"Ein Sommernachmittag und das Makabre danach": 698
25. Oktober 2012 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #"Ein Sommernachmittag und das Makabre danach"
Was war, nachdem Sie und Ihr Kumpel Tim den Sargdeckel aufgestemmt hatten? Worauf genau haben Sie geblickt?
Vorgestern war Herr Augustin, mein Partner bei der Detektei Umschau, persönlich abgefahren. Herr Augustin mal wieder auf Besuch in dem netten Städtchen. Auch auf dem besagten Gnaden-Friedhof war Herr Augustin.
Mit dem Friedhofsgärtner und Totengräber, einem Heinz Krowoll, unterhielt sich Herr Augustin länger. Herr Krowoll war in der Nacht des siebten Junis am Friedhof, weil er schnell herbeitelefoniert worden war. Heinz Krowoll hat seine Wohnung auch nahe dem Gnaden-Friedhof. Ruckzuck war Heinz Krowoll in seinen Kleidern. Nach zwei, drei Minuten befand sich Heinz Krowoll am Gnaden-Friedhof.
Zunächst hat Herr Krowoll entschlossen gegenüber Herrn Augustin gemeint, es wäre doch klar, daß sie, Manuela Dombrowski, deren Grab geschändet worden war, in ihrem Sarg drinnen lag. Zu einhundert Prozent. Wie könnte Herr Augustin an was anderes denken? Tote, die man hineingetan hätte, lägen in ihren Särgen. Die reinste Selbstverständlichkeit.
Herr Augustin ließ nicht von Herrn Krowoll ab, Herr Weil-Esch junior. Und plötzlich war Heinz Krowoll in der Gegenwart Herrn Augustins verunsichert. Tatsächlich kannte Heinz Krowoll sich nicht mehr recht aus. War Manuela Dombrowski denn nun drinnen im Sarg? War Manuela Dombrowski nicht drinnen?
An die Kleidung, an die erinnerte er, Heinz Krowoll, sich. Ein schwarzes Kleid. Nur, das Skelett ...? Warum könnte er, Krowoll, sich nicht mehr Schädel der Toten erinnern? Die Knochen ihrer Beine?
Der schwarze Rock, der war nicht lang. Ein Minirock. So ein komisches Sackkleid. Da müßten jedoch die bleichen Ober- und Unterschenkelknochen gewesen sein, die er, Heinz Krowoll, gesehen haben müßte.
Wie vor den Kopf gestoßen, daß Herr Heinz Krowoll sich jetzt Herrn Augustin gegenüber aufführte. Keinen Schimmer, der Mann. Wollte es nicht glauben. Als Friedhofsgärtner, Totengräber war er, Heinz Krowoll, den Umgang mit Toten gewöhnt. Särge wurden von ihm ausgebuddelt, um umgebettet zu werden. Dabei fielen oder flutschten schon mal Skelette aus den Särgen heraus.
Tote Leute, die waren für ihn, Heinz Krowoll, nichts Ungewöhnliches. Daß er sich beim Anblick eines skelettierten Leichnams etwas dachte, daran vorbeischaute, keinen Meter. Daß er aus irgendeinem Grund darauf verzichten würde, in die skelettierte Fratze Manuela Dombrowskis zu blicken, da hätte er, Krowoll, den falschen Beruf. Trotzdem, jetzt, da Herr Augustin, ihn, Krowoll, darauf anspräche, sähe er nichts von irgendwelchen knöchernen Überresten dieser Manuela Dombrowski in der Erinnerung. Als hätte er die ganze Zeit an ihr vorbeigeblickt - oder nichts gesehen.
Nur den schwarzen Rock, wie ein Sack, zu den Füßen hinab offen, an den erinnere er, Krowoll, sich einhundertprozentig. Den Sargdeckel hätte er, Heinz Krowoll, dann ganz normal wieder auf den Holzsarg draufgetan.
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