1. Teil: 15.3
Vor Anstrengung schwer atmend, kehrte Joachim in die Küche zurück, hockte sich auf seinen derzeitigen Lieblingsstuhl am Küchentisch.
Die Erkenntnis machte ihn fertig: Was trieb er selber denn?
Alles war kaputt, hinüber. Nichts, was interessiert hätte, war nicht entzwei.
Der Klapprechner im Wohnzimmer, kaputtgetreten. Das eine Phon nicht auffindbar. Dem Rechner im Arbeitszimmer war der Monitor auf die harte Bodenfläche herabgekippt. Auf den Prozessor war draufgestiegen worden. Die beiden restlichen Phons, für die Joachim darüberhinaus monatlich zahlte, waren gegen die Wand geworfen worden. Das normale Einstecktelefon, es war genauso zerdeppert.
Der reinste Vandalismus. Von einem, mit dem Joachim bestens vertraut war. Weil er selber der Übeltäter war. Ohne sich im mindesten daran erinnern konnte.
Obwohl er den Einfällen des anderen, zweiten Joachims einigermaßen zu folgen vermochte. Erschien ihm die Geschichte einfach nur blöd. Im Hier und Jetzt, bei sich, hätte er diesen Wutimpulsen nicht nachgegeben.
Und was hatte das zur Folge, was er selber, ohne daß es Bestandteil seines Erinnerns war, angestellt hatte?
Es war mit keinem Menschen mehr in Kontakt zu treten. Die Verbindung zur Außenwelt, sie war ihm gekappt.
Er war nicht mehr in der Lage, Marga anzurufen. Margas einzig verfügbare, brauchbare Nummer, die war auf dem einen Phon abgespeichert gewesen. Das ihm im Jetzt durch die eigene Zerstörungswut abhandengekommen.
Auch das, den Notarzt doch noch mal herbeizurufen, das konnte er vergessen. Ebenso wie das, irgendwo mal Personaler Menzle anzurufen. Für den es ewig allerhöchste Zeit war.
Bei Personalchef Menzle war dringend sich zu melden, egal, wie unschön da eine Unterhaltung verlaufen würde.
Die einzige Möglichkeit, die ihm noch blieb, wenn er irgendwas wollte, war, die eigenen Wohnräume zu verlassen. Raus zur Wohnungstür zu machen. Entweder bei jemandem der Nachbarschaft klingeln. Oder im Aufzug ins Erdgeschoß runter.
Dorthin sich hinauszubegeben, wo seltsame Leuchtkugeln herumschwebten.
Kopfschüttelnd atmete Joachim tief durch. Das war anstrengend gewesen, sich in der eigenen Wohnung ins Wohn- und Arbeitszimmer zu begeben. Auch die Rückkehr in die Küche verursachte ihm jede Menge Atemlosigkeit.
Das mit dem miesen körperlichen Allgemeinzustand war zwar besser geworden. Nur, ganz gut war nichts.
Deshalb wäre es gut gewesen, etwas zu haben, mit dem er in die Welt hinaustelefonieren hätte können. Da hätte er fragen können, ob das mit den leuchtenden Kugeldingern wahr war.
Es half nichts, sich über die Zerstörungswut des einen anderen, der er im Grunde selber war, aufzuregen.
Selbst Stockie, die Tölle der Dottlers, kommentierte die sorgenerfüllten Gedanken Joachims im Stockwerk drüber mit ein paar lahmen Winslern, dumpfen Bellern.
Irgendwie klang Stockie, als ginge ihm bald die Kraft flöten. Als ob der riesige Vierbeiner sich irgendwie zu was aufraffen mußte, so hörte sich die Tonart Stockies an.
Nicht recht zu begreifen, was Stockie fehlen sollte. Wenn bei Stockie Herr- und Frauchen dauernd für alles sorgten. Stockie kriegte zu saufen und zu fressen. Und man ging mit ihm Gassi.
Joachim war der in der miesen Situation. Joachim war der, der sich ständig irgendwie zu etwas aufraffen mußte.
Über die Stirn wischte sich Joachim. Er war dämlich und noch einmal dämlicher. Nicht nur, daß er Rechner, Läppie und seine Telefonie nutzlos zerstört hatte. Er hatte sein Phon lange genug angehabt, und hatte mit ihn nichts als Unsinn angestellt.
Es war fast unglaublich: Nicht einmal htte er bewußt auf der Anzeige nachgesehen, was gerade für ein Datum. Als wären die Stunde, der Tag, all das, vollkommen unwichtig für ihn. Dafür stand Marga bei ihm an erster Stelle. Marga, die ihn für Willy verlassen hatte.
Nur bei einem blieb es momentean: Für den Moment ging es ihm so weit gut genug. Anders, als vor kurzem noch, konnte er einiges problemlos mit sich anstellen. Jedem gedanklichen Impuls wurde stattgegeben.
Vom Küchengestühl erhob Joachim, schaute sich nach dem Mineralwasserflaschenkasten an der Wand um.
Zu dem Hartplastikkasten begab er sich, torkelte nur dann und wann. Herab bückte er sich. Nur noch zwei Mineralwasserflaschen waren voll, eine zog Joachim für sich heraus.