1. Teil: 18.9
Zeit verstrich, nur Tag werden, das wollte es nicht.
Das Leuchten der Schwebekugeln in der Luft gewann überraschend an Grellheit. Als wolle sich etwas ankündigen; wäre das ein Anzeichen dafür, daß Ereignisse bevorstünden.
Zum Blinzeln war Joachim gezwungen, konnte nicht länger in die Kugeln hineinsehen, die aus heißer Flüssigkeit zu bestehen schienen, sonst aus nichts.
Die Sonne, stand sie tagsüber am Erdenhimmel, bestand auch nicht aus Feststoff.
Die Frage stellte sich Joachim, warum er noch darauf beharrte, in Reglosigkeit zu verweilen. Wenn das jeder irgendwie gearteten Flüssig-Sensorik kenntlich sein mußte, daß er kein totes Ding war, wie irgendwo eine Schaufensterpuppe. Oder die langhaarige Frau auf einem Hochglanzfotoaufdruck aufPappmaschee.
Er war hier der einzige, der lebte. Der, der sich in die Hosen machte.
Joachim konnte nicht anders, mußte den Hals nach links verdrehen.
Dort, wohin er sah, war Dunkelheit. Ein unerklärliches Dunkel, als würde dort das Licht irgendwie geschluckt.
Ihm passierte bisher nicht das geringste. Wiewohl er zu nichts fähig war, als nach einer Fluchtmöglichkeit zu heischen.
Eigentlich hatte er nicht anders gekonnt, sich bewegt. Überdies war er in keinster Weise unsichtbar, unangreifbar; längst hätte ihm irgendwas passieren müssen.
Am liebsten hätte Joachim die Schulter gezuckt; eine abfällige Geste zu den Kugelgebilden hin vorgezeigt.
Was er dann doch unterließ, sich auf solchen Unsinn einzulassen. Er wußte nicht mal, ob eine Gegenseite was von menschlichem Gestenreichtum verstand.
Trotzdem verzichtete Joachim aus alles Gehabe.
Worauf wurde gewartet, ihn mit einem schmäleren, dickeren läserartigen Energiestrahl zu durchlöchern? Drehte sich das hier um Triezerei?
In keinster Weise wurde gegen Joachim und sein Dasein etwas unternommen.
Die Kugelgebilde, die Art Mini-Sonnen, die Joachim zusammenfahren ließen, weil sie sich einen weiteren Meter in die Luft erhoben.
Renke-Druck stand las Joachim die Schrift des ausgeschalteten Leuchtreklameschilds an dem Ladengeschäft.
Eine Druckerei für Visitenkarten und ähnlichem war das. Persönlich war Joachim noch nie drinnen gewesen, wunderte sich beim Vorüberkommen jedesmal darüber, daß so ein Geschäftsmodell weiterhin funktionierte. Wo doch jedermann seine Grußkarten selber ausdrucken konnte.
Die Situation blieb für Joachim verfahren.
Da war das eine ungute Gefühl, daß die Kugeln, die sich partout nicht davonmachen wollten, ihn nicht mehr lange auf was warten lassen.
In nächster Zeit, daß etwas geschehen mußte
Verzweifeln wollte Joachim angesichts seiner gräßlichen Notlage. Eigentlich war die Bedrohungslage kaum mehr auszuhalten.
Es war die Angst vor den Tod. Wegen der, daß er erneut regungslos dastand. Obwohl er sich die hätte er sich die Glasscheibe der Apotheke herunterrutschen lassen wollte.
Irgendwie hatte er kein Verlangen nach dem Sterben. Im Laufe der nächsten Augenblicke abzukratzen.
Vielleicht wartete die Gegenseite geradezu auch irgendeinen Unsinn. Daß er seiner Furcht gehorchte, aus dem Stand nach links oder rechts davonstürzte.
Daraufhin, daß er den Strahlenschuß abkriegte.
Ganz langsam atmete Joachim tief ein und aus.
Im Grunde spielte sich nichts ab. Das Bild, das stand für ihn wie eine Eins. Die Szene hatte sich gefressen.
Im Gesicht hatte er unter dem Auge ein Jucken. Immer gräßlicher juckte es ihn dort.
Dann konnte Joachim es nicht mehr aushalten, mußte hinfassen, sich kratzen.
Endgültig fühlte Joachim Hilflosigkeit und Verzweiflung in sich. Sein Ableben, nur noch einen Wimpernschlag konnte das entfernt sein.
Nichtsdestotrotz vergingen für ihn die nächsten Momente. Nicht, das sich abspielte. Obwohl sich längst etwas ereignen hätte müssen.
Das mußte den kalt gleißenden Kugelkörper doch demnächst reichen, über dem Gehsteig rumzuschweben und die kaputte Leuchtreklame Renke-Druck zu erhellen.
Sich endlich wieder davonzumachen, sich zu entfernen, das war anscheinend für die komischen Kugeldinger nicht drinnen.
Irgendwann mußte im Grunde genügend Zeit der Ereignislosigkeit verstrichen sein, daß davongeflogen werden könnte.
Oder, daß doch mal dieser, jene Energiestrahl herausblitzte, auf Joachim los. Der Augenblick, der kam, den Menschen ins Totenreich zu schicken.
Da war seitlich linker Hand jene bessere Dunkelheit, der er sich versicherte, als er eine Sekunde den Kopf verdreht hatte.
Ein Durchgang mußte dort sein. Eine Teerstrecke, sie hochzuhetzen.
Wenn er sich schnell in die Hocke begab, sich auf den Teer niedersinken ließ, auf allen vieren ins Finstere hineinkroch.
War er erst bei einem Seiteneingang, einem, der offenstand. War demnach hinten in das Gebäude mit der Apotheke hineinzugelangen. Irgendwie.
Vielleicht weil einfach Glück hatte, daß da eine Türe aufstand.
Die Nerven bis zum Äußersten angespannt, schob Joachim sich betont langsam nach linker Hand.
Das Ziel war: dieser Zwischenpassage erst mal nur nahezukommen.
Unsichtbarkeit wünschte sich Joachim. Eine Tarnkappe. Denn, im Grunde war das, was Joachim sich vorstellte, viel zu blöd. Alleine angesichts dessen, daß sein Körper Wärme verstrahlte.
Auch für die Menschheit war das kein Zauberwerk. Jeder gewöhnliche Straßenbahnhubschrauber hatte eine Wärmebildkamera an Bord. Ein Nachtsichtgerät.
All das gehörte lange zum Standard, über den kaum geredet werden mußte.
Aus der aus Joachims Sicht rechten gelben Leuchtkugel, daß ein roter Strahl herausschoß.
Beinahe geschah das, als wären Joachims Gedanken gelesen worden. Das an ihm erkannt worden, daß er etwas unternehmen wollte. Statt sich zu ängstigen und sonst nichts.
Der überraschend dünne Strahlenstrich war alles andere als auf ihn gerichtet, konstatierten Joachims Gedanken. Ein Kombi, der in seiner Nähe auf der Straße rumstand, war das ins Visier Genommene, das getroffen wurde.
Obwohl der abgegebene Strahlenschuß nicht nach einem großen Ereignis aussah, erschütterte eine grelle Explosion die Straße. Karosserieteile flogen in der Luft in der Gegend rum.
In die Höhe gehoben wurde Joachim von der heftigen Druckwelle. Irgendein Schlag traf ihn an der Schulter.
Schwer schlug Joachim auf der geteerten Bodenfläche auf. Schmerzenslaute zischten gedämpft aus ihm heraus.
Schrill war die Pein, die er spürte.
Dann allerdings war abrupt nichts weiter um ihm herum als Schwärze.