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Blog von TeddeMehr

"Briefprotokolle der Detektei" (19.04. - 15.06.), No. 4

28. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Gregor Weil-Esch junior, Datum: 15.06.xxxx

 

"Sehr geehrter Herr Weil-Esch junior,

viel zu tun haben wollen Sie mit uns von der Detektei Umschau wirklich nicht.

 

Trotzdem müssen Sie Herrn Augustin, meine rechte Hand, nicht auf einem so bodenlos niedrigen Niveau anschnauzen, nur weil Herr Augustin Sie im Namen der Detektei Umschau anruft.

 

Das interessiert Sie doch, oder? Darüber wollen sie gerne informiert werden, nicht?

Darüber, daß es sich als Irrtum herausgestellt hat, daß Frau Agathe Deuth, Mitarbeiterin der Detektei Umschau, etwas mit dem Verschwinden Ihres Vaters, Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, zu tun hatte.

Zum einen konnten wir von der Detektei Umschau glaubhaft machen, daß Agathe Deuth nicht direkt mit Herr Doktor Gregorius Weil-Esch bekannt war. Erst im Hotel Mandlinger Hof hatte Agathe Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch zum erst Mal gesehen, ihn unter falschem Namen kennengelernt.

Das zweite, das Agathe Deuth weiterhalf, war, daß dieser Dexter, der Klubchef der Dead Riders, - Familienname Dexter, Vater Engländer, Mutter Spanierin, wohnhaft in Roting -, informiert hat, wer derjenige war, den er gerne entführt hätte. Nur, daß das mit dieser Entführung nicht über das Planungsstadium hinausgekommen war.

 

Trotzalledem, ich werde Agathe Deuth jetzt kündigen müssen.

Der Grund: Wir können es als Detektei nicht dulden, wenn eine Mitarbeiterin ein zu inniges Verhältnis zu Personen aufbaut, die sie aushorchen soll, sonst nichts.

Frau Agathe Deuth hatte und hat weiterhin ein Verhältnis mit diesem Dexter, Klubchef der Dead Riders, Freunde des Motorradfahrens, die ihr Vereinshaus in Roting, einem Nachbarkaff von Geiersdorf, haben.

 

Manchmal nicht zu fassen, wo die Liebe hinfällt. Welche seltsamen Blüten sie treibt.

Sie sagen, Herr Weil-Esch junior, das interessiert Sie nicht.

Ich dagegen finde durchaus, das gehört hierher. In dieses Schreiben an Sie hinein.

Mit irgendwas muß ich diesen Text ja beginnen.

 

 

Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihr Vater, Herr Weil-Esch junior, ist nun seit über einem Monat verschwunden.

Die Polizeikorps zu Fuß und mit Hundestaffeln haben die Suche längst aufgegeben.

Aber Sie, Herr Weil-Esch junior, haben für nächsten Samstag bereits wieder einen Suchtrupp organisiert, der die Geiersdorfer Wald- und Wiesenumgebung abläuft. Wie letzten Samstag.

Daß Leute im Wald herumlaufen, dafür zahlen Sie gut. 

Selbst von steilen Felsklüften haben sich schon Kletterer in Ihrem Auftrag, Herr Weil-Esch junior, abgeseilt. Ohne deswegen den Körper eines bestimmten abgestürzten Menschen, nämlich den Ihres Vaters, irgendwo in einer Felskluft zu entdecken.

 

Wissen Sie, Herr Weil-Esch, worauf Sie noch nicht gekommen sind ...? Verstehe das nicht.

Kleinere, größere natürliche Höhlen gibt es im Umkreis von Roting. Bergbau hat es im Mittelalter im Geiersdorfer und Rotinger Berggebiet gegeben.

Einige der altvorderen Stollen sind sogar so gesichert, daß es in sie hinein Führungen gibt. Dazu gibt es kleinere, größere natürliche Höhlen, vor allem rund um Roting.

Die Rotinger Tropfsteinhöhlen sind eine Touristenattraktion.

Im Sommer fahren täglich Busse mit Reisenden aus aller Herren Länder die Bergstraße nach Roting hoch. Japaner, Amerikaner.

Vielleicht sollten Sie Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihren Vater, auch in einer dieser Höhlen suchen lassen. Jedoch in den abgelegeneren, unzugänglicheren.

Wäre doch eine Idee. Wenn Sie die noch nicht hatten.

Möglicherweise findet sich der Körper Ihres Vaters, des Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, in einer Hang- oder Felshöhle.

 

Apropos, Herr Weil-Esch junior, das Thema Körper, Leiche ...

Bei der Detektei Umschau handelt es sich, wie Ihnen ja bekannt ist, um eine Detektei.

Es kann keine Rede davon sein, daß wir Polizisten sind. Mörder, Diebe, Betrüger, Erpresser - werden von keinem der Detektei Umschau festgenommen.

Im besten Falle, sind wir von der Detektei Umschau uns einer Sache ganz sicher, daß wir einen Tatverdächtigen festhalten dürfen - bis die Polizei kommt. Die von der staatlichen Behörde, die kümmern sich dann um die weiteren Angelegenheiten. Oder nicht.

Eine Detektei darf demnach das: Dinge in Erfahrung bringen, nach Leuten Ausschau halten.

Etwas Interessantes, das uns, der Detektei Umschau, durch ein Telefonat bekanntgemacht wurde, Herr Weil-Esch junior. Mit jemandem haben wir telefonisch gesprochen, der in dem Fall des digitalen Tagebuches, das Ihr Vater so interessant fand, daß er die Detektei Umschau beauftragte, die in dem Tagebuch beschriebenen Angelegenheiten, Inhalte auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, mit eine bestimmte Rolle spielte.

Was wir von der Detektei Umschau durch dieses Telefongespräch erfahren haben ...

 

Diese Beziehung hätten wir aus den Artikeln, Nachrichten der lokalen Medien, wo immer sie veröffentlicht wurden, so nicht herstellen können.

Fange ich hier in dem Schreiben ungefähr so an, sehen wir es wie ein Märchen ...

Es war einmal. Eine warme Frühsommernacht. Die Nacht vom sechsten auf den siebten Juni.

Zwei Männer befanden sich an einem bestimmten Ort, einem, den Leute nur betreten sollten, um stille Andacht zu halten.

Helme wie Bergleute hatten sie auf ihren Köpfen. Vorn angebracht: Helmlampen. Die einmal heller, einmal weniger hell leuchteten. Je nach der Einstellung.

Im Schweiße ihres Angesichts beschäftigten sich die beiden Leute mit ihrer Arbeit.

Nichts Leichtes war das. Trotzdem mußten sie sich bemühen, nicht zu laut zu werden. Schnaufen, stöhnen, das durften sie nur gepreßt. Alle paar Momente sahen sie sich dazu genötigt, in die Finsternis zu lauschen. Auf die Geräusche der nächtlichen Umgebung.

Einen Flaschenzug hatten die nachtschwarzen Gestalten im Steckkastensystem zusammengebaut. Stemmeisen kamen zum Einsatz, Stricke, die sie hinten und vorne unter den Grabstein schoben.

Mit Hilfe des Flaschenzugs haben die Gestalten den in der Horizontale gelegten schweren Grabstein angehoben und seitwärts geschoben, an das nächstliegende Grab heran, auf es drauf.

Als sie damit zufrieden waren, fing die Buddelarbeit an.

Verfluchte nächtliche Handarbeit. Hätte man ohne weiters mit einem kleinen Bagger vorfahren können, hätte sich die Sache in Nullkommanix erledigt gehabt. So aber mußte Muskelkraft zum Einsatz kommen, verschwendete man mit blöder Schaufelei Zeit. Während es dabei blieb, daß gleichzeitig immer wieder mit Bedacht auf die Geräuschkulisse der Umgegend gelauscht werden mußte.

 

Was meinen Sie, Herr Weil-Esch junior? Sie haben jetzt sicher längst die Idee, von was ich oben schreibe, oder?

Ich mag meine Phantasie überhaupt nicht bemühen, wie lange die Männer geschuftet hat, obwohl sie sich zu zweien mit der Grabarbeit beschäftigten.

Immerzu der lastende Druck, daß irgendein nächtlicher Spei-Idiot doch nicht taub war. Oder jemand, der nachts durch die Straßen und Gassen der Stadt spazierte, dabei am Friedhof vorübermußte. Vielleicht nur, weil das doofe Hundchen mitten in der Nacht Gassi gehen wollte.

Erlauschte wer komische Sachen, hörte dies und das, holte er möglicherweise sein tragbares Telefon heraus, rief den Notruf an. Von dort telefonierte man mit der örtlichen Polizei. Dann ...

Dann war endlich der Abschnitt geschafft, war man mit der Schaufelbuckelei unter der Erde auf das Zielobjekt gestoßen.

Trotzdem mußte weitergeschaufelt werden. Um an den Sargdeckel heranzukommen. Den wollte man schließlich aufklappen können.

Auch dieses Geschaufel war irgendwann vollbracht. Glücklich umarmte man sich, patschte sich den Rücken her.

Nach oben griff man, besorgte sich die herumliegenden Stemmeisen. Angesetzt wurde, aufgehebelt ...

Hochgegangen war der Sargdeckel, gab den Blick frei, frei auf das, was sich drinnen im Sarg befinden sollte. Was sich normal im Sarginnern finden sollte.

 

Taschenlampen hatten die zwei zusätzlich noch in der Hand. Mit denen hineingeleuchtet wurde.

Nichts, daß sich im Innern der Sarglandschaft befand, das dem Blick entgehen konnte.

Plötzlich: Helles Lampenlicht fällt von oben auf das Duo von Grabschändern. Stimmen schrien, man sollte die Hände hochnehmen, sich nicht mehr bewegen.

Die, die oberhalb der Szene dazukamen, das waren Polizisten. Polizei, die herbeigerufen worden war. Unbemerkt hatten sich die Ordnungshüter angeschlichen.

Mit ihren grellen Handlampen leuchteten die Staatsbeamten die Grabszene mit den beiden Männern im Grab bis ins kleinste Detail aus.

 

Den Sarg, das wird ihnen von den Damen und Herren in Polizeiuniform, die noch mehr geworden waren, befohlen, müssen die Grabschänder-Brüder wieder schließen.

Heraussteigen müssen die beiden Entdeckten aus dem geschaufelten Rechteck.

Daraufhin geht es auf dem Friedhof, auf dem eigentlich Stille herrschen sollte, minutenlang ungehemmt laut zu, was Stimmen anging.

Handschellen klickten bei den Männern, die festgenommen waren und auf die Inspektion mitkommen sollten. Obwohl diese überhaupt nicht damit einverstanden waren, sich ungebärdig aufführten. Obwohl ihnen der Sachverhalt eigentlich klar sein sollte: auf frischer Tat ertappt.

 

Ich, wir, wir von der Detektei Umschau, müssen zugeben, wir haben von dem Vorkommnis bloß kurz lokale Artikel gelesen.

Relativ wenige Zeilen. Dünne Information.

Zwei Kerle, die nachts ein Grab geschändet hatten. Am Gnaden-Friedhof auf frischer Tat ertappt und für den Rest der Nacht inhaftiert.

Nicht das Fünkchen eines Lichts, das wegen den schmalen Zeitungsartikeln bei einem der Detektei Umschau angegangen wäre. Hätten wir, wir von der Detektei Umschau, am neunten Juni mal wieder bei dieser Frau daheim angerufen. Um uns mit ihr zu unterhalten, die letzten Neuigkeiten bei ihr von IHR zu erfahren. Oder einfach nur zu hören, wie es ihr denn so ginge im Moment.

Sie, das ist Frau Tatjana Christine Dombrowski. Frau Tatjana Christine Dombrowski ist Manuela Dombrowskis Mutter.

Herr Augustin, mit dem Sie ja nun bekannt sind, Herr Weil-Esch junior, ruft also bei Frau Dombrowski an. Kaum hatte Frau Tatjana Christine Dombrowski am anderen Ende der Leitung gemeldet, mitgekriegt, wer der Anrufer war, daß ein Schwall an Worten aus ihr, der Mutter Manuela Dombrowskis, herausdrängte. Frau Tatjana Christine Dombrowski redete und redete. Davon redete Frau Dombrowski, daß irgendwer das Grab ihrer Tochter Manuela geschändet hätte.

Den auf dem Grab Manuelas aufliegenden marmornen Liegestein hätten die Grabschänder mit einer Seilwinde oder so was auf die Seite geschafft. Danach hätten sie sich stundenlang hinabgebuddelt, bis zum Sarg und darüberhinaus.

Den Sarg Manuelas, ihrer jüngsten Tochter, hätten die Mistkerle geöffnet ... Selbstverständlich hätte sie, Frau Tatjana Christine Dombrowski, Manuelas Mutter, Anzeige erstattet.

 

Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz, Detektive der Detektei Umschau - sind augenblicklich aufgebrochen, persönlich zu Frau Tatjana Christine Dombrowski, Manuela Dombrowskis Mutter, gefahren. Alles haben Thomas und Regine sich noch mal ganz genau erzählen lassen. Weitere Details in der Angelegenheit in Erfahrung gebracht.

Die Geschichte hat Frau Dombrowski Thomas und Regine, den Mitarbeitern der Detektei Umschau, wiederholt. Polizeibeamte hätten sie, Manuelas Mutter, in der Früh verständigt, daß über Nacht das Grab ihrer Tochter Manuela aufgegraben und von Manuelas Sarg der Holzdeckel weggestemmt worden war. Die beiden Täter hätte man auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Der Friedhofsgärtner sei sofort auf den Gnaden-Friedhof gekommen, hätte den Sargdeckel wieder richtig draufgemacht, den Sarg verschlossen. Der vom Meßner geweckte Kaplan hätte über dem offenen Grab eine kleine Zeremonie wegen der Grabschändung abgehalten, dann hätte der Friedhofsgärtner begonnen, das Grab mit seinem kleinen Bagger wieder zuzuschütten. Alles würde die nächste Zeit am Grab wieder so hergerichtet wie es vorher war.

 

Die Friedhofsschänder waren von der Polizei auf das Präsidium verbracht worden. Die Personalien wurden aufgenommen.

Was soll ich lange herumschreiben, Herr Weil-Esch junior - einer der Männer waren Sie.

Der andere war der Bruder Ihrer Frau, Tim Herd, ein Amerikaner.

Sie, Herr Weil-Esch junior, interessieren sich anscheinend doch für diesen Fall, an dem die Detektei Umschau lange arbeitet. Sie haben sich entschlossen, Sie wollten gerne einmal in den Holzsarg Frau Manuela Dombrowskis hineinschauen. Mitgenommen, Ihnen bei Ihrem Unternehmen zu helfen, haben Sie Tim Herd, das Bruderherz Ihrer nordamerikanischen Gattin.

 

Schon seltsam, daß Sie so was machen, Herrn Weil-Esch junior.

Daß Sie überhaupt so mit dem Fall vertraut sind, mit dem wir von der Detektei Umschau uns im Auftrag Ihres verschwundenen Vater, des Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, schon ein geraumes Weilchen beschäftigen?

Oder war das, Manuela Dombrowskis Sarg zu öffnen, etwas, was auch Herr Doktor Gregorius Weil-Esch beabsichtigt hatte?

Nur nicht mit uns zusammen, den Leuten der Detektei Umschau. Sondern gemeinsam mit Ihnen, Herr Weil-Esch junior. Mit dabei in der Planung möglicherweise: Tim Herd, das Brüderchen Ihrer Ehefrau aus den Vereinigten Staaten von Amerika.

 

Ihr Anwalt, Herr Weil-Esch junior, der war, nachdem die Polizei Sie und Tim Herd nächtens festnahm, nicht eben erfolgreich darin, Sie und ihren Kumpel Tim Herd aus den Zellen zu holen.

Eine ziemliche Sammlung an Vergehen, die Sie sich zuschulden kommen hatten lassen.

Sie und Tim Herd haben sich gegenüber den Polizisten sowohl am Gnaden-Friedhof und als auch auf dem Polizeigelände ungebührlich aufgeführt.

Zähle ich einmal Ihre und Tim Herds Delikte im einzelnen auf: unerlaubtes Eindringen auf Kirchengebiet, Störung der Totenruhe, Grabschändung, Vandalismus, allgemeine öffentliche Ruhestörung, Beleidigung von Polizeibeamten im Dienst, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Besudelung von Staatseigentum.

Sie, Herr Weil-Esch junior, und Ihr Kumpan Tim Herd sind bloß deshalb auf freien Fuß gekommen, weil Ihre Mutter Anastacia sich einmischte. Ihre Mutter Anastacia hat satt einhunderttausend an Kaution gezahlt.

Eine Summe ist das, ich weiß nicht. Sie und Tim Herd sind nicht mit so einem Betrag an die staatlichen Vertreter herangetreten. Was heißt, Sie und Tim Herd hätten noch viel länger eingesessen, ohne Mutter Anastacia.

 

Eigentlich alles kein Problem. Jedenfalls nicht für uns von Detektei Umschau

Was wir von der Detektei Umschau uns allerdings fragen. Wir fragen uns, ob Sie uns nicht etwas beantworten können. Nämlich die Frage, wie das Ergebnis war, Herr Weil-Esch junior. Waren und sind Sie damit zufrieden, was Sie und ihr Freund Tim Herd im offenen Sarg gesehen haben?

Frau Tatjana Christine Dombrowski, die Mutter Manuela Dombrowskis, sagt immer, wenn das Gespräch darauf gebracht wird, ihre Tochter Manuela sei im Sarg gelegen, als die Beerdigung stattfand.Den Sarg habe sie schließlich noch ein letztes Mal öffnen lassen, gesehen, daß ihre Tochter Manuela drinnen im Sarg war. Sehr lebendig hat Tochter Manuela im Sarg ausgesehen. Beinahe nicht wie eine Tote. Obwohl an Manuela eine Obduktion durchgeführt worden war. Einwandfrei, schön hatte man Manuela wieder hergerichtet gehabt.

Eigentlich setzt jeder das voraus, daß Manuela Dombrowski in ihrem Sarg drinnen liegt, Herr Weil-Esch junior. Verstorben wie sie war. Nach ihrer tragischen Unglücksfahrt. Bei der sie in ihrem Fahrzeug in einer Geiersdorfer Bergstraßenkurve die Leitplanke durchbrach. Manuela war noch in ihrem Sarg drinnen, sagt ihre Mutter, als man sie vom Leichnam ihres leiblichen toten Kindes, auf das sie sich geworfen hatte, heruntergezogen hatte. Keiner, der Manuela Dombrowski nicht im Sarg gesehen hätte.

Nur ... Wie kommt paßt das dann zu der Tagebuch-Geschichte Herrn Bernd Reils, Herr Weil-Esch junior? Herr Bernd Reil, der davon schreibt, er hätte Manuela Dombrowski getroffen. Am hellichten Tag nachmittags in der Stadt. Mitten unter Leuten.

Beim Spazierengehen durch die Straßen war Manuela Dombrowski - da trifft sie Bernd Reil. Vor einem städtischen Kino.

 

Bitte, Herr Weil-Esch junior, wenn Sie uns das mitteilen könnten, was Sie in dem Sarg Manuela Dombrowskis gesehen haben.

War Frau Manuela Dombrowski nun in ihrem Sarg?

War etwas, das einmal Frau Manuela Dombrowski war, drinnen in dem Sarg?

Was haben Sie gesehen, nachdem Sie und Tim Herd den Sargdeckel aufgestemmt hatten? Worauf haben Sie geblickt?

 

Schon eine verflixte Sache, will ich Ihnen gestehen, Herr Weil-Esch junior.

Vorgestern war Herr Augustin, mein Partner und meine rechte Hand bei der Detektei Umschau, persönlich abgefahren. Herr Augustin mal wieder auf Besuch in dem netten Städtchen.

Auf dem oben erwähnten Gnaden-Friedhof war Herr Augustin höchstpersönlich. Weil: Der Sarg Manuela Dombrowskis war offen gewesen, nachts.

Mit dem Friedhofsgärtner und Totengräber, einem Heinz Krowoll, unterhielt sich Herr Augustin länger.

Herr Krowoll war in der Nacht des siebten Junis am Friedhof, weil er schnell herbeitelefoniert worden war. Hatte auch nicht weit, Heinz Krowoll. Nahe dem Gnaden-Friedhof hat Heinz Krowoll seine Wohnung.

Ruckzuck befand Heinz Krowoll sich in seinen Kleidern. Innerhalb von zwei, drei Minuten sah sich Heinz Krowoll am Gnaden-Friedhof der Situation gegenüber.

Zunächst hatte Herr Krowoll entschlossen gegenüber Herrn Augustin gemeint, es wäre doch klar wie Kloßbrühe, daß Manuela Dombrowski, deren Grab geschändet worden war, in ihrem Sarg drinnen gelegen wäre. Zu einhundert Prozent. Wie könnte Herr Augustin daherkommen, an was anderes denken? Tote, die man hineingetan hätte, lägen auch in ihren Särgen. Die reinste Selbstverständlichkeit.

Nun, Herr Augustin ließ nicht von Herrn Krowoll ab, Herr Weil-Esch junior. Und plötzlich war Heinz Krowoll in der Gegenwart Herrn Augustins tatsächlich verunsichert. Der Mann, Heinz Krowoll, kannte sich nicht mehr recht aus.

Sich selber stellte Heinz Krowoll diese zwei Fragen: War Manuela Dombrowski denn nun drinnen im Sarg? War Manuela Dombrowski nicht drinnen?

An Kleidung, an die erinnere er, Krowoll, sich. Ein schwarzes Kleid. Nur ... Bleiche Knochen müßte er in Erinnerung haben. Die Gebeine der Füße. Warum könnte er, Krowoll, sich nicht mehr Schädel der Toten erinnern?

Der schwarze Rock, der war schließlich nicht lang. Ein Minirock. So ein komisches Sackkleid. Da müßten bleiche Ober- und Unterschenkelknochen gewesen sein. Überdies ein bleicher Totenschädel, die skelettierten Hände ...

Wie vor den Kopf gestoßen, daß Herr Heinz Krowoll sich ab dem Zeitpunkt im Angesicht Herrn Augustins aufführte. Keinen Schimmer, der Mann. Wollte es nicht glauben.

Als Friedhofsgärtner, Totengräber war er, Heinz Krowoll, den Umgang mit Toten gewöhnt. Särge wurden von ihm ausgebuddelt, um umgebettet zu werden. Dabei fielen oder flutschten schon mal Skelette aus den Särgen heraus.

Tote Leute, die waren für ihn, Heinz Krowoll, nichts Ungewöhnliches. Daß er sich beim Anblick eines skelettierten Leichnams etwas dachte, daran vorbeischaute, keinen Meter der Möglichkeit. Daß er aus irgendeinem Grund darauf verzichten würde, in die skelettierte Schädelfratze Manuela Dombrowskis zu blicken, da hätte er, Krowoll, den falschen Beruf. Trotzdem, jetzt, da Herr Augustin, ihn, Krowoll, darauf anspräche, sähe er nichts von irgendwelchen knöchernen Überresten dieser Manuela Dombrowski in der Erinnerung. Als hätte er wirklich die ganze Zeit an der im Sarginnern vorbeigeblickt - oder nichts im Innern gesehen.

Den Sargdeckel hätte er, Heinz Krowoll, dann ganz normal wieder auf den Holzsarg draufgetan. Mit der Hilfe eines Polizisten in Uniform. Eines Polizisten, der jedoch einhundertprozentig etwas gesagt hätte - wie es die restlichen Polizisten gesagt hätten - wäre dort im Sarginnern nicht die skelettierte Tote gewesen.

 

Es war für Herrn Augustin nicht zu fassen: Herr Krowoll war zu verunsichern, ob er nun die Überreste der Toten, der der Sarg gehörte, im Innern gesehen hätte oder nicht.

Im Gasthaus, daß Herr Augustin, der selber ein paar Jahre lang mal Polizist war, zusammenhockte, war es überraschenderweise irgendwann das gleiche Phänomen.

Erst waren sich alle total einig und sicher in ihren Erinnerungen an den Nachteinsatz auf dem Gnaden-Friedhof des Städtchens. Bis Herr Augustin dann alles detailierter wissen wollte.

Da stellte sich plötzlich eine unglaubliche Verunsicherung bei den Leuten ein. Daß sich am Schluß keiner mehr sicher war, ob er nun das Skelett der Verstorbenen gesehen hatte oder nicht.

Richtiger Streit, der zwischen den Polizeibeamten entbrannte.

Sicher war für die Herren am Schluß nur noch, daß diese Manuela Dombrowski, die heute seit ein paar Jahren tot war, in dem Sarg gewesen sein mußte. Etwas anderes wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Denn: Wäre Manuela Dombrowskis skelettierte Leiche nicht drinnen gelegen, wäre das heute für die Öffentlichkeit eine andere Geschichte. Wäre das Skelett nicht im Sarg gewesen, hätte der Einsatzleiter wohl kaum gestattet, daß der Sarg geschlossen würde. Der Kaplan hätte nicht die kurze Zeremonie abgehalten. Woraufhin das Grab wohl nicht so schnell wieder zugeschüttet werden hätte dürfen. Sondern die Spusi hätte sich der Sache angenommen.

Hätten die skelettierten Überreste der Toten dem Sarginnern gefehlt, wäre mit Sicherheit eine darüber hinausführende Untersuchung anberaumt worden, warum diese Tote nicht in ihrem Sarg lag. Leichname konnten schließlich nicht so einfach aus Särgen verschwinden.

War die Verstorbene verschwunden, war die Frage zu klären, ob sich die Tote beim Begräbnis überhaupt im Sarginnern befunden hatte. Oder das, was seit dem Begräbnis mit der im Sarg geschehen war. Das war dann auch ein Fall für die Polizei, wurden Ermittlungen in alle möglichen Richtungen fällig.

 

Was sagen Sie, Herr Weil-Esch junior? Schon der Wahnsinn, was?

Das sind Erinnerungslücken, Aufmerksamkeitsdefizite, die hier aufgetreten sind, da wird einem anders.

Alles hat so einfach ausgesehen, und trotzdem wissen wir immer noch nicht ganz genau, ob Manuela Dombrowski in ihrem Sarg lag oder nicht.

Zumindest an das schwarze Sackkleid erinnerte sich jeder.

 

Deshalb also, Herr Herr Weil-Esch junior, helfen Sie uns von der Detektei Umschau. Teilen Sie es uns mit. Was haben Sie im Sarg Manuela Dombrowskis gesehen? Was war Ihre Wahrnehmung?

Haben sie nun das Skelett der Toten ausgeleuchtet, nicht nur Kleidungsstücke?

War da was von skelettierten Überresten Manuela Dombrowskis im Sarg? Oder war nichts im Sarg?

 

Worauf haben Sie gemeinsam mit Tim Herd, den Sie bei sich dabeihatten, geblickt, Sie, Herr Weil-Esch junior, gemeinsam mit Tim Herd?

 

Noch was, ganz zum Schluß dieses Scheibens: Wir von der Detektei Umschau haben die Vertragsvereinbarungen zwischen der Detektei Umschau und Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihren Vater, durch unsere Anwälte prüfen lassen.

Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, hat der Detektei Umschau im März dieses Jahres für ein halbes Jahr im voraus überwiesen. Mitte März, um genau zu sein.

Ein durchaus überraschender Eingang auf dem Bankkonto der Detektei Umschau.

Das bedeutet, daß die Detektei Umschau noch weitere drei Monate Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch verpflichtet ist, ihre Arbeit im Sinne ihres Auftrag- und Geldgebers zu tun. Oder die Detektei Umschau zahlt Geldbeträge zurück.

Wie wir von der Detektei Umschau es sehen, bleibt es dabei, daß wir für Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch unsere Arbeit in seinem Sinne weiterführen.

Die sterblichen Überreste Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch sind bis heute noch nicht aufgefunden. Vergeblich alle Suche. Mit der Tätigkeit der Detektei Umschau hat das jedoch nur peripher etwas zu tun, ob Herr Doktor Gregorius Weil-Esch tot ist oder nicht. Ihr Vater, Herr Weil-Esch junior, hat vertraglich festgelegt, daß die Detektei Umschau auch nach der offiziellen Erklärung seines Todes für ihn weiterarbeitet. Das heißt, ist Geld von Herrn Doktor Gregorius Weil-Eschs Seite aus geflossen.

Zumindest noch die nächsten drei Monate lang muß die Detektei Umschau in der Sache des digitalen Tagebuchs Herrn Bernd Reils und den Entwicklungen, die sich aus unserer Arbeit ergeben, weiter am Ball bleiben.

Als hätte Herr Doktor Gregorius Weil-Esch die Möglichkeit, daß ihm etwas geschehen könnte, bereit im März in seine Gedankengänge miteinbezogen, Herr Weil-Esch junior.

In drei Monaten allerdings endet der Arbeitsvertrag. Dann können Sie, Herr Weil-Esch junior, entscheiden, ob die Ergebnisse, die dieTätigkeit der Detektei Umschau erbracht hat, für Sie zufriedenstellend sind, waren. Oder ob Sie kein Interesse mehr daran haben, daß die Detektei Umschau weiter in der Angelegenheit am Ball bleibt.

Ganz Ihnen, Herr Weil-Esch junior, überlassen, wie Sie sich entscheiden, wenn Sie sich einen Überblick über die bisherige Arbeit der Detektei Umschau verschafft haben. Schließlich sind Sie derjenige, der uns von der Detektei Umschau in drei Monaten weiterbezahlen müßten.

 

Hiermit verbleibe ich,

mit freundlichen Grüßen

 

 

___________________

 

Anlage

1 Exemplar des Vertrags zwischen der Detektei Umschau und Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch. Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, der der Detektei Umschau den Auftrag erteilt, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, die in dem digitalen Bernd-Reil-Tagebuch beschrieben sind. Gegengezeichnet wurde das Vertragsdokument von der Detektei Umschau und Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch (die wichtigen Vertragspassagen für Sie, Herr Weil-Esch junior, in gelber Marker-Farbe hervorgehoben.)"

 

 

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