1. Teil: 10.2
Jo, der Revolvermann, kam nicht von der Stelle weg. Wartete lieber weiter unbestimmt an der Vorderfront des Farmhauses auf irgendwelche Geschehnisse.
Nicht noch mal wagte Jo, der Revolvermann es, sich aus dem Sattel auf dem Rücken Susans, des Wallachs, zu erheben und abzusteigen. Aus Furcht, die weiße, wattierte Masse würde unter seinen Stiefeln augenblicklich nachgeben, kaum, daß er unten aufkam.
Unter den Laufbeinen Susans, des Wallachs, erschien alles fest, hart. Allem Gewicht des Wallachs zum Trotz; der Wallach, der überdies Jo, den Revolvermann, aufsitzen hatte.
Was vorhin passiert war, als er mit beiden Stiefelfüßen auf der Bodenfläche herumstand, das war Jo, dem Revolvermann, Hinweis und Warnung genug. Nochmals würde er mit Sicherheit das Glück nicht haben, aufs erste Zugreifen den Bauchgurt des Sattels zu fassen zu kriegen.
Zweimal wiederholte sich derartiges nicht, die Finger einzuhaken und zupacken zu können, wenn der Gurt straff genug gezogen war.
Ereignislosigkeit war. Langeweile.
Sicherlich auch deswegen, weil Jo, der Revolvermann, Susan, dem Wallach, nicht kehrtmachen ließ, nicht davonritt. Als sollte doch noch mal irgendwas Unerwartetes geschehen, das einer verpaßt hätte, wäre er weggeritten.
Dieses Wohnhaus samt den größeren, kleineren Nebengebäuden komischerweise auf einer bauschigen Wattewolke errichtet. Alles rundherum nichts weiter, als so eine Örtlichkeit innerhalb einer bauschigen Schönwetterwolke.
Darauf entsann Jo, der Revolvermann, sich genau, daß die Wattebauschwolke nach Schönwetter ausgesehen hatte, nach sonst nichts. Daß drinnen in der Wolke irgendwas wie ein weitläufiges Farmgelände mit Umzäunung sein könnte. Ein abgesteckter Grund und Boden, auf dem ein richtiges Reiche-Leute-Hauptgebäude mit größeren, kleineren Stallungen und einem Silo mit Windrad sich präsentierte, das wäre ihm nie eingefallen, als er im Sattel auf der Rückenpartie hockte Susans, des Wallachs, der galoppierend auf das Wolkengebilde zujagte, weil sich die Wolken in der Umgebung in Auflösung befanden.
Mit schönem Wetter hatte drinnen in der Wolke nichts das geringste zu schaffen. Wenn zu überlegen war, daß auch hier im Wolkeninnern alles sich zu jeder Sekunde in Luft auflösen konnte. Selbst Jo, der Revolvermann.
Schwer zu sagen, ob Jo, der Revolvermann, wirklich war. Auch Jo, der Revolvermann, der konnte dieser Welt nichts als ein Spuk sein.
Schließlich, nahm man manche Dinge einigermaßen ernst, war es eine Unmöglichkeit, sich ohne weiteres in einem watteartigen Wolkengebilde aufhalten zu können.
An einem Ort innerhalb dieser Wolke, in dem darüberhinaus ein Großgrundbesitzer noch ein Gebiet umzäunt hatte. Und nebenher Bauwerke aus Holz von Arbeitern errichtet waren.
Jo, der Revolvermann, wußte nicht mehr länger, was er von allem halten sollte. Bald war nichts mehr wirklich. Alle Welt rundherum eine Traumszene, weiter nichts. Etwas, das sich jederzeit sofort in Luft auflösen konnte. Wie irgendeine Luftspiegelung.
Trotzdem ließ sich das nicht leugnen, Jo, der Revolvermann, hatte verzweifelt nach dem Bauchgurt Susans, des Wallachs, gegriffen. Glücklich war er, sich unverhofft an dem Gurt festhalten. Und das, obwohl er sich einfach abstürzen lassen hätte können.
Weiterhin wußte nichts davon, was mit ihm geschehen wäre, wenn er nach einem kleinen Flug unterhalb auf fester Erde aufgeschlagen hätte.
Demnach, leicht war das nicht. Für Jo, den Revolvermann. Das Letzte, das blieb ein Wagnis. Etwas Unübersichtliches. Von dem man zwar vieles meinen konnte. Nur, wenn es nicht sein MUSSTE, brauchte man diese Gewißheit der Wirklichkeit nicht. Da war es ihm lieber, sich im Sattel auf der Rückenpartie Susans, des Wallachs, zu entdecken. An einem traumhaften Platz herumgucken zu können. Nach links und rechts, soweit er eben den Hals verdrehen konnte. Während ihm nichts passierte. Kein Schuß fiel. Nichts tat sich, was Jo, den Revolvermann, aus dem Ledersattel am Rücken Susans, des Wallachs, geholt hätte.
Nochmals bestaunte Jo, der Revolvermann, die mehr oder weniger kaputt geschossenen Verandalatten. Die sechs Fensteröffnungen des Farmgebäudes, die weg- oder herabhängenden Fensterläden.
Wo noch Verglasung sichtbar war, wußte Jo, der Revolvermann, daß von den Glasscheiben nur noch Scherben in den Rahmen verblieben waren.
Eine Schießerei hatte hier stattgefunden. Von außerhalb hatten Leute auf die drinnen im Haus geschossen. Und das Gewehr- oder Revolverfeuer war von innerhalb nicht unerwidert geblieben. Wer immer getötet oder verletzt worden war, keiner war mehr da oder blieb liegen.
Die eine Fensteröffnung, bei der eine Holzladen Richtung Haustüre sogar nach der Seite herunterhing, faszinierte Jo, den Revolvermann.
Die Augen kniff Jo, der Revolvermann, zusammen. Befand sich dort jemand seitlich, lugte zu Jo, dem Revolvermann, heraus?
Beide Seiten der glaslosen dunklen Fensteröffnung?
Dann waren es mindestens zwei. Zwei Figuren, die drinnen ... Bisher vermutete Jo, der Revolvermann. lediglich Marga, die Barfrau, im Innern.
Darauf wartete Jo, der Revolvermann, daß sich unvermittelt ein Gewehr- oder Revolverlauf vorschob, um ins Freie hinaus zu zielen. Nach ihm hin.
Unvermittelt glaubte Jo, der Revolvermann, kurz eine Bewegung wahrzunehmen. Allerbeste Flüchtigkeit.
Von so was hatte Jo, der Revolvermann, bis zu dem Momentchen noch gar nichts in Wahrnehmung.
Das ärgerte Jo, den Revolvermann, daß er zusammengezuckt war.
Ein ziemliches Ärgernis, daß, wer immer sich im Gebäudeinnern aufhielt, mitbekommen haben mußte, daß Jo, der Revolvermann, zuckte. Statt alles teilnahmslos, kühl hinzunehmen.
Überdies war es nicht Sinn und Zweck der Angelegenheit, herumzuzucken. Wenn, dann hätte die Zuckung die sein müssen, einen seiner Revolver zu ziehen. In Anschlag zu bringen. Selbst ein Schuß hätte fallen dürfen, Jo, der Revolvermann, er wäre sich nicht böse gewesen.
Aber so ...
Glattweg war das ein Gesicht, das Jo, der Revolvermann, eine Sekunde zu ihm herausschauen sah.
Als wolle irgendwer noch einmal ganz genau die Lage beim auf seinem Gaul hockenden Jo, den ein jeder überall zusätzlich Revolvermann hieß, überblicken.
Die Visage konnte auch die eines Mannes gewesen sein. Das einer Willy-Ratte? Die Willy-Ratte, die nichts weiter gewahrte, als daß Jo, der Revolvermann, die Zügel Susans, des Wallachs, in beiden Händen hielt.
Alles scheinbar weit entfernt von seinen beiden Revolvern in den Lederholstern an den Hüften.
Fast freute Jo, den Revolvermann, das. Daß es nicht danach aussah, daß mal eine Gefahr drohen könnte, durch Jo, den Revolvermann. Hätte wer drinnen im Wohnhaus nicht um den Ruf Jo's, des Revolvermannes, Bescheid gewußt, hätte er sich möglicherweise überhaupt keine Sorgen gemacht. Wäre wahrscheinlich schon herausgekommen, sich Jo, dem Revolvermann, gegenüber aufzustellen. Breitbeinig. Vielleicht mit einem Revolvergurt um die Hüften. Oder ein Gewehr lässig in den Pfoten.
Nur, von Jo, dem Revolvermann, von dem war es bekannt, wie übelschnell er war. Und vor allen Dingen: Jo, der Revolvermann, er hatte die Revolver nicht nur ratzfatz in den Finger, er konnte auch überall mittenrein treffen. Zwischen die Augen. Oder in die Mitte eines hochgeworfenen Golddollars.
Jo, der Revolvermann, der verfehlte nicht oft ein Ziel, wenn er gezogen hatte und Schüsse abgab.
Nochmals, daß Jo, der Revolvermann, sich zu ärgern hatte. Daß er zusammenfuhr, das wiederholte sich.
Erneut hatte er gezuckt, ohne einen Revolver gepackt zu halten.
Die eine Holztüre des Farmhauses, die aufschwang. Die eine Türe, zu der Jo, der Revolvermann, nicht einmal hingelangen hatte können, an ihr anzuklopfen.
Von drinnen war geöffnet worden.
Diejenige, die mit bedächtigen, langsamen Bewegungen zur Haustür herauskam, war Marga, die Barfrau.
Die Holztüre, daß Marga, die Barfrau, hinter sich zuzog, als wolle sie damit verhindern, daß noch jemand hinter ihr hinterherkam.
Es kam Marga, der Barfrau, auch niemand hinterher, denn die Tür, die blieb zu. Und auch an keiner Fensteröffnung war irgendein Geschehen, daß Jo, der Revolvermann, einen Anlaß hätte sehen können, seine Revolver nach vorn zu recken.
Marga, die Barfrau, die blieb in ihrem breiten Kleid, das nach Hochzeit aussah, alleine oben auf der Schreitfläche der Veranda stehen.
Mit ausdrucksloser Miene guckte sie Jo, dem Revolvermann, entgegen. Blendend, das Weiß, in das Marga, die Barfrau, gekleidet.
Nicht länger dieses eine weiße Laken, in dem sie an einer Wolke nach der anderen vorüberschwebte. Eine echtes, breit tailliertes Brautkleid kleidete sie, Marga, die Barfrau. Eine Brünette, Marga, die Barfrau. Als hätte sie einmal ihr Äußeres verändern müssen.
In den Fingern kribbelte es Jo, den Revolvermann. Den Revolver aus dem Lederholster an seiner rechten Hüfte herauszureißen, einfach mal so ein, zwei Schüsse auf Marga, die Barfrau, abzufeuern. Dann nach dem Sinn und Zweck von allem zu fragen.
Marga, die Barfrau, die eine, die alleine aus dem Innern des Farmhauses herausgeschritten kam. Auf beiden Beinen nun fest auf den Holzbohlen herumstand, ohne daß von diesen Frauenbeinen oder dem Schuhwerk an den Füßen Margas, der Barfrau, viel zu erkennen war. Angesichts des weißfarbenen, mit Spitze übersäten, langen Brautkleids.
Marga, die Barfrau, die sich als ein Weib auf der sicheren Seite fühlte. Scheinbar der Meinung war, daß Jo, der Revolvermann, so was wie Anstand kannte, Konvention. Womöglich lag das daran, weil Jo, der Revolvermann, sich früher nur selten so verhalten, als hätte das was zu besagen, daß er Marga, der Barfrau, eigentlich nicht nur jedesmals einen Blumenstrauß zukommen ließ, sondern ihr Golddollars rüberzählte, sobald sie auseinandergingen.
Außerdem war Marga, die Barfrau, nicht die, hinter der Jo, der Revolvermann, her war. Wenn Marga, die Barfrau, sich ihm gegenüber aufstellte, hatte Jo, der Revolvermann, nichts davon, auf sie schießen.
Allerhöchstens, eine Unterhaltung war das, die Jo, der Revolvermann, mit ihr, Marga, der Barfrau, suchen würde. Ein Gespräch mit ihr führen.
Kaum bezähmen konnte Jo, der Revolvermann, sich, an der gegenwärtigen Weise Margas, der Barfrau, was zu ändern. Daran, wie Marga, die Barfrau, fest am Boden dastehen konnte. Daß sie zu Bewegung fähig war, ausschreiten und herumstehen konnte, das hatte Jo, der Revolvermann, lange nicht mehr an seiner alten Freundin gesehen hatte.
So lebendig hatte Marga, die Barfrau, seit einem Weilchen nicht mehr ausgesehen. Auch wenn das um die Hüften breite Kleid, das Marga, die Barfrau, am Leib anhatte, bedenkenswert an jenes Hochzeitskleid erinnerte, in dem sie in der Willy-Stadt Pain Way vor dem Antlitz Jo's, des Revolvermannes, erschienen war. In Pain Way ebenfalls zunächst noch daherschreitend. Nichts an Marga, der Barfrau, hatte damals in der Willy-Stadt gewirkt, als wäre das die Möglichkeit, was wenig später bei und mitgeschah: daß siedurchsichtig zu werden anfing, sich wie ein Geisterwesen in die Lüfte erhob und dort herumschwebte.
Marga, die Barfrau, abermals wie eine für eine Hochzeit angezogen, glotzte hintergründig nach Jo, dem Revolvermann, hin. Jo, der Revolvermann, der keinen seiner Sechsschüsser zog, glotzte zurück.
Auch wenn Jo, der Revolvermann, es nicht fassen wollte. Das nicht faßte, wie Marga, die Barfrau, ohne weiteres dastand. Ohne ihm von einem Augenblick zum anderen zu entschwinden, nach der Art eines Geistes.
Marga, die Barfrau, blieb auf der Stelle stehen. Und es blieb dabei, daß sie es war, Marga, die Barfrau. Mit verschlossener Miene präsentierte sie sich schweigend Jo, dem Revolvermann. Mit brünettem, hochgestecktem Haar. Eine in Weiß. Wie für einen Hochzeitstag. Marga, die altbekannte Barfrau.
Marga, die Barfrau, die sich nicht regte. Jo, der Revolvermann, der sich nicht regte. Susan, der Wallach, der gleichfalls zur Salzsäule erstarrt schien.
Alles andere als ein körperloses, gespenstisches Wesen, Marga, die Brünette.
Ziemlich gegenwärtig erschien die eine, die Marga, der Barfrau, gleichsah, überlegte Jo, der Revolvermann, sich mal, ließ seine Rechte doch Richtung Revolvergriff herabfallen, streifte das Perlmutt an der Griffseite.
Mit weit aufgerissenen Augen reckte Marga, die Barfrau, Jo, dem Revolvermann, beide Handflächen entgegen.
Goßzügig winkte Jo, der Revolvermann, ab. Patschte Susan, dem Wallach, mit der Linken den Hals.
Es stimmte doch, entsprach der Wahrheit: Was sollte er an eine Unbewaffnete eine seiner Kugeln verschwenden? Solange Marga, die Barfrau, keine Waffe hervorbrachte, unterlag sie keinen Fehleinschätzungen. Solange Marga, die Barfrau, Jo, dem Revolvermann, keinen Anlaß bot, auf sie zu feuern, war geradezu nichts für Jo, den Revolvermann, zu machen.
Nochmals drängte sich das Jo, dem Revolvermann, ins Bewußtsein, daß Marga, die Barfrau, das eine Aussehen hatte, als müßte jeden Moment ein Ein- oder Zweispänner vorfahren, sie zu einer Trauungsfeierlichkeit zu kutschieren. Mit sich als Braut.
Selbst eine breite, geschlossene Hochzeitskutsche hätte Marga, so wie sie aussah, abholen können.
Bloß noch einzusteigen hätte Marga gebraucht, auf einem Polstersitz im Kutscheninnern Platz zu nehmen. Vielleicht neben einem Willy, der den Brautvater spielte.
Nur - durfte hier ein Kutschgeschäft von irgendwoher auftauchen? Auch noch mit einem Willy am Kutschbock, einem Willy, der den Schlag der Kutsche öffnete, ausstieg, späterhin Stiegen herunterklappte?
Ein Willy, der Marga, der Barfrau, die Hand entgegenstreckte, damit Marga, die Barfrau, zu ihm hinkam. Wonach der Willy ihr die einen schmalen Stufen hinaufhalf. Kurz darauf, daß auch die Willy-Bagage zurück ins Kutscheninnere kletterte, drinnen neben Marga, der Barfrau, sein Plätzchen einzunehmen.
Ohne Blei aus den Sechsschüssern Jo's, des Revolvermannes, zu spüren zu bekommen? War das für einen der Willys oder für Marga, die Barfrau, denkbar, daß Jo, der Revolvermann, reglos blieb, nicht auf jeden Willy feuerte?