1. Teil: 16.6
Joachim wußte von nichts. Hatte keine Erinnerung daran, was für Überlegungen ihn geritten hatten. er sich einfallen Irgendwie, aus momentan nicht nachvollziehbaren Gründen, hatte er sich die Wohnung der Dottlers eine Etage tiefer als sein Ziel erwählt.
War er dafür die Haustreppe hinab, sich am Treppengeländer festhaltend? War er Stufe zu Stufe hinabgetapst?
Einfacher war das mit dem sich Herabbegeben sicherlich, als das, noch mal den Weg zurück hinauf zu nehmen.
Oder war er im Aufzug herabgefahren ...?
Nur - was sollte das? Warum sollte er den Lift einen Stock tiefer halten lassen und aussteigen?
Da war viel wahrscheinlicher, daß er in der Kabine sofort durchgängig in das Parterre hinuntergefahren wäre, ohne Zwischenstopp.
Stockie, der lebensbedrohlich wirkende Straßenköter der Dottlers, hörte damit auf, Joachim starr anzuglotzen, dann und wann zu knurren und die Zähne zu fletschen.
Ein erbärmlicher Winsellaut entfuhr Stockie. Den struppigen Schwanz, daß Stockie einzog.
Ohne daß Joachim irgendwas dafür angestellt hätte. Nichts, was Stockie, der der mit dem Zähnezeigen war, einschüchtern hätte können.
So, wie er Stockie gegenüber weiter auf den kühlen Fliesenflächen rumhockte, war das kaum vorstellbar, daß ein großer Hund wie Stockie davon einzuschüchtern war.
Trotzdem war das Verhalten Stockies ein anderes.
Bei der genauren Betrachtung Stockies hatte Joachim noch mal den Eindruck, daß irgendwas mit Stockie nicht stimmen konnte. Das Fell Stockies sah struppig, ungepflegt, räudig aus; der Blick Stockies irrlichterte fiebrig.
Das ging Joachim so richtig auf, wie ausgemergelt Stockie aussah. Als hätte der große Hund der Dottlers länger nichts mehr zu fressen und zu saufen gekriegt.
Was Joachim jedoch nicht begreifen konnte. Was er sich da beim Betrachten Stockies überlegte, war wohl nicht möglich. Stockie war das Schoßhündchn der Dottlers; Herr und Frau Dottler kümmerten sich um ihren Vierbeiner. Stockie war diejenige Kreatur, die die Dottlers bei sich in den Wohnräumen duldeten. Den Freßnapf und die Wasserschüssel, daß beide Dottlers Stockie auffüllten.
Allerhöchstens das konnte sein, daß Stockie mal auf Diät gesetzt wurde.
Allerdings war da die Frage, ob Stockie danach so aussah, daß man im Tierheim anrufen hätte können.
Den Kopf verdrehte Joachim bedächtig, wie in Zeitlupe. Für sich eine Fluchtmöglichkeit zu entdecken.
Seitlich linker Hand blickte Joachim in den Fahrstuhl. Die Fahrstuhlkabine stand offen. Während das Licht von drinnen das Dunkel rundherum nicht übermäßig erhellte. Bloß ein Stückweit rübergriff, den Schemen aushalf.
Die Metalltüre war nicht zugeglitten, weil ein zieimlich Kleidungsbündel seltsam auf der Fahrstuhlschwelle plaziert war.
Ein dicker Frauenpelzmantel. Kunstpelz oder nicht, Joachim wußte das nicht sagen.
Die pelzigen Ärmel des Mantels verhinderten, daß die Schiebetür noch weiter zugingen.
Unzweideutig war unter dem Pelzteil irgendwas Größeres verborgen. Viel zu aufgehäuft, das Bündel.
Alles hier fand Joachim seltsam. Bei der Fragestellung, wo diejenige hingekommen war, die den Pelz angehabt hatte.
Warum blieb der Pelzmantel hier liegen, während die, die ihn getragen hatte, fehlte? So billig wirkte der Pelzmantelteil nicht, daß jemand es normal einsam und verlassen liegenlassen hätte wollen.
Nur - das alles war gleichgültig. Angesichts von Stockie, dem Hundevieh Das sich bei Gelegenheit mannshoch auf die Hinterpfoten aufrichten konnte.
Groß wie ein Kerl mit Gardemaß - Stockie.
Eins war Joachim klar: der Weg zum Lift, der stand ihm offen.
Wenn es Joachim gelang, sich ins Kabineninnere des Gebäudeaufzugs hineinzuflüchten. In einer Sekunde das Pelzbündel mit den Füßen wegzutreten, dann war das die Gelegenheit, Stockie zu entkommen.
Drinnen im Lift einen Knopf zu erwischen, daß hinauf- oder -unter abgefahren wurde.
Sobald sich die Schiebetüre geschlossen hatte, hieß das Sicherheit. Befand er sich sicher hinter dem verschlossenen vier Wänden der Kabine. Dann konnte mit dem Köter der Dottlers sein, was mit ihm sein wollte.
Beschwörend glotzte Joachim Richtung Stockie, vermied es dabei, Stockie zu unmittelbar in die Augen zu sehen.
Etwas, wovon Joachim einmal was gelesen hatte, daß ein Hund, mit dem man nicht direkt näher bekannt war, das zu allem Überfluß verkehrt auffassen konnte, brachte man es mit ihm zu einem unnötigen Augenduell.
Langsam begann Joachim sich, auf den kühlen Fliesen dasitzend, nach rückwärts und seitlich nach links zur Gebäudeaufzugsschwelle zu schieben.
Stockie unternahm weiterhin nichts, außer daherzuglotzen. Stockie, der sich, obzwar ziemlich zittrig auf den vier Pfoten, nichtsdestotrotz, ob er hungrig war oder nicht, zu nichts entschließen konnte.
Ein Umstand, der sicher daran lag, daß Stockie ein Hund war - und Joachim ein Mensch.
Jahrelang hatte Stockie, gehegt und gepflegt bei Menschen gelebt. Bei jemandem, der eher wert darauf legte, daß Stockie den Charakter eines Schoßhündchens entwickelte. Ansonsten bekam Stockie andere Saiten aufgezogen.
Auf dte gute Hundeschule Stockies durfte Joachim anscheinend setzen. Daß es, egal wie es Stockie gerade ging, bei Stociies Ehrfurcht blieb. Schließlich passierte dauernd was, wenn der Vier- den Zweibeiner nicht für den Oberherrscher hielt.
Die Augen kniff Joachim zusammen. Nachdem Stockie die Ohren angelegt hatte. Als hätte er aus dem Gesichtsausdruck Joachims irgendwas herausgelesen. Beinahe, als hätte Joachim seine Gedanken zu laut gedacht.
Den Kopf drehte Stockie rauf und runter, als wäre ihm das jetzt bald mit jedem Kopfnicker klarer, daß der sich zeitlupenartig bewegende Mensch irgendwas im Schilde führte.
Mit Sicherheit war das bis zu dem Augenblick ein Glück Joachims, daß Stockie, als Wohnungshund, der von seinen Besitzern verhätschelt wurde, die eigene Größe und Körperkraft nicht recht einzuschätzen wußte. Gut die Möglichkeit, daß Stockie als Stadthund noch selten ein Tier gejagt, geschweige denn ein einziges umgebracht hatte. Stockie, der Schoßhund, der bisher immer alles im Napf serviert bekommen hatte, aus Aluminiumschälchen oder Kupferdosen. Herrchen und Frauchen die Dosenöffner. Zumeist wahrscheinlich nicht mal Fleisch in seinem rohem, ursprünglichen Zustand. Sondern so, wie es Herrchen oder Frauchen auch gerne verspeisten. Kein großer Unterschied.
Tatsächlich schien Stockie ein einziges Fragezeichen. War voll unschlüssig, was er mit Joachim, dem Menschen, umgehen, mit ihm anstellen sollte.
Mit jeder Sekunde, die verstrich, daß Joachim seinem Ziel ein Stückchen näherkam.
Mußte auch nicht sein, daß Stockie, trotz seines abgemagerten, struppigen Aussehens, Dinge einfielen.
Das Herz hüpfte Joachim regelrecht. Beinahe wollte er lauthals mit dem Jubilieren anfangen. Nachdem er den Pelzmantel, der eine Pappschachtel bedeckt, so weit nach der Seite weggeschoben hatte, daß er über die Schwelle rüberrutschen konnte.
Dann hatte er es geschafft, er entdeckte sich im Innern der Aufzugskabine. Ohne daß Stockie über die Türschwelle hinweggelaufen war.
In der Wohung von Herr-, Frauchen geblieben, Stockie.
Massig Glück hatte er gehabt, fand Joachim.
Böses Geknurre drang an Joachims Gehörgänge. Stockie, der Streichelzoo der Dottlers, der auf ihn zugeschossen kam.
"Hau ab, du -!" krächzte Joachim, sich hochreckend, als wolle, könnte er sich auf die Beine hochrappeln. "Verschwinde, du Drecksköter!"
Tatsächlich war Stockie sich noch über die alten Mensch- und Hund Machtverhältnisse im klaren. Als würde eine unsichtbare Wand ihn bremsen, verhielt Stockie im Sprint, glotzte.
Ein Augenblick, der Joachim reichte, die Schachtel mit dem aufliegenden Pelzmantel über die Aufzugschwelle hinwegzutreten. Es war überhaupt nichts dabei, nichts schlimmer eingeklemmt, wie fast zu befürchten war.
Relativ geschwind schob sich die Aufzugsschiebetüre zu, als hätte sie nicht seit ewigen Momenten darauf gewartet hatte, sich mal schließen zu können.
Joachim wartete nicht lange auf irgendwas, zuckte mit dem Oberkörper in die Höhe, klatschte mit der flachen Hand auf den untersten Knopf der Fahrstuhlbedienleiste.
Draußen krachte es an die metallene Aufzugstüre. Nicht anders zu erklären, als daß Stockie gegen sie gesprungen war.
Nur - Stockie nutzte alles nichts mehr. Die Aufzugskabine ruckte an, und Joachim kriegte mit, daß die Fahrt für ihn abwärts ging.
Außerhalb der Fahrstuhls erlauschte Joachim von weiter oben das aufgebrachte und gleichzeitig enttäuschte Gebelle Stockies.
Tief atmete Joachim durch, genoß es erst mal, mit dem Rücken an die Kabinenwand angelehnt, nur erleichtert dazusitzen. Bis er merkte, daß der Schweiß ihm in Strömen floß und ihm in die empfindliche Haut biß.
Nur, das war das Wenigste. Der Rest war Euphorie, ein Glücksgefühl. Er war einer äußerst mißlichen Lage entkommen. Mit mehr Glück als Verstand.