1. Teil: 6.2
Da war eine komische Bleiche als Horizont im Hintergrund der Holzschuppen. Der beiden kleineren vorne und hinten des einen größeren, auf dem das Holzschild Totenwacht angebracht war.
Der unfaßlichen Blässe, daß Jo, der Revolvermann, sich fasziniert widmete, eine, als wolle sie nächstens die Welt verschlucken. Die Befremdung angesichts der Wahrnehmung dieser unübersichtlichen Bleichheit des Himmelhorizonts stellte Jo, den Revolvermann, vor ein großes Rätsel.
So recht erklären wollte er sich alles nicht. Tatsächlich hätte der Himmel unbewölkt und blaufarben sein müssen. Und jetzt war dort alles farblos. Ohne daß Jo, der Revolvermann, das sagen konnte, seit wann.
Am Ende war alles hier viel unübersichtlicher, wie es bis dahin für Jo, den Revolvermann, vorstellbar war.
Jo, der Revolvermann, direkt eine Ahnung hatte er von nichts. Alerdings hielt er sich nirgends sonst auf. Konnte auch nicht viel woanders hingelangen. Zumindestens nicht, solange die gesichtslosen Kugel- und Ovalköpfigen in ihren verstaubten grauen, schwarzen Männeranzügen, Frauenkostümen ihm den Weg fürs Fortgehen versperrten.
Und jetzt hatte sich diesen Kreaturen auch noch eine dazugesellt: Marga, die Barfrau. Halb durchsichtig geworden, Marga, die Barfrau. Ohne daß das unmittelbaren Schrecken hervorrief, wie die gesichtslosen Kugel- und Ovalköpfigen ebenfalls nicht für viel Erregung bei Jo, dem Revolvermann, sorgten.
Marga, die Barfrau, die nicht unsichtbar wurde. Verschwinden wollte sie nicht gänzlich. Nur, hindurchzublicken war durch sie.
Dann war Marga, die Barfrau, in ihrem weißfarbenen Kleid wie für eine Hochzeit oder ein Begräbnis doch urplötzlich vollständig dem Blick ins Nichts entschwunden. Von einem Moment zum anderen. Fast so, wie Marga, die Barfrau, am Platz eingetroffen war.
Erneut befand Jo, der Revolvermann, sich den kleiderpuppenhaften, aus hautfarben eingefärbter Lederhaut fein genähten Kugel- und Ovalköpfen gegenüber, starrte nach diesen Ohr- und Gesichtslosen hin.
Durchaus die Frage, wie es für Jo, dem Revolvermann, an der Örtlichkeit, den Willys Welcome in seinem Rücken, weitergehen sollte. Ewig war es ja schon weitergegangen.
Auch Ewigkeiten hatten mal ein Ende zu nehmen.
Wenn sich nie irgendwas ereignete, abspielte, vielleicht mußte eine Entscheidung herbeigeführt werden.
Zwölf Schuß hatte Jo, der Revolvermann, für eine Veränderung der Lage zur Verfügung. Oder doch ein paar Schuß mehr, wenn er zwei-, dreimal feuerte? Dann nachlud.
Margas Eintreffen hatte dazu geführt, daß er nichts dieser Gedankengänge in die Tat umsetzte. Zwei-, dreimal feuern - daraufhin: nachladen.
Trotzdem war nichts sicher. Die Zahl seiner Patronen blieb begrenzt. So viel Munition hatte er überhaupt nicht hinten im Revolvergürtel stecken. Vielmehr waren da ein paar Lücken, weil Jo, der Revolvermann, er hatte für gewöhnlich nicht so viele Schüsse abzugeben.
Eben blinzelte Jo, der Revolvermann, vor sich hin. Sah aus, als wolle er zu weinen anfangen. Da gewahrte Jo, der Revolvermann, etwas. Seine Hand zuckte nach dem Revolver im rechten Lederholster. Um diese am Revolvergriff zu lassen.
Es war auch nicht das geringste. Die Schemenhaftigkeit Margas, der Barfrau, sie kehrte zurück. Doch wieder, daß sie dem Blick Jo's, des Revolvermannes, auftauchte. Wie zuvor war Marga, die Barfrau, zu sehen. So richtig vollständig körperlich präsent schien Marga jedoch nicht mehr werden zu können. Es blieb bei ihr dabei, daß ziemlich durch ihre Gestalt hindurchzusehen war.
Vollständig hatte Jo, der Revolvermann, die Kugel- und Ovalköpfigen, die sich in Margas Rücken aufhielten, in Sicht. Diese Figuren, alles andere als in Auflösung befindlich. Verbissen hielten sie ihre Totenwacht ab. Nirgends mußten sie irgendwohin. Wie Jo, der Revolvermann, eigentlich auch nicht.
Gut und gerne hätte Marga verschwunden bleiben dürfen, fand Jo. Kein bißchen mehr was von Marga, der Barfrau, hätte sichtbar werden müssen.
Für was brauchte Jo, der Revolvermann, Marga, die Barfrau? Marga, die Barfrau, nichts eine betrügerische, verlogene Willy-Braut.
Marga, die Barfrau, die sich von dem einen Willy der Willys besuchen hatte lassen, wie Jo, der Revolvermann, sie besuchte. Bloß, nachgefragt danach hatte Jo, der Revolvermann, nie, wer außer ihm Marga, die Barfrau, noch aufsuchte.
Wäre Jo, der Revolvermann, nicht darauf gekommen, daß Marga, die Barfrau, mit wem Geschäfte haben wollte. Von dem einen abgesehen. Allerdings hatte Marga, die Barfrau, dann mit dem einen Willy dann tatsächlich ein Geschäft. Dem Willy der Willys glaubte Marga, die Barfrau, jedes seiner Worte. Eine Kutsche nahm sich Marga, die Barfrau, um sich an einen Treffpunkt hinkutschieren zu lassen. Der eine Willy, der mit ihr etwas vereinbart hatte, der hielt Wort. Unfaßlicherweise hielt der eine Willy der Willys Wort. Der eine Willy, für den Jo, der Revolvermann, nur eins übrig hatte, eine Bleikugel aus einem seiner Revolver, er kam wie vereinbart angeritten.
Was sollte denn nur immer alles bei Jo, dem Revolvermann? Dauernd die Geschichte mit Marga, der Barfrau?
Marga, die Barfrau, eine Bühnentänzerin. Jeder, der Marga, der Barfrau, Blumen in die Garderobe schicken konnte. Blumenstrauß um Blumenstrauß ließ Marga, die Barfrau, in ihrer Garderobe in eine Vase stecken. Vollgestellt hatte Marga, die Barfrau, ihre Garderobe mit Blumensträußen.
Marga, die Barfrau, sie verzichtete auf nichts. Gesellte derjenige, der ihr den Blumenstrauß übermittelt hatte, sich nicht zur vereinbarten Zeit ihr dazu, daß Marga, die Barfrau, sich nach dem Cowboy erkundigte. Oder aufbrach, ihn im Hotel zu suchen.
So ging es zu, bei Marga, der Barfrau.
Mußte Marga, die Barfrau, also denn, unter diesen Voraussetzungen, solch ein Mittelpunkt der Welt sein, für Jo, den Revolvermann?
Der Tänzerinnen, die sich Präsente zukommen lassen wollten, derer waren viele. Da sich auf eine zu versteifen, Marga, Marga und noch einmal Marga zu rufen, berichtete einem das etwas Gutes, Besonderes von einem wie Jo, dem Revolvermann? Noch dazu, wenn sich die eine, Marga, die Barfrau, zu dem einen Willy der Willys hinbegeben hatte. Den Versprechungen des Willys, denen hatte Marga, die Barfrau, geglaubt. Statt weiterhin dort zu bleiben, wo sie war, in dem ihr seit längerem wohlbekannten Hotel. Um dort auf Jo, den Revolvermann, zu warten. Schließlich war Jo, der Revolvermann, noch jedesmal wiedergekommen. Was Marga, der Barfrau, auch klar sein mußte, daß Jo, der Revolvermann, in die Stadt kam, sie aufzusuchen. Trotzdem hatte sie einen Kutscher bezahlt, war mit all ihren Koffern von dort abgereist. Um den einen Willy zu treffen.