1. Teil: 16.9
Zwischenzeitlich war es ein paar Monate her, daß Marga bei ihm aus der Wohnung ausgezogen war. Willy, der ehemals beste Freund Joachims, und Marga, mit der Joachim tatsächlich Jahre zusammengewohnt hatte, waren jetzt ein Paar. Während die Dicke Gerda weiter im Haus wohnte. Man begegnete sich, einmal öfter, dann seltener. Vor allem im Gebäudeaufzug. Drunten in der Vorhalle, wenn man zur Haustür reinkam oder rausspazierte.
Hin und wieder redete man miteinander. Wie es ihr ginge, hatte Joachim die Dicke Gerda mal nebenher gefragt. Die Dicke Gerda hatte geantwortet, wie es ihr nach Joachims Meinung denn gehen sollte.
Daraufhin hatte Joachim die Schulter gezuckt. Die Dicke Gerda war in den Lift hinein, als dessen Schiebetür aufging. Währenddessen Joachim draußen blieb, auf das nächste Herunterkommen des Aufzugs zu warten.
Viel wußte Joachim des öfteren nicht von den Leuten. Nicht mal die Namen fielen ihm mehr ein. Nur noch das ging ein Stückweit klar, wo jemand im Haus wohnte, mit dem er bekannt war.
Der Rest war Gedächtnislücke. Während nun ein Wissen bei ihm ausbrach, was die Dicke Gerda anbetraf. Der Wahnsinn, was er von der Dicken Gerda wußte.
Das gute Verhältnis Marga zur Dicken Gerda, im Grunde auch nur ein Intermezzo. Sonst nichts.
Trotzdem schien er sich viele Gedanken um die Dicke Gerda gemacht zu haben. Bei dem vielen, das er unvermittelt parat hatte, was die Dicke Gerda anbetraf.
Das erste, worauf er sich entsann, war, wie verändert er die Dicke Gerda fand. Wenn man ihr zwischenzeitlich irgendwo begegnete, über den Weg lief, schien die Dicke Gerda auf unbestimmte Weise eine andere.
Vor seinem innerem Auge entstand ein derart detailliertes Bild der Dicken Gerda, daß er die Augen aufriß und nach der Wohnungstüre in die Wohnräume der Dicken Gerda hinstarrte. Bloß, es war nichts. Die Tür war kein Stück aufgegangen. Die Dicke Gerda stand nicht auf der Türschwelle.
Einen komisch herablassenden Ausdruck hatte die Dicke Gerda in den Augen.
In eine Art Schmuckuniform kleidete sich die Dicke Gerda. Richtig befremdlich, daß es die Frage war, wo sie die Teile herhatte.
Reißverschlüsse hatten die schwarzen Hosenbeine, jeweils links und rechts an den Außenseiten. Daß Joachim sie einmal im Gebäudeaufzug spontan fast gefragt hätte, ob das Metallegierung oder echtes Gold war.
Trotzdem der Reißverschlußmachart wirkte alles an der Dicken Gerda, als wäre sie im Ernst unter die Soldaten gegangen. Mitglied einer Joachim unbekannten Recht-und-Ordnung-Truppe. Einer Art Miliz, bei der man lieber nicht mitmachen sollte.
Konnte ihm jedoch am Ende egal sein, was die Dicke Gerda trieb. Davon war zu erfahren, wie es bei der Dicken Gerda zuging, was für Einfälle sie hatte, hätte er die Dicke Gerda anreden und mit ihr ins Gespräch kommen müssen. Nur, das ließ Joachim dann bleiben, eingedenk dessen, daß die Dicke Gerda, einmal vertrauensselig, das beibehiel, statt zur alten Distanz zurückzukehren.
Das war ohnehin bereits, als die Dicke Gerda und Marga noch gut miteinander waren, daß sich die Dicke Gerda in Joachims Wohnzimmer am Sofa lasziv mit der Zunge über die Lippen leckte, während sie Joachim starr beguckte.
Zuletzt, daß ihm die dicke Gerda bei einer zufälligen Begegnungen nicht mal mehr ein Kopfnicken als Gruß schenkte. Das herzeigen wollte, daß man sich kannte.
Die aufgedunsene, wächserne Visage der Dicken Gerda blieb beim Anblick Joachims starr und undefinierbar. Das freundliche Wesen und das Lachen schienen der Dicken Gerda restlos abhandengekommen zu sein.
Von oben herab begegnete die Dicke Gerda zu der Zeit allerdings den meisten Leuten. Daß nichts direkt persönlich zu nehmen war. Wobei die Dicke Gerda zumeist aussah, als wäre sie die eine Wissende unter Unwissenden. Der Rest der Welt, der nicht bei ihr und in ihrem Kreis dabei war, einer zum Vergessen und ohne Bedeutung.
In der Folgezeit wurde das der Welt deutlich, daß die Dicke Gerda wirklich unübersichtliche Freundschaften pflegte. Mit Typen sich im Haus zeigte, mit denen man nicht unbedingt alleine im Aufzug sein wollte.
Ab und zu, daß Joachim jedenfalls darauf verzichtete, mitzufahren, lieber auf die nächste Herabfahrt wartete.
Bloß, beim Hinabfahren funktionierte das nicht, sich ausweichen zu können. Da stand man sich, waren die bei der Dicken Gerda mehrere, regelrecht auf den Füßen. Und das konnte man wörtlich nehmen.
Die, die mit der Dicken Gerda an ihrer Seite daherstiefelten, waren schwarzuniformierte Kurzhaartypen. Solche, mit dem Scheitel auf eine unzweideutig kennbare Weise. Daß sie an eine Gestalt aus tiefster Vergangenheit erinnerten. Dann und wann einer mit gespaltener Lippe.
Wie die Dicke Gerda auch sahen sie nach Uniformträger aus. Allerdings ohne die Hosenbeireißverschlüsse als modischer Schnickschnack außen an der Hose, wie die Dicke Gerda es herzeigte.
Alles uniform, ohne daß die Gewandung eine echte Uniform war. Trotzdem äußerst spaßbefreit.
Fliegerstiefel an den Füßen, weißgeschnürt, die konnte man sich bestellen. Was sie kosteten hatte Joachim nachgesehen, eine Suchmaschine dafür angeworfen.