deMehr's K.K.-Expo, II 9
9. Jaques gibt auf
* Kaum wach, riß René Depart die Augen auf. Er blickte auf eine rotfarbene Raumdecke; gedämpfte Geigenmusik erfüllte die Räumlichkeit. Unwillkürlich dachte René Depart, er wäre irgendwo in einem Puff, auch wenn das Debussy war. Auf der Stelle verlangte René Depart von sich, sich aufzusetzen, was ihm erfreulicherweise auch gelang; die hochkommende Übelkeit zwang ihn allerdings, sich augenblicklich wieder zurücksinken zu lassen. Am liebsten würde er ihn, René, für immer in den Schlaf schicken, den langen Schlaf, zischte eine Männerstimme; nur leider, so einfach ginge das alles nicht. Leider müßte er sich beherrschen, Stuß unterlassen. Eine beschissene Zeit wäre das gerade; wirklich eine beschissene Zeit.
* Einige Minuten vergingen, bis die Stimme sich wieder vernehmen ließ; irgendwie kam der Klang René Depart bekannt vor. Im Moment würde alles zusammenpassen, zum Beispiel er, René, hier bei ihm in der guten Stube und auf dem Pulverfaß, säuselte der Unbekannte. Endlich brachte es René Depart, sich auf ein neues hochzuschaffen. René Depart gaffte in eine grinsende Visage, einem Mann mit angegrauten Schläfen, dicke Sonnenbrille vor den Augen. Das war Jaques. Das war niemand anders als Jaques. Das füllig und breit gewordene Gesicht von Jaques. Diese Erkenntnis ließ es René Depart kurz schwarz vor Augen werden.
* Jaques hockte René Depart gegenüber in einem braunen Ledersessel. Zwischen ihnen war ein schwerer, breiter Art grauer Keramiktisch. Jaques trug eine grüne Uniform behangen mit goldenen Orden, Kordeln und allem, wohl eine Phantasie-Uniform. Um die Nasenlöcher herum sah Jaques aus, als hätte er vor kurzem Nasenbluten gehabt, hätte sich nirgendwo frischmachen können. Das wäre echt keine gute Nacht heute, fing Jaques wieder an, weinerlich fast. Jedermann wollte heute nacht nur eins: ihn, Jaques, fertigmachen. Es gäbe einfach keine Dankbarkeit auf der Welt. Für die Dinge, die abliefen, müßten sich die Idioten dann schon selber verantwortlich machen, Vollidioten, die ihr bißchen Hirn nicht im Kopf, sondern zwischen den Beinen hätten; dort würden die das herumtragen, was sie "Hirn" nannten. Die grünen Raptoren, das wären Biester, das könnte er, René, sich überhaupt nicht vorstellen. Aber die Bosse, die hätten mit allem rechnen müssen, weil er, Jaques, es ihnen gesagt hätte. Nur Scheißdreck wäre allerdings jetzt rausgekommen, nichts als Scheißdreck. Weil man Idioten mit Raptoren zusammenbringen hätte müssen; Gehirnschwämme der Marke "Homo Sapiens": dümmer ging's immer.
* Jaques schwieg ausgiebig. René Depart zögerte, Jaques, der in mieser Stimmung war, darauf anzusprechen, obwohl die eine Frage ihn bedrängte, die Frage, was Jaques mit Irene gemacht hätte. Unvermittelt lachte Jaques los. Als ob er Gedankenlesen könnte, erkundigte Jaques sich bei René Depart, ob er, René, nicht gerne wissen würde, was aus seinem Töchterchen Irene geworden wär. Schweigen bei René Depart. Erst mal müßte er, Jaques, ihm, René, mitteilen, daß Irene und er vor vier Jahren geheiratet hätten; seit vier Jahren wären sie Mann und Frau, und er, René, wäre der Schwiegerpapi. Der Mund stellte sich René Depart weit auf. Spöttisches Gelächter von Jaques. Tatsache, setzte Jaques fort, daß Irene sich von ganzem Herzen nichts mehr gewünscht hätte als eine Hochzeit in Weiß, eine kirchliche Trauung; so richtig mit einem Pfarrer, einer Kutsche, die vorfuhr, Mutti, Papi und allem Drum und Dran. Das hätte nun leider nicht geklappt.
* Er möchte Irene sehen, auf der Stelle, konnte René Depart nicht mehr an sich halten. Lässig winkte Jaques ab. Er wollte seine Tochter Irene sehen, und zwar sofort, schrie René Depart, bekam einen Hustenanfall. Es täte ihm sehr leid, das könnte er im Moment nicht anbieten; schlecht gelaufen alles, lehnte Jaques den Wunsch von René Depart ab. Nachdem René Depart sich anschickte, sich aufzurappeln, um sich auf die Füße zu stellen, präsentierte Jaques eine Pistole, die er auf dem Sessel zwischen den Beinen liegen gehabt hatte. Es täte ihm alles sehr, sehr leid, plapperte Jaques; die Pistole auf den eigenen Schwiegerpapi zu richten, das würde ihm, Jaques, nun doch nicht so leichtfallen. Anderseits, gute Lust hätte er schon, ihn, René Depart, zu erschießen, ergäbe sich die Gelegenheit dazu. Schwiegerpapi René sollte aber besser genau zuhören, weil die nette Unterhaltung jeden Moment vorbeisein konnte: Er, Jaques, hätte Irene gewiß nichts getan. Alles, was er vorhin getan hätte, wäre gewesen, draußen den Elektrozaun abzuschalten. Damit hätte Irene in den Dschungel entkommen können. So sicher wie Irene wäre im Moment hier keiner. Um Irene müßte man sich die wenigsten Sorgen machen. Er würde ihn, Jaques, eigenhändig umbringen, wäre etwas mit Irene, schwor René Depart. Die Augen zur Raumdecke verdrehend, zuckte Jaques die Schulter.
* Da, die "Freunde" wären endlich oben angekommen, rief Jaques aus, deutete mit dem Zeigefinger; lange genug hätten die Brüder sich dazu Zeit gelassen, in diesen Flügel zu gelangen, überraschend lange. Langsam drehte René Depart sich um, das zu sehen, was in seinem Rücken sein sollte. Zweimal vier große Bildschirme waren dort, in die Wand eingelassen, alle an, aber die Lautstärke ausgeschaltet. Alle Fernsehbildschirme zeigten dasselbe Bild: Uniformierte, die in einem teuer ausgestatteten Salon die Szenerie überblickten. Ein Offizier und drei Soldaten, ihre Gewehre schußbereit. Nun wollte er die amerikanischen Kriegshunde mal nicht länger warten lassen, sprach Jaques, seufzte müde; das wäre sicherlich auch in seinem, Renés, Interesse. Daß Schwiegerpapi René nicht auf dumme Gedanken verfiele, bloß weil er, Jaques, der Gatte von Irene, keine Pistole mehr in der Hand hätte.
* René Depart hielt den Mund, erhob sich jedoch mit Bedacht auf die Beine, während er auf die Bildschirmreihen starrte. Der blonde Offizier mit den unmilitärisch langen Koteletten holte ein handgroßes Gerät aus der Hüfttasche. Das Ding richtete der Mann auf die Wand gegenüber, schwang den Arm von links nach rechts und zurück. Das Arschloch würde die Mauern scannen, kommentierte Jaques, Jaques, der weiterhin anwesend war; technisch bestens ausgerüstet, die CIA-Bastarde. Trotz ihrer Technik nichts als hohle Köpfe und Ignoranten, überall auf der Welt. Und hier, in dem Scheiß-Verräterland würde sich mit Sicherheit jetzt nicht mehr viel tun. Weil kein Mensch Verträge einhalten könnte, jeder Verträge brechen könnte, wie er das wollte. Alles hätte die Rattenbande abgeknallt, Frauen, Männer, die jungen Anatotitans, Toros, Ankylos. Alles tot. Obwohl die Tiere voll harmlos wären. Auf der anderen Seite hätte er, Jaques, mit eigenen Augen beobachtet, daß jede Menge kleiner Raptoren in den Dschungel gelaufen wären. Der "CIA"-Mann zielte mit seinem Scanner auf den Fußboden. Jetzt wäre es allerhöchste Zeit für ihn, sagte Jaques, und Jaques entfernte sich.