1. Teil: 16.5
Etwas Feuchtes, Kühles spürte Joachim im Gesicht.
Obwohl er aufgeregt alles mögliche meinte, war er nicht in der Lage, auch nur kurz hochzuzucken und die Augen aufzureißen.
Übelriechenden Gestank hatte er in der Nase. Heißen stinkenden Atem.
Es schien ein Tier über ihm zu sein, das ihn im Gesicht herschnüffelte.
Ein Hund? Ein großes Hundevieh, eins, das scharfe Zähne im Maul hatte?
Das mit der teilnahmslosen Reglosigkeit Joachims, damit war es vorüber. Sein Oberkörper ruckte in die Höhe.
Er riß das Augenpaar auf, sah sich blinzelnd einem großen Hund gegenüber.
Ein ziemlich riesiges, orangefarbenes Vieh, das bei offenstehender Wohnungstür auf der Schwelle hinein in eine Wohnung zurückgezuckt war.
Das Herz Joachims war am Rasen.
Helloranges struppiges Fell, das im Hals-, Nackenbereich noch ein wenig heller war.
Schwarze Augen. Eine langgezogene orangerote Schnauze.
Einem ziemlich gewaltigen Hundevieh, daß er sich gegenüber befand. Aber Joachim nicht restlos unbekannt. Er wußte den Rufnamen: Stockie.
Stockie, das Wohnungsschoßhündchen der Dottlers im dritten Stock.
All das, wie es in seinem Alptraum war. Als hätte er vorhin einen Wahrtraum gehabt.
Etwas anderes, als ein Traum konnte es nicht gewesen sein. Traum war dafür das passende Wort. Denn, im wirklichen Leben war ihm das nicht gegeben, unter freiem Himmel in vier Stockwerken Höhe herumschweben zu können.
Normal war hier nichts, echt schwierig, den Dingen hinterherzudenken.
Einer Türschwelle war er nahe. Starrte hinein in einen fremden Wohnungsflur mit Schrank.
Eineinhalb Meter hoch war das Schrankteil auf alle Fälle, bei dem Stockie nahe der für Joachim überblickbaren breiten Seite dastand. Zu Joachim, dem Zweibeiner, daß Stockie hinglotzte, als wüßte er erst mal nicht, was er mit dem ihm fremden Menschen anfangen sollte.
Die große Angriffslust entwickelte Stockie nicht.
Wäre die Wohnungstüre der Dottler-Leute nicht aufgestanden, wäre um Joachim herum sicherlich nichts als Dunkelheit gewesen. So brannten drinnen an der Flurdecke zwei Deckenlampen unter weißen Stoffschirmen.
Etwas Komisches, das Joachim an der zurückgezogenen Holztür wahrnahm.
Bedächtig, daß er sich vorbeugte, damit Stockie, der Riese auf vier Pfoten, nicht auf Einfälle kam.
Die Höhe, wo die Türklinke und der Rest der metallenen Schloßvorrichtung sein sollte, gewahrte Joachim ein größeres rundes Loch im Holz.
Das Metall, wie restlos weggedampft. Als wäre mit einem Energiestrahl, mit dem das Kugelding aus Joachims Traumgebilde die Fensterscheibe zerdeppert hatte, das Türholz durchschossen worden.
Das war das nächste Unbegreifliche.
War denn an dem von ihm Geträumten irgendwas wahr?
So eine Art kräftigen Laserstrahl, wie er ihn im Traumgebilde gesehen hatte. Im Schwebezustand hatte er sich befunden, vier Stockwerke hoch. Eine Etage tiefer hatte die hochgleitende blinkende Leuchtkugel in der Diagonale zu ihm angehalten.
Gelblich grell war das, das aus der einen blinkenden Diskokugel herausschoß, die Fensterscheibe zersplittern ließ.
Bloß, das eine war geträumt. Das andere im Hier und Jetzt die Wirklichkeit. Oder nicht?
War auch das Moment hier nichts als die Fortsetzung des Alptraums? Dieses, das Joachim als reales Ereignis erachtete.
An der Holztür, wie es dort aussah, änderte sich nichts. Als wäre hier nichty anderes passiert als das, was Joachim aus dem Alptraumgeschehen kannte.
Hundeknurren schreckte Joachim aus seinen Betrachtungen.
Stockie war der, der knurrte. Eine gewaltige, körperlich massive Tölle, die drinnen am Wohungsflur bei der Schrankbreite herumstand.
Langsam schien Stockie das klarzuwerden, daß er und der eine Mensch doch nicht schon seit längerem miteinander bekannt waren.
Im Grunde kannte man sich vom Sehen, weiter war da nichts. Nur für Joachim hatte das eine Bedeutung.
Wenn der Zufall mitspielte, und man sich im Gebäudeaufzug traf. Entweder, daß Stockie angeleint vom Gassigehen heimkehrte oder fürs Gassigehen hinabgefahren wurde. Herr oder Frau Dottler oder beide gemeinsam, die das übernahmen, mit Stockie Gassi zu gehen.
Dottler las Joachim den Namen am metallenen Namensschild ab, mit Schrauben an der Türfläche festgemacht.
Die Dottlers, diejenigen, die die Wohnung unter der Joachims bezogen hatten. Vor Jahren schon.
Die Dottlers, deren großen Hund Joachim sich gegenübersah. Der Vierbeiner mit Namen Stockie, der in der Zwischenzeit nicht mehr nur Geknurre hören ließ, sondern Joachim auch auf bedrohliche Weise komisch gelbliche Zähne zeigte.
Bisher hatte er Stockie immer nur aus der Wohnung der Dottlers unter sich bellen gehört, Stockies Gewinsle.
Jetzt war das voll die veränderte Situation.
Ohne es sich jetzt bewußt zu sein, wie es dabei zuging, hatte er seine Wohnräume verlassen, befand sich ein Stockwerk tiefer. Vor der Wohnungstüre der Dottlers, die kaputtgeschossen offenstand.
Außerdem, der riesiggroße Hund der Dottlers. Stockie war ihm gegenüber, ohne daß irgendwas Besseres zwischen ihnen war.
Nichts, das irgendwas zwischen Stockie und ihm verhindern hätte können.
Nur eins hätte geholfen: daß die Dottlers mal kurz in Erscheinung traten, wo eilig zu einer Zimmertüre heraustraten, nachzusehen, was in ihren Wohräumen los war.
Kühlen Kopf versuchte Joachim zu bewahren. Gegen die aufkeimende Panik anzukämpfen.
Das, daß er mal für sich festhielt: Stockie hatte noch nichts angestellt, weiterhin nicht angegriffen.
Bloß ein bißchen Knurrerei und Zähnefletschen, mehr war nicht.
Noch.