1. Teil: 3.5
Nicht so recht zu überblicken für Joachim, wie es bei ihm so zuging. Bei jedem Erwachen war irgendwas immer anders.
Jetzt war er wach, und es war ihm heiß. Ins Schwitzen, daß er geriet. Der Schweißfluß, der ihm böse ausbrach, der ...
Dieses Salzige, das biß. In einem Maße, daß das eine Pein war, eine Qual, daß die nächste Ohnmacht sich einstellen sollte.
Die Ohnmacht, die ließ sich jedoch bitten. Herbeizuwünschen war sie nicht. Alles war im Wachzustand zu ertragen, solange nichts erlöste.
Zwar hatte er weniger was von diesem unsäglichen Ganzkörperschmerzen. Nur, jetzt kamen andere unangenehme Sachen daher; es fühlte sich für Joachim an, als ob er ein mächtig hohes Fieber hätte.
Fast war zur Meinung zu kommen, daß es ihm zwar besser ging. Deswegen allerdings, daß er das mitkriegte, wie schlecht im Grunde sein Befinden war,
Fieber, Schwitzerei. Das war durchaus was Neues. Bewußt war ihm das nicht in der Weise.
Zuvor, wenn er geschwitzt hatte, war das mit Sicherheit in seinem schmerzensreichen Allgemeinzustand untergegangen.
Wenn alles Inklusive war. Nur, inklusiv war nichts mehr. DAS, das hatte sich geändert.
Fast nicht zu glauben, daß er echt glaubte, sich ein klein wenig erholt zu haben. Unter den augenblicklichen Umständen hätte er keine Erholung nötiger gebraucht.
Wenn alles kein Zustand war. Ein Übelstand. Wenn sich das elendige Miserable von zuvor in was ebenso Elendiges verwandelte. Etwas Mieses, aber aus einem anderen Blickwinkel.
Daß er langsam wieder der alte wurde, hatte nicht zu bedeuten, daß es ihm deswegen auch ein Stückweit besser ging. Es erging ihm vielmehr lediglich anders schlecht.
Der Schweißfluß, der biß abgrundtief. Hinein in die schwärenden Wunden seiner Poren. Wo weiterhin das Blut lief, daß womöglich jeder Arzt den Kopf geschüttelt hätte, darüber verwundert, daß da einer lebte, am Leben blieb.
Seine eigenen Krächz- und Stöhnlaute erlauschte Joachim.
Hatte was Wundbrand bei ihm angefangen? Kam die die Fiebrigkeit, die er empfand, von dem her?
Marga ließ sich nicht blicken. Stockie schwieg sich aus; scheinbar war wer bei Stockie daheim.
Nichts und niemand, der mal an Joachims Wohnungstüre rüttelte.
Dringende ärztliche Versorgung hätte er benötigt, die zarte Hand Margas, die ihn mit Wundsalbe einrieb. Überall. Den ganzen Körper.
Bloß, keine Marga auf Meilen nirgends. Als hätte Marga die Sprachnachricht Joachims nicht abhören wollen oder kümmerte sich einen Dreck darum. So gut, wie es ihr mit Willy ging. Mit Schiefmaul Willy.
Das schwor sich Joachim, daß Marga ihm das büßen würde. Marga würde ihm das bitter büßen, ebenso Willy. Willy und Marga, die beiden sollten auf etwas vorbereitet sein, sobald Joachim wieder zu was in der Lage war.
War die augenblickliche Geschichte zu überstehen, erholte er sich einigermaßen von dem unerklärlichen Spaß, würde Marga sofort die Rechnung präsentiert bekommen.
Nicht einmal nach Jo schauen, das wollte Marga. Das mußte Marga zahlen.
So wie Willy ausschaute, auf den Gedanken wäre Joachim nicht gekommen, daß Willy ihm je die Freundin ausspannen würde. Daß Willy sich das mal trauen würde, bei einem Zusammentreffen mit Joachim davon zu reden, daß er und Marga ein Paar wären, darauf hätte man in der Vergangenheit auch nur schwierig kommen können.
Die Stirn lief Salziges Joachim herunter, über die Wangen. Ihm in die Augen. Selbst hinten im Nacken und am Rücken spürte Joachim die Salzbisse.
Während er zusammengesunken am Fußbodenteppich dahockte.
Was war das für eine Folter. Schrill. Grell. Unerträgliche Pein.
Länger hatte Joachim keine Feuerräder mehr vor den Augen gesehen. Nun hatte er all die Phänomene auf neue zurück. Schweiß, Blut und überall eine Qual. Kein Folterer, Quälgeist hätte sich die Geschichte übler ausdenken können.
"Verdammt!" lauschte Joachm einer heiseren Stimme. Der eigenen.
Das Wort, die Stöhnlaute, das war er selber.
Weil Joachim was von sich gab, legte Stockie, der hellhörige Köter der Dottlers, aufs neue mit der Bellerei an.
Anscheinend hatte man Stockie wieder alleinegelassen.
Es klang, als wäre das Hundevieh der Dottlers am Flurgang genau unterhalb von Joachim.
Richtige Verzweiflung hatte der Klang des Gekläffes Stockies. Stockie winselte. Konnte Joachim sich nicht drauf entsinnen, Stockie Winseln gehört zu haben.
Oder war es Einbildung, daß Stockies Gewinsle sich verzweifelt anhörte?
Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, daß für Stockie irgendwas zum Verzweifeln war. Auf der anderen Seite waren Hunde oft nicht ganz bei Trost. Man konnte so einen Vierbeiner doch nicht ständig nach überallhin mitnehmen; der hatte auch mal ein Weilchen alleine daheimzubleiben. Unter anderem deswegen war Stockie auf der Hundeschule:. Damit mal nur er die Wohnräume bewachte. Die Dottlers, wenn sie daheimgewesen waren, würden sie demnächst wieder zu Stockie, ihrem Hundevieh, nach Hause zurückkehren.
Die Welt, für Stockie war sie in allerbester Ordnung. Nur für Joachim war momentan nichts, wie es früher mal war.
Für ihn war alle Welt zum Durchdrehen. Er war krank und einsam am Herumsitzen, ahnte nicht das kleinste bißchen, was ihm geschehen war. Wie alles für ihn so miserabel werden konnte.
Nicht mal Marga hatte Mitleid mit ihrem Jo. Keine Marga weit und breit. Obwohl er ihr eine Sprachnachricht geschickt hatte, auf der er sich doch mitleidserregend anhörte. Marga, das Miststück, ließ sich trotzdem einfach nicht vor der Wohnungstüre Joachims blicken. Hämmerte an die Tür, schrie herein, wollte wissen, was denn mit ihm, ihrem Jo, passiert wäre.
Am Fußboden rumhockend gewahrte Joachim sich. Nach der Wand patschte Joachims Hand, hinterließ dort den nächsten feucht-blutigen Abdruck.
In der Zwischenzeit waren das damit schon vier; nur daß die drei übrigen abgetrocknet waren
Als wäre das mit der Bluthand ein Zeichen, eins, daß was weiterzugehen hätte, beugte Joachim sich vor, stützte sich am Mauerwerk ab sich.
Das war es, sich mit dem Oberkörper an die Flurmauer drückend, versuchte Joachim sich im Knien darin, auf die Füße hochzukommen.
Stöhn- und Preßlaute hatte Joachim in den Ohren, die er selber hervorbrachte.
Zwischenrein bellte Stockie erregt, als wäre der Köter auch schwer mit dem einverstanden, was Joachim zur Sekunde anstellte. Weswegen die Misttölle deswegen so begeistert war, das war ihm unbegreiflich.
Fassen wollte Joachim sich bald nicht, aufs erstemal schaffte Joachim er es, sich aufrecht stehend an der Flurwand zu lehnen.
Als das größte Wunder in letzter Zeit empfand Joachim dieses Geschehen.
Leider war alles eine kurze Freude. Die Beine knickten Joachim unter dem eigenen Körpergewicht weg, als er sich voller Übermut vom Mauerwerk abstieß, freihändig ein Schrittchen unternehmen wollte.
Auf den Flurboden stürzte Joachim nieder, landete auf dem Rücken. Mit dem Hinterkopf knallte er auf auf den Teppich auf. Was den Aufschlag höchstens ein wenig dämpfte.
Ein greller Stern, der Joachim vor den Augen aufging. Eine Art Minisonne, die gelben Lichtschein schmeichelnd auf ihn herabscheinen ließ. Viel zu wohl fühlte Joachim sich dadurch. Überdies war ihm, als würde was an ihm wieder instandgesetzt, das ihn an den unteren Fortsätzen beim Fallen entzweigegangen war. Sterben sollte er nicht einfach, sondern weiterleben. Nur prekär sollte doch noch manches bei ihm sein, sobald er ...