1. Teil. 12.3
Kleinigkeiten gewahrte Joachim, die er zuvor nicht wahrnahm. Geradezu, als weite sich sein Blick.
Alles beinahe, wie unverhoffte Zauberei.
Oder hatte er unvermittelt eine Rolle in einem Märchen? Eins, in dem sich ein Tisch immer ganz von selbst eindeckte und mit Speise und Getränken vollstellte.
Vor sich auf der Tischfläche hatte er eine aufgeschraubte Flasche Mineralwasser stehen. Eine mit haufenweise blutigen Fingerabdrücken.
Dazu stand ein blutumrandetes Trinkglas mit helltrübem Inhalt rum, viertelvoll.
Drei Plastikröhrchen waren ebenfalls zu entdecken.
Die Stöpsel und die Röhrchen aus Plastik, selbstverständlich voller Blutschmiere.
Der Röhrcheninhalt: Multivitamin-, Magnesium- und Calcium-Tabletten.
Wasserlösliche Tabletten.
Dazu ein aufgeschraubtes Marmeladeglas aus dem Supermarkt, in dem ein Löffel stak. Samt obligatorischer Blutschmiere.
Aprikosenmarmelade.
Ein anderer Joachim, der hatte dem zweiten Joachim, dem einen, der wach war, sich eigentlich als DER Joachim fühlte, das bereitgestellt. Damit versorgt. Aber selber was davon probiert, genascht.
Im Grunde dieselben Dinge, die Joachim selber auch jederzeit einfallen hätten können.
Nur: Der eine Joachim, der das unternommen hatte, von dem wußte Joachim nichts. Nichts vom anderen und dessen Treiben hatte er in der Erinnerung.
Der Köter der Dottlers, von dem Joachim länger nichts mehr vernommen hatte, der bellte von unterhalb drauflos.
Als befände sich das lautstark kläffende Hundevieh direkt unterhalb von Joachims Füßen.
Dann brach die Kläfferei Stockies abrupt ab.
Hatte sich das wie eine Frauenstimme angehört?
Joachim war, als hätte er eine Frau irgendwas kurz tadelnd zu Stockie hinraunen gehört.
War doch die Möglichkeit. War gut drinnen, daß Stockie, der laut dahergebellt hatte, eine auf den Deckel kriegte. Von seinem Frauchen.
Herr-, Frauchen - das war schlagartig eine Erkenntnis.
Mit dem Fuß versuchte Joachim, Lärm zu entwickeln, mit Stampfen mit den Beinen Zeichen zu geben.
Darauf versuchte Joachim sich zu entsinnen, wie das SOS-Zeichen ging.
Er wußte es nicht mehr, wie er viel zuviel nicht mehr wußte.
Mit dreimaligen Aufstampfen auf die Fliesenfläche probierte Joachim es, ein bißchen Pause, einmaliges Gestampfe und Pause. Dann, nach kurzem Innehalten, alles noch mal von vorne.
Es spielte sich deswegen lange nichts bei Joachim ab, der Richtung Wohnungstür horchte. Kein Mensch drückte draußen die Klingel, klopfte gegen die Türfläche.
Stockie, der nicht nochmals sein Maul aufmachte. Kein bißchen, daß Stockie auf irgendwas reagierte. Obwohl Hunde wie Stockie in der Lage waren, zu jedem Geräusch ihren lauten Senf dazuzugeben.
Was war von einem Moment zur anderen mit Stockie passiert? War man mit Stockie Gassi gegangen?
War Stockie mit Herr- und Frauchen drunten aus der Wohnlichkeit verschwunden?
Alles total paletti bei dem Köter, während es Joachim, oben in seiner Wohnung, von nicht viel eine Ahnung, weiter dreckig ging.
Obwohl Joachim plötzlich anzweifelte, vorhin überhaupt jemanden erlauscht zu haben, blieb es dabei, daß das Hundevieh der Dottlers schwieg. Für gewöhnlich nicht eben die Hundeart, still zu bleiben, wenn sie ...
Alles Denken, alle Betrachtungsweisen Joachims also ein Zeichen, wie sehr er durch den Wind war.
Was war denn nun das mit den Dottlers?
Da war es gut möglich, daß sich jedes Problem, das Joachim hatte, sich in einem Augenblick erledigte. Ab dem Moment, sobald er bei den Dottlers unterhalb anrief.
Ein Zischlaut ließ Joachim zusammenfahren.
Dann begriff er, daß er selber das war, der gezischt hatte.
Viel Kontakt zu den Dotters hatte er nicht. Die Nummer der Dottlers, die hatte er nicht am Phon abgespeichert, da brauchte er nicht erst extra nach dem Phon sehen, die Speicherliste öffnen, unter dem Buchstaben D nachsehen.
War zur Sekunde keine so gute Idee, daß er sich früher nie viel um Herrn und Frau Dottler gekümmert hatte. Allerhöchstens komisch angesehen hatte man sich. Grüßte man sich gegenseitig war das eine Überraschung.
Dadurch hatte es nie geschehen können, daß man Nummern miteinander austauschte. Aus dem Grund hatte Joachim auch nicht einmal was dafür unternommen, nachzusehen, wie viele Nummern der Dottlers im offiziellen Telefonbuch zu finden waren. Wie die Dotters das mit Sicherheit auch nicht bei Joachim Herrmann gemacht hatten.
Jetzt war die Geschichte eine andere, hätte er dies und jene Telefonnummer der Dottlers gut brauchen können.
Hätte er was abgespeichert gehabt, hätte er einfach sein Phon nehmen und auf der Stelle bei den Dottlers unten anrufen können. Beziehungsweise hätte Joachim das unternehmen können, ließ sich Stockie wieder vernehmen.
Gut hätten die Dottlers zu ihm heraufkommen können.
Die Dottlers, die waren auch nicht schlechter als andere.
Jeder der Dottlers, der sich bei einem Telefonat meldete, hätte das mit Sicherheit sofort gesagt, daß er sofort zu Joachim hinaufkäme.
War am Ende mit Joachim auch was los, was Joachim sich weiter noch nicht das bißchen erklären konnte.
Von überallher kam Joachim die Pein. Aus jeder Faser seines Leibes, die Haut brannte. Irgendwas stach ihn schrill im Kopf.
Kaum auszuhalten war das.
Unter diesen Umständen am Leben zu sein ...
Einen Stöhnlaut hatte Joachim erlauscht.
Er selber war das, der gestöhnt hatte.