Du lenkst nicht mehr, du bist Passagier
Du lenkst nicht mehr, du bist Passagier
Jetzt ist IHR großes Ding das, dir das Lenkrad wegzunehmen. Über deinen Platz hinter dem Lenkrad wollen SIE bestimmen.
Drinnen sollst du sitzen in der Rennkugel, und selber sie am besten nicht mehr lenken. Überdies mit Ortungsgerät an, daß SIE immer wissen, wo du bist.
Da verlernt einer ja fast das Selberfahren. Fahr-Routine entwickelt so keiner. Und die andere Frage: Was müssen die wissen, wo du ständig bist?
Tatsächlich: Wofür ist ein Führerschein dann überhaupt noch gut, wenn keiner mehr selber den Lenker hält? Wenn man nur noch ab und zu ins Lenkrad greifen darf, ansonsten umständlich herummankeln muß, will man selber steuern.
Alles während der Fahrt soll man sich selber überlassen. Am besten, dauerüberwacht im Innern rumhocken.
Irgendwas muß man da aber anstellen, im Innern. Vielleicht darf man im weltweiten Netz Seiten besuchen. Was lesen. Der Arbeit nachgehen.
Alles darf man, nur bald nicht mehr Selberfahren. Nach Möglichkeit nicht.
Und ohne Unterlaß wollen SIE daran teilhaben, wo du dich gerade aufhältst, was du im Augenblick anstellst.
Vielleicht, daß so für dich gesorgt wäre. Die Unfallstatistik, die sich bessert. Und dein Profil als möglicher Amokläufer demnächst...
Oder: Was für eine Bombe baust du denn zur Sekunde? Muß bei jedermann in die Rechung miteinbezogen werden, nicht? Daß einer am Bombenbasteln ist.
Wenn man bei jedem die Dinge schon im voraus weiß, läßt es sich verhindern.
Ganz davon abgesehen, daß du in der Karre auch noch deiner Tagesarbeit nachgehen kannst, ungestört von ihren Lenkverrichtungen. Eventuell kurzgeschlossen mit dem weltweiten Netz-Kreis via virtueller Realität. So kannst du dich ununterbrochen in aller Ruhe mit Arbeitskollegen unterhalten. Bist einfach für alles ohne Unterlaß verfügbar.
Diese ständige Verfügbarkeit, immer und überall.
Das ganz große Ding momentan: die virtuelle Realität. Und deine Dauerverfügbarkeit.
Du hast was vor deinen Augen, das dich in Parallelwelten entführt. Du vergißt fast, daß darüberhinaus auch noch die normale Welt existiert. Mit der Möglichkeit, mal nicht zur Verfügung zu stehen, nicht am Radar rumzustehen. Daß du wo bist, wo niemand erwarten dürfte, von dir Nachricht kriegen zu können. Jeder Anrufer, der mit dir zu sprechen hätte, hat zu warten, bis du Lust hast, den Anruf entgegenzunehmen.
In den Zwischenwelten allerdings schon schwierig, mal ganz weg zu sein, nichts von irgendwas zu erfahren. Schließlich gibt's in jeder Spielewelt überdies noch genaue Statistiken, über die du haargenau Bescheid wissen mußt.
Und immer weiter wirst du in dem Gefährt gefahren. Bis es mal an eine Tanke muß.
Da kriegst du die Information: "Abfahrt zur Tankestelle".
Nur, das, kehren wir in die Gegenwart zurück, ist da gerade das Problem der Probleme, gegenwärtige Oktoberzeit. Da bräuchten Elektroautos zur Unabhängigkeit ein Solardach. Ohne gibt's dafür ebensowenig Tankstellen wie für alle Wasserstoffkarren, auf die die großen Spieler in der Gegend des Karrenbaus ohnehin weniger setzen.
Überall mangelt im Oktober des Jahres '16 nach dem Millenium an Tankstellen.
Was das angeht, wenn man nicht ordinär mit Benzintankbefüllung-Antrieb gefahren werden möchte, schaut es schlimmstens aus.
Überdies, von allem abgesehen: Entschlafen könnte man in der Karre ja auch, endgültig nichts mehr mitkriegen, zum Beispiel, daß man als Passagier auch mal tot sein könnte.
Plötzlich verstorben. Bei dem Verkehr mit seinen Überraschungen rundherum.
Weil man drinnen hockte, und ein System-Fehler passierte. Oder eine dritte Macht sich mit einem Eingriff versuchte, die Kontrolle über dein Reisegefährt gewann.
Daß was vorkäme, woran man die Sekunde zuvor nie dachte. Doch der große Unfall mit Todesfolge.
-----