Jede Menge Glück nötig, '45 zu erleben
Die Jahre zwischen '33 und '45, wer, im Heute, hätte die überlebt? Wie und wo '45 erlebt?
Manche, die künstlerischen Berufen nachgingen, die reisten damals aus. Selbst so ein bayrischer Grantler und Ur-Bayer wie Graf, der hatte das getan, war geradezu gezwungen, es zu unternehmen. Wie andere, Schauspieler, Maler, Schriftsteller und vieles mehr. Sie MUSSTEN hinaus, fort. Sich in die Fremde begeben. Die Ferne.
Andere, die blieben, hatten, hatten sie bei ihren steinernen Büsten, Zeichnungen und Schriften und dem keine Lust, sich den Machthabern gefällig zu zeigen, Berufsverbot. Praktisch fürs private Atelier arbeiteten sie, besonders raus in die Welt gelangte zu der Zeit keines ihrer Werke. Schließlich, es gab das Wort von der "entarteten Kunst". Auch an die Front konnte man als Kunstverständiger geschickt werden, wurde man nicht insgesamt ab- und von daheim weggeholt, hatte für sich einen Platz in einen der Konzentrationslager gesichert. Um sich den Blicken der Aussortierer gegenüber zu befinden, denen von denen, die über einen entschieden: blutige Fronarbeit, bei dem Motto "Arbeit macht frei", oder das Gas. Die Bauten, nach denen ständig Menschen hinmarschierten, in die durch verwinkelte Rohre Gasförmiges hineingeleitet wurde.
Auf die vielfältigste Weise konnte man zwischen '33 und '45 sein schnödes Leben in einem Moment verlieren. Bestimmt als sonst jemand, der sich dem System nicht als gebräuch-, nützlich darbot. Was jedoch nach dem Jahr '39 jedermann anbetreffen konnte, das mit dem Sterben. Sobald der Soldat irgendwo landete, konnte ihn schon eine Kugel treffen. Auch auf der Flucht ereilte einem vielerorts der Tod. Vielleicht in der Schweiz in einer Almhütte. Weil einem beim komisch rausglotzenden Senn die Situation steckenblieb. Örtlichkeiten, die einem die eigenen Perspektiven verengten, entstanden faktisch überall, schossen wie die Pilze aus dem Boden. Daß der Tod durch die eigene Hand ... Als Mann, Frau. Auch samt den Kindern. Der Kinderschar.
Wirklich eine Gewissensfrage, die man sich stellen kann, um sie mehr oder weniger ehrlich zu beantworten: Was wäre aus einem geworden, hätte man damals gelebt? Auf welcher Seite wäre man gestanden? Welche Orientierung hätte man gehabt?
Wäre man bei den bestiefelten SA-Horden mitmarschiert, hätte schallend Lieder der SS gesungen? Über die Witze bei jenen lauthals gelacht? Auch dort schmeckte es, das Bier, das die Brauer herstellten. Wobei: so Bestimmte, die schlau dachten, sie könnten ihr gebrautes Bier überall trinken. Ohne jemals was von wo ab- und mitzukriegen. Als könnte man sauber bleiben.
Schon auch eine Fragenproblematik? Nach '45 war es vorbei. Aber, hätte man selber, stelle man sich mit dem, was man in der Gegenwart von sich denkt, was man wäre, als ehedem Lebender vor, die Jahre zwischen '33 und '45 auch nur irgendwie überleben können? Wäre man unter den Glücklichen gewesen, die mitkriegen konnten, wie das bei dem mit dem Bärtchen nach dieser halben Ewigkeit, die der in fürchterlichen zwölf Jahren herrschte, doch noch unterging? Oder hätte man überhaupt nichts von diesem Untergang gesehen?
Wäre man nicht längst tot gewesen, irgendwie verstorben, als dieser große Glücksmoment denn bei Deutschen im Laufe des Jahres '45 kam? Der, daß so einer doch endlich Ende Fahnenstange hatte. Kein Bunker, so und so tief, der ihn noch vor dem Befürchteten bewahrte. Noch einmal dem nächsten Tag nahebrachte. Es war bei IHM und den SEINEN die Tatsache: Sie würden kommen, Einlaß begehren. Und wenn die ersten keinen Einlaß fanden, würden schnell die nächsten eintreffen ...
Da starb man denn lieber durch Selbstmord, als irgendeine Kleinigkeit davon erleben zu wollen, was von dem, was geschehen würde, nachdem sie einem habhaft wurden. In Berlin, daß die Eingetroffenen schließlich keiner mehr störte.
Aber man selber, hätte man das eine Glücksmoment überhaupt gehabt, haben können? Das, die zu sehen, die einen zwar dumm anredeten, allerdings befreiten. Das Joch, das wirklich heruntergenommen wurde. Von einem. Seit über siebzig Jahren kennt man dieses eine Joch in westlicheren deutschen Bundesländern nicht mehr. Die anderen hatten da dann das Joch der DDR drübergestreift. Das, das geschwind das andere Joch ersetzte. Die DDR, in der viel zu vieles ähnlich zu dem von zuvor zwischen '33 und '45 blieb. Gleichschritt, Soldatentum, allgemeine Lebensuniformität. Bis hin zur "Wehrkunde" der Kinder in den Schulen, daß der Charakter in der DDR reichte. Solcherart Unterricht hatte Weile, den einem die Nazis auch bereits nahebrachten. Nur, die eher in Feld- und Zeltlagern, Sammelgebäuden. Wo der kindliche Nachwuchs für das Soldatenwesen übte. Oder die Frau, das Mädel, zukünftig verwitwet und ohne Mann zu sein. Das, was die Bestimmung sein sollte, an die der oberste Naziherrscher bei der Frau dachte: die der besorgten Brutpflegerin. Und darüberhinaus nicht viel. Damit was in seinem Sinne nachkäme, sich das mit den Kopfzahlen erneuere.
Schon die Frage, kann man es sich ehrlich beantworten: was man selber geworden wäre, wäre man zwischen '33 und '45 am Leben gewesen? Millionen, die durchaus noch so alt werden hätten können, haben es nicht gesehen, das Glück von '45. Das nicht mehr erlebt, daß was anders wurde. Bloß, wer wäre man selber gewesen, die Jahre zuvor? Die drögen, dämmrigen zwischen '33 und '45. Mit der Zeit immer besser indoktriniert. Selbst als Erwachsener des Denkens beraubt. Unterminiert, vereinnahmt. Sieht man etwa kluge Schauspieler, die sich von dieser Art der Propaganda mitreißen ließen, sich unbeschwert an die Seite der Mächtigen begaben. Nach deren Art daherredeten. Statt auszureisen ... Das Ausland zu suchen. Auch von denen haben manche DAS überlebt. Sind damit jenseits von '45 geraten. Über diese Jahre hinaus.
Muß jeder entscheiden, wie und wo er '45 vielleicht erleben hätte können. Als was. Und wie es im Heute aussieht, wissen einige wieder Bescheid, besonders da darüber, daß die Jahre zwischen '33 und '45 lange Weile hatten. Irrsinnig drückend der Muff in der guten Stube und so.
Graf kam irgendwann nach '45 doch wieder aus Amerika zurück. Rühmann, der allem so nahe war, daß er die blonden Kinder des Propandaministers dirigierte, dessen Frau grinsen ließ, der kam zur selben Zeit irgendwann aus der Lagerhaft frei.
Nur, Graf, der hatte seine Qualitäten, die ihn über die Runden brachten, und Rühmann, der, der schaffte sich auch aufs neue auf die Beine, drehte bald wieder Filme. Filmchen um Filmchen. Die ihn vergessen ließen. Wenn du allerdings nach '45 lange tot warst, dir die Vielfältigkeit des nach nichts was fragenden Glücks nicht so hold war, hattest du allerhöchstens den einen oder anderen Nachruf frei.
Also: Graf und Rühmann, diese beiden, die sind hier erwähnt. Bloß, Graf, der erzählte vielleicht mehr von der Zeit zwischen '33 und '45, selbst wenn die Falschen zuhörten. Graf konnte grobschlächtig werden. Während Rühmann lieber nicht jeden blind ins Vertrauen zog.
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