1. Teil: 18.6
An einer Hausmauer verhielt Joachim zur Rast, sich über sich wundernd.
Bis zur Einbahnstraße oben war er immerhin gekommen.
Die Straßenlampe, die das Einbahnstraßenschild bestens ausleuchtete.
Am Gehsteig des Weges kommen, das wollte deswegen jedoch kein Mensch. Nirgendwo war irgendwer.
Außer verwehter Kleidung zeigte sich nichts. Erinnerte nichts daran, wie bevölkert die Erde eigentlich war.
Komisch abgestellt waren Fahrzeug oder liegengeblieben. Auch ineinandergefahren. Einiges an Blechschäden hatte es gegeben. Gut für die, die in einer Autoreparaturwerkstatt arbeiteten.
So dunkel war es weiterhin, daß es nicht danach ausschaute, als ob der Morgen in nächster Zeit anbrechen würde.
Irgendwie war es auch bedrückend, wie still es rundherum war.
Sonst immer war die Stadtwelt angefüllt mit irgendwelchen schriller Schreierei, Rufen. Lautem Gelächter. Oder einem unvermittelten Autogehupe.
Gefühlt eine halbe Ewigkeit war Joachim unterwegs, seit er seine Mietwohnung verlassen hatte. Jetzt war er überhaupt aus dem Wohngebäude draußen, und es war keine Menschenseele weit und breit.
Wo ehedem jeden Moment auf irgendwen getroffen werden konnte, tauchte nie jemand auf.
Tatsächlich war Stockie, das übergroße Schoßhündchen der Dottlers, das einzige lebende Wesen, dem er bisher begegnet war.
Im Straßenlampenschein überblickte Joachim den unmittelbaren Gehsteig.
Das nächstemal eine durchnäßte Turnhose. Ein Pullover, aus dem tatsächlich ein Goldkettchen herauslugte.
Auch ein Typ konnte so was mal um den Hals tragen.
Vom Wind durch die Gegend gewehtes nasses Zeug. Das zum Stechen im Kopf verhalf, bei der Überlegung und der Fragestellung, was da los sein konnte, daß so viel Kleidung mir nichts, dir nichts rumlag.
Herab bückte sich Joachim ein paar Trippelschrittchen weiter, ertastete mit zittrigen Fingern eine langgestreckte Anzughose, auf deren Hosenbeine er sich mit seinen bloßen Füßen gestellt hatte.
Eine Plastikkarte, mit der Joachim zu einem Bankautomaten hingehen hätte können, befand sich in der Hosentasche. Wäre zu allem Überfluß noch ein Schriftstück in die dazugehörige Plastikhülle hineingeschoben gewesen, auf dem so Zahlen geschrieben standen, hätte Joachim sich an den nächsten Geldautomaten begeben können.
Lustig fand Joachim das, sich vorzustellen, sich von irgendeinem Fremden am Automaten einen Geldbetrag zu besorgen. Obwohl er ganz andere Sorgen, Probleme hatte, als Geld.
Eine Autotüre sah Joachim gegenüber im Licht einer Straßenlaterne im Stil älterer Zeit, bloß elektrisch betrieben, offenstehen.
Nur, drinnen im fahrbaren Untersatz leuchtete deswegen nichts irgendeiner Elektronik. Diese schien tot. Alles hatte den Geist aufgegeben, solange war der, die Unbekannte schon abgängig.
Die unnütze Plastikkarte ließ Joachim aus den Fingern gleiten.
Als ob er irgendwelches fremdes Geld nötig hatte. Geld hatte er selber. Wiewohl sein Konto vielleicht überzogen war, weil keine neuen Geldbeträge für ein Guthaben sorgten.
Personaler Menzle, der dafür Sorge tragen konnte, das trotz laufender Zahlungen keine Lohnüberweisung mehr fällig wurde. Mit sofortiger Wirkung.
Der Arbeitsplatz, der ihm abhandenkam.
Zum Glück hatte er einen gewissen Überziehungsrahmen, den er bisher nie in Anspruch nehmen mußte.
Bis jetzt. Weil das bemerkt wurde, daß Joachim seinem Bürostuhl fernblieb. Unentschuldigt.
Personaler Menzle hatte nun mal diesen strikten, akkuraten Ruf, einen, den er gerne verteidigte. Und es vergingen lange zig Tage, die Joachim in der Arbeit fehlte. Unentschuldigtes Fernbleiben, ohne sich ein einzigesmal bei den entscheidenden Figuren in der Firma gemeldet zu haben.
Vielleicht hatte er das Kündigungsschreiben bereits im Briefkasten, wußte davon nur noch nichts. Weil er eine Ewigkeit nicht mehr in sein Briefkastenabteil hineingesehen hatte. Sein elektronisches Postfach hatte er ebenso Tage nicht mehr geöffnet hatte.
Sich nie bei Perse Menzel oder Frau Fjörde zu melden, nicht längst mit einer Krankmeldung rübergekommen zu sein, das war ein Eins-A-Fehler.
Auch wenn Joachim nichts dafür konnte. Wovon allerdings nur er selber was wußte. Während so was Menzel oder der Fjörde erst plausibel gemacht werden mußte.
Die Nässe und die Kälte kehrte Joachim ins Bewußtsein zurück.
Seine Mutti hätte, als er ein Kind war, zu ihm gesagt, wie er angezogen war, das würde er doch nicht im Ernst meinen. Schleunigst solllte er sich bei dem Wette rwas Warmes anziehen. So mit dünnem Stoff bekleidet, holte er sich noch den Tod.
Für Nackigsein war das nicht das Wetter.
Herum, daß Joachim krächzig hustete. Um vor Schreck zusammenzufahren. Weil Husterei so ein Zeichen war.
Wann kam doch mal endlich wer vorüber, jemand, den er in seiner Not auf sich aufmerksam machen konnte. Das war sich das kleinste Problem für wen, sein Phon zu zücken und den Notruf zu wählen.
Sollte er zu dem Auto rübergehen, sich ins Wageninnere reinhocken, die Türe zuwerfen?
Drinnen im Innern war schließlich besser zu warten, als bei Nieselregen und wieder viel zu schneidendem Wind mit der Schulter an eine Hauswand angelehnt.
Die Autotüre stand jedenfalls verlockend weit auf.
Das Fahrzeuginnere wartete nur darauf, daß sich jemand auf der Fahrerseite hinters Lenkrad klemmte.