1. Teil: 2.1
Die Wahrnehmung eines Aromas.
Wie der aromatische Duft von Kaffee, der ihm in die Nase stieg.
War es denn zu glauben? Kaffeeduft!
Unfaßlich, es roch nach frisch aufgebrühtem Kaffee.
Eine Frau glaubte Joachim zu erlauschen.
Glockenhelles Frauengekicher.
Wegen irgendwas wurde gekichert. Joachim konnte sich nichts denken, daß es was zum Herumkichern gäbe.
Bei sich in der Nähe verortete Joachim diejenige.
Joachims Augen waren weit offen. Er sah sie doch vor sich stehen. Leibhaftig.
Wer das war, kaum, daß er sie im Blick hatte, auf der Stelle durchzuckte es Joachim.
Es war nicht zu begreiffen. Am Kichern hätte er sie eigentlich augenblicklich erkennen müssen.
Und trotzdem, erst als er sie sah ...
Von den Socken war Joachim bei ihrem Anblick. Mit ihr hatte er nicht gerechnet. Nie hätte er sich das getraut, mit ihr noch mal zu rechnen.
Und doch war sie da, unerwartet. Sie mußte sich doch einen Schlüssel für seine Wohnung behalten haben.
Oder sie hatte sich mal einen nachmachen lassen, aus irgendeinem Grund. Der fehlte Joachim natürlich nicht in der Schlüsselsammlung.
Sie - Marga. Marga war wieder zu ihm nach Hause gekommen. Marga war daheim.
Marga, die zärtlich, liebevoll auf ihn herabblickte.
Die, die aufs neue munter loskicherte, es war Marga. Keine andere als Marga.
So recht begriff Joachim die Tatsache von Margas Anwesenheit nicht. Warum sollte das befremdlich sein?
Alles war sogar noch viel besser für Joachim, als er seine Augen herumschweifen ließ. Mit Marga zusammen befand er sich in der Küche. Gemeinsam mit Marga hockte er am Küchentisch.
Auf einem seiner Metallstühle, daß er dasaß. Wie selbstverständlich. Vom eisernen Küchengestühl runterkippen - warum sollte er das? Alles war bestens.
Lange war er nun nicht mehr mit miserabelster körperlich Befindlichkeit am Herumliegen. Statt dessen plazierte er sich in der Küche seiner Wohnung, einwandfrei an einem gedeckten Tisch. Gemeinsam mit Marga. Als wäre nichts. Als wäre nicht mehr das allergeringste zwischen Marga und ihm.
Marga grinste, lächelte zu ihm her. Großzügig, Margas Augenaufschlah, ganz wertfrei, üblich. Geradezu trivial.
Alles wirkte zwischen ihn ganz althergebracht. Wie es früher immer war. Die Zeit, als Marga noch bei ihm in der Wohnung lebte, war vieles nicht anders.
Direkt hätte das eine althergebrachte Erinnerung sein können. Nur, so was zu meinen, wenn da Marga ihm gegenübersaß - wollte er sich seine Freude angesichts von Margas Gegenwart kaputtmachen?
Ihn unbeschwert, arglos anlächelnd faßte Marga mit beiden Händen die schwarze Kaffeekanne. Ein Momentchen des Zögerns Margas, die guckte.
Natürlich hatte Joachim nichts dagegen, daß Marga ihm Kaffee einschenkte. Anderes wäre verrückt gewesen.
Die weiße Tasse mit dem Goldrand, die Joachim auf einem blauen Unterteller vor sich stehen hatte, knapp an den Rand heran ließ Marga sie volllaufen, lächelte servil.
Welch eine Freude für Joachim, daß sich ihm unverhofft ein Wunsch erfüllte: Marga war bei ihm in den Wohnräumen zurück.
Nicht das kleinste bißchen, daß Marga wegen bestimmter Dinge Joachims miese Laune hatte, Marga grinste zu ihm her, lachte.
Allerbestes Zahnpastalächeln Margas.
Worte formten Margas Lippen. Joachim kam nicht recht mit, was Marga ihm da daherschwatzte. Worte wie Ich liebe dich, die verfehlten jedoch bei Joachim nicht ihre Wirkung,
Ich dich auch. Ich liebe dich auch . war Joachim sich seiner Erwiderung sicher. Oder wie war das? Joachim vermutete zumindest, daß er das mal laut werden ließ. Hätte er anderes zu Marga gemeint, hätte Marga ihre freundliche Miene mit Sicherheit nicht beibehalten.
Andererseits war Joachim sich nicht das bißchen was bewußt, den Mund auch nur einen Moment für irgendwas aufgemacht zu haben.
Das darfst du mir glauben, das, was ich dir jetzt sage, Jo: Ich liebe dich! setzte sich das mit der Rede Margas Joachim fort. Das mit Willy ... Ich sag's dir noch mal, das mit Willy war ein Ausrutscher. Begreif mich nicht, wie ich auf die Idee kommen konnte. Nichts weiter als ein dummer Ausrutscher war das mit Willy. Kannst du mir noch mal verzeihen?
Unbewegt blieb Joachim.
Freut mich, daß du kein größeres Drama draus machen willst.
Das ging Joachim durch den Kopf, daß Marga, seine Freundin Marga, mit Willy, seinem besten Freund ...
Sehr gut, daß du mir glaubst, Jo, daß das mit Willy ein einmaliger Ausrutscher war.
Eigentlich sagte Joachim nichts dazu, weil er perplex war.
Was er hörte, Marga und Willy, die doch in Echt ... Und jetzt erklärte Marga ihm irgendwas von einem einmaligen Ausrutscher.
Wenn du mir nicht weiter böse bist ...
Die Hand Margas sah Joachim seitwärts schwingen.
Schön, daß du das siehst wie ich: zwischen Willy und mir war etwas. Das sich nicht wiederholen wird.
Als ob es sich nicht oft genug wiederholt hätte, wollte Joachim hochfahren. Marga schien davon nichts mitzukriegen.
Irgendwie schienen Marga und er Angelegenheiten schon früher geklärt zu haben, so, wie Marga sich verhielt. Nur, beim besten Willen kam Joachim gerade auf nichts; er wußte momentan so überhaupt nichts mehr, davon abgesehen, daß Marga und er in der Küche seiner Wohnung zusammensaßen. Wie dergleichen in der Vergangenheit oft in derselben Weise der Fall war.
Kann mir jetzt vorstellen, demnächst wieder bei dir einzuziehen
Du kommst zu mir zurück? entfuhr es Joachim. Wenigstens glaubte er, daß er das von sich gab.
Seltsam distanziert lächelte Marga.
Du und Willy ...
Da war doch nichts. Willy und ich ... Das hast du doch nicht ernst genommen, oder?
Doch hab ich!
Es war für Joachim nicht zu fassen, was Marga im Moment anbrachte. Daß sie das, was zwischen Willy und ihr war, so locker nahm. Daß sie die Geschichte derart herunterspielen wollte, sie wirkte, als ob zwischen ihr und Joachim sofort wieder alles wie immer sein sollte. Als wär nie was gewesen.
Willy war doch sein bester Freund. Mit Willy, seinem besten Freund, daß Marga was anfing. Ohne daß Marga je sonderlich kundgegeben hatte, was für Willy übrig zu haben. Um trotzdem: zack.
Joachim beguckte Marga, Marga, die sich mit sorglosem Gesichtchen ihm gegenüber hinplazerte. An ihrer Kaffeetasse nippte Marga.
Willy war ein Ausrutscher. Ein einmaliger Ausrutscher.
Marga, wirklich, sie erklärte ihm etwas von einem einmaligen Ausrutscher?
Hätt ich geahnt, daß du mal auf Willy stehen würdest. Dann hätt Willy weniger oft zu uns in die Wohnung kommen dürfen.
Marga zog eine unzufriedene Schnute. Als könnte sie sich Dinge in nächster Zeit auch wieder anders überlegen.
Vor sich sah Joachim Marga und Willy. Marga mit Willy zusammen im Bett, für Liebesspiel.
Marga hockte ihm da am Küchentisch gegenüber, das zwischen Willy und ihr, das war unzweideutig klar, nur das nicht, daß er nicht hochging wie eine Rakete. Wenn er Marga schon bei sich hatte, mit Marga alleine in der Wohnung war.
Marga und Willy, der Umstand, daß Marga und Willy zusammenkommen konnten, das überstieg Joachims geistigem Horizont schon lange.
Jetzt war er mit Marga, die sich aufführte, als wäre nicht das geringste, in der Küche seiner Wohnung. Marga, wie die dahersäuselte, als hätte er ihr das mit Willy längst verziehen.
Bloß, Joachim, er entsann sich an nichts. An nichts, daß er jüngst zu Marga gemeint hätte, das, daß sie und Willy miteinander verkehrten, das hätte nichts weiter zu bedeuten, selbst wenn sie zu ihm zurückkehren würde.
Was half dahingehend das, daß er Marga unvermittelt bei sich in der Kücheneinrichtung herumflözen hatte? Daß er und Marga am Eßtisch in der Küche beisammenhockten? Daß er Kaffeearoma in der Nase hatte? Nicht das mindeste, daß er sich an die Tatsache erinnerte, daß er Marga die allergeringste Kleinigkeit zugegeben hätte.
Der ganze Spaß Margas mit Willy, der war böse. Arg. Nichts, unbeteiligt, teilnahmslos mit Marga an Kaffee zu nippen. Vielmehr war das zwischen Marga und Willy ein Geschehen, die Fäuste zu ballen und ohne Vorwarnung zuzuhauen. Mittenrein ins Margas Visage.
Oder, was war das? Hatte er das in Echt, Marga kundgegeben, daß er diesen Fehltritt mit Willy, geradezu das Letzte des Letzten, voll locker verzeihen könnte? Darüber hinwegsehen?
Wie Marga ankam, naiv aus der Wäsche glotzte, hatte er genau das getan: Marga bedeutet, daß ihr Treiben mit Willy alles andere als eng sah.
War das zu fassen? An Margas Grinsemiene starrte Joachim haarscharf vorüber.
Auf nichts, daß Joachim sich entsann. Nicht ums Verrecken. Bis vor wenigen Momenten war er doch noch überhaupt nicht vor Ort. War nicht in der Küche. Ihm war, als hätte er sich in der Küchenwelt materialisiert, Marga gegenüber.
Oder wußte er unerklärlicherweise nur plötzlich von nichts mehr? Daß Marga und er sich tatsächlich ausgesprochen hatten?
Nur ... Willy war sein bester Kumpel. Und Marga, mit ihr war er zusammen. Marga und er waren ein Paar.
Nein, nichts zwischen Willy und Marga konnte mir nichts, dir nichts vom Tisch heruntergewischt werden. Es war nichts für Friede, Freude, Eierkuchen.
Andererseits - wie stellte er sich das vor? Was sollte sich abspielen, wenn Marga doch wieder zu ihm zurückkehrte? Hatte es nicht so zu sein, wie es war?
Ich mein, was ich sage, Jo.
Grinsen sah Joachim Marga, als er wieder nach ihr hinsah, weil er dachte, Gerede von ihr gehört zu haben.
Das Dauergrinsen stand Marga ins Gesicht geschrieben. Voll etwas, dort b bei Marga boshaft mittenrein zu hauen. Mit der geballten Faust.
Unbestimmt hätte Marga Joachim Sachverhalte anmerken müssen. Einen Ausdruck in Joachims Augen.
Bloß, Marga, die blieb dieselbe, verhielt sich wirklich, als wäre zwischen ihr und Joachim alles geklärt. Davon abgesehen, daß Joachim davon nichts wußte. Erst mal ein Grund, nach Möglichkeit äußerlich unbewegt zu bleiben. Bis er Genaures wußte.
Unverständlich war Joachim, daß er einerseits was vom Wortgeklüngel Margas mitkriegte. Auf der anderen Seite fragte er sich irgendwie, ob er Marga tatsächlich was tönen hörte.
Oder kam es ihm nur vor, er hätte was wie eine Stimme Margas in den Gehörgängen?
Das zwischen Willy und mir ist vorüber. Das darfst du mir beruhigt glauben. Heute bleib ich hier bei dir. Da kann Willy warten, bis er schimmelig wird.
Wirklich?
Es erschien Joachim plötzlich, als vernehme er Margas Gesülze aus einer viel größerer Distanz. Das von Marga hatte zudem einen Klang, als spräche sie durch ein Telefon zu ihm.
Wie konnte das sein? Schließlich beguckte er Marga, die ihm am Küchentisch gegenübersaß.
Unvermittelt veränderte sich jedoch etwas an Marga. Obwohl Marga weiter unbekümmerte daherlächelte, als könnte sie nichts anderes mehr. Durchscheinend begann Marga zu werden.
Es war schier unfaßlich Der reine Wahnsinn für Joachim, daß er nach wenigen Momenten durch Marga hindurchsehen konnte.
Das war doch ein Ding der Unmöglichkeit, daß Marga sich ohne weiteres in etwas wie in einen Geist verwandeln konnte. In eine Kreatur, durch die man hindurchsehen konnte. Die Kücheneinrichtung hinter Marga erkennen.
Als wäre Margas Gegenwart nicht real, vielmehr Gegenwart eines Geisterwesens.
Komisch daran war nur, so ein richtiger Schrecken, der durchzuckte Joachim deswegen nicht.
Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, so nahm Joachim die Begebenheiten hin.
Wie aus großer Entfernung vernahm Joachim eine Art Membranstimme Margas.
Ich mein das so, wie ich es sag, Jo. Mit Willy, das ist nichts weiter gewesen. Na eben, das eine oder andere Mal. Wie's passiert, wenn man ein paar Tage länger zusammen ist. Aber das macht doch auch nichts. Jetzt bin ich wieder bei dir hier. Tut mir alles sehr leid. Ist aber nicht mehr rückgängig zu machen.
... ist nicht mehr rückgängig zu machen ...
Eine arg krächzige Männerstimme war die, die echote. Joachim vermutete, er selber war das, der die Worte laut aussprach.
Statt was daherzuschwatzen, wäre es durchaus passender gewesen, nach Marga zu schlagen. Alleine auch schon deshalb, das mit Margas Durchsichtigkeit mal zu prüfen. Was es mit der auf sich hatte.
Hast es aber doch selbst gesagt, Jo - es macht dir nichts was aus. Wenn ich zu dir zurückkomm, verzeihst du mir alles. Auch das, daß das Willy war, zu dem ich gegangen bin. Wenn ich wieder bei dir einzieh, hast du deutlich gemeint, wär alles zwischen uns wie früher. Dann wär das mit Willy auch kein Problem für dich. Hast du alles selber gesagt.
Das hätte er aber doch wissen müssen, was Marga ihm da anbrachte. Bloß, er wußte von nichts.
Das wollte Joachim einfach glauben, daß das wahr sein sollte, was Marga ihm daherschwatzte. Von überhaupt nichts. wußte er. Nichts hatte er Marga zugegeben; gar nichts.
Wenn irgendwas in der Weise gewesen wäre ... Nur, er entsann sich auf nichts.
Das einzige, das klarging, war, daß Marga und Willy ...
Das sollte er Marga verziehen haben? Daß sie bei ihm auszog, um mit Willy zusammenzusein.
Es war ein Wunder, daß Joachim Marga noch sehen konnte. So schemenhaft, wie sie geworden war.
Richtiggehend eine unheimliche Szene. Alptraummäßig. Nur mit Mühe konnte Joachim den Umriß Margas überhaupt weiter wahrnehmen.
Warum es passieren hat müssen, Jo - das mit Willy und mir ...?
Still bleiben konnte Marga einfach nicht. Nicht aufhören mit ihrem dummen Geschwätz.
Es tut mir einfach leid, was passiert ist. Daß das passiert ist. Es hat sich alles einfach so ergeben. Willy war bei dir in der Wohnung, Jo. Mit mir alleine zusammen, und ich hab Willy nicht rausgeworfen. Willy und ich, wir haben uns plötzlich so gut miteinander unterhalten. Ganz anders war das zwischen Willy und mir plötzlich. Wie verwandelt. Immer weiter und weiter haben wir geredet. Dann konnten wir nicht mehr anders, über uns ist's gekommen. Willy und ich, wir haben uns geküßt und geküßt. Auf dem Bett in deinem Schlafzimmer sind wir gelandet.
Das war eine Kamelle, die Marga Joachim wiederholte. Marga hatte das schon mal so mitgeteilt. Länger her. Das hätte Marga ihm jetzt nicht zu wiederholen brauchen.
Willy und ich, es war eins dann aber nicht so schön. Wir mußten ständig aufpassen, daß du nicht plötzlich heimkommst, Jo. Immer mußten wir uns irgendwo umsehen, ob du nicht irgendwo zufällig bist. Wenn Willy und ich in ein Café gingen, haben wir nicht mehr Händchen gehalten. Erst haben wir rumgeguckt, ob du nicht irgendwo rumhockst ...
Was konnte Marga nicht mit dem Zeug Schluß machen? Nicht die leiseste Ahnung hatte Joachim, warum Marga nicht aufhörte mit ihrem Gelaber.
Jetzt, bei ihm zurück. Bei ihm in der Küche. Auch wenn fast nichts mehr von ihrer Gestalt zu erkennen war.
Früher hatte Marga Willy richtiggehend gehaßt. Willy total widerlich gefunden. Alles an Willy. Dann war sie in Liebe zu Willy entbrannt.