1. Teil: 2.8
Die Frage, wie es um sein Phon stand, ließ Joachim die trüben Gedanken vergessen. Er schreckte in die Höhe, faßte seine Telefonie an den Seiten, konnte sie so hochheben.
Blut leckte Joachim sich vom Finger, drückte auf die Anzeigefläche, daß diese hell wurde.
Viel Akku hatte das Phon nicht mehr, konstatierte Joachim, der die Anzeige anglotzte. Das gute Stück, demnächst mußte es an ein Ladegerät angedockt werden.
Das Datum versuchte Joachim zu lesen, konnte die Buchstaben nur verschwommen erkennen.
Das nächstemal, daß Joachim sein Telefonierteil aus den Fingern flutschte. Glücklicherweise fiel das Gerät abermals nicht allzu tief.
Wieder meinte Joachim, in Flammen zu stehen. Geflirre, und all diese Pein ...
Margas Gesicht sah Joachim vor seinem geistigen Auge.
Sobald Marga ihre Sprachmitteilungen abhörte, mußte Marga einfach kurz innehalten, sich die Frage stellen, was mit Joachim war. Warum hörte der sich so seltsam an, so, als ob irgendwas mit ihm geschehen wäre?
Bestimmt, daß Marga zumindest irritiert war. Vielleicht, daß sie sich die Sprachmitteilung mehrmals anhörte. Das war sicher, so krächzig, wie Joachims Stimme auf der Mitteilung klang, daß sich um den, mit dem sie jahrelang zusammengelebt hatte, Sorgen zu machen begann.
Joachim, der schauspielerte am Ende nicht. Auf hilflos, arm dran hatte Joachim bei ihr bisher wirklich nicht gemacht. Eher war er Marga angriffslustig dahergekommen, hatte bei Marga mit nichts hinter dem Berg gehalten. Das unzweideutig zum Ausdruck gebracht, was er von dem hielt, daß sie mit Willy in die Kiste stieg. Mit Willy, den Marga all die Jahre über nicht ausstehen hatte können.
Das mußte passieren, daß Marga zumindest mal bei Joachim zurückrief. Oder, daß Marga auf ihren eigenen zwei Beinen bei ihm an der Wohnungstüre vorbeischaute. Klingelte Marga bei ihm an der Tür, war die Welt gebongt. Dann waren seine Träume wahr geworden.
Marga mußte einfach was unternehmen. Wegen ihrem Jo.
War Marga bei ihm in den Wohnräumen drinnen. Dann würde Marga die Dinge selber sehen. Das mitkriegen, daß mit ihm irgendwas passiert war.
Daß Marga nachsehen kam, was mit Jo sich ereignete, war das mindeste, was Joachim von ihr erwarten konnte.
Die Angst befiel Joachim, daß mit dem Phon-Akku irgendwas passiert sein könnte.
Zwar hatte das Vielzweckgerät schon einiges abgekriegt, in der jüngsten Zeit. Bloß, irgendwann konnte es möglich sein, daß es einmal zuviel war, daß sich damit was abspielte.
Nicht noch mal schaffte Joachim es, Leben in seine Finger zu bekommen. Es war ihm unmöglich, überhaupt den rechten Arm anzuheben.
Aller inneren Aufregung, dem dringenden Verlangen, da was nachzuschauen, hatte Joachim rumzuliegen, hatte eine Welt des Schmerzes und des Übelzustands zu ertragen.
Eins war festzuhalten: Eilig hatte Marga es nicht, bei Jo anzurufen. Wenn Marga sich nicht persönlich blickenlassen wollte, hätte Marga ihn zumindest telefonisch anwählen können.
Vielleicht hätte ihm das zu neuer Kraft verholfen. Wäre er, hätte er die Phon-Melodie gehört, in der Lage gewesen, wieder irgendwas loszumachen.
Wie er Marga haßte. Schließlich hatte Marga ihr Phon überall mit dabei.
Oder auch nicht - der Gedanke, der Joachim durchzuckte, kaum, daß er das andere gedacht hatte. Mehrere Vielzweck-Telefone hatte Marga unterwegs.
Das eine, auf dem er angerufen hatte, auf dem seine Nummer nicht blockiert war, das lag möglicherweise irgendwo bei Marga daheim rum. Wo immer sich Marga zur Sekunde aufhielt.
Auch ein Grund, warum Marga Joachims Nummer auf dem einen Phon nicht gesperrt hatte: Sie hatte ein anderes bei sich. Das trug Marga mit sich rum, und auf dem konnte Joachim Marga nicht erreichen.
Vielleicht paßte das schon. War ihm das ganz recht, daß Marga noch nicht bei ihm an der Wohnungstür geklingelt hatte. Daß alles mit Marga bis jetzt nur Traum war. Und Träume waren Schäume.
Auch ein Anruf Margas, der mußte nun wirklich nicht sein.
Daß eine anrief, die mit Willy ins Bett stieg. Mit Willy. Der zwar mal sein Freund war. Aber das, daß dieser Willy mit Marga ins Bettchen hüpfen könnte. das hätte jemand ihm tatsächlich erzählen können. Er hätte es nicht geglaubt. Das hätte er sehen müssen.
Und eigentlich hatte er es gesehen. Marga war mit Willy zusammen. Sicherlich irgendwo mit Willy unterwegs.
Statt sich bei ihm in den Wohnräumlichkeiten aufzuhalten. Bei ihm, ihrem Jo.
Immer nur weiter hinter Marga herzurennen. Mittlerweile bereits monatelang.
Das so was mal Ereignis sein könnte. Früher hätte Joachim das nicht bei sich vermutet.
Was sollte das?
Marga redete davon, daß er ein Stalker war.
Wirklich Wahnsinn, daß er nicht von Marga abkam. Die Geschichte mit Marga, die konnte durchaus auch mal zu Ende gehen. Oder nicht? Daß es aus war. Aus die Maus.
Warum saß da der Stachel so tief, bei ihm? Nicht mal das genügte für die Schadenfreude, an Willys schiefes Maul zu denken.
Es gab schließlich noch ein paar mehr Weiber in der Stadt. Die man kennenlernen konnte. Daß es dann trotzdem ständig Marga sein mußte, allen Geschehnisse, Anwürfen, Anschuldigungen zum Trotz. Das, was Marga ihm schon hingeworfen hatte ...
Bei dem Haufen derer, die auf den Straßen rumrennen konnte. Warum ging er nicht tanzen irgendwo, in einen Tanzklub? An Ort, wo man sich gewiß gegenseitig zum Tanz auffordern konnte, wenn was anderes schieflief. Es irgendwo anders nicht so klappte.
Stockie, die blöde Tölle der Dottlers, bellte von neuem drauflos. Unterhalb von Joachim.
Als hätte den Köter plötzlich irgendwas aufgeschreckt.
Joachim konnt es nicht gewesen sein, Joachim, der lag reglos herum. Er erfuhr seine eine Pein, Folter.
Bewußt war sich Joachim nicht eines einzigen Seufzers. Nebenher, vorhin, als Joachim das Phon runterfiel, hatte Stockie nichts dazu meinen wollen.
Mittendrinnen im Gebell Stockies befand sich Joachim. Besten Raumklang hatte er.
Keine Ahnung hatte Joachim, was mit Stockie war, daß er so aus vollem Hals bellen mußte.
Scheinbar duldeten die Dottlers das Gekläffe ihres Hundes.
Das fiel Joachim ein, daß Frau Dottler, das blonde, nicht unhübsche Frauchen Stockies, letztens im Aufzug zu ihm gemeint hatte, daß Stockie gut in der Hundeschule gearbeitet hätte. Saß auch gut bei Platz, Stockie, als Joachim zu ihm hinunterblickte.
Alles, das bei Stockie geklappt hätte; Stockie, der gehorche aufs Wort. Das mit der Bellerei Stockies, das wäre auch nicht mehr der Rede wert. Alleine zu Hause in der Wohnung bleiben, das könnte Stockie ebenfalls. Niemand mehr, der sich wegen Stockies Gekläffe beschwerte.
Im Augenblick schien Stockie alles verlernt zu haben. Jedenfalls befand Joachim für sich, daß das mit dem nächsten Besuch Stockies in der Hundeschule dringendst nötig wäre.
Auffrischung war bei Stockie dringend nötig.
Wie sich Stockie aufführte, würde Herr Hamgerd, der Hausmeister, demnächst vor der Wohnungstüre der Dottlers rumstehen. Dafür wollte Joachim bei Gelegenheit sorgen.
Im Namen des Vermieters, daß der olle Herr Hamgerd darauf hinweisen könnte, daß die Dottlers vielleicht sogar ausziehen müßten, raus dem Mietshaus, sollten sie das mit ihrem eineinhalb Jahre alten Beller nicht in den Griff kriegen.