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Blog von TeddeMehr

"Briefprotokolle der Detektei" (21.07. - 23.08.), No. 1

28. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Gregor Weil-Esch junior, Datum: 21.07.xxxx

 

 

"Sehr geehrter Herr Weil-Esch junior,

wir von der Detektei Umschau, wir wollen Ihnen gegenüber unser tiefempfundenes Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Nachdem es jetzt - auch durch die fortgesetzte detektivische Beschäftigung der Detektei Umschau mit der Angelegenheit -, zur traurigen Gewißheit geworden ist, daß Ihr Vater, Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, ums Leben gekommen ist.

 

Daß Herr Doktor Gregorius Weil-Esch tot ist, das ist nicht nur ein schwerer Schlag für seine Familie, seine Ehegattin, Kinder, Verwandten. Mit Sicherheit auch für die Belegschaften der Firmen, die Herr Doktor Gregorius Weil-Esch besitzt.

Wir von der Detektei Umschau sind wegen des jetzt feststehenden Todes Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, der der Detektei Umschauschon den einen oder anderen Fall zur detektivischen Prüfung erteilt hatte, in tiefer Trauer.

Es gab in der Vergangenheit immer wieder Zeiten, während denen die Detektei Umschau für niemanden anderen arbeitete als für Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch. Mit nichts anderem war die Detektei Umschau beschäftigt, als Angelegenheit nachzugehen, die Herr Doktor Gregorius Weil-Esch an die Detektei Umschau zur Untersuchung angetragen hatte.

 

Alles begann für die Detektei Umschau mit Ermittlungsarbeit für Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch in einigen privaten Umfeldern. Detektische Arbeit, die wir von der Detektei Umschau stets zur vollsten Zufriedenheit Ihres Vaters, des Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, ausgeführt hatten. Ansonsten wäre Ihr Vater, Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, nicht immer wieder auf uns von der Detektei Umschau zurückgekommen, wenn er einen neuen Fall hatte, in dem eine Detektei tätig werden konnte. Eine Tatsache aber auch, daß wir von der Detektei Umschau bei Ihrer Mutter, Herr Weil-Esch junior, nicht eben einen Stein im Brett haben.

Herr Doktor Gregorius Weil-Esch hat wieder an uns von der Detektei Umschau gedacht, hatte er irgendwelche Ermittlungsarbeiten zu erledigen, die privat bleiben sollten.Die Detektei Umschau hatte das vollste Vertrauen Ihres Vaters, Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch.

 

Wie es nun dazu kam, daß ausgerechnet Mitarbeiter der Detektei Umschau die sterblichen Überreste Ihres Vaters auffinden konnten, Herr Weil-Esch junior, das will ich hier in diesem Schreiben noch einmal genauer erläutern.

Eigentlich gibt es dabei kein größeres Geheimnis. So direkt Zufall können wir die Tatsache allerdings ebensowenig nennen.

Nun will ich mich einen Monat in die Vergangenheit zurück.

Am achtzehnten Juni gab es eine Überraschung. Sämtliche lokalen Nachrichtenmedien des besagten Landkreises dort meldeten, daß Frau Ramona Gleibt aus der Haft entlassen wurde. Der Prozeß gegen Frau Ramona Gleibt, die ihren jungen Liebhaber, Herrn Josef Hänsel auf bestial grausame Art und Weise umgebracht haben sollte, wurde beinahe von einem Tag auf den anderen abgesagt.

Der Grund: Eine Zeugin hatte sich in der Mordsache Josef Hänsel gemeldet. Eine Frau, die mit vollem Namen Therese Gartler heißt.

Frau Therese Gartler, in der Nachbarschaft des Mietshauses wohnhaft, in dem Josef Hänsel seine Wohnung gemietet hatte. Nahezu gegenüber des Hauses, in dem Herr Josef Hänsel wohnte, hat Therese Gartler ihre kleine Mietwohnung.

Für einen Monat war Frau Therese Gartler auf Urlaubsreise auf einem Touristenschiff im Mittelmeer. Mitte Juli kehrte besagte Frau Therese Gartler von ihrer Reise zurück. Kaum daheim eingetroffen, informierten Menschen aus der Nachbarschaft Frau Therese Gartler, was in der jüngsten Vergangenheit in der Gegend los war. Unter anderem auch über die Geschehnisse, die sich die Straße rüber im Gebäude gegenüber oben im dritten Stock des Gebäudes abgespielt hatten. Man setzte Frau Therese Gartler auseinander, daß der junge Mann mit Namen Josef Hänsel, den Frau Therese Gartler vom Sehen her durchaus kannte, ermordet worden war. Auch eine wahnsinnige Geschichte für die Leute: Josef Hänsels Körper, wie ein Tier aufgebrochen, ausgenommen, zerstückelt, Innereien und Knochen Josef Hänsels oben in Josef Hänsels eigener Küche in der großen Kühltruhe verstaut. Über alles Gerede wurde Frau Therese Gartler informiert, auch über das, wovor man sich am meisten graute: Daß die junge Freundin dieses Hänsels immer wieder das eine oder andere aus der Kühltruhe entnahm, es am Herd in der Pfanne gebraten und alles in aller Ruhe gegessen hätte. Eine Kannibalin wäre die.

 

Nachdem sie die Geschichte des Fräuleins von der Bank, das ihren täglich ein Stückchen von ihrem Freund verspeist hatte, am Tag drauf von den Nachbarinnen wiederholt gekriegt hatte, begab Frau Gartler sich am Nachmittag zur Polizei, eine Aussage zu machen.

Was Frau Therese Gartler den Damen und Herren auf der Polizei erzählte, hat Frau Gartler auch Thomas und Regine, also uns von der Detektei Umschau, auseinandergesetzt. Nämlich das, daß sie, Frau Gartler, die Woche vor ihrer Abreise, um auf dem Luxusdampfer Urlaub zu machen, am gegenüberliegenden Gebäude Beobachtungen gemacht hätte.

Ein Schatten, schwärzer wie die Nacht, der von oben, vom Flachdach her, herabhuschte. Wie so ein Spinnen-Mann aus einem amerikanischen Film. Vor einem Fenster im dritten Stock hielt der menschenähnliche Schattenumriß in der Bewegung inne. Das Fenster wurde schnell von drinnen geöffnet, und die schwarzgekleidete Gestalt huschte hinein in die Wohnung. Dritter Stock, die Wohnung Josef Hänsels. Über die Hausfassade, daß ein Mensch vom Dach herabkam, als könnte man keine Treppen benutzen, gäbe es keinen Lift.

Dann, tags drauf nach dieser nächtlichen Beobachtung, hatte Frau Gartler die junge Frau - Frau Ramona Gleibt - gesehen, wie sie zum offenen Fenster herausschaute. Als der Umriß einer schwarzen Gestalt von oben vom Dach herabgestürzt kam. Um sich irgendwie am äußeren Fenstervorsprung abzufangen. Die junge Frau ist abrupt zurückgetreten, und die nachtschwarze Männergestalt war wie der Blitz bei ihr drinnen.

Alles war jedoch immer nur die Flüchtigkeit eines Moments, den Frau Gartler wahrnahm. Kaum, daß Frau Gartler was zu sehen glaubte, war es wieder verschwunden. Es schien alles, kaum gesehen, schon nicht mehr wahr zu sein, eine Täuschung der Sinne, so schnell spielten sich die nächtlichen Szenen ab.

Zwar überlegte Frau Gartner, Polizei anzurufen, oder mal auf die Polizei zu gehen, etwas von ihren nächtlichen Beobachtungen zu berichten. Zumindest den Polizisten zu sagen, daß sie in einer Wohnung gegenüber der Straße mal nach dem Rechten sehen sollten. Aber dann zweifelte Frau Gartler an ihren ganzen Wahrnehmungen, hieß sie Hirngespinste. Und unternahm nichts.

Außerdem mußte Frau Gartner sich auch nicht weiter wegen irgendwelcher Schattenerscheinungen in der Nacht zu bekümmern, weil ihre Koffer lange gepackt waren, der Moment der Abreise bevorstand. Im Taxi ließ Frau Gartner sich zum Bahnhof fahren. Ihre einmonatige Urlaubsreise anzutreten. Dem Traumschiff entgegen, auf dem sie alles vergaß.

 

Den grausamen Mord an Herrn Josef Hänsel, ihrem Freund und Geliebten, der sich sogar mit ihr verloben hatte wollen, hatte Frau Ramona Gleibt nie direkt zugegeben. Sondern immer nur so viel gesagt, daß sie sich in der Wohnung Hänsels aufgehalten hatte, obwohl ihr klar war, daß Hänsel tot war.

Die Ermittlungsbeamten hatten immer erhebliche Zweifel daran, daß Ramona Gleibt die Mörderin war. Die von der Polizei dachten an ein Geheimnis, das sich in der Geschichte verbarg. Daß Ramona Gleibt eventuell jemanden decken könnte, der eher als Mörder in Betracht käme. 

Fragen Sie mich nicht, Herr Weil-Esch junior, aufgrund welchen Indizien die Polizeibeamten solche Überlegungen anstellten. Aber, als Frau Therese Gartler auf dem Polizeipräsidium erschien, gaben die Aussagen Frau Gartlers auf der Stelle den Ausschlag, daß die Staatsanwaltschaft den Fall aufs Eis legte. Ramona Gleibts Gerichtverhandlung wurde von einem Tag auf den andern abgesagt, Ramona Gleibt auf freien Fuß gesetzt.

So richtig zu überblicken ist für uns von der Detektei Umschau die Geschichte nicht.

 

Es war für Herrn Augustin, Thomas und Regine schwer, bei Frau Ramona Gleibt rund um die Uhr am Ball zu bleiben. Wegen der Polizei. Polizeibeamte in Zivil beschatteten Ramona Gleibt.

Im Supermarkt. In der Apotheke. Beim Zahnarzt, bei dem Frau Ramona Gleibt eineinhalb Stunden in der Praxis war. Thomas und Regine mußten bemerken, daß Frau Regina Gleibt Leute hinterhergingen. In ihr Kopfmikrophon sprachen die Personen. Nicht, als würden sie normal telefonieren. Eher wie welche, die Informationen weitergaben, austauschten.

Thomas und Regine wurden sogar von einem gegrüßt, teilte Thomas Herrn Augustin mit.

Den Anzugmenschen kannten Thomas und Regine, wußten, daß er in der örtlichen Hierarchie Krmininalinspektor war. Unterhalten hatten sich Thomas und der bereits verschiedentlich.

Daraufhin war die Situation unmißverständlich: Ramona Gleibt war nicht absichtslos in die Freiheit entlassen worden. Das ganze Verhalten der Polizei wies darauf hin, daß niemand Ramona Gleibt aus dem Auge verlieren wollte. Für die staatlichen Ermittler ging es darum, in Erfahrung zu bringen, wem Ramona Gleibt begegnete.

Nur, wir von der Detektei Umschau - Herr Augustin, Thomas, Regine - wir hatten uns Ramona Gleibt noch nicht genähert. Sondern hielten Abstand. Wie die Polizisten.

 

Aufgrund dieses Erkenntnisstandes fanden Herr Augustin, Thomas und Regine es besser, sich zurückzuhalten. Direkter Kontakt zu Ramona Gleibt: besser nicht. Nicht mal, um ein paar harmlose Worte mit Ramona Gleibt zu wechseln.

Besuch von ihrer Mutter Sonja Ramona erhielt Ramona Gleibt in ihrer Mietwohnung. Ramona Gleibts Vater, Herr Dieter Johann Gleibt, fuhr mit dem Taxi vor, stieg die Treppen des Wohnhauses seiner Tochter Ramona hoch. 

Vier Tage später: das nächste Vorkommnis. Ein junger Mann kletterte aus seinem Fahrzeug, baute sich vor der Klingelleiste von Ramona Gleibts Wohnhaus auf.

Auf zwei Krücken gestützt, wartete der Blondschopf mit dem fahlen, eingefallenen Gesicht an der Haustür, bis sich oben jemand meldete, den Summer betätigte. Danach konnte er die Türe aufstoßen und sich auf seinen Krücken ins Haus hinein und zum Fahrstuhl begeben.

Thomas war der Jüngling irgendwie bekannt vorgekommen. Dann wußte Thomas plötzlich, wer das war: Gustl Strauchinger. Gustl Strauchinger hatte sich aus seinem Rollstuhl erhoben, ein klinisches Wunder. Jetzt besuchte Gustl Strauchinger, der jetzt auf seinen Krücken ziemlich gut gehen, sogar Ramona Gleibt.

Gustl, der älteste Sohn der Familie Strauchinger.

Die Familie Strauchinger, die ihren Bauernhof in Geiersdorf hatte. Die Familie Gleibt hatte mit ihren Kindern, den drei Mädchen Gabrielle, Sonja und Ramona, jahrelang bei den Strauchingers Ferien am Bauernhof gemacht.

Daher waren Gustl Strauchinger und Ramona Gleibt sich überhaupt keine Fremde. Durchaus die Möglichkeit, daß Gustl Strauchinger bei Ramona Gleibt zu Besuch kommen könnte. Obwohl Gustl Strauchinger bisher in dem Fall nur als Sohn der Strauchinger-Familie auftauchte, wegen der Ferienaufenthalte in der Vergangenheit.

 

Vor vier Jahren hatte Gustl Strauchinger einen schweren Motorradunfall. Bei dem Gustl übelste Verletzungen davontrug. Daß Gustl danach im Rollstuhl saß. Oft Monate, die Gustl Strauchinger in den verschiedensten Rehakliniken zugebracht hat.

Die letzte Rehamaßnahme scheint ein voller Erfolg bei Gustl Strauchinger gewesen zu sein. Heute ist Gustl Strauchinger wieder so weit aufgepeppelt, wiederhergestellt, daß er seinen Rollstuhl daheimlassen und sich auf zwei Krückstöcken durch die Gegend gehen konnte.

Fast den ganzen Nachmittag verbrachte Gustl Strauchinger bei  Ramona Gleibt in den Wohnräumen droben. Dann kamen Gustl Strauchinger und Ramona Gleibt unvermittelt hintereinander zur Haustüre des Gebäudes heraus, in dem Ramona Gleibt weiter zur Miete wohnte, weil die Miete für die Wohnung von Ramona Gleibts Mutter überwiesen wurde.

Zu Gustl Strauchingers geländegängigem Wagen schritt Frau Ramona Gleibt, überholte Gustl Strauchinger auf seinen beiden Krücken. Gustl Strauchinger, der ein wächsernes Gesicht aufhatte, angestrengt ausschaute, zumindest alles andere als glücklich oder froh. Die pralle Tragtasche, die sie in der Hand getragen hatte, stellte Frau Ramona Gleibt auf den Boden, starrte ungeduldig auf Gustl Strauchinger, der ihr für die kurze Strecke am Gehsteig zu seinem Fahrzeug und bis zur Tür auf der Fahrerseite viel zu lange zu brauchen schien.

Zusammen mit Gustl Strauchinger fuhr Ramona Gleibt dann nach Geiersdorf.

Auf den für Ramona Gleibt bekannten Hof der Familie Strauchinger, auf dem sich die vergangenen Jahr nichts verändert hatte. Dort stieg Ramona Gleibt aus Gustl Strauchingers Wagen aus, wartete darauf, bis Gustl Strauchinger ausgestiegen war.

Von den Eltern Gustl Strauchingers ließ sich niemand blicken. Auch der jüngere Bruder Gustl Strauchingers fehlte am Bild.

 

Wir von der Detektei Umschau beobachteten den Bauernhof der Familie Strauchinger. Es war die folgenden Tage nicht schwer zu begreifen, daß Ramona Gleibt bei den Strauchingers eingezogen war.

Ein Zimmer nach hinten hinaus, das Ramona Gleibt bewohnte, eines, das Frau Ramona Gleibt von früher her bekannt sein mußte. Als Ramona Gleibt als Mädchen, Teenagerin mit Vati und Mutti und Schwestern am Hof der Familie Strauchinger Ferien am Bauernhof machte.

Eine ereignislose Woche verging, bis Thomas, der, abends war es schon, mal auf einem Jägeransitz oben hockte, mit dem Fernglas beobachtete, daß Ramona Gleibt hinten beim Strauchinger Bauernhof durch die Büsche herausgestürzt kam. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als hätte Ramona Gleibt jemand von hinten gestoßen. Hoch rappelte Ramona Gleibt sich, entfernte sich, Richtung Gebüschdurchgang gerichtet, zum Rand des Bächleins.

Gustl Strauchinger erschien dann unvermittelt, kam durch die Passage zwischen dem Gebüsch in Sicht. Ungeschickt auf seinen beiden schwarzen Plastikkrücken. Ramona Gleibt bückte sich herab, schmiß Kiesel und einen Batzen Erde aus dem Bach nach Gustl Strauchinger. Auf seinen Krücken versuchte Gustl Strauchinger, zornig auf Ramona Gleibt loszugehen. Durch sein Fernglas bemerkte Thomas jetzt, daß Ramona Gleibt nicht viel Kleidung am Leib trug. Nichts wie ein weißes Nachthemdchen, das knapp ihre Hüften bedeckte, das Ramona Gleibt anhatte. Ramona Gleibt, die, zur Statuette erstarrt, im Bach stehend darauf wartete, daß Gustl Strauchinger samt seinen Krücken endlich in ihre unmittelbare Nähe käme.

Was Ramona Gleibt anscheinend nicht recht in die Rechnung miteinbezog, war die Länge von Gustl Strauchingers Krücken. Als Ramona Gleibt sich herumwerfen wollte, wieder aus Gustl Strauchingers Nähe zu gelangen, legte Gustl Strauchinger Ramona Gleibt mit einer blitzschnell vorgehaltenen Krücke den Fuß. Der Länge nach platschte Ramona Gleibt ins Wasser.

Die eine Krücke unter dem Arm, hinkte Gustl Strauchinger schnell zu Ramona Gleibt hin. Als Ramona Gleibt hochgekommen war, packte Gustl Strauchinger Ramona Gleibt am Unterarm, riß Ramona Gleibt zu sich hin.

Eine Auseinandersetzung mit viel Geschrei zwischen Ramona Gleibt und Gustl, Gustl, den eine rote Bermuda und ein graues Unterhemd kleidete. Ramona Gleibt schubste Gustl aufs neue von sich, Gustl stürzte nach rückwärts, landete der Länge nach im Bachbeet. Diesesmal schaffte es Ramona Gleibt, davonzurennen, während Gustl ihr seine Schimpfworte hinterherschrie. Worte, die Thomas ungefähr so verstand, daß Gustl Ramona Gleibt mit Hure und ähnlichem bezeichnete.

Dann sah Thomas durch das Fernglas, daß sich wie aus dem Nichts eine Person bei Ramona Gleibt befand, Ramona Gleibt festhielt. Eine Person, die einen grauen Trenchcoat, einen Strohhut auf dem Kopf aufhatte.

Jemand, den Thomas, Mitarbeiter der Detektei Umschau, in dieser Geschichte kannte.

Als wäre das das Selbstverständlichste auf der Welt, daß der der Fremde, eine dicke Sonnenbrille auf der Nase, Ramona Gleibt umarmte. Nur ein Sekündchen, daß Frau Ramona Gleibt sich dagegen wehrte. Im Kreis drehten Frau Ramona Gleibt und der Mann sich; der Strohhut flog ihm vom Kopf, landete im Bachbett. Am Hals küßte der Glatzkopf Ramona Gleibt, wollte überhaupt nicht aufhören, Ramona Gleibt dort zu küssen. Gleichzeitig schwang er Ramona Gleibt hinter den dicken Baumstamm dort, verschwand mit Ramona Gleibt dort aus der Sicht von Thomas. Auch das beste Fernglas half nichts, bei dem Baum und dem dichten Gebüsch weiteres von Ramona Gleibt und dem zu blicken, den Leute in der Gegend als Fransen kannten.

Gustl schrie den Verschwundenen hinterher, etwas. was sich in Herrn Augustins Ohren nach dem Gekreisch eines Wahnsinnigen und nicht nach Worte anhörte. Auf die Füße rappelte Gustl Strauchinger, der im Bachbett gesessen hatte, sich mithilfe der einen Krücke hoch. In die Richtung fing Gustl Strauchinger auf die Gehhilfe gestützt zu humpeln an, wohin der Unbekannte mit Frau Ramona Gleibt verschwunden war. Um noch mal ins Wasser hineinzustürzen, mit dem Gesicht nach vorne.

 

Nun zögerte Thomas, der für die Detektei Umschau arbeitet, nicht länger, Herr Weil-Esch junior. Von seinem Ansitz stieg Thomas herunter, rannte in die Richtung Geiersdorfer Bach. Dorthin, wo er Frau Ramona Gleibt und den Trenchcoat-Mann und Gustl Strauchinger zuletzt gesehen hatte.

Als Thomas dort eintraf, war von Ramona Gleibt und dem glatzköpfigen Trenchcoat-Mann mit Glatze und Sonnenbrille nirgendwo etwas zu blicken. Auch Gustl Strauchinger war weit und breit nichts mehr. Alle, als hätten sie sich in Luft augelöst.

Nur einem Mann mit blauer Sportlermütze, gekleidet in eine braune Lederjacke und schwarzer Jeans an den Füßen, dem lief Thomas vor die Füße. Der Fremde verstellte Thomas den Gehweg. Ohne irgendwas zu sagen, hielt die Type, die eher nach Schlägerei aussah, Thomas seinen Ausweis unter die Nase.

Ein Polizeiausweis.

Nicht lange, daß Thomas dagegen Widerspruch einlegte, sich der Lederjackentype gegenüber zu legitimieren.

Was Thomas sich anhörte? Die Tonart klang ungefähr so: Das wäre wirklich klasse, daß einem bei laufender Observation dauernd Lackaffen, blinde Schnepfen mitten durchs Bild liefen, die am Platz nichts zu suchen hätten.

Am darauffolgenden Vormittag gegen elf Uhr erhielten wir von der Detektei Umschau den Anruf eines Hauptkommissars. Eine regionale Soko, mit dem Namen hübschen Namen Blaubeere. Rede und Antwort mußten wir dem Anrufer stehen. Gaben auch nach bestem Wissen und Gewissen Auskunft.

 

Wer sind wir von der Detektei Umschau denn? Sind wir von der Detektei Umschau Detektive, oder was? Mußten wir von der Detektei Umschau uns von irgendwelcher polizeilicher Übergriffigkeit beeindrucken lassen?

Herr Augustin saß in einem abgestellten Auto, tags drauf, nahm dann in seinem Wagen die Verfolgung auf, als Gustl Strauchinger das nächstemal vom Hof seiner Eltern abfuhr, um sich zu einer Reha-Maßnahme in die Praxis seiner Physiotherapeutin zu begeben.

Als Gustl Strauchinger aus den Praxisräumen seiner Physio-Braut herauskam, trat Herr Augustin Gustl Strauchinger in den Gehweg. Auf seinen Krücken gestützt, mußte Gustl Strauchinger stehenbleiben. Herr Augustin ließ Gustl Strauchinger nicht an sich vorüber.

Aus dem Stegreif sagte Herr Augustin Gustl Strauchinger ins Gesicht, daß er, Gustl, und seine Familie Probleme hätten. Auch Ramona Gleibt hätte welche, Ramona Gleibt, die momentan bei den Strauchingers am Hof wohnte. Als Gustls Freundin?

 

Pampig, unsympathisch reagierte Gustl Strauchinger auf die Worte Herrn Augustins. Beim Blick in Gustl Strauchingers Augen meinte Herr Augustin, Gustl Strauchinger wäre gehetzt. Total seltsam der Blick und Gesichtsausdruck Gustl Strauchingers. Wie der eines Duckmäusers, dem man jedoch den Rücken nicht zudrehen durfte. Mußte man aufpassen.

Das gab Gustl Strauchinger Herrn Augustin zurück, daß keiner Probleme hätte. Nicht seine Familie. Auch nicht Ramona Gleibt. Aus dem Weg sollte Herr Augustin Gustl gehen.

Herr Augustin meinte zu Gustl Strauchinger, daß er Augustin heiße, Herr Augustin. Daß er nicht die Polizei wäre. Sondern Privatdetektiv. Ein Mitarbeiter der Detektei Umschau, die Gustl kannte. Bereits öfters hätte jemand von der Detektei Umschau an der Haustüre der Familie Strauchinger am Bauernhof geklingelt. Ein paar Detektive gehörten zur Familie der Detektei Umschau. Einer, Thomas mit Namen. Oder Regine, Agathe, zwei Frauennamen. Thomas, ihm, Gustl Strauchinger, also durchaus kein Unbekannter, hätte vorgestern am späteren Nachmittag beobachtet, wie ein Mann, Trenchcoat an, Basthut auf, von hinter einem dicken Baum hervortrat, Ramona Gleibt, die auf ihm zugelaufen war, in Empfang nahm und umarmte. Am Hals küßte der eine Ramona Gleibt, zerrte Ramona Gleibt danach, sie immer noch dort am Hals küssend, hinter den Baum und zwischen das Gebüsch.

Als Herr Augustin das von dieser Beobachtung berichtet hatte, stieß Gustl Strauchinger einen kleinen, spitzen Schrei aus. Eine seiner schwarzen Plastikkrücken entfiel Gustl Strauchinger. Am ganzen Körper zitterte Gustl Strauchinger. Vielleicht vor Zorn, Haß, irgend so etwas. Gustl Strauchinger wankte dann, als hätte er es mit dem Kreislauf, drohte, Herrn Augustin am Gehsteig zusammenzuklappen.

Unter die Arme mußte Herr Augustin Gustl Strauchinger fassen, ihn stützen.

Man könnte die Geschichte auch woanders als auf offener Straße besprechen, sprach Herr Augustin an Gustl Strauchingers Ohr. Nebenan wäre ein Gasthaus, in dem könnte man sich an einen Tisch setzen.

Eine Überraschung für Herrn Augustin, Gustl Strauchinger nickte lahm. Stimmte dem Vorschlag Herrn Augustins, des Detektivs, zu. Von Herrn Augustin ließ Gustl Strauchinger sich stützen und über die Straße helfen, obwohl er seine zweite Krücke wieder zurück hatte.

In die Gaststätte begaben Herr Augustin und Gustl Strauchinger sich ohne weiters hinein.

Weil Gustl Strauchinger alles andere als in einem brauchbaren Zustand war - eher mußte damit gerechnet werden, daß Gustl Strauchinger im für jedermann offenen Gastraum auffällig, komisch werden könnte -, fragte Herr Augustin die Bedienung, ob das Wirtshaus nicht einen kleinen Raum für Geschäftsbesprechungen unter vier Augen hätte. Einen, in dem man ungestört bleiben könnte. Für so einen Raum könnte sie ihm, Herrn Augustin, auch was extra berechnen, wenn sie, die Gasthausangestellte, es wünschte.

Das hatten sie, die Wirtsleute, ein Nebenzimmer. Mit einem langgestreckten Tisch, acht Stühlen. In den führte die bedienende Dame Herrn Augustin, der Gustl Strauchinger bei sich hatte.

Mit Gustl Strauchinger zusammen fand sich Herr Augustin dann ein paar Minuten später alleine in einem angenehmen Nebenraum der Gaststätte. Gustl Strauchinger hatte eine große Limo vor sich stehen, Herr Augustin Mineralwasser.

Kaum auszuhalten für Herrn Augustin, das minutenlange Geflenne Gustl Strauchingers.

Ein richtiger Nervenzusammenbruch Gustl Strauchingers, dem Herr Augustin beiwohnte. Als hätte er, Herr Augustin, Gustl Strauchinger bei irgendwas erwischt. Wie ein Kaufhausdetektiv einen Kunden beim Stehlen. Nur, daß Herr Augustin nichts direkt wußte.

Sein Diktiergerät stellte Herr Augustin auf den Tisch, schaltete ein, und Gustl Strauchinger, der Herrn Augustin durchaus dabei zuschaute, legte keinen Widerspruch dagegen ein, daß das Gerät jedes Wort, das er mit Herrn Augustin wechselte, aufzeichnen würde.

 

(In die Schriftform gebracht hat das Gespräch zwischen Herrn Augustin und Gustl Strauchinger Frau Regine Datz, Mitarbeiterin der Detektei Umschau.)

 Herr Augustin: Bitte, Herr Strauchinger, beruhigen Sie sich doch. Was ist denn los? Alles ist gut. Hier tut Ihnen keiner was.

Gustl Strauchinger: Nein, nichts ist gut.

Herr Augustin: Schön. Nur jetzt, momentan, weiß ich nicht, was los sein könnte, daß Sie mir regelrecht zusammenklappen. Kenn Sie ja kaum, Herr Strauchinger. Will mich auch nicht lange mit Drumherumgerede aufhalten. Warum brechen Sie regelrecht zusammen, wenn ich Frau Ramona Gleibt anspreche?

Gustl Strauchinger schluchzte, vermied es Herrn Augustin in die Augen zu blicken. Gustl Strauchingers Blick huschte in der Gegend rum. Als denke Gustl Strauchinger daran, jede Sekunde die Flucht zu ergreifen. Gustl Strauchinger kam Herrn Augustin weiter wie einer, der was auf dem Kerbholz hatte.

Gustl Strauchinger: I-ich ...

Herr Augustin: Seit ein paar Tagen jetzt bei Ihnen und Ihren Eltern am Bauernhof, Ramona Gleibt? Sie haben Ramona Gleibt bei sich aufgenommen, Herr Strauchinger, nachdem Ramona Gleibt aus dem Gefängnis herausgekommen ist. Sehr freundlich von Ihnen, Herr Strauchinger, Ramona Gleibt bei Ihnen wohnen  zu lassen ...

Gustl Strauchinger: Ich und Mona sind verlobt. Ich will Mona so schnell heiraten.

Herr Augustin: Ah - was? Sie und Frau Ramona Gleibt haben sich verlobt? Sie wollen Frau Ramona Gleibt heiraten?

Gustl Strauchinger: O ja! Mona hat sich mit mir verlobt. Schon, als sie noch im Gefängnis war, hat Mona sich mit mir verlobt. Ich und Mona wollen demnächst heiraten. Mona ist meine große Liebe, müssen Sie wissen. Und jetzt, nachdem es mir wieder besser geht ... Bald bin kein Krüppel mehr. Brauch alles nicht mehr, keinen Rollstuhl, nichts mehr. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, ich kann meine Krücken ganz weglegen. Kann vergessen, daß ich je im Rollstuhl gesessen bin ...

Herr Augustin: Das ist doch schön. Schön zu hören. Halten wir mal fest, damit ich Sie richtig verstehe, Herr Strauchinger: Sie waren öfter bei Ramona Gleibt während Ramona Gleibts U-Haft auf Besuch. Sie haben sich da sogar mit Frau Ramona Gleibt verlobt. Sagen Sie gerade zu mir, oder? Hm, seit über einer Woche befindet Frau Ramona Gleibt sich momentan wieder in Freiheit. Bei Ihnen und Ihren Eltern - Ihren Eltern, denen es beiden nicht besonders zu gehen scheint, die gesundheitlich angeschlagen sind - auf den Bauernhof ist Frau Ramona Gleibt eingezogen, Herr Strauchinger ... Und das, obwohl Ramona Gleibt im Verdacht stand, eine Mörderin zu sein. Oder hat Ramona Gleibt ihren Freund - Josef Hänsel hat der geheißen - nicht auf grausame Art und Weise in dessen Wohnung umgebracht? Hat ihn nicht zerstückelt und die Kühltruhe mit ihm gefüllt? Es wird sogar in aller Öffentlichkeit hier in der Gegend darüber geredet und geschrieben, daß Ramona Gleibt von Josef Hänsel, den sie ermordet hat, etwas gekocht oder gebraten hat. Um es sich mit Messer und Gabel schmecken zu lassen ...

Schluchzer und Tränen bei Gustl Strauchinger. Gustl Strauchinger: Hat sie nicht. Meine Mona hat den nicht umgebracht. Jetzt gibt es eine Zeugin. Die hat noch jemand anders gesehen ...

Herr Augustin: Wer war denn dann der Mörder? 

Schweigen Gustl Strauchingers.

Herr Augustin: Wir von der 'Detektei Umschau', wir arbeiten seit langerem an einem bestimmten Fall. Du kennst Thomas Setzer, Regine Datz, nicht? Beides Mitarbeiter der Detektei Umschau. Beide haben schon bei euch, den Strauchingers, an der Haustür geläutet. Es geht um bestimmte Vorfälle in der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, die wollen wir von der Detektei Umschau aufhellen. Weißt du, Leute, die tot sind, und doch nicht tot zu sein scheinen. Weil sie sehr lebendig herumlaufen. Das heißt, ab und zu tauchen sie auf, alles andere als tot. So geht es zu. So richtig dahinter gekommen sind wir, obwohl Detektive, noch nicht.

Gustl Strauchinger glotzte Herrn Augustin an.

Herr Augustin: Ramona Gleibt, du möchtest sie heiraten ...?

Gustl Strauchinger: Mona und ich sind verlobt ...

Geschluchze Gustl Strauchingers.

Herr Augustin: Nun, Thomas, Mitarbeiter der Detektei Umschau, ist auf einem Ansitz für Jäger droben herumgesessen. Früher Abend. Mit dem Fernglas hat Thomas so die Landschaft rumgeschaut, weißt du, Gustl. Hinter eurem Bauernhof am Rand von Geiersdorf verläuft dieses Geiersdorfer Bächlein. Ihr Strauchingers habt da keinen Zaun oder so. Da stehen statt dessen Bäume, Gebüsch. Zwischen denen gibt es bei euch hinten hinaus eine Lücke, die man so nicht sieht. Über diese Möglichkeit, durchzugehen, muß man Bescheid wissen, sagte Thomas mir. Hm, Thomas hat mit dem Fernglas gesehen, daß, zwischen den Durchgang da bei euch vom Hinterhof heraus, ihm Ramona Gleibt ich die Sicht gekommen ist. Zeit: neunzehn Uhr zehn rum. Richtig ausgesehen hatte es für Thomas, daß Ramona Gleibt gestoßen wurde. Am Boden ist Ramona Gleibt gelegen, hat sich aufgerappelt. Stehengeblieben ist Ramona Gleibt beim Bach, der dort abwärts fließt. Du hast Ramona Gleibt auf deinen beiden Gehhilfen verfolgt, Gustl. Hattet anscheinend eben Streit, du und Ramona Gleibt, was? Als du bei Frau Ramona Gleibt angekommen warst, ging das weiter. Du hast Ramona Gleibt weiter verfolgen wollen, bist der Länge nach hingeplatscht, mitten im Bach. Du hast dich aufgerappelt, dann war da einer ...Worum ging's denn in dem Streit zwischen Frau Ramona Gleibt und Ihnen?

Geschluchze Gustl Strauchingers.

Herr Augustin: Da war dann einer in einem Trenchcoat, Sonnenhut auf, Sonnenbrille ... Der hat Ramona Gleibt in den Arm genommen, ihr den Hals geküßt.

Wieder schluchzte Gustl Strauchinger auf.

Herr Augustin: Mit Ramona Gleibt ist die Trenchcoat-Type hinter einem dicken Baum dort verschwunden, zwischen dem Gebüsch ... Jetzt ist Ramona Gleibt aber wieder bei dir am Hof, ja?

Gustl Strauchingers Schluchzerei ging weiter.

Herr Augustin: Ramona ist dir jetzt doch wieder gut, Gustl, oder? Bei dir zurück. Worum ging es in dem Streit zwischen Ramona Gleibt und dir?

Gustl Strauchinger: Geht Sie ni-nichts an.

Gustl Strauchinger schneuzte sich.

Herr Augustin: Auf deinen Krücken kannst du nicht so, wie du gerne möchtest, Gustl, nicht? Ramona Gleibt läuft von Ihnen fort, Sie können ihr nicht immer hinterher.

Gustl Strauchinger: Bald ist das anders. Nicht mehr lange, dann ... Mir wird geholfen. Viel geholfen. Machen Sie sich mal um mich keine Sorgen. Und machen Sie sich keine Sorgen um Ramona und mich, ja?

Herr Augustin: Ich mache mir keine Sorgen, keine Sorge. Thomas, der alles beobachtet hat, fand nur das mit dem Trenchcoat-Typen besonders. Der, der von hinter dem Baum vorsprang. Er hält Ramona Gleibt fest, küßt Ramona Gleibt am Hals. Um dann mit Ramona Gleibt zu verschwinden. Wo er hergekommen war, von hinter dem Baum, dahinter ist er verschwunden. Ach ja, kaum, das hat Thomas berichtet, daß Ramona Gleibt sich gegen den gewehrt hat. Und du hast nicht so richtig hinterhergekonnt, Gustl. Konntest die Verfolgung von denen nicht richtig aufnehmen. Wenn das aber jetzt besser wird ... Wie gut kennst du den mit dem Trenchcoat eigentlich? Er hat jahrelang bei den Taberts am Hof seine Wohnung gehabt ... Offiziell hat er dort gewohnt. Ansonsten - er treibt sich rum. Ist überall und nirgends.

Gustl Strauchinger schniefte.

Herr Augustin: Ach ja, seitdem das passiert ist, was Thomas gesehen hatte, trägt deine Mona ein Tuch vor dem Hals. Als hätte sie da was zu verbergen, was erst heilen müßte oder so. Was sagst du denn da dazu?

Gustl Strauchinger: Nicht mehr lange, dann werden Mona und ich heiraten. Mona ist meine Mona. Sie gehört mir. Das sag' ich.

Herr Augustin: Sieht ganz nach teilen aus. So richtig entsetzt war deine Mona von dem schäbigen Mann nicht. Tja, wenn man sich überlegt, wie lange man sich kennt ... Monas Schwester ist er sogar hinterher. Hat Monas Schwester Gabi bei sich daheim besucht ...

Ein lautstarkes Aufschniefen Gustl Strauchingerd.

Herr Augustin: Der Hut ist ihm vom kahlen Schädel gerutscht. Einen grauen Trenchcoat hatte der an, einen Strohhut auf, eine Sonnenbrille im Gesicht. Es war gegen neunzehn Uhr rum. Ein heißer Frühsommerabend. Sprich dich aus Gustl, wie gut kennst du denn den? Laß mal was Genaures von ihm hören, von diesem Mann, den ihr besser kennt, als ihr einem weismacht.

Gustl Strauchinger: Nichts sa-sage ich. Nichts.

Herr Augustin: Er kommt zu Ramona Gleibt, nicht? Er kommt auch zu euch ins Haus, nicht wahr?

Gustl Strauchinger mit einigen mitleidserregenden Elendsschluchzern.

Herr Augustin: Sprich dich aus, Gustl. Laß es frei von der Leber weg raus, Gustl ...

Stille bei Gustl Strauchinger.

Herr Augustin: Was spielt sich eigentlich genau zwischen dir und Ramona Gleibt ab. Schlaft ihr regelmäßig miteinander? Oder hält sie sich dich vom Hals? Haltet ihr beiden bloß Händchen, obwohl sie schon bei euch im Haus drinnen wohnt? Wie schon früher, daß sie bei euch am Hof wohnt. Für ein paar Wochen war Mona immer bei euch am Hof, früher. Ob sie jetzt wirklich länger als ein paar Wochen bei euch wohnen bleibt, hältst du das für sicher, Gustl?

Gustl Strauchinger, trotziger Tonfall: Mona und ich sind verlobt. Mona trägt meinen Ring. Mona ist bei mir eingezogen. Mona möchte ihre Wohnung kündigen, um ganz bei mir am Hof zu wohnen. Mona wird sie demnächst kündigen. Mona geht es gut. Das Kopftuch um den Hals, das steht Mona nicht schlecht. Ist doch hübsch. Nichts, das Sie was angeht. Nichts. Mona ist mein. Ob Sie das glauben oder nicht.

Herr Augustin: Sie sagen zu mir, das ist ein modisches Accessoire? Und er, die Gestalt im Trenchcoat, hat nicht gewirkt, als ob der wüßte, daß Mona alleine die Deine ist. Ja, auch der hat eine Mode: immer einen Trenchcoat. Den er anhat. Er läßt Mona dann in Ruhe, wenn sie mit dir verheiratet ist? Oder was spielt sich da ab?

Gustl Strauchinger: Mona wird ... Wenn mir nichts mehr feh-fehlt. Wenn i-ich ... Sie wird ganz mei-mein sein ...

Herr Augustin: Ach ja? Schön. Wenn du das sagst, wird's wohl stimmen. Was hast du vorhin gesagt, du liest sie, Mona, Ramona Gleibt? Ramona Gleibt, sie erwidert deine Gefühle ...? Daß sie nur noch dein sein möchte ...?

Gustl Strauchinger: Mona un-und ich möch-möchten hei-raten ... Und ich werde wieder gesund. Ich erzähle hier doch keine Lügen. Mir gehts bald so, daß ich keine Krücken mehr brauche. Das ist ein Versprechen.

Herr Augustin: Könnte gut sein. Dabei frage ich mich eigentlich, wie du ins Bild gekommen bist, Gustl. Ich meine, in der jüngsten Zeit. Wir von der Detektei Umschau hatten in den letzten Monaten immer ein Auge auf Ramona Gleibt. Aber du, Gustl, du bist uns dabei irgendwie entgangen. Von dir, Gustl, haben wir eigentlich nirgends viel gesehen. Nirgends. Du warst kein Freund von diesem Josef Hänsel, der Ramon Gleibsts letzter offizieller Freund war. Du warst nie in Ramona Gleibts Wohnung. Bist nie irgendwo aufgetaucht. Im Hotel Bertha, in dem Frau Ramona Gleibt ein Zimmer hatte, nicht. Nicht im Mandlinger Hof, in dem Ramona Gleibt ebenfalls ein Zimmer hatte. Zu Josef Hänsel, ihrem jetzt verstorbenen Freund, ist Ramona Gleibt in schöner Regelmäßigkeit gefahren. Wo hast du dich denn da eigentlich mit Ramona Gleibt getroffen? Schon ein Rätsel.

Gustl Strauchinger: Ich war verschiedentlich wegen Problemen, die wir mit dem Hof haben, auf der Bank. Es ist die Bank, bei der Mona arbeitet. Bei Mona am Schalter war ich. In einem Nebenraum alleine mit Mona. Weil Mona Bankangestellte ist, habe ich mit Mona geredet. Öfters. Wegen unseren Problemen mit unserem Hof. Wenn ich schon eine kenne, die bei der Bank arbeitet - da kann ich das doch nicht sein lassen, nicht zu ihr hinzugehen. Ihr was von den Problemen zu erzählen, die wir daheim mit dem Hof haben. Es geht da drum, zur Zeit bin ich ja noch in der Reha. Wenn es mir aber besser demnächst bald richtig besser geht, ich meine Krücken wegschmeißen kann, fallen gewisse Zahlungen weg, Zahlungen meiner Eltern für mich. Leider lastet auf dem Hof eine hohe Hypothek. Deswegen habe ich bei Mona vorgesprochen. Habe Monas Rat gesucht. Deswegen bin ich öfter dort in der Bank vorbeigekommen, hab auch nach Mona gesehen. Mona und ich, wir sind bei Mona im Nebenzimmer beisammengesessen. Dann habe ich Mona dienstags und donnerstags auch bei Gestärktes Leben e.V. getroffen. Ich bin zu Mona in die Gruppe gewechselt.

Herr Augustin: Ach nee! Ja? Dort, du und Ramona Gleibt? Du hast dafür gesorgt, in der Gruppe von  Ramona Gleibt zu landen? Trotzdem ... Das reicht, daß du dich heute mit Mona verlobst? Obwohl du vorher kaum wo warst?

Gustl Strauchinger: Mona und ich, wir kennen uns doch schon länger. War doch damals jedes Jahr mit ihren Eltern bei uns am Bauernhof. Da war ich noch zu jung für Mona. Hat Mona mir auch gesagt. Aber, heute bin ich nicht mehr so jung. Und bald bin ich wieder auf dem Damm. Nicht mehr lange, dann ... Dann ...

Herr Augustin: In der Bank also hast du Ramona Gleibt ...? In der Bank und bei Gestärktes Leben e.V.. Die eineinhalb, zwei Stunden bei Gestärktes Leben e.V.. Komisch, daß du Thomas, Regine oder Agathe nicht aufgefallen bist.

Gustl Strauchinger: Nicht mein Problem. War einen Monat bevor das mit der Verhaftung bei Mona war, da habe ich Mona in einer Pause bei der Sitzung bei Gestärktes Leben e.V. gefragt, ob sie und ich, wir uns nicht öfter treffen könnten. Habe zu Mona gesagt, daß ich sie gern hab. Daß ich jetzt wieder total in sie verschossen bin. Fast so, daß ich es kaum aushalte. Mona hat gesagt, daß sie nicht ganz frei wär. Daß sie einen Freund hat. Daß sie mich damals auch gern hatte, als sie mit ihrer Familie in den Sommerferien zu uns auf den Hof fuhr. Sie könnte sich aber schon vorstellen, mich öfter zu sehen. Hören Sie, am Abend vor Ihrer Festnahme bei ihrem Freund - diesem Hänsel da, den sie ... haben soll - hat Mona zu mir gesagt, daß sie mich liebt. Sie liebt mich, hat Mona zu mir gesagt. Gern wäre sie mit mir zusammen. Daß sie sich vorstellen könnte, zu mir auf den Hof meiner Eltern zu kommen. Für ganz. Daß das das Beste für sie wäre. Dann habe ich Mona in der U-Haft besucht, meine liebe, arme Mona ...

Herr Augustin: O ja, die Liebe ... Wo sie hinfällt ... Manchmal nicht zu verstehen, das. Du bist dir also sicher, daß Ramona Gleibt deine Liebe erwidert?

Gustl Strauchinger zögert mit einer Antwort.

Herr Augustin: Liebe oder nicht, uns als Detektei kann es egal sein. Sie sind sich also ganz sicher, daß Ramona Gleibt Josef Hänsel, ihren Freund, nicht umgebracht, zerstückelt, um ihn dann in der Küche zu essen? Daß sie nicht die Mörderin ist?

Gustl Strauchinger: Nein, Mona, hat das nicht getan.

Herr Augustin: Ramona Gleibt ist nicht die Mörderin?

Gustl Strauchinger: Nein!

Herr Augustin: Wer denn? Wer hat Josef Hänsel dann umgebracht? Ich meine, die Zahl an möglichen Mördern, die in Frage kommen, ist ziemlich übersichtlich. Ramona Gleibt war die, die ständig in Josef Hänsels Wohnung ein und aus ging. Sonst wäre da noch Hänsels Mutter ... Wenn Ramona Gleibt es nicht war, wer könnte sonst noch als Möglichkeit in Betracht kommen? Hast du da eine genaure Vostellung von dem? Hast du da jemanden Genaures, der dir einfallen könnte?

Gustl Strauchinger: Mona war es nicht, sage ich Ihnen. Mehr sage ich nicht. Es ist, glaube ich, besser für mich, Ihnen überhaupt nichts mehr zu sagen. Ich denke, Sie gehören zu den Leuten, die drehen einem am Schluß jedes Wort im Mund um. Da sag ich besser nichts mehr, wissen Sie?

Herr Augustin: Nein, ich weiß nicht.

Gustl Strauchinger: Ich sag nichts mehr.

Herr Augustin: Hm! Ramona Gleibt ... Wir von der Detektei Umschau haben schon ein paar Dinge erfahren. Unter anderem kennen wir die Geschichte Gabrielle Gleibts, der verstorbenen Schwester Ramona Gleibts. Einige der Geschehnisse, von denen Ramona Gleibt uns erzählt hat, spielen sich auch im Bauernhaus deiner Eltern ab, Gustl. Gabrielle Gleibt wurde damals auf ihrem Zimmer besucht ... Und, Ramona Gleibt - sie wohnte doch heute mit dir wieder in dem Haus ... Ramona Gleibt, die bekommt nachts keinen Besuch? Vielleicht sogar in einem der Zimmer von früher, in denen Ramona Gleibt alleine oder mit ihren Schwestern ... Was ist, Gust? Du schaust schon wieder ganz teigig im Gesicht aus. Bleich, teigig, krank ...

Gustl Strauchinger: Das reicht mir jetzt hier, das mit Ihnen. Bit-te. Bitte, ich möchte jetzt gehen. Ich möchte jetzt hier weg. Ich möchte, daß Sie mich in Ruhe lassen. Lassen Sie mich und Mona einfach in Ruhe. Bei mir und Mona ist alles in Ordnung. Zwischen mir und Mona, das wird gut, glauben Sie mir. Mona wird ihr Halstuch bestimmt bald wieder wegtun können. Wenn ...

Herr Augustin: Wenn was? Woher wollen Sie das wissen? Was ist denn mit dem Halstuch? Was hat es mit dem Halstuch auf sich? Was verbirgt Ramona Gleibt denn damit? Hat es etwas mit dem Kuß von dem Trenchcoat-Mann zu tun, den Thomas beobachtet hat ... Überhaupt nicht mehr von Ramona Gleibts Hals wollte der ablassen ... Dann verschwindet er mit deiner Freundin Mona, mit der du dich verlobt hast, die du heiraten willst ...

Gustl Strauchinger: Jetzt ist aber Schluß hier ... Ich sa-sag nich-nichts mehr ...

Herr Augustin: Vorhin hatten Sie in meiner Gegenwart regelrecht einen Nervenzusammenbruch ...

Gustl Strauchinger: Ich ha-hab ei-ein schwa-ches Herz. Ich ...

Herr Augustin: Dieser Mann mit dem Strohhut, dem Trenchcoat, Gustl - hättest du das nicht gern, den vom Hals zu haben? Ich mein, er belästigt Ramona Gleibt, nicht wahr?

Gustl Strauchinger: Nein, nein, nein. Ich will, daß Mona bei mir bleibt. Und, Mona geht nicht allzu oft aus dem Haus raus. Ich sag Ihnen: Das wird Mona auch, bei mir bleiben. Glauben Sie mir das. So, ich gehe jetzt. Sie erlauben mir, daß ich gehe, oder?

Herr Augustin: Wenn Sie meinen. Wenn Sie meinen, daß Sie keine Hilfe brauchen, brauchen Sie keine Hilfe. Obwohl wir, wir von der Detektei Umschau, wenn wir über alles genau Bescheid wüßten ... Wir könnten vielleicht ...

Gustl Strauhinger: Sicher nicht! Sicher nicht! Nein, danke!

Herr Augustin: Na denn! Das muß ich doch nicht, Gustl, dir vom Stuhl hochhelfen, oder? Du kannst alleine hier raus, nicht? Den Weg zu deinen Auto findest du auf deinen Krücken alleine, oder nicht? Gut denn! Dann: auf Wiedersehen! Oder wollen Sie mir doch noch etwas erzählen? Ein paar weitere Details? Kommt der mit dem Trenchcoat heute abend, nachts wieder zu Ramona Gleibt? Wir könnten auch im Haus sein, Gustl, wenn der kommt. Wenn Fransen zu euch reinkommt ... Herr Drakonie Rupertus Wank ... Oder, wie nennst du den eigentlich? Nur Fransen? Fransi nannte Gabi, Ramona Gleibts Schwester, den. Fransi.

Gustl Strauchinger: Bleiben Sie mir bloß weg. Bleiben Sie und Ihre Detektei mir bloß vom Haus weg. Lassen Sie sich bloß nicht bei mir am Hof blicken. Ihre Hilfe brauche ich nicht. Von keinem. Und in ein, zwei, drei Monaten brauche ich meine Krücken auch nicht mehr. Dann heirate ich Mona. Und Mona wird mir gehören. Ganz. Mir alleine wird Mona gehören. Mein wird Mona sein. Nur mein.

Herr Augustin: Ist doch schön zu hören, Gustl.

Vom Stuhl rappelte Gustl Strauchinger sich auf, griff nach seinen Krücken. Grußlos humpelte Gustl Strauchinger aus dem Hinterzimmer des Wirtshauses hinaus. Während Herr Augustin zurück blieb. Statt ein Wasser bestellte Herr Augustin sich dann ein Bier, wechselte in den hauptsächlichen Gaststättenraum, wo andere Gäste herumsaßen, sich miteinander unterhielten.

 

Wir von der Detektei Umschau, Herr Weil-Esch junior, haben die folgenden Tage immer wieder Gustl Strauchinger beobachtet. Weil die Polizeibeamten der Soko Blaubeere uns anriefen, sobald einer der Beamten einen der Detektei Umschau zu Gesicht kriegte, konnten Thomas und Regine Gustl Strauchinger eigentlich eher nur stichprobenartig im Auge behalten.

Wegen dem Verhalten der Soko Blaubeere können wir von der Detektei Umschau nicht behaupten, daß wir großartig im Vorteil gewesen wären. Außer Gustl Strauchinger: kein Mensch. Keine Ramona Gleibt. Niemand von Gustl Strauchingers Eltern. Auch nicht die ominöse Trenchcoat-Figur.

Das heißt, Thomas, Regine und Herr Augustin, die Detektive der Detektei Umschau, machten tagsüber oder des Nachts mit dem Restlichtfernglas durchaus Beobachtungen. Die, daß verschiedene Leute um das Gelände des Bauernhofes der Familie Strauchinger herumpatrouillierten.

Zivilgekleidete Polizei. Mitglieder der Soko Blaubeere.

Was wir von der Detektei Umschau sicher wußten, war, daß mit der Soko Blaubeere immer schlechter gut Kirschen essen war. Vor allem auf Thomas hatten Beamte der Soko Blaubeere es abgesehen. Als hielten die von der Soko Blaubeere Thomas für den Einsatzleiter, den, der Regine und Herrn Augustin Anweisungen gab. Auf das Polizeipräsidium wurde Thomas wiederholt verfrachtet.

Die längste Zeit, die Thomas in einer Zelle verbrachte, waren zwei Tage. Zum Glück für Thomas eine Ausnahme.

Für uns von der Detektei Umschau hieß das endgültig, daß wir uns in unseren Unternehmungen zurücknehmen mußten. Daß es angesagt war, noch dosierter zu arbeiten.

 

Dann kam der Tag, der zwölfte Juli. Der hier der wichtigste ist.

Thomas fuhr in seinem Mietfahrzeug früh morgens die Geiersdorfer Bergstraße hoch. Das erwartete Thomas sich, ein bißchen in der Umgebung Geiersdorfs spazierenzufahren.

Etwa die Hälfte der Strecke nach Geiersdorf hoch hatte Thomas bewältig, als drei Rettungs-, und zwei Notarztwägen Thomas' Wagen überholten. Dahinter kamen drei Polizeifahrzeuge gefahren.

An die Einsatzwägen hängte Thomas sich dran.

Als Thomas sah, daß das nichts mit den Taberts und dem Tabert'schen Großbauernhof zu tun hatte, hatte Thomas sofort eine Ahnung. Und das, was Thomas sich dachte, stellte sich als richtig heraus: Die Rettungswägen, die Notärzte mit ihren Autos und schließlich die von der Polizei, die waren alle entweder bei der Familie Strauchinger auf dem Hof eingefahren oder parkten anbei, beredeten Sachen mit Gestalten in Normalo-Kleidung.

Es dauerte zwanzig Minuten, da fuhr der erste Rettungswagen ab.

Nach einer dreiviertelten Stunde die beiden anderen Rettungswägen, verfolgt von den Notarztautos.

Die Herrschaften von der Polizei, die sich nun mit allen Dienstfahrzeugen am Innenhof des Strauchinger Bauernhofes versammelte.

Uniformierte spazierten bei der Hofeinfahrt herum, sorgten dafür, daß Leute aus der Nachbarschaft, die ankamen, Fragen zu stellen, wieder nach Hause gingen.

Eine weißhaarigen Frau mit Kopftuch stellte Thomas sich in den Gehweg. Thomas grüßte die Frau, fragte sie, ob sie ihm nicht eine Sekunde sagen könnte, was bei den Strauchingers am Hof los wäre. Dann stellte sich Thomas, weil die Frau bei ihm blieb, vor. Frau Hertha Draubler hieß sie, war Thomas durchaus freundlich gesinnt. Was sie, Frau Draubler, wüßte, war, daß jemand den Notruf gewählt habe. Der Notarzt müßte schnell auf den Hof der Familie Strauchinger kommen, drei Bewohner des Bauernhofes befänden sich in einem schlimmen Zustand, würden kaum mehr atmen.

 

Was die lokalen Nachrichtenmedien berichteten, können Sie auch selber nachlesen, -schauen, Herr Weil-Esch junior, weil hier in der Anlage dieses Schreiben mehrere Zeitungsausschnitte und die beiden Berichte des Lokalfernsehens, das mit einem Reporterteam vor Ort war, mitgeliefert werden.

Alles auf dem Speicherstick.

Trotzdem tippe ich das mal ...

Gegen halb sechs Uhr früh ging ein Anruf beim Notruf ein. Auf dem Strauchinger Bauernhof in Geiersdorf gehe es mehreren Personen sehr, sehr schlecht. Notärzte müßten sofort kommen. Die Adresse der Strauchingers in Geiersdorf nannte der Anrufer.

Als einzige Möglichkeit für die Öffentlichkeit: Gustl Strauchinger, der telefonierte.

Sanitätswägen und Notärzte wurden losgeschickt. Ebenfalls Polizeifahrzeuge, nachdem die Polizei verständigt war.

Die Haustüre des Strauchinger-Hauses stand offen für die Sanitäter und Ärzte offen. Auch Polizisten begaben sich in das Wohnhaus der Bauernfamilie Strauchinger.

Zunächst: Ein älteres Ehepaar fand man im Erdgeschoß in seinem Ehebett vor. Frau Rosa und Herrn Gustav Strauchinger. Bei beiden kaum Atmung feststellbar.

Im oberen Stockwerk entdeckten die Polizeibeamten eine junge Frau. Nackt und um die Hüften herum vollgeblutet. Auf einem Doppelbett, daß sie lag.

Es war Ramona Gleibt. Ramona Gleibt, nur schwach am Atmen, aber am Leben. Ramona Gleibt, zwei Wochen erst her, daß sie aus der U-Haft entlassen worden war.

Der einzige, der nicht auf dem elterlichen Bauernhof und in dessen Umgebung anzutreffen war, das war Gustl Strauchinger. Gustl Strauchinger, der bei einem Motorradunfall vor Jahren schwer verletzte ältere Sohn von Frau Rosa und Herrn Gustav Strauchinger. Das zweite Kind, das Frau Rosa Strauchinger mit neununddreißig Jahren noch bekommen hatte, war vor zweieinhalb Jahren bei einer abendlichen Kletterei mit Freunden an einer Felswand östlich von Geiersdorf abgestürzt und an den inneren Verletzungen gestorben, die es durch den Sturz davontrug.

Überraschend für die Polizei fuhr Gustl Strauchinger gegen halb elf Uhr vormittags in seinem Geländewagen auf den Hof des Bauernhofes seiner Eltern ein. Als wäre nichts, kletterte Gustl Strauchinger aus dem Fahrzeug, stützte sich auf seine Krücken und begab sich zu den Polizisten hin. Auf der Stelle, daß Gustl Strauchinger als Tatverdächtiger Nummer eins festgenommen wurde. Einen Anwalt rief Gustl Strauchinger noch im elterlichen Bauernhaus an. Keine Billig-Kanzlei, sondern eine, die einem empfohlen werden mußte. Von irgendwem mußte Gustl Strauchinger die Nummer bekommen haben, und der Anwalt kam noch am Nachmittag auf das Polizeipräsidium, um Gustl Strauchinger Rechtshilfe zu gewähren. Das heißt, Gustl Strauchinger befolgte ohnehin bereits den Ratschlag seines Anwalts, sagte nichts weiter zu irgendwas.

Wie wir von Detektei Umschau in Erfahrung bringen konnten, wurde Gustl Strauchinger für den schlechten Zustand seiner Eltern Rosa und Gustav Strauchinger verantwortlich gemacht wurde. Beide, deren Zustand im Krankenhaus so war, daß sie zwischen Leben und Tod schwebten. Vor allem, weil Gustl Strauchinger die Woche zuvor dem Pflegedienst seiner Eltern gekündigt hatte. Den Leuten, die täglich vor- und nachmittags bei seinen immer schwerer an Alzheimer erkrankten Eltern vorbeischauten; öfters auch abends.

Unzufrieden wäre er mit der Freundlichkeit der Pflegerinnen, hatte Gustl Strauchinger die Kündigung dem Pflegeunternehmen gegenüber begründet; der Umgang der Pflegekräfte mit seinen Eltern, der mißfiel ihm, Gustl Strauchinger. Selber würde er, Gustl Strauchinger, zusammen mit seiner Freundin Mona die Pflege seiner kranken Eltern übernehmen. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, bis er einen anderen Pflegedienst bestellt hätte. Der dann kommen würde.

Wie es jedoch ausschaute, hatte Gustl Strauchinger sich nicht im mindesten um einen Ersatzpflegedienst gekümmert. Die Eimer in den Stühlen, in die hinein Gustl Strauchingers Eltern ihre Notdurft verrichteten, zu leeren, fiel niemandem ein. Außerdem schien es, mußten sich Frau Rosa und Herr Gustav Strauchinger selber medikamentieren. Nicht eine Kapsel, die Gustl Strauchinger oder Ramona Gleibt für sie ausdrückten und nach Plan bereitlegten. Da hatten Gustl Strauchingers alte Herrschaften richtig noch Glück, gefunden worden zu sein, ehe beide das Zeitliche segneten.

Außerdem wurden Frau Rosa und Herr Gustav Strauchinger die Tage zuvor ziemlich mißhandelt.

An Frau Rosa und Herrn Gustav Strauchingers nackten Körpern fanden sich jede Menge Hämatome. Hämatome, die nicht bloß davon herrühren konnten, daß eine Person sich irgendwo anstieß.

Im Krankenhaus, daß die behandelnden Ärzte bei Frau Rosa Strauchinger sogar ein Schädel-Hirn-Traum feststellten.

Wie es aussah, wurden die Eltern Gustl Strauchingers in Gustl Strauchingers Gegenwart nicht nur miserabel gepflegt, sondern dazu richtiggehend körperlich mißhandelt. Schläge, Hiebe mit harten Gegenständen schienen an der Tagesordnung gewesen zu sein. Zum Beispiel mit Eisenlöffeln, von denen zufällig einige bei den Eltern Strauchinger im Schlafzimmer herumlagen.

Das komischste aber war, konnte Thomas in Erfahrung bringen, daß sowohl bei Frau Rosa als auch bei Herrn Gustav Strauchinger in der rechten Armbeuge eine Kanüle stak, festgemacht mit Heftpflastern. Verwendungszweck der Kanülen bei Frau Rosa und Herrn Gustav Strauchinger: unerklärlich. Das heißt, den Zweck der Blutentnahme bei Frau Rosa und Herrn Gustav Strauchinger konnte kein Arzt, niemand recht überblicken.

Das bedurfte einer Aufklärung, deswegen wurde Gustl Strauchinger von den Polizisten bis auf weiteres in Haft genommen.

 

Was Frau Rosa und Herrn Gustav Strauchinger, Gustl Strauchingers Eltern, anbetraf, Herr Weil-Esch junior ...

Frau Rosa und Herr Gustav Strauchinger, im Krankenhaus eigentlich aufs beste vorsorgt, verstarben Frau kurz nacheinander drei Tage später, nachdem man die beiden gefunden hatte, an den Folgen von Austrocknung, Unterzuckerung und dem vorangegangenen Blutverlust.

Frau Rosa Strauchinger vielleicht auch infolge der Kopfverletzung, die ihr zusätzlich beigebracht worden war.

 

Eine unschöne Geschichte, Herr Weil-Esch junior.

Aber, ich bin hier noch nicht zu Ende hier. Das Thema Ramona Gleibt angeht, Herr Weil-Esch junior ... Und was die Detektei Umschau damit zu tun hat, daß Ihr Vater, Herr Doktor Gregorius Weil-Esch ...

Nun, Ramona Gleibt kennt die Detektei Umschau heute seit längerem. Ramona Gleibt hatte Visitenkarten der Detektei Umschau erhalten, auf der Telefon-, Smartphone und andere Adressen der Detektei Umschau draufstanden.

Das, daß wir von der Detektei Umschau von Frau Ramona Gleibt angerufen werden könnten, das war demnach nichts ganz und gar Unmögliches.

Und genau das geschah am letzte Freitag. Am letzten Freitag erhielten wir von der Detektei Umschau einen Anruf, und diejenige, die sich am anderen Ende der Leitung meldete, war Frau Ramona Gleibt. (Das von der Detektei Umschau selbstverständlich aufgezeichnete Phone-Gespräch in Schriftform gebracht hat Herr Wolf Beilig, Mitarbeiter der Detektei Umschau):

 

Detektei Umschau: Hallo! Wer da? Hier ist die Detektei Umschau. Haben Sie sich verwählt? Sollen wir zurückrufen? Wir haben Ihre Nummer angezeigt.

Anruferin: Hallo? Ich möchte mit jemandem der Detektei Umschau sprechen. Ich kenne einen Thomas Setzer, eine Regine Datz, eine Agathe Deuth.

Detektei Umschau: Sie sprechen mit Herrn Augustin, Mitarbeiter der Detektei Umschau. Kennen Sie mich auch? Ich bin praktisch die rechte Hand vom Chef.

Anruferin: Dann ist ja gut. Habe endlich die Nummer richtig eingeben können. Würd ich nicht so zittern, wär alles kein Problem, wissen Sie. Sehen tu ich Sachen auch immer wieder doppelt. Bin aber nicht betrunken, keine Angst. Spreche nicht von meinem Phone aus. Hab mir das meiner Zimmerkollegin nehmen dürfen. Bin im Aufenthaltsraum, mit meiner Handtasche. Die haben meine Handtasche für mich mit ins Krankenhaus genommen. Daran haben die gedacht, stellen Sie sich vor.

Detektei Umschau: Alles mögliche kann ich mir vorstellen. Auch, daß Sie eine Handtasche haben. Sie sprechen mit mir, Herrn Augustin, Detektiv, Mitarbeiter der Detektei Umschau. Mit wem, bitte, spreche ich denn?

Anruferin: Ramona Gleibt. Ramona Gleibt ist hier. Sie wissen doch, wer ich bin? Wenn Sie's nicht wissen, fragen Sie bitte jemand. Oder sie reichen mich an jemand weiter. Am besten jemand, der mich kennt. Ramona Gleibt spricht hier. Ich hatte schon das eine oder andere Treffen mit Leuten der Detektei Umschau. Können Sie nichts mit mir anfangen, geben Sie mir mal eine von den Frauen. Regine Datz oder Agathe Deuth, ja?

Detektei Umschau: Klar sind Sie mir ein Begriff, Frau Gleibt. Klar kenne ich Sie, weiß um Ihre Geschichte, Frau Ramona Gleibt ...

Frau Ramona Gleibt: Ich ruf Sie nur deswegen an, weil ich Ihnen kurz was sagen will. Ich hab eine Information für Sie.

Detektei Umschau: Ja ...? Welche denn?

Frau Ramona Gleibt: Später geht das nur noch schlecht, daß ich bei Ihnen anrufe. Weil, Sie müssen wissen, ich werde dann jetzt bald verhaftet. Festgenommen. In ein paar Minuten werd ich dafür sorgen, daß Polizei kommt. Überall, in jedem Gefängnis, jedem Irrenhaus ist es besser, als ... Ich werd hoffentlich sofort mitgenommen und weggesperrt. Hoffentlich sperrt man mich weg, läßt mich nicht so schnell wieder raus ...

Detektei Umschau: Warum wollen Sie das denn, daß Polizei kommt ...? Warum rufen Sie die Polizei, lassen sich verhaften, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Eigentlich bin ich schon jetzt nicht mehr eingesperrt. Mensch, überall darf ich herumlaufen. Ohne, daß mich einer bewacht. Obwohl ich recht wenig gegen was gesagt hab. Verhaftet haben sie aber Gustl. Gustl, den Dreckskerl. Erst sagen sie, daß ich und Gustl ... Das sagen sie jetzt nicht mehr. Sagen nicht mehr, ich und Gustl ... Deswegen ... Mir geht's jetzt heute schon wieder so gut, daß ich aus dem Krankenhaus rauslaufen könnt. Ich könnt in den Wald. Ich könnt auch nach Hause. Überallhin dürft ich gehen. Meld ich mich ab, keiner würd mich aufhalten. Ich, in meine Wohnung. Ins Hotel. Überallhin. Wirklich, wirklich. Aber ich will nirgends hin, will nicht nach Hause, nicht ins Hotel. Will auch nicht zu Mutter fahren. Weil ... Überallhin kann man mir nachkommen. Verstehen Sie mich?

Detektei Umschau: Nicht so richtig, Frau Gleibt. Sie sind im Krankenhaus, soweit sind Sie schon wieder auf den Füßen, daß Sie das Krankenhaus verlassen dürften. Wo ist das Problem?

Frau Ramona Gleibt: O ja, ich hab ein Problem. Problem, genau das richtige Wort. Mir geht's leider viel zu gut. Es hätte mir ruhig noch ein paar Tage länger schlechter gehen können, sag ich Ihnen. In jeder Hinsicht. Jede Gefängniszelle wäre gerade richtig. Und ich darf wieder heim. Ich will aber nicht heim. Ich will nirgends hin. Weil ich weiß, was mich dort erwartet. Wenn ich heimkomme. Oder ins Hotel. Was mich dort erwartet. Oder, besser gesagt: wer. Wenn ich jetzt im Taxi heimfahre, bedeutet das kein Glück. Genau weiß ich über alles Bescheid. Was mich erwartet. Darauf kann ich gut verzichten. Auf alles kann ich gut verzichten. Solange ich klar denken kann, müssen Sie wissen, Herr Augustin.

Detektei Umschau: Was ist denn bei Ihnen daheim, Frau Gleibt? Oder dann, wenn Sie in Hotel machen?

Frau Ramona Gleibt: Da wartet ER nur drauf. ER wartet da nur drauf, daß ich wieder wo heimkomme. Und dann ... Und dann ... Dann geht's mir dreckig. Wirklich nur noch dreckig. Wie meiner Schwester Gabi damals am Schluß. Dann macht ER mich endgültig alle. Ruckzuck kann ER das. Und, wer weiß, Gustl, der Dreckskerl, der sitzt zwar jetzt. Das heißt aber nicht viel. Gustl hat einen guten Anwalt. Mit dem ist Gustl vielleicht in Nullkommanix schon wieder frei. Dann kommt Gustl wieder zu mir. Dann möchte Gustl wieder, daß ich wieder aus meinem Versteck komme. Daß ich zu ihm auf den Bauernhof ... Gustl hat mich ja so, so lieb. Sagt Gustl auch jedem. Jedem, der Gustl nach mir und ihm fragt, dem sagt Gustl das. Dabei lügt Gustl. Das einzige, wofür Gustl sorgt, ist, daß ER mir nicht endgültig den Garaus macht. Das ist Gustls Liebe. Nichts als SEIN Wurmfortsatz ist Gustl. SEIN Wurmfortsatz. Gustl ist SEIN Wurm. Gustl hat sich an IHN verdingt. Sie wissen, was Gustls Eltern passiert ist ... Das haben die beiden Gustl zu verdanken. Gustl hat IHM das ganze Haus aufgemacht. Ich hatte keine Ahnung, daß ER drinnen ist. Daß ER zu Gustl kommt. Sonst ... Gustl hat gesagt, ER darf jetzt zu seinen Eltern. Und ER hat sich nicht lange bitten lassen, als ER gedurft hat. Auf nichts mehr achtgeben mußte. Gustl hats IHM erklärt. Da war ER frei. War so frei. Wie bei Gustls kleinem Bruder damals.

Detektei Umschau: Sie sagen, daß Gustl ein Wurm ist ...?

Frau Ramona Gleibt: Sie kennen doch diese gruseligen Filme ... Da haben die bösen Monster auch Diener. Meistens Krüppel. Die dienen IHNEN immer. Buckelige, die daherhinken. Und, sehen Sie, Herr Augustin, genau so einer ist Gustl. Gustl geht ja immer noch auf seinen Krücken ... Eigentlich redet Gustl nur immer davon, daß er seine Krücken bald weglegen wird können. Ich weiß das ja nicht so genau, wann Gustl die wieder loskriegt. Ob überhaupt. Gustl ist der, der sagt dir das und das. Von seiner Physiotherapeutin hab ich nichts gehört. Die hatte mir nichts zu sagen, als ich sie einmal angerufen hab. Das sei ärztliche Schweigepflicht, sagte sie. Sonst hat sie gemeint, daß es bei Gustl schon ziemlich gut wäre. Na ja ... Ich weiß nur das, was ich weiß, und das, was ich weiß, ist, daß Gustl ein Dreckskerl ist. Und: Gustl, Gustl tut, was ER will. Nein, auf keinen Fall gehe ich zu Gustl auf den Hof zurück. Fällt mir nicht ein. Wenn Gustl freikommt, mich zu sich auf den Hof zurückholt. Wenn ich dann bei Gustl auf den Bauernhof zurück bin ... Dann ist da nicht nur Gustl da am Hof. Sondern auch ER. Dann hat ER mich auch wieder. Das will ich nicht, daß mir dasselbe passiert wie meiner Schwester Gabi. Da hat ER auch nicht aufhören können. Da hat ER ... Bis zum Ende. Das brauch ich nicht. Entweder, ich schmeiß mich aus dem Fenster. Oder ... Ich gehe in Gefängnis. Da gehe ich lieber ins Gefängnis. 

Detektei Umschau: Lieber gehen Sie ins Gefängnis ...?

Frau Ramona Gleibt: Ich sage Ihnen, Gustl und ER, die sind Diener und Herr. Gustl dient IHM. Gustl erwartet sich von IHM, daß ER ihn gesund macht. Daß ER ihn heilt. Die Hypothek auf den Bauernhof seiner Eltern, die hätte Gustl gerne auf einen Schlag wieder loskriegt. Deshalb hat Gustl IHN auf seine Mutter und seinen Vater losgelassen. Bisher weiß ich aber nicht, daß Gustl die Hypothek losgeworden wäre. Das können Sie mit Ihrer Detektei überprüfen, wenn Sie wollen.  Was weiß ich, zu was Gustl noch fähig ist, was Gustl für iHN tun kann, weil Gustl glaubt, er, Gustl hätte da was davon. Oder zu was Gustl schon fähig war, was Gustl für IHN gemacht hat. Gustl macht IHM den Diener, glauben Sie mir das. Aber, ich möchte davon nichts mehr wissen. Alles, was ich weiß, ist, daß ich da nicht zurück möchte. Das Monstrum, dem Gustl ein Diener ist, macht sonst noch irgendwas aus mir, was ich nicht möchte. Meine Schwester Gabi, die ist tot. Aber, was ER das dann aus mir geworden ist, wenn ich nicht tot bin, aber ... Nein. Da gehe ich lieber ins Gefängnis. Für etliche Jahre reicht es, was ich mit Hänsel gemacht haben soll. Vielleicht kriege ich sogar Sicherheitsverwahrung. Auf alle Fälle werd ich dagegen nichts unternehmen. Zu Gustl und zu IHM zurückzukehren, darauf kann ich todsicher verzichten. Denke, ich möchte nicht von IHM am Leben gehalten werden, nur weil Gustl das gerne möchte.

Detektei Umschau: Hm! Hm! Das meinen Sie ernst, was Sie da daherreden, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Mir doch egal, wie es sich in Ihren Ohren anhört. Nur, da ist noch was. Weswegen ich Sie eigentlich anrufe ... Ich weiß noch was, von Gustl, Gustl, diesem Dreckskerl. Gustl hat davon geredet, daß ER bei Geiersdorf so Höhlen kennt. Höhlen, die eigentlich niemand kennt. Seit dem Mittelalter kennt die Höhlen und Gänge keiner mehr. ER hat zwei, drei Höhlen gezeigt. Was für Sie von Interesse ist ... Gustl hat was zu mir gesagt, als ich noch bei ihm am Hof seiner Eltern war. Gustl hat gesagt, er, Gustl, war mit IHM zusammen in einer Höhle. Gustl hat dorthin mit IHM mit müssen, verstehen Sie. Gustl hat IHM bei irgendwas helfen müssen, wovon Gustl mir aber nicht gesagt hat. Nur, daß da hat da ein Mann auch in der Höhle war. Ein älterer Mann. Ein älterer Mann in einem Käfig. Den Mann hat Gustl aus dem Käfig gelassen. Haha, Gustl hat dann den Käfig saubermachen müssen. Während Gustl das gemacht hat, ist der ältere Mann am Boden herumgekrochen. Das hat IHM Spaß gemacht, den älteren Mann kriechen zu sehen. Am Schluß durfte Gustl dem älteren Mann mit einer Gerte Schläge verpassen. Ihn sich vornehem. Dann hat Gustl ihn wieder in den Käfig gesperrt. Was sagen? Ein älterer Mann wird schließlich hier in der Gegend seit längerem vermißt. Vielleicht interessiert Sie die Neuigkeit. Der Polizei mag ich das nämlich nicht sagen. Keine Lust. Aber Sie, Sie könnten doch dort nachschauen, oder? Wenn Sie sich trauen. Ihr Detektive müßt nur aufpassen. Wenn ER euch über den Weg läuft ... Aber, vielleicht habt ihr Glück. Tagsüber kann man meistens Glück haben. Nur abends, nachts solltet ihr wieder zu Hause sein ...

Detektei Umschau: Ein älterer Mann - sagen Sie, Frau Gleibt. Er lebt?

Frau Ramona Gleibt: Hat Gustl zumindest gesagt. Ein älterer Mann, ja. Den ER in einem Käfig hatte. In einer großen Höhle. Ob der Mann heute noch lebt, ich weiß es nicht. Ist heute schon wieder ein paar Tage her, daß Gustl mir das so erzählt hat, als Gustl und ich miteinander im Bett lagen. Wird hoffentlich nie wieder in meinem Leben vorkommen, daß ich mit Gustl mal wieder irgendwo im Bett liege. Die nächsten fünfzehn Jahre, hoffe ich, wirklich nicht mehr. Glauben Sie mir, jedes Gefängnis ist besser, als zu Gustl und IHM zurück.

Detektei Umschau: Das um Geiersdorf herum, wenn man da herumsuchen geht - das ist ein weites Gebiet. Selbst für ein Suchkorps der Polizei. Außerdem gibt es jedes Wochenende eine Suche, die der Sohn von dem Mann veranstalten läßt ...

Frau Ramona Gleibt: Ich kann die Örtlichkeit für Sie ein bißchen eingrenzen. Gustl hatte doch ein Brüderchen. Das war zehn. Hat nicht auf Mami und Papi hören wollen. Ist am Fels klettern gegangen. Mit Freunden. Haben sich aufgeführt wie so Freikletterer. Nur mit den Händen und Füßen. Kein Seil, keine Sicherung, nichts. Gustls kleiner Bruder ist abgestürzt. Sie kennen die Geschichte: Gustls kleiner Bruder soll schon wieder oben zurück gewesen sein. Da ist ein Gebüsch. Plötzlich sieht es für die andern aus, Gustls Bruder würde hochgehoben, hinabgeworfen in die Tiefe. Kann aber auch Täuschung gewesen sein. Alles Täuschung. Wo der kleine Bruder Gustls runtergeflogen ist, dort soll die Höhle sein. Dort drinnen hat ER ihn eingesperrt, in einen Käfig. Mehr weiß ich aber jetzt wirklich nicht drüber. Schauen Sie sich einfach dort in der Gegend um, wo der kleine Bruder Gustl die Felswand runter ist. Vielleicht finden Sie was. Muß ziemlich versteckt sein. Gustl hat durch eine Art Erdloch wie ein Fuchsbau da reinkriechen müssen. ER ist hinter Gustl hergekrochen. Gustl hat gedacht, sein letztes Stündlein hätt geschlagen. Leider wars das dann nicht für Gustl.

Detektei Umschau: Ein Erdloch, wie von einem Fuchs gemacht ...?

Frau Ramona Gleibt: Hab ich gesagt, denk ich, ja. Aber, wie gesagt, ob der, den ER im Käfig hat, noch lebt, ich weiß das nicht. Kann ich nichts versprechen. Kann jetzt schon mausetot sein, der. Gustl bringt auch Leute für IHN um. Das bindet Gustl auch an IHN.

Detektei Umschau: Vielen Dank, daß Sie uns das sagen, Frau Gleibt.

Frau Ramona Gleibt: Keine Ursache. Deshalb wollt ich Sie noch schnell anrufen. Vielleicht interessiert Sie die Neuigkeit. Wenn nicht, mir macht das nicht. Ich jedenfalls, ich habe keine Lust, heute, weil es mir wieder so gut geht, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden und in meine Wohnung zurückzukehren. Da geh ich lieber ins Gefängnis. Sind wir fertig, ruf ich jetzt die Polizei an, sage denen, ich hätte Hänsel umgebracht.

Detektei Umschau: Fahren Sie doch zu Ihrer Mutter, kaufen sich dort ein Flugticket ... Sie müssen sich doch nicht einsperren lassen, wenn Sie ...

Frau Ramona Gleibt: Doch, doch. Vielleicht stimmt ja alles, was vermutet wird. Daß ich Hänsel umgebracht hab. Wissen Sie, ich weiß das alles ganz genau. Ich war bei Hänsel in der Wohnung, als Hänsel gestorben. Ich hab mitgeholfen, Hänsel. Und ich hab was von Hänsel ... Mußte ich ja auch. Und weil das alles stimmt, kann ich ganz genau erzählen, wie es war. Das werde ich jetzt tun. Alles erzählen, wenn die Polizei gekommen ist. Ich werde ein volles Geständnis ablegen und viel weinen. Dann gehe ich ins Gefängnis, kriege hoffentlich Sicherungsverwahrung. Alles ist besser. Auf Wiederhören!

 

Wie Ramona Gleibt das zu Herrn Augustin von der Detektei Umschau gesagt hatte, hat Ramona Gleibt nach dem Anruf bei der Detektei Umschau die Polizei herbeigerufen.

Aus dem Ortkrankenhaus haben Polizisten Ramona Gleibt mit ihren Fahrzeugen abgeholt. Thomas und Regine, die Detektive, Mitarbeiter der Detektei Umschau, haben die Polizeiautos vom Ortskrankenhaus weg abfahren sehen, Herr Weil-Esch junior.

Den Mord an Herrn Josef Hänsel hat Frau Ramona Gleibt in allen Punkten gestanden. Wie Ramona Gleibt es Herrn Augustin telefonisch angekündigt hatte.

In Haft sitzt Ramona Gleibt. Auf ihren Geisteszustand hin wird Ramona Gleibt untersucht.

Die lokalen Nachrichtenmedien berichten in Schriftform, filmischen Reportagen, daß der Mord an Herrn Josef Hänsel, dem Liebhaber Frau Ramona Gleibts, aufgeklärt ist. Sogar Einzelheiten, wie Ramona Gleibt den Tathergang in Herrn Hänsels Wohnung schildert, wurden im Lokalteil der Zeitung, im örtlichen Radioprogramm und in den Sendungen des Regionalfernsehens bereits lebhaft diskutiert.

 

Was den Ärger der Detektei Umschau mit der Polizei und den regionalen Medienschaffenden angeht, das alles haben wir von der Detektei Umschau nun davon, daß Mitarbeiter der Detektei Umschau Ihren Vater aufgefunden haben, Herr Weil-Esch junior.

Leider nur die sterblichen Überreste von Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch.

Thomas, Wolfgang, Regine und Herr Augustin sind am frühen Morgen vor drei Tagen in ihren Fahrzeugen nahe bei der Felswand, die Gustl Strauchingers kleiner Bruder hinabstürzte, angekommen. In Wanderkleidung, bewaffnet mit Spaziergeh- und Kletterutensilien wie Skistöcke, Seile, Karabiner, haben Thomas, Wolfgang, Regine und Herr Augustin sich auf den Ausflug begeben, der zur Klettertour werden hätte können.

Zunächst sind Thomas, Wolfgang, Regine und Herr Augustin am Fuß der Felswand lang gewandert. Dann haben Thomas, Wolfgang, Regine und Herr Augustin sich der näheren Umgebung zugewandt. Schließlich hatte Ramona Gleibt von einem Fuchsloch gesprochen, nicht von einer Öffnung im Fels.

Die verborgene Berghöhle mußten Thomas, Wolfgang, Regine und Herr Augustin bei ihrer Suche allerdings überhaupt nicht finden. Relativ bald, daß Thomas und Wolfgang, die die eine Gruppe bildeten, nach den anderen riefen.

Auf einer kleinen Lichtung hatten sie beim Herumschauen zwischen Gebüsch, Bäumen etwas entdeckt.

An einen armdicken Ast in zweizackiger Gabelform war der Kopf dazwischengespießt, der Ast in den Boden gerammt.

Daß es Herr Doktor Gregorius Weil-Esch war, das war zu vermuten, weil das der Personalausweis Herrn Doktor Gregorius Weil-Eschs war, der angeknabbert aus dem Halsrand unten am abgetrennten Kopf herausgelugt hatte.

Der Rumpf Herrn Doktor Weil-Eschs war an abgebrochenes Geäst der Fichte gespießt. Die Beine und Arme wurden an die Fichtenstämme in der Umgebung genagelt. Ebenso die extra abgetrennten Hände. Die Nägel waren bei jeder Hand mitten durch den Handrücken getrieben.

Sollte wohl jedem, der zufällig an den Ort geriet, den Schrecken seines Lebens verpassen. Wiederkehrende Alpträume.

Bleibt festzuhalten, Herr Weil-Esch junior, Fliegen und sonstiges Getiert umsummte die Körperteile, kroch darauf herum. Was meine Mitarbeiter Thomas, Wolfgang und Regine und Herr Augustin überblickten, war noch relativ frisch. Von einem Verwesungsprozeß konnte keine Rede sein. Was nichts anderes zu bedeuten hatte: Der Tod Ihres Vaters war nicht so lange her.

Die ungefähre Todeszeitpunkt, gab die örtliche Polizei in einer Pressemitteilung bekannt, war der Abend des Vortages. Erst nach seinem Tod, der nicht auf äußerliche Gewalteinwendung wie Schläge, Messerstiche oder eine Schußwaffe zurückzuführen war, wurde Ihr toter Vater zerstückelt.

 

Begegnet ist Thomas, Wolfgang, Regine und Herrn Augustin, den Mitarbeitern der Detektei Umschau, als sie die Landschaft nahe der steil abfallenden Felswand absuchten, keine einzige Menschenseele.

Nur, das Gefühl war in meinen Leuten, daß sie beobachtet würden.

Deshalb entschied Herr Augustin, daß nicht lange auf irgendwas gewartet würde, die Herumsucherei nach einer Höhle wurde eingestellt, die Polizei herbeigerufen.

Regine traf das Los, Regine meldete den Leichenfund der Polizei. Bei ihrem Auto wartete Regine auf die Ankunft der Polizeiwägen. Zu der kleinen Baumlichtung mit Sicht auf die Felswand führte Regine die uniformierten Beamten. Die an den Fichten festgemachten Leichenteile waren weiterhin vorhanden, und Regine mußte die Geschichte wiederholen, wie sie auf die Lichtung gestolpert wäre, plötzlich hochschaute, dort ihr ein Gesicht entgegengrinste. Das eines Mannes. Ein abgetrennter Kopf. Horrormäßig, der Anblick. Dann hätte Regine herumgeschaut, die übrigen Körperteile an den Bäumen rundum gesehen. Sofort wäre sie, Regine, zu ihrem Auto gelaufen, hätte die Polizei herbeitelefoniert.

 

Das ist jetzt im Grunde alles, Herr Weil-Esch junior. Mehr gibt es von unserer Seite nicht zu berichten.

Vielleicht sollte ich noch kurz das schreiben, daß Ramona Gleibt das vielleicht schon gewußt hat, während sie sich mit Herrn Augustin am Telefon unterhielt, daß wir denjenigen, von dem sie uns von der Detektei Umschau, wohl kaum lebend finden würden. Stark vermuten wir das, Herr Weil-Esch junior. Nur, Ramona Gleibt, die sitzt ohnehin im Gefängnis. Der ist das sicher egal. Ohnehin nimmt Ramona Gleibt einen Mord auf sich, hat ein Geständnis abgelegt.

 

Das ist die kurze Geschichte, wie es dazu kam, daß ausgerechnet wir, wir von der Detektei Umschau, Ihren toten Vater auf der kleinen Waldlichtung auffanden, Herr Weil-Esch junior.

Einem Anruf Frau Ramona Gleibts bei uns, in den Büroräumen der Detektei Umschau, haben wir dieses Moment zu verdanken. Keinem Mysterium.

Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihr Vater, Herr Weil-Esch junior, ist tot. Einem gemeinen Verbrechen zum Opfer gefallen.

Den, den wir von der Detektei Umschau als seinen Mörder vermuten, der ebenfalls von der Polizei gesucht wird - wie er ohnehin bereits länger zur polizeilichen Fahndung ausgeschrieben ist -, der konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden. Auch nicht von einem der Mitarbeiter der Detektei Umschau.

Warum sollte es der Detektei Umschau besser gehen, als offiziellen Stellen? Wir haben der Polizei - die in dem Fall die Soko Waldmord gegründet hat - auf alle Fälle, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Weil-Esch junior -, unsere Unterlagen und unser ganzes Wissen zur Verfügung gestellt.

 

 

Hiermit verbleibe ich,

mit freundlichen Grüßen

 

 

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Anlage

1 Speicherstick (abgespeichert: die Unterhaltung, die Herr Augustin, Mitarbeiter der Detektei Umschau, mit Gustl Strauchinger führte; das Telefongespräch, das Herr Augustin von der Detektei Umschau mit Frau Ramona Gleibt führte.)

110 Fotos (Steilwandlandschaft nahe von Geiersdorf; die Waldlichtung, mit allem, was es für Thomas, Regina, Wolfgang und Herrn Augustin an grausigen Dingen zu sehen gab; Beobachtung der Polizei bei ihrer Arbeit.)"

 

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