1. Teil: 15.1
Das, worauf Joachim sich entsann, war, daß er die Kurznachrichten, die Marga ihm auf sein Phon schickte, gelesen hatte. Von der ersten bis zur letzten.
Als er die letzte gelesen hatte, ab dem Moment wußte er nichts mehr von der Welt.
Am Flurboden herumliegend, daß Joachim sich entdeckte, als er die Augen aufschlug.
Schwer zu sagen, was er zwischenzeitlich anstellte, jedenfalls war er weiterhin in seiner Wohnung. Nirgendwo sonst, etwa in einem Krankenhaus.
Komischerweise, daß er zwar aus der nächsten Ohnmacht zu sich kam. Um sich nicht mal schlecht zu fühlen.
Kaum daß er kurz daran dacht, konnte er sich schon aufsetzen. Um sich traurig zu fühlen.
Heftig brach ihm im Sitzen der Schweiß aus. Als ginge es ihm nicht so gut, wie er auf Anhieb vermutet hatte.
Auf den Rücken mußte Joachim sich auf den Boden zurücksinken lassen.
Dumpf klangen Geräusche an seine Gehörgänge, wie was von weiter weg.
Ohne daß es ihm bewußt war, daß er irgendwie in die Höhe gerumpelt wäre, sich aufgesetzt hatte, starrte Joachim nach der Türfläche hin.
War das doch seine Wohnungstüre, gegen die gehämmert wurde?
Das wähnte Joachim, daß sich Schultern gegen das stabile Holz der Türe zu seiner Wohnung warfen.
Darüber erfreut war er nicht mal, konnte sich das nicht erklären, warum er sich nicht darüber freuen konnte, daß jemand den Versuch unternahm, zu ihm in die Wohnräume einzudringen..
Mehrere Anläufe waren nötig, bis es den Unbekannten klappte, die Wohnungstüre gab ihren Widerstand auf.
Die Sicherheitsketten, die weiter vorgemacht waren, verhinderten das, daß Tür aufflog und Leute über die Schwelle zu ihm hereinstürzten
Zwei Hände beguckte Joachim, die die Türkante herabtasteten. Eine Hand, die die Sicherheitsketten innen von der Türfläche wegfingerten.
Innerhalb von Sekunden fielen die Ketten, daß anschließend die Wohnungstür, nach innen aufschleuderte.
Zwei Kerle, die über die Türschwelle hereintraten. Unfreundliche Visagen, mit denen die, die für Joachim keine Unbekannten waren, auf Joachim herunterglotzten.
Es blieb bei der Unfreundlichkeit. Bei beiden, von denen keiner für Joachim ein Unbekannter war.
Der eine war Willy. Schiefmaul-Willy, der Joachim die ausspannte, mit der Joachim eigentlich schon länger zusammenwohnte.
Der zweite bei Willy, der kam Joachim vom Gesicht her bekannt vor, ohne daß ihm deswegen ein Name zu der herablassenden Fratze einfiel.
Nur eins wußte Joachim, daß er den aus der Arbeit kannte. Aus dem Lagerwesen.
Alles andere als befreundet war man, daß es echt nicht zu fassen war, daß der und Willy bei Joachim auf der Türschwelle rumstanden, um ihm von oben herab daherzuglotzen.
Schon die Frage, wie da die Verbindung war; von woher Willy und der eine sich kennen sollten.
Die Arme verschränkte Willy vor der Brust. Willys äußerst unerfreulicher Nebenmann, machte es Willy nach.
Wie sehr Joachim sich auch mühte, der Name des Zudringlichen, der sich unzweideutig daran erfreute, in welchem schlechten Zustand er Joachim am Fußboden herumhocken sah, fiel ihm nicht ein. Es Willy nachmachend, daß der eine seine Arme vor der Brust verschränkte.
Auf beide, auf Willy und den anderen, auf die hätte Joachim gut verzichten können. Die beiden hätten sich wirklich nicht bei ihm blicken zu lassen brauchen.
Noch eine Gestalt, die zur Tür von Joachims Wohnung hereinspazierte. Neben Willy, daß sie sich aufbaute, die eine, die für Joachim wirklich keine Unbekannte war.
Marga in einem viel zu kurzem Minirock und weißem Schört, das die Spitzen von Margas Brustwarzen in den Vordergrund rückte
Irgendwas schien Marga nötig zu haben. Wiewohl sich das schwer sagen ließ, angesichts von Margas Atemlosigkeit, einem seltsam peinlich berührten Ausdruck in den Augen.
Irgendwie unerklärlich. Mußte etwas mit Margas verspätetem Eintreffen zusammen? Vielleicht hatte Marga auch nur die Stiegen im Treppenhaus im Laufschritt genommen, während Willy und seine Begleitung gemütlich im Aufzug hochgefahren waren.
Ansonsten hätte Marga auch bei Joachim oben aufs Klo gehen können.
Auf Joachim, daß Marga mit weit aufgerissenen Augen herabblickte. Als hätte sie diesen Anblick Joachims nicht erwartet. Das blutverkrustete Aussehen Joachims war gewiß für manch ein Gemüt nicht leicht zu ertragen.
Marga und Willy, beide nebeneinander dastehen zu sehen, das versetzte Joachim einen Stich in die Brust.
Hochrappeln wollte Joachim sich aufs neue. Irgendwas hätte er zur Hand haben müssen, mit dem er auf Willy und Marga und den dritten Anwesenden losgehen hätte können.
Schließlich entschied Joachim sich, nichts Größeres mehr zu wollen, wenn er in der Boderlage blieb, weil ihm nichts an seinem Körper gehorchte.
Irgendwas Unverständliches redete Marga zu ihm herunter. Nicht ein einziger Ton, der Marga über die Lippen kam, daß Joachims Gehörgänge erreichte.
Alles war, als wäre er taub geworden oder die Szene hätte allgemein keinen Ton an.
Erleichtert durchatmen sah Joachim Marga. Vielleicht wegen Joachims Hilflosigkeit, wegen der bei allem und jedem alles vorerst heil blieb.
Tatsache, viel, daß Joachims Bodenlage nicht viel hermachte.
Irgendwas Unerfreuliches meinte Willy, Joachim betreffend, mit unfreundlichem Gesichtsausdruck zu Marga hinüber.
Gerne hätte Joachim verstanden, was Willy dahergeschwatzt hatte. Damit er mal zorniger werden konnte. Womit vielleicht bei ihm ein wenig Leben in die Bude kommen können. Während das, was er von Willys Lippen ablas, zwar Schimpfworte zu sein schienen. Nur, das Worteraten, das war nicht dasselbe, wie sich was anzuhören, was an Eindeutigkeit nicht mißzuverstehen war.
Am Ende ließ sich eins festhalten, daß er das überhaupt nicht gebraucht hätte, daß Marga und Willy mitsamt Begleitung bei ihm in der Wohnung erschienen. Daß Willy und sein Nebenmann sich gewaltsam Zutritt zu seinen Wohnräumen verschafft hatten, das hätte man beruhigt bleibenlassen können.
Ganz komisch und irritierend empfand Joachim dabei weiterhin das eine, daß er das gehört hatte, wie sich Willy und der andere mit den Schultern gegen die Wohnungstüre warfen. Bloß, von dem, was man seitdem bei ihm drinnen und ihm gegenüber daherredete, von dem vernahm er nicht eine einzige Silbe. Als müßte jemand ihm endlich die Tonspur zuschalten.
Unvermittelt, daß eine weitere Person über die Schwelle der offenstehende Wohnungstür hereingetänzelt kam.
Auf dem Schlauch stand Joachim diesmal nicht, er wußte, wer die war, die mit ihrer Anwesenheit am Flurgang überraschte: Debbie.
Ausgerechnet Debbie, an die Joachim im Büro immer als die Kleine mit dem klasse Knackhintern dachte.
Zwischen Willy und Marga zwängte Debbie sich durch. Als wäre das das Gewöhnlichste auf der Welt. Als hätte sie bei Joachim in der Wohnung alle Rechte.
Den Daumen reckte Marga nach Debbie hin in die Höhe. Wovon Debbie nichts sehen konnte, weil sich das in ihrem Rücken abspielte..
Wie es aussah, brachte Marga mit dem Daumenhoch zum Ausdruck, sie wäre froh darüber, daß Debbie bei Joachim oben in dem ihr fremden Gebäude auftauchte. Selbst wenn das in Joachim den Verdacht erweckte, Marga und Debbie wären seit längerem besser miteinander bekannt.
Unter Umständen war hier ein Kalkül am Zug. Daß Joachim mit Debbie was anfangen könnte. Wenn Debbie schon so freiweg droben bei ihm aufkreuzte. Da konnte Joachim das meinen, daß Debbie etwas für ihn übrighätte. So wie Debbie ausschaute, noch dazu.
Legte Debbie es richtig darauf an, daß aus Joachim und Debbie ein Paar werden konnte. Zumindestens jetzt, nachdem Debbie sich schon mal aufgemacht hatte, sich bei Joachim daheim blicken ließ, den anderen dazukam.
Das entsprach tatsächlich der Wahrheit: Schlecht sah Debbie nicht aus. Jede Menge Kerle, die sich Debbiie als Freundin, Geliebte gewünscht hätten.
Nur, so recht überblicken konnte Joachim den Spaß in seiner Wohnung gerade trotzdem nicht. Den Grund, warum Debbie bei ihm in der Wohnung aufkreuzen sollte. Auch noch an der Seite Margas und Willys. Obwohl, mit dem aus dem Lagerwesen von Joachims Arbeitsstelle, dessen Name Joachim bisher überhaupt nicht einfallen wollte, mit dem war Debbie mit Sicherheit bekannt.
Eigentlich hatte Joachim nicht allzuviel mit dem aus dem Lager zu schaffen.
Dasselbe war das in dem Sinne auch mit Debbie. Vollkommen unbegreiflich, warum Debbie irgendwie dem den Vorzug geben sollte, für ein Moment bei Joachim am Flurgang rumzustehen. Denn, die Geschichte mit Debbie, die hatte eine Bewandtnis für Joachim. Womit sich nichts irgendwie vereinfachte.
Erst jüngst hatte Debbie Joachim nachmittags während der Arbeitszeit böse angefahren. Zu Joachim gemeint, würde er noch mal versuchen, sie abzutesten, anzugrabschen, würde sie die Grabscherei mal zur Anzeige bringen. Frau Fjörde könnte sie das mitteilen, das selbst oben in den Büros Chefs melden, daß Joachim seine Grabschfinger nicht bei sich behalten konnte. Erzählte sie ein paar Sätze von sexueller Belästigung, würde Joachim sehen, wie lange er noch auf seinem Bürostuhl vor dem Monitor hockte.
Irgendwas schwatzte Debbie mit den anderen zu Joachim, dem Rumliegenden, herunter. Joachim, der kein Wort von irgendwas verstehen konnte.
Debbie, die heiße Nachwuchshoffnung aus dem Vorzimmer des Büros von Frau Fjörde. Debbie, es war schier nicht zu fassen, daß sie sich nach Joachims Wohnadresse erkundigt hatte. Daß Debbie zwischenzeitlich mit Marga und Willy bekannt wurde, wie der eine aus dem Lager, mit dem Joachim seine Streitereien hatte.
In einem dünnen, weißen, alles andere als blickdichten Leinenkleid, Debbie. Ohne Büstenhalter und erkennbar auch noch ohne Höschen. All das, als wäre nicht April, sondern längst Hochsommer. Debbie, extraheiß drauf. Mit kaum was an, daß Debbie sich bei Joachim in der Wohnung Joachims Blick vorzeigte. Debbie, bestens mit Marga bekannt und vertraut, als wären Marga und Debbie die allerbesten Freundinnen. Wie der Lager-Heini und Willy sich ausgezeichnet zu kennen schienen.