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Blog von TeddeMehr

3. Straße ("The eyewitness")

24. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Die WC-Türe zog Verena nach innen auf, schritt hinaus.

Hinter sich schloß Verena die graufarbene Tür, sie am Knauf zuziehend.

"He, Frau Tümmel!" vernahm Verena eine allzu vertraute Stimme seitlich links neben sich, schrak zusammen. "Schön, daß Sie da heute wieder rauskommen ..."

 

Mit großen Augen wandte Verena sich Herrn Ernst, dem Streifenpolizisten und Handlanger von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, zu.

"Hat Ihnen gefallen, wieder mal bei uns am Klo, Frau Tümmel, nicht wahr?" setzte Herr Ernst neu an. "Wollten ja beinahe nicht wieder rauskommen, da. Dachte fast, das nimmt kein Ende, das mit Ihnen und Ihren großen und kleinen Geschäften. Sind auch saubere Kabinen, Schüsseln und Brillen. Geht man gern rein, setzt sich drauf. Und lange. Lange, was?"

Verena war sich sicher, daß es besser für Verena war, den Mund zu halten, nichts darauf zu erwidern.

"Entschuldigen Sie, Frau Tümmel! Entschuldigen Sie, Frau Tümmel!" Eine leichte Verbeugung deutete Wachmann Ernst an. "Muß Sie leider aufhalten, liebe Frau ..."

Nach dem Haltegriff des knapp an die weiße Mauer hingeschobenen Koffers auf Rollen langte Herr Ernst wichtig.

"Sehen Sie, was ich hier habe, Frau Tümmel?" Herr Ernst schob den Rollkoffer vor sich hin, schwang den Arm wichtig. "So sind wir. Extra wurde das Ding von uns in einem Fahrzeug für Sie abgeholt. Weil, die dort, die auf der Station, die haben schon vor einer Weile ihren Laden dichtgemacht. Arbeitsschluß. Jetzt da noch extra hinzulatschen, wäre wirklich vergebene Liebesmüh'. So können Sie jetzt von hier aus direkt nach Hause in Ihre Wohnung marschieren. Schnell heim, zum Fernsehschauen. Das heißt, wenn nichts dazwischenkommt."

Die Lippen schürzte Verena.

 

"Da sagen Sie nichts mehr, Frau Tümmel, was?" Breit grinste Herr Ernst. "Für alles wird von uns Sorge getragen. Sogar Ihren Koffer holen wir für Sie ab. Extra für Sie. Ist das kein Dienst am Kunden? Oder ist er das nicht?"

Zwei wie Herr Ernst dunkelblau uniformierte Polizisten schritten in der großen Vorhalle beim Vorderausgang des Polizeigebäudes nahe den WCs an Verena vorüber. Ohne dem Geschehen bei den Klosettüren großartig Beachtung zu schenken.

Wollte Verena etwas von irgendwem, mußte Verena auf sich aufmerksam machen. Vielleicht mit Schreierei.

Andererseits, ob es Verena viel half, durch die Gegend zu plärren oder herumzukreischen? Schließlich war Herr Ernst, der Verena gegenüber, Polizeibeamter. Wie die meisten anderen vor Ort Polizei waren.

Erklärte Herr Ernst Herbeigekommenen Dinge, war es sicherlich Herr Ernst, dessen Seite die richtige war. Das Gegenteil, das müßte bewiesen werden. Von Verena.

 

"Warten Sie, Frau Tümmel!" klang Herr Ernst auf, obwohl Verena sich kein bißchen was von der Stelle gerührt hatte. "Bitteschön, ich helfe Ihnen auch weiterhin gerne. Für Sie fahr' ich den Koffer da auch hier raus. Nennen Sie das auch 'Dienst am Kunden'."

Einen Schluchzlaut ließ Verena vernehmen.

In Bewegung schaffte sich Herr Ernst, den Koffer auf Rollen, der Verenas Eigentum war, hinter sich herziehend.

Abrupt verhielt Herr Ernst im Schritt, guckte zu Verena zurück.

 

"Was ist denn los, liebe Frau Tümmel?" erkundigte sich Herr Ernst bei Verena, der Tonfall Herrn Ernsts, als wäre Verena ein kleines Kind, das unvernünftig war und nicht folgte. "Los, los, los. Los, kommen Sie. Sie müssen weiter. Hier können Sie nicht bleiben. Ist nicht vorgesehen."

Tränen, die Verena die Wangen herunterstürzten.

"Ah!" entfuhr es Herrn Ernst, der die Augenbraue hochgezogen hatte. "Sie wollen doch schon dableiben? Dachte zwar, das wär erst in drei, vier Tagen, daß Sie hierher zurückkommen ... Aber klar, wenn's sein muß, haben wir hier Vollpension. Essen und Trinken frei. Könnte vielleicht auch heute schon was zu regeln sein. Für Sie. Für Sie, Frau Tümmel. Hm, soll ich ...? Soll ich das für Sie tun, liebe Frau? Sofort was für Sie hier klarmachen? Kann ich sicher was organisieren ... Obwohl's mir lieber wäre, Sie kämen mit mir mit."

"Nein, ich komme schon!" erklärte Verena.

"Na denn!" Erkennbar zufriedenes Kopfnicken von Herrn Ernst zu Verena hin.

Abermals, daß Herr Ernst losmachte. Nicht vergaß, den Rollkoffer Verenas mit der Hand hinterherzuziehen.

 

 

Vorbei an den senkrecht stehenden Stahlstangen der Sicherheitsschleuse für Hereinkommende begab Herr Ernst sich zur doppelten Ein- und Ausgangstüre aus Glas und mit Metallstreben, auf dem Fuß gefolgt von Verena.

"Immer gern, immer wieder zu Ihren Diensten, Frau Tümmel", säuselte Herr Ernst, Herr Ernst, der Verena den einen der Glastürflügel für den öffentlichen Kundenverkehrs hinaus und -ein der geräumigen Vorhalle mitten der Vorderfront des großen Hauptgebäudes der Polizeiinspektion am Querstangengriff aufhielt.

Ins Freie hinaus schritt Verena, Verena, der die Dauerfrage im Kopf kreiselte, welche Ideen Herr Ernst, der Wachmann in voller Uniformmontur, weiter bei Verena verfolgte. Verena das Modell ihres rollenden Reisekoffers zu übergeben, das hätte Herrn Ernst im Grunde eigentlich vollauf reichen müssen.

Die fünf Betonstufen hinunter zum hufeisenförmigen roten Pflastersteinhalbkreis, dessen Querschnitt an die Teerfläche des Gehsteigs anschloß, stieg Verena.

 

Herum wandte Verena sich zögerlich, Herrn Ernst zu, Herr Ernst, der oben auf der Gehfläche stehengeblieben war. Dort herumstand.

Anscheinend, daß Herr Ernst darauf gewartet hatte, daß Verena sich zu ihm umdrehte und zu ihm, Herrn Ernst, großäugig heraufglotzte.

Das fiel Herrn Ernst nicht ein, nachdem er sich Verena hinnickend oben in Bewegung schaffte, das Kofferteil, das samt seinem Inhalt Verena gehörte, beim Heruntersteigen der Stufen lange anheben zu wollen. Dabei schaute Verena zu, wie Herr Ernst den Koffer auf Rollen einzeln schwer von Stufe zu Stufe abwärts hüpfen ließ.

Glasflaschen im Kofferinnern, die bei jedem Hüpfer aneinanderschlugen. Hell aufklangen, klirrten.

Ob bei dem Unternehmen drinnen im Kofferteil irgendwas Gläsernes Sprünge bekommen hatte oder gar zerbrach, das konnte Verena nicht sagen. Jedenfalls  bemerkte Verena nichts, daß Soße unten aus dem Stoff des Koffers herauszutropfen anfing.

Unmittelbar, unmittelbar schien erst mal nichts kaputt zu sein.

"Hier wären wir nun, Frau Tümmel, wir beiden Hübschen", meinte Herr Wachmann Ernst an der Seite Verenas.

"Danke dafür, daß Sie mir meinen Koffer hier jetzt übergeben ...", brachte Verena mit einigermaßen fester Stimme über die Lippen, wollte mit ihrer Rechten nach dem Haltegriff des Koffers fassen.

"Nein, warten Sie schnell, Frau Tümmel", zischte Herr Ernst, der Verena durchdringend anstarrte.

Mitten in der Bewegung, daß Verena verharrte, nicht mit ihren Fingern den metallenen Quergriff umfaßte.

"Denk' mir, Frau Tümmel, ich begleite Sie noch ein paar Meter Ihres Weges." Munter, daß Herr Ernst Verena angrinste. "Macht Ihnen doch nichts aus, oder? Polizeischutz ist immer gut. Oder haben Sie was gegen Polizeischutz?"

Ihren Mund, den Verena geschlossen hielt.

"Los, kommen Sie, Frau Tümmel, gehen wir zusammen ein paar Meter hier weg." Mit einem Seitwärtszucken des Kopfs untermauerte Herr Ernst, der Streifenpolizist, seine Worte. "Oder wollen Sie nicht heimgehen ...? In meiner Begleitung ist's doch auf dem Heimweg auch schön, oder?"

 

 

"Ah, Frau Tümmel!" hörte Verena Herrn Ernst plötzlich, nachdem Herr Ernst und sie, Verena, nebeneinander auf dem Gehsteig spazierend, in die nächste Seitenstraße außerhalb jeglicher Sicht vom Polizeigebäude aus eingebogen waren. "Bleiben wir schnell mal kurz hier stehen, ja?"

Verena gehorchte, schaute zur Seite auf die Rennräder in der Auslage des Schaufensters des Fahrradgeschäfts "MeinRad".

"He, Frau Tümmel!" war Herrn Ernsts Ausruf. "Die letzten Tage hab' ich öfters mit Roland über Sie geredet. Roland ist mein bester Freund. Auch Polizist. Fährt aber mit jemand anders Streife. Während ich mit meinem Kollegen - ö! - momentan hauptsächlich zu Fuß in der Stadt unterwegs bin."

Der Schaufensterscheibe von "MeinRad", daß Verena sich im Stehen zugewandt hatte, daß Herr Ernst das ebenfalls unternehmen mußte, wollte Herr Ernst linker Hand von Verena bleiben.

"Mann, Mann, Frau Tümmel!" stieß Herr Ernst sichtlich aufgeregt heiser hervor. "Mann, Mann, Frau Tümmel! Sie sehen Dinge voraus, Frau Tümmel. Sehen heute Dinge, die aber erst in der Zukunft passieren ... Mann, Mann! Daß ich da nicht schon früher draufgekommen bin? Roland muß da erst draufkommen. Mich drauf aufmerksam machen. Auf die Möglichkeiten. Auf die Möglichkeiten, die es da gibt. Mann, Mann! Dabei kenne ich Sie, Frau Tümmel, schon ein paar Tage länger als Roland. Mann, Mann! Darauf hätte ich längst selber kommen müssen. Und jetzt hauen Sie in drei, vier Tagen auch noch hier aus der Stadt ab ..."

"Wei-weiß ich no-noch ni-nicht, ob i-ich ...", stotterte es aus Verena heraus.

"Ja, würd' ich auch sagen, bleiben Sie einfach hier in der Stadt, Frau Tümmel." Kopfnicken Herrn Ernsts. "Bleiben Sie einfach hier in der Stadt. Ist doch auch schön."

 

Die Polizistenschirmmütze in seiner Hand drehte Herr Ernst, sah Verena im Scheibenglas von "MeinRad" bei Herrn Ernst gespiegelt.

"Menschenskind, Frau Tümmel!" eröffnete Herr Ernst die Rede wieder. "Roland war der, der draufkommen hat müssen. Roland hat gemeint, wir hätten Sie längst mitnehmen sollen, Frau Tümmel. Ins Kasino."

"Wa-was ...?" Voll perplex war Verena, guckte links nach der Seite auf Herrn Ernst. "Wo-hin? Ins Ka-si-no ...?"

"Genau, Frau Tümmel!" Kumpelhaft grinste Herr Ernst seitlich auf Verena herunter. "Roulette, Blackjack, Poker ... Ganz egal. Hauptsache, es wird gewonnen. Wir gewinnen."

 

Schwer mitgenommen vom Gehörten war Verena schluchzend ein paar Meter von "MeinRad", dem Fahrradverkaufs- und -reparaturenladen, weggetaumelt.

Unmittelbar, daß Herr Ernst mit Verenas Rollkoffer Verena auf dem Fuß folgte. Wie Verenas Schatten.

Als Verena sich wegen ihren weichen Knien seitlich von einem Ausfahrtstor mit der Schulterpartie an die graue Hauswand angelehnt hatte, baute Herr Ernst sich breitbeinig unmittelbar Verena gegenüber auf.

"Roland und ich, wir fahren morgen abend mit Angie und Birgi, unseren Frauen, nach Weidenstetten, ins Kasino Reiter", unterrichtete Herr Ernst. "Es ist unser Wunsch, Frau Tümmel, daß Sie mit uns mitkommen. Uns begleiten. Was zum Anziehen fürs Kasino werden Sie sicher haben, oder?"

Ungläubiges Kopfschütteln Verenas.

"Wir zahlen Ihnen alles, Frau Tümmel!" meinte Herr Ernst, heiser vor Aufregung, mußte sich räuspern. "Den Eintritt ins Kasino. Was Sie essen, trinken. Nicht den allerkleinsten Cent müssen Sie selber zahlen. Auch spielen müssen Sie nicht. Sie schauen einfach nur zu. Mit Ihrer Fähigkeit, heute Dinge zu sehen, die in der Zukunft geschehen, schauen Sie nur einfach Leuten beim Spielen zu. Zum Beispiel am Roulettetisch, ja? Mehr müssen Sie nicht tun, Frau Tümmel. Mehr nicht. Sie sind bei uns dabei, schauen wo beim Spielen zu."

Nichts, das Verena dazu zu sagen einfiel.

"Mensch, Mensch, Frau Tümmel, stellen Sie sich das vor: Sie mal im Kasino. Sie in einem Kasino ... Was Sie essen, trinken, für nichts müssen Sie zahlen. Sie stehen einfach nur am Roulettetisch rum. Oder woanders an einem Tisch. Wo immer Sie gerade Lust haben. Ein Weilchen, daß Sie das schon gemacht haben, zuzuschauen. Dann sehen Sie plötzlich eine Kugel, daß die gefallen ist. Eine Zahl ... Die ist aber in Wirklichkeit nicht gefallen. Weil, wie Sie später mitbekommen, das überhaupt nicht war, daß diese Zahl da gefallen ist. Weil die Zahl, die Zahl wird erst in ein paar Tagen wirklich fallen. In ein paar Tagen. In ein paar Tagen in der Zukunft. Ah, und wenn Sie uns dann auch noch denjenigen beschreiben könnten, der mit dieser Zahl gewinnen wird, Frau Tümmel. Dann ... Wenn wir dann zwei, drei, vier, fünf Tage drauf mitkriegen, daß einer oder die bestimmte Person auf die Zahl setzt ... Jemand, von dem Sie gesprochen haben, Frau Tümmel. Ja, wenn der setzt ... Dann setzen wir auch eine größere Summe auf die Zahl. Bingo! Ganz einfach."

Den Kopf schüttelte Verena.

"Warum denn nicht, Frau Tümmel? Warum denn nicht?" Großäugig stierte Herr Ernst, dem Schweißtropfen auf der Stirn, den Oberlippen entstanden waren, perlten, aus seiner Höhe auf Verena herunter. "Was ist da denn groß dabei? Wo ist da auch nur das allerkleinste Problem? Finde nicht, daß wir hier irgendein Problem haben, Frau Tümmel. Kriegen von dem Gewinn auch was ab, hören Sie? Einen hübschen Batzen, haben wir was Größeres gewonnen."

 

"Reden Sie mit mir, Frau Tümmel!" verlangte Herr Ernst ungeduldig. "Reden Sie mit mir!"

"Wenn i-ich a-aber mor-gen im Ka-si-no nichts se-he?" erkundigte Verena sich mit Gestottere. "We-wenn ni-nichts ist ...?"

"He, wenn Sie sagen, daß Sie vielleicht in der Stadt bleiben, nicht in drei, vier Tagen mit diesem Kommissar Moinson aus der Stadt abreisen - sehe ich nicht, was dann sein sollte. Ist sicher kein Problem für uns, daß Sie öfters mit Roland und mir, Angie und Birgi mit ins Kasino mitfahren. Bei Vollpension. Sie haben was im Magen. Und wir setzen alles auf Zahl, Frau Tümmel. Alles auf Zahl." Vor Begeisterung klatschte Herr Ernst in die Hände. "Wir sprengen die Bank! Mit Ihnen zusammen sprengen wir die Bank, Frau Tümmel."

"A-aber ..." entfloh es Verena. Verena, der nichts einfiel, wie sie Herrn Ernst entkommen konnte.

Einfach wegzulaufen, das würde Verena nicht hinhauen. Im Nu, daß Herr Ernst Verena wieder eingefangen hatte. Außerdem würde Verena daraufhin gröber von Herrn Ernst angefaßt werden. Wenn Herr Ernst, der sich bis jetzt höflich verhielt, weil er was von Verena wollte und auf Verenas freien Willen setzte, nicht ein paarmal auf Verena einschlug. Um Verena deutlich zu machen, was Sache war.

 

"Ach, kommen Sie, Frau Tümmel. Nichts mit Aber, oder?"

"A-aber - so geht da-das nich-nicht, mit mir im Ka-si-no ...", versuchte Verena, bei Herrn Ernst einen kleinen Hauch Zweifel anzubringen.

"Was sollte so nicht gehen, Frau Tümmel?" Eine wegwerfende Handbewegung Herrn Ernsts. "Morgen abend kommen Sie mit Roland und mir, Birgi und Angie mit. Basta. Übermorgen auch. Zumindest die nächsten Tage. Die paar Tage müssen wir ausnützen. Mit Ihnen. Unbedingt. Ehe Kommissar Moinson kommt, Sie mitnimmt."

"A-aber, we-wenn ich nie jemanden ge-ge-gewinnen se-he ...", beharrte Verena mit ihrem Gestottere auf dem Punkt, Verena, der die Tränen auf einmal wie noch was die Wangen herunterliefen. "Se-he do-doch immer nur die-die schlech-schlechten Sa-chen vor-voraus. Und i-ich will die ei-gentlich nich-nicht se-sehen. Es pas-siert mir. Da ka-kann i-ich nich-nichts da-für. Wie wä-re i-ich son-sonst a-arm ...? O-der ha-hab' ich vie-viel Ge-eld ...?"

 

"Passen Sie ganz scharf auf, Frau Tümmel", fing Herr Ernst wieder an, nachdem Herr Ernst Verena ein Weilchen mit herabgezogenen Mundwinkeln betrachtet hatte. "Passen Sie jetzt ganz scharf auf, Frau Tümmel: Sie kommen morgen mit Roland und mir, Birgi und Angie im Auto mit. Daß das klar ist, ja? Was andres gibt's nicht."

"Nein!" stieß Verena trotzig hervor.

"Sie kommen mit Roland, Birgi und Angie und mir mit", raunte Herr Ernst. "Morgen, übermorgen. Zumindest die Tage nützen wir aus. Ehe Sie, Frau Tümmel ..."

"Nein!" trotzte Verena zu Verenas Überraschung ziemlich entschlossen.

"Und ob Sie werden! Etwas andres würd' ich mir gut überlegen, Frau Tümmel." Das Antlitz eines Mannes, der zu allem fähig war, brachte Herr Ernst näher an Verena heran. Bis auf Kußnähe.

Die weit aufgerissenen Augen von Herrn Ernst glotzten auf Verena. Erzählten davon, daß es für Verena knapp war; äußerst knapp war es für Verena, nicht am Ort etwas abzubekommen.

 

"Herr Di-schin-ger und Herr Kommissar Moinson ...", erinnerte Verena zaghaft. "We-wenn Herr Di-schin-ger und Kommissar Moin-son erfahren, da-daß Sie mi-mich hier ange-hen, Herr Ernst ..."

"Ach nee! Damit wollen Sie mir kommen? Vergessen Sie das, ja? Hören Sie lieber, was ich Ihnen sage. Was ich Ihnen zu sagen habe: Sie werden Ihres Lebens hier in der Stadt ab morgen abend nicht mehr froh, wenn Sie nicht einverstanden sind. Wenn Sie nicht tun, was ich von Ihnen erwarte, daß Sie tun, ja? Sie kriegen zuerst mal die Probleme, Frau Tümmel, würd' ich sagen. Sie kriegen welche, ja? Höchstpersönlich sorge ich für Ihre Probleme."

Ein wenig trat Herr Ernst von Verena zurück, um Verena den Zeigefinger unter dem Wangenknochen in das Nachgiebige, Weiche der Wange zu bohren.

"Au-a!" ließ Verena hören, Verena, der der Fingerstich von Herrn Ernst nicht direkt größeren Schmerz bereitete.

 

 

Das Empfinden von etwas Unangenehmem an Verenas Wangenhälfte blieb, als Herr Ernst den Finger nach langen Augenblicken wieder dort weggetan hatte.

"Was tun Sie denn bei der Frau da ...?" vernahm Verena eine helle, glockenreine Jungmädchenstimme. "Wollen Sie nicht damit aufhören?"

Ein vielleicht vierzehn-, fünfzehnjähriges Freundinnen-, Schwesternpaar blickte Verena. Mädels, die angesichts der Szene mit dem Polizisten in dunkelblauer Uniform, der eine sich mit dem Rücken an die Hausmauer drückende Frau Ende dreißig, Mitte vierzig bedrängte, mitten im Schritt innegehalten hatten.

 

Die zwei blondhaarigen Mädchen, die schräg nebeneinander dastanden und von der Seite auf Herrn Ernst und Verena starrten, kleideten sich voll im Partner-Look.

Enge, schwarze Röhren-Jeans, schwarzglänzende Bausche-Anoraks. Jeweils einen breiten, braunledernen Schulranzen wie aus Ururomas Zeiten trugen die beiden am Rücken.

"Verzieht euch bloß schnell hier weg, ihr Schnepfen!" gellte Herr Ernst. "Seht ihr beiden nicht, daß ich Polizei bin? Hier ist Einsatz. Ich mach' hier nur meine Arbeit. Und euch beiden geht das nichts an, wie ich die mache. Wie euch alles nichts angeht, was hier gerade los ist. Das ist eine rein dienstliche Angelegenheit, die mit euch beiden nicht das geringste zu tun hat. Also - verzieht euch, ihr beiden. Verzieht euch."

 

Nach Herrn Ernst, daß zwei Paar Art große, braune Rehaugen unverdrossen komisch linsten.

"Mensch, Mensch! Könnte das nicht möglich sein? Na, das - daß ich euch zwei Hübschen vorhin dabei zugeschaut hab', wie bei euch was gelaufen ist?"

Den Zeigefinger, daß aufgepaßt werden sollte, hob Herr Ernst aufwärts.

"Bei so einem, den ich von Berufs wegen bestens kenne, bei dem habt ihr mit Geldscheinen bezahlt. Ja, das habt ihr. Das hab' ich gesehen. Mit meinen eigenen Augen. Da hab' ich dann gewartet. Weil ich das gesehen hab', was ich gesehen hab'. Und, tatsächlich - mein Freund, der mir schon etwas länger bekannt ist, der da weggegangen war -, der kommt wieder. Nach zwei, drei Minuten kommt der wieder. Die Droge, die ihr euch bei ihm bestellt hattet, hat der Mistkerl dabei. Die hat er euch gebracht. Euch in die Hände übergeben. In euren Ranzen habt ihr zwei Schönheiten den Stoff wo dazwischengeschoben. Hab' ich alles haarscharf beobachtet. Haargenau mitbekommen. Ganz astrein. Könnt ich alles nicht besser gesehen haben. Was sagt ihr zwei also, wenn ich von euch verlange, daß ihr beiden eure Ranzen jetzt jede Sekunde hinten herunternehmt. Damit ich reinschauen kann, in eure braunen Schulranzen da. Einfach, weil ich Polizei bin und das von euch beiden verlangen kann, darf, werdet ihr das tun. Weil ihr das hübsch macht, wenn ich das möchte. Wenn ihr das nicht macht ... Das heißt, wenn ihr zwei euch nicht jetzt gleich schnell verzieht, macht ihr zwei das. He, bloß nicht so schauen! Als ob ich ... Als ob ich nicht was ... Als ob ich nichts hätte. Ja, glaubt ihr Schwestern denn, daß ich nichts habe, das ich finden könnte ...?"

In die eine Hosentasche langte Herr Ernst bei sich, anschließend in die andere.

Zwei Klarsichtplastiktütchen von Handflächengröße, die Herr Ernst aus der Tasche seiner Uniformhose herausholte.

Grinsend präsentierte Herr Ernst die Tütchen mit dem weißen Inhalt zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände.

"Das kann ich bei euch zwei Hübschen finden." Höhnisch grinste Herr Ernst breit. "In euren Schulranzen. Wenn ich will, lege ich euch Handschellen an. In denen führe ich euch hier ab. Eure Eltern daheim kriegen aus der Inspektion Anrufe, sofort auf die Polizei zu kommen ... Verstehen wir uns?"

Die blonden Pferdeschwanzträgerinnen, die sich von der Ganztagsschule auf den Weg heimwärts gemacht hatten, wandten sich mit ihren verschreckten Rehaugen und mit reichlich roter Farbe in den sympathischen Gesichtern stumm abrupt von der Szene ab.

Flott, daß davongeschritten wurde. Ohne Blick zurück.

 

 

"Machen wir auch, daß wir hier weiterkommen, Frau Tümmel", meinte Herr Ernst, der Verena grob am Oberarm anpackte. "Mann, Mann!"

"Sie tun mir weh", stieß Verena hervor, wollte sich von Herrn Ernst losreißen.

"Dann kommen Sie einfach, ja?" raunte Herr Ernst, der Verena losließ. "Dann tue ich Ihnen auch nicht weh."

"Ja!" Kopfnicken Verenas.

 

"Weiß überhaupt nicht, welche Probleme es hier zwischen uns gibt, Frau Tümmel", plapperte Herr Ernst aufgeregt, der neben Verena herschritt. "Denke, morgen nachmittag gegen halb vier, fünf hole ich Sie in Ihrer Wohnung ab. Dann fahren wir beide zu Roland. Bei Roland schauen wir, was Birgi Schönes für Sie im Kleiderschrank hat. Birgi ist zwar größer wie Sie. Aber Birgi kann in kürzester Zeit Röcke, Hosen für jede Konfessionsgröße anpassen. Dann werden auch Sie abends im Kasino was hermachen. Das verspreche ich Ihnen. Sie waren sicher noch nicht oft in einem Kasino, oder?"

Nichts, das Verena zum Daherlabern einfiel.

"Müssen Sie nicht lange selber bei sich daheim rumsuchen, Frau Tümmel", war Herr Ernst weiter in bester Quassellaune. "Birgi macht das schon. Birgi macht Sie hübsch, passen Sie auf. Passen Sie auf, Sie werden nach was ausschauen. Behalten können Sie die Klamotten dann auch gleich. Und wenn wir die nächsten Tage die Bank sprengen, hat sowieso keiner von uns mehr lange größere Sorgen."

Die Augen Verenas suchte Herr Ernst vorgebeugt, um Verena so etwas wie ein freundliches, gewinnendes Lächeln zu zeigen.

 

"Morgen komme ich also so um halb vier, fünf zu Ihnen in die Wohnung, Frau Tümmel", wiederholte Herr Ernst, der stehenblieb und Verenas Unterarm losließ, das Gesagte von zuvor. "Daß ich zu Ihnen raufkomme, darauf können Sie sich verlassen. Sie sollten aufmachen."

"A-aber i-ich kann Ihnen und Ih-rem Freund kei-keinen Ge-winn verspre-sprechen", versuchte Verena sich noch mal, die Tatsache an den Mann zu bringen. "Und i-ich will da-das auch nich-nicht, daß ich wie-der so ein Unglück voraus-sehe. Sie können doch nicht ernsthaft glau-ben, daß i-ich ..."

"Hören Sie doch mit Ihrer dummen Sülze auf!" Eine wegwerfende Handbewegung von Herrn Ernst. "Daß Sie mir morgen um halb vier, fünf ja in der Wohnung oben sind. Wäre nicht gesund für Sie, daß ich hinaufmache - und Sie sind nicht in Ihrer Wohnung. Sollten Sie überhaupt nicht dran denken. Könnt sein, daß ich dann andere Saiten bei Ihnen aufziehe. Daß wir uns richtig kennenlernen. Verstehen wir uns?"

Nach linker Hand auf Herrn Ernst guckte Verena matt.

 

 

Am Arm packte Herr Ernst Verena aufs neue unvermittelt, zog Verena in so eine Passage zwischen zwei Häusern hinein. Einsam und verlassen schien der Durchgang.

"Jetzt hören Sie mir mal ganz genau zu, Sie Mißgeburt!" Zur Hausmauer, daß Herr Ernst Verena nach rückwärts stieß. "Keine Ahnung, wie Sie das bis heute gemacht haben, daß Ihnen kein Mensch draufgekommen ist. Aber - das hat sich die Tage jetzt erledigt. Leute hier haben Zusammenhänge hergestellt. Vorbei ist das mit Ihrem Riesenglück."

Verena, der das Herz raste, glotzte mit weit aufgerissenen Augen auf Herrn Ernst, den uniformierten Wachmann, dem seine Polizeimütze leicht schief am Kopf oben saß.

"Daß wir uns hier glasklar verstehen, Frau Tümmel." Den Zeigefinger stach Herr Ernst Verena tief in die linke Brust. "Im Mittelalter hätte man, hätte man das von Ihnen erfahren, einen Hexenprozeß mit Ihnen veranstaltet. Der Hexerei wären Sie angeklagt worden. Gefoltert hätte man sie, in einer Tour gefoltert. Als Hexe hätte man Sie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Unter Ihrem Hintern hätte das Feuer lichterloh zu brennen angefangen, sag' ich Ihnen."

"Bit-te, i-ich wi-will ja ...! Bit-te!" versuchte Verena, beruhigend auf Herrn Ernst einzuwirken.

 

"Glaub bloß nicht, Hexe, daß es so was nicht auch heute noch gibt." Ganz nahe brachte Herr Ernst sein schwitziges Gesicht an das von Verena heran. "Kennen Sie Pfarrer Dreisam? Ach, mir egal, ob Sie den kennen. Für die Totenkirche hier in der Stadt ist Pfarrer Dreisam verantwortlich. Kollegen von mir haben die letzten Wochen zweimal die Sakristei und die Privaträume von Pfarrer Dreisam durchsucht. Und warum hat die Polizei die Räumlichkeiten von Pfarrer Dreisam auf den Kopf gestellt? Ich sag' es Ihnen: Weil so eine junge Braut ins Krankenhaus gefahren worden ist. Bei der Kleinen hat Pfarrer Dreisam über Monate hinweg einen Exorzismus durchgeführt. Einen Exorzismus. Das hat Pfarrer Dreisam die letzten Jahre zwar schon öfters bei ein paar gemacht. Aber diesem Mädel ist der Spaß nicht gut bekommen. Mit dem Tod ringt sie. Seit dem letzten Abend in Pfarrer Dreisams Wohnzimmer liegt die Süße im Koma."

"Ich-ich ...", schaffte Verena hervor, versuchte erfolglos, mit beiden Händen Herrn Ernsts Oberkörper von sich wegzuschieben. "Bit-te ...!"

"Ein Exorzismus ist das, was Pfarrer Dreisam mit der gemacht hat", flüsterte Herr Ernst Verena ins Ohr. "Sie wissen doch, was das ist, ein 'Exorzismus'? Eine Teufelsaustreibung. Den Teufel hat Pfarrer Dreisam der Kleinen auszutreiben versucht. Und den Teufel auszutreiben - das wäre sicher auch was, was Sie gut gebrauchen könnten, Frau Tümmel, Sie Hexe!"

 

Von Verena, daß Herr Ernst abrupt einen Schritt zurückgetreten war. Verena gegenüber stemmte Herr Ernst die Arme in die Hüften.

Mit dem Handrücken wischte Verena sich die Nasenflügel her, während sie Herrn Ernst schluchzend anstierte.

Wasser und Rotz, das heulte Verena.

"Wissen Sie was, Frau Tümmel?" öffnete Herr Ernst aufs neue den Mund.

Kopfschütteln Verenas, weil Verena nichts wußte.

"Pfarrer Dreisam hat meinen Kollegen erzählt, daß die Austreibung des Teufels bei dem jungen Fräulein schon gewisse Erfolge gezeigt gehabt hätte. Das Böse war an dem Abend dabei, aus dem Mädel herauszufahren. Aber - ehe das zur Gänze passieren hat können, daß der Dämon aus ihr ausgefahren ist, war die kleine Schlampe urplötzlich ein paar Momente bei sich, wach, wieder sie selber. Hat schlimme Flüche gegen Pfarrer Dreisam und das Kreuz von sich gegeben. Alles Futter für den Dämonen. Der ist mit aller Macht in sie zurück hineingefahren. Aufgebäumt hat das Mädchen sich, hat Pfarrer Dreisam erzählt. Sich aufgebäumt, daß Pfarrer Dreisam meinte, ihr würde das Rückgrat brechen. Danach war die Kleine nur noch regungslos. Wie tot. Gegen den Willen von Pfarrer Dreisam hat die Mutti der Teenagerin den Notarzt gerufen. Konnte Pfarrer Dreisam nichts dagegen machen. War für Pfarrer Dreisam einfach nichts dagegen zu machen. Die Eltern wollten ihr Kind nicht sterben lassen. Vor allem die Mutter wollte nicht."

 

Verena zitterten die Beine derart, daß Verena vollauf damit beschäftigt war, nicht die körnige, graue Mauer herunterzurutschen, sich mit dem Hinterteil auf die Teerfläche zu setzen.

"Ha, Frau Tümmel, Pfarrer Dreisam war im Nu wieder auf freiem Fuß." Breit grinste Herr Ernst. "Wie eh und je bevölkert Pfarrer Dreisam die Sakristei der Totenkirche, feiert drinnen Messen. Nur der Bischof ruft seitdem fast täglich bei Georg - Herrn Dischinger - im Büro an. Unterhält sich mit Georg über Gott und die Welt, gutes Essen und Kochsendungen im Fernsehen. Genau weiß Georg, was der Bischof von ihm möchte. Daß wir von der Polizei Pfarrer Dreisam ... Daß wir den Dreisam ..."

Laut schniefte Verena mehrmals.

"Kommt die junge Frau - die behandelnden Ärzte sagen, es gäbe durchaus Anzeichen, darauf hoffen zu können - demnächst im Klinikum wieder zu sich, erwacht aus dem Koma, fehlt ihr am Schluß nicht viel, Frau Tümmel, unternehmen die Eltern der Kleinen aus eigenen Stücken wegen dem Geschehenen wahrscheinlich herzlich wenig." Die Schulter zuckte Herr Ernst. "Mutti und Vati wollten den Exorzismus durch Pfarrer Dreisam ja schließlich auch haben ... Haben ihn bestellt. Dann ist Pfarrer Dreisam voll aus dem Schneider. Von uns wird er nicht mehr belästigt."

Ein letztes verbliebenes Papiertaschentuch fingerte Verena für sich aus der dünnen Plastikhülle ihres Päckchens. In das papierne Tuch schneuzte Verena sich lautstark.

"Damit hätte sich für Pfarrer Dreisam wieder mal alles zum Guten gewendet. Sauber aus dem Schneider." Neues Schulterzucken bei Herrn Ernst. "Läßt sich nicht von der Hand weisen, noch einen netten Nebeneffekt hat die Geschichte, daß es Pfarrer Dreisam so richtig freut: Die Totenkirche ist die Tage bei den Metten, steht Pfarrer Dreisam oben auf der Kanzel, wieder voller. Hat schließlich jede Menge schöne lokale Presse gekriegt, der Mann, Frau Tümmel. So hat alles seinen Nutzen."

 

 

"Hahaha!" lachte Herr Ernst los, nachdem Herr Ernst Verena eine Zeitlang nur angestarrt hatte.

"Bit-te, Herr Ernst, i-ich ka-kann Ihnen do-doch nicht ver-sprechen, daß ...", wollte Verena den nächsten Versuch starten, bei Herrn Ernst Vernunft in die Sache zu bringen. "Sie kön-nen da-das do-doch nicht i-im Ernst mei-nen ..."

"Nein, Frau Tümmel!" Abwinken bei Herr Ernst. "Jetzt halten Sie wieder schnell den Mund. Ich bin der, der redet. Sie sind die, die mir zuhorcht, ja? Ich meine, ich muß Ihnen noch was erzählen. Das sollten Sie sich mal vorstellen. Nämlich das, wie das kommen könnte, wenn ich das mit Ihnen und Ihrer besondern Gabe, Dinge als Wirklichkeit zu sehen, die dann aber am Ort überhaupt nicht sind, sich dafür aber ein paar Tage drauf in der Zukunft tatsächlich real dort ereignen, bei Pfarrer Dreisam anlande. Zwar so, daß Pfarrer Dreisam das auch versteht, was ich ihm sage. Daß Pfarrer Dreisam ein Licht aufgeht, Frau Tümmel. Na, was denken Sie sich, Frau Tümmel, auf welche Ideen Pfarrer Dreisam bei Ihnen kommen könnte? Pfarrer Dreisam, der gerne den Teufel austreibt. Ein Teufelsaustreiber ist der."

Geschniefe Verenas, Geschneuze in ihr Papiertaschentuch hinein.

"Frag' mich, Frau Tümmel: Könnt's nicht sein, daß hier in der Stadt dann schon morgen eine richtige Hexenjagd losgeht?" Die Mundwinkel zog Herr Ernst herunter, kratzte sich nachdenklich am Kinn. "Pfarrer Dreisam, der die Mine lostritt. Von der Kanzel in der Totenkirche herunter ... Der richtige Mann für so was, Pfarrer Dreisam. Und die Hexe, hinter der die Leute her sind, sind - Sie, Frau Tümmel!"

Auf Herrn Ernst in seiner dunkelblauen Polizeiuniform glotzte Verena hilflos.

 

"Hm, Frau Tümmel, beten Sie eigentlich viel in Ihrem Leben?" erkundigte sich Herr Ernst.

Den Kopf schüttelte Verena.

"Nein ...?" Die Augenbraue, die Herr Ernst überrascht hochzog. "Dachte mir, Sie ... Wenn Sie schon so Sachen haben, die ... Na, da dacht' ich mir jetzt doch glatt, Frau Tümmel, die müßte religiös sein ... Aber sie ist's nicht, sagt sie. Auch gut. Mir ist's so was von egal."

"Herr Ernst, i-ich ..." Die Arme hob Verena Herrn Ernst flehentlich entgegen.

"Halten Sie den Mund! Hab' ich nicht gesagt, daß ich der bin, der redet?" Mit dem Daumen nach rückwärts zeigte Herr Ernst auf sich. "Wissen Sie, Frau Tümmel, noch einen Einfall hab' ich. An was Pfarrer Dreisam noch denken könnte. Was noch mit Ihnen passieren könnte. Den, daß Pfarrer Dreisam vielleicht eine aufgeregte e-Mail verschickt. Inhalt des Briefes, Sie, Frau Tümmel. Sie und Ihre seherischen Fähigkeiten. Ja, Pfarrer Dreisam verschickt 'nen Brief. Auf den Brief hin eilen schnell höhergestellte Kirchenleute zu Pfarrer Dreisam. Um auf Pfarrer Dreisam einzuwirken. Na, daß Pfarrer Dreisam sich von wegen dem mit der Hexe beruhigt, Frau Tümmel. Könnte wirklich möglich sein, daß die so lange auf Pfarrer Dreisam einreden, bis Pfarrer Dreisam das einsieht, daß es besser ist, die Dinge ruhiger zu sehen. Ob das aber ruhiger für Sie wäre? Jetzt stellen Sie sich das mal vor, Frau Tümmel: Hinter dicken Klostermauern könnten Sie die Tage verschwinden. Mit ein bißchen gutem Zureden, Frau Tümmel, könnt's sich abspielen, daß Sie ganz freiwillig mitkommen. Im abgedunkelten Wagen abgefahren werden. Zu Nonnen in einem weiter entfernteren Kloster geht die Reise. Ah, Frau Tümmel, so Nonnen da, mit denen ganz alleine ... So Nonnen, weit und breit mit denen alleine auf der Welt - da sind die hundertpro in der Lage, einen zu allem zu bekehren, was sie nur wollen. Könnt gut sein, daß sie das mit jedem könnten, wer immer denen unterkommt. Echt wahr! Dauert alles vielleicht überhaupt nicht lange, dann sind Sie, Frau Tümmel, eine Nonne. Eine Nonne wie die anderen Nonnen. Dann gibt es sie, die 'Nonne Verena' - hahaha!"

 

Ihre schwachen Knie fühlten sich für Verena so an, daß Verena sich nur wunderte, daß Verena weiter dastand, nicht am Teerboden unten hockte.

Die Gedanken, Überlegungen, die Herr Ernst Verena gegenüber aussprach, die hatten es für Verena in sich. Waren von einer Art, daß sie Verena im Innersten zutiefst anfaßten.

"Die Nonne Verena wird mit ihrem frommen, heiligen Wesen und den sich bewahrheitenden Visionen landauf, landab immer berühmter. Auf Pilgerfahrt begeben sich gottesfürchtige Leute. Zu der geheiligten Klosterfrau Verena zu gelangen. Vor Klosterfrau Verenas von jeder Sünde gereinigte Gestalt und ihr in Gott erleuchtetes Antlitz zu treten. Vor die Klosterfrau Verena. 'Klosterfrau Verena' - hahaha!"

"Nein!"

"Und ob, Frau Tümmel - hahaha!"

Mit todernster Miene besah Herr Ernst sich Verena ausgiebig.

"Immer noch haben Sie aber Glück, Frau Tümmel", sagte Herr Ernst wieder, zuckte die Schulter. "Mich interessiert so was nicht. Das, was ich gerade zu Ihnen gesagt hab' - das ist nicht mein Plan. Das heißt, wenn es so nicht sein muß, interessiert mich das nicht. An einer 'Klosterfrau Verena' bin ich nicht interessiert."

"Nich-nicht ...?" hörte Verena sich.

"Aber ja doch, Frau Tümmel!" hielt Herr Ernst die Tatsache bestimmten Tones fest. "Mich interessieren keine 'Seelen'. Oder so was. Was mich interessiert, ist Geld, Frau Tümmel. Geld. Nur Geld. Geld will ich. Weil ich Geld brauche. Geld brauche ich. Einen Haufen Geld. Sonst nichts. In nächster Zukunft hab' ich größere Summen nötig."

Blinzelnd schaute Verena distanziert auf Herrn Ernst, den Polizeibeamten.

 

"Wissen Sie was, Frau Tümmel?" zischte Herr Ernst Verena hin.

"Nei-nein ...", gab Verena zur Antwort, statt stillzubleiben.

"Daß heute auch schon ein guter Tag wäre, mit Ihnen ins Kasino zu fahren", unterrichtete Herr Ernst. "Die letzte Woche hätte es auch schon ein paar schöne gegeben, die wir ... Schöne, wie heute. Heute, das ist ... Heute, das ist der nächste verlorene Tag."

"Ja-a ...?" kam es gepreßt von Verena.

"Ja-a, Frau Tümmel!" Schulterzucken bei Herrn Ernst. "Was soll ich machen? Morgen vormittag, hat Herr Hinrichs, der Fatzke von der Bank, gesagt, daß sie sich endgültig entschieden haben werden, nachdem sie die letzten Unterlagen ja bereits am Freitag vorletzter Woche bekommen haben, ob Angie den Bankkredit bekommt. Das hat Angie mir am Handy gesagt."

 

Verenas Gedanken überschlugen sich.

Birgi war die Frau Rolands, des Freundes und Kollegen von Herrn Ernst. Angie, das war die Ehefrau Herrn Ernsts. Und Angie, Herrn Ernsts Gattin, die nahm extra einen frischen Kredit bei der Bank auf. Einen Bankkredit, anscheinend lediglich für einen einzigen Zweck - daß mit der Geldsumme im Kasino gespielt werden konnte.

Nicht einfach nur so. Um vielleicht im Kasino hin und wieder kleinere Beträge zu setzen. Morgen am Abend, da war angedacht, daß Verena Tümmel im "Spielkasino Reiter" mit von der Partie war. Und Verena Tümmel, die würde für Herrn Ernst und Angie, Roland, Herrn Ernsts Kumpel, und dessen Gemahlin Birgi der Mittelpunkt von allem sein.

Sobald Verena sich im entferntesten irgendwie seltsam aufführte oder andeutungsweise bekanntmachte, daß sie, Verena, was bei irgendwem wahrgenommen hätte. Irgendwas von einem größeren Gewinn von einem Mann, einer Frau, der, die zum Beispiel bereits am Roulettetisch herumsaß. Dann würde diejenige Person von Herrn Ernst, Roland, Angie und Birgi aufs schärfste ins Auge gefaßt werden. Setzte er, sie ausgerechnet auf eine bestimmte Zahl, die Verena Herrn Ernst und seinem Freund Roland nennen hatte müssen, von der Herr Ernst, Roland, Angie und Birgi nun dachten, das wäre die Zahl der Zahlen, die für einen größeren Gewinn fiel - sollte der Betrag, den Angie als Kredit bei der Bank aufgenommen hatte, auf diese eine Zahl gesetzt werden. Nicht ein kleiner Teilbetrag, sondern die ganze Summe.

Wenn die Kugel dann aber nicht auf die Zahl fiel - weil das, was Verena in ihrer Aufregung veranstaltet hatte, ein Fehlalarm war. Eine Tatsache, die Verena Herrn Ernst, Roland, Angie und Birgi nicht plausibel hatte machen können, ehe sie auf die Zahl setzten. Dann war alles Geld, das Herrn Ernsts Frau Angie bei der Bank aufgenommen hatte, auf einen Schlag weg. Und Verena, die war mit Herrn Ernst, Angie, Roland und Birgi zusammen. Würde mit Herrn Ernst, Angie, Roland und Birgi aus dem Kasino hinausgehen müssen. Mit ihnen im Auto abzufahren, nach Hause. Und unterwegs ...

 

"Ihre dämliche Visage sollten Sie sich fürs Kasino Reiter morgen abend abgewöhnen", empfahl Herr Ernst Verena, daß Verena zusammenzuckte, aus ihren Gedankengänge zu sich kam.

Mit dem Kopf nickte Verena, zeigte Herrn Ernst, daß Verena Herrn Ernst und all seine Worte verstanden hatte.

"Wenn ich morgen nachmittags gegen vier, fünf bei Ihnen an der Wohnungstür läute, sollten Sie daheim sein, Frau Tümmel, ja? Etwas anderes würde ich Ihnen wirklich nicht empfehlen." Den Zeigefinger hielt Herr Ernst Verena als Warnung unter die Nase. "Kein Herumgezicke von Ihnen, nichts. Wäre Ihrer Gesundheit nicht förderlich. Es gibt einige Möglichkeiten, die ich habe, Frau Tümmel, tun Sie nicht das, was ich von Ihnen will. Ein bißchen was davon, was bei Ihnen los sein könnte, habe ich Ihnen ja auseinandergesetzt. Pfarrer Dreisam und so. Was den angeht."

"Ja-a, ha-hab' scho-schon ver-verstanden", krächzte Verena.

"Aber - es könnte schon noch mehr sein, das ich mit Ihnen anstellen könnte, Frau Tümmel ..." Nach dem Haltegriff von Verenas Rollkoffer langte Herr Ernst. Näher zu Verena schob Herr Ernst den Koffer auf Rollen heran. Dann trat Herr Ernst zweimal mit seinem eisenbeschlagenen Schuh nach dem zähen Stofftuch des Koffers.

Deutlich erlauschte Verena, wie im Kofferteil Glas zerbrach, Plastik knackend nachgab.

"Glauben Sie mir, genau das gleiche, das mache ich auch mit Ihnen", raunte Herr Ernst. "Jederzeit. Wenn's sein muß. Tun Sie nicht das, was ich von Ihnen will, sollten Sie sich das gut, gut überlegt haben. Morgen zwischen vier, fünf sehen wir uns, Frau Tümmel. In Ihrer Wohnung. Wenn Sie sich nichts brechen wollen."

Bei sich, daß Verena mitgekriegt hatte, daß Verena sich die Hosen voll machte. Alle Geschäfte, die Verena da erledigte.

"Gut denn! Hier wäre alles gesagt. Wir haben uns verstanden, Frau Tümmel, glaube ich." Die Hacken schlug Herr Ernst vor Verena zusammen, entbot Verena einen militärischen Gruß. "Dann hätten wir das hier für heute. Ich muß jetzt weiter, glaub' ich, die Arbeit ruft. Bis morgen um vier, fünf rum, Frau Tümmel. Schönen Tag noch!"

Ruckartig wandte Herr Ernst sich von Verenas Gestalt ab, Verena, die an der Hausmauer lehnte.

Entschlossenen Schrittes begab Herr Ernst sich die Meter die Passage zwischen den Stadthäusern hinauf. Auf dem Gehsteig befand Herr Ernst sich schnell, verschwand für Verena nach rechts und außer Sicht.

 Mit dem Rücken, daß Verena am grauen, körnigen Verputz der Hauswand auf den geteerten Boden herabrutschte.

Nicht glauben wollte Verena das, daß Herr Ernst, der vor einigen Augenblickchen Verena so ungeheuer gegenwärtig war, wirklich weggegangen war, Verena mit sich alleine zurückließ.

 

 

Dem nächsten orangenen Tropfen, dem Verena dabei zuschaute, wie er größer und größer wurde. Bis er sich von der Lederkante löste, auf die Lache Orangensaft unter dem Rollkoffer platschte.

"Was ist denn mit Ihnen los?" fragte eine beunruhigte Altmännerstimme.

Verena, die vor Schreck zusammengezuckt war, guckte mit weit aufgerissenen Augen von ihrem Sitzplatz am geteerten Boden hoch.

Auf einen ältlichen, grauhaarigen Mann, der sich auf einen Eisenstock stützte, daß Verena starrte.

Eine grobe, fusselige, grüne Strickweste trug der Rentner bis oben hin zugeknöpft am Oberkörper. Eine weite, dunkelbraune Alter-Mann-Hose an den Beinen. Braune Hausschuhe befanden sich an den sockenfreien Füßen.

 

"Fehlt Ihnen irgendwas?" erkundigte sich der Alte bei Verena.

Den Kopf schüttelte Verena.

"Aber - mit Ihnen ist doch irgendwas passiert ...", war die Fortsetzung des Sechzig-, Siebzigjährigen, der auf Verena herunterglotzte. "Und ein Geruch, ein Geruch geht von Ihnen weg - o Mann! Wie am Klo. Hat Sie wer überfallen? Sind Sie etwa geschlagen worden? Sind Sie verletzt? Hab' mein neues Handy dabei - soll ich schnell die Polizei rufen?"

"Nei-nein, bit-bitte nicht!" lehnte Verena das Angebot ab.

Unverzüglich nun, daß Verena sich ungelenk dranmachte, sich mit den Handflächen auf der Teerfläche abstützend auf die Beine hochzurappeln.

 

"Mir fehlt nichts, mein Herr. Nicht das geringste. Sie müssen sich wirklich nicht extra bemühen. Wegen mir. Echt nicht."

"So, wie Sie ausschauen, liebe Frau, sollte ich aber ...", meinte der Greis, der fahle, eingefallene Wangen hatte, nachdenklich, fuhr sich durch das kurze, graue Haar. "Sagen Sie, warum wollen Sie denn nicht, daß ich die Polizei rufe?"

"Weil die Polizei bis eben da war!" fauchte es übellaunig aus Verena heraus, Verena, die ihren Rollkoffer am Haltegriff packte. "Bis vor einem Augenblick war noch Polizei da! Ein Polizist. Jetzt ist der Polizist fort."

 

"Ein Po-li-zist ...?" wollte der Rentner die ihm mitgeteilte Neuigkeit nicht recht glauben. "Ein Polizist soll hier gewesen sein? Hab' aber beim Herauskommen aus der Tür keinen Polizisten hier am Zwischengang gesehen. Nur Sie. Nur Sie, liebe Frau. Sie sind hier am Erdboden rumgesessen ..."

"Weil der Polizist schon weg ist", versetzte Verena gereizt. "Bis vorhin war er noch da - jetzt ist er weggegangen, der Polizist. Sie hätten vielleicht zuschauen sollen, mal früher zur Haustür rauszukommen. Dann hätten Sie IHN gesehen, den Polizisten. Den Polizisten, der ... Der ... Ach, hören wir auf! Vielen Dank! Wirklich, Sie müssen nichts für mich tun. Gar nichts. Mir geht's supi. Ganz, ganz supi. Brauch' keine Polizei. Heute nicht mehr. Hatte genügend Polizei. Das dürfen Sie mir glauben. Auf Wiedersehen!"

Ab wandte Verena sich von dem altgewordenen Kerl. Den Koffer auf Rollen hinter sich herziehend, eilte Verena aus der vielleicht zweieinhalb Meter breiten Passage zwischen zwei mehrstöckigen Stadthäusern hinaus. Ohne von hinterrücks den Ruf einer Altherrenstimme oder sonst irgendwas zu erlauschen.

 

 

Auf dem gepflasterten Trottoir wählte Verena die Richtung, die auch Herr Ernst genommen hatte. Die, die Verena möglichst weit fort von dem Polizeigebäude und den Polizeibeamten, die es bevölkerten, wegbrachte.

Hinter Glascontainern verborgen, daß Verena sich die Hosen herunterzog und sich mit einem zufällig bei den Sammelcontainern auf dem Boden herumliegenden, ursprünglich mal weißen Männerhemd notdürftig reinigte.

Als Verena mit allem einigermaßen zu ihrer Zufriedenheit fertig war, steckte Verena das Hemd in den Container für das Braunglas, ließ es herabfallen.

 

Soweit es Verenas Stinkerei anging, mußte es eben so sein, daß Verena ein bißchen unangenehmer, strenger roch als gewöhnlich üblich.

Mußte auch nicht sein, daß sich Leute länger bei und mit Verena aufhielten.

Verena selber bereitete das mit dem Stinken Verenas wirklich das allerkleinste Problem im Moment. Verena, die hatte andere Sorgen. Ganz, ganz andere.

 

Die Zebrastreifen hinüber bewältigte Verena. Der Straßenkreuzungen waren einige, die Verena im leichten Nieselregen, den Koffer auf Rollen hinter sich herziehend, zählte. Ansonsten war Verena wie benebelt im Kopf. Einen richtig klaren Gedanken konnte Verena in keinster Weise fassen.

Schließlich entdeckte Verena sich auf dem geteerten Weg, der die Anhöhe hinter dem alten Rathaus hinaufführte. Verena, wie bei einer Bewußtwerdung.

Paßte ausgezeichnet, der Ort. Denn da war ein Widerstreben in Verena. Eine Abneigung, die in Verena stärker und stärker angewachsen war: mir nichts, dir nichts nach Hause zu gehen, drinnen im Gebäude die Stiegen in die heimatliche Wohnung raufzusteigen.

 

Bei der zweiten grüngestrichenen Parkbank für Spaziergänger, daß Verena mit ihrem Rollkoffer anhielt.

Traurig seufzte Verena.

Trotz des nieselnden Wetters, daß Verena sich auf die Sitzfläche der hölzernen Bank niederhockte.

Durch das wenig dichte Grün des aufgewachsenen Gebüschs, daß Verena matt, müde auf die Umrisse diverser weißgestrichener Häuser mit roten Dächern hinabblickte.

 

Es blieb eine Horrorvorstellung für Verena: Verena kam daheim im Wohngebäude zur Haustür hinein. Da standen zwei Polizeibeamte in der Vorhalle. Zwei Polizisten, die sich mit Käthe, der fetten Hausmeistersfrau, unterhielten. So vertraut über dies und das und die Welt, daß sie mit Käthe sprachen.

Verena, daß die Polizeileute entgegenschauten, mit den Köpfen Verena hinnickten.

Die netten Herren von der Polizei hätten nach Verena Tümmel gefragt, plapperte es aus Käthe heraus. Frau Tümmel, die müßte eigentlich doch bald heimkommen, hätte sie, Käthe, den Beamten gesagt. Und da, da wäre sie schon, sie, Verena Tümmel, wie für die Beamten bestellt.

Böserweise "Fettauge"-Käthe, die Gemahlin des Hausmeisters, die, nachdem sich die Polizeiherrschaften Verena zugewandt hatten, sich um Verena kümmerten, bei allem zuschaute und -horchte, was bei Verena geredet wurde. Jede Kleinigkeit bekam "Fettauge"-Käthe haarklein mit, worüber Verena Tümmel unterrichtet wurde. Was die Herren in Polizeiuniform von Verena Schönes wollten.

Vielleicht hatten die Beamten den Wunsch, daß Verena Tümmel mit ihnen mitkommen sollte. Auf der Stelle.

Eine hübsche Neuigkeit für "Fettauge"-Käthe. Dazu geeignet, als Nachricht überall in der Nachbarschaft verbreitet zu werden.

 

Uniformierte Abgesandte konnten das sein, die Kommissar Moinson losgeschickt hatte.

Aber auch sonstwie Uniformträger, auf Reisen.

Im Auftrag von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. Von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zu Frau Verena Tümmel gesandt. Aus Gründen, auf die Verena beim Dasitzen auf der Parkbank momentan nicht recht kommen konnte.

Nur eins, das Verena dazu einfiel. Und zwar das, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger, wie Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger einschätzte, durchaus in der Lage war, ohne größeren Verdruß seine eigenen Süppchen zu kochen.

 

Zu guter Letzt die eine Möglichkeit. Die, daß Herr Ernst, der Streifenpolizist, und sein uniformierter bester Kumpel Roland bei Verena zu Hause auf Verena warteten.

Grinsend, daß Herr Ernst für Verena die Mitteilung bereit hatte, daß für Verena der erste ihrer Kasinobesuche schon an diesem Abend fällig wäre. Noch heute, daß Verena mit ihm, Herrn Ernst, und mit Roland mitkommen sollte. Ins "Kasino Reiter". Oder sonst ein Kasino fürs nächste Glücksspiel.

Birgi müßte nur einfach schnell ein Kleid für Verena fertigmachen. Schließlich sollte Verena im Spielkasino repräsentabel sein.

Ein Abendkleid war für Verena das mindeste, was sein mußte. Ein bißchen Ausschnitt.

Auch einer ohne größere Oberweite verhalf Birgi zu ein wenig vorzeigbarem Brustumfang. Für Birgi kein Problem, man mußte Birgi nur machen lassen.

Herr Ernst und Kumpan Roland, die lachten. Herr Ernst und Roland, sie lachten.

Von irgendwoher unterhalb drang Verena real Männergelächter an die Gehörgänge.

 

 

Das Geniesele, das hörte langsam wieder auf, stellte Verena fest.

So oder so, Nieseln, Regen oder sonst eine Feuchtigkeit vom Himmel herunter - für Verena echt die kleinste ihrer Sorgen.

Ein Schluchzer entrang sich Verenas Brust.

Die Frage für Verena, was Verena nun weiter mit sich anfangen sollte. Was konnte Verena unternehmen, solange Verena sich noch glücklich in Freiheit und für sich selbst befand?

Drei Tage Zeit zumindest. Oder vier Tage. Bis Verena sich spätestens bei der Polizei melden mußte. Um sich am gleichen Tag auf die Reise nach Berlin zu machen.

Zusammen mit Kommissar Moinson, die Fahrt. Oder Verena alleine, mit einer Zugkarte. Die Verena vielleicht selber am Bahnschalter kaufen durfte. Eventuell in Begleitung von Polizeibeamten, die Verena Geleitschutz gaben, Verena beim Einsteigen in den Zug zuschauten.

Stieg Verena Stunden später in Berlin nicht aus dem Zug, würde das Fahndung heißen.

 

Wie das in drei Tagen mit Kommissar Moinson genau ablaufen sollte, davon hatte Verena keine klare Vorstellung. Außer, daß Kommissar Moinson gemeint hatte, daß er sich mit Verena in Verbindung setzen wollte.

Das konnte nicht nur ein Telefonat bedeuten.

Bestimmt bestand die Möglichkeit, daß Kommissar Moinson überraschend bei Verena an der Wohnungstüre auftauchte, bei Verena Tümmel in der Wohnung klingelte.

Befand Verena sich für niemanden in der Stadtwohnung, nirgends in der Nachbarschaft ihres Wohnhauses - war zuerst eine stadtweite Fahndungsmaßnahme, Frau Verena Tümmel betreffend, fällig. Mit Meldungen im Lokalradio.

Im Halbstundentakt, daß nach den Welt- oder den Lokalnachrichten, bunten Boulevard- und Sportmeldungen und dem Verkehr eine detaillierte Beschreibung von Frau Verena Tümmels Aussehen verlesen wurde. Dazu am Schluß des kleinen Textes die beiläufige Erwähnung, daß Frau Verena Tümmel geistig verwirrt war. Wenn jemand Frau Verena Tümmel gesehen hätte, bitte umgehend eine Information an die Polizei.

Blieb Frau Verena Tümmel verschollen, daß die Polizeioberen dafür Sorge tragen würden, daß der Fall Verena Tümmel in den Fokus sämtlicher Medien geriet.

Die behördlichen Fahndungsunternehmungen, die über die Dimension einer Regionalfahndung ausgeweitet wurden. Landesweit, daß daraufhin nach Frau Verena Tümmel Ausschau gehalten würde.

 

Vor ihrem geistigen Auge blickte Verena Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

Miteinander beredeten Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Situation, der man sich durch Verena Tümmels Verschwinden gegenübersah.

Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger, eins waren die beiden polizeilichen Herrschaften sich gewiß: daß Frau Verena Tümmel ohne Geld nicht weit kommen konnte. Nur eine Frage der Zeit, bis den Kollegen Frau Verena Tümmel irgendwo ins Netz ging. Man die Frau eingefangen hätte.

 

Traurig seufzte Verena.

Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger, die hochherrschaftlichen Staatsbeamten, Polizeidienst - sie hatten mit dieser Einschätzung der Lage Verena Tümmels vollkommen recht. Sahen das total richtig. Beide wußten sie ja genauestens darüber Bescheid, daß Verena nicht viel Geldwertes besaß. Nichts hatte Verena, das Verena zu Geld hätte machen können.

Verenas Scheckkarte, am Monatsanfang zum Eintippen der Geheimzahl und für den gewünschten Geldbetrag gut. Dann konnte Verena die Plastikkarte, die andere alle paar Tage in den Schlitz des Bankautomaten einschoben, für den Rest des Monats vergessen.

Der Schmuck, der Verena einmal gehört hatte, den hatte Verena bereits in der Vergangenheit nach und nach verkauft. Oder einzelne Schmuckstücke waren Verena verlorengegangen. Weil Verena Dinge versetzt und beim Pfandleiher nicht wieder auslösen hatte können.

Alles, bis Verena entdeckte, daß Verenas Schmuckschatulle leer war.

Nichts mehr als satte Luft drinnen im Innern, wenn Verena die Schatulle aufklappte.

 

An Verenas Rechner war die Festplatte kaputtgegangen.

Unversichert gab es an dem Gerät nicht die leiseste Möglichkeit der kleinsten Reparatur. Ohne eine gewisse Geldsumme nicht einmal billigen, hergerichteten Ersatz. Überhaupt: Woher eine neue Lizenz?

Höchstens, daß Verena, hätte Verena das gewollt, das Stück Altrechner für ein paar Cents an gewerbetreibende Leute verscherbeln hätte können. Welche, die das Geräteinnere ausschlachteten.

Verenas letztes Handy war schon beim Kauf veraltet gewesen.

Der Telefonanbieter, bei dem Verena den Vertrag abgeschlossen hatte, hatte die bei Frau Verena Tümmel gesperrte Nummer in der Gegenwart zu einhundert Prozent einem anderen Kunden zugewiesen.

 

Faßte Verena das Ganze für sich zusammen, sagte das Verena nichts anderes als das, Verena, die hatte, besaß - nichts. Das reine Garnichts.

Nicht das bißchen irgendwas. Für nichts. Voll die Leere im Karton.

Verena war eine Person, chancenlos auf der Welt. Nichts, dem Verena entkommen konnte.

 

Trotzdem, das mußte Verena für sich festhalten, hatte Verena nicht die allergeringste Lust, sich in ihre Situation einzufinden.

Wie eine, die aufgegeben hatte, dröge, müde nach Hause zu latschen, den Rollkoffer hinterherziehend. Um daheim die Treppenstiegen hochzusteigen, sich in ihre vier Wände zu begeben. Dort drinnen, in der trauten Umgebung ihrer Wohnlichkeit, in trister Stimmung die nächstfälligen Ereignisse zu erwarten.

Einhundertprozentig keine solchen, die Herr Ernst, der Streifenpolizist, sich vorstellte. Zusammen mit seinem uniformierten Kumpan Roland. Ganz von den Gedanken abgesehen, die die Ehefrauen von Herrn Ernst und diesem Roland hatten.

Die Schwestern Angie und Birgi.

Die Schwestern Angie und Birgi kennenzulernen, die sich mit Herrn Ernst und mit Roland verheiraten hatten müssen - das hatte Verena in keinster Weise irgendwie nötig. Genausowenig wie Verena es nötig hatte, diesen Roland leibhaftig zu Gesicht zu kriegen.

Was hatte Verena denn davon, wenn die Schwestern Angie und Birgi die Netten waren? Während ihre Männer, liefen die Dinge anders als von ihnen ausgedacht, schnell den Koller kriegten. Die sofort zuschlugen. Mit flacher Hand. Der Faust. Einem Gürtel. Was immer die in die Finger kriegten.

 

Neue Papiere mit einer falschen Identität, die genauso echt wie die alten aussahen - die hätte Verena gebrauchen können.

Dazu: einen Besuch beim Chirurgen. Damit der Mann Verena das Gesicht leicht umoperierte. Verena die Brüste aufpeppte.

Daß Verena danach Mühe hatte, sich beim Blick in den Spiegel an ihr eigenes Aussehen zu gewöhnen. Weil Verena ziemlich eine Fremde aus dem Spiegelglas entgegenblickte.

Für all das hätte Verena jedoch reichlich Geldbeträge zur Verfügung haben müssen.

Leider, gerade Geld war das, das, was Verena fehlte. Schließlich der Punkt, bei Verena, ihre Armut.

Plötzlich, mitten in ihren Träumereien, traurigen Gedanken - hatte Verena einen Gedankenblitz.

Auf der Parkbank bei weiterhin leichtem Nieselregen dahockend, stieß Verena einen spitzen Schrei aus. Der eigene Aufschrei hallte Verena in den Ohren nach.

 

 

Auch Verena Tümmel war mal verheiratet gewesen.

"Tümmel" war der Name, den Verena mit ihrer Heirat angenommen hatte.

Schwiegereltern hatte Verena Tümmel. Die Schwiegereltern Verenas hießen Gerd und Rosa Tümmel.

Thomas, den Sohn von Gerd und Rosa Tümmel, den hatte Verena im Teenageralter kennengelernt.

Den Hof hatte Thomas Verena gemacht, sich mit Verena verlobt und Verena schließlich geehelicht.

Verena und Thomas Tümmel führten jahrelang durchaus keine schlechte Ehe. Vielmehr war das eine, die man lassen konnte, fand Verena.

Seit bald zehn Jahren, daß Thomas, Verenas Mann, nun tot war. Mit Thomas, dem Vater, war Hannes, Verenas Kind, bei dem Unfall auf der Autobahn verstorben.

Etwas, was Verena, die Ehegattin und Mutter, nicht hatte verhindern können, obwohl Verena tagelang die finstere Gewißheit von dem bald bevorstehenden Unglück in sich gehabt hatte. Angesprochen hatte Verena das Thema Thomas gegenüber. Öfter als oft hatte Verena mit Thomas über ihre schlimmen Träume geredet. Das war bei den Unterhaltungen nie unerwähnt geblieben, daß Dinge, die Verena nachts träumte, schon mal Realität wurden.

Trotz allem im Vorlauf war das böse Geschehen mit Thomas und Hannes. Was Verena sich im Schlaf zusammengeträumt hatte, es ereignete sich. Als bitterste Wahrheit und Gegenwart stellte es sich heraus. Als Tatsache, der im Grunde nicht zu entkommen war.

Es hatte Tote gegeben. Gestorben waren Thomas und Hannes, Verenas Familie. Bei dem Unglück mit dem überladenen Transporter auf der Autobahn.

 

In der Vergangenheit war Hannes immer gerne mit Mutti Verena und Vati Thomas im Auto mitgefahren, wenn es an Wochenenden oder in den Ferien auch unter der Woche auf Besuch zu den Schwiegereltern väterlicherseits ging.

Deutlich erinnerte sich Verena an jenes eingezäunte Grundstück, das an Wald grenzte.

Verenas Schwiegervater Gerd hatte das Stück Land im gleichen Jahr gekauft, als Thomas und Verena standesamtlich und drei Monate drauf kirchlich geheiratet hatten.

Auf dem Gelände existierte eine geräumige Blockhütte, die Gerd Tümmel, Thomas' Vater, fast alleine gebaut hatte. Nicht viel, daß Gerd Tümmel dabei jemand hatte helfen dürfen, wußte Verena von damals.

In der Hütte, von allerlei Gebüsch und Bäumchen umstanden, hatte es einen Holzofen mit Kochplattenaufsatz gegeben, entsann sich Verena. Thomas' elterliche Herrschaften hatten es außerdem gemocht, bei schönem Wetter unter freiem Himmel zu grillen.

 

Die Holzhütte, all das, was Verena in der Erinnerung hatte, mußte es eigentlich in der Gegenwart immer noch ähnlich geben.

Dorthin, zu dem umzäunten Grundbesitz Gerd und Rosa Tümmels, daß Verena aufbrechen konnte.

Ein Problem bei der Sache war lediglich, wie Verena den Maschendrahtzaun mit Stacheldraht, mit den Enden am Erdboden in den Beton eingelassen und in zwei Metern Höhe oben dreizeilig aufgesetzt angebracht, überwinden sollte. Anschließend dann jenes, ob sich der Schlüssel für die Hütte auch weiter in dem Versteck zwischen einer bestimmten Ritze am halb mannshohen Felsklotz befand, den Gerd Tümmel damals bei den Vorgesprächen für den Kauf des Grundstückes schon vor Ort vorgefunden und später nicht extra aus dem Erdboden ausgraben und entfernen lassen hatte.

 

An ihrem Schlüsselbund besaß Verena noch Schlüssel aus längst vergangener Zeit. Drei, vier Metallschlüssel, die Thomas ehedem gehört hatten.

Konnte gut Möglichkeit sein, daß das große Sicherheitsschloß aus Edelstahl an der Zauntüre die Jahre über nicht von Gerd Tümmel ausgewechselt worden war.

Daß Thomas von seinem Vater Gerd einen eigenen Schlüssel ausgehändigt bekommen hatte, damit Thomas auch selber mal mit Kind und Kegel auf des waldnahe Grundstück gelangen konnte, darauf entsann Verena sich.

Also konnte Verena möglicherweise ohne weiteres entdecken, daß Verena, kaum dort an der Maschendrahtzauntüre angekommen, auch schon das Sicherheitsschloß offen hatte.

 

Das war wirklich die Frage: Wer würde Verena in der alten Holzhütte, die Gerd Tümmel, Verenas Schwiegervater, gehörte, suchen?

Antwort: Tausendprozentig niemand.

Nicht nach all den Jahren, die seit den letzten Begegnungen Verenas mit den alten Tümmels vergangen waren.

Kontakt zu Gerd und Rosa Tümmel, ihren Schwiegereltern, hatte Verena seit dem Tod ihres Mannes Thomas und ihres Sohnes Hannes bei dem Verkehrsunfall nicht mehr großartig gehabt.

Nach dem Doppelbegräbnis und der Abwicklung sämtlicher behördlichen Modalitäten, die zu den Todesfällen dazugehörten, war Schluß.

In der Gegenwart sagten Frau Rosa und Herr Gerd Tümmel, wenn sie Leuten von der Polizei, die an ihrer Haustüre geläutet und denen sie die Türe weit aufgemacht hatten, nichts als die reine Wahrheit, wenn sie erzählten, daß sie Verena, wenn sie Verena auf der Straße sehen würden, kaum wiedererkennen würden. Richtig fremd wäre ihnen Verena, Thomas' frühere Ehefrau.

Daß Verena die Gattin ihres vor zehn Jahren bei einem Unfall auf der Autobahn verstorbenen Sohnes Thomas war, das hatte wirklich in keinster Weise zu bedeuten, daß die folgenden Jahre eine Beziehung zu Verena weiterzubestehen gehabt hätte. Nicht, nachdem Thomas den Todeswagen, in dem auch Hannes, Verenas Kind, ums Leben kam, bei zu hoher Geschwindigkeit gelenkt hatte. Thomas war der, der das Gaspedal getreten hatte. Auch wenn Thomas deswegen nicht der Auslöser des Autobahnunglücks mit tödlichem Ausgang gewesen war. Trotzdem hätte Thomas nicht mit dem Auto rasen müssen wie ein Rennfahrer.

 

 

Jetzt hatte Verena ein neues Ziel. Total unverhofft.

Etwas, das aus dem Raster fiel. Ein klein wenig abwägig war, was Frau Verena Tümmel anging.

Die Blockhütte, die Gerd Tümmel, Verenas Schwiegervater, vor Jahren beinahe im Alleingang gebaut hatte.

Zu dem mit einem Maschendrahtzaun umzäumten Grundstück Gerd und Rosa Tümmels, daß Verena aufbrechen konnte. Um zu gucken, ob einer der Schlüssel an Verenas Schlüsselbund - ein Andenken an längst vergangene Zeiten, die für Verena kaum mehr wahr waren - auch in der Gegenwart noch paßte.

Wenn Verena dort ankam, jenseits des Maschendrahtzauns war, bestand die Möglichkeit, daß Verena für ein paar Tage auf dem Gelände ihre Ruhe hatte.

Das hieß, bestimmt hatte Verena die, sollte Verena in der Holzlattenhütte Lebensmittel vorfinden. Zusätzlich zu denen, die Verena von der Sozialstation her in ihrem Koffer auf Rollen ohnehin mit sich herumfuhr.

 

Damit stand für Verena der Entschluß fest.

Ehe Verena sich jedoch auf den Vierzehn-Kilometer-Fußmarsch machte, brauchte Verena ein paar tüchtige Schlucke zu trinken.

Plötzlich hatte Verena das dringend nötig.

Vielleicht, daß Plastikfläschchen und -becher mit Trinkbarem in Verenas Rollkoffer waren.

Eine Limo verlangte sich Verena überhaupt nicht. Ein Milch-, Joghurtgetränk reichte Verena ebenfalls überallhin.

 

Stark aufpassen mußte Verena nur auf die Scherben.

Zumindest eine Glasflasche im Kofferinnern, die hatte Herr Ernst mit seinem eisenbeschlagenen Schuh kaputtgetreten.

Sich an einer kleinen, größeren Glasscherbe schlimmer zu schneiden. Oder an der scharfen Plastikkante eines Joghurtbechers. Das hätte Verena in ihrer momentanen Lebenslage zu guter Letzt noch gefehlt.

Am Schluß, hatte Verena sich schlimm geschnitten, daß jemand einen Notarzt für Verena rufen mußte. Im Sanka, daß Verena ins örtliche Klinikum gefahren werden würde.

Mitten zwischen Ärzten und Krankenschwestern auf der Chirurgie, daß Verena darauf landete. Statt auf dem Weg zu Schwiegervater Gerd Tümmels Grund und Boden in Waldnähe zu sein.

 

Nach dem Reißverschluß oben am Rollkoffer wollte Verena eben fassen, ihn langsam von der Mitte der breiten Fläche her nach rechts und hinunter aufzuziehen.

Mitten in der Bewegung, daß Verena jedoch innehielt.

Tatsächlich, so Geräusche an Verenas Ohren, wie verstohlene Schritte. Als ob jemand sich Verena auf leisen Sohlen näherte.

Das fand Verena komisch.

Den wollte Verena sehen, der da plötzlich des Teerweges herauf an Verena herangeschlichen kommen wollte.

Blitzschnell drehte Verena den Kopf nach rechter Hand zur Seite.

 

Vier, fünf Schritte von Verena entfernt, von unterhalb den geteerten Weg heraufgekommen, daß ein großgewachsener Mann reglos dastand.

Grauer Trenchcoat. Schwarzer Filzhut auf dem gesenkten Kopf. Dunkle Hose. Glänzende, schwarze Schuhe.

Der breitschultrige Fremde sah aus wie jemand, einem Detektiv-, Gangsterfilm einer längst vergangenen Zeitepoche entsprungen.

Die Realität der Gegenwart des anderen ließ sich nicht von der Hand weisen. Das war brutal.

 

Das Kinn hatte der Unbekannte zur Brust sinken lassen, als Verena zu ihm hingeblickt hatte.

Nun hob der Unbekannte seinen Kopf an, präsentierte Verena nach und nach sein Antlitz.

Als hätte Verena ein elektrischer Schlag getroffen, daß Verena zusammenzuckte. Verena kannte ihn. Erkannte ihn.

Kommissar Moinson!

Das war Kommissar Moinson. Kommissar Moinson war der Mann.

Mit ausdrucksloser Miene, daß Kommissar Moinson nach Verena hinstarrte.

 

 

"Nur die Ruhe, Frau Tümmel!" öffnete Kommissar Moinson den Mund für Verena. "Bitte, Frau Tümmel, nur die Ruhe. Schön da sitzenbleiben. Schön bleiben wir sitzen, ja?"

Bedächtig, als wäre bei ihm Zeitlupe geschaltet, schaffte Kommissar Moinson sich in Bewegung.

An die Parkbank, auf der Verena regungslos dahockte, daß sich Kommissar Moinson seitlich rechts zur Banklehne hinbegab.

"Dachte mir, Frau Tümmel", meinte Kommissar Moinson von der Seite her zu Verena herunter, "ich gehe Ihnen mal ein bißchen hinterher. Zuerst dachte ich, ich mach' das nur ein Stückweit. War nicht so schwer, Ihnen hinterherzukommen. Außerdem hat der Kollege - Ernst heißt der mit Namen, nicht? - Sie eng begleitet. Wurden von Wachmann Ernst ja ziemlich bedrängt und am Heimgehen gehindert, Frau Tümmel, nicht wahr?"

 

Mit aufgerissenen Augen glotzte Verena nach der rechten Seite zu Kommissar Moinson hoch; den Mund hatte Verena offen.

"Wissen Sie, Frau Tümmel", setzte Kommissar Moinson fort, "ich glaube, es ist besser, ich nehme Sie jetzt sofort mit mir mit. Nicht erst in drei, vier Tagen. Nicht, daß Ihnen noch was passiert, ehe ich zurückkehre. Etwas, was ich nicht möchte. Bitte, kommen Sie, Frau Tümmel!"

Auf die Füße brachte Verena sich hoch, ohne daß Verena die zittrigen Beine unter dem Gewicht von Verenas Oberkörpers weggeknickt wären. Nach dem Griff ihres Rollkoffers langte Verena.

"Nein, Frau Tümmel - nicht den Koffer!" rief Kommissar Moinson aus.

Weg zuckten Verenas Finger vom Haltegriff ihres Kofferteils auf Rollen.

"Den Koffer da, den lassen Sie bitte hier stehen, Frau Tümmel", meinte Kommissar Moinson. "Irgendwer wird den Koffer schon brauchen können. Oder der Koffer landet am Fundamt. Oder am Müll. Irgendwie wird das gute Stück schon entsorgt werden. Wen interessiert's?"

Verena schluchzte.

"Stell' mir vor, Frau Tümmel, daß wir beide in einem schnieken Restaurant schön was zusammen essen gehen", ließ Kommissar Moinson sich einschmeichelnd vernehmen. "Uns dort nett miteinander unterhalten. Haben wir beide doch kein Problem damit, oder? Dann reisen wir in meinem Wagen von hier ab. Hört sich das nicht gut an, Frau Tümmel?"

Unter dem Arm faßte Kommissar Moinson Verena hilfreich, nachdem Verena sich plötzlich vor Zittrigkeit und Schwäche mit beiden Händen auf der Rückenlehne der Parkbank abstützen mußte.

"Boah, Frau Tümmel!" entfuhr es Kommissar Moinson. "Gut riechen Sie momentan nicht gerade. Menschenskind, das ist ein Duft. Parfüm der Marke 'Klo'."

Verena war ganz und gar die Sprachlosigkeit in Person.

"Glaube, Frau Tümmel, Sie müssen die nächste Zeit mal unter die Dusche. Boah, Sie sind vielleicht Geruchsbelästigung!" Daumen und Zeigefinger hielt Kommissar Moinson sich unter die Nasenlöcher. "Frische Kleider brauchen wir für Sie ... Nein, solange das nicht ist, daß Sie geduscht haben, sich umgezogen - können wir uns nicht in einem teueren Restaurant blicken lassen. Wirklich nicht, Frau Tümmel. Reicht erst mal nur für einen Hamburger. Oder zweien von der Sorte. Aber nur, wenn Sie brav sind. Als allererstes müssen wir uns aber schnell Parfüm kaufen ..."

Weit, weit fort wünschte Verena sich.

"Also, Frau Tümmel ..." Mit der Zunge schnalzte Kommissar Moinson. "Wir können gut miteinander auskommen. Aber ich kann Ihnen, wenn's sein muß, auch eins mit dem Elektroschocker verpassen. Und Sie mit einer Spritze ruhigstellen und transportieren. Auch im Kofferraum. Je nachdem, wie Sie das haben wollen. Sie sich das wünschen, Frau Tümmel."

Ein trauriges Stöhnen war Verenas Kommentar.

"Bitte, Frau Tümmel, jetzt gehen wir erst mal in aller Ruhe zu meinem Wagen." Der Finger Kommissar Moinsons zeigte den Teerweg abwärts. "Und vergessen Sie bitte nicht, daß ich Polizist bin. Ich habe einen gültigen Ausweis. Auf dem draufsteht, daß ich Kommissar bin. Jedem kann ich den Ausweis vorzeigen, der den Ausweis gerne sehen möchte. Kein Problem. Sogar auf Kollegen von mir kann ich warten, Frau Tümmel, wenn's sein muß. Was soll's? Ist auch spaßig. Führen meine Kollegen Sie, Frau Tümmel, zu meinem Auto. Für Sie, Frau Tümmel - für Sie ändert sich deswegen also nicht das geringste. Nichts. Haben Sie mich verstanden?"

Keine Reaktion Verenas.

"Na denn! Dann gehen wir beiden Hübschen hier schön weg." Schulterzucken Kommissar Moinsons. "So weit steht mein Auto nicht von hier weg geparkt, Frau Tümmel, wenn ich mir das recht überlege. An einem Drogeriemarkt bin ich vorbeigekommen. Dort gibt's Parfüm. Los, kommen Sie jetzt. Es fängt zu regnen an. Mensch, jeden Moment schifft's richtig. Los, los, Frau Tümmel. Weg von hier."

 

 

 

 

 

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