1. Teil: 8.5
Aufgehockt hatte sich Joachim.
Freude bereitete ihm das nicht, auf seine Hand herunterzublicken. Kleine dünne Rinnsale Blut sah er kreuz und quer laufen.
Handinnenseite, -rücken.
Keine Ahnung hatte er, warum es ihm unvermittelt wieder aus den Hautporen herausblutete. Irgendwas Besonderes war von ihm nicht unternommen worden.
Oder war der Fehler der, sich am Flurboden seiner Wohnung aufzusetzen? Bloß, vorhin war ihm das Blut noch nicht gelaufen, als er schon mal herumgesessen war.
Das mit der Bluterei nahm einmal ein Ende. Momentan allerdings konnte er gucken, das Geblute hörte deswegen nicht wieder auf.
Auch anderes hielt Wiederkehr: das Flirren vor seinen Augen. Dazu eine Übelkeit, dumpfe Benommenheit.
Richtig wie in Wellen kam der Schmerz angerollt. Erst heftig, dann zog sich die schmerzensreiche Woge zurück, klang praktisch ab, um einige Augenblicke Ruhe zu geben. Eine Täuschung, denn die schmerzensreiche Woge kam neuerlich angebrandet.
Momentan wollte die Not Joachim ewig währen.
Ans Sterben dachte er, wünschte sich den Tod.
Einzig und allein, das mit dem Todeswunsch reichte nicht. Da hätte bei ihm schon mehr geschehen müssen.
Wegen des allgemeinen Übelzustands war er nicht in der Lage, irgendwas zu unternehmen, anzustellen. Deswegen wurde aus dem mit dem Ableben nichts. Selbstmord zu begehen, dazu hätte es ihm tatsächlich besser gehen müssen.
Mit nichts war es demnach irgendwas. Alles ein Ding der Unmöglichkeit, genauso, wie das, sich auf vernünftigeweise erklären zu können, was viel zu lange bereits mit ihm los war.
Stockie in der Wohnung der Dottlers unter Joachim schien auch manches Gutes zu vermissen.
Ziemlich jämmerlich winselte, heulte Stockie in der Gegend rum.
Joachim, es war ihm bewußt, was gerade bei ihm los war. Was sich derweil bei Stockie abspielte, daß der sich so erbärmlich anhören mußte, dahingehend fehlte ihm total der Überblick. Geradezu jegliches das Verständnis.
Die Dottlers mußten die vergangenen Tage schon öfters heimgekommen sein, Stockie schon mal Gassi geführt haben.
Der Vierbeiner unterhalb, der war mit Sicherheit bestens mit allem versorgt. Fressen im Futterschüssel, Wasser in der Trinkvorrichtung. Während bei Joachim niemand für irgendeine Kleinigkeit sorgte. Keiner, der die Wohnungstür aufsperrte und zur Türe hereinkam.
Seitdem Marga ihn vor Monaten verlassen hatte, lebte er alleine in seiner Bude. Bezahlte viel zuviel Miete für die Zimmer. Eine möblierte Einzimmerwohnung hätte es für ihn selber auch getan.
Das Kinn reckte Joachim, glotzte nach den Flurwänden. Voraus waren die Sicherheitsketten an der Tür vorgelegt, und der Wohnungsschlüssel steckte. Drinnen.
Weswegen er in jüngster Vergangenheit wohl nicht viel Besuch hatte.
Bedächtig legte Joachim sich zurück, lag wieder auf den Rücken. Das Gesicht drehte er seitlich nach rechter Hand - und befand sich mit einem Teil Schläfe und Wange in etwas Härterem und doch Weichem, das er auseinanderklatschte.
Gestank stieg Joachim nicht unmittelbar in die Nase.
Angenervt ruckte er sein Haupt in die Höhe, schaute nach, was das war, in das er sich mit dem Kopfverdrehen reinlegte.
Die etwas angetrocknete Pampe, die Joachim überblickte, sah nach Kartoffelchips aus. Als als hätte jemand Chips erbrochen.
Ein Beweis, daß er aus der Chipspackung gegessen hatte. Anscheinend ein wenig zuviel von dem salzigen Zeug. Die ausgeleerte Packung hatte er vorhin in den Fingern gehabt.
Eindeutig klar, wer das war, der sich hungrig an den Chips vergriffen hatte: er selber. Er hatte die gesamte Packung mit Kartoffelchips leergefressen - und später dafür bezahlt. Hochgekommen war ihm einiges.
Wahrscheinlich, weil er zu schnell zu viel auf einmal in sich reingestopft hatte. Überdies eine Ware, Kartoffelchips, die man sich nicht unbedingt unter dem vorstellte, was einer essen sollte, der hungrig war, länger schon nichts mehr gegessen hatte.
Es war zu eklig, es hob Joachim.
Darüberhinaus geschah nichts. Nur das Würgefühl, das ihn bedrängte.
Von der Stelle mit dem Kartoffelchipserbrochenen wollte Joachim fort - und konnte das bringen, sich fortzuschieben.
Überraschend gut klappte die Geschichte. Beinahe, als könnte ihm noch mehr klappen, hinhauen.
Aufstehen konnte er trotzdem nicht. Was wollte das aber auch? Es reichte, wenn er in der Lage war, sich rumschieben zu können. Auch so kam er überallhin, brauchte für eine Strecke nur ein bißchen länger.
Nach seiner Wohnungstür starrte Joachim. Überblickte die Türketten, die wie eh und je vor waren.
Etwas ziemlich Doofes, eingesperrt zu sein.
Währenddessen er sich das doch wünschte, daß Leute zu ihm reinkommen konnten. Der Notarzt, Sanitäter. Steckte der Schlüssel der Wohungstür innen, hatte es der Hausmeister mit seinem Universalschlüssel ebenfalls schwer, rief er dann bei dem Mann an.
Schwer für Joachim, was er für Ideen gehabt hatte.
Überlegte er sich, daß er er mit der Kartoffelchipspackung und der Mineralwasserflasche aus der Küche gekommen war.
Um sich am Flurgang seiner Wohnung niederzulassen, die Chipspackung aufzureißen und aus ihr zu essen. Da mit Wasser hinterherzuspülen.
Dazu war vonnöten, der Wasserflasche den Verschluß herunterzuschrauben. Wofür ein gewisser Kraftaufwand notwendig war.
Erinnerte sich Joachim, daß er früher schon mal des öfteren für einen Plastikverschluß eine Zange brauchte.
Oder war anderes bei ihm in den Wohnräumen geschehen?
War Marga doch bei ihm in der Wohnung gewesen? Hatte Marga zu ihm gemeint, er solle sie rauslassen und die Ketten wieder vorlegen, wenn sie draußen war?
Am Fußboden hockend könnte er darauf warten, bis sie in ein paar Minuten zu ihm zurückkäme.
Kein Ding der Unmöglichkeit, nachdem es ihm so gut ging, daß er eine Chipstüte aufreißen und einer Mineralwasserflasche den Verschluß herunterschrauben konnte.
Bloß - weshalb sollte Marga denn fortgehen, Joachim in seiner Wohnung zurücklassen? Marga hatte ein Phon. Das sie sich einfach an Ohr halten hätte können, den Notarzt herbeizurufen.
Ein Blick auf Joachim genügte. So wie alles an Joachim ausschaute, sich bei ihm verhielt, hätte Marga, wäre sie wirklich dagewesen, für eine ärztliche Versorgung Joachims Sorge tragen müssen.
In einem Krankenhausbett hätte Joachim zu sich kommen müssen, nicht bei sich daheim am Wohnungsflur.
Den Einfall, Chips zu fressen, denen Wasser hinterherzuspülen, den fand Joachim obskur. Hatte er nicht verschiedene Sorten Joghurt in seinem Kühlschrank?
Diverse Geschmäcksrichtungen.
So schnell war da noch nichts am Ende seines Ablaufdatums, daß die Joghurtbecher in den Abfall zu werfen waren.
Sobald Marga dann zurückkam, war das für Joachim ein Problem, die Sicherheitsketten runterzunehmen. Aufzusperren.
Allerdings war Marga bis jetzt noch nicht wieder zu ihm vor die Wohnungstür zurückgekehrt.
Oder hatte Marga schon bei ihm vorbeigeschaut? Derweil er nichts von Margas Anwesenheit draußen mitkriegte.
Oder hatte er Marga beleidigt, und Marga war einfach mir nichts, dir nichts weggegangen? Kein Ding der Unmöglichkeit, daß Marga kehrtmachte, nachdem sie Beleidigungen vernahm.
Aus Joachims Mund nichts Neues für Marga.
Joachim, dem ging es aufs neue reichlich dreckig. Vom Boden hochzukommen, das war locker nicht zu bewerkstelligen. Und mit dem, sich voranschieben zu können, war es nicht mehr viel.
Schwer zu sagen, was Marga plante, sich für Joachim überlegte, wenn es bei Joachim ewig das gleiche blieb.