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Blog von TeddeMehr

1. Teil: 3.2

17. Januar 2020 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #dreimal erwachen

Es reichte.

Das Zusichkommen, das längere wunde Herumgeliege, die Dauerpein - es reichte Joachim. Die Schnauze hatte er gestrichen voll.

Stockie, das Hundchen der Dottlers, anscheinend ebenfalls. Kaum zwei, drei Minuten mit dem Gekläffe aufgehört, begann Stockie aufs neue damit, legte los. Als hätte Stockie endgültig alles von der Hundeschule vergessen. Herr- und Frauchen, anscheinend nicht daheim, das war für Stockie nicht mehr auszuhalten. Höchstens noch minutenweise wollte Stockie Ruhe geben.

Ganz recht hatte Stockie recht, so viel zu bellen. Joachim empfand die Geschichte genauso. Wenn Stockie in einem rechtzugeben war, dann damit: Es mußte irgendwas passieren, hier.

 

Etwas hatte sich abzuspielen. Mit Joachim. So konnte es mit ihm nicht ewig weitergehen.

Dazu mußte er in der Lage sein, sich tatsächlich aufzuraffen, statt ständig nur dran zu denken, was er als nächstes anstellen könnte.

Seine Finger: beweglich. Seine Zehen: die waren zu bewegen. Das mit seinem schmerzensreichen Ganzkörperumstand: einmal erträglicher, dann vollends unerträglich.

Momentan, daß das Übel wieder nachließ. Weniger spürte er, daß dem Gesamten eins abging: daß er sich mal hochschaffte. Nicht bloß fürs Aufsetzen, vor sich hinstieren, um sich mit einem Seufzer zurücksinken zu lassen. Sondern wirklich den Versuch, auf die Beine hochzukommen.

 

Außer Stockie hörte Joachim nichts und niemand.

Es war nicht zu fassen: Wenn der Köter der Dottlers so rumkläffte, war das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, daß es auf sich warten ließ, daß Leute bei den Dottlers vor der Wohnungstüre auftauchten. Jemand mußte doch mal zwingend bei den Dottlers an der Tür klingeln.

Wo waren die Dottlers überhaupt dauernd? Es verstrich hier Zeit. Minute umd Minute. Zwischenzeitlich hätten die Dottlers mal von der Arbeit heimgekommen sein müssen. Womit Stockie das Maul sicher automatisch gehalten hätte. Schließlich würden die Dottlers ihr Hundedrecksvieh nicht das Bellen befehlen, waren sie daheim. Die Dottlers waren wie alle auch, sie wünschten sich keinen Ärger mit den Hausparteien der Umgebung. Oben, unten, nebenan.

 

Wenn die Dottlers, beide oder mindestens einer, zu Hause waren, schwieg Stockie.

Vielleicht war Joachim ja der Fehler, Joachim, der sich immer nur bewußt war, wenn die Dottlers zufällig nicht in ihrer Wohnung drunten aufhielten.

Dann hieß das, Stockie, übte sich in Gebell, weil das ein neuer Tag war. So was in der Art.

Herrchen und Frauchen, längst aufs neue zu ihrem werktäglichen Frondienst aufgebrochen. Wie unter der Woche immer. Die folgenden Stunden, daß Stockie alleine und beruhigt in der Wohnung bleiben sollte.

Wobei Stockie derzeit alles andere als ruhig und leise war. Während die Dottlers keine Ahnung davon hatten, daß ihr Hundchen Stockie ...

Bloß, der olle Hamgerd, der Hausmeister, der war am Ende auch noch da. 

 

Auch Joachim hätte mal an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen gehabt. Als er sich die Flaschen Bier, den Wein und die Kurzen einschenkte, war es Sonntag. Der Tag drauf, Montag, der war gewöhnlicher Arbeitstag. Der erste der Woche wäre der gewesen.

Mittlerweile wußte Joachim nicht, wieviel Zeit schon vergangen war.

Bereits für den Montag - hätte er sich für sein Fehlen telefonisch entschuldigen müssen. Unentschuldigt fehlte er auf der Arbeit.

Jetzt mußte er womöglich schon für mehrere Tage ein ärztliches Attest im nachhinein abliefern.

Dafür hätte er sich aber erst mal zu einem Arzt hinbegeben müssen. Oder sich in einem Krankenhaus einfinden ...

So wie es ausschaute, würde er sich bei Gelegenheit nachträglich ein ärztliches Attest besorgen müssen. Für haufenweise Werktage.

Die Geschichte würde er erklären müssen, warum von ihm kein Anruf einging. Oder elektronische Post ankam. Zumindestens anrufen hätte er mal können ...

 

Stockie war am Bellen.

Plötzlich durchzuckte ein Gedanke Joachim. Und zwar das, daß, wenn jemand doch endlich wegen Stockie an der Wohnungstür der Dottlers läutete, sich deswegen lange nichts für ihn, oberhalb rumliegend, änderte.

Nichts, was sich drunten in der Wohnung abspielte, würde bei ihm selbst für irgendwas gut sein. Nicht das geringste änderte sich für ihn im Stockwerk eins drüber über den Wohnräumen der Dottlers, wenn jemand bei den Dottlers den Klingelknopf länger drückte. Oder wutentbrannt die Tür eins tiefer eintrat.

Plötzlich wünschte Joachim, er hätte ein wändedurchdringendes Bellorgan wie Stockie gehabt. Könnte wie Stockie mit kläffenden Radau auf sich aufmerksam machen.

Andererseits, Stockie war laut, und es ereignete sich nichts bei ihm.

 

Ans Schreien, Rufen dachte Joachim, und er konnte die Lippen bewegen, den Mund aufbringen.

Ein Krächzen erlauschte Joachim von sich, als Stockie ein kleines Weilchen die Schnauze hielt.

Außer müdes, lahmes Gekrächze brachte er nichts Besonderes über die Lippen.

Dahingehend war Stockie ihm voll überlegen. Was Stockie an Lautstärke drauf hatte, nicht von schlechten Eltern.

 

Wassermangel.

Bewußt konnte Joachim sich nicht dran erinnern, wann er das letztemal was getrunken hatte.

Es mußte im Schlafzimmer gewesen sein. Ehe er sich im Flurgang vorfand.

Vielleicht hatte er jedoch der Küche einen Besuch abgestattet, ohne sich daran erinnern zu können. Schließlich: ein klein wenig besser ging es ihm mittlerweile. Daß ...

Sich kaum je auf etwas entsinnen zu können, was er gerne gewußt hätte, das war schlimm. Eine wahre Problematik.

Das, daß er Marga auf die Mailbox ihres Phons gesprochen hatte, war länger her. Und die Zeit, die seitdem verstrichen war, das konnten allerdings auch bereits Stunden sein.

 

Ohne ein Glas Wasser war Joachim im Moment nicht in der Lage, lauter in der Gegend rumzukreischen. Im Einklang mit Stockie.

Es war vollkommen gleichgültig, wie laut Stockie tönte, wenn er selber nicht mal auf gut Glück um Hilfe rufen konnte.

Nur, wenn bei Stockie unten irgendwer wutentbrannt die Wohnungstüre aufbrach, dann kümmerte sich zwar jemand um Stockie. Währenddessen sich deswegen lange keiner um Joachim bemühte

Weiterhin widerfuhr ihm das mit seinen Übelzuständen. Die Rundumversorgung mit dem schmerzensreichen Elend, es war ein Auf und Ab damit.

Ein klein wenig half Stockie sogar aus, sorgte für Ablenkung. Indem er ganz einfach nervend weiterbellte.

 

Grellen Schmerz spürte Joachim.

Vielleicht dadurch, daß er es unvermittelt schaffte, sich aufzusetzen, den Oberkörper in die Höhe zu hieven. Obwohl ihm die Feuerräder regelrecht vor Augen explodierten.

In der Sitzposition blieb Joachim, mußte sich nicht auf der Stelle wieder zurücksinken lassen.

Eine Überraschung war das für Joachim, was er selber trieb. Daß sich urplötzlich doch wieder was bei ihm rührte. Bewußt befohlen hatte er sich das gerade zwar nicht, sich aufzuhocken. Was derweil totalegal war, ob was mit einem Willen zu schaffen hatte oder nicht.

 

Das Haupt sank Joachim saft- und kraftlos zur Brust herab.

Brust und Bauch überblickte Joachim bei sich. Um zusammenzucken.

An sich sah Joachim nichts als blutige Röte.

Ganz nackt war er nicht. Ein Schört hatte er an. Ursprünglich milchig cremefarben, nun blutrot durchwirkt, blutig feucht.

Der Stoff, an dem nichts mehr weiß war, war ihm über den Bauchnabel heraufgerutscht.

Von seinem Geschlecht war nichts weiter zu erkennen, als irgend so eine blutigrote Masse.

Voll erschrocken wäre Joachim fast nach hinten in die Rückenlage zurückgekippt. Was er blickte, das war der Tod, nicht das Leben. Da war der Faktor Tod nicht weit entfernt, eher näher als ferner.

 

Viel Fläche von einem schwarz wirkenden Bauch.

Eine dunkle, brüchige Kruste, zwischen deren Spalten Blutrinnsale liefen.

Fasziniert bestaunte Joachim die kleinen, dünnen Blutrinnsale.

Wie es Joachim vorkam, war das eine Ausblutung am Penis, den er plötzlich doch an sich erkannte. Direkt aus den Poren raus.

Gräßlich fürchterlich direkt aus den Porenausgängen der Haut.

 

Die Verkrustung, die sich an vielen Stellen dick bei ihm gebildet hatte, das war altes, getrocknetes Blut.

Bei der allerkleinsten Bewegung konnte die Kruste aufreißen, lief die rote Körperflüssigkeit aufs neue. Oder mal auch nicht.

An seiner Rechten war die Geschichte ab dem Handgelenk dieselbe, bemerkte Joachim, als er sich die Hand rundum beschaute. Nur dort, wo er die Körperglieder im Einsatz hatte oder am Geschlechtsteil, daß der Notdurft diente, mit dem er sich schon dann und wann erleichtern mußte, weil er dazu gezwungen war, war nichts geronnen, krustenartig ausgehärtet.

Unwillkürlich schüttelte Joachim den Kopf. Mit dem es sicherlich am Hals, im Nacken hieß, es blutete mehr.

 

Eine Erkenntnis Joachims: daß er früher anscheinend noch mehr geblutet hatte. Und er trotzdem lebte. Weiter am Leben blieb, seltsamerweise.

Verblutet war er bisher nicht, sonst ...

Das überlegte Joachim, daß das mit seiner allgemeinen Schwäche wahrscheinlich auf den Blutverlust zurückzuführen war.

Blieb für ihn die große Fragestellung: Wann verblutete nun ein Mensch? Hätte er nicht lange an seinem Blutverlust verstorben sein müssen?

Warum konnte er unter diesen Umständen im Augenblick der Meinung sein, er würde auch noch zu Kräften kommen? 

 

Im Bad hatte er nicht nur eine Badewanne, sondern auch eine Dusche.

Wenn er das Wasser laufen ließ, konnte er es aus dem Duschkopf auf sich herabregnen lassen.

Mit jedem Schluck Wasser, das er nebenher trank, würde es ihm besser und besser gehen.

Einzig und alleine, das Badezimmer, das ...

 

 

 

 

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