1. Teil: 17.1
Die Fahrstuhltüre schob sich von rechts nach links auf.
Die Automatik im Keller, die war verläßlich. Das Licht, das außerhalb angegangen war, mit der Ankunft des Gebäudeaufzugs.
Von dem her funktionierte alles im Haus wie eh und je. Das einzige, was im Gebäude nicht wie immer war, war, daß weit und breit kein Mensch auftauchte.
Nie, daß draußen von der Aufzukabine jemand wartete, wenn der Aufzug anhielt und die metallene Schiebetüre aufging. Und nie öffnete irgend jemand die Wohnungstüre, wenn Joachim eine Sekunde aus dem Kabineninnern hinaushuschte, um wo die Klingel zu betätigen.
Langsam verlor Joachim den Überblick darüber, wie oft er bereits in der Fahrstuhlkabine in den Keller hinab- und hinaufgefahren war. Vorüber am Erdgeschoß. Dort, Parterre, der Ort, wohin Stockie zurückgekehrt war.
Vor seinem geistigen Auge sah Joachim sich, wie er gerade noch rechtzeitig zurück in den Aufzug fliehen konnte. Kreischerei Joachims, die Stockie zum Stillstehen veranlaßte.
Geradezu im letzten Moment, daß die Kabinentür zuging, während Stockie, der angesprintet kam, außerhalb vom Metall der Schiebetüre abprallte, gegen das er gesprungen war. Während drinnen die Kabine ruckend anfuhr. Als wäre nichts passiert. Was Joachim zwei Stockwerke höher auch feststellte, daß nichts kaputt war, während die Türe der Kabine einwandfrei aufglitt. Als wäre nichts gewesen.
Überhaupt nicht unklug Stockie, der Hund, Parterre zu bleiben. Weil, wenn Joachim das Gebäude verlassen wollte, im Erdgeschoß zur Haustüre hinausmachen mußte. Im Erdgeschoß jedoch wartete Stockie auf die Ankunft des Gebäudeaufzugs.
Eine vermaledeite Situation für Joachim, an der sich nicht mehr änderte.
Im Parterre herrschte jedesmal Stille, wenn die Liftkabine mit Joachim im Innern vorübermachte. Von oben herabkommend oder aus dem Keller hinaufahrend.
Erst wenn die Kabine mit Joachim im Innern vorüber war, daß Stockie dem Lift hinterherbellte. Jedesmal.
Voll den Haß empfand Joachim. Er hätte Stockie umbringen können.
In das Reich der Kellerabteile herabgelangen, das konnte Stockie, der Dottler-Köter, nicht.
Die Kellertür, die war für Stockie zugesperrt, daß Joachim dann und wann auch aussteigen konnte. Sich die Beine vertreten. Dabei Wasser aus der Mineralwasserflasche trinkend, die er eilig aus der Küche seiner Wohnung geholt hatte.
Darüber, daß Joachim nachdachte, die Kellertüre aufzuschließen, Stockie in den Keller herunterzulocken.
Um das zu können, hätte Joachim den eigenen Kellerschlüssel aus seiner Wohnung oben gebraucht. Der am Schlüsselbund hing. Bloß, Joachim traute dem Braten nicht. Am Schluß war das Kellertüröffnen keine Falle für Stockie, sondern eine für Joachim.
Heiß, daß es Joachim aufstieg. Die Angst, die ihn überkam, daß der Aufzug vielleicht demnächst mal seinen Geist aufgeben könnte.
Momentan, drunten im Keller, daß das geheißen hätte, er wäre er in dem Kellerloch festgesessen. Ohne sich bei einer früheren Gelegenheit den Schlüssel aus seiner Wohnung oben besorgt zu haben, mit dem die Kellertür locker aufzuschließen war.
Auch sonst wäre er nicht in der Lage gewesen, ohne irgendein Werkzeug, Hilfsmittel an den unterschiedlichen Kellerabteiltüren größer Dinge anzustellen.
Nicht mal das eigene Abteil hätte er aufsperren können; auch diesen Schlüssel hatte er oben.
Langsam mußte er sich entscheiden. Ewig konnte die Geschichte nicht weitergehen, daß er im Gebäudeaufzug auf und ab fuhr.
Und das nur, weil die blöde Tölle Stockie ihm die Tour vermasselte. Stockie, der nur noch im Erdgeschoß rumhockte und das verhinderte, daß Parterre die Aufzugtüre aufgehen und aus dem Aufzug herausgetreten werden konnte.
Irgendwas mußte bald mit Stockie geschehen.
Das andere, daß nicht zu begreifen war: daß nie jemand ins Gebäude reinkam oder als Hausbewohner fahrstuhlfahren wollte.
Ziemlich ein Problem wenn nie jemand zur Haustür hereinkam und sich über Stockie aufregte.
Der Dottler-Hund, der fällig sein hätte müssen, aber nicht aus dem Verkehr gezogen wurde. Von niemandem.
Seit längerem blieb Stockie an sich still. Nur, wenn Joachim im Aufzug aufwärts oder hinunter fuhr, ließ Stockie sich vernehmen, wenn im Parterre vorübergefahren wurde.
Kaum in Worte zu fassen, wie sehr Joachim Stockie haßte.
Ein Sprichwort, das Joachim in die Gedanken geriet: Hunde, die bellen, beißen nicht. Anderseits bellte Stockie, anders als früher die Zeit nicht mehr viel.
Also war Stockie doch ein Köter, der still war. Und damit ein Hundevieh, das gefährlicher war. Weil Stockie nicht mehr wie wild rumkläffte.
Die Augen verdrehte Joachim zur Liftdecke. Schicksalsergeben seufzte er.
Stockie hin, Stockie her - es mußte was passieren. Lange genug hatte Stockie etwas verhindert. Stockie war auch nur ein Hund, für den Menschen Respektspersonen waren.
Hatte Stockie schließlich bereits bewiesen, daß er zurückwich, wenn man ihn anschrie.
Mehrmals räusperte Joachim sich, die Stimmbänder ein wenig frei zu bekommen.
Dann drückte er mit zittrigem Finger auf den Buchstaben E.
Das Geschehen der sich schließenden Aufzugtüre hatte Joachim jetzt genügend oft gehabt. Das Anrucken, mit dem hinauf losgemacht wurde.
Ein paar kurze Momente drauf: abermaliges Rucken, der Aufzug hielt an. Die Lifttüre, die sich fürs aufschob, daß hinausgeschritten werden konnte.
Augenblick sah Joachim Stockie. Das mit dem Tageslicht, das von oben ins Gebäudeinnere hereinschien, war brauchbar genug.
Stockie, dessen Fell schäbig, räudig ungepflegt aussah, starrte Joachim dumpf an.
Auf zittrigen Beinen, daß Stockie dastand und nicht mal zu Joachim hin knurren wollte.
Auf den Boden legte Stockie sich nieder, winselte ein paarmal erbärmlich und mitleidserrend, hechelte.
Das war astrein die pure Feigheit. Hinauszutreten aus dem Aufzugkabineninnern, Joachim schaffte es nicht.
Nur eins vermochte, Stockie fest ins Auge gefaßt, sich rasch hinabzubeugen, eilig ein Kleiderbündel, das nahe der Kabinenschwelle herumlag, ins Kabineninnere hineinzuschieben.
Dann sich aufzustellen, umzuwenden und panisch den Knopf zu drücken, daß es aufs neue in den Keller runterging.
Die Lifttüre, die sich auf ein neues zuschob. Die Fahrt, die in das Kellergeschoß hinabging.