1. Teil: 15.2
Deborah war nicht in der Wohnung. Willy, Hekki und Marga - genau dasselbe.
Als sich Debbie herunterbückte, mal kurz nach Joachim, am Wohnungsflur in Rückenlage, hinzufassen, war es das mit der Szene.
In Wirklichkeit hatte sich nie jemand mit den Schultern gegen die Wohnungstüre geworfen, keiner bei aufgebrochener Tür von außerhalb die Sicherheitskette weggenommen.
Alles war wie zuvor. Und Joachim war darüber ganz froh.
Kein Willy mit unfreundlichem Gesicht weit und breit. Auch kein Hekki, der aus dem Lager, dessen Rufnamen Joachim plötzlich wieder wußte.
Allerdings, Marga war auch fort. Die betraf bei der Szene dasselbe. Ebenso wie Debbie.
Das Interessante dabei war, daß Debbies Herabfassen es war, das den Spuk zerstieben ließ.
So viel Angenehmes erwartete Joachim also doch nicht von Debbie, wenn das mit ihr, obwohl es an sich an Nettigkeiten erinnerte, in die echte Welt zurückholte.
Der Traum, der verblies sich. Trotzdem paßte etwas. Leichter wie früher, daß er sich auf die Füße hochrappeln konnte. Ohne die Hilfe einer Flurwand.
Es war überraschend, wie wenig Probleme er mit dem Aufstehen hatte.
Auf wackligen Beinen war er in der Lage, in die Küche zurückzukommen.
Das war nicht die Zeit vorher, als er sich kaum aufrecht auf den Beinen halten konnte.
Geradezu schien es Joachim, er wäre nahe dran, wieder ganz der alte zu werden.
Nur, etwas für die große Euphorie war das doch noch nicht. Ärztliche Versorgung, Diagnose hatte er weiterhin nötig. Das, den Notruf zu wählen.
Diesesmal, das selber zu machen. Direkt mit einem Telefonat. Ohne den Willen Marga dazwischenschalten zu wollen. Um Marga konnte er sich irgendwann immer noch kümmern. Um Marga und Willy. War alles irgendwann wieder beim alten, waren Marga und Willy mal fällig. Und Debbie, die im Büro von Frau Fjörde, die konnte sich ebenso auf was gefaßt machen. Und, Hekkie, der konnte ihn auch noch besser kennenlernen. Besser, als sich Hekkie und Debbie sich das vorstellen konnten.
Entsetzt starrte Joachim auf den Küchentisch hinab.
Was war das momentan für eine Welt?
Das eine Phon, mit dem er Kontakt zu Marga aufnehmen konnte. Das einzige Gerät, das die eine Nummer Margas gespeichert hatte. Das lag zerbrochen auf der Tischfläche. Dreimal Bruchgehäuse, Akku, verbogene Simkarte.
Wie kaputtgeworfen. Dann die Einzelteile zusammengesucht, fein säuberlich auf der Küchentischfläche ausgebreitet.
Alles mit Sicherheit von keinen Eindringlingen. Keinem von denen, die ihm erst im Traum erschienen waren. Der Zerstörer, Kaputtmacher, das war er selber. Und das, ohne daß er sich wieder mal an irgendwas des Treibens erinnern konnte.
Ebensowenig an das, was er sonst noch so in der Küche getrieben hatte. Nachdem es alles in ihr wie aufgeräumt aussah.
Alles wie bereinigt, saubergewischt, als wäre zwischendurch eine Putze unterwegs gewesen. Irgendwer, der er nur selber gewesen sein konnte.
Das Phon sah nicht aus, als ob man noch mal irgendwas Größeres damit veranstalten könnte. Kein Techniker würde es zusammenbauen können. Auch der Akku mußte einiges abbekommen haben, obwohl man es dem Teil nicht wirklich ansah.
Und die verbogene SIM-Karte ... Allerhöchstens den Versuch konnte er unternehmen, die SIM in ein zweites Phon zu schieben.
An sich benötigte man dafür geschultes Personal. Ganz davon abgesehen, daß das Kaputte vom Verkaufsmarkt an die Herstellungsfirma zurückgeschickt wurde.
Die Antwort kannte Joachim auch. Wußte das, was zu ihm gesagt würde: Das Beste wäre, sich sofort ein neues Gerät zu zulegen.
Demnächst mußte er sich eine neue Reisetelefonie besorgen. Neue Nummer, umgeschriebener, verlängerter Vertrag. Neue Kündigungsfristen.
An sich nichts das große Problem. Nur eins machte Kummer. Daß es die eigene Wut war, die dafür sorgte, daß jetzt ein Phon zerdeppert war, an dem noch das eine oder andere nachzusehen gewesen wäre.
Er wußte, was da manche Information anbetraf, wenig. Insbesondere nicht das bißchen was davon, welcher Tag der augenblickliche war. Da war ihm anderes wichtiger, als Stunde und Datum. Marga und Margas Kurznachrichten. Die hatte er von A nach Z gelesen.
Oder, er guckte das mit den Zeit- und Tagesangaben zwar nach. Um es augenblicklich aus dem Gedächtnis zu verlieren. Wie er vieles zwar des öfteren wußte; aber noch viel mehr seinem Erinnerungsvermögen fehlte
Was die Erinnerung im Bewußten anbetraf, kratzte er gegenwärtig an der Oberfläche, weiter war das nichts.
Wie war das zu erklären, das, was dem Phon geschehen war?
Nicht mit der Wut des einen Joachims gerade. Das war der Wutausbruch eines anderen Joachims.
Der andere, von dem Joachim gerade nichts erinnerlich war, der diese Dinge anstellte. Auf die Joachim sich nicht entsann, wie sehr er sich auch darum bemühte.
Vor vollendet Tatsachen stellte ihn der andere, der zweite Joachim.
Sicherlich hatten Margas Kurznachrichten schuld. Wegen denen, daß der andere Joachim in Zorn ausbrach.
War fast nachvollziehbar, das Entzürnen: Marga war lange seine Freundin gewesen. In einer Wohnung hatten sie Jahre zusammengelebt. Und ausgerechnet wegen Willy - Schiefmaul Willy -, daß Marga ihn verlassen hatte. Normal zu begreifen war das nicht, so wie Willy ausschaute.
Zwar stimmten die Vorwürfe Margas. Sofort nach der Arbeit war er schon mehrere Monat unter der Wocher einen heben gegangen. In eine Kneipe, in die eine oder andere Bar weitergezogen. Um meistens so gegen dreiundzwanzig Uhr nach Hause zu kommen.
Nur, auf die Idee wär er nie gekommen, daß Marga in der Zwischenzeit mit Willy rummachte. Nie im Leben Marga und Willy.
Da war kein Gedanke, daß Marga ... Daß Marga ihm überhaupt mal mit wem fremdgehen würde. Und wenn Marga das gemacht hätte, dann nicht mit Willy. Nie mit Willy, dieser Hackfresse.
Daß ausgerechnet Schiefmaul-Willy ihm Marga ausspannte. Die Idee hatte er kein bißchen. So wenig, wie Marga Willy gefiel. Von Willy redete Marga als Jo's besten Freund. Das war das Netteste, was Marga von Willy sagte.
Sonst wußte Joachim von nichts. Voll ahnungslos war er. Erlebte deswegen eine echt böse Überraschung.
Marga und Willy, das hatte weiterhin was von einem falschen Film. Wie etwas, das man immer wieder genauer nachsehen mußte, um sich dessen sicher zu sein, daß die Tatsache auch wirklich der Wahrheit entsprach.
Trotzdem war das real passiert. Marga war bei ihm ausgezogen. Während sie erklärte, mit Willy zusammenzusein. Mit Willy.
Willy und Marga waren ein Paar. Mit Willy, daß Marga ins Bett stieg. Willy, den Marga auf sein schiefes Maul küßte.
Ein echtes Liebespaar, Marga und Willy. Zwei, die sich liebten. Marga bestand und bestand darauf, daß sie jetzt Willy liebe.
Es war ihm nie begreiflich, wie das zuging. Unfaßlich. Solch ein Ding der Unmöglichkeit, daß Joachim aufs neue, weil es ihm schon wieder besser ging, die Lust kriegte, auf die Straße runterzumachen. Sich auf die Suche nach Marga zu begeben. Margas und Willys Versteck ausfindig zu machen.
Was glaubte Marga eigentlich, was das war? Davon was mitzuteilen, daß sie die folgenden Tage bei einem Arbeitskollegen Willys verbringen wollte?
Konnte das wahr sein? Als ob es zu viele davon davon gab, daß da keine Arbeitskollegen Willys nirgends ausfindig zu machen wären?
Auf wackligen Beinen, daß Joachim sich an sein Küchenfenster begab. Seitlich lehnte er an der Mauer.
Das Fenster hatte keinen Vorhang vor, das Rollo war hochgezogen.
Dunkelheit herrschte draußen. Konnte ein neuer Abend sein. Oder mitten in der Nacht.
Der nächste Tag, den er verloren hatte. Nicht eine Minute, daß er auf der Arbeit gewesen war, sich nicht für seine Fehlzeiten entschuldigt hatte.
Nicht im Büro angerufen. Nicht einen Satz mit Personaler Menzle gewechselt.
Oder hatte das der andere Joachim getan?
Schwer für Joachim zu sagen. Genau wußte Joachim das nicht. Dafür hätte er auf seinem Phon nachsehen müssen. Sein Phon war allerdings zertrümmert.
Das war die Frage, ob der andere Joachim nicht doch schon mal mit Menzle, dem Personalchef, eine Unterhaltung geführt hatte.
Dringend notwendig hätte Joachim das gehabt, sich mit Personaler Menzle zu unterhalten.
Nicht über irgendwas Bescheid zu wissen, das war nicht schön. Kein bißchen ein angenehmens Gefühl. Demnächst zum Heer der Arbeitslosen zu gehören.
Unten schwebte plötzlich eine gelbe Leuchtkugel knapp oberhalb der Straße. Fahrzeuggröße.
Erschrocken, daß Joachim die Augen aufriß und zurückzuckte.
Mit dem Rücken drückte er sich ängstlich an das Mauerwerk seiner Küche.
Darauf wartete er, daß sich irgendwas abspielte.
Das, vom Fenster wegzuzucken, war eine viel zu hastige Bewegung gewesen. Eine Flüchtigkeit der Art, die Aufmerksamkeit erregen konnte. Bei was, das seine Umgebung wahrscheinlich mit Impulsen durchleuchtete, kontrollierte. Eine Bildaufnahme, die nochmals angesehen werden konnte. Ein bestimmter Punkt hinter einer Fensterscheibe, hatte das eine nicht ohnehin immer alles im Bild.
Für ein Weilchen war es nichts damit, für Joachim, an den Küchentisch zurückzukehren.