1. Teil: 16.7
Die Fahrstuhlkabine hielt mit einem kleinen Ruck. Die Kabinentür glitt auf.
Das elektrische Licht außerhalb hatte sich mit dem Eintreffen des Aufzugs automatisch eingeschaltet.
Es war der Keller, konstatierten Joachims Gedanken.
In den Kellerbereich des Gebäudes kam das räudige Hundevieh deer Dottlers mit Sicherheit nicht runter.
An sich war das Kellergeschoß zugesperrt. Jeder im Gebäude seinen eigenen Schlüssel zum Aufsperren des Kellers hatte, kam er zu Fuß runter. Verließ einer den Keller, mußte von ihm zugesperrt werden. Fuhr er im Gebäudeaufzug hinauf, hatte er nachzusehen, ob die Kellertür zu war.
Vor allem deswegen sollte man das machen, damit sich im Haus keine Penner oder Süchtige einschleichen konnten. Niemand, den man nicht brauchte, der sich ins Gebäude reinstahl, um sich mit Werkzeug an den Schlössern der einzelnen Kellerabteile auszuprobieren.
Hatte Joachim sogar im Mietvertrag drinnen stehen, daß den Keller jedesmal hinter sich zusperren würde: beim Betreten und Verlassen.
Unglaublich fand Joachim die Geschichte, die er mit Stockie erlebt hatte.
Das verkokelte Loch in der Wohnungstüre der Dottlers, das war eine Art Wahnsinn. Wie ein böser Traum, der Wirklichkeit wurde: der mit der Blinkekugel.
Nur - warum sollte so ein Kugelding, ob es blinkte oder nicht, einfach mal so für das eine Durchschußloch in der Tür hinein in die Wohnung der Dottlers sorgen? Etwa gar, damit Stockie, das Schoßhündchen der Dottler-Leute, durch die offenstehende Wohnungstür aus den Flur herausstürzen konnte, Joachim zu attackieren, der draußen auf den Steinfliesen herumgelegen war? Wer oder was käme auf solche Ideen?
Warum sollte so ein befremdliche Blinkekugel, wie aus einer anderer Welt, so was anstellen? Aus welchem Grund?
Wo waren überhaupt Herr und Frau Dottler abgeblieben? Weit und breit waren die beiden nirgends, während ihr ausgehungert wirkender Köter einen Menschen attackierte.
Daß die Dottler-Wohnungstüre von einem starken Laser- oder sonst einem Energiestrahl durchlöchert war, das sorgte erst dafür, daß Stockie, der nicht eben kleine Hund der Dottlers, und Joachim, der aus dem Stock eins darüber heruntergekommen war, einander wirklich begegneten.
Trotzdem nahm die Geschichte einen guten Ausgang. Ganz unverhofft.
Weil Stockie bloß mit kalter Nase an ihm herumgeschnüffelt hatte, ihn damit aus der Bewußtlosigkeit herausholte, statt ihm die Zähne in den Körper reinzuschlagen, ihm die Innereien aus dem Leib zu reißen.
Wäre das die errechnete Wahrscheinlichkeit gewesen, daß Stockie, nur weil er hungrig, abgehärmt aussah, deswegen den Zweibeiner ausweidete, war das ein Rechenfehler des Programms des in bunten Farben daherblinkenden Kugelgebildes.
Stockies Hemmung, einem Menschen etwas anzutun, war weiterhin vorhanden.
Im Alptraum war er außerhalb des Gebäudes rumgeschwebt. Dann, als würde eine Zugkraft an ihm wirken, in der Wohnung der Dottlers. Um, im Wohnzimmer der Dottlers an jener lustig blinkenden Diskokugell vorüberzuschweben. Eine, die ihre Umfänge hatte, einen Durchmesser, trotzdem durch den Fensterrahmen hindurchpaßte, als hätte sie dafür kurz mal geschrumpft.
Ausgerechnet dort, wohin er im Traum den Flur der Dottler-Wohnung hinauf- und zur Wohnungstüre rausgemacht hatte - war er sich wegen der Schnüffelnase Stockies bewußt geworden. Obwohl das ein Ding der Unmöglichkeit war, daß er schwebend dort hingelangt wäre.
Mit Sicherheit entsprach das nicht der Wahrheit. Schließlich war das eine Welt, in der es einen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit gab. Einfach so in der Luft rumzuschweben, das schaffte normal kein Mensch, wenn ihn nicht irgendeine Art Traktorstrahl angefaßt hatte.
Ein Traktorstrahl, das hieß, daß jene Leuchtkugel ihn in der Luft gehalten hatte. Bloß, es war müßig, darüber nachzudenken. Momentan war er unangefaßt von irgendwas, fand sich im Gebäude im Keller drunten wieder. Was gut paßt. Üblicherweise fuhr beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand in die Waschküche mit den zwei Waschmaschinen herunter. Auch Joachim hatte schon mitten in der Nacht die Wäsche gewaschen. War dabei nicht alleine geblieben.
Auf die Füße rappelte Joachim sich hoch, lehnte sich mit der Schulter seitlich gegen die Metallwand.
Momentan überraschte es ihn immer wieder selber, was er manchmal so konnte. Andererseits - ehedem die Zeiten hatte er sich über so was nicht die geringsten Gedanken gemacht.
Herum, daß Joachim sich wandte, um mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Knopf mit dem großen E - E wie Erdgeschoß -zu zielen. Um vor Schreck zurückzuzucken.
Stockie war frei. Konnte rumlaufen, wohin immer er wollte.
Was war, wenn Stockie ihn nun oben im Parterre erwarrtet. Weil die Haustür zugefallen war.
Wenn die riesige Tölle der Dottlers, ihrer Beinfreiheit gewärtig, mußte noch nicht mal irgendwo sein. Stockie reichte es, zu hören, wie sich im Erdgeschoß die Lifttüre öffnete, um geschwind die Stiegen herunterstürmt zu kommen.
Wenn das Hundeungetüm die Treppenstufen runtermachte - begegnete man sich innerhalb weniger Momente. Diesesmal eben die weitläufige Bodenfläche im Erdgeschoß.
Und - ob Stockie sich nochmals von irgendwas einschüchtern ließ, mit Dingen zögerte, das war, so wie Stockie ausschaute, die Frage.
Mit dem Schlucken wollte Joachim überhaupt nicht mehr aufhören.