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Blog von TeddeMehr

1. Teil: 16.4

6. Februar 2021 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #dreimal erwachen

Das unterhalb, das war seine Straße. Oft schon hatte Joachim die letzten Jahre aus dem und dem Fenster seiner Wohnung auf sie hinabgeguckt. Tagsüber, nachts.

Einzig und alleine, anders, daß er im Moment schaute. Der Blickwinkel, den er eben hatte, war ihm neu. Bei der Fensterscheibe der Nachbarwohnung mit dem Rücken zum Glas rumschwebend.

Die Vogelperspektive war das. Die er sonst höchstens mal hatte, wenn er ein Fenster öffnete und sich weiter hinausbeugte, um von oben runterschauen, auf den Gehsteig hinunter, der an seinem Wohngebäude vorüberführte.

 

Von einer befahrenen Straßengegend konnte nicht die Rede sein. Vielleicht, weil es mitten in der Nacht war.

Alle Autos unterhalb waren hinparkt. Manche allerdings komisch. Wie auf der Straße unten kreuz und quer abgestellt.

Dieses und jene Fahrzeug wirkten, als wäre es auf das vorndran aufgefahren und seitlich geschoben worden. Alles mögliche, das schwer nach Auffahrunfall aussah.

Nicht verständlich für Joachim, daß hier keine Leute rumliefen. Normal war das nicht. Auch das nicht, daß an keinem der Vierräder ein Licht brannte.

Schwer vorstellbar, daß, wenn das drunten mal eine Unfallstelle war, alles so gelassen würde, wie es nach dem Unfallgeschehn war. Drunten hätte ein großes Aufräumen stattfinden müssen. Feuerwehrleute, Polizei.

Trotzdem, gleichgültig, wie es unterhalb ausschaute, nichts von irgend jemandem zu erkennen, der sich größer über irgendwas erregn wollte. Als wäre alles und jeder erst mal schlafen gegangen. Nach dem Motto Morgen war auch noch ein Tag.

Unvorstellbar. Andererseits, die Straßenlampen erhellten die Umgebung viel zu unbestimmt. Bei Tageslicht wäre die gesamte Geschichte sicher sehr viel besser zu erkennen gewesen. Vielleicht täuschte sich Joachim in dem Eindruck von dem, was unterhalb wirklich los war.

 

Kühl sah Joachim an sich herunter, überschaute die eigenen umdunkelten Turnhosenbeine. 

Eine Bewegung aus den Augenwinkeln ließ ihn zusammenfahren, entsetzt hinblicken.

Ein kreisrundes, bunt blinkendes Leuchtgebilde, das drunten auftauchte. Über der Straße voranschwebte.

Etwas, das an das verschiedenfarbig Geblinke einer Diskoleuchtkugel erinnerte, eine, wie Joachim sie selber mal in einem anderen Leben besessen hatte.

Von der Ampel mit Zebrastreifen herkommend, glitt das kugelige Funkelding langsam oberhalb der nächtlichen Straßenlandschaft dahin. Fast, als befände sich hier etwas auf einem Patrouillenflug.

 

Hundegewinsel erreichte Joachims Gehörgänge. Eine Bellerei, das sich nach Verzweiflung anhörte.

Von hinter einer Fensterscheibe ein Stockwerk tiefer. 

Die lustig in vielen Farben vor sich hinblinkende Leuchtkugel, vielleicht zwei Meter im Durchmesser, die unten vorm Gebäude vorübergekommen war, verharrte im Nu im Schwebeflug. Als wären Gebelle und Winselei von geräuschempfindlichen Sensoren wahrgenommen worden.

In einem Moment kam die Kugel samt lustig scheinendem Geblinke hochgeschwebt, daß Joachim es mit der Angst zu tun kriegte.

Eine Etage unterhalb von Joachim verhielt das Blinkeding rechter Hand unmittelbar bei einer Fensterscheibe, während Joachim sich Unsichtbarkeit wünschte und kaum zu atmen wagte.

 

Irgendwie war eins und eins zusammenzuzählen, was schuld an dem Schrecken hatte: die verräterischen Winsellaute des Hundeviehs. Auf das Gewinsel war das komische Gerät aufmerksam geworden.

 Das Gebell, das sich wiederholte. Bellerei, die sich anhörte, als wäre dort ein Vierbeiner knapp davor, daß ihm die letzte Kraft noch flötenging. Wenn sich nicht demnächst was bei ihm abspielte.

Der kugelige Leuchtkörper, der aussah, als wären an ihm verschiedenfarbige Metallplättchen befestigt, die die Farbenpalette rauf und runter glitzerten und blinkten, stand blinkend unbewegt in der Diagonale knapp bei dem einen Fenster der Wohnung. Eine, die Herr und Frau Dottler bewohnten, wie Joachim wieder wußte.

Das Geschehen war für ihn nur schwer auszuhalten. Flüchten zu können wünschte Joachim sich. Abzuhauen. Obwohl es sicher besser war, wie es war. Zu hilfloser Regungslosigkeit verdammt schien er unbemerkt zu sein.

Hätte er seinen Wünschen nachgeben können, war die Frage, was die folgenden Augenblicke mit ihm passierte.

So durfte er sich erst mal glücklich schätzen, hier Zuschauer zu sein, und sich nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit des Fremden, Unübersichtlichen zu befinden.

 

Die Wohnräume Herrn und Frau Dottlers. Die gläserne Scheibe, hinter der große Hund der Dottler winselte, jämmerlich heulte und dann und wann daherbellte, als bräche das Bellen aus ihm heraus, obwohl alles demnächst vorbei sein würde.

Schwer zu sagen, was mit dem Köter der Dottlers sein sollte.

Eigentlich hätte es ihm bestens gehen müssen: jede Menge Gassigehen, Leckerlis, ein gefüllter Wasser- und Freßnapf.

Ein bläulicher Strahl, der unvermittelt aus dem schneller losblinkenden Kugelding rausschoß.

Die Glasscheibe im Fensterrahmen zersprang nach innen und außen.

Erschrocken, daß der Hund der Dottlers aufheulte.

 

Die befremdliche Kugel flog problemlos durch die freigeschossene Öffnung hinein. Während Joachim sich verwundert fragte, warum die gläserne Scheibe nicht einfach im Voranschweben durchstoßen wurde.

Andererseits erschreckte, ängstigte der abgefeuerte Laserstrahl den Dottler-Hund nicht mehr als notwendig.

Gerumpel vernahm Joachim unterhalb, als wäre das große Hundevieh der Dottlers trotzdem auf der Flucht, rempelte wo dagegen, daß verschiedentlich Gegenstände um-, herunterstürzten.

 

Plötzlich merkte Joachim, daß er nicht mehr an dem einen Ort in mehreren Stockwerken Höhe unter freiem Himmel wie festgepinnt in der Luft festhing. Geschwind, daß er abwärts sackte, vorangleitend die Richtung der durch Beschuß geschaffenen Fensteröffnung nahm. Wie mittels eines Traktorstrahls zielgeleitet.

Geradezu erweckte es den Eindruck, daß die Blinkekugel, deren Idee alle Geschehnisse sein mußten, drinnen im menschenleeren Schlafzimmer der Dottlers Joachims Erscheinen erwartete. Um ihn großzügig an sich vorüberschweben zu lassen.

Viel zu geschwind ging es für Joachim aus dem Schlafzimmer auf den Flurgang der Wohnung der Dottlers und sofort auch noch durch die offenstehende Wohnungstüre hinaus.

 

 

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