1. Teil: 2.5
Kalter Schreck durchzuckte Joachim. Urplötzlich fühlten sich Dinge bei ihm anders an. Es hatte sich was bei ihm verändert.
Zur Seite hatte Joachim den Kopf drehen können. Und er mußte für sich festhalten: das unter seiner Wange, das fühlte sich nicht wie ein Kissen an.
Ein Kopfkissen war das nicht, auf dem er auflag.
Überhaupt waren das keine Kissen. Von dem großen Kissen, mit dem er zuletzt noch zugedeckt war, war weit und breit keine Spur mehr.
Aus einem unerfindlichen Grund hatte sich die Unterlage bei ihm geändert. Und er war alles andere als mit irgendwas zugedeckt.
Markant war diese Veränderung. Etwas hatte sich abgespielt.
Überlegte Joachim sich die Angelegenheit genauer, lag er auf einem Teppich herum. Eindeutig war das ein Teppichbodenbelag.
Nur - wo? Weiter in seiner Wohnung?
Der Teppichboden in seinem Schlafzimmer hatte längere Borsten. Das, auf dem er sich in der Rückenlage befand, fühlte sich vielmehr wie der lange Rollteppich im Wohnungsflur an. Den er vor Jahr und Tag selber entrollt, mit den Fingern die Fläche ab und an glattgestrichen hatte, wenn es notwendig war..
Es MUSSTE der Teppich am Flur sein.
Das Problem dabei, der Flur, wie sollte er von einer Sekunde auf die andere dort hingelangt sein?
Hingebeamt hatte ihn gewiß dorthin niemand.
Es mußte zuvor die Zeit was bei ihm losgewesen sein. Etwas, wovon er wieder mal nicht die geringste Ahnung hatte, sich der Welt bewußt geworden. Er entsann sich wirklich auf nichts, was mit ihm geschehen war.
Die Leuchtphänomene, jene Feuerräder, grellen Spiralen, sie begannen wieder. Um zu vergehen.
Heller war es ihm bereits vorgekommen, nun war er unvermittelt in der Lage, die zugeklebten Augenlider auseinanderzuklappen.
Fiebrig verdrehte Joachim die Augen, mußte den Kopf angesichts des grellen Scheins der Deckenlampe seitwärts drehen. Das alles schaffte er einwandfrei, als wäre zuvor nicht alles mal ein größeres Problem für ihn gewesen.
In die Seitwärtslage brachte Joachim seinen Kopf, um nicht noch mal in das Grelle der Lampe an der Decke zu glotzen.
Das war der Fußboden im Flur, er staunte Richtung weißgestrichener Wand. Und es ging ihm zwar nicht ganz so gut, aber weitaus besser, als er sich das vor kurzem zu erträumen gewagt hätte.
In die Rückenlage drehte Joachim sich problemlos zurück, glotzte zur weißfarbenen Flurdecke hoch, bestaunte den milchig-körnigen Verputz.
Das war eine Veränderung, in der er sich bewußt wurde: Das war der Flurgang seiner Wohnung. Das hieß, wenn er der Geschichte trauen durfte. Bloß - wenn das der nächste Traum war, warum sollte er das meinen, das wäre nichts als ein Traum? Den Traum, den hielt er doch für echt.
Außerdem war er im Augenblick nicht Jo, der Revolvermann. Er war der, der er war, nannte sich, wie er üblich hieß. Als Joachim war er bei Bewußtsein.
Es war nicht zu glauben: Er hatte das Doppelbett in seinem Schlafzimmer verlassen. Um am Teppich des Flurgangs aufzuwachen, nicht allzu weit entfernt von der eigenen Wohnungstür.
Das einzige, was weiter fehlte: das war die doofe Erinnerung. Weil er von nichts was wußte, was er zwischendrinnen unternommen hatte, kam es ihm vor, als wäre er von einer Sekunde zur anderen am Flur eingetroffen.
Krass fehlte ihm die Zeit dazwischen. Es stellte sich ihm einfach keinerlei Erinnerung ein, obwohl er sich den Kopf zermarterte.
Hundegebell glaubte Joachim plötzlich zu hören.
In der näheren Umgebung bellte der Köter, ein Stockwerk tiefer.
Nicht gerade leise, die Bellerei. Gedämpft.
Das war durchaus Ruhestörung beim Nachbarn. Darüber konnte man sich beschweren gehen, wenn man Lust dazu hatte.
Im Grunde hätte Joachim dazu Lust gerade die Lust gehabt. Nichtsdestotrotz blieb er in der Bodenlage.
Weiterhin litt er darunter, daß er zwar manches im Kopf hatte, aber kein so echtes Gedächtnis. Nichts war wie gewohnt.
Gerne hätte Joachim sich darauf entsonnen, wie er aus seinem Bett herausgemacht hatte, es auf den Wohnungsflur hinausschaffte. All das alleine, ohne fremde Hilfe.
Daß er es sich, eingedenks seines miserablen körperlichen Befindens, nicht so recht vorstellen konnte. Schließlich war er ewig nicht aus dem Doppelbett rausgekommen. Und nun ... Von einem Moment zum anderen fand er sich im Flur vor.
Marga - durchzuckte Joachim der Gedanke. War Marga doch Wirklichkeit? War Marga in seiner Wohnung, hatte ihm geholfen?
Auf die Geräusche seiner Umgebung horchte Joachim.
Nicht einmal der Hund wollte noch mal mit der Bellerei anfangen. Alles war ruhig, blieb ruhig.
Marga, Marga, Marga - es nervte. Was immer mit Marga war, Marga hätte ganz was anderes unternehmen können. Wenn sie schon bei Joachim hereingeschneit war, hätte Marga ihn nicht alleine zurücklassen müssen. Zumindest den Notarzt hätte Marga herbeirufen können. So mies, wie es ihm ging, war er ein Fall für das Krankenhaus.
Das elektrische Flurlicht brannte.
Irgendwer mußte es eingeschaltet haben ...
Irgendwer unternahm immer was. Auch er selber. Eigenhändig hätte er das Licht auch eingeschaltet haben können. Schon vor Tagen. Möglicherweise hatte er nach all der Trinkerei am Sonntagabend vergessen, den Lichtschalter zu betätigen. Auszuschalten.
Joachim fühlte sich einigermaßen, kam trotzdem nicht so recht hoch. Nicht mal eine Sekunde konnte er sich aufsetzen.
Blieb nichts, als in der Umgebung herumzuhorchen.
Das Hundevieh eins drunter wiederholte sein Gebelle nicht.
Es blieb dabei: Ereignisse gegen Null. Außer ihm konnte sich niemand in der Wohnung aufhalten.
Kein Mensch war anwesend.
Keine Marga nirgends.
Blöde Marga! Aufs Maul würde sie kriegen. Die, die mit Willy zusammen war. Die sich von Willy ... Von Mörder-Willy ... Ein Mörder-Willy war Willy nicht das bißchen. Willy im Traum Mörder-Willy zu heißen, das war wirklich zuviel der Ehre. Willy, der mit dem schiefen Maul, der Probleme mit Weibern hatte. Willy, bei dem es im Bett mit der einen oder andern mies gelaufen war. Bloß mit Marga, mit Marga schien Willy es jede Menge zu können. Oft.
Einen Zischlaut von sich, daß Joachim vernahm; eine Tonart, die mit seinen Gedanken zusammenhing, Marga und Willy anbetreffend. Als Folge, daß er den großen Hund der Dottlers aus der Wohnungseinrichtung eine Etage tiefer wiederhörte. Der Köter, der loslegte, drauflos bellte.
Unmittelbarer und lauter, das Gekläffe des Hunds.
Der Dottler-Köter hatte seinen Standort gewechselt. So hörte es sich an, als ob der Kläffer direkt unter Joachims Liegeplatz Stellung bezogen hatte.
Das Hundevieh entfaltete ein Gekläffe, daß die Mieter nebenan oder darunter den Hausmeister anrufen hätten können. Selbst die Polizei hätte gerufen werden können, so laut gellte der Vierbeiner.
Liebend gerne hätte Joachim selber ein Telefonat getätigt. Als der, der über den Dottlers zur Miete wohnte, hatte er Rechte. Bloß, auch deshalb war nicht vom Flurboden hochzukommen.
Rundherum blieb nichts als Stille, seit Stockie, der Vierbeiner der Dottlers, die Schnauze hielt.
Joachim gewahrte, daß jener eine Zustand der Qual bei ihm Wiederkehr halten wollte
Irgendwann war der einzige Unterschied zu den anderen Malen, daß er danoch im Schlafzimmerdoppelbett rumgelegen war.
Auf dem Wohnungsflurfußboden dazuliegen, das war um einiges ungemütlicher als im Bett. Außerdem war er zugedeckt gewesen.
Dringend hätte er einen Arzt nötig gehabt, der ihm Schmerzmittel verabreichen hätte können. In Joachim vibrierte alles geradezu vor Pein. Das schmerzensreiche Elend ohne irgendwelche Tabletten auszuhalten, das war nicht der Bringer.
Schmerzen, Schwäche, Benommensein.
Und dauernd das, an Marga mußte er denken. An Marga und Willy.
Das konnte doch nicht sein, daß Marga, wenn sie bei ihm in der Wohnung gewesen wäre, keine Notarztnummer gewählt hätte. Befand sie sich bei ihm in der Wohnung, hätte es Marga doch möglich sein müssen, jemanden herbeizurufen, der Erste Hilfe leisten konnte. Als das mindeste.
Selbst wenn Joachim ihr verschiedentlich Dinge angedroht hatte. Ihr und Willy.
Das hätte Marga doch nicht tun können, ihn einfach rumliegen zu lassen. Wo er liegengeblieben war ...
Hätte Marga den Notruf gewählt, hätte jedoch längst irgendwer vorübergekommen sein müssen ... Ohne Wenn und Aber.
Marga, das Mistück ...
Jeder Versuch, sich aufzusetzen, der mißlang Joachim gründlich.
Er war nicht in der Lage, sich am Fußboden hinzusetzen.
Unter diesen Voraussetzungen wäre er lieber im Bett herumgelegen. Statt im Flur Bodenlage zu haben.
Hätte er nur die leiseste Ahnung gehabt, was über ihn gekommen war. Von einem Tag auf den andern.
Davon abgesehen, daß er Bier, Wein und ein paar Kurze gesoffen hatte, als noch Sonntag am Abend war, wußte er weiterhin nichts.
Der Filmriß, der hielt sich bei ihm hartnäckig.