1. Teil: 1.5
Er war nicht Jo, der Revolvermann - er war ... Joachim.
Joachims Augen flatterten. Er konnte die Augenlider auseinanderklappen.
Schmerz spürte er momentan nicht vieI, was sich jedoch jede Sekunde ändern konnte.
Seine Wohnung ...? Seine Wohnung mußte das sein. In seinem Bett. Genauer in Erfahrung konnte er das nicht, weil er sich nicht das bißchen rühren konnte.
Draußen herrschte Dunkelheit, also mußte es nachts sein. Oder - er war blind geworden.
Unvermittelt gewahrte Joachim einen Schimmerr. Den Kopf konnte er daraufhin in die Höhe reißen, als wäre das eigentlich kein Problem für ihn.
Da war gelbes Licht, das durch die Fensterscheibe des Schlafzimmers hereindrang.
Der Vorhang, der war weiterhin nicht vor. Von keinem Menschen zugezogen.
Grellgelber Lichtschein hatte die Finsternis ziemlich aufgehellt. Fast, als wäre das Lampenlicht eingeschaltet worden. War aber nicht. Ein paar kurze Momente darauf, fing etwas wirklich Gleißendes an, sich außerhalb der Schlafzimmerfensterscheibe von der linken Seite her vorzuschieben.
In Panik geriet Joachim. Er wollte irgendwie nicht, daß das draußen gewahrte, daß er den Kopf angehoben hatte und doof aus der Wäsche guckte.
Auf das Kissen ließ Joachim seinen Hinterkopf zurückfallen. Um ...
Ein Schmerzempfinden, das explodierte.
Jo, der Revolvermann, nicht hatte er auf Susan, dem Wallach, aus der Umgebung Pain Citys davonreiten können.
Wieder verhielt Susan von dem einen Holzschild - Pain City, das stand in blutroter Schrift dort zu lesen.
Der Wind, der stärker zu blasen anfing, daß Jo sich sein Halstuch über Mund und Nase hochschob, sich vor Staub und Sand zu schützen. Vielleicht sollte er Susan ebenfalls was vor die Nüstern binden.
Statt dem Gedanken zu gehorchen, gab Jo, der Revolvermann, Susan die Sporen, daß Susan loswieherte und ein Hüpferchen nach vorn machte.
Damit hatte es sich entschieden: Jo, der Revolvermann, er würde nach Pain City hineinreiten. Was immer in Pain City geschehen wollte, es mußte sich ereignen. Jo, der Revolvermann, hatte allerdings ein Gewehr und zwei Revolver im Gurt, den er um die Hüften gebunden trug.
Vertrocknetes, kugeliges Gesträuch flog die staubige Hauptstraße kreuz und quer durch die Gegend, als Jo auf Susan, seinem Wallach, in Pain City die ersten aus Holzlatten zusammengezimmerten Stadthäuser passierte.
Links und rechts hatte er die Gebäude, wirklich notdürftig aus Latten zusammengenagelt. Grobschlächtigste Aufbauten, die morgen wieder niedergereissen werden konnten.
Mit zusammengekniffenen Augenbrauen versuchte Jo, der Revolvermann, hinter den Glasscheiben der Fenster etwas zu erkennen. Ohne bisher irgendwie mal Bewegung mitzukriegen. Ein Huschen, irgendwas Flüchtiges, Rasches, das übersehen werden wollte. Und deswegen erst in die Wahrnehmung geriet.
Jederzeit konnte von hinter einer Hausecke hervor, aus einer Nische heraus ein Schuß krachen, eine Kugel angeflogen kommen.
Es tat sich jedoch nirgends nichts. Pain City schien nahezu unbewohnt zu sein. Niemand, der aus einer Tür herauskam. Von dort nach da unterwegs war. Daß es komisch war. Nirgends war ein einziges Pferd angeleint.
Still war es in Pain City.
Dann war Jo viel zu rasch Höhe Stadtmitte, beschaute von Susans Rücken aus den Saloon. Der geschickter gezimmert wirkte.
In weißer Schnörkelmalschrift bei nachtschwarzem Hintergrund prunkte ein Name am langen, hölzernen Längsschild über dem hölzernen Saloonvordach: Empireless.
Empireless ...?
Der Saloon Empireless, der Mittelpunkt einer schnöden Holzverschlagörtlichkeit, in der Jo nicht länger als notwendig verweilen wollte. Nicht für eine Sekunde.
Wenn er die richtigen Nachrichten erhalten hatte, würde Jo, der Revolvermann, Marga, die Barfrau, in dem Empireless benannten Saloon finden. Genauso wie Jo, der Revolvermann, das andere, wegen dem er längst mal in Pain City vorbeikommen hätte müssen.
Mehrere Fliegen auf einen Schlag, die Jo, der Revolvermann, in dem Saloon Empireless erwischen würde.
Keine Musik, die aus Saloon herausschallte. Keine Männerstimme, die sich rufend vernehmen ließ. Kein Gelächter. Keine einzige der Damen, die aufkreischte, weil ihr von einem wo hingefaßt wurde. Wo keiner ohne weiteres hinfaßte, wäre er nüchterner gewesen.
Wohl nicht wegen Jo, dem Revolvermann, daß man sich so still verhielt. Weil Jo, der Revolvermann, außerhalb des Saloons eingetroffen war. Irgendwas anderes war für diese Stille verantwortlich.
Was im Empireless geschah, Jo, der Revolvermann, würde es sehen, wenn er drinnen im Saloon war.
Ein Bein schwang Jo, der Revolvermann, hoch. Aus dem Sattel, daß Jo, der Revolvermann, sich von Susans Rückenpartie heruntergleiten ließ.
Mit beiden Stiefeln, daß Jo, der Revolvermann, auf der Staubstraße aufsetzte. In den Knien federnd.
Nirgendwo präsentierte sich jemand.
Was für eine Drecksstadt. Pain City, eine Stadt der Willys. Typisch für alle Willys.
Unvorstellbar, die Tatsache, daß Marga, die Tänzerin und Barfrau, extra nach dieser Ödnis einer Stadt, Pain City geheißen, abgereist war. Hierher, daß Marga sich bringen hat lassen. In Pain City, daß Marga ihrer früheren Beschäftigung nachging, Genauso wie die anderen Weibsbilder, die Margas Ruf gefolgt waren.
Das Volk tobte nicht eben in Pain City. Im Augenblick.
Wenn Jo, der Revolvermann, dann seinen Auftrag ausgeführt hatte, würde für den und den auch nichts mehr am Toben sein. Ehe Jo, der Revolvermann,wieder fortritt, würde er Marga fragen, ob sie nicht mit ihm mitkommen wolle. Oder, ob sie den Wunsch hätte, in Pain City zu bleiben. Mit einer Kugel zwischen den Augen.
An die Querstange des Holzgestells hinter dem Wassertrog band Jo Susan seitlich an. Weiterhin verwundert darüber, wie wenig in Pain City los war.
Sich den Halstuchstoff von Nase, Lippen herunterziehend, den staubigen Mantel aufknöpfend, drehte Jo sich einmal um die eigene Achsel.
Trotzalledem war es notwendig, die Geschehnisse in seiner Umgebung im Auge zu haben.
Nichts und niemand war als Passant unter den schützenden Vordächern der kargen, ungeschickt gezimmerten Hütten zu blicken. Wie es aussah, war es ein Wunder, daß die Fensteröffnungen verglast waren. Außerdem mußte man ein Stadtbewohner sein und sich in Pain City auskennen, sonst hatte man keine Ahnung, wo hier ein Ladengeschäft war, wo nicht.
Außer am Saloon war nirgendwo ein einziges Hinweisschild angebracht. Nicht für einen Kramerladen, einem Friseur, einer Schmiede. Für nichts.
Ausgestorben schien Pain City. Und trotzdem war alles in Pain City möglich.
Ein Gewehr trug seine Bleikugel mitunter weit. Noch dazu in einer Willy-Stadt.
Es geschah nichts, und es geschah nichts.
Die Schulter zuckte Jo, der Revolvermann. Ohne daß deswegen ein Schuß fiel.
Die Dreier-Holzlattenstiege hinauf zur Schreitfläche außerhalb des Saloons Empireless nahm Jo herausfordernd bedächtig einzeln, die Hände nahe an seinen Revolvern.
Krachte ein Schuß, verfehlte das Ziel, würde Jo, der Revolvermann, mal in die Richtung laufen, aus der der Knall zu erlauschen war. Und dann würde man sehen, wie das bei Jo, dem Revolvermann, war. Ob Jo, der Revolvermann, nichts traf.
Die Glasscheiben des Empireless waren unglaublich verdreckt. Was für eine dichte Drecksschmiere.
Nur eins konnte Jo beiläufig dort gewahren: Im Innern brannte Licht.
Jo's Sporen klangen. Jo hätte sie von seinen Stiefeln herunterbinden sollen.
Vor den hellbraunen gerippten hölzernen Schwingflügeln verharrte Jo, der Revolvermann, ruckartig.
Einzig das Holz der Schwingflügel beguckte Jo, durch die es für den nächsten Gast hineinging in die Saloonwelt oder aus ihr heraus.
All diese gräßliche Stille. Nicht irgendwas, das aus dem Saloongästeraum an Jo's Gehörgänge herandrängte.
Mal lauter geredet wurde jedenfalls im Saloon Empireless von niemandem. Ebensowenig, wie jemand mal in Gelächter ausbrechen wollte.
Blinzelnd schwang Jo sich für den nächsten Rundblick am Stiefelabsatz im Kreis herum.
Alles wie vor ein paar Momenten, Pain City erinnerte momentan eher an eine Geisterstadt als an anderes.
Kein Mensch, der auf einem Pferd ritt. Niemand, der im Laufschritt die Straße querte. Oder sich von einem Gebäude zum nächsten begeben wollte.
Nicht das flüchtigste Huschen war für Jo, dem Revolvermann, sichtbar. Als ob in Pain City keiner mehr leben würde.
Obwohl: Unbevölkert konnte Pain City nicht sein. Marga sollte in Pain City sein, eltiche von Margas Freundinnen. Die "Stadt des Schmerzes" hatte mit Sicherheit Einwohner.
Wegen zwei Bewohner Pain Citys war Jo, der Revolvermann, nach Pain City gekommen. Eine war eine Barfrau mit Namen Marga.
Wäre Marga nicht nach Pain City abgereist, Jo, der Revolvermann, wäre nicht in diese Willy-Stadt mit dem Namen Pain City hineingeritten, Ostleute-Auftrag hin oder her. Den Auftrag auszuführen, das hatte er ohnehin schon länger hinausgezögert, Marga hin, Marga her. Aber nun ...