorge das an, was hinter meinem Rücken herangekommen war.
Auf den ersten Blick war das ein Riese, Stehplatz Höhe des weißfarbenen Mittelstrichs der Teerstraße.
Eine feindlich verzerrte Monsterfratze, in die ich starrte. Pure Mordlust.
Einen länglichen Gegenstand hatte die monströse Gestalt in ihrer Klaue. Hocherhoben. Zum Zuschlagen bereit.
Ich schrie kurz auf, stellte mich seitlich, in Zweikampfposition, die Fäuste locker geballt. Für Handkantenschläge waren meine Hände nicht mehr trainiert; besser, drauf zu verzichten.
Irre, irre, mit welcher Rasanz sich die Riesengestalt zu einem normalgroßen Menschen eindampfte.
Ich meine, es war beinahe der Effekt wie beim falschen Riesen in der Geschichte von Jim Knopf. So was von plötzlich war das eine hundsgewöhnlich normale Menschengestalt. Zwar relativ hochgewachsen; aber jetzt, als hätte jemand bei dem gegenüber Luft rausgelassen.
Der Arm mit dem hochgehobenen Metallstock fiel in einer Sekunde saft- und kraftlos herab.
Eh, ein Penner war das, in einem grauen, fleckigen Allwettermantel.
Einen gelben Basthut hatte der Dreckskerl am Schädel sitzen. Den Kopf beugte er etwas vor, daß ich wegen des Hutrands nichts weiter Genaures von seiner erschreckend blassen, eingefallenen Zerrvisage blicken konnte.
Ansonsten war die Dreckstype vollends zum Stillstand gekommen, zur Salzsäule erstarrt.
Einen Fotoapparat hatte der Unbekannte nicht vorm Brustkorb hängen, war meine gedankliche Feststellung.
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