1. Teil: 3.1
Das Gekläffe Stockies, des Hundeviehs der Dottlers, die im Stockwerk unter ihm wohnten, holte Joachim aus dem Dunkel in etwas zurück, das er sich weiterhin gerne erspart hätte.
Sich so vorzufinden, weiter am Leben. In der Lage, die Augen sinnlos aufzureißen. Im Deckenlampenschein rumzublinzeln.
Stockies Bellerei ...
So zudringlich ins Bewußtsein gedrungen war ihm noch nie das Gebell irgendeines Hundeviehs.
Zorn baute sich in Joachim auf. Erschlagen hätte er Stockie können. Und das mehrere Male.
Allerdings fand sich Stockie alles andere als in seiner Reichweite. An Stockie ranzukommen, hätte Joachim erst mal ganz einfach auf die Füße hochkommen müssen. Dann ein Stockwerk tiefer sich hinabbegeben. Und dann: Bestimmt war die Wohnungstür der Dottlers abgesperrt, mußte er bei den Dottlers klingeln. Bis einer der Dottlers ihm die Tür öffnete.
Den Dottlers war das mit Sicherheit nur schwer zu verklickern, daß er bei ihnen geläutet hatte, um Stockie, ihren Vierbeiner, umzubringen.
Das Bellkonzert Stockies, es wollte mit ihm keine Ende nehmen.
Schwer zu verstehen, daß die Dottlers Stockie so ausgiebig in der Gegend rumkläffen ließen. Jede Partei im Mietshaus hatte das im Mietvertrag drinnenstehen, daß sie für Ruhe bei ihren Haustieren zu sorgen hatten.
Deswegen ... Es war ein Ding der Unmöglichkeit, wie Stockie lärmte. Und dann das, daß man Stockie das durchgehen ließ. Daß die Dottlers sich nicht darum kümmerten, daß Stockie sich beruhigte.
Längst hätte es tausend Anrufe bei den Dottlers in der Wohung geben müssen. Die Dottlers wohnten nicht alleine im Haus. Über, neben und unter ihnen lebten weitere Mieter.
Die Nummer der Dottlers, sie stand für jeden lesbar im Telefonbuch. Wie auch die Telefonnummer Hamgerds, des Hausmeisters.
Den Namen des Hauseigentümers, des Vermieters, konnte man ebenfalls mir nichts, dir nichts im Mietvertrag nachsehen. Dann wegen dessen Nummern im Telfonbuch gucken. Dann, hatte man ihm Bescheid gesagt, war der Vermietende in der Lage war, bei Hamgerd anzurufen. Hamgerd, dem Hausmeisterkollegen Feuer unterm Hintern zu machen. Der olle Hamgerd konnte daraufhin ohne weiters im Aufzug aus dem Erdgeschoß hochgefahren kommen. Um vor der Türe der Dottlers tief durchzuatmen.
Im Doppelbett hätte er sich zumindest zudecken können. Statt dessen lag er nur mit einem Schört bekleidet am Flurboden herum.
Über und über war er mit einer dickeren Kruste überzogen, entdeckte, als er den Hinterkopf vom Teppich hochbrachte, um sich selber mal ausführlicher in Augenschein zu nehmen.
Es war nicht gut, wie er aussah. Nur sein Geschlecht, das war rotüberflossen zu erkennen.
In das elektrische Licht der Deckenlampe blinzelte Joachim trübe hoch, als er sein schweres Haupt zurücksinken lassen mußte.
Von überallher erfuhr er jene bereits übliche Pein und Not seines gegenwärtig misserablen Körperzustands.
Marga! Marga!
Eine Sprachnachricht hatte Marga von ihm erhalten.
Unendlich viel Zeit, empfand Joachim, war seitdem vergangen, seitdem er bei Marga angerufen hatte.
Bei dem Thema war eins festzuhalten: Marga war noch nicht bei ihm vorbeigekommen. Nicht das bißchen was war er durch Geschehnisse, die mit Marga zusammenhingen, mal aus seinem matten Zustand ins Wachere geholt worden.
Fast war es, als hätte Marga die Telefonnachricht überhaupt nicht abgehört.
Kein Ding der Ummöglichkeit, wenn Marga das eine Phon, auf dem sie Joachim anrufen ließ, nicht mit sich herumtrug. Die eine Telefonie, die wartete anscheinend wirklich darauf, daß Marga mal nachschauen kam, was da am Phon Schönes aufgelaufen war.
Das konnte sein, daß das erst dann geschah, daß Marga da etwas nachsah, wenn Marga das Phon das nächstemal an sein Ladegerät ansteckte.
Oder Marga, sie hatte die Nachricht Joachim mitgekriegt. Marga, die dachte überhaupt nicht daran, irgendwas wegen Joachim zu unternehmen. Schon gar nicht, daß Marga bei Joachim an der Wohnungstür erscheinen wollte.
Aber, das durfte Marga nicht. Marga, sie mußte herbeikommen. Sie MUSSTE.
Marga mußte das, um zumindest dafür Sorge zu tragen, daß bei Joachim ein Notarzt kam. Daß Joachim ärztliche Versorgung erhielt. Daß sie Joachim ins Krankenhaus brachten, während Marga den Geschehnissen zuschaute.
Marga MUSSTE irgendwas für den, mit dem sie jahrelang zusammengewesen war, tun. Etwas anderes nützte Joachim in seinem Miserabelzustand wenig bis nichts. Marga hatte, so wie es ihm im Moment erging, für IHN dazusein. Nicht für jemand anderem.
Unvermittelt war Joachim in der Lage, den rechten Arm anzuheben. Sofort, daß er mit den Fingern nach seinem Phon tastete, Joachim, hörte sich, wegen der gesteigerten Qual, die ihm jede neue Bewegung verursachte, schwer keuchen, stöhnen.
Bloß, Joachim, er konnte nicht reglos liegenbleiben. Er mußte das sehen, was nachsehen. Nachgucken, ob Marga nicht vielleicht angerufen, eine Nachricht geschickt hatte. Marga konnte ihm was auf die Mailbox gesprochen haben.
Gehört hatte er davon zwar nichts. Melodie hatte er keine spielen hören.
Aber, ganz genau erfuhr er Dinge erst, wenn er einen Blick auf sein Phon geworfen hatte.
Vor das Gesicht hielt sich Joachim das mobile Telefon, drückte vorn auf die Anzeige.
Nichts, das sich abspielte.
Aufleuchten hätte das Display in einer Sekunde müssen.
Den Daumendruck wiederholte Joachim. Ausreichend stark. Nichtsdestoweniger blieb an der Gerätschaft alles dunkel.
Nichts änderte sich mehr: Die Telefonanzeige, sie war tot. Nichts mehr, das Saft gab, erleuchtete, aufhellte.
Oder, das Teil war beim Anschlagen an die Wand, beim Herunterschleudern auf den Teppich kaputtgegangen.
Auch Schüttelei half nichts.
Wenn der Akku leer war, war der Akku leer. Normal wäre ein entleerter Akku kein Problem gewesen.
Wo war das eine Netzteil? An welchem Ort hatte er es zuletzt gehabt?
Darauf konnte Joachim sich beim besten Willen keine Antwort geben. Er war vollkommen blank, sosehr er sich auch zu erinnern suchte.
Hatte er es in der Küche? Oder lag es am Wohnzimmertisch herum? Oder ...?
Joachim war der Meinung, daß er das Teil zum Anstecken als letztes in der Küche gehabt hätte.
In der Küche war das Phone für den Ladevorgang angesteckt gewesen. In der Vierfach-Leiste da, wußte er dann doch wieder eine Kleinigkeit.
Also mußte der nächste Weg ihn in die Küche führen ...
Oder war das besser, am Bauch ins Wohnzimmer zu robben? Am Rücken konnte er sich auch mit den Beinen voranschieben ...
Ein trauriger Seufzer entrang sich Joachims Brust.