1. Teil: 1.13 (1.6)
Ohne daß es sich vorher ankündigte, kehrte die große Qual Joachim zurück. Der bekannte Umfang.
Gräßlich, unsäglich, die Pein von überallher erwischte. Praktisch jede Faser seines Körper.
Das Höchste an Ungemütlichkeit, das man sich vorstellen konnte, war das. Das nächste, dachte man sich das in Abstufungen, konnte nur noch der Tod sein.
Ein Tod allerdings, auf den Joachim erneut zu warten hatte.
Weiterhin blieb es dabei: das, worauf er sich entsann, war, daß er am Sonntagabend Bier, Wein und ein paar Kurze aus dem Schnapsglas genossen hatte.
Obwohl ab und zu Menschen auch an gepanschtem Alkohol starben, oder es ihnen nach dem Alkoholgenuß ziemlich übel erging, war das für Joachim nicht vorstellbar, daß sein Befinden irgendwas mit den Nachwirkungen von alkoholischen Getränken zu tun haben konnte.
Normal hätte er munter genug sein müssen, es zumindest aus dem Bett zu schaffen, sich unter die Dusche zu stellen - warmes, kaltes Wasser -, um mal pünktlich am Arbeitsplatz anzukommen. Dort ein paar Tassen schwarzen Kaffees, die eine oder andere Kopfschmerztablette hinterher - es hätte passen müssen. Hatte ja bereits öfters bei ihm gepaßt.
Jetzt hätte er sich das gewünscht, daß Marga noch bei ihm in der Wohnung gewesen wäre. Wie eigentlich noch vor nicht allzu langer Zeit.
Bloß, es war keine Marga mehr weit und breit. Marga, die ihm Dinge erklären hätte können, manches mitteilen, wenn er ihr das mit den paar Bier, der Flasche Wein und den Kurzen wiederholte.
Es war doch nicht möglich, daß Joachim das bißchen nicht vertragen konnte, das er da intus hatte. Er hätte dazu fähig sein müssen, aus dem Bett kriechen zu können, schmerzfrei.
Marga hätte da sicherlich auch nur mit dem Kopf geschüttelt. Wenn er das bißchen schon nicht mehr vertrug.
Da davon Schmerzen zu bekommen, fast unter Todesqualen zu leiden. Unvorstellbar.
Durst quälte Joachim. Regelrecht klebte ihm die Zunge am Gaumen.
Darauf entsann sich Joachim, daß er doch normal immer eine Mineralwasserflasche seitlich vom Bett stehen hatte. Für alle Fälle.
Die mußte im Augenblick rumstehen, wo sie ungefähr rumzustehen hatte, die Flasche Mineralwasser.
Der Gedanke an die Mineralwasserpulle, der brachte es für Joachim. In einem Maß, daß er es fertigbrachte, sich ruckartig aufzusetzen.
Ein paar Sekündchen, während denen sich nichts an seinem elendigen Zustand verschlimmerte, daß Joachim wartete.
Aufs Kissen zurück mußte er sich jedenfalls nicht fallen lassen.
Die Fragestellung lautete: Konnte die Fahrt weitergehen? War er am Ende zu weiterem in der Lage? Etwa dazu, die Glasflasche mit den Fingern zu greifen und festzuhalten?
Das mit der Dunkelheit kam Joachim zu Bewußtsein. Die Überlegung hatte Joachim, daß er doch nichts im Blindflug machen mußte. Indem er probierte, ob das Licht einzuschalten war.
Eventuell stand die Flasche am Fußende des Bettes. War auch schon mal vorgekommen.
Ein kurzer Blick, der reichen würde. War erst der Lichtschein unterwegs.
Bedächtig, daß Joachim den Arm kurz ein bißchen anhob; alles war bestens. Er konnte sich weiter vorantasten. Erspürte das Nachtkästchen.
Vorsichtig, um nicht ungeschickt was hinunterzuschmeißen, tasteten Joachims Finger der rechten Hand am Radiowecker vorbei.
Den Untersatz der Nachttischlampe erfühlte Joachim. Den Kippschalter legte er mit dem Zeigefinger um - und puff.
Kaum aufgeblinkt, war die erst vor ein paar Tagen - letzte Woche, am Freitag - frisch eingeschraubte Energiesparlampe hinüber. In einem Sekundenbruchteil durchgebrannt.
Irgendeine Überspannung, die dafür sorgte.
Schöne Bescherung.
Es blieb für Joachim bei der Lichtlosigkeit des Abends oder der Nacht.
Wenigstens war durch das Aufflackern der Standort der Mineralwasserflasche beim Nachtkästchen für ein Momentchen zu bemerken. Außerdem war der Platz der Telefonie hinter der Nachttischlampe. Nahe der gegenüberliegenden Stellflächenkante des Kästchens.
Das Teil zum Telefonieren, Nachrichtenschreiben war dort von ihm selber hingelegt worden. Als er am Sonntag zu Bett ging. Anders war das nicht zu vermuten.
Nach seinem Handtelefon faßte Joachim allerdings derart fahrig, daß er das schmale Glaskörperding nach links von der Nachtkästchenfläche herunterwischte.
Am Teppichboden unten landete das Phon; die Anzeige, die blaufarben aufleuchtete.
Also funktionierte das Teil noch, hatte der Akku sich zwischenzeitlich nicht verabschiedet.
Am Rücken liegend unternahm Joachim alles, seine Handtelefonie in mit der Rechten in die Finger zu kriegen. Tatsächlich war das gute Stück irgendwann von ihm zu greifen, flutschte ihm nicht noch mal aus den Fingern.
Das bläuliche Anzeigelicht half Joachim, zielsicher die Glasflasche zu greifen, diese hochzunehmen.
Zurück auf sein Kopfkissen ließ Joachim sich sinken, blickte mit einem Seitlichdrehen seines Kopfes auf der Digitaluhr, erkannte auch so einwandfrei die Zahlen. Es war 20:33 Uhr am Abend. Halb neun.
Der Gedanke durchzuckte Joachim: Wenn er diese digitale Anzeige sah, gab es weiterhin Strom.
Dann hatte das Durchbrennen der Lampe nichts weier Besonderes zu bedeuten. War kein größerer Überspannungseffekt, sondern das einfache Durchbrennen einer Lampe.
Er hatte was zu trinken, konnte telefonieren, Kurznachrichten texten. Und, wenn er rauskam, aus dem Bett, konnte er das Zimmerlicht anschalten.
Was brauchte er mehr?
Vielleicht ein Krankenhausbett.
Sobald er was getrunken hatte, würde ihm die Zunge nicht mehr am Gaumen kleben.
Möglich, daß er reden würde können. Jemandem was erzählen.
Den Notruf konnte er wählen. Eine der Nummern Margas, in der Hoffnung, daß eine von denen funktionierte. Daß Marga es vergessen hatte, Joachims Nummer wo zu sperren. Marga hatte schließlich ein paar Telefone am Laufen.
Willys Nummer zu wählen wäre auch möglich gewesen.
Aber Willy, diesen Mistkerl, den anzutelefonieren, das war doch nicht sein Ernst?
Das konnte er nicht ernsthaft meinen, Willy mit einem Anruf zu beglücken, als wäre nichts?
Da konnte Willy sich direkt plötzlich anders fühlen, dieser Willy, der mit Marga ... Am Schluß rief Willy sofort Marga an, Marga von Joachims Telefonat mit ihm zu berichten.
Willy? Willy höchstens als allerletztes. Und weil es ihm dreckig ging. Marga war hier die an erster Stelle. So schlecht, wie es ihm gesundheitlich erging, mußte er Marga einfach nur in die Leitung kriegen, sonst nichts. Der Rest, ihn Marga auseinanderzusetzen, wie übel sein Befinden war. Geschwindelt war davon schließlich nichts.
Die Glaswasserflasche hatte er bei sich im Schoß liegen, konstatierte Joachim.
Das war ein überraschendes Schmerzaufkommen, als er mit der Rechten und dann der Linken den Verschluß der Wasserflasche aufzudrehen versuchte. Erst mit der linken Hand klappte das, konnte er die Angelegenheit zu einem Ende bringen.
Vorsichtig hob sich Joachim im Dunkeln die Flasche an den Mund, sie mit beiden Händen zittrig umklammernd.
Den ersten kleinen Schluck Wasser nahm Jochaim, einen zweiten, mußte dann die Glasflaschenunterkante auf seinen Brustkorb aufsetzen, weil ihm, saft- und kraftlos, wie er war, der Glaskörper aus den Fingern flutschen wollte.
Die zwei Schlückchen waren viel zu wenig; einen Durst verspürte Joachim, den Flascheninhalt wollte ganz austrinken.
Als Joachim wieder den Kopf vom Kissen hochhob, um aufs neue an der Wasserflasche zu nuckeln, war das eine schrille Pein, die bei ihm losbrach.
Ein regelrecht attackierender, unerklärlicher Ausbruch. Von einer Sekunde zur anderen. Fast was Eruptives.
Als wäre er in einem Topf mit heißem Wasser gelandet, fühlte es sich an. Oder, als ob er in glühender Lava herumliegen würde. Und das, ohne jede Fluchtmöglichkeit. Liebend gerne wäre er seiner Lage entkommen, konnte ihr nur nicht fliehen.
Viel schlimmer konnte das nicht sein, das Brennen, wenn man verbrannte.
Was Joachim mitkriegte, war, daß ihm Glasflasche mit Mineralwasser nach rechts von der Brust herunterrollte
Den Brustkorb, die Hüften, daß ihm Naß hinunterlief.
Der Glaskörper, den Joachim mit dumpfem Geräusch am Teppich drunten aufkommen hörte. Was anderes mischte sich dem Klang bei.
Sein Phon war das, das ebenfalls dort unten lag. Joachim wußte nicht, wie das bei seiner Telefonie losging, wenn Wasser auf sie draufschwappte. Dazu hatte es Joachim auch noch nie kommen lassen. Und jetzt breitete sich dort eine Wasserlache aus, wenn der Hals der Flasche sich nicht auf das Phon entleert hatte.
Die Qual, mit jedem Moment wurde sie für Joachim unerträglicher. Bis alles denn für Joachim zuviel wurde. Das bewußte Wissen, es kam ihm abhanden.