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Blog von TeddeMehr

1. Teil: 3.4

22. Januar 2020 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #dreimal erwachen

Im Sitzen war er weggedämmert.

Es kam ihm vor, er hätte auch für immer in der Umdämmerung bleiben können. Bloß, Stockie, der Hund der Dottlers, hatte etwas dagegen. Stockie kläffte lautstark in der Landschaft herum, bis Joachim die Bellerei ins Bewußtsein drang, er hochschreckte.

Um sich unverändert auf dem Flurgang herumsitzend vorzufinden. Zur Wohnungstüre hinstarrend, der er nicht ein Stückchen nähergekommen war.

 

Die Frage der Fragen, die in Joachim kreiselte: Was war los mit ihm?

Das, was ihn erwischt hatte, das blieb ein Rätsel. Normal war es jedenfalls nicht. Normal hätte er unter der Woche in der Arbeit sein müssen. Um nach der Arbeit sich herumzutreiben, nach Margas Verbleib Ausschau zu halten.

Marga, sie in Frieden zu lassen, das wollte er nicht. Frieden geben bei Marga, die sich was mit Willy anfing,das fehlte noch. Willy, schließlich mal sein bester Kumpel. Trotz der schiefen Visage Willys war Willy die Jahre über immer sein Freund.

Marga war, die Willy nicht ausstehen konnte. Was Marga heutzutage nicht daran hinderte, mit Willy Schiefmaul ins Bett zu steigen.

 

Matt stierte Joachim nach der Türe zu seiner Wohnung hin.

Nicht weit weg, die Wohnungstür. So nah und trotzdem so fern.

Was war das für eine Erkrankung, die ihn in Mitleidenschaft zog? Ein Virus? Ein Bazillus? Irgendwas ganz Kleines, und nichtsdestotrotz Fürchterliches, das einen erwachsenen Mann niederstreckte.

Bluter war Joachim auf er keiner. Außerdem war das eine Erbkrankheit. Eine, wie er keine hatte. Nicht das bißchen.

Bluter war jemand von klein auf, und Joachim wußte nicht, daß er sich als Kind nirgends ritzen hätte dürfen. Daß er da irgendwo aufpassen hätte müssen. Sich ja nirgendwo auch nur zu ritzen, kurz zu schneiden. Er hatte sich dann und wann wo geritzt, geschnitten und sich die Stirn angeschlagen, daß es ihm aus der Nase rausblutete.

 

Daß es einmal derart lange, massiv und großflächig aus ihm rausgeblutet hätte, davon wußte Joachim bei sich nicht das geringste.

Gelesen hatte er von schlimmen Erkrankungen, solchen, daß es einem Erkrankten das Blut aus den eigenen Hautporen herausdrückte?

Ebola! Diese Krankheitsbezeichnung fiel Joachim glattweg ein. 

Bei Ebola geschah das an erster Stelle: Blutaustritt aus den Körperporen.

 

Erst vorletzter Woche war eine Dokumentation über das Ebola-Virus im kostenlosen, von jedem problem- und umstandlos empfangbaren Fernsehprogramm gelaufen. Joachim hatte das Programm nachgeschaut gehabt und zur passenden Uhrzeit umgeschaltet.

Ein Weilchen hatte er sich den Film über Ebola angeschaut. Bis ihm die Szenerie reichte. Es gab Lustigeres.

Marga hätte er Ebola an den Hals gewünscht, jetzt hätte er selber so was, wie es schien. Es war der Wahnsinn.

Marga konnte das wirklich nicht machen, sich keine Frage zu stellen, wenn er ihr mit jämmerlicher Krächzestimme eine Sprachnachricht schickte. Wie Marga alles nicht tun konnte: vor allem eins nicht, ihn für Willy zu verlassen. Nicht für Willy, den mit dem schiefen Maul.

Marga war doch die, die früher dauernd über Willy spottete. Die, die Willy nicht das bißchen ausstehen konnte, das war Marga.

 

Marga mußte doch irgendwann wieder zur Besinnung kommen. Das einzige, was Marga dazu brauchte, wäre doch gewesen, sich wieder mal Willys Visage anzugucken. Mit dem Spinnen aufzuhören.

Marga, sie war das doch, die nicht mehr recht bei Sinnen war.

Ein großes "Marga ich liebe dich" mit großem rotem Herz hatte Joachim auf seiner Netz-Heimatseite. Das mußte doch reichen, ihrem Jo zu schreiben. Statt dessen nahm Marga Jos Worte viel zu ernst, daß er ihr und Willy was antun würde. Daß er Willy die Fresse dermaßen zurechtschlug, daß die in der Zukunft noch windschiefer ausschauen würde.

Alles, was er bisher tatsächlich bei Willy angestellt hatte, war, Willy eine kleine gemauerte Hausaufgangsstiege hinunterzurempeln. Selber schuld, Willy, wenn der sich nicht auf den Füßen halten konnte, auf dem Rücken landen mußte. Obwohl er bloß drei Stufen runterstürzte, mit dem Kopf am Pflaster aufschlug, um Nasenbluten zu kriegen.

Hielt eben wenig aus, Willy. Erzählte er das Marga nicht schon früher? Wie das: Wie lange brauchte Willy im Bett? Eine Minute!

Willy hatte das selber Joachim gegenüber erörtert, wie sich eine bei ihm beklagte, über die Standfestigkeit seines Willys.

 

Wie sollte irgendwas Margas Herz erweichen, wenn Marga ihn überall blockierte? Marga hatte ihrem Jo zu erlauben, daß der ihr Schönes schrieb. Auch wenn das zuletzt vielleicht ein Fehler war, das zu versuchen, Marga bei ihren Freundinnen herunterzumachen, Marga-und-Willy-Bilder zu verschicken, die zeigten, wie Marga und Willy sich küßten. Aus einer Perspektive, die Willys windschiefe Fratze unvorteilhaftest ins Bild setzte. Während Marga selber dabei auch nicht besser wegkam. Fast, als passe sich Margas Gesicht dem Willys an.

Wenn Marga nie für was bei Joachim auf Joachims Seiten nachschaute, war alles für die Katz. Auch das, daß Joachim sich entschuldigte. Bei Marga, nicht bei Willy.

Gerne hätte Joachim das Margas Freundinnen besser kundgetan, was Willy für einer war. Nur, wenn es jede Marga gleichtat, ihn blockierte, was hatte er dahingehend für Möglichkeiten?

 

Daß Marga Ebola abbekäme, wünschte Joachim. Am besten wäre gewesen, wenn die Krankheit auch bei Willy ausbrach. Genauso bei Margas unsäglichen Freundinnen.

Dann zuckte Joachim erschrocken zusammen: Wie es aussah, hatte er eine derartige Erkrankung. Eine, die an Ebola erinnerte. Bei ihm wirkte alles, blutbesudelt und -verkrustet, als hätte er sich so was gefangen. Irgendwie. Ohne daß ihm klar war, wie er sich die Geschichte holen hätte können.

An die eine Filmdokumentation suchte er sich zu erinnern.

Eine verzweifelte weißhäutige Farmersfrau war in der Sendung zu sehen, der das Rote - Blut - nur so die Augenwinkel herunterlief.

Blutige Tränen, die die Frau weinte. Das Krankenbettlaken der Farmerin war über und über blutfleckig.

Es war zum Durchdrehen, an sich hatte Joachim dasselbe wahrzunehmen. Blut und blutige Verkrustung, wo immer er bei sich hinschaute.

 

Was Joachim an sich überblickte, stellenweise eine dicke Blutkruste. Die an vielen Stellen brüchig war. Blutrinnsale, die dazwischen hervortraten.

Der Eindruck all dessen, was er an sich mitkriegte, war fast schlimmer als bei der einen Farmerin. Was es in der Fersehprogrammdokumentation zu begucken gegeben hatte, war direkt weniger schrecklich.

Das Herz, das schlug Joachim bis zum Hals: Ebola?

Bloß - wo hätte er sich solch fürchterliches Zeugs einfangen können? Das hier war kühleres Europa, nicht heißes Afrika.

Die weiteste Reise, die Joachim in den letzten Monaten gemacht hatte, war die in den Baumarkt außerhalb der Stadt. Monate her.

Urlaubszeit war schließlich nicht.

 

Nur wegen Marga war Joachim nach der Arbeit oft im Stadtgebiet unterwegs.

Willy hatte er seinen Kummer wegen Marga kundgetan. Wegen ihm und Marga.

Willy hatte sich verständnisvoll gezeigt. Davon geredet, daß er Marga jede Entscheidung überließ. Wollte Marga zu Joachim zurückkehren, würde er das  sofort akzeptieren.

Willy, der abgrundtief häßliche Dreckskerl, der präsentierte sich Joachim, seinem ehemaligen besten Kumpel gegenüber, wirklich großzügig.

Marga und Willy - es war schlußendlich nicht zu glauben.

Bei Willy in der Wohnung hatte damals nicht das geringste darauf hingedeutet, daß Marga bloß zum Einkaufen weggegangen war. Joachim hatte Willy beruhigt verlassen, nachdem Willy gemeint hatte, er wolle vernünftig mit Marga reden. Marga das mit Joachim auseinandersetzen, daß Joachim bei ihm da war.

Seitdem hatte Joachim Willys Wohnräume nicht mehr betreten. Die Willy und Marga überdies nur dann und wann bewohnten. Eher seltener. Willy und Marga hielten sich zumeist dort auf, wo kein Joachim weit und breit war. Schon mal ein paar Tage bei der oder der Freundin.

Oder Willy und Marga gesellten sich zu einer guten Arbeitskollegin Margas, die Verständnis aufbrachte. Wenn Marga und Willy sich nicht irgendwo tageweise ein Zimmer mieteten.

Bei Willy war so Joachim der eine, einzige Freund, Kumpel gewesen. Auch auf seiner Arbeit hatte Willy weniger so die guten Kontakte. Nur Marga für sich auftun, das hatte Willy gekonnt. 

Willy, das ...

 

Urlaubsreise mit Marga - war noch nicht. Hatte sich nichts Echtes ergeben, seitdem er und Marga ein Paar waren.

Auf einer mehrwöchigen Reise war Joachim vor vier Jahren. Mit Hertha, mit der er zum damaligen Zeitpunkt zusammen war.

Mit Hertha hatte er südfranzösische Departments und norditalienische Provinzen bereist. Hübsche Landschaften gesehen. Im Jahr zuvor waren Hertha und er in Griechenland.

Seit dem mit Hertha war nichts mehr in der Art.

Dafür war er mit Marga zusammengezogen, als er eben Urlaub hatte. Als noch das mit Hertha war, hatten Hertha und er eigene Wohnungen. Jahrelang blieb es dabei. Einmal war man da, einmal dort.

 

Die Zeit mit Hertha war eigentlich mehr los, als da mit Marga. Marga sprach das Thema Ausflüge, Fahrten ins europäische Ausland nie an. Und weil Joachim so was auch nicht erwähnte, wurde das Gesamte ganz einfach vergessen.

Der Jahresurlaub mit Marga wurde auf Balkonien verbracht. Dann und wann im Freibad. Abends in einem Restaurant, im Theater. Oder bei Sonnenschein an dem oder dem Baggersee.

Jetzt war April. Mit Joachim hatte noch keiner gesprochen, wie er in diesem Jahr am besten Urlaub nehmen sollte.

Zum einen gehörten  Affen nicht das kleinste bißchen zur Leibspeise Joachims. Und weil es April war, hätte es für Ebola, das Stechmücken in sich weiter- und übertrugen, mitten in Europa zu kalt sein müssen. Viel zu kalt.

 

Das Herz raste Joachim schlagartig regelrecht. Ebola?

Plötzlich hing er ziemlich an seinem Leben, wünschte sich alles mögliche, nur nicht den Tod.

Ein Tod, der zu befürchten stand, gestattete er sich einen flüchtigen Blick auf sein Geschlecht, wo eine einzige Blutsauce vorherrschte. Von wo es irrsinnig herbrannte, daß Joachim sich wunderte, warum er von diesem schrillen Brennen bisher so wenig mitkriegte. Bis jetzt.

 

 

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