"Briefprotokolle der Detektei" (21.07. - 23.08.), No. 3
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Gregor Weil-Esch junior, Datum: 15.08.xxxx
"Sehr geehrter Herr Weil-Esch junior,
Sie zeigen kein Interesse an der Geschichte des digitalen Tagebuches Herrn Bernd Reils? Sie wollen wirklich nicht, daß wir die Arbeit, die wir von der Detektei Umschau im Auftrag Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihres Vater, begannen, fortführen?
Wenigstens hat sich das jetzt erledigt, daß Sie der Meinung waren, die Tätigkeit der Detektei Umschau wäre mit dem Zeitpunkt des Todes Herrn Doktor Weil-Eschs, Ihres Vaters, als beendet anzusehen gewesen.
Da konnte Sie Herr Albertz - der neue Anwalt der Detektei Umschau; Kanzlei Albertz&Co. - vom Gegenteil überzeugen.
Die Detektei Umschau muß an Sie, Herr Weil-Esch junior, auch kein Geld zurücküberweisen.
Aus diesem Grund stehen wir von der Detektei Umschau aber immer noch in der Pflicht, gewisse Ergebnisse zu liefern. Die mit dem Fall zu tun haben, mit dem Herr Doktor Gregorius Weil-Esch uns betraut hatte. Der Untersuchung der Tagebuchgeschichte Bernd Reil auf ihren Wahrheitsgehalt.
Beginnen wir in dem Schreiben mit dem ...
Der Prozeß gegen Frau Ramona Gleibt, fünfundzwanzig Jahre, Bankangestellte, ist letzte Woche von Montag bis Donnerstag über die Bühne gegangen ist. Innerhalb von vier Tagen.
Frau Ramona Gleibt war in allen Anklagepunkten geständig.
Frau Ramona Gleibt wurde des Mordes an Herrn Josef Hänsel, ihres Freundes und Geliebten, in einem schwerwiegenden Fall für schuldig befunden.
Der Urteilsspruch für Frau Ramona Gleibt: fünfzehn Jahre. Mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.
Das heißt, Frau Ramona Gleibt muß die fünfzehn Jahre nicht nur voll absitzen, Frau Ramona Gleibt hat Probleme damit, nach den fünfzehn Jahren aus dem Gefängnis in die Freiheit entlassen zu werden.
Das psychiatrische Gutachten Frau Ramona Gleibts, das von der Staatsanwaltsschaft in dem Mordfall Josef Hänsel in Auftrag gegeben wurde, sagte aus, daß Frau Ramona Gleibt eigentlich, trotz den Vorwürfen, die gegen sie erhoben würden, geistig gesund sei.
Bei klarem Verstand und im Bewußtsein der möglichen Folgen - also mit Kalkül - hätte Frau Ramona Gleibt den Mord an ihrem Freund und Geliebten, Herrn Josef Hänsel, begangen.
Daß Herr Josef Hänsel selber gegenüber Frau Ramona Gleibt ein Verhalten an den Tag legte, das in Sadomachochismus einen Oberbegriff hat, konnte die grausame Motivation und Perversion der Tat Frau Ramona Gleibts nicht rechtfertigen.
Vor Gericht kam das Zusammenleben Frau Ramona Gleibts mit Herrn Josef Hänsel zur Sprache.
Darüber wurde gesprochen, daß Herr Josef Hänsel bei Frau Ramona Gleibt, seiner Freundin, immer schon wieder zuschlug. Spielte sich die kleinste Kleinigkeit ab, stachelte das Herrn Josef Hänsels Jähzorn an, Herr Josef Hänsel mußte schlagen.
Mit der Hand zuzuschlagen, das reichte Herrn Josef Hänsel jedoch die letzte Zeit seines Zusammenlebens mit Frau Ramona Gleibt nicht mehr aus. Im Internet bestellte sich Herr Josef Hänsel die verschiedensten Arten von Schlagwerkzeugen für den Sadisten. Peitschen, Gerten, die am Körper keine Spuren hinterließen. Das heißt, zu starker Rötung der Haut konnte es kommen, zu mehr nicht. Von solcherart Mißhandlung sah man dem Opfer nach kurzer Zeit nichts mehr an.
Das wiederum, sagte der Richter bei der Urteilverkündung, hätte kein Grund für Frau Ramona Gleibt sein dürfen, Herrn Josef Hänsel zu ermorden.
Schließlich wäre sie, Frau Ramona Gleibt, nach einer halbjährigen Auszeit von selber zu Herrn Josef Hänsel zurückgekehrt war. Sie wäre auch bei Herrn Josef Hänsel geblieben. Obwohl Josef Hänsels Verhalten schlimmer war als früher.
Herrn Josef Hänsel dann am Schluß zu überwältigen, ihn selber zu fesseln. Frau Ramona Gleibt, sie drehte den Spieß einfach um, mißhandelte den hilflos in Fesseln befindlichen Josef Hänsel auf schlimmste Art und Weise. Zu guter Letzt gipfelte bei Frau Ramona Gleibt die Grausamkeit darin, daß sie Josef Hänsel in der Badewanne ausbluten ließ. Bei vollem Bewußtsein Josef Hänsels, bis Josef Hänsel, wie es Ramona Gleibt im Gerichtssaal beschrieb, die Schwäche übermannte.
Ebenfalls grauenvoll fanden alle, die der Verhandlung Ramona Gleibts beiwohnten, die Beschreibung, wie Ramona Gleibt Josef Hänsel mit dem Messer aufbrach, wie eine Metzgerin Josef Hänsels Innereien entnahm. Den gesamten Körper Josef Hänsels zerlegte, Ramona Gleibt in seine Einzelteile, packte alles in Plastiktüten ab.
Als der Staatsanwalt Frau Ramona Gleibt darauf ansprach, gab sie an, wie sie schon bei der Polizei, zu, daß sie Josef Hänsels Bruch abgepackt in das Gefrierfach des Kühlschranks legte. Den Rest brachte Frau Ramona Gleibt in der Kühltruhe unter. Nur den Darm entsorgte Ramona Gleibt in einer Mülltonne in der Nachbarschaft.
Die darauffolgenden Tage, die sie, Frau Ramona Gleibt, bei Herrn Josef Hänsel in der Wohnung verbrachte, daß sie sich immer etwas davon als Abendessen zubereitete. Den Anfang machte Ramona Gleibt mit Herrn Hänsels Hoden, Augen und Zunge.
Aus Neugierde, antwortete Ramona Gleibt. Weil sie, Ramona Gleibt, einmal wissen wollte, wie das schmeckte.
Auf Herrn Augustin, der die Gerichtsverhandlung von der Zuschauerbank aus verfolgte, machte Frau Ramona Gleibt einen rosigen, frischen Eindruck.
Der früher nur auf den zweiten Blick erkennbare, etwas graue Teint hatte Frau Ramona Gleibt verlassen.
Hübsch, aufgeblüht, froh wirkte Frau Ramona Gleibt vor Gericht, was Frau Ramona Gleibt sicher keine Pluspunkte beim Richter und seinen Schöffen einbrachte. Der Staatsanwalt hätte ohnehin am liebsten die Todesstrafe für Ramona Gleibt beantragt, wäre das dem Gesetz nach eine Möglichkeit gewesen.
Einige Zuschauer unterhielten sich in den Pausen in der Nähe Herrn Augustins darüber, wie irritierend sie Frau Ramona Gleibt fänden. Mit Spaß hätte das, wovon sie, Frau Gleibt, reden würde, schließlich in keinster Weise etwas zu tun.
Der vorsitzende Richter, die Schöffen hatten - nach den ausführlichen, kenntnisreichen Ausführungen der Angeklagten Ramona Gleibt und nach ihrem Geständnis in allen Anklagepunkten - keinerlei Zweifel an der Schuld der Angeklagten.
Richtiggehend glücklich sah Frau Ramona Gleibt aus, als am letzten Tag ihrer Verhandlung der Urteilsspruch verlesen wurde. Mit einem Lächeln nahm Ramona Gleibt zur Kenntnis nahm, daß sie zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Als wäre mit der Verurteilung eine Last von der Angeklagten abgefallen, winkte Ramona Gleibt beim Weggehen von der Anklagebank grinsend in die Richtung Herrn Augustins, den sie, Ramona Gleibt, als Mitarbeiter der Detektei Umschau kannte. Als hätte ihr kein größeres Glück passieren können, als diese langjährige Haftstrafe mit der Feststellung der Schwere der Schuld. Etwas, was sie unter Umständen lebenslang hinter Gefängnismauern brachte.
Nichts mehr, das der angeklagten Mörderin Ramona Gleibt während ihrer Verhandlung bis zum Zeitpunkt ihrer Verurteilung zugute gehalten wurde.
In keinster Weise mehr die Rede war in der Gerichtsverhandlung von den Beobachtungen, die Leute aus der Umgebung der Straße am Wohnhaus des Gebäudes, in dem Josef Hänsel seine Mietwohnung hatte, machten. Vor allem abends, nachts oder gegen Morgen.
Einige hatten sich bei der Polizei gemeldet, daß sie gesehen hätten, wie eine Gestalt, schwärzer wie die Nacht, die Hausfassade herabkam, durch das offenstehende Fenster der Mietwohnung Josef Hänsels hinein- oder -ausstieg.
Etwas, was damals zur zeitweiligen Freilassung Frau Ramona Gleibts geführt hatte, weil nicht nur eine Nachbarin bei der Polizei aussagte, sie hätte an der Fassade des Hauses jemanden gesehen. Noch andere erinnerten sich plötzlich an solche Erscheinungen, meldeten sich bei den Polizeibeamten.
Keine weitere Erwähnung fand das.
Lächelnd hat Frau Ramona Gleibt am letzten Verhandlungstag nach der Urteilverkündung den Gerichtssaal verlassen, um in Handschellen und mit Fußfesseln, links und rechts von Polizistinnen eskortiert aus dem Verhandlungsgebäude hinausgeführt zu werden. Unverzüglich mußte Frau Ramona Gleibt ihre Strafe in der Justizvollzugsanstalt antreten. Außerdem verkündete Frau Ramona Gleibts Verteidigerin, auf jedwede Revision in dem Verfahren zu verzichten. Ihre Mandantin, Frau Ramona Gleibt, wolle das so.
Auf Herrn Augustin, der für die Detektei Umschau den Gerichtsbeobachter machte, wirkte das gesamte Verfahren, das mit einer fünfzehnjährigen Gefängnisstrafe und einer Feststellung der besonderen Schwere der Schuld für Ramona Gleibts endete, sehr surreal.
Frau Ramona Gleibt hockte auf der Anklagebank, und mit jedem Tag, der verstrich, mit jeder Stunde, die sich der Moment ihrer Verurteilung näherte, kam Ramona Gleibt Herrn Augustin immer erleichterter, befreiter vor. Als wiche ein böser Schatten von ihr.
Und bei der Urteilsverkündung war das ein relativer Frohsinn der Angeklagten, kaum verborgen.
Wir von der Detektei Umschau haben miteinander die Verhaltensweisen Frau Ramona Gleibts, die ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, mehrfach miteinander diskutiert.
Wir von der Detektei Umschau, wir denken wirklich, Frau Ramona Gleibt hätte den Mord an Herrn Josef Hänsel nicht gestehen müssen. Die detailreiche Wiedergabe Frau Ramona Gleibts, wie sie die schreckliche Tat ausgeführt haben will, daran stimmen ein paar Kleinigkeiten nicht. Davon abgesehen, daß sie nichts davon erzählen hätte müssen, um sich nicht selber zu beschuldigen.
Einfach zu schweigen, ein Ratschlag, an den Frau Ramona Gleibt sich halten hätte müssen.
Bekannt sind wir von der Detektei Umschau mit Frau Ramona Gleibt. Wir hatten mit Frau Ramona Gleibt in Frau Ramona Gleibts Wohnung einmal eine angenehme Unterhaltung. Beschattet und beobachtet haben Detektive der Detektei Umschau Frau Ramona Gleibt. Auf den Einfall aber, Frau Ramona Gleibt könnte Herrn Josef Hänsel auf eine derart drastische Weise töten, wie es vor Gericht dargestellt wurde und wie es, nach dem Geständnis Ramona Gleibts nach, tatsächlich gewesen sein sollte, darauf wären wir von der Detektei Umschau nie gekommen. Nicht einer von uns. Nie.
Eher machten wir von der Detektei Umschau uns Sorgen, daß Frau Ramona Gleibt das Opfer eines Verbrechens werden könnte. Das stand in unseren Augen zu befürchten.
Daß Ramona Gleibt in den Sinn kommen könnte, erst ihren Freund Josef Hänsel umzubringen, dann in der Küche Kleinigkeiten von ihm zuzubereiten, um das dann in aller Ruhe mit Messer und Gabel zu verspeisen, nur um den Geschmack abzutesten - nein, danach hatte bei Ramona in unseren Augen nichts ausgesehen.
Auf uns von der Detektei Umschau hat Ramona Gleibt nie wie eine mit solchen Neigungen gewirkt.
Auch damit, Ramona Gleibt als Mörderin zu sehen, damit haben wir von der Detektei Umschau unsere Probleme.
Das sind wir von der Detektei Umschau uns sicher, daß Ramona Gleibt, wenn sie gegen Josef Hänsel das Messer zückte, das nicht aus eigenen Stücken getan hat. Nicht ohne äußeren Zwang. Und nicht in derartig abartigen Absichten, wie sie vor Gericht beschrieben wurden.
Wenn etwas mit einem Messer gewesen wäre, hätte Ramona Gleibt spontan auf jemanden eingestochen. Beispielsweise auf Josef Hänsel. Damit hätte Ramona Gleibt Josef Hänsel schon erwischen können. Im Wohnzimmer seiner Wohnung, sonstwo. Aber diese Verhaltensweisen, Josef Hänsel in die Badewanne steigen zu lassen. Dann gezielt Schnitte bei Josef Hänsel zu setzen, um Josef Hänsel, geknebelt und gefesselt, in der Wanne ausbluten zu lassen ...
Nein, da ist, nach unserer bescheidenen Meinung, der der Detektei Umschau, Verschiedenes nicht stimmig.
Heute sitzt Frau Ramona Gleibt in ihrer Gefängniszelle, ist darüber glücklich, froh, selber dem wahren Mörder und seiner Einflußsphäre entflohen zu sein.
Das meinen wir von der Detektei Umschau.
An den Trenchcoat-Mann denken wir von der Detektei Umschau. Weiterhin halten wir von der Detektei Umschau den für das wahre Monster.
In unseren Augen ist Frau Ramona Gleibts Geständnis und Beschreibung des Tathergangs null und nichtig.
Dessen sind wir uns sicher, daß der wahre Mörder Josef Hänsels weiter frei herumläuft. Der im Trenchcoat, scheinbar ein weiteresmal in der Lage, der Nachstellung durch die Polizeibehörden zu entkommen. Seine Tatbeteiligung wird überhaupt nicht mehr gesehen. Als wäre diese Figur Luft.
ER, über den die von der Polizei doch Bescheid weiß. Von dem allerdings, nachdem Frau Ramona Gleibt so ausführlich gestanden hatte, nicht weiter die Rede war.
Nichts fand in der Gerichtsverhandlung, die Ramona Gleibt zum Mittelpunkt hatte, von diesen Dingen Erwähnung. Nichts wurde von den Schatten eines Mannes, der abends nach Einbruch der Dunkelheit die Hausfassade des Gebäudes, in dem Herr Josef Hänsel seine Mietwohnung hatte, herunterkam. Um durch das offenstehende Fenster in die Wohnung Josef Hänsels hineinzuhuschen.
Später wieder hinaushuschen, daß Peronen ihn sahen, ehe der Morgen graute.
ER, Her Weil-Esch junior, der auch der Mörder Ihres Vaters.
ER, von dem wir von der Detektei Umschau wissen, daß Frau Ramona Gleibt nur deswegen vom Ortskrankenhaus aus bei der Polizei anrief, um IHM und SEINEN Nachstellungen zu entkommen.
Lieber Gefängnis, erklärte Frau Ramona Gleibt uns von der Detektei Umschau am Schluß ihres Anrufes, als das, was ER als nächstes bei ihr, Ramona Gleibt, vorhätte.
So sieht für uns von der Detektei Umschau das Bild aus, Herr Weil-Esch junior. Eins, das die Detektei Umschau exklusiv zu haben scheint.
Wir von der Detektei Umschau, wir kennen den ungefähren Zeitpunkt von Herrn Josef Hänsels Tod.
Wie das aber zwischen Herrn Josef Hänsel, Frau Ramona Gleibt und dem möglichen Dritten in Herrn Josef Hänsels Wohnung abging, hat kein Mitarbeiter der Detektei Umschau mitbekommen.
Leider, das müssen wir von der Detektei Umschau zugeben.
Wir von der Detektei Umschau hatten schließlich keine Wanzen in Herrn Josef Hänsels Wohnung. Für Wanzen in Josef Hänsels Wohnräumen hätten wir von der Detektei Umschau sorgen sollen.
Auch wenn Josef Hänsel uns mit den Behörden drohte. Mit anwaltlichen Schritten. Josef Hänsel, der es uns nicht erlaubt hat, als wir von der Detektei Umschau anfragten, auch nur einen seiner Wohnräume nach dem einen Mal noch mal zu verwanzen.
Mit einer Anzeige Herrn Josef Hänsels wollten wir von der Detektei Umschau uns nicht sinnlos auseinandersetzen.
Und das Spätere, das, was sich mit am Schluß bei Josef Hänsel abspielte, haben wir von der Detektei Umschau nicht recht absehen können. Müssen wir von der Detektei Umschau zugeben.
Wir von der Detektei Umschau hatten nicht ständig einen Wagen bei Josef Hänsel vor der Haustüre stehen. Das zwischen Ramona Gleibt und Josef Hänsel war, wenn Thomas, Regine oder Agathe hinfuhren, ständig das gleiche.
Ramona Gleibts Ankunft mit ihrem Auto vor dem Wohngebäude, in dem Herr Josef Hänsel die Wohnung hatte. Ramona Gleibt betritt das Haus. Um zu Josef Hänsel in die Wohnung hochzumachen. Dann: Frau Ramona Gleibts Abfahrt von dort.
Wenn Thomas, Regine das Richtmikrophon auf die Wohnräume Herrn Josef Hänsels ausgerichtet hatten, war oben nichts als Musik zu vernehmen. Die Stimmen, die wir aus aufgezeichneten Aufnahmen herausfilterten, hörten sich nach Ramona Gleibt und Josef Hänsel an.
Auch nach dem Zeitpunkt, von dem wir heute wissen, daß Herr Josef Hänsel da schon tot gewesen sein mußte.
Als hätte jemand bei Ramona Gleibt wie Josef Hänsel gesprochen, empfinden wir es heute.
Über uninteressante Dinge, Belanglosigkeiten, daß Josef Hänsel und Ramona Gleibt sich unterhielten. Die letzte Zeit. Oder über Sex und Perversionen. Die Josef Hänsel dann an Ramona Gleibt in die Tat umsetzte. Entweder uninteressant. Oder wenig appetitlich.
Trotzdem haben wir von der Detektei Umschau das alles an die Polizei übermittelt. Jeden einzelnen der paar Mitschnitte, die wir hatten.
Die Polizeibeamten unterrichteten uns von der Detektei Umschau auf Nachfrage darüber, daß es sich anhört, als wäre die zweite, die männliche Person, die redete, auf den letzten Tonaufzeichnungen auch Frau Ramona Gleibt selber.
Frau Ramona Gleibt, bloß mit verstellter, tiefer Stimme.
Frau Ramona Gleibt konnte das mit der Stimmenimitation durchaus. Auch in Josef Hänsels Zungenschlag haben wir von der Detektei Umschau Ramona Gleibt schon sprechen hören.
Trotzdem: Diese Mühe, sich zu verstellen. Entweder eine Aufführung für zufällige Mithörer wie uns von der Detektei Umschau, oder Frau Ramona Gleibt, die sich verhielt, als hätte sie den Tod Josef Hänsels nicht bewußt akzeptieren können. Aus dem Grund, daß sie den Part ihres von ihr ermordeten Freundes Josef Hänsel mit übernahm.
Eine psychologische Sache.
Aufgrund des Geständnisses Frau Ramona Gleibts, den Detailreichtum, den Frau Ramona Gleibt dabei an den Tag legte, sich als die alleinige Mörderin Josef Hänsels darzustellen, ist momantan sowieso alles zu vergessen, Herr Weil-Esch junior. Der Anwalt Ramona Gleibts kann keine Revision einlegen, wenn Ramona Gleibt das nicht möchte.
Nur eines könnte die Situation Frau Ramona Gleibts schlagartig ändern: Würde man SEINER habhaft werden. Könnte man die ominöse Gestalt im Trenchcoat und mit Strohhut am Kopf irgendwo festsetzen können.
Dann vielleicht, würde der reden, würden sich in dem Mordfall Josef Hänsel neue Aspekte ergeben.
Aber auch nur vielleicht.
Es käme alles darauf an, was ER bei den Verhören den Polizeibeamten erzählen würde. Was das am Schluß über das Ausmaß der Beteiligung Frau Ramona Gleibts am Tathergang aussagen würde.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
___________________
Anlage
1 Stick (drei aus der Musik herausgefilterte Richtmikrofonunterhaltungen zwischen Frau Ramona Gleibt und Herrn Josef Hänsel. Thema der Unterhaltung: Frau Ramona Gleibts Arbeit am Schalter in ihrer Bank, Arbeitskolleginnen. Auf zwei der Unterhaltungen könnte der Gesprächspartner Frau Ramona Gleibts in Josef Hänsels Wohnräumen durchaus auch Frau Ramona Gleibt selber sein. Die Polizei ist sich dessen sogar sicher.
Des weiteren auf dem Stick: Berichte der lokalen Nachrichtenmedien in Schrift und Ton, die die Gerichtsverhandlung Frau Ramona Gleibts behandeln.)
5 Fotos (Frau Ramona Gleibt, die in den Transporter einsteigt, der sie nach der Urteilsverkündung vom Gericht aus unmittelbar in die JVA verbrachte.)
1 Prospekt der Justizvollzugsanstalt Traub
42 Fotos der Justizvollzugsanstalt Traub (die Straßenlandschaft außerhalb der JVA, die Mauern der JVA. Der Innenhof der JVA mit den Sportplätzen. Fotografien der verschiedenen Stockwerke der Zellentrakte der JVA, Gänge, Zellentüren mit Nummern, das Innere verschiedener Zellen der JVA, bei der einmal wöchentlich stattfindenden Gefängnisführung zwischen 14:30 Uhr und 15:30 Uhr in der JVA Traub aufgenommen.)"
*
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Gregor Weil-Esch junior, Datum: 23.08.xxxx
"Sehr geehrter Herr Weil-Esch junior,
auch mit diesem Schreiben hier erfüllen wir unsere Plicht. Die Detektei Umschau dokumentiert damit ihre Arbeit.
Wie Sie uns, der Detektei Umschau, mitgeteilt haben, sind Sie, Herr Weil-Esch junior, nicht daran interessiert, daß wir von der Detektei Umschau unsere Arbeit fortführen. Auf keinem Falle werden Sie uns weiterbezahlen. Keinen Cent werden wir von der Detektei Umschau von Ihnen überwiesen bekommen, damit die Detektei Umschau weiter irgendwelchen Geschehnissen auf den Grund geht, die mit dem digitalen Tagebuch Bernd Reils in Verbindung stehen, das Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihr Vater, uns, der Detektei Umschau, zur Prüfung übermittelt hatte.
Die Detektei Umschau soll das Vertragsverhältnis als beendigt ansehen.
Außerdem haben Sie, Herr Weil-Esch junior, geschrieben, daß es außer uns von der Detektei Umschau noch viele andere Detekteien auf der Welt gäbe.
Nichts sehr nett, Herr Weil-Esch junior.
Aber, das stimmt. Dieser Wahrheit wollen wir von der Detektei Umschau überhaupt widersprechen. Diese Wahrheit läßt sich nicht leugnen.
Aber, erst ab dem 15.09. sehen wir das Arbeitsverhältnis als beendet an, das ihren Ausgangspunkt in dem Vertrag der Detektei Umschau mit Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihrem Vater, hat.
Auf dieses Datum hat uns von der Detektei Umschau unsere Anwaltskanzlei hingewiesen. Dieses Datum steht tatsächlich in dem Vertrag drinnen.
Das heißt, wir von der Detektei Umschau sollen das so sehen, daß das Geld, das Herr Doktor Gregorius im voraus an uns überwiesen hatte, tatsächlich den Zeitraum bis zum 15.09. dieses Jahres deckt. Bis dahin haben wir von der Detektei Umschau in dieser Sache unsere Arbeit zu machen, oder die Detektei Umschau ist angreifbar.
Das heißt, Sie, Herr Weil-Esch junior, könnten noch mit Rückforderungsklagen an uns, die Detektei Umschau, erfolgreich sein. Wenn die Detektei Umschau bis zum 15.09. keinen Arbeitsnachweis mehr erbringt.
Kompliziert, diese Verträge.
Wenn man sie sich genauer ansehen muß, weil plötzlich die Dinge ganz anders geworden sind, als sie vorher waren.
Es sei denn, Herr Weil-Esch junior, Sie sorgen für eine Entwirrung des Geflechts, gewisse Entspannung. Zum Beispiel, indem Sie uns, die Detektei Umschau, darüber unterrichten, daß Sie doch noch an einer Fortsetzung der Arbeit der Detektei Umschau interessiert sind.
Mit uns von der Detektei Umschau schließen Sie einen neuen Vertrag ab. Im Sinne Herrn Doktor Gregorius Weil-Eschs, Ihres Vaters.
Ist doch klar, daß wir von der Detektei Umschau nichts dagegen hätten, weiter an der Problematik zu arbeiten, die sich aus den Bernd-Reil-Tagebucheinträgen ergab. Eine Problematik, die darin gipfelte, daß Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihr Vater, heute nicht mehr unter uns weilt.
Ansonsten gilt der Spruch: 'Ohne Moos nix los.'
Bis zum 15.09. hat die Detektei Umschau jedoch noch weitere Arbeitsnachweise zu erbringen ...
Deshalb jetzt weiter mit Inhalten, deren Ausgangspunkt die uns von der Detektei Umschau durch Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch übermittelte Tagebuch-Datei Herr Bernd Reils war und ist ...
Frau Ramona Gleibt befindet sich in ihrer Zelle in der JVA Traub.
Ramona Gleibt hat den Mord an ihrem Freund Josef Hänsel gestanden. Eine überaus grausame Tat, die Ramona Gleibt alleine ausgeführt haben will.
Zu einer fünfzehnjährigen Haftstrafe mit der Feststellung der Schwere der Schuld wurde Frau Ramona Gleibt verurteilt.
Die ganze Angelegenheit ist soweit abgeschlossen, erledigt. Weil Frau Ramona Gleibt ihren Anwalt dazu veranlaßt hat, auf eine Revision zu verzichten. Damit hat Frau Ramona Gleibt das Urteil angenommen.
Bei Frau Ramona Gleibt wurde, was das psychiatrische Gutachten angeht, auf geistige Gesundheit plädiert. Was sich keiner der Detektei Umschau so richtig erklären kann. Schließlich hat man vor Gericht behandelt, daß Ramona Gleibt etwas von ihrem von ihr dahingemetzelten Freund gebraten und gekocht hatte. Sogar ganz hätte Ramona Gleibt den Ermordeten auf die Art am Ende verschwinden lassen können, hätte man die schlimme Tat nicht mit Hilfe eines Zufallmoments entdeckt.
Anders als bei Frau Ramona Gleibt ist das alles bei Herrn Gustl Strauchinger. Gustl Strauchinger befindet sich nach dem Abtransport seiner sterbenden Eltern ins Ortskrankenhaus und seiner Festnahme durch die Polizei in der geschlossenen Abteilung des örtlichen Bezirksklinikums.
Wochen jetzt bereits, daß sich Gustl Strauchinger dort aufhält. Ohne daß Gustl Strauchinger eine Minute freien Ausgang hätte.
Soviel wir von der Detektei Umschau von näheren Verwandten Gustl Strauchingers wissen, führt Gustl Strauchinger sich im Klinikum den Psychologen und dem Pflegepersonal gegenüber allerdings auch besessen auf. Schnappt mit den Zähnen, kämpft, kaum ein bißchen losgelassen, mit allem und jedem.
Keine Besserung, die bei Gustl Strauchinger seit seiner Einlieferung eingetreten ist. Eher, daß es aussieht, daß Gustl Strauchinger mit jedem Tag immer mehr durchknallen würde.
Und das, obwohl in ein paar Wochen etwas mit der Hypothek, die auf dem Hof der Familie Strauchinger lastet, getan werden müßte.
Die erste Zahlung wäre ab diesem Zeitpunkt wieder fällig. Darum müßte sich Gustl Strauchinger bei dem Bankinstitut unbedingt selber kümmern.
Entweder, daß Gustl Strauchinger einen eigenen Kredit aufnimmt, der zur schnellen Überbrückung hilft. Oder daß Gustl Strauchinger es schaffte, vom Inhaber der Hypothek - ist nicht die Bank - eine neue Zahlpause bewilligt zu bekommen.
Demnächst möchte eine Tante Gustl Strauchingers zu demjenigen hingehen, der die Lastschrift besitzt. Dort zur Sprache bringen, ob man nicht weiteren Zins auflaufen lassen könnte. Wenigstens bis dahin, bis ein Anwalt mit Gustl Strauchinger ein vernünftiges Gespräch führen konnte. Schlimm genug hätte das Schicksal Gustl Strauchinger in seinem Leben geschlagen, müßte man Gustl Strauchinger doch nicht alles nehmen, was er besitzt.
Darum, Herr Weil-Esch junior, haben wir von der Detektei Umschau uns gekümmert, was das mit der Hypothekenlast auf dem Bauernhof der Familie Strauchinger auf sich hatte.
Erst mal: Vor Jahren hatte sich Gustls Vater Gustav Strauchinger eine Bankhypothek auf seinen gesamten Grund und Boden aufgenommen. Um für eine teure Hausrenovierung und einen neuen Traktor mit Anhänger bar bezahlen zu können.
Es ereignete sich jedoch, daß Gustav Strauchinger senior den Kredit nicht länger bedienen konnte.
Der Familie Strauchinger war von der Bank schon eine genaue Frist gesetzt, bis zu der sie den Bauernhof verlassen haben sollte. Weil: Es hatten bei der Bank schon Gespräche darüber stattgefunden, wer den gesamten Besitz der Familie Strauchinger übernehmen würde. Von einer Versteigerung des Grund und Bodens wurde abgesehen.
Auch Gustav Strauchinger senior war sehr gut über die Geschehnisse unterrichtet, hatte der Bank gegenüber bereits alles zugegeben. Gustav Strauchinger senior war bereit, seinen Grundbesitz, Haus und alles, mit Kind und Kegel zu verlassen. Es war bei Gustav Strauchinger senior angedacht, bis auf weiteres, bis er was Neues hatte, zu Verwandten zu ziehen. Alles dahingehend war vorbereitet.
Dann allerdings spielte sich etwas ab, womit sich dieses Bild schlagartig änderte: Gustl Strauchinger hatte einen Unfall.
Ein schwerer Unfall war das. Der Mitfahrer auf einem geländegängigen Motorrad war Gustl Strauchinger.
Der Lenker des Motorrades, der Gustl Strauchinger vom Hof von Gustls Eltern abgeholt hatte, wollte Gustl Strauchinger unbedingt zeigen, wie sehr er seine erst vor kurzem neu erworbene Maschine bereits beherrschte.
Auf der kurvenreichen Strecke der Geiersdorfer Bergstraße, daß der Kradfahrer, der Gustl Strauchinger hinten am Sozius hatte, sich bei überhöhter Geschwindigkeit zu sehr in die Kurve legte. Die Reifen des Motorrads rutschten weg, das zweirädrige Teil landete an der Leitplanke.
Dem Motorradfahrer, dem passierte bei dem Sturz nicht viel. Blaue Flecke, Hautaufschürfungen. Etwas Kopfweh.
Gustl Strauchinger aber, der hinten draufgesessen hatte, den zerlegte es einigermaßen. Trotz Lederkluft und Sturzhelm. Lange schwebte Gustl Strauchinger zwischen Leben und Tod, weil er mit Kopf und Rücken gegen einen Leitplankenfuß geknallt war.
Es dauerte einen Monat, bis Gustl Strauchinger von den Ärzten der Spezialklinik, aus dem Koma geholt wurde.
Am Schluß hatte Gustl Strauchinger den Unfall zwar überlebt, mußte sich jedoch damit abfinden, an den Rollstuhl gefesselt zu sein. Für dauerhaft, wie es zunächst aussah. Jedenfalls machten die behandelnden Ärzte Gustl Strauchinger kaum Hoffnung, daß die Situation bei ihm je wieder eine andere werden könnte.
Daß sich bei Gustl Strauchinger überraschend eine Besserung seines gelähmten Zustands einstellte, in der Gegenwart ein Jahr ungefähr her.
Während einer Sitzung bei seiner Physiotherapeutin, während der den Beinen Gustl Strauchingers stärkere elektrische Schläge verpaßt wurden, um es grob auszudrücken, zeigten die Beine Gustl Strauchingers unvermittelt eine Reaktion. Was heiß, Empfinden für seine Beine hatte Gustl Strauchinger unverhofft.
Es ließ sich nicht von der Hand weisen. Immer besser konnte Gustl Strauchinger sein Beinpaar spüren. Den einen oder andern Zeh bewegen. Daß Gustl Strauchinger sich irgendwann im Verlauf seiner Behandlung sogar alleine aus seinem Rollstuhl erheben konnte.
Zuletzt war Gustl Strauchinger in der Lage, selbsttätig auf Krücken durch die Gegend zu spazieren. Ein Wunder, an das niemand geglaubt hätte, der Gustl Strauchinger nur im Rollstuhl kannte.
Wie es ausschaute, konnte Gustl Strauchinger, ging die Entwicklung in dem Tempo bei ihm weiter, im nächsten Jahr irgendwann sein Krückenpaar in die Ecke schmeißen und frei auf seinen beiden Beinen in der Gegend herumlaufen. Beinahe, als wäre kaum etwas gewesen.
Heute wissen wir von der Detektei Umschau, wer der am Lenkrad des Motorrades war. Der Verantwortliche dafür, daß Gustl Strauchinger jahrelang im Rollstuhl sitzen mußte.
Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihren Vater, Herr Weil-Esch junior, hätte das sicher auch brennend interessiert, wer das Motorrad gelenkt hatte, auf dem Gustl Strauchinger hinten am Sozius draufhockte, als es zu dem schlimmen Sturz kam.
Ich will nicht lange drumrum texten, wer das war.
Es war Toni.
Toni, Gustl Strauchingers bester Kumpel Toni.
Gustl Strauchingers engster Freund seit den frühesten Kindertagen.
Als Gustl Strauchinger das erste Mal im Sandkasten spielte, hat er mit Toni gespielt, während Gustls Mutti und die von Toni in der Nähe hockten, dem Treiben ihrer kleinen Jungs zuguckten.
In die Disko hatten Gustl und Toni fahren wollen, sich ein paar geile Bräute aufzureißen. Deswegen hatte Toni Gustl am Hof von Gustls Eltern abgeholt.
Wer oder was ist Toni aber?
Toni heißt Anton Heinrich. Tonis Mutter: Antonia Gerlinde Therese Aulinger.
Den Namen Anton Heinrich Aulinger, den hat Toni mit zwanzig abgelegt.
Heute hat Toni Aulinger es lieber, nach seinem Vater zu heißen.
Von dem Toni ein uneheliches Kind ist, zu dem Toni allerdings ein viel besseres Verhältnis hat, als zu seiner Mutti.
Noch ein viel Verhältnis als zu seinem leiblichen Vater hat Toni aber zu dem jüngsten Bruder seines Vaters. Jemandem, der Hans-Georg getauft wurde.
Tonis Vati: Heinrich Tabert, der ältere Bruder Hans-Georgs.
Geht Ihnen ein Licht auf, Herr Weil-Esch junior?
Genau! Es ist die Rede von Hans-Georg Tabert.
Brigitte Senfter ist eine alte Klassenkameradin Gustl Strauchingers. Die Thomas und Regine, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, vor dem Café in Roting, der Nachbargemeinde Geiersdorfs, angehalten hatte. Zu Thomas und Regine sagte Brigitte Senfter, daß wir von der Detektei Umschau doch momentan wegen Gustl Strauchinger herumfragten. Sie, Brigitte Senfter, hätte uns was von Gustl Strauchinger zu erzählen. Gut, da waren Thomas und Regine ganz Ohr, sind Thomas und Regine mit Brigitte Senfter in das Rotinger Café hineingegangen, haben sich mit Brigitte Senfter an einen Tisch gesetzt.
Gemeint hat Brigitte Senfter, daß sie vor drei Jahren Gustl am Geiersdorfer Mittsommerfest getroffen hätte. Bei ihr, Brigitte Senfter, und ihren Freunden sei Gustl in seinem Rollstuhl am Langtisch im Bierzelt gesessen. Nichts als verarscht hätten die anderen Gustl. Aber sie, Brigitte, hätte Gustl verteidigt, gesagt, daß Gustl nichts dafür könne, daß er im Rollstuhl sitze. Weggerollt hat sie Gustl von den anderen, war die restliche Zeit nur noch mit Gustl zusammen. Dann habe sie Gustl, so stockbesoffen wie Gustl war, die Windel voll und riechend, nachts vom Geiersdorfer Sommerfest im Rollstuhl nach Hause zu seinen Eltern gerollt. Plötzlich habe Gustl davon angefangen, wie sehr er Toni hasse. Er hasse Toni. Wie keinen hasse er, Gustl, Toni. Den Tod wünsche er Toni. Toni, der wäre lange nicht mehr sein bester Kumpel. Lange nicht mehr. Weil Toni, der hätte nach dem Unfall in der Kurve ohne weiters aufstehen können. An Toni war nichts kaputt; nicht das geringste. Toni, sein bester Freund, hätte ihn, Gustl, für tot gehalten. Gustl aber war bei Bewußtsein. Mit weit offenen, starren Augen wäre er, Gustl, dagelegen, wach. Und was er mitbekommen habe, das sei das Letzte von Toni. Davongemacht hätte sich Toni, Toni, dem fiel nicht etwa ein, den Notarzt herbeizurufen. Nein, weggerannt wäre Toni. Gustl konnte mitbekommen, daß Toni mit seinem Phone nicht etwa sofort den Notarzt anrief, sondern sich davonmachte. Keine Ahnung hätte er, Gustl, warum zu der Zeit keine Autos die Geiersdorfer Bergstraße herauf- oder hinunterfuhren. Jedenfalls lag er, Gustl, rum, starr den Blick in den blauen Himmel hinauf. Unvermittelt kehrte Toni auf die Bildfläche zurück. Sein Phone hatte Toni am Ohr, Toni telefonierte. Nicht das bißchen, daß Toni sich um Gustl kümmerte, der nahe der Leitplanke am Boden herumlag. Statt dessen durfte Gustl mitkriegen, mit wem Toni telefonierte. Mit seinem Vater Heini, Heini Tabert, den Toni zu der Zeit schon nicht mehr haßte. Laut wiederholte Toni, was er sagen sollte, wenn der Rettungswagen eintraf. Daß Toni zu den Sanis sagen sollte, daß Gustl die Schuld an dem Unfall hätte. Gustl wäre voll der Idiot gewesen. Gustl hätte sich in der Kurve einfach nicht mit dem Fahrer zusammen seitlich gelegt, sondern wäre aufrecht geblieben. Dadurch wäre das Motorrad Gustls ins Rutschen gekommen. Das war das letzte, was Gustl, der rumlag, an der Geiersdorfer Kurve mitkriegte. Plötzlich überwältigt Gustl die Bewußtlosigkeit. Als er, Gustl, nach Wochen im Koma in der Spezialklinik, in die er verbracht worden war, das Bewußtsein zurückkehrte, erfuhr er von seinem Vater Gustav, wie die Geschichte sich abgespielt haben sollte. Genauso, wie Gustl das in seinem bewegungsunfähigen Zustand am Teerboden der Kurve belauscht hatte, hatte Toni es jedem, der den genauen Unfallhergang hören wollte, erzählt.
Und die Verhältnisse, Herr Weil-Esch junior, waren so, daß Gustl Strauchinger von seinem Vater Gustav am Krankenbett instruiert wurde.
Das wissen wir auch von Brigitte Senfter, die alles von Gustl Strauchinger gehört hatte. Brigitte Senfter, nicht so hacke vom Bier auf dem Geiersdorfer Mittsommerfest wie Gustl Strauchinger, Gustl Strauchinger im Rollstuhl und mit einer vollen Windel.
Ja nichts anderes als das, was Toni gegenüber der Polizei von sich gegeben hatte, das sollte Gustl hören lassen, bedrängte Vater Gustav seinen Sohn Gustl.
Das hatte mit der Hypothek zu tun, die Gustav Strauchinger senior auf sein Haus aufgenommen hatte. Um mit dem Geld eine Hausrenovation und einen neuen Traktor mit Anhänger zu bezahlen.
Wegen einer Mißernte und weil er keine neuen Gäste kriegen wollte, die bei ihm Ferien am Bauernhof machen wollten, woran nur die Tabert-Bande schuld sein sollte, wie Gustl Strauchinger von Vater Gustav zu hören kriegte, konnte er, Gustav Strauchinger senior, den Bankkredit nicht mehr bedienen. Praktisch war Gustav Strauchinger senior insolvent gegangen.
Es kam zu einem Besuch Heini Taberts bei Gustav Strauchinger senior am Hof drüben. Heini Tabert redete nicht lange um den Brei herum, erklärte Gustav Strauchinger senior, daß er ihm helfen wollte. Die Familie Tabert, namentlich Hans-Georg Tabert, wäre bereit, die Hypothek, die auf dem Hof der Strauchingers lastete, zu übernehmen. Gustav Strauchinger senior begriff, daß Heini Tabert das nur von jemandem von der Bank selbst geflüstert bekommen haben konnte, wie es um die Familie Strauchinger und seinen Bauernhof mit Grund stand.
Am Schluß war das Gustav Strauchinger eigentlich egal, wer oder was das war, der die Tabert-Familie Informationen gab. Gustav Strauchinger war mit allem einverstanden, die Hypothekenlast loszuwerden. Auch wenn er danach irgendwann ohne Haus und Hof dastand.
Als Gustl Strauchinger seinen Unfall mit Toni Aulinger, seinem besten Kumpel hatte, hatte es Heini Tabert Gustav Strauchinger senior angesagt gehabt, daß Gustav Strauchinger senior mit seiner gesamten Familie innerhalb von drei Monaten Haus und Hof verlassen sollte, um woanders hinzuziehen.
Diese Situation änderte Gustls Unfall auf Toni Aulingers Motorrad schlagartig. Auf Toni Aulinger, dessen Vater Heinrich Tabert war, sollte in der Öffentlichkeit kein schiefes Licht fallen.
Dafür, daß Gustl Strauchinger erzählte, daß sich die Geschichte des Motorradunfalls genauso abgespielt hatte, wie Toni Aulinger sie der Polizei gegenüber berichtet hatte, durfte die Familie Strauchinger auf dem Strauchinger-Hof wohnen bleiben.
Mit den Taberts vereinbarte Gustav Strauchinger senior sogar eine Zahl-Pause von drei Jahren. Bis die Strauchingers wieder mit dem Abbezahlen des Kredits beginnen sollten, wäre der Strauchinger-Familie weiter an ihrem Grund und Boden gelegen, wollten die Strauchingers nicht weggehen. Nur die jährlichen Kreditzinsen waren von Gustav Strauchinger als Betrag fällig, der zu überweisen war.
So ganz verstehen wir von der Detektei Umschau das Gebahren der Taberts nicht, was die Familie Gustav Strauchingers anging.
Hans-Georg Tabert, der seinen Brüdern und dem Rest der Tabert-Familie gebot, der kannte normalerweise kein Pardon. Mit niemandem. Das bei Hans-Georg Tabert zu stoppen, wenn das Geschäft so gut wie über die Bühne gegangen war, das hatte was zu bedeuten. Da mußte Heini Tabert, der Vater Tonis, wirklich sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen haben.
Vielleicht, daß Frau Antonia Gerlinde Therese Aulinger, Tonis Mutter, damit zu tun hatte.
Frau Aulinger, die hatte andere Pläne mit ihren Sohn, als daß dieser als der Verursacher eines schlimmen Unfalles bekannt wurde. Was möglicherweise seine beruflichen Perspektiven einschränken hätte können. Schließlich sollte Toni Aulinger als ein anderer respektiert werden als als Tabert, jemand, der zur Tabert-Familie gehörte.
Und, nach dem Unfall, den Toni Aulinger mit Gustl Strauchinger am Sozius verursacht hatte, wäre Toni Aulinger wirklich nicht mehr viel was anderes übriggeblieben als die Erkenntnis, daß er ein Tabert war. Daß Heini Tabert sein Vater war.
Schon ein falscher Dampfer, auf dem Toni Aulingers Mutter war. Betrachtet man sich Toni Tabert, der früher Aulinger hieß, heutzutage, fragt man sich, schon, warum Frau Aulinger auf Tonis Vater Heini Einfluß hatte nehmen müssen. Toni, heute wirklich einer, dem es eher Sorge bereitete, daß er ein unehelicher Sohn Heini Taberts war. Weil: Toni, ein Tabert. Ein Tabert wie keiner. Und, wäre er, Toni, ein ehelicher Sohn Heini Taberts ... Hans-Georg Tabert, der hatte zwar eine ganz besondere Vorliebe für Toni Tabert. Trotzdem, das Reinheitsgebot, das war ständig im Auge zu behalten.
Daß die Taberts sich trotzdem weiter an die Vereinbarungen mit Gustav Strauchinger senior hielten? Das muß man wirklich als was Außerordentliches sehen.
Vielleicht, daß den Taberts die Strauchinger-Sache irgendwie Verschütt ging.
Weil Gustl Strauchinger seinem Vater Gustav gehorchte, der ermittelnden, wegen dem Verlauf des Unfalls nachfragenden Behörde gegenüber den Mund geschlossen hielt, wäre für Gustav Strauchinger senior, der wieder Feriengäste am Bauernhof hatte, alles bestens geworden.
Die teuren Kosten für die Rehabilitation-Maßnahmen bei Gustl Strauchingers, die trugen nämlich ebenfalls die Taberts. Zur Gänze.
Alles wäre bestens geworden für Gustav Strauchinger senior, der wohnte, wo er immer gewohnt hatte, der wieder Feriengäste am Bauernhof hatte. Gustav Strauchinger senior, der bessere Ernten einfuhr. Hätte Gustav Strauchinger nicht das Problem gehabt, daß er Alzheimer kriegte.
Fort schritt Alzheimer bei Gust Strauchinger senior.
Und, da ereignete es sich ausgerechnet, daß dasselbe Unglück auch Gustav Strauchingers Frau befiel. Als wäre Alzheimer ansteckend, stellten die Ärzte auch bei Frau Strauchinger Alzheimer fest. Im Jahr eins nach dem Befund der Erkrankung bei Gustav Strauchinger senior.
Relativ rapide ging es mit den Eltern Gustl Strauchingers bergab. Wegen ihrer Alzheimer-Erkrankung. Die Fähigkeit von Gustav Strauchinger und Gustls Mutter, sich um irgendwas zu kümmern, was Stall- und Feldarbeit anbetraf, war ziemlich bald bei Null. Das Vieh, das die Strauchingers am Hof hatte, wurde verkauft oder hergeschenkt. Was sonst an Mäh- und Erntearbeit anfiel, übernahm ein Großonkel der Strauchingers.
Jeder aus dem Verwandtenkreis der Strauchinger-Familie wartete sehnsüchtig darauf, daß Gustl Strauchingers Worte wahr würden, daß er demnächst körperlich wieder ganz hergestellt sein könnte. Ab dem Moment sollte Gustl Strauchinger den Hof seines Vaters Gustav übernehmen, um selber für alles zu sorgen.
Das war das mit Gustl Strauchinger. Was wurde nun weiter aus Gustl bestem Kumpel Toni ...
Heute hat Toni Aulinger den Namen Anton Heinrich Tabert im Personalausweis stehen.
Als Anton Heinrich Tabert unternimmt Gustls alter Sandkastenkumpel und Teeniezeit-Freund Toni in der Gegenwart sicher Dinge, die seine Mutter Antonia Gerlinde Therese so bei ihm nicht in Planung hatte.
Daß ihr kleiner Toni heute zum Beispiel kein Aulinger mehr ist, sondern ein Tabert, etwas, von Tonis Mutter wirklich so nicht angedacht.
Toni, demnächst dreiundzwanzig Jahr alt, ist jemand, der vor allem bei Hans-Georg Tabert einen Stein im Brett hat. Einer, anscheinend ganz nach dem Gusto von Hans-Georg Tabert. Und das gewiß nicht alleine deswegen, weil Toni Hans-Georg Tabert alle paar Tage im Gefängnis besucht.
Wie es ausschaut, läßt Toni Tabert sich von Hans-Georg Tabert beraten. Alles unternimmt Toni Tabert, sich was Eigenes aufzubauen. Wie Hans-Georg Tabert, als der jünger war.
Dabei hat Toni bis auf weiteres das vollste Vertrauen und die Unterstützung Hans-Georg Taberts.
Daß sich da Parteien bei irgendwas in die Quere kommen würden, davon kann nicht die Rede sein. Als hätte Toni Tabert von Hans-Georg Tabert direkt einige Claims zugewiesen bekommen.
Ein Stützpunkt Toni Taberts ist das Klubhaus der Dead Riders in Roting bei Geiersdorf.
Bei den Dead Riders ist Toni Tabert schon seit fünf Jahren Mitglied. Eigentlich, seit Toni achtzehn Jahre geworden ist, sich dem Einfluß seiner Mutter immer stärker entziehen konnte. Daß Toni Tabert aber bei den Dead Riders eine immer größere Rolle spielt, das ist erst seit knapp einem Jahr.
Vor drei Wochen ist Toni Tabert zum Schriftführer und Kassenwart der Dead Riders ernannt worden.
Das erste Mal, daß sich in der Person Toni Taberts bei den Dead Riders diese beiden Funktionen in einer Person vereinigen. Wie wir von der Detektei Umschau von Frau Agathe Deuth, ehemalige Mitarbeiterin der Detektei Umschau, wissen.
Nur deswegen hat Toni Tabert sich vor einem Monat nicht zum neuen Klubchef der Dead Riders wählen lassen, weil, wie bei den Dead Riders hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, Hans-Georg Tabert Toni davon abgeraten hat.
Hans-Georg Tabert hätte zu Toni gemeint haben, daß er für die nächste Zeit erst mal noch auf die offizielle Anführerfunktion verzichten sollte. Der Grund dafür: Der Motorradklub der Dead Riders hatte in der letzten Zeit keine gute Presse. Wegen gewisser Vorfällen, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregten.
Verschiedene Razzien im Sexklub-Milieu der Umgebung, bei denen einige Dead Riders in das Visier der Behörden geraten waren. Verdacht auf gewerbsmäßige Zuhälterei, Menschenhandel, Schwarzgeld.
Die Dead Riders zu führen, hätte Toni und seiner nächsten familiären Umgebung, der Tabert-Familie, in dem Licht demnach eher geschadet, als daß es für irgendwas anderes gut gewesen wäre. Als Kassenwart und Schriftführer sollte Toni Tabert dafür sorgen, daß die Dead Riders als ganzer Verbund wieder in ruhigeres Fahrwasser gerieten.
Oder Toni, der könnte darüber nachdenken, einen eigenen, frischen Klub zu gründen. Mit diesem dann auf eigene Rechnung Geschäfte abzuwickeln.
Der neue Anführer der Dead Riders ist also der alte.
Agathe, die bis vor ein paar Wochen bei der Detektei Umschau mitarbeitete, wohnt mit diesem Mann zusammen.
Agathe Deuth, ihr Problem. Was die von den Dead Riders an Geschäften betreiben, illegal oder nicht, uns von der Detektei Umschau bekümmert das im Grunde genommen nicht. Kein Mensch bezahlt einen Mitarbeiter der Detektei Umschau dafür, sich Dead Riders-Leute näher anzuschauen.
Hauptsache, das finden wir von der Detektei Umschau, Agathe Deuth ist mit ihrem Liebhaber glücklich.
Obwohl - hat Agathe Deuth dem Mann Glück gebracht? Seitdem der mit Agathe zusammenwohnt, sieht er sich irgendwie öfters mit Polizei konfrontiert als früher. Finden wir von der Detektei Umschau eigentlich..
Könnte demnächst gut möglich sein, daß, hält die Pechsträhne bei dem an, das mit seiner Bewährung hinfällig ist. Eine längere Gefängnisstrafe könnte für ihn anstehen.
Schon die Frage, ob Agathe Deuth, seine Verlobte, ihm treu bleibt, wenn er für zig Jahre ins Gefängnis muß.
Zudem ist der Mann im Grunde nur noch aus einem Grund der Klub-Chef bei den Dead Riders: Weil Toni Tabert zurückgezogen hat.
Wie dem auch sei, mit oder ohne Agathe Deuths Freund - an dessen Name wir von der Detektei Umschau uns nicht mehr erinnern -, im Klubheim der Dead Riders hat man öfter was zu feiern, seitdem Toni Tabert Kassenwart ist. Auch wegen den erfolgreich laufenden Vereinsarbeit, für die Toni Tabert als Ideengeber die Hauptverantwortung hat.
Von der Party letzten Freitag im Klubhaus der Dead Riders hat Agathe Deuth uns, ihren alten Freunden von der Detektei Umschau, Phone-Kameraaufnahmen zukommen lassen. Und uns bei einem Treffen am andern Tag was zu den laufenden Bildern erzählt.
Die Filmaufnahme Agathe Deuths beginnt damit, daß Toni Tabert mit seinen besten Kumpels bei den Dead Riders in das Dead Riders-Klubheim einmarschiert. Eine Dicke hat Toni Tabert direkt an seiner Seite, die Dame untergehakt.
Tanzte Toni Tabert, tanzte Toni Tabert ausschließlich mit dieser dicken, überhaupt nicht hübschen Braut, eine, die sich ihre langen Haare blutrot gefärbt hatte.
Einmal gipfelte es darin, daß Toni Taberts Hände nicht nur die Pobacken von der bearbeiteten, die im Grunde mit ihrer komischen Schnute fast gar keinen Reiz entfalten wollte. Jedenfalls für den äußerlichen Betrachter. Die dickliche Anti-Schönheit, die Toni Tabert hochhob, auf einen Tisch aufsetzte. Ihren langen Rock, daß Toni Tabert hochschob. Zwischen ihre Beine drängelte Toni Tabert sich, Beine, die sie ihm nur zu gerne auseinandermachte.
'Mach's ihr!' gröhlten die Zuschauer: 'Besorg's ihr, Toni.'
'To-ni, To-ni, To-ni! To-ni vor - noch ein Tor!'
'Pop-pen, Toni, pop-pen. Pop-pen - hopp, hopp, hopp!'
Eine Sache, die sich Toni nicht zweimal sagen ließ.
Agathe Deuth meinte in dem Rotinger Café zu ihren beiden früheren Arbeitskollegen Thomas und Regine, daß es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. Sie beide, Thomas und Regine, sie sollten mal genau auf die Aufnahme hinsehen, die gerade lief. Ob ihnen die dicke Braut nicht unbestimmt von irgendwoher bekannt vorkam.
Es stimmte. Nicht nur Agathe Deuth kannte die Dicke, die an dem Abend bei Toni Tabert, dem eigentlichen Boß der Dead Riders, weiter vorn war als jede andere.
Zwar war sie mit zu viel Puder bleichgeschminkt. Lippenstift hatten die dunkelroten Lippen fett erwischt. Lila Lidschatten, Eyeliner, Kajal-Stift ... Etwas einer japanischen Geisha hatte sie.
Ihr Name, Herr Weil-Esch junior, war Sonja.
Sonja.
Sonja Gleibt!
Ramona Gleibts jüngste Schwester Sonja.
Sonja Gleibt war das. Sonja Gleibt in Kontakt mit Toni Tabert. Toni Tabert hatte sich mit Sonja Gleibt getroffen. Mit Toni Tabert, dem Nicht-Anführer der Dead Riders, war Sonja Gleibt nach Roting in das Klub-Haus der Dead Riders aufgebrochen.
Wie die Dinge nicht spielten: Agathe Deuth war dort. Mitten im Klub der Dead Riders. Alles andere als zufällig. Eigentlich, weil Agathe Deuth dort sein mußte, wollte. Schließlich war Agathe Deuths Liebhaber der, der als Boß der Dead Riders wiedergewählt worden war. Obwohl dieser erst noch mit seiner neuen Rolle als Häuptling der Dead Riders, der weniger zu sagen hatte, zurechtzukommen hatte.
Weil Agathe Deuth gegenwärtig zufällig einen Geliebten hatte, der ein oberes Mitglied bei den Dead Riders, diesem Motorradlieberhaber-Verein, hatte, paßt jetzt plötzlich für die Detektei Umschau die Geschichte. Die, daß Sonja Gleibt für irgend jemand Geld wusch.
Soviel war uns von der Detektei Umschau am Ende bekannt: Alte Vinyl-Schallplatten, von denen Sonja Gleibt keine einzige besaß, verkaufte Sonja Gleibt im Internet.
Ein Spitzen-Ranking als Plattenverkäuferin hatte Sonja Gleibt auf dem Internet-Portal. Die allerbeste Bewertung auf der Versteigerungsplattform. Obwohl in Sonjas Gleibts Postpaketen nie eine alte, rare Schallplatte drinnen war. Was der Empfänger, der die Platte ersteigert hatte, allerdings ganz genau wußte, daß er keine Platte für seine Schallplattensammlung von Sonja Gleibt kriegte.
Worum es hauptsächling ging, war das Geld, das Sonja Gleibt überwiesen wurde.
Für Toni Tabert betrieb Sonja Gleibt das mit der Geldwäsche. Für Toni Tabert. Toni Tabert, den Sonja als Freund Gustl Strauchingers schon seit ewigen Jahre kannte. Seit den Tagen, als Sonja Gleibt mit Vater, Mutter, ihren Schwestern bei der Familie Strauchinger in Geiersdorf Ferien am Bauernhof machte.
Eine Geschäftsidee Toni Taberts, die sich hier mit Hilfe Sonja Gleibts verwirklichte.
Jetzt hatte sich dieser Kreis für die Detektei Umschau geschlossen. Toni Tabert, der damit auf den Spuren Hans-Georg Taberts wandelte. Hans-Georg Tabert, das große Vorbild Toni Taberts.
Beschließen möchte ich dieses Schreiben an Sie, Herr Weil-Esch junior, mit etwas anderem ...
Mit dem Thema Christine Dombrowski, der älteren Schwester Manuelas.
Christine Dombrowski weiß schon länger vom Interesse der Detektei Umschau an ihr. Ihre Mutter hat Christine Dombrowski öfters übermittelt bekommen, daß Mitarbeiter der Detektei Umschau einmal persönlich mit ihr sprechen möchten.
Zu einer Unterhaltung zwischen jemandem der Detektei Umschau mit Christine Dombrowski war es noch nie gekommen, seitdem die Detektei Umschau sich um die Angelegenheiten kümmerte, die in Herrn Bernd Reils Tagebuch-Datei beschrieben wurden.
Unter anderem auch, weil Christine Dombrowski für die Detektei Umschau unauffindbar war. Wie ebenso für die Polizeibehörden und ähnlichem.
Kein Mensch wußte etwas, wo Christine Dombrowski untergetaucht war. Auch nicht Christine Dombrowskis leibliche Mutter. Die zwar von ihrer Tochter Christine ab und an Besuch kriegte. Dabei aber nur Oberflächlichkeiten erzählt bekam.
Vor eineinhalb Wochen sind wir von der Detektei Umschau von Christine Dombrowski Mutter angerufen worden. Christine Dombrowskis Mutter unterrichtete uns darüber, daß Christine bei einer Razzia im Rotlicht-Milieu verhaftet wurde. Im Gefängnis, daß Christine Dombrowski sitzt. Wie es aussieht, könnte Christine Dombrowski für länger eingesperrt bleiben. Nachdem Christine Dombrowski sich bei ihrer Verhaftung einiges zuschulden kommen hat lassen.
Der Pflichtverteidiger hätte Christine Dombrowski auseinandergesetzt, daß sie nicht mit irgendeiner Art Milde durch die Behörden zu rechnen habe. Das mit ihrer, Christines, Bewährung wäre lange hinfällig. Widerstand gegen die Staatsgewalt würde ihr zur Last gelegt, Kratzen, Beißen, Zuschlagen. Außerdem war sie monatelang abgetaucht, hat den letzten Rest ihrer Haftstrafe nicht verbüßt. Ein klarer Bruch der Auflagen.
Also: Möglicherweise muß Christine Dombrowski wegen einer Verurteilung in Sachen Drogenschmuggel von dreieinhalb Jahren die letzten eineinhalb Jahre jetzt absitzen, die ihr nach einem Jahr Frauengefängnis wegen guter Führung und einer annehmbaren Sozialperspektive auf Bewährung ausgesetzt wurden.
So was um den Dreh. Für uns von der Detektei Umschau war die Hauptsache, Christine Dombrowski mal kontaktieren zu können. Und Christine Dombrowski fand sich bereit, mit Herrn Augustin von der Detektei Umschau zu sprechen, wenn dieser sie besuchte. (Transkribiert hat die mit dem Diktiergerät aufgezeichnete Unterhaltung mit Frau Christine Dombrowski Frau Regine Datz, Mitarbeiterin der Detektei Umschau.)
Herr Augustin: Ich grüße Sie, Frau Dombrowski. Möchte mich bei Ihnen bedanken, daß Sie mir erlauben, mit Ihnen zu sprechen. Ist nicht selbstverständlich.
Frau Christine Dombrowski: Ist doch nichts los hier sonst. Mich besucht, glaube ich, in der nächsten Zeit keiner. Wenn ich das dann darf, jemanden empfangen, wenn Besuchszeit ist, warum soll ich nicht auch mit einem Detektei-Arsch sprechen? Unterhalte mich sonst doch auch mit jedem. Jedem, der was von mir wissen möchte, sag' ich was. Obwohl ich am liebsten alle niederknallen will. Aber, so ohne Pistole, Gewehr, da geht das nur schlecht. Der Kriminaler, der letztens bei mir war, hat mir seine Pistole nicht geben wollen ...
Detektei Umschau: Bitte, Frau Dombrowski, könnten wir das Thema wechseln. Sonst werden Sie wieder in Ihre Zelle zurückgeführt. Sie haben gesagt, daß Sie auf unsere Fragen antworten werden ... Sie wissen von Ihrer Mutter, daß ich Detektiv bin. Mitarbeiter der Detektei Umschau. Sie wissen auch, über was ich mit mit Ihnen unterhalten möchte ... Wenn ich also beginnen dürfte, Ihnen meine Fragen zu stellen.
Frau Christine Dombrowski: Ja. Gut. Fragen Sie mich was. Wenn ich Lust habe, sag ich was. Wenn nicht, müssen Sie was andres fragen.
Detektei Umschau: Sie erinnern sich an die Zeit des Jahres, während der Ihre Schwester Manuela in der Kurve unterhalb von Geiersdorf ihren Unfall hatte?
Frau Christine Dombrowski: Warum sollte ich mich nicht daran erinnern?
Detektei Umschau: Ist Ihre Schwester Manuela tot? Oder ist Ihre Schwester Manuela nicht tot?
Frau Christine Dombrowski: Manuela hat's schön aus der Kurve getragen. Der Tod Manuelas wurde festgestellt. Es hat eine Obduktion Manuelas gegeben. Danach lebt dann wirklich keiner mehr. Oder wissen Sie was anderes? Manuela hat heute ein sehr schönes Grab, finde ich. Schöner noch als damals ... Hat Hansi sich was kosten lassen. Echt geil. Echter Marmor ... Hätte Hansi seinen Schwanz reinmeißeln lassen, hätte die Welt heute was, was sie abschlagen könnte. Es Hansi hinten reinzuschieben. Mit Genuß.
Detektei Umschau: Sie können mit dem Namen Bernd Reil etwas anfangen?
Frau Christine Dombrowski: Klar. Bernd Reil, den kenn ich. Berndie, klar. Berndie war mal ein Jahr mit meiner Manuela zusammen. Ein ganzes Jahr hat Manuela den ausgehalten. Schon eine Leistung. Ist aber kaum mehr wahr heute. Wie lange ist das heute her, fünfzehn Jahre, sechzehn? Siebzehn? Wär mir eigentlich jemand böse, wenn ich mich nicht mehr an den erinnern würd?
Detektei Umschau: Herr Bernd Reil hatte eine Datei am Rechner. Eine Art Tagebuch, das Herr Bernd Reil über einen gewissen Zeitraum führte. Darin erwähnt Herr Bernd Reil Ihre Schwester Manuela. Aber auch Sie, Frau Dombrowski ...
Frau Christine Dombrowski: Weiß nicht, Berndie und ein Tagebuch ... Hat er also über Manu was geschrieben ... Ich komm auch vor, was? So richtig wichtig war Berndie aber nicht für eine von uns. Nicht für mich. Auch nicht für meine Schwester Manu, eigentlich. Ein Jahr, er und Manu. Waren so ein braves Paar, die beiden. Händchenhalten. Liebe. Manu, nur noch Sex mit dem. Mitkriegen durft der nie was ... Nein, nein. Gibt's da nicht andere? Sollten wir nicht besser von ein paar anderen sprechen? Nee, Berndie, der ... Weiß nicht, was Manu noch viel mit dem zu tun gehabt hätte, nachdem sie sich damals trennten. Manu hat Schluß gemacht, glaub ich. War mir eigentlich egal.
Detektei Umschau: Herr Bernd Reil hatte ein Tagebuch. Am Rechner getippt. Sein digitales Tagebuch. Wir hatten einen Auftraggeber, Frau Dombrowski. Er hat uns, der Detektei, das digitale Tagebuch Bernd Reils zukommen lassen. Damit die Detektei darüber Nachforschungen anstellt, was der Wahrheitsgehalt von so Vorgängen, Geschehnissen ist, die in dem von Bernd Reil verfaßten Tagebuch beschrieben sind. An der Sache sind wir von der Detektei Umschau jetzt schon über ein Jahr dran.
Frau Christine Dombrowski: Und ...? Was hab ich damit zu tun? Berndie, glaub nicht, daß mich Berndie viel interessiert.
Detektei Umschau: Warten Sie, Frau Dombrowski. Bernd Reil schreibt in seinem am Rechner geführten Tagebuch, daß er Ihre Schwester Manuela getroffen hat. Nicht irgendwann hätte er Ihre Schwester Manuela getroffen, schreibt Bernd Reil. Sondern er, Bernd Reil, hätte Ihre Schwester getroffen - ein Zeitpunkt, zu dem Manuela schon ein paar Monate tot war. Nach Manuelas Tod.
Frau Christine Dombrowski: Manu war schon tot, da trifft er sie, schreibt der? Sonst schreibt er nichts?
Detektei Umschau: Doch! Bernd Reil schreibt in dem Tagebuch, daß Sie, Frau Dombrowski, an einem Wochenende von Samstag auf Sonntag mitten in der Nacht bei ihm oben in seiner Studentenbude gewesen sein.
Frau Christine Dombrowski: Könnt ich mich da dran erinnern, wär ich bei ihm gewesen ... Wo sagen Sie? Was für eine Stadt? Wie war noch schnell der Name der Stadt, was haben Sie gesagt, wie die heißt?
Detektei Umschau: Waren Sie dort, Frau Dombrowski, wissen Sie doch, wie die Stadt heißt!
Frau Christine Dombrowski: Ach was? In seiner Studentenbude soll ich gewesen sein? Bei dem, Berndie ...? Wann soll das gewesen sein?
Detektei Umschau: Im August desselben Jahres. Des Jahres, als Ihre Schwester den Unfall in der Kurve die Geiersdorfer Bergstraße runter hatte.
Frau Christine Dombrowski: Ach? Und Berndie hat in dem Tagebuch geschrieben, er hätte meine Schwester Manu getroffen - als Manu schon tot war? Ein paar Monate nach Manus Tod?
Detektei Umschau: Im Juli damals, schreibt Herr Bernd Reil, daß er Ihre Schwester getroffen hat. Zehnter Juli. Vor dem Kino. Dem Unteren. Sie kennen das Kino?
Frau Christine Dombrowski: Klar kenn ich das Untere. Das Kino gibts ja schon seit ewig. War ich öfters drinnen, hab mir einen Film angeschaut. Haben Manu und Berndie das auch gemacht, sind ins Kino gegangen? Ich mein, als Manu und Berndie sich wiedergesehen hatten - haben sie sich da einen Film angeschaut?
Detektei Umschau: Nein. Ins Kino sind die beiden nicht. Aber, Ihre Schwester Manuela ist später mit Bernd Reil ins Café Mezzolatte. Ihre Schwester Manuela war da nur ein paar Monate gestorben. Und hat sich dann später an dem Nachmittag auch davongemacht, statt mit Bernd Reil zusammen zum Baden zu fahren. In Joeys Pils Pub hat Bernd Reil dann von Beppi und Fransen erfahren, daß Manuela, Manuela, die er erst nachmittags vorm Unteren getroffen hatte, eigentlich nicht treffen könnte. Weil Manuela da schon Monate tot war. Im August dann, da haben Sie Bernd Reil in seiner Studentenbude aufgesucht, Frau Dombrowski. Mitten in der Nacht. Herr Reil schreibt davon ... Gebissen haben Sie ihn ...
Frau Christine Dombrowski: Au ja, Berndie beißen ... Wenn einer meint, ich soll knabbern, beißen ... Dann mach ich das mal. Warum sollt ich das nicht auch bei Berndie. Ich würd Berndie das gleiche kosten. Mach ich 'nen Hausbesuch ... Blasen dreißig, mindestens. Ohne Kondom fünfzig. Bumsen sechzig. Ohne Kondom achtzig. Der unterste Tarif. Ist das nicht, geh ich wieder.
Detektei Umschau: Sie sagen aber, Frau Dombrowski, Sie erinnern sich an alles. Wo Sie überall im Verlauf jenes Jahres waren. Ich bin auch hier bei Ihnen, weil Sie gesagt haben, Sie sprechen mit mir. Herr Reil hat davon geschrieben, daß Sie bei ihm oben waren, in seiner Studentenbude. Mit Fransen waren Sie in der Stadt unterwegs ...
Frau Christine Dombrowski: Oh! Auch noch mit dem. Mit Fransen. Da hatte ich aber mal wieder Gesellschaft. Hatte Manu zuletzt ganz oft. Manu, die konnte es plötzlich mit dem. Mit Fransen.
Detektei Umschau: Hm, Frau Dombrowski. Bernd Reil schreibt in seiner Tagebuch-Datei, daß Sie, Frau Dombrowski, mitten in der Nacht an die Türe seiner Studentenbude geklopft haben. Herr Reil hat Ihnen aufgemacht. Zu Herrn Reil sind Sie in die Bude hineingestürzt. Aufgeregt haben Sie von Herrn Reil verlangt, daß er Ihnen ein Foto gibt, ein besondres. Sehr wichtig wäre das für Sie. Unbedingt, daß Herr Reil Ihnen das geben. Herr Reil hat Ihnen das nicht sofort gegeben, da haben Sie Herrn Reil gebissen. Ihn in den Hals gebissen. Dann erst hat Herr Reil Ihnen das Foto gegeben, und Sie haben von Herrn Reil abgelassen. Zwischen die Leute aus der Nachbarschaft, die wegen des Lärms bei bei Bernd Reil in der Bude aus ihren Räumen gekommen sind, haben Sie sich hindurch hinausgedrängt, sind fort. Es ist Tatsache, daß Herr Reil ins Krankenhaus gemußt hat, daß Herr Reil in den Hals gebissen wurde ... Krank wurde Herr Reil von dem Biß. Ziemlich krank.
Frau Christine Dombrowski: Echt wahr? Würd Sie auch gern beißen. Sehen, wie krank Sie dann werden. Leider ... In meiner Zelle wär das jetzt besser.
Detektei Umschau: Wegen eines Fotos waren Sie bei Herrn Reil. Sie und Ihre Schwester Manuela auf dem Foto im Bild, auf einer Blümchenwiese. Rotgefärbte Haare hatte Ihre Schwester Manuela auf dem Bild. Während dem Draufschauen auf das Foto hatte Herr Reil seltsame Wahrnehmungen ...
Frau Christine Dombrowski: Hab ich auch öfters. Wenn ich was eingeschmissen hab. Mann, Mann! Hui!
Detektei Umschau: Das Foto ... An das Foto können Sie sich doch erinnern, Frau Dombrowski?
Frau Christine Dombrowski: An so ein Foto ...? Ich und Manu auf einer Blümchenwiese ...? Warum soll das für mich wichtig sein? War schon öfters mit Manu Fotomachen, auch auf Blümchenwiesen. Oder sonstwo in der Stadt.
Detektei Umschau: Herr Reil war bei Ihrer Mutter in Ihrer Wohnung in der Hegelstraße zu Besuch. Da hat Ihre Mutter es ihm gegeben. Ihre Mutter hatte das Foto von Ihnen, Frau Dombrowski. Hatte noch mehr davon.
Frau Christine Dombrowski: Um die Zeit rum, von der wir hier sprechen ...
Detektei Umschau: Ja ...?
Frau Christine Dombrowski: Weiß nicht. Mutti sagt auch öfter zu mir, ich wäre bei ihr in der Wohnung gewesen. Weiß nicht, weiß nicht. Keine Ahnung, wie Mutti da drauf kommt. Schluckt aber auch öfters ihre Pillen, Mutti. Weil ich mich nicht erinnern kann, bei ihr gewesen zu sein, muß da was sein, daß Mutti auf die Idee kommt. Kennt schon alle Arten von Pillen, meine Mutti, glauben Sie mir das. Hat sie früher gut gekannt - tut es heute nicht viel schlechter. Damit kennt Mutti sich schon aus. Waren öfters Muttis kleine Helferlein. Haha! Wenn Mutti Hilfe nötig hatte, dann sicher.
Detektei Umschau: Es stimmt also nicht, was Bernd Reil in seinem Tagebuch schreibt ...?
Frau Christine Dombrowski: Och, so kann man das nicht immer sagen. Hatt ich schon öfters, daß ich wo war. Aber, es fehlt mir die Erinnerung da dran. Nur, da hab ich eine Zugkarte rausgelassen, die hatt ich in der Handtasche. Nur, total der Filmriß. Wissen Sie, auf mein Gehirn darf ich mich nicht mehr verlassen. Das hat mir erst letztens der Gefängnisarzt hier gesagt ... Nicht zu glauben, ich laufe rum, wie eine lebende Tote ... Wahnsinn.
Detektei Umschau: Sie wissen wirklich nichts? Können sich an so gar nichts erinnern ...?
Frau Christine Dombrowski: Na, doch. Klar erinner ich mich an was. Erinner mich, daß ich bei Mutti war. Mutti und ich haben gestritten. Weil Mutti gesagt hat, ich wär erst kürzlich bei ihr in der Hegel gewesen. Dabei war ich das nicht, kann nur schlecht bei ihr in der Hegel gewesen sein. Sagt Mutti zu mir, ich hätt was dagelassen. Zeigt Mutti mir das. Eine Schachtel. Ich heb den Deckel der Schachtel runter. Sehe viele Fotos drinnen in der Pappeschachtel. Ich und Manuela auf den meisten Fotos. Nur - ich war das nicht, die Mutti die Schachtel gegeben hat. Ich hab nichts gecheckt, was das für Fotos waren. Viele Fotos mit Manuela drauf. Und ich selbst. Auch die Type Fransen. Hab's nicht geglaubt. Entwickelt hatten die in der Apotheke in Geiersdorf. Da wollt ich hinfahren, nach Geiersdorf. Dann hab ich plötzlich überall Polizeiautos anfahren gesehen. Bin ich froh gewesen, daß mir keiner nachgekommen ist. Bin lieber im Zug abgereist, fort aus der Gegend, als nach Geiersdorf rauf. Mußte ja nicht unbedingt sein, daß ich nach Geiersdorf mußte. Besser, ich verzieh mich aus der Gegend, als auf die Polizei mitkommen zu müssen.
Detektei Umschau: Sie sagen, Sie wollen das nicht gewesen sein, der Ihrer Mutti die Schachtel gegeben hat? Entschuldigen Sie, ich habe keinen Durchblick.
Frau Christine Dombrowski: Hatte ich auch nicht. Ich bin dagesessen, hab meine Mutti so angestiert, gedacht: He, gibt's mich doppelt? Oder was für ein Doppelleben führ ich - eh? Als ich Monate später das nächstemal bei Mutti zu Besuch war, hab ich nur noch die leere Pappschachtel gefunden. Mutti konnt mir nicht sagen, wo sie die Fotos hingetan hat. Mutti hat gedacht, ich wär dagewesen, ich hätt mir die Fotos in die Handtasche gesteckt. Ein paar hätt ich verbrannt.
Detektei Umschau: So richtige Ausfälle haben Sie, Frau Dombrowski. Sie sind an Orten - dann wissen Sie wirklich später so überhaupt nichts mehr davon ...?
Frau Christine Dombrowski: Ich hab schon mal 'nen Filmriß. Kommt von Crystal. Das ist heiß fürs Vergessen, sag ich Ihnen. Schauen Sie, wie alt ich ausseh. Fast wie Mutti auch. Und dann Mutti ... Bei den Antidepressiva und Zeug, das Mutti massig schluckt. Ich mein, Mutti macht die Beine auseinander. Um sich das dann kaufen zu können. Ich sag Ihnen, ich könnt mir das mit der Schachtel mit den Fotos drinnen auch nur eingebildet haben. So was kommt öfter bei mir vor. Heute morgen dachte ich, ich wär sechzehn, bei mir daheim auf dem Zimmer. Bin zur Zimmertüre gelatscht. Stelle ich fest, daß die Tür zu ist. Habe ich angefangen, gegen die Tür zu hauen. Weil die nicht aufgeht. Dann ist plötzlich wer bei mir, rüttelt an meiner Schulter. Nicht Manu. Ich bin nicht in der alten Wohnung auf meinem Zimmer. Das ist einfach nicht Manu, die mich haut, weil ich nach ihr gehauen hab. Sondern eine Kollegin. Ich mit der. Hier drinnen. Hier, in unserer Zelle. Die hat bei nem Bruch bloß Schmiere gestanden. Hatte aber Bewährung, als sie erwicht wurde. Jetzt hat sie dafür das volle Brett. Wie ich, wie es aussieht.
Detektei Umschau: Die Fotos in der Schachtel ...? Die mit Manuela und Ihnen ...? Sie sagten Sie, Sie haben sie zusammen mit Ihrer Mutter durchgesehen?
Frau Christine Dombrowski: Ist mir was erinnerlich, ja. Mutti war so außer sich, weil Manuela rote Haare hatte. Hat Mutti mich angesehen, weil ich auf den Fotos auch zu sehen war. Ich habe auch geschaut. Aber nichts gewußt. Konnt Mutti nicht viel was antworten, wenn ich selber nicht weiß. Keine Ahnung. Manuela, die sich die Haare gefärbt hatte. Mann, wenn ich träume, ist Manuela sogar lebendig. Auch mit roten Haaren. Habe ich schon oft, was mit Manuela zu träumen. Bin schließlich Manuelas Schwester. Aufregen tut mich das nicht. Vielleicht hatte Manuela irgendwann zuletzt rotgefärbte Haare. Was weiß ich? Deswegen reg ich mich nicht auf, als Manuelas Schwester. Auch nicht hier im Gefängnis. So was nennt sich Flashback. Hat mit dem Hirn zu tun. Kommt von den Drogen. Weil ich was geschnupft hab. Mir was gespritzt. Jetzt, hier im Knast, mache ich das zwar mal nicht - trotzdem spinnt mein Hirn. Solange das kein Horror ist, auf den ich komme, geht das schon. Die Gefängnisärztin hat mir gesagt, ich hätt Löcher im Gehirn. Glauben Sie das, was die Ärztin zu mir gesagt hat? Eh, mich an Manuela, die tote Schwester, mit roten Haaren erinnern - es gibt Schlimmeres. Wenn Manuela mir auf einem Bild mal lebendig wird, mit mir spricht - he, meine Schwester darf das. Lieber wär mir, Manuela würde mich hier rausholen. Ich mein, wenn Manuela auf einem Foto schon lebendig ist, könnt ich dann am Schluß doch auch woanders sein als hier. Oder nicht?
Detektei Umschau: Sie haben also Fotos angesehen - das Bild ist Ihnen zum Leben erwacht ...?
Frau Christine Dombrowski: Ich darf nur nicht auf Horror kommen, sonst dürfen Bilder alles. Sag mal: Sie sind mir hier gegenüber. Sie sind auch lebendig, sprechen sogar mit mir. He, da ist doch kein Unterschied.
Detektei Umschau: Die Fotos ...?
Frau Christine Dombrowski: Die Schachtel war dann das nächstemal, als ich daheim war, leer. Frag ich Mutti, warum da keine Fotos mehr drinnen sind in der Schachtel. Haha, sagt Mutti - ich hätt die Fotos abgeholt. Ich. Ich selber. Obwohl ich wirklich nichts davon gewußt hab, daß ich bei Mutti in der Hegel gewesen wär, Fotos zu holen. Wenn Mutti dauernd meint, ich hätte eine Zwillingsschwester - upps. Muttis kleine Helferlein ... Deswegen tu ich mir aber nichts an, oder? Oder sehen Sie, bloß weil diese Fotos nicht mehr da waren, hab ich mir was angetan? Mutti, die verzapft viel, wenn der Tag lang ist. Wenn man sagt, bei mir ist im Kopf was durcheinandergekommen. Da sag ich nur: Schön, bei mir sowieso. Bei meiner Mutti aber sicher auch. Tatsache. Wenn die mich bei sich in der Wohnung sieht, obwohl ich nicht bei ihr in der Wohnung bin ... Mutti und ihre kleinen Helfer, ich weiß Bescheid. Das dürfen Sie mir glauben, Muttis Hausfrauenpillchen haben ihre hilfreichen Wirkungen ...
Detektei Umschau: Das ist schon klar. Sprechen wir noch mal von dem, was Bernd schreibt. Bernd Reil schreibt, sie hätten ihn in seiner Studentenbude aufgesucht ... Könnten Sie das um den Dreh herum nicht doch gewesen sein? Die, von der Bernd Reil schreibt, die mit den angespitzten Zähne ...
Frau Christine Dombrowski: Angespitzte Zähne, ich ...? Wo?
Detektei Umschau: Ziemlich genau beschreibt Bernd Reil die Zähne. So spitze Eckzähne. Wie in Filmen bei Vampiren ...
Frau Christine Dombrowski präsentierte Herrn Augustin ihr Gebiß, eins mit mehreren Zahnlücken unten und oben.
Frau Christine Dombrowski: Habe eigentlich Zahnersatz. Links und rechts hinten. Leider hab ich die Prothesen nicht hier rein mitgenommen. Hab sie irgendwo gelassen ... Scheißdreck. Aber, meine Eckzähne sind noch ganz in Ordnung. Finden Sie nicht? Schauen nur nicht nach Vampir aus, nicht wahr? Sind nicht angespitzt, oder?
Detektei Umschau: Für Bernd Reil haben die Vampirzähne echt ausgesehen ...
Frau Christine Dombrowski: War wohl Halloween. Gibt schon Sachen, die schauen echter aus als echt... Masken, Gebisse. Wenn ich mich nur dran erinnern könnt, daß ich Berndie, dort, wo er seine Studentenbude hatte, je besucht hab - ob als Vampir oder nicht -, wär mir ja alles sofort klar. Nur, ich kann mich beim besten Willen da drauf nicht entsinnen, daß ich mir ein Gruselgebiß in den Mund geschoben hätte. Um Berndie mal so richtig zu erschrecken. Oder ihn sogar in Echt zu beißen. Daß Berndie wie noch was aus dem Hals blutet ... Aber, ich glaub, ich hab, glaub ich, ein Alibi.
Detektei Umschau: Und welches? Welches Alibi wollen Sie haben?
Frau Christine Dombrowski: Wir reden also von dem Jahr, in dem meine Schwester Manu ihren Autounfall hatte ...? Da soll ich bei Berndie oben gewesen sein, seine Studentenbude, wie Sie sagen ...? An Berndies Hals soll ich wie eine Vampirin gezuzzelt haben ...?
Detektei Umschau: Ja! Das schreibt Bernd Reil. So ähnlich steht das in Bernd Reils Tagebuch.
Frau Christine Dombrowski: Sie sagen, das soll im August von dem Jahr gewesen sein, in dem Manuela ...? Da im August soll ich bei Berndie in der Bude gewesen sein?
Detektei Umschau: Ja. Sagte, August.
Frau Christine Dombrowski: Sehen Sie, im August ... Damals, in dem Jahr, in dem meine Schweister Manuela ... Da war ich um die Zeit herum viel sicher nicht viel irgendwo. Da kann ich Löcher im Hirn haben noch und noch, einfach für mich, zu wissen, wo ich damals war. Ende Juli, August, September, Oktober, November bis Mitte Dezember - war ich im Loch. Hahaha! Ich war im Knast. Können Sie gerne überprüfen. Jeden beschissenen Tag hab ich von Ende Juli bis Mitte Dezember hinter Gittern verbracht.
Detektei Umschau: Sie haben eingesessen, Frau Dombrowski?
Frau Christine Dombrowski: Ich, hinter Gittern. Kapisch. Schwedische Gardinen. Von Ende Juli bis Mitte Dezember. Knast mit kontrolliertem Drogenentzug. Keine Klinik. Trotzdem: Entzug unter ärztlicher Kontrolle. Das mußte ich die ersten Tage dort ertragen. War ich glücklich, daß ich nirgendwo hinkonnte. Sie erzählen mir aber, daß ich woanders war.
Detektei Umschau: Stimmt das? Ist das wahr?
Frau Christine Dombrowski: Prüf es doch nach, Schlaumeier. Kann kein so großes Problem sein für einen Detektiv wie dich.
Detektei Umschau: Wer war dann aber die Christine Dombrowski, die bei Bernd Reil in seiner Bude oben war? Die, von der Bernd Reil schreibt ...
Frau Christine Dombrowski: Mir Blutwurst. Nur ich ..., ich kann's nicht gewesen sein. Vielleicht eine, die wie ich ausgesehen hat. Vom Typ her.
Detektei Umschau: Fransen hat sie, Frau Dombrowski, begleitet ...
Frau Christine Dombrowski: Ach, Fransen ... Fransen hin oder Fransen her, wenn ich es nicht war, war ich es nicht. Habe ich eben eine Doppelgängerin. Oder - es war meine tote Schwester. Genau! Die war es. Manu war das.
Detektei Umschau: Fransen, der war der bei Ihnen ... In der Stadt waren Sie, Frau Dombrowski, und Fransen hinter Bernd Reil her ...
Frau Christine Dombrowski: Und? War doch nicht schlimm, für Bernd, oder? Er hat dann später immer noch was weitergeschrieben, nicht? In seiner Studentenbude. Als Student hatte er sicher die Zeit dafür.
Detektei Umschau: Fransen, der Mann, der immer einen etwas schäbigen Trenchcoat anhat, einen Strohhut auf. Ihre Schwester Manuela war mit ihm bekannt, Frau Dombrowski. Was können Sie uns zu diesem Fransen sagen ...?
Frau Christine Dombrowski: Glaub nicht, daß mir zu Fransen viel einfällt. Wissen Sie, ich bin jetzt hier hinter Gittern. Wahrscheinlich noch ein paar Monate. Im schlimmsten Fall ein dreivierteltes Jahr. Dann bin ich wieder draußen ... Da, glaub ich, ist's besser, ich halt bei bestimmten Leuten den Mund.
Detektei Umschau: Sie wissen also etwas über Fransen? Sie können mir doch ein bißchen was von ihm erzählen ... Was ist dieser Fransen denn so für einer? Soviel ich weiß, kommt er Hausfassaden herauf oder -runter. Knabbert gerne an Mädchen, jungen Frauen ...
Frau Christine Dombrowski: Nee. Zu Fransen sage ich nichts. Muß ich nicht. Brauch ich nicht. Fransen ist ein Mörder. Der killt eine ganze Stadt, wenn es sein muß. Nein, zu dem sag ich Ihnen nichts. Fragen Sie meine Schwester Manu, wenn Sie sie sehen. Suchen Sie Manu. Ja, ganz einfach: Sie suchen Manu. Haben Sie Manu ... Oder Sie machen ganz was andres: Sie stöbern Fransen auf! Genau!
Detektei Umschau: Wir haben Fransen schon ein paarmal von der Ferne gesehen. Das reicht. Auch Ihre Schwester Manuela, glauben wir ...
Frau Christine Dombrowski: Meine Schwester Manuela ... Was Sie nicht alles sehen ... Sonst noch was?
Detektei Umschau: Fransen, die Familie Tabert ...? Ihre Schwester Manuela war ganz eng mit Hans-Georg Tabert. Manuela war Hans-Georg Taberts Geliebte ... Fransen, der war auch einer, um Hans-Georg Tabert herum. Bei ein paar größeren Dingern Hansi Taberts mit dabei. Auch Ihre Schwester Manuela übrigens.
Frau Christine Dombrowski: Nein, nein! Glauben Sie mir, zu Hansi sag ich Ihnen nichts. Das ist ein Loch im Kopf. Und auch Fransen, nicht eben angesagt, viel zu schwatzen, was den angeht.
Detektei Umschau: Was ist nur mit diesem Fransen? Beschreibung: schäbiger Trenchcoat, braune, schwarze Hose, Stroh-, Basthut am Kopf. Ohne Hut ist der Mann glatzköpfig. Ebenfalls bei Fransen öfters mal zu bemerken: ein metallener Spazierstock. Mit Drachenfratze am Knauf.
Frau Christine Dombrowski: Stimmt. Ein unheimliches Ding, dieser Spazierstock. Der Drache ... - uiii! Hardcore. Hat mich mal auf Horror gebracht. Manu hatte das Ding. Sagte, Fransi hätte es liegenlassen. Hat mich in die Hand gebissen, der Drache. Hier ... Sehen Sie die Stellen ...? Die roten Punkte. Wahnsinn. Ich war hin und weg, ohnmächtig. Als ich aufgewacht bin, war Manu über mir. Manu, die hat den Kopf geschüttelt. Manu hatte den metallenen Gehstock mit dem Drachenkopf in der Hand. Der das Maul weit offen hatte. Weil er mich eben losgelassen hatte. Mich loslassen mußte. Ich dachte, mir geht mein Innerstes flöten. Irre.
Detektei Umschau: Manu hat gesagt, daß sie den Drachenkopf, der bei Ihnen zugebissen hat, weggenommen hat ...?
Frau Christine Dombrowski: Nein, nein! Manu hat nichts gesagt. Ich mein, ich hab den Drachenkopf angesehen. Da war Blut, das dem Stock runterlief. Manu über die Hand ... Manu hat aber nicht viel mit mir geredet, deswegen. Nur, den Stock hat sie mitgenommen. Zurückgebracht.
Detektei Umschau: Sehe vier rötliche Punkte ... Da hat Sie der Drache gebissen, Frau Dombrowski ...? Der lebendig gewordene Drachenkopf von Fransens Spazierstock?
Frau Christine Dombrowski: Ah - haha! Ich sag jetzt mal, es könnten Bißspuren sein, nicht? Nur, glauben Sie mir, was ich erzähle? Glauben Sie mir ein einziges Wort?
Detektei Umschau: Schon unheimlich. Ein Ding. Eine metallene Kopfplastik erwacht zu leben, beißt Sie in die Hand ...
Frau Christine Dombrowski: Glauben muß das ja keiner. Hatte da nur diese wunden Punkte, die mir heilen mußten. Rot geblieben sind sie mir ... Hab mich da schon öfters mit der Nadel reingestochen, weil die Punkte so gut sind ... Hahaha! Denke aber, daß Sie das überprüfen können. Das, damals. Wenn Berndie Manu gesehen hat, hat Berndie Manu gesehen. Wenn er Fransen gesehen hat, hat er Fransen gesehen. Oder mich . Könnt auch sein, daß Berndie mich gesehen hat. Warum auch nicht? Nachweislich war ich zwar ganz woanders und eingesperrt. Aber ... Trotzdem, wenn Berndie mich gesehen hat - hahaha! -, hat Berndie mich gesehen. Ich muß geistern. Mein Geist fliegt nachts, und in Hunderten von Kilometern werde ich wieder weniger ein Geist. Stehe da mit Fransen rum. Mit Fransen. Oder mit Manuela. Manuela, Sie haben Manuela gesehen, haben Sie selber gesagt. Da ist doch alles möglich, oder?
Detektei Umschau: Wie meinen Sie das, Frau Dombrowski? Verstehe nicht ...
Frau Christine Dombrowski: Ach was! Was Sie verstehen oder nicht ... Mir egal. Müssen eigentlich nichts verstehen. Mag nicht mehr. Mir reicht's. Jetzt sag ich kein Wort mehr. Ich will jetzt in meine Zelle zurück. Ich geh jetzt in meine Zelle zurück. Unterhalten werd ich mich übrigens so bald nicht wieder mit Ihnen. Vielleicht nie mehr. Das muß ich mir überlegen. Anfragen können Sie ja wieder mal. Nur, ob ...? Schon die Frage. Na ja, auf Glück können Sie immer hoffen. Viel Glück! Tschüssie!
Das obige Gespräch, das Herr Augustin mit Christine Dombrowski führte, können Sie selber nachhören, wenn Sie wollen, Herr Weil-Esch junior. Den Speicherstick schicken wir von der Detektei Umschau Ihnen in der Anlage dieses Schreibens mit.
Ob ein Mitarbeiter von der Detektei Umschau noch mal das Vergnügen haben wird, Christine Dombrowski anzufragen, ihr gegenüberzusitzen ...?
Wissen Sie, Herr Weil-Esch junior, man kann den Wolf streicheln. Den Wolf kann man sogar dazu bringen, daß er gibt Pfötchen gibt. Wie der Hund. Bekommt der Wolf ein Leckerli, gibt der Wolf Pfote. Zweimal, dreimal. So oft man will, gibt der Wolf Pfote. Schiebt man ein Leckerli hinterher.
Kriegt der Wolf aber kein Leckerli mehr, hört sich das mit dem Pfötchengeben beim Wolf sofort auf. Dann ist es damit vorbei, daß sich der Wolf überhaupt für das Ganze interessiert.
Nur der Hund, der Hund, der gibt auch Pfötchen, wenn er dafür keine kleine Belohnung mehr abkriegt, bloß hergetatscht wird.
Wir von der Detektei Umschau, Herr Weil-Esch junior, wir sind keine Hunde. Eher verstehen wir von der Detektei Umschau uns als Wölfe.
Das digitalte Tagebuch Herrn Bernd Reils, Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, Ihr Vater, hat es uns übermittelt. Die Geschichte, die in dem Tagebuch beschrieben steht, an der hat die Detektei Umschau für Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch geforscht. Wir haben diese Arbeit angenommen.
Ist sicherlich nicht uninteressant, welche Wendungen sich aus der Bernd-Reil-Tagebuchgeschichte ergeben. Hübsche Entwicklungen.
Es sieht ganz so aus, Herr Weil-Esch junior, daß wir von der Detektei Umschau noch weiteres ent- und aufdecken könnten, das in Zusammenhang mit der Bernd-Reil-Sache steht. Einige Namen wie Fransen, jener Drakonie Rubertus Wank, oder Hans-Georg Tabert, Personen, die sind irgendwie noch nicht ganz entwickelt. Da verbirgt sich noch was dahinter. Ist mehr im Schatten als im Licht.
Aber, was sollen wir von der Detektei Umschau mit dem Ganzen? Wenn sich keiner, jemand wie zum Beispiel Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, dafür interessiert.
Sie, Herr Weil-Esch junior, wollen uns von der Detektei Umschau nicht weiter für sich arbeiten lassen.
Für lau stellen wir von der Detektei Umschau sicher keine weiteren Ermittlungen in der Angelegenheit an. Solche, die überdies mit gewissen Gefahren für Leib und Leben verbunden sind.
Der eine oder andere Detektiv der Detektei Umschau könnte den Tod finden ...
Hans-Georg Tabert, dort wimmelt es wie in einem Wespennest. Dort hineinzufassen - da kann man gestochen werden. Und bei Herrn Drakonie Rupertus Wank wird ebenfalls leicht gestorben. Das hat schließlich Ihr Vater merken müssen, Herr Weil-Esch junior.
Ein leichter Tod war das nicht, den Herr Doktor Gregorius Weil-Esch, unser Auftrag- und Geldgeber hatte ...
Sie, Herr Weil-Esch junior, Sie lesen, was Frau Christine Dombrowski, die Schwester Manuela Dombrowskis meinem Partner, Herrn Augustin, zu erzählen hatte. Sogar nachhören können Sie es selber ...
Vielleicht würde Christine Dombrowski Herrn Augustin wieder etwas erzählen.
Wenn Sie, Herr Weil-Esch junior, also interessiert, was Christine Dombrowski, die Schwester Manuela Dombrowski, weiter von sich geben könnte - kümmern Sie sich bitte entweder selber darum, indem Sie bei Christine Dombrowski im Gefängnis anfragen, ob sie mit Ihnen sprechen möchte. Vielleicht läßt Christine Dombrowski sich von Ihnen besuchen.
Es ist sicher nichts Schwieriges für Sie, selber in Erfahrung zu bringen, in welchem Frauengefängns Frau Christine Dombrowski von Ende Juli bis Mitte Dezember des gleichen Jahres eingesessen ist, in dem ihre Schwester Manuela den tödlichen Autounfall hatte.
Die Detektei Umschau jedenfalls sieht es nicht nach.
Haben es bisher wirklich unterlassen, das zu überprüfen - damit ich es Ihnen nicht eventuell hier reinschreibe, Herr Weil-Esch junior.
Oder aber, Sie ändern Ihre Politik, was die Detektei Umschau angeht, Herr Weil-Esch junior. Sie wollen, daß wir das doch für Sie weiter übernehmen, Herr Weil-Esch junior, daß wir von der Detektei Umschau unsere Arbeit im Sinne Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch fortsetzen. Die Dinge für Sie ausforschen, wie wir von der Detektei Umschau das für Ihren Vater machten.
Dann wissen Sie, was Sie zu tun haben: Nehmen Sie mit der Detektei Umschau Kontakt auf. Damit zwischen unserer und Ihrer Partei ein entsprechender Vertrag unterschrieben werden kann, der auf ein Arbeitsverhältnis hinweist.
Dann, wenn Sie Ihre Bank angewiesen haben, daß auf dem Konto der Detektei Umschau die vertragliche Geldsumme eingeht.
Dann, nur dann, tut die Detektei Umschau wieder was in der Sache Tagebuch Bernd Reil und so weiter. Das würde unmittelbar dazu führen, daß die Detektei Umschau diesen Fall, mit dem Herr Gregorius Weil-Esch, Ihr Vater, uns betraut hat, weiter thematisiert.
Aber nur dann.
Hiermit verbleibe ich,