1. Teil: 2.2
Der Schemen von Margas Gestalt war Joachim wieder deutlicher. Vorhin war Margas fast gänzlich verschwunden gewesen. Nahezu in Luft hatte Marga sich aufgelöst gehabt. Unglaublicherweise. Jetzt war das wieder anders. Jetzt sah er Marga wieder deutlicher.
Ein weinerliches Gesicht schnitt Marga ihm gegenüber.
Du hast aber doch gesagt, daß du mir verzeihst, Jo.
Den Finger hatte Marga gehoben, als sollte Joachim besser auf was achthaben.
Ja, das hast du gesagt, daß du mir verzeihst. Und jetzt guckst du mich kalt und fremd an. Wenn du mir aber nicht verzeihen willst, mir lieber böse bist - geh ich lieber wieder ...
Anstalten machte Marga, deren Körper schon wieder geisterhaft durchsichtig wurde, samt metallischem Küchenstuhl, dem ebenfalls sein fester materieller Umriß verlorenging, zur Küchentür davonzuschweben.
Nein, du gehst nicht!
Ein urkomisches Gekreische seiner Selbst war das. Hätte Joachim nicht gewußt, was er da von sich gab, hätte es auch nichts als unartikuliertes Wehgeschrei sein können.
Mit seiner Lautmalerei hielt Joachim Marga nicht auf. Samt dem Metallstuhl hatte es Marga geschafft, über die Küchentürschwelle hinwegzuschweben. Als wäre Marga eine Hexe.
Aus der Küche war Marga schon mal draußen, drohte, sich in kürzester Frist wieder aus seiner Wohnung hinaus zu verdünnisieren.
Das bemerkte Joachim spontan, daß er Marga hinterhersetzte. Bei der Wohnungstür sah er Marga, beobachtete, wie Marga, durchsichtig wie sie war, wie nichts in die Massivholztür hineinglitt. Samt dem Küchengestühl, das eigentlich ihm gehörte, Teil seines Besitzes war.
In letzter Sekunde, daß Joachim Marga erreichte, nach ihr hinfaßte. Um mit den zupackenden Fingern durch sie hindurchzugreifen.
Es war nichts zu machen. Marga war bei ihm draußen, ihm entkommen. Dort, wo Margas Gestaltumriß von einem Momentchen noch war, war nichts als die Türfläche zu erkennen. Dunkelbraunfarben.
Einen Moment blickte Joachim Schwärze, dann hatte er die Augen aufs neue offen. Er sah Marga, Marga, die wie zuvor am Küchentisch dasaß. Ort: seine Küche. Als wäre zwischenzeitlich überhaupt nichts losgewesen, bei Marga und ihm.
Eine deutliche Szene. Wie eine Erinnerung. Etwas, das mal war.
Wie das Üblichste der Welt schnitt Marga Brötchen in zwei Hälften.
Die Seelenruhe Margas, die Joachim nicht faßte. Was hatte Marga zu ihm gemeint? Was hätte sie - mit Willy?
Die Brötchenhälften bestrich Marga dick mit Butter.
Auf jede der Hälften kleckste Marga einen Löffel voll blutroter Marmelade aus dem Glas. Margas Blut hätte Joachim spritzen lassen wollen, genauso blutrot.
Das große Teller schob Marga mit einem freundlichen Lächeln zu Joachim hinüber. Zu Joachim, der ungläubig auf Marga starrte.
Das konnte Marga nicht im Ernst glauben, ihm DAS so nebenher auseinandersetzen zu können, das bei ihm unterzubringen, sie und Willy, sein bester Freund Willy. Das meinte Marga doch nicht ernst, das, daß sie mit Willy ... Marga konnte sich doch nicht einbilden, daß das, sie zusammen mit Willy, etwas wäre, das er einfach hinnehmen würde. Diese schier unerträgliche Geschichte, sie und Willy, daß sie es mit Willy ...
Du mußt nicht mit mir zusammenbleiben - du kannst dich auch trennen.
In einem Ton brachte Marga das daher, als spräche sie über lustige Dinge.
Stimmt, du mußt das nicht: mit mir zusammenbleiben. Trenn dich doch.
Herausfordernd seltsam grinste Marga; die gesamte Grinsemiene Margas konnte Joachim nicht begreifen.
Dachte Marga, es wäre alles nicht ernst, so in der Nähe Joachims, in seiner Küche rumsitzend?
Kann ich dann wenigstens unbesorgt, mit Willy wo zusammensein. Ohne, daß Willy und ich aufpassen müssen. Uns ständig umgucken, ob nicht wer. Weißt du, Jo, Willy, der ist wirklich gut. Daß ich das erst entdecken hab müssen, wie gut Willy ist. Wenn ich das schon früher gewußt hätte, wie gut Willy und ich zusammenpassen. Wie gut Willy küßt.
Über die Unterlippe ließ Marga ihre Zunge lasziv wandern, während Joachim der Meinung war, daß die Welt um ihn und Marga herum eine andere geworden war. Marga trug ihr Haar unvermittelt hochgesteckt; rote Strähnchen fielen ihr in die Stirn. Zwar trug Marga ein rotes Kleid, allerdings mit einem viel tieferen Ausschnitt.
Eher billig wirkte Marga. Wie Marga mit ihrem überschminkten, erhitzt wirkendem Gesicht so breitbeinig in seiner Nähe dastand, hätte nur noch gefehlt, daß Marga ihre Röcke angehoben hätte, ihren Schoß dargeboten.
Die weitere Umgebung um ihn herum kam Jo, dem Revolvermann, zu Bewußtsein. Wenn eins gewiß war, dann das, daß das der Saloon Empireless in Pain City war. Der Saloon Empireless in Pain City, in dem Marga, die Barfrau, die Mädels regierte. Diejenigen, die im Saloon Empireless tanzten. Ab und an den Gästen zu Willen waren. Jeden, der sie dafür mit Golddollars bezahlte, nahmen sie mit in ihre parfümierten Schlafgemächer.
Auch Marga konnte einen die Treppenstufen hinauf mitnehmen. Marga erfüllte auch alle Wünsche, für ein, zwei Dollar mehr auch ausgefallene.
Das war der Gastraum im Saloon Empireless, und Marga war nicht alleine.
Komische Gäste standen im Saloon Empireless rum, die wie lebendig gewordene, gesichtslose Anziehholzpuppen aus den Kramerläden der Städte der Umgebung aussahen. Die eine oder andere kleidertragende Gestalt mit Stetson am Kopf, Revolvergürtel um die Hüften.
Wenn auch vieles an jenen Kreaturen nicht stimmte, Hände hatten sie, einen der Sechsschüsser auch mal zu ziehen, statt ihn nur in den Holstern an den Hüften mit sich herumzutragen.
Im Hintergrund beim langgezogenen holzvertafelten Ausschank, daß Mörder-Willy seitlich aus dem Schatten trat, wie durch eine Türöffnung kommend, von der Jo, der Revolvermann, noch nichts wußte, weil er im Saloon Empireless nach dort noch nicht hingekommen war.
Herum blickte Mörder-Willy, sah Jo, den Revolvermann, der sich in sitzender Position präsentierte. Auf den Holzbohlen im Saloon befindlich.
Mörder-Willy, der Jo, den Revolvermann, von oben herab anglotzte.
Nicht mit der Wimper zuckte Mörder-Willy bei der Betrachtung Jo's, des Revolvermannes. Keinen Gruß oder so hatte der Willy der Willys übrig. Ausdruckslosigkeit beherrschte das Mienspiel des einen Willys.
Marga, die Barfrau, winkte.
Einmal mit dem Kopf nickend, schaffte sich Mörder-Willy in Bewegung, schritt dorthin, wo Marga, die Barfrau, ihn erwartete.
Grinsend, daß Marga, die Hure, die Hände in die Hüften gestemmt, den einen Willy bei sich erwartete.
Während Jo, der Revolvermann, nichts mit sich anstellen konnte. Nicht das geringste. Nur eins war klar: Die Sechsschüsser hatte Jo, der Revolvermann, noch. Die staken eiterhin in ihren Holstern an den Seiten der Oberschenkel.
Solange Jo, der Revolvermann, allerdings nicht das geringste anstellen konnte. Außer mal nach den Schießeisen hinzulinsen.
Den Augenaufschlag kannte Jo, der Revolvermann, gut bei Marga, der Barfrau. So sah Marga gewöhnlich aus, wenn sie irgendwas Hintersinniges vorhatte.
Bei Streitigkeiten hatte Marga mit so einem Aussehen schon mal mit Tellern nach Jo, dem Revolvermann, geschmissen. Früher. Gedroht hatte Marga, daß er sie nie wieder aufsuchen dürfte, wenn er in die Stadt zurückkehrte. Dann hatte Jo aus einem ledernen Beutel Goldstücke herausgeholt, und alles war wieder gut. Zwischen Marga und in. Auch wenn er Marga weiterhin nicht zur Frau genommen hatte.
Das war auch wieder länger her, das, daß Jo, der Revolvermann, das letztemal in der Stadt war, das Hotel aufsuchte. Die Tausendsten Sachen hatte er Marga, der Barfrau, schon versprochen, unter anderem, Marga mit sich zu nehmen, wenn er wieder fortritt. Marga einfach aus dem Hotel zu entführen. Dann war er das nächstemal davongeritten, ohne Marga. Hatte Marga nichts als ein paar Golddollar dagelassen, Golddollar, wie sie Marga auch von anderen kriegen konnte.
Zuletzt, daß Jo, der Revolvermann, sich verabschiedete, da war Marga zu ihm hingesprungen, um links und rechts auf Joachim einzuschlagen, einmal mehr, einmal weniger heftige Treffer. All das hatte Jo, den Revolvermann, nicht lange aufgehalten, zur Tür hinauszugehen, diese hinter sich zuzumachen. Um sich die Holzstufen hinabzusteigen, die Stiefelsporen klimperten dazu lustig ihr Lied.
Herab, daß Marga, die Barfrau, sich beugte. Das grinsende Gesicht hatte sie dem Jo's genähert. Daß dieser die Augen vor Schreck aufriß, vor Marga zurückzuckte.
Zu voller Körpergröße, daß Marga, die Barfrau, sich wieder aufrichtete, zur Seite trat.
Mörder-Willy kam Jo, dem Revolvermann, in Sicht. Mörder-Willy, der nähergekommen war. Mörder-Willy, der nicht einfach wieder in sein Loch zurückverschwand, aus dem zuvor im Saloon Empireless linker Hand vom Schanktisch aufgetaucht war.
Ostentativ neugierig, herausfordernd beguckte Mörder-Willy Jo, den Revolvermann.
Hinter seinem Rücken holte Mörder-Willy einen großkalibrigen Revolver mit langem Lauf hervor.
Dabei ließ Mörder-Willy Jo, den Revlvermann, zusehen, wie er eine einzelne Patrone aus einer seiner Hosentaschen herausholte.
Die eine Patrone schob Mörder-Willy in die leere Trommel des Sechsschüssers. Dann brachte der Willy die Trommel mit der flachen Hand dazu, sich zu drehen.
Mit gespitzten Lippen küßte Marga, die Barfrau, in Richtung Jo, des Revolvermannes.
Was Marga unternahm, das war derart, daß Jo, der Revolvermann, nur noch Marga betrachtete. Als wäre Marga das Wesentliche, nicht der Willy der Willys, der mit dem Revolver in den Fingern.
Marga warf Jo, dem Revolvermann, mehrere Kußhände zu.
Eine Bewegung gewahrte Jo, der Revolvermann, mußte seinen Blick doch wieder Mörder-Willy widmen. Mörder-Willy, der seinen Arm langstreckte, mit seinem Schießeisen auf Jo, den Revolvermann, zielte.
In die Schwärze des Revolverlaufs glotzte Jo, der Revolvermann.
Abgedrückt wurde von Mörder-Willy.
Nochmals, daß Mörder-Willy abdrückte.
Ungläubig war Mörder-Willy, nachdem er das nächste Mal abdrückte, und keine Kugel den Lauf verlassen hatte.
Die Chance war auch eins zu sechs, hielt Jo, der Revolvermann, die Tatsache fest. Da konnte es bei durchaus vorkommen, daß man mehrmals abdrücken konnte, ohne, daß ein Schuß krachte.
Ein weiteresmal, daß Mörder-Willy die Schußwaffe ausprobierte. Gelblich explodierte es aus dem Revolverlauf heraus.
Einen Schlag vor die Brust spürte Jo, der Revolvermann.