"Ein Sommernachmittag und das Makabre danach": 681
Herr Müller: 'Schandmaul' - geht ja noch! Doch gut, daß die jungen Herrschaften bei uns hier da sind. Ohne sie würd's jetzt ordinär. Richtig ordinär.
Frau Müller. 'Ordinär'? Wer ist hier 'ordinär'? Ich - 'ordinär', Gerd? Sag das noch, Gerd ...
Herr Müller: Entschuldigung, Vio! Entschuldigung! Vielmals um Entschuldigung! Erzähl den beiden jungen Detektiven jetzt lieber weiter, was du durch die offene Wohnungstür bei Hänsel nebenan mitgekriegt hast.
Detektei Umschau: Ja, erzählen Sie uns das. Die Wohnungstüre bei Hänsel nebenan war also etwas offengestanden. Als Sie dort weiterputzen wollten, Frau Müller, konnten Sie ein bißchen was mitbekommen, was bei Hänsel drinnen los war, ja?
Frau Müller: Ich bin wieder hier aus Gerds und meiner Wohnung raus, habe abgesperrt. Bin die Gehfläche hoch, vor die Türe von Herrn Hänsel, der heute tot ist. Schlägt da vor meiner Nase die Wohnungstüre bei Hänsel, die aufgehen wollte, zu, ohne daß sie deswegen ins Schloß gefallen wäre. Zurückschnappt ist die Türe. So ein dreckiges Lachen höre ich drinnen. Von dem jungen Hänsel. Hänsel sagt laut und deutlich: 'Du kannst nicht gehen, Mona. Du kannst nicht hier raus.' Seine Freundin Mona: 'Du solltest mich gehenlassen, Hänsel. Warum verstehst du nicht, was ich dir erklärt hab? Warum verstehst du das nicht? Du mußt mich freigeben. Du sagst das jetzt sofort, daß ich die Türe hier aufmachen darf, hier hinausgehen. Du läßt mich raus ...' Wieder lacht Hänsel. So ein gemeines, infames Lachen. Hänsel sagt dann: 'Weil ich nicht will, daß du gehst, kannst du die Türe nur aufmachen, Mona. Na, aufmachen kannst du die Tür. Aber dann - dann kannst du nicht raus. Hahaha!' Mona sagt: 'Lass mich gehen, Hänsel. Sage, daß ich rausgehen darf. Ich bitte dich!' Hänsel: 'Nein, Mona. Nein, nein. So einfach geht das nicht. So geht das nicht. Du bleibst.'
Herr Müller: Dasselbe, was meine Frau Vio Ihnen jetzt erzählt, hat Vio so auch bei der Polizei am Präsidium ausgesagt ...
Detektei Umschau: Bitte, erzählen Sie uns die Geschichte weiter, Frau Müller.
Frau Müller: Hänsel und Mona reden. Ich stehe ganz knapp an der Türe, und die Türe ist immer noch nicht ins Schloß eingerastet. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, aber ich bleib dort stehen ... Mona sagt zu Hänsel: 'Gib mich frei, Hänsel. Erlaube mir, deine Wohnung zu verlassen.' Hänsel: 'Nein. Das ist dann die Möglichkeit für dich, daß du ganz frei bist. Dann kommst du nicht mehr zu mir zurück. Das mach ich sicher nicht, Mona. Das mach ich nicht.' Mona: 'Verstehst du nicht, Hänsel - ER hat mir gesagt, daß ER kommt. Und ich denke, daß ER heute zu dir kommt. Ich bin doch SEIN Schlüssel. ER schickt mich zu dir. Ich bin bei dir, weil ER mir das befiehlt. ER hat gesagt, daß ich dir gehorchen soll. Immer alles tun, was du sagst. Wenn ich dich aber jetzt verlasse, Hänsel, dann kann ER nicht zu dir rein. Du hast IHN doch schon selber bei dir an die Fensterscheibe gesehen, Hänsel. SEIN Gesicht, das sich an die Scheibe drückt. Wie ER dich anschaute, Hänsel, so hungrig. Hast du selber gesagt, Hänsel, 'hungrig'. Hast gesagt, wie du dich erschrocken hast. Und ER will nicht mich, Hänsel - sondern dich. Dich. Ich komme doch nur zu dir, weil ER Lust hat, mich damit zu demütigen. ER demütigt mich mit dir. Du besudelst mich, Hänsel. Weil du in mich eindringst, machst du mich für IHN unrein. Das ist die Strafe für mich, für das, was ich damals zu dir gesagt habe, Hänsel. Aber - jetzt macht IHM das keinen Spaß mehr. Heute vielleicht schon, daß ER kommt, Hänsel. Oder morgen. Es bleibt dir nicht mehr viel Zeit. Überhaupt nicht mehr viel. Es sei denn, du läßt mich gehen. Ich darf hier weggehen.' Hänsel: 'Du redest so was von Stuß, Mona. So was von Stuß. Ich bin dein Herr. Du gehorchst mir. Mir alleine. Du tust, was ich sage.'
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