1. Teil: 10.6
Joachim fand, seine Gedanken drehten sich im Kreis, sonst nicht. Seit einer halben Ewigkeit schien er dasselbe zu denken.
So was, wie: Die Notrufnummer, die müßte er wählen. Damit ein Krankenwagen herbeikäme.
Anders war das nicht zu sehen, als daß ihm der Notarzt, nachdem der kurz einen Augenblick auf ihn herunterblickte, ihm augenblicklich eine Kanüle legte und er sich an einen Tropf angehängt wiederfand.
Alles kein Problem: Das Haus hatte einen Personenaufzug, groß genug, daß in ihm auch Platz für eine höhergelegte Liege auf Rädern war.
Überdies: Auch die Nummer seines Hausarztes hatte er am Phon auf der Telefonliste gespeichert.
Der Mann mit dem Doktortitel, der würde wohl kaum auflegen, wenn Joachim ihn anrief, ihm was die Notlage auseinandersetzte, in der er sich befand. Vor allem war der im Arztkittel Tag und Nacht anzurufen.
Demgegenüber war Personaler Menzle nur werktags während den Arbeitszeiten erreichbar. Wie ebenfalls nicht am Wochenende. Da hätte Joachim eine der Privatnummern Personaler Menzles haben müssen. Wenn man bei der Arbeitsplatzproblematik, wollte man von Personaler Menzle etwas, den Mann schon selber in der Leitung haben mußte. Jeder andere als Joachim war für Personaler Menzle uninteressant.
Wollte Joachim demnach seine Arbeitsstelle behalten, mußte er die Hausarztgeschichte für Joachim so weit geklärt sein, daß das mit dem ärztlichen Attest klarging.
Längst mußte Personaler Menzle die Tage den Kollegen Joachim Herrmann am Kieker haben. Joachim, der nicht auf Arbeit erschien und noch kein einzigesmal in der Firma angerufen hatte.
Nicht einen Ton einer Erklärung für seine Fehltage, die Joachim bisher abgab. Als mache er blau, sonst nichts.
Personaler Menzle, der für nichts das kleinste bißchen eines Verständnisse aufbrachte. Für Personaler Menzle war es wesentlich, solange Joachim nicht verstorben war, daß Joachim im Betrieb anrief und bald ein Ärzteattest vorweisen könnte.
Einmal die vergangenen Tage hätte Joachim zwingend zwei Telefonate zuwege bringen müssen. Einmal mit seinem Hausarzt, und dann mit Personaler Menzle, dem erzählen, daß das ärztliche Attest schon unterwegs war.
Zumindest dann, wollte Joachim sich nicht arbeitslos melden.
Auch aus dem Krankenhaus hätte ein Doktor mit Personaler Menzle telefonieren dürfen. Nur hatte Joachim sich noch nirgends gemeidet. Weit und breit nichts, daß etwas für Joachims ärztliche Versorgung unternommen wurde.
Verzweifelt fühlte Joachim sich. Verlassen von der Welt.
Auch das war zum Verzweifeln: Sein Smartie hatte er eingeschaltet gehabt. Ohne damit allzuviel anzustellen. Nur auf eins versessen: bei Marga was zu veranstalten. Marga sollte reagieren. Eine Nachricht schreiben oder die Musik spielen lassen.
Ansonsten wünschte Joachim sich nicht viel, außer Kleinigkeiten mit Marga. Geradezu, als ginge es ihm bestens.
Dabei war die Geschichte zum Durchdrehen. Erst mal: seine Wohnung, die war nicht eben billig. Alles mußte einwandfrei bezahlt werden, wozu Marga früher einen Beitrag leistete.
Eine Begebenheit, von der im Heute nicht mehr die Rede sein konnte. Wenn er seine Arbeit nicht behielt, er nicht sofort eine neue Arbeitsstelle zur Hand hatte, weil Personaler Menzle die Kündigung sicher nicht mit freundlichen Worten garnierte, dann ...
Ohne Geld jeden Monatsanfang auf das Konto, konnte er das mit Marga rasch vergessen, ihr weniger Marga hinterhersetzen. Marga und Willy nicht mehr auf der Pelle bleiben. Willy, dem Dreckskerl, dem mal wo ein Bein zu stellen, daß sich der vielleicht was brach, das wäre es gewesen.
Die zornige Erregung nützte, daß Joachim losmachte, sitzend in die Kücheninnenwelt hineinzurutschen, -rucken.
Sein schmerzendes Hinterteil brachte er ärgerlicherweise nicht vom Boden hoch, daß es sich anfühlte, als würde er am Hintern und den Unterseiten der Schenkel heftig bluten.
Auf den Küchentisch machte Joachim zu, auf dem Flaschen herumstanden. Eine Mineralwasser-, Cola-Flasche, zwei Weinpullen und drei Dosen Energiegetränk.
Zweimal Wein? Dreimal Koffeinhaltiges, das den Herzschlag beschleunigte, wenn es einem so schon mies ging?
Zwei Packungen Kartoffelchips sah Joachim zudem am Fußboden herumliegen.
Kartoffelchips?
Die Chipspackung war aufgerissen, die Chips rundherum verstreut. Als wäre die Tüte aufgerissen worden und eine Sekunde darauf von der Anrichte heruntergekippt. Oder wurde geöffnet fallengelassen.
Seine Hände hielt Joachim sich vors Gesicht, sah es herausbluten. Überall am Körper hatte er das Gefühl, es liefe ihm da was Blut, und zwar in Strömen. Viel zu viel.
Blutrinnsale betrachtete Joachim, wo immer er an sich hinschaute. Überall brachen sie sich ihren Weg.
Ein böser Zustand, alles durch die Herumrutscherei und die Anstrengung verschlimmert.
Bloß, reglos herumzuliegen, das half gegen nichts.
Einen gewissen hintergründigen Schmerz spürte Joachim.
Wenn das von überallher wieder mal schlimmer loslegte, war zu befürchten, daß die Welt für ihn fast nicht auszuhalten war.
Dann war er vielleicht wieder wo, als Jo der Revolvermann. Kehrte Jo der Revolvermann zurück.
Dringend wünschte Joachim sich sein Phon. Und diesmal nicht nur für irgendwas, das mit Marga zu tun hatte. Willy konnte ihm ebenfalls gestohlen bleiben. Einen Freund brauchte er Willy des weiteren nicht mehr nennen.
Oder - war einer, der ihm die Freundin ausspannte, mit der er mittlerweile schon für ein Weilchen in einer Wohnung zusammenwohnte, tatsächlich noch wer, den man Kumpel heißen konnte?
Es waren doch die der Ärzteschaft die, die er momentan dringender brauchte - und nicht irgendwelche Handreichungen Margas. Wenn Marga nicht das bißchen irgendwa unternahm, damit hier Aufklärung zu erlangen war. Dinge, die mußten Joachim schließlich in allen Einzelheiten erläutert werden.
Wer mußte ihm das erklären, was ihn da an Schlimmem erwischt hatte. Sich über Nacht in einem Zustand zwischen Leben und Tod vorzufinden, das war nicht zu begreifen. Für ihn war es wie ein unerklärlicher Angriff aus dem Nichts. Nichts dergleichen hatte er jemals zuvor erlebt. Das Ergebnis von Bier, Wein und Schnaps war das keinesfalls.
Im Grunde blieb es seit seinem Zusichkommen dabei, daß er ziemlich plafond war. In einem Maße, daß er mit jeder einigermaßen vernünftigen Erklärung zufrieden gewesen wäre.
Zwei Metallfußstühle blickte Joachim in seiner Küche, an den Tisch geschoben. Der eine war ein wenig vollgebluteter als der andere.
Vielleicht, weil Joachim früher schon auf ihm herumgesessen war.
Auf der einen schwarzlederngepolsterten Sitzfläche des gegenüber befindlichen Küchenstuhls entdeckte Joachim unvermittelt ein flaches, schwarzes Rechteckteil mit abgerundeten Ecken: ein Phon. Sein Phon.
Nur, das Ding war alles andere als angesteckt. Kein Verbindungskabel verief von hier nach dort oder so. Kein Akku, der hier lud.
Weit und breit oben auf der Tischfläche keine Steckerleiste. Außerdem hatte Joachim seine Telefonie sowieso irgendwo auf der Küchenablage vermutet. Daß das Ladegerät nahe dem Küchenherd oder der Spüle in eine Leiste eingesteckt war.
Die Telefonie hätte fürs Laden mit dem Kabel verbunden gewesen sein müssen.
Doch war weit und breit nichts zu erkennen, das mit einer Akkuladegeschichte in Zusammenhang zu bringen war.
Lediglich das schwarze, blutschmierige Smartie war auf die Küchenstuhlsitzfläche plaziert.
Alles die reinste Einbildung. Die reinste Gaukelei, ein Hirngespinst, daß ein Kommunikationsgerät, das ihm gehörte, lud. Oder lange geladen sein könnte.
Nichts damit, daß er sich nur umzusehen brauchte, wo die Telefonie herumlag. Um sich zu überlegen, welche Umstände er hatte, an die Gerätschaft ranzukommen. Später einzuschalten und zu versuchen, sich irgendwie auf die Zahlenfolge der PIN zu entsinnen.
Was nichts Unmögliches, daß er die Zahlen plötzlich wußte. Wenn er das schon mal getan hatte, das nichts Geträumtes war, daß er das Phon schon mal eingeschaltet hatte.