1. Teil: 1.9
Da war eine finstere Bodenfläche. Von der er fortblickte.
Um die eine komisch anmutende Rückansicht dieses Klavierspielers zu Gesicht zu bekommen. Im Saloon Empireless in der Westernstadt Pain City.
Dieser schwarze Totengräberanzug - hatte der am Klavier das denn vorher an?
Und dann der wie mit hautfarbenem Lederbezug versehene viel zu runde Hinterkopf. Der fast denken ließ, der Mann wäre eine lebendig gewordene Anziehpuppe aus dem Kramerladen nebenan. Das unten drunter unter dem Lederähnlichen wäre nichts weiter als irgendein zurechtgeschnittes Stück Holz, auf das man klopfen könnte, würde man hingehen, zu dem am Klavier, um sich mit den Fingerknöcheln an so was zu versuchen. Wie immer das von dem Fremden aufgenommen wurde.
Den Fingern schaute Jo zu, wie sie in die Tasten hauten, daß er wirklich Musik wähnte. Nur, sicher war er sich das nicht, ob er von Klängen den leisesten Ton vernahm.
Die rothaarigen Tänzerinnen mit den hochgesteckten Frisuren, den überschminkten Gesichtern mit den viel zu rotbemalten Kußippen, die tanzten ohne Unterlaß auf der Schaubühne des Saloons Empireless in Pain City, der Willy-Stadt. Ihre roten Röcke und weißen Unterrocke, daß die jüngeren, älteren Damen hochhielten. Hingebungsvoll, begeistert, daß sie die nackten Beine zu den Klavierklängen warfen.
Die Hüften wiegten die um die Körpermitte unbekleideten Schönheitsprinzessinen, die ihre Röcke alle paar Momente bis Halshöhe hinauf anhoben. Am Absatz, daß sie sich umwandten, sich herabbeugten und den Saloon-Zuschauern mit den Hinterteilen wedelten.
Auf die Bühnenholzbohlen warfen sie sich nacheinander nieder, spreizten dabei die Beine weit auseinander. Weit auseinander. Um sie, mit den Füßen winkend zusammenzumachen und flott in den Stand zurück hochzurutschen. Als wäre das Geschmeidige an sich nichts, dabei erforderte das Turnerische jede Menge Übung.
Erneut drehten die Tänzerinnen den Anwesenden die Rückansichten zu, schleuderten sich mit den Händen die Röcke, Unterröcke weit den Rücken hinauf, sich ganz tief herabbeugend.
Zwischen den Kniekehlen, daß die Weibsbilder mit glänzenden Gesichtern hervorgegrinsten.
Und dieses Grinsen ... Etwas kam Jo unvermittelt zu Bewußtsein: Er war nicht unter Freunden. Außerdem war er Jo, der Revolvermann. Alles, was er auf der Saloonbühne schaute, war wirklich schön und gut. Aber, als Jo, der Revolvermann, hatte er achtzugeben. Auf sich aufzupassen.
Leute befanden sich um ihn herum, die ebenfalls Revolvergürtel trugen. Sechsschüsser in den Holstern.
Es war für ihn gesünder, sich wieder darauf zu entsinnen, was mit Jo, dem Revolermann, los war, statt sich frivolen Frauentänzen zu widmen. Noch dazu im Saloon Empireless in dieser notdürftig zusammengezimmerten Willy-Stadt, die Pain City benannt worden war. Eine Stadt der Willys war Pain City.
Jo, der Revolvermann, der sich das Kopfgeld endlich verdienen wollte, das er längst ausgegeben hatte, war mitten nach Pain City hineingeritten. Die Örtlichkeit - Pain City - in der er sich aufhielt, eine schlimme Willy-Stadt. Den Saloon Empireless in Pain City hatte er nur deswegen betreten, weil er hinter dem Willy der Willys her war. Und der eine Willy der Willys, der wußte das genau, daß Jo, der Revolvermann, wegen ihm in die Stadt gekommen war.
Längst mußte dem Willy der Willys Mitteilung gemacht worden sein, daß Jo, der Revolvermann, in Pain City ankam. Jo, der Revolvermann, mit seinen Sechsschüssern links und rechts.
Nicht zum Spaß war er in den Saloon Empireless gekommen. Und das im Saloon Empireless in der Willy-Stadt Pain City war auch kein Spaß.
Jeder im Saloon Empireless wußte das, um was es sich drehte: Jo, der Revolvermann, er wollte ein Duell mit dem Willy der Willys. Der Willy der Willys, sobald er sich zeigte, mußte wissen, das er sich Jo, dem Revolvermann, zu stellen hatte. Jo, der Revolvermann, würde erst wieder aus dem Saloon Empireless fortgehen, wenn der Willy der Willys tot war.
Oder es kam ganz anders: daß der Willy der Willys Jo, den Revolvermann, tötete.
Noch konnte der Willy der Willys freiwillig daherkommen, sich Jo, dem Revolvermann, zu stellen. Erschien der Willy der Willys nicht, würde Jo, der Revolvermann, sich auf die Suche nach ihm begeben. Obwohl Pain City eine Willy-Stadt war.
Darüberhinaus war das klar , wer im Saloon Empireless die Puppen tanzen ließ: einmal der Willy der Willys. Der eine, der der Kopf der ganzen Willy-Bande war. Die andere, das war Marga. Marga, die Barfrau, die dem Ruf des Willys der Willys Folge leistete. Marga, sie wußte das genausogut wie der Willy der Willys das wußte, daß Jo, der Revolvermann, auch nach ihr sehen würde, wenn er mit dem Willy der Willys fertig war.
Fragen würde Jo, der Revolvermann, Marga stellen.
Von überallher drohte Jo, dem Revolvermann, Gefahr im Saloon Empireless. Äußerst unklug war es von dem her für Jo, dem Revolvermann, allzu fasziniert von irgendwelchen Tanzmädchen zu sein. Die am Ende nicht das geringste was zählten. Ob sie nun obenrum nichts anhatten oder untenrum.
Seine Augen zwang Jo von dem Haufen erregt tanzender Weiblichkeit fort, widmete sich erneut der ferneren Umgebung im Saloon Empireless. Auch wenn in dem wenig Faszinierendes Platz genommen hatte. Nichts als gesichtsloses Volk mit kugelrunden Köpfen, die so eher Kleiderpuppen in Kramerläden ähnelten, als lebenden Menschen.
Allesamt blickte Jo, der Revolvermann, sie ohne Augen, Ohren, Gesicht wie der Riese hinter dem Tresen oder der eine, der an den Klaviertasten. Aber sie hatten Beine, auf denen sie rumstehen konnten, aufhüpfen, Hände, mit denen sie den Tänzerinnen auf der Bühne applaudieren konnten. Wie der am Klavier mit den Fingern auf seinem Musikinstrument herumhaute, konnte jeder der vielen auch einen Revolver aus dem Holster an den gegürteten Hüften ziehen.
Eher unheimliche Kreaturen, diese Saloon-Gäste. Nicht viel Menschliches war an ihnen.
Trotzdem, so recht wollte Jo, der Revolvermann, sich bisher nicht vor ihnen erschrecken.
Obwohl sich durchaus die Frage stellte, wie Jo, der Revolvermann, am Ende der Situation im Saloon Empireless entkommen sollte. Vor allem Dingen ab dem Moment, wenn der Willy der Willys in seinem Blut lag.
Das war Jo, der Revolvermann, sich sicher, daß der Willy der Willys als erstes zu ziehen hatte. Sichtbar mußte es sein, daß der Willy der Willys zuerst zog. Es würde vielleicht auch zu einem besseren Problem werden, wollte der Willy der Willys sich nicht mit Jo, dem Revolvermann, duellieren. Die Frage: Was unternahm Jo, der Revolvermann, dann? Es mochte nicht folgenlos bleiben, erschoß er den Willy der Willys einfach.
Der einfachste Weg war allerdings das Duell. Jo, der Revolvermann, der dem Willy der Willys gegenüberstand. Bis der Willy der Willys zuckte, seine Waffe herausriß.
Bis zu diesem Moment schienen alle im Saloon Empireless Anwesenden glücklich. Keiner kümmerte sich umeinander. Den Wohlgestalten des Tänzerinnentrupps, deren heißer Tanz einen Abschluß fand, denen wurde mit über die Köpfe hochgehaltenen Händen Applaus gespendet.
Nirgends an sich was Besonderes. Nur eins begriff Jo, der Revolvermann, der Beobachter der Saloon-Szene: Während oben auf der Bühne die Mädchen, Frauen ein wenig zu überschminkte Gesichter hatten, war das bei denen im Gästeraum nichts als diese hautfarbene lederhäutige Kugelköpfigkeit. Eine ohne Mund, Nase, Ohren. Dann und wann aber mit einem sandfarbenen Stetson aufgesetzt
Durchaus was für den Schrecken, im Grunde genommen. Man hätte sich mal erschrecken können.