Das Prüde, das auf die Rückkehr lauert
Obwohl das Prüde ständig lauert, weiter da ist ...
In der letzten Zeit wollen im Fernsehen wohl noch so letzte Tabus fallen. Zum Beispiel, was das männliche Geschlecht angeht.
Da gibt's Sendungen, wie vom FKK-Strand.
Mit ein paar Kerlen, denen ziemlich unübersehbar was angewachsen ist. Oder Frauen, denen man ansieht, wie liebend gerne sie sich rumspreizen würden, den einen oder anderen anfassen, die Hände nicht mehr von da wegnehmen. Immer zu umarmen. Dies und das zu vollbringen.
Alles sehr freizügig, Ringelpietz mit Anfassen.
Als ob die Gesellschaft im Gesamten freizügiger wäre. Wenn man schon so viel sieht, und keiner regt sich mehr auf. Als wäre Nacktheit lange jedem selbstverständlich, das erträgliche Maß.
Da fällt ein, in den zwanziger, dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts war man mancherorts auch ziemlich tolerant.
Es gab jede Menge Burleske. Klubs, in denen einiges geboten war an Freizügigkeit, Tanzaufführungen.
Zudem: Frauen tanzten auf der Tanzfläche mit Frauen, Männer zeigten sich mit Männern, Hand in Hand.
Offen küßte man sich. Ohne daß schiefer als notwendig geguckt worden wäre, von denen, die das beobachteten. Geradezu ein Schulterzucken: Jeder wie er mag, es ihm beliebt.
Gleichgeschlechtliche Liebe wurde in der Weimarer Republik immer mehr toleriert, zeigefreudig ging's zu, während draußen lange die Lastwägen fuhren, auf denen sich droben die nationalsozialistischen Schlägerkommandos drängelten.
Aber auch linke Einheiten traten in uniformierten Horden auf.
Gegeneinander wurde angetreten. Im Kampf um die Vorherrschaft auf den Straßen.
Andere Ziele hatten die "Braunen" im übrigen auch schon: Sie griffen jüdisch geführte Geschäfte an. Oder wollten polizeiliche Aufgaben übernehmen. Mit dem Vorhaben, in ihrem Sinne für Ordnung zu schaffen. Da attackierten sie schon mal Frauen am Straßenstrich, schlugen sie und ihre Freier zusammen.
Als ob es Prostitution nicht auch später im Dritten Reich gegeben hätte.
Das heißt, vordergründig war in der Weimarer Republik fast so was wie freie Liebe angesagt, jeder mit jedem, mit dem er Lust hatte, Geschlecht beinahe egal. Während im Hintergrund die alte Prüderie sich räkelte, die Intoleranz größer und größer wurde. Alles, die frühere Vorherrschaft wiederzuerlangen. Jenes Althergebrachte mit seiner ordnenden Macht. Was etwa das Liebesleben anging. Mann und Frau, sonst nichts. Was man sich soeben noch erlauben dürfte, was nicht, das wurde zur entscheidenden Frage. Die immer wieder gerne im allgemeinen das Denken hauptsächlich beherrschte.
Um das zu übersetzen: Mancherorts war man nackter, freier, in der Weimarer Republik. Nur, großartig mit der Gesamtheit des Volkes hatte das nichts zu tun. Im Hintergrund lauerte es, das alte spießbürgerliche Bild mit der falschen verlogenen Scham, den eindeutigen Blicken, wenn irgendwas nicht zu passen schien. Wenn etwa Männer zu innig miteinander waren. Alles in der Weimarer Republik eher, als würde es eigentlich nur darauf warten, aufs neue frisch in den Vordergrund treten zu dürfen. Angespitzt jeder Einzelperson zu bedeuten, was er, sie zu tun und zu lassen hätte.
Wer alles später, nach dem Niedergang der Weimarer Republik denn weiter Dinge wie zuvor betreiben wollte, der begab sich in böse Gefahr. Bei den Nazis in ihrem gleichgeschalteten Staat herrschte schließich der unifomierte Mann. Die Frau, etwas versteckter uniformiert, hatte hauptsächlich für die Vermehrung des Volkes zu sorgen. Sie schob Kinderwägen, hatte links und rechts Kinder rumstehen. Das hieß, der Mann hatte seiner Pflicht als Gatte nachzukommen, die Ehefrau als Gebärerin. Das dazwischen war nicht existent oder führte zu Lagerleben und Tod.
Nur, bei den nationalsozialistischen Herrschern war zwar das das bestimmende Bild. Jedoch in Wahrheit eins ohne allzu großes Familienleben. Am Ende war das, was aus den Kindern werden sollte, bereits reichlich abgeordnet.
Unzweideutige Absichten hatte man.
Die kleinen Kerls hatten sich früh von den Familien, Vater, Mutter, zu lösen, mußten nicht nur in die Schule, sondern auch zur soldatischen Erziehung. Erfuhren vielerlei Camp-Leben mit strengen soldatischen Regeln. In der der Starke zählte, dem, der zurückblieb, weniger geholfen wurde. Während es für die Mädels die Frauengruppen gab. Ebenfalls stringent. Jede hatte sich in ihrer Gruppe auf das Muttersein vorzubereiten, die Tätigkeiten, die es in einem Haushalt von Mann und Frau so gab. Wenn man denn mal enger beisammen war.
Übermäßig schön war eine Kindheit im Dritten Reich eigentlich nicht. Es war Kindheit, über die bestimmt wurde. Für den einzelnen gab es jede Menge Zweck. Der Knabe sollte sich auf sein Soldatsein vorbereiten, das Mädchen darauf, Kinder zu versorgen. Eventuell ohne Mann, was sie allerdings nicht wußte. Weil es ihr keiner sagte, solange einer noch nicht tot war.
Das Spiel der Kinder sollte die Zweckmäßigkeit sein, die zielführende Ausrichtung. Sonst nicht viel selber Ausgedachtes. Schon gar kein Kinderspiel. Die Kinder spielten, was die Erwachsenen in ihren Uniformen ihnen bezeigten: Das war Sport für den Krieg.
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