deMehr's K.K.-Expo, II 8
8. Rockos Ansage
* Chiulana hieß die kleine Stadt; nach Chiulana war es der nächste Weg. In der Umgebung von Chiulana hatte Unteroffizier Fernandez Diaz den Stegosaurus präpariert. Natürlich war es René Departs und Jack Spearbows Wunsch, einen Blick auf den Dino zu werfen, auch wenn der nichts als eine Fälschung war. Auf der Polizeistation von Chiulana erfuhren René Depart und Jack Spearbow, daß die europäischen Wissenschaftler namens Meyer und Hefthand Leuten Geld dafür zahlten, den "falschen Fleischhaufen", wie die zwei Europäer das im Erdloch nannten, mit Benzin zu übergießen und anzuzünden; anschließend wurde das Loch zugeschüttet. Das war ein Vergehen, dessen sich Meyer und Hefthand schuldig machten, weswegen jetzt die Behörden im ganzen Land auf der Suche nach den "Wissenschaftlern" waren. Dazu hatte man polizeiliche Ermittlungen betrieben, herausgefunden, daß keine Archäologen "Meyer" und "Hefthand" bei irgendeinem Ausgrabungsteam in zweihundert Kilometern Umkreis mitmachten. Vor der Presse würde man das jedoch gerne weiterhin geheimhalten.
* Es war René Departs Begehr, Unteroffizier Diaz im Gefängnis zu sprechen; Diaz war noch nicht ins Militärgefängnis in der Hauptstadt überführt worden. Aber dem Anliegen wurde negativ beschieden. Auch mit keinem von Diaz' Leuten durfte René Depart reden; kein Geldangebot wollte helfen, der General, der die Diaz-Sache über hatte, war unerbittlich um nicht zu sagen: Der Mann war nicht korrupt. Zum Frusttrinken begaben René Depart und Jack Spearbow sich ins "Diabolo", einem Saloon, wie er in alten nordamerikanischen Wildwestfilmen hätte vorkommen können. Im "Diabolo" saßen René Depart und Jack Spearbow bei Whiskey und Bier, ließen die Stunden vorübergehen.
* Eine abgerissene Type stellte sich vor dem Tisch auf, fragte, ob er sich zu René Depart und Jack Spearbow und den anderen in der Runde an den Tisch hocken dürfte. Laut und deutlich meinte Jack Spearbow, daß der blöde Penner sich verziehen sollte. Der schlau blickende Kerl, der einen staubig schäbigen, an manchen Stellen geflickten schwarzen Anzug anhatte, setzte sich trotzdem dazu. Er würde Rocko heißen, unterrichtete der Fremde; zwanzig Dollar auf die Hand, dann würde er, Rocko, ihnen was sagen. Neuigkeiten wären immer gut, lallte René Depart, legte zwei Zehn-Dollar-Scheine mitten auf die Tischfläche. Rocko wollte die Scheine sofort greifen, aber Jack Spearbow wischte Rocko die Hand vom Tisch, schnauzte, erst mal wollten alle hier die gute Nachricht hören. Dazu nickte Rocko. Nun erzählte Rocko, daß im "Horizonte", im Hotel "Horizonte" am anderen Ende des Städtchens, ein Journalist ein Zimmer hätte. Der Journalist wäre der, den Diaz im Dschungel getroffen hätte; der hätte von Diaz und seinem ganzen Trupp Fotos gemacht, viele Fotos.
* Gegen Mittag des darauffolgenden Tages fanden René Depart und Jack Spearbow sich im "Horizonte" ein. Für ein paar Dollar mehr: der Pegel an Freundlichkeit steigerte sich. "Zimmer neunzehn" im ersten Stock, da wohne der Gesuchte, informierte der ältliche Mann an der Rezeption. Immer noch von dem Trinkgelage des Vorabends angeschlagen, stiegen René Depart und Jack Spearbow die hölzernen Stufen in das erste Stockwerk hoch. "Zimmer neunzehn" entdeckten René Depart und Jack Spearbow am Ende des langen Ganges linker Hand. Jack Spearbow klopfte. Nichts und niemand regte sich. Neuerliches Klopfen. Keine Reaktion. Der Mensch am Hotelempfang hatte mitgeteilt, daß Herr Rial im Haus wäre. Laut schrie René Depart, daß hier nicht die Polizei wäre. Jetzt drehte sich plötzlich der Schlüssel im Schloß, öffnete sich die Holztür ein Stückchen ins Zimmerinnere. Das nicht eben sympathische Gesicht eines schwitzigen kleinen Mannes präsentierte sich; braune Schweinsäuglein glotzten ängstlich neugierig.
* Sie wären wirklich nicht von der Polizei, versicherte René Depart, stellte sich und Jack Spearbow vor. Sie wollten nichts als sich ein bißchen unterhalten, ein paar Auskünfte, wenn möglich; dafür würden sie sehr gut zahlen. Darauf zuckte Rial die Schulter, wischte sich über die verquollenen Augen, die aussahen, als hätte Rial erst vor kurzem eine Runde geweint. Rial trat zurück, ließ die Zimmertüre ganz aufschwingen. René Depart und Jack Spearbow spazierten zu Rial hinein. Als erstes fiel die teure Informationstechnik auf, die auf einem Rundtisch mit weißer Tischdecke herumstand, aufgeklappt. Auf dem Bildschirm blinkte bei weißem Hintergrund ein fingernagelgroßer schwarzer Punkt in der Mitte. Nachdem er die Türe zugemacht hatte, plapperte Rial, daß er sich sehr darüber wundern würde, daß die Polizisten nicht wieder erschienen wären; normalerweise sollten die Polizisten anwesend sein, sonst hätte es wenig Nutzen, auf dem Zimmer zu hocken, Däumchen zu drehen.
* Mit ganzem Namen hieß der kleingewachsene Journalist Ignatio Rial. Um diesem Ignatio Rial, der bei Diaz gewesen war, einen Brocken hinzuschmeißen, erzählte René Depart von Dominik Sponti, Dominik Spontis Zirkus, der "Dschungel-Schau" des Zirkus Sponti und von General Hernandez Zilla. Der Spur Spontis, des Zirkusdirektors, wäre er gefolgt, schloß René Depart seine Geschichte. Ignatio Rial kratzte sich ausgiebig hinterm Ohr, nickte, sagte, daß Herr René Depart und Herr Jack Spearbow sich nicht an den Falschen gewandt hätten. Lächelnd begab Ignatio Rial sich vor sein elektronisches Arbeitsgerät, drückte eine Taste. Der Bildschirmschoner verschwand. Schnell tippte Ignatio Rial ein paar Codes in das Zugangsfeld, öffnete darauf mit Doppelklick eines der vielen "Fenster". Anschließend wandte Ignatio Rial sich grinsend René Depart und Jack Spearbow zu, während sich in Rials Rücken auf dem Laptop-Bildschirm ein Farbfoto aufbaute. Das Foto zeigte einen "Grünschuppenraptor", wie in den Zeilen unter dem Bild zu lesen dastand. Der Raptor lag auf einer saftig grünen Wiese, das Schreckensmaul offen, daß die gefährlichen Zahnreihen bestens zu übersehen waren; Blut war das, was aus dem Maul herausgelaufen war. Die Kreatur war getötet worden.
* Es klopfte bei Ignatio Rial an der Zimmertür. Mit gerunzelter Stirn wollte Rial wissen, wer draußen wäre. Der Zimmerdienst, klang die Antwort eines Mannes. Ehe die ihm die Türe eintreten würden, würde er ihnen lieber mal aufmachen, sagte Ignatio Rial ruhig, begab sich zur Tür, drehte den Schlüssel im Schluß, machte auf. Drei vermummte Kerle drängten hintereinander herein, Gewehre im Anschlag, schrieen, niemand sollte sich bewegen. Gedämpfte Schußlaute. Wie von Gewehren mit Schalldämpfer; bloß daß diese Gewehre keine sichtbar aufgesetzten Schalldämpfer hatten.