2b. Polizei ("The eyewitness")
"Nichts hat sich bei Ihnen geändert, Frau Tümmel, alles ist gleich?" Die Augenbraue, die Kommissar Moinson fragend hochgezogen hatte.
"Ja! Alles genau das gleiche. Keine Änderungen, bei nichts." Schulterzucken Verenas. "Hat sich nichts Neues getan."
"Gut!" konstatierte Kommissar Moinson, der ein kleines Weilchen am Monitor gelesen hatte. "Hier habe ich ein Protokoll am Bildschirm. Von den Streifenpolizisten Holger Ernst und Tim Rainer Schmitz verfertigt. Am Schluß von Ihnen unterschrieben, Frau Tümmel. Herr Ernst und Herr Schmitz, die beiden haben Sie, Frau Tümmel, am Dienstag letzter Woche nachmittags in der Innenstadt aufgegriffen. Dann Sie anschließend augenblicklich hierher auf das Polizeiinspektion verbracht. Nachdem Sie, Frau Tümmel, von woanders die Flucht ergriffen hatten, eine stadtweite Fahndung nach Ihnen ausgelöst worden war. Das stimmt, nicht wahr, Frau Tümmel?"
"Ja, war so", gestand Verena. "Kann ich nicht abstreiten."
An die Probleme, die sie hatte, dachte Verena.
Neue Tränen begannen Verena die Wangen hinunterzulaufen.
Das alte Papiertaschentuch war Verena vom linken Oberschenkel, wo es aufgelegen war, heruntergerutscht, am Parkettboden gelandet. Nicht die allergeringste Absicht hatte Verena, es deswegen wieder aufzuheben.
Aus der Brusttasche ihres Hemdes holte Verena die Packung Papiertaschentücher. Ein papiernes Taschentuch zog Verena heraus, wischte sich damit unter den Augen.
"Am Nachmittag des Dienstags letzter Woche, haben Sie den Kollegen Ernst und Schmitz zu Protokoll gegeben, Frau Tümmel, haben Sie Ihre Wohnung früh nachmittags verlassen. Für ein Vorstellungsgespräch. In der Näherei Bichl wollten Sie sich vorstellen. Halb drei Uhr, der vereinbarte Termin." Mit offenem Blick guckte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der für Kommissar Moinson den Part nahm, Verena an.
"Ja-a ..." Kopfnicken Verenas.
"Um für Ihr Vorstellungsgespräch zur Näherei Bichl zu gelangen, Frau Tümmel, müssen Sie über die Gildebrücke gehen ..." Das Kinn rieb Herr Polizeihauptmeister Dischinger sich her.
"Ich-ich ..." Heiß war es Verena, sehr heiß.
"In dem von den Kollegen Ernst und Schmitz verfertigten Protokoll dieses Nachmittags steht", setzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger fort, "daß Sie erst durch die Stadt gegangen sind. Dann sind Sie bei der Gildebrücke angekommen. Dort waren zwei Jugendliche, haben Sie ausgesagt, Frau Tümmel. Männliche Teenager. Sechzehn, siebzehn Jahre alt. Mit Sportlermützen am Kopf. Das hätten Sie bei zwei Burschen ja nicht ungewöhnlich gefunden, daß Sie bei ihnen stehenbleiben hätten müssen. Sie sind deswegen nicht weitergegangen - haben Sie den Kollegen Ernst und Schmitz zu Protokoll gegeben, Frau Tümmel -, weil Sie gesehen haben, daß sich die beiden Jungs mit einem Seil wie so zwei Bergsteiger im Gebirge aneinandergebunden hatten. Und nicht nur das: Die beiden waren so komisch bespaßt miteinander, haben sich umarmt und die Handflächen hergepatscht. Anschließend sind die zwei mit ihren Wanderschuhen an den Füßen unten auf das Brückengeländer gestiegen. Das haben Sie genau gesehen, sagten Sie aus, Frau Tümmel. Klar und deutlich hätten sie das mit den beiden gesehen gehabt. Mit den Augen."
"Hab' ich auch", konnte Verena nicht an sich halten. "Habe alles ganz deutlich gesehen. Genau so. Alles war so. Total real. Hab' den beiden zugeschaut, wie sie sich gegenseitig geholfen und gesichert haben, am Aufgang des Brückenbogens so angespitzte, lange Eisenstäbe, die fächerartig an eine große Metallkugel unten angeschweißt sind, zu überwinden. Die zwei sind drübergeturnt. Hatten nicht viele Probleme damit."
"Gute Beschreibung", lobte Kommissar Moinson, der Verena beim Sprechen beobachtet hatte. "Steht alles wirklich auch genauso in dem Protokoll der Herren Schmitz und Ernst drinnen, was Sie gemeint haben, daß Sie gesehen hätten, Frau Tümmel ..."
Die Mundwinkel Verenas zuckten links und rechts. Zum Davonlaufen fand Verena die Welt.
"Die beiden im Teenageralter", kehrte die Stimme von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger Verena zurück, "die sich mit einem Kletterseil aneinanderbanden, hatten - Ihrer Aussage nach, Frau Tümmel -, den Selbstmörderschutz des Brückenaufgangs überwunden. Immer höher hinauf, daß die beiden gestiegen sind. In der Mitte des Brückenbogens oben sind die Jungs angekommen. Dort sind die zwei geblieben. Haben sich niedergehockt, die Füße baumeln lassen. Gerade wollten Sie sich entscheiden, Frau Tümmel, mit der Gafferei aufzuhören, endlich wegzugehen, weil Sie ja zu Ihrem Vorstellungsgespräch in der Näherei Bichl wollten, da ist einer von denen mitten auf der Brücke droben aufgestanden. Angefangen hat er, am schmalen metallenen Grat da oben herumzutanzen. Der zweite hat dann kurz darauf ganz genau das gleiche gemacht, ist auf die Beine hoch, hat getanzt. Die zwei wären wahnsinnig, haben Sie gedacht, Frau Tümmel; die würden noch abstürzen, wenn die so weitermachten. Jetzt müßte etwas von Ihnen, Frau Tümmel, unternommen werden. Ehe das droben ein böses Ende nehmen würde ..."
"Ja - das, konnt ni-nicht zu-schau-en ...", flüsterte Verena kopfnickend.
"Sie haben überlegt, Polizei und Feuerwehr, die müßten schnell verständigt werden, Frau Tümmel ..." Mit geschürzten Lippen glotzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena dumpf an.
"Da-das hab' i-ich, ja-a ..." Die Hände rang Verena in ihrem Schoß, schaute mit dem Blick einer Verzweifelten auf Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Muß man doch ..."
Ein Schnalzgeräusch ließ Kommissar Moinson hören, daß Verena zusammenzuckte, ihr Augenpaar schnell nach rechts Kommissar Moinsons sitzender Gestalt zuwandte.
Den nächsten seltsamen Augenaufschlag, den Kommissar Moinson für Verena vorzeigte.
"In Ihrer Aufregung sind Sie, Frau Tümmel, auf einen jungen Mann zugelaufen", setzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger fort. "Der erste, der in Ihrer Nähe zufällig des Weges gekommen ist."
"Ja, mußte ich doch!" entfuhr es Verena aufgebracht. "Von der Ampel unten ist er in meine Richtung gekommen. Jemand anders war da nicht. Mußte zu ihm laufen, ihn ansprechen. Schließlich hatte ich nichts, mit dem ich telefonieren hätte können. Hab' ihm kurz gesagt, was auf der Brücke oben los ist. Hab' gefragt, ob er telefoniert. Oder er mich telefonieren läßt."
"Roland Gieber, so heißt der junge Mann." Die Augen hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger beim Sprechen auf den Rechnermonitor gerichtet. "Ist Praktikant in einer Rechtsanwaltskanzlei. In dem Protokoll Roland Giebers steht, Sie hätten sich aufgeregt aufgerührt, ihn bedrängt, Ihnen, Frau Tümmel, sofort sein Handy zu geben, damit Sie die Polizei und die Feuerwehr anrufen könnten. Als er Ihnen, Frau Tümmel, das Telefon gegeben hatte, Sie damit telefonierten, hat Roland Gieber erst hochschauen können. Dorthin, den Brückenbogen hoch, wo die jungen Kerls, von denen Sie, Frau Tümmel, ihm dahergeredet haben, sein sollten. Aber Roland Gieber hat droben auf der Bogenmitte nichts und niemanden gesehen. Keinen Menschen. In der Zwischenzeit hatten Sie, Frau Tümmel, mit dem Handy von Herrn Gieber allerdings bereits die Polizei verständigt. Die Feuerwehr wurde ebenfalls von Ihnen herbeigerufen."
Ein müder, trauriger Seufzer Verenas.
"Innerhalb kürzester Zeit war Polizei vor Ort auf der Gildebrücke. Und die von der Feuerwehr, die waren nicht viel langsamer. Drei Einsatzwägen der Feuerwehr, daß sich schließlich auf der Brücke befanden ..."
"Tja ...", meinte Verena zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Was hätte ich sonst machen sollen? Es war alles so wirklich gewesen. Klar und deutlich hatte ich alles gesehen. Ich kann doch nicht zusehen, wie zwei junge Leute ..."
Ein absurdes Lächeln, das Kommissar Moinsons Lippen umspielte.
Für ein besseres Gefühl Verenas für ihre gegenwärtige Umwelt war das, was Verena bei Kommissar Moinson wahrnahm, nicht zu gebrauchen.
"Den Beamten von der Polizei und dem Brandmeister von der Feuerwehr", war die Fortsetzung von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, "haben Sie, Frau Tümmel, wiederholt, daß Sie zwei jungen Kerlen dabei zugeschaut hätten, wie sie den Brückenbogen hoch wären. Droben, auf der Mitte der Brücke, daß die Teens plötzlich herumzuspinnen und zu tanzen angefangen hätten. Nur, niemand war von unten dort droben in der Mitte des Bogens zu entdecken ... Vielleicht, sagte man sich, daß man keinen der beiden, von denen Sie sprachen, Frau Tümmel, mehr sah, weil sie bereits abgestürzt wären. Feuerwehrmänner sind hoch, sich auch von oben in jede Richtung einen Überblick zu verschaffen ..."
Nichts, das Verena einfiel, was Verena großartig zu ihrer Verteidigung daherschwätzen hätte können.
"Als man sich das nächstemal nach Ihnen umschaute, Frau Tümmel, waren Sie verschwunden." Den Zeigefinger, den Herr Polizeihauptmeister Dischinger für Verena hob. "Nirgendwo mehr waren Sie in der näheren Umgebung zu entdecken. Die Flucht, die Sie ergriffen hatten, Frau Tümmel. Weil Ihnen aufgegangen war, daß der Ärger bald riesig für Sie werden könnte. Unauffällig, daß Sie sich in die Gaffermenge da reingedrängt und sich davongemacht haben ..."
"Bin nur schnell weg von da ..." Unumwunden, das Eingeständnis Verenas, daß Verena eilig vom Platz abgehauen war. "Dachte nur noch, nichts wie weg. Nichts wie weg jetzt."
Auf ein neues stürzten Tränen Verena die Wangen hinunter.
Das Geschluchze Verenas ließ nach.
"Um es zusammenzufassen, Frau Tümmel", übernahm Kommissar Moinson die Rederei, "Sie haben einen Einsatz von Polizei und Feuerwehr verursacht. Zweimal eine Straßensperrung, wobei der Verkehr über die Brücke in beiden Fahrtrichtungen zum Stillstand gekommen war. Längere Staus auf den Zufahrtstraßen zur Brücke ... Das ganze Programm."
"I-ich ..." Der Kehlkopf hüpfte Verena. Es blieb für Verena dabei, daß die Welt zum Davonlaufen war.
"Noch mal, Frau Tümmel", verlangte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verenas Aufmerksamkeit. "Einen Einsatz der Feuerwehr haben Sie verursacht. Mit drei Feuerwehrfahrzeugen. Dazu war Polizeieinsatz. Mit sechs Wägen. Polizisten haben für die schnelle Sperrung der Gildebrücke gesorgt. Daß der Verkehr auf der Brücke unfallfrei zum Erliegen gekommen ist. Darüberhinaus haben Sie, Frau Tümmel, im weiteren Verlauf der Geschichte die Flucht ergriffen. Eine stadtweite Fahndung wurde nach Ihnen eingeleitet. In der Innenstadt, daß Sie von den Kollegen Ernst und Schmitz festgenommen wurden, ehe Sie in das große Modehaus da hineinlaufen konnten, in das Sie sich flüchten wollten. Was sagen wir nun dazu, Frau Tümmel?"
"Nichts!" brach es zur Überraschung Verenas bei Verena aus. "Mir fällt dazu eigentlich nichts ein. Außer dem - sollten Sie da dran denken, das meinen -, daß ich nicht einen müden Penny übrig hab'. Nicht einen einzigen. Daß ich viel was für was zahlen kann, glaub' ich nicht. Werd' ich vor Gericht gezerrt, wird's auch nicht besser. Das einzige, was ich vielleicht kann, ist, die Tagessätze, zu denen ich verurteilt werde, in einer Gefängniszelle abzusitzen ..."
Das äußere Aussehen eines Mannes hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der Verena liebend gerne tätlich angegriffen hätte.
"Nur, erst mal muß man mich verurteilen", konnte Verena nicht an sich halten, nachsetzend anzubringen. "Solange könnt' ich noch auf freiem Fuß sein. Oder besteht Fluchtgefahr? Dann muß man mich einsperren. Lande ich jetzt sofort in einer Zelle hier im Gebäude?"
"Hahaha!" Kommissar Moinson, der loslachte.
Kommissar Moinsons Gelächter. Während Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Lippen aufeinanderpreßte, feindselig nach Verena hinstarrte.
"Die Geschichte mit den Jungs auf der Brücke am letzten Dienstag ..." Das Kinn rieb sich Kommissar Moinson her. "Gefunden wurde von den jungen Kerlen, die Sie am letzten Dienstag gesehen haben wollten, bei aller Sucherei den Fluß hinab keiner. Keiner von denen. Nirgends. Zumindest nicht die letzte Woche. Sie wissen, wovon ich spreche, Frau Tümmel?"
"Nein, weiß ich nicht." Großäugig guckte Verena kopfschüttelnd auf Kommissar Moinson. "Was soll ich wissen?"
Die Augenbraue, die Kommissar Moinson hochschob. "Sie lesen Zeitung, Frau Tümmel?"
"Nein, eine Zeitung kann ich mir nicht leisten. Es sei denn, ich fisch' sie mir wo in der Stadt aus dem Abfallkorb, wenn ich eine in einem drinnen seh'. Kann sein, daß ich dann Zeitung lese."
"Dann hören Sie lokales Radio? Oder sehen den lokalen Fernsehsender?"
"Nein! Tue ich nicht." Richtiggehend biestig, trotzig, daß Verena sich anhörte. Verena, die sich zu fragen anfing, wie das für Verena in Verenas Situation weitergehen sollte. Schüchterne Zurückhaltung, öfters Tränen - all das wäre für Verena sicherlich weitaus besser gewesen, als das andere im Augenblick.
"Was wollen Sie mir jetzt hier sagen, Frau Tümmel?" Ungläubiges Kopfschütteln Kommissar Moinsons. "Sie meinen, Sie wissen nicht, Frau Tümmel? Sie wollen behaupten, daß Sie nichts wissen? Von nichts was wissen?"
"Was sollte ich wissen?" Leiser, Verenas Worte, Verena, die eine innere Erschütterung überkommen hatte.
Durchaus eine Ahnung, die Verena hatte, daß es Verena heiß aufstieg.
"Im Lokalradio und im regionalen Fernsehen war es ein Thema, Frau Tümmel, in der Zeitung hat es gestanden. Im Internet kann man es sofort finden. Hat mir Herr Dischinger gesagt, daß es dafür viele Ereignisse gibt. Und Sie meinen hier zu mir, daß Sie keine Ahnung haben? Ausgerechnet Sie, Frau Tümmel."
Das Gesicht vergrub Verena in ihren Handflächen.
"Manchmal wundert's mich, wie etwas zugeht, Herr Moinson", meinte Herr Polizeihauptmeister Dischinger zu Kommissar Moinson an seinem Schreibtisch hinüber.
"Was?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.
"Nun, das, daß die Lokalseite der Zeitung das ausführlich gebracht hat, das heute noch bringt", erwiderte Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Genauso wie der ganze Rest vom Fernsehen und vom Radio hier. Alles und jedes mit Artikeln, gesendeten Beiträgen dabei. Seit Montag. Zeitung, Radio, Fernsehen, Internet. Während von den Geschehnissen vom letzten Dienstag, bei denen Frau Tümmel hier mit von der Partie war, nichts als so ein mickriges Artikelchen in der Zeitung gestanden war. Ansonsten fand das von Dienstag letzter Woche nirgends größere Resonanz. Trotz dem Einsatz von Polizei und Feuerwehr samt längerer Brückensperrung, den Verkehrstaus. Als hätte es letzten Dienstag nicht stattgefunden."
"Hat doch eigentlich auch nicht, Herr Dischinger, oder? War nichts, um das man viel Aufheben hätte machen müssen. Oder - war was ...?"
"Stimmt schon." Kopfkratzen bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Ja, ist wahr. Aber, andererseits ..."
"Wirklich, Frau Tümmel?" kam Kommissar Moinson auf Verena zurück. "Kein Mensch hat sich ausführlicher mit Ihnen wegen dem von letzter Woche am Dienstag unterhalten mögen? Kein Reporter - ob von der Zeitung, vom örtlichen Radio oder vom regionalen Fernsehsender - hat Sie belästigt? Auch kein Blogger, so was? Glaub's ja nicht. Dabei sind Sie so interessant, Frau Tümmel ... Was einer in Ihnen nicht alles Interessantes entdecken könnte."
"Bin nicht interessant", wies Verena den Anwurf Kommissar Moinsons mit heiserer Stimme zurück.
"Nicht?" Das mit der hochgezogenen Braue wiederholte Kommissar Moinson. "Sie ist nicht interessant, Herr Dischinger, sagt sie ..."
Herr Polizeihauptmeister Dischinger präsentierte geschürzte Lippen.
Die Flasche Mineralwasser, aus der sie zittrig ein paar Schlucke getrunken und deren Verschluß sie fahrig wieder draufgedreht hatte, stellte Verena auf die Schreibtischkante zurück.
"Letzte Woche am Dienstag, Frau Tümmel ...", redete Kommissar Moinson Verena an, bezeigte damit, daß das Moment der Ruhe für Verena vorbei war. "Letzte Woche am Dienstag, da war nachmittags Ihr Anruf bei der Polizei und bei der Feuerwehr ..."
"Das ka-kann ich nicht abstreiten, daß i-ich die Polizei und die Feuerwehr an-angerufen hab'", meinte Verena niedergeschlagen.
"Für die von der Polizei und für die Feuerwehr - Einsätze für nichts." Den Zeigefinger hob Kommissar Moinson für Verena.
Verena wußte nicht, was Verena dem früher bereits von Verena Gesagten hinzufügen hätte sollen.
"Das, was seit Montag dieser Woche für Schlagzeilen sorgt, in der Zeitung im Lokalteil geschrieben steht, bei den restlichen Medien die Runde macht, davon wissen Sie also nichts?" wollte Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Aufmerksamkeit Verenas zurück. "Genauso, wie es im lokalen Fernsehen, im Lokalradio, im Internet für Beiträge und erhöhte Klickzahlen sorgt. Heute morgen hab' ich bei der Fahrt in die Arbeit die nächsten Reporterberichte dazu gehört. Via Autoradio. Und die letzten Tage hat unser kleiner heimatlicher Fernsehsender das Format lokaler Nachrichten immer damit aufgemacht. Aber Sie, Frau Tümmel, wollen nichts davon wissen. Sie behaupten, nichts zu wissen, Sie, Sie -!"
"Nur die Ruhe, Herr Dischinger!" verlangte Kommissar Moinson von seinem Gegenüber. "Keine Aufregung, bitte!"
Herr Polizeihauptmeister Dischinger winkte ab.
"Was meinen Sie, worum es sich bei allem dreht, Frau Tümmel? Warum sind wir, wir drei Süßen, hier in diesem Raum?" Starr fixierte Kommissar Moinson Verena.
"Kei-keine Ahnung. Weiß nich-nicht."
"Doch, doch, Frau Tümmel! Sie wissen, meine Liebe ..."
"Nein!"
"Doch!"
"Nein, nein!"
"Doch, doch!"
Die Lippen, die Verena fest aufeinanderpreßte.
"Dann sagen Sie es ihr, Herr Dischinger. Teilen Sie es ihr bitte in allen Einzelheiten mit."
"Das, was am Montag los war, Frau Verena Tümmel ..." Die Schultern rührte Herr Polizeihauptmeister Dischinger wie einer, der sich wegen Verspannungen locker machen mußte. "Worum es sich seit Montag dieser Woche in allen lokalen Nachrichtenmedien dreht, ist folgendes: Zwei junge Burschen haben sich aufgemacht, die Gildebrücke hochzusteigen. Sie hatten beide ein Seil zwischen sich, das heißt, sie waren aneinander angeseilt. Sich gegenseitig sichernd, haben sie den Selbstmörderschutz der Brücke überwunden. Mehrere Passanten auf der Brücke haben den beiden von unten bei ihrem Treiben zugeschaut. Beobachtet, wie die zwei auf allen vieren auf dem Brückenbogen immer höher hinauf sind. Bis die Kerle oben auf der Bogenmitte angekommen waren. Droben, daß sich die beiden hingehockt haben. Größere Sorgen um die beiden hatte sich bis dahin keiner der Zuschauer gemacht, so wie sie sich vorher beim Aufstieg geschickt angestellt hatten. Bis es dazu kam, daß der eine von denen aufgestanden war. Auf die Füße ist er hoch. Um mit ausgebreiteten Armen herumzustehen. Dann hat der dann voll zu spinnen angefangen. Am schmalen Grat der Brücke droben hat der herumgetanzt. Der zweite ist tatsächlich auch auf die Beine hoch, hat dem anderen seine Tanzeinlage nachgemacht. Zusammen haben sie droben auf der Gildebrücke getanzt. Bis der eine - gerade war der erste Streifenwagen mit unseren Kollegen auf der Gildebrücke angekommen - den anderen gerempelt hat. Der Wahnsinn. Angerempelt hat der ihn ..."
"Nein!" entfuhr es Verena zischend.
"Ah, Sie kennen es, Frau Tümmel? Sie kennen es also ...?" Herr Kommissar Moinson schaute, den Kopf schiefgelegt, nach Verena. "Ihr Ding ... Das Ding, Frau Tümmel, das, das Sie der Polizei, der Feuerwehr gemeldet haben. Nur, daß Sie das am Dienstag letzter Woche getan haben. Während das, was Herr Dischinger hier detailreich mitteilt, am Montag war ... Am Montag dieser Woche. Diesen Montag."
"Weil der Kollege nicht sofort gefallen ist, hat der andre seinen Kumpel gleich noch mal angerempelt", ließ Herr Polizeihauptmeister Dischinger, willens, seine Geschichte zu beschließen, hören. "Jetzt hat der sein Gleichgewicht wirklich verloren, ist abgestürzt. Mit dem anderen zusammen. Anders konnte das nicht kommen."
Verena schniefte.
Das Kinn hatte Verena zur Brust herabgesenkt, um den bohrenden Blicken von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Kommissar Moinson für kurze Augenblicke zu entkommen.
"Die beiden am Montag haben sogar Namen, Frau Tümmel." Kommissar Moinson seufzte. "Wollen Sie von Herrn Dischinger wissen, Frau Tümmel, was für Namen ihre Eltern den beiden Bürschchen bei der Geburt gegeben haben?"
Eigentlich konnte Verena gut da drauf verzichten, das zu wissen.
"Thomas hat der eine geheißen - der andere Bastian", informierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena ohne weiteres. "Hübsche Namen. Viele Fragen, die sich im nachhinein stellen, Frau Tümmel. Den Eltern, der Öffentlichkeit. Fragen solcherart: Warum klettern Thomas und Bastian den Bogen der Gildebrücke rauf? Warum fangen die beiden an, droben auf der Brücke rumzuspinnen? Wenn der eine den anderen anrempelt, muß das doch schließlich kommen, wie es kommen muß: Absturz. Thomas und Bastian mußten beide wissen, daß sie miteinander abstürzen könnten. Wegen dem Seil, mit dem Thomas und Bastian sich aneinandergebunden hatten. Das mußten die beiden wissen. Der eine wie der andere. Hinein ins Wasser des Flusses, daß es für beide ging. Recht kühl, das Wasser. In dem Fluß, in dem es auch ansonsten eine starke Strömung gibt. Wegen dem miesen Wetter der letzten Tage mehr Wasser und noch mehr Strudel und stärkere Strömung als normal zu der Jahreszeit. Momentan an einer verkehrten Stelle ins Flußwasser zu geraten, wirklich nicht das Angesagteste. Ohnehin muß jeder selbst bei schönstem Wetter aufpassen, nicht zu weit vom Ufer weg unbeobachtet in den Fluß hineinzuschwimmen. Überall am Flußufer stehen Schilder rum. Die die Leute vor den Strudeln, vor der Strömung warnen. Die, die schwimmen, sollen darauf achtgeben, was mit dem anderen ist. Falls es zu einer Überraschung kommt. Die Gefahr, daß ein Schwimmer dem Sog eines Strudels nicht entkommen kann, ist auch an den allerschönsten Sommertagen und bei heißen Temperaturen stark gegeben."
Verena, die Herrn Polizeihauptmeister Dischinger mit großen Augen anguckte, blies die Wangen auf.
"O ja, Frau Tümmel!" Ein vielsagendes Kopfnicken von Kommissar Moinson. "Am Montag hat es die Toten gegeben. Zwei Leichen. Der Fluß, der hat Thomas und Bastian ertränkt und ein bißchen weiter unten wieder ausgespuckt. Nicht weit unterhalb der Gildebrücke sind Thomas und Bastian von einem Suchkommando auf der von hier aus gegenüberliegenden Uferseite gefunden worden."
Kein Kommentar, der Verena einfiel.
"Zwei Familien, die um ihre Söhne weinen", war es Kommissar Moinsons Anhang. "Aber, sie, die Söhne, sind im Grunde genommen auch selber schuld."
Unglücklich guckte Verena von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zu Kommissar Moinson und zurück.
"So falsch sind Sie also damit nicht gelegen, als Sie Polizei und Feuerwehr gerufen haben, Frau Tümmel", klang es von Kommissar Moinson auf.
"Was wollen Sie damit sagen?" entfuhr es Verena, Verena, der das Herz bis zum Hals schlug.
"Das, daß Sie die Polizei und die Feuerwehr gerufen haben, das war nicht so falsch", erwiderte Kommissar Moinson. "So falsch sind Sie damit nicht gelegen. So falsch war das nicht. Wenn Sie damit, Polizei und Feuerwehr zu rufen, auch ein bißchen früh dran waren. Knapp eine Woche zu früh. Letzten Dienstag, daß Sie die Polizei gerufen haben, die Feuerwehr, Frau Tümmel. Daß aber das passiert ist, was Sie gesehen haben, das war dann erst anfangs dieser Woche. Am Montag. Am Montag dieser Woche. Das am Montag dieser Woche, das ist Realität. Unleugbare Realität. Mit zwei Leichen. Den Leichen von zwei jungen Kerlen. Deren Beerdigungen jetzt bevorstehen."
Großäugig glotzte Verena auf Kommissar Moinson, Kommissar Moinson, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte, Verena Tümmel gespannt eins herstarrte.
"Was haben Sie vorhin mal gemeint, Frau Tümmel?" Abwinken Kommissar Moinsons. "Daß Sie sich Sorgen machen, daß wegen dem vor einer Woche von Ihnen verursachten Einsatz von Feuerwehr und Polizei eine Schadenersatzforderung oder dergleichen auf Sie zukommen könnte? Nein, Frau Tümmel, da kann ich Sie beruhigen. Ich denke nicht, daß Sie sich deswegen Sorgen machen müssen."
"Ja, muß i-ich nich-nicht ...?" Über die Wange wischte Verena sich mit fahriger Hand.
"Nein! Auch wenn letzten Dienstag, dem Tag, an dem Sie Polizei und Feuerwehr gerufen haben, Frau Tümmel, eigentlich nichts war, was den Einsatz von sechs Polizeiwägen und drei Feuerwehrautos gerechtfertigt hätte." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Wie's aussieht, wird der Staat die Kosten übernehmen. Wird der Staat die Kosten für die Einsätze voll abdecken. Der Staat wird das tun. Das tun müssen."
Es klopfte an die Fläche der Bürotüre in Verenas Rücken.
"Herein!" rief Herr Polizeihauptmeister Dischinger.
Verena hatte sich unwillkürlich auf dem Sitzpolster ihres Holzstuhls im Ecken-, Kantenstil zur Tür hin umgewandt.
Herrn Wachmann Ernst sah Verena in die Büroräumlichkeit hereinkommen.
Ein großes, schwarzes Serviertablett, auf dem sich die verschiedensten Kleinigkeiten befanden, trug Herr Ernst mit beiden Händen in den Raum herein.
"Ja, ist es denn schon die Zeit ...?" redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger seinen Kollegen Ernst an, dem mit lediglich einen weißen Stern auf den Schulterklappen seines dunkelblaufarbenen Uniformjacketts.
"Die Zeit, daß Sie - ö! - sagten, daß ich kommen soll ...", gab Herr Ernst, der stehengeblieben war, zur Antwort. "Bin pünktlich, Chef."
"Das sind Sie, Herr Ernst, das sind Sie." Freundlich zustimmendes Kopfnicken von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, das Herrn Ernst galt. "Paßt gerade wirklich alles bestens für eine kleine Unterbrechung, Ablenkung hier. Stellen Sie das Tablett bitte bei mir da ab, Herr Ernst."
"Mach' ich, Chef", meinte Herr Ernst.
Zu Herrn Polizeihauptmeister Dischingers Seite des senkrecht gestellten Doppels Schreibtische begab sich Herr Ernst. Das Tablett plazierte Herr Ernst bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger auf eine Tischstelle, auf der zwei dünne schwarzlederne Mappen herumlagen.
"Danke, Herr Ernst!" Großzügig nickte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Herrn Ernst hin. "Warten Sie bitte draußen, ja?"
"Ja!" Militärisch schlug Herr Ernst die Hacken gegenüber von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zusammen. Das gleiche unternahm Herr Ernst für Kommissar Moinson. Herr Ernst, um sich in Folge auf dem Absatz umzuwenden.
Durch die graue Bürotüre, durch die er hereingekommen war, marschierte Herr Ernst wieder hinaus.
Leise, daß die Bürotür, von Herrn Ernst zugezogen, ins Schloß fiel.
"Aahhh!" vernahm Verena Kommissar Moinson.
Eiligst wandte Verena sich wieder am Sitz herum, direkt Kommissar Moinson zu.
Von seinem Sitzplatz am braunen Bürodrehstuhl hatte Kommissar Moinson sich erhoben. Mit nach oben gestreckten Armen dehnte, streckte Kommissar Moinson sich ausgiebig. "Das tut gut! Sitzerei ist Plackerei. Auch Sitzen ist Plackerei."
"Ich hätte hier Würstchen für Sie im Angebot, Frau Tümmel, Wiener Art", fing Herr Polizeihauptmeister Dischinger an. "Mit Senf und Brötchen. Ich sehe Wurstbrötchen. Welche mit Käse. Mit Käse und Wurst, Tomate und Gurke belegte Baguette. Alles frisch eingekauft ..."
Distanziert beäugte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.
Kommissar Moinson setzte sich aus dem Stand abrupt in Bewegung, schritt an Verena vorüber, war sogleich hinter Verena.
Herum mußte Verena sich auf ihrem Stuhl wenden, Kommissar Moinson im Blick zu behalten.
Der Mineralwasserkasten war aus Verenas Sicht rechter Hand von der Bürotüre an die weißgestrichene Raumwand geschoben.
Fasziniert beobachtete Verena Kommissar Moinson dabei, wie Kommissar Moinson erst zwei Flaschen Mineralwasser mit Glasgeklingel aus dem Hartplastikkasten herausholte. Dann noch mal zwei.
Mit den Flaschenhälsen zwischen den Fingern beider Hände ging Kommissar Moinson zur Tischkante von Herrn Polizeihauptmeister Dischingers Schreibtisch. Die Mineralwasserflaschen positionierte Kommissar Moinson in Reihe nebeneinander hinter dem schwarzen Serviertablett mit den eßbaren Kleinigkeiten, schob dafür einen großen metallenen Papierlocher immer weiter seitlich, daß es für einen stiftgefüllten Plastikbecher gefährlich wurde, nicht umzufallen.
"Kommen Sie, Frau Tümmel, tun Sie sich keinen Zwang an", verlangte Kommissar Moinson, der sich Verena zugewandt hatte, freundlich zu ihr hinablächelte. "Suchen Sie sich was aus. Es ist für jeden mehr als genug da. Sie müssen doch Hunger haben, Frau Tümmel. Es ist lange Mittagszeit gewesen. Bitte, warum sollen wir stundenlang mit Ihnen reden wollen - und Sie hungern lassen?"
Die Stirn in Falten, glotzte Verena.
"Bitte, greifen Sie zu, Frau Tümmel", setzte Kommissar Moinson mit seiner schönsten Freundlichkeitsmiene fort. "Los, suchen Sie sich was aus. Was immer Sie wollen, dürfen Sie sich nehmen."
Einladend deutete Kommissar Moinsons Zeigefinger auf das in Klarsichtfolien eingewickelte Tablettallerlei.
Bloß vorbeugen mußte Verena sich, den Arm mit der Hand vorne dran losschicken. Um mit den Fingern zuzugreifen.
Freundliche Verhaltensweisen, hinter denen verbarg sich allerdings zumeist irgendwas. Ein Hintergedanke. Das war Verena sich bewußt.
Mit zwei hochrangigen Polizeibeamten, daß Verena sich in einem Büro im Polizeigebäude aufhielt, eins, das auf unbestimmte Weise keine gewöhnliche Büroräumlichkeit war.
Das Thema mit den Vorkommnissen auf der Gildebrücke, das wurde außerdem, Verenas Meinung nach, mit zu vieler Ausführlichkeit behandelt. Viel zu hintergründig. Die Frage war: Was verbarg sich hier? Am Ende, daß sich bestimmt wenig ergab, das allzu erfreulich war. Nicht für Verena Tümmel.
Nach Hause, daß Verena wollte. Nur heim.
Bloß, wo war das, Verenas Zuhause? War Verenas Zuhause noch irgendwie Verenas Zuhause? Wo war Verena im Augenblick daheim?
Daß Verena mit Polizisten zusammen gespeist hätte, das war Verena im Leben noch nicht passiert.
Kommissar Moinson schob sich, auf seinem braunen Bürodrehstuhl hockend, das letzte Stück seines mit Käse, Wurst, Tomaten- und Gurkenscheiben belegten Baguettes in den Mund.
Mit einer papiernen Serviette wischte Kommissar Moinson über die Lippen, sich die Finger ab.
Herr Polizeihauptmeister Dischinger hatte sich Wiener Würstchen mit Senf auf einem Papptellerchen und zwei der Brötchen dazu munden lassen. Darauf eines der Käsebrötchen.
Drei Wurstbrötchen und eines der langen Käse-, Wurst-, Tomaten- und Gurkenscheibenbaguettes, die Verena ganz verspeist hatte, resümierte Verena. Hinterdrein ein mit Käse und Wurst versehenes Bauernbrotdoppel ... Das Ganze hatte Verena mit Mineralwasser hinuntergespült.
Nun bemerkte Verena bei sich einen vollen Magen. Völlegefühl.
Rülpsen hätte Verena mögen. Nur, wäre das wirklich zu Verenas Vorteil gewesen?
Schnell legte Verena, die ihren Mund für ein Gähnen öffnen wollte, sich die Hand vor.
Von Kommissar Moinson, der Verena gemütlich breit angrinste, schaute Verena zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.
Komisch, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf seinem Drehstuhl dahockte.
Die maskenhafte Miene, mit der Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena betrachtete, war für Verena nur schwer zu durchblicken. Alles mögliche konnte Verena in den Gesichtsausdruck von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hineininterpretieren. Am Schluß jedoch nichts von einem übermäßig freundlichen Überschwang.
Die angenehmeren Worte, die Verena dafür in den Sinn kamen, waren solche wie "distanziert", "befremdet".
"Bitte!" ließ Verena hören. "Bitte! Ich muß schnell mal aufs Klo ..."
Unverzüglich, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger sich von seinem Drehstuhlpolster auf die Füße hochschwang. Auf seinen Füßen stand Herr Polizeihauptmeister Dischinger.
Zur grauen Bürotüre eilte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, öffnete diese.
"Herr Ernst, Frau Tümmel möchte aufs Klo!" informierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger seinen Kollegen, Herrn Wachmann Ernst, der außerhalb auf der hölzernen Wartebank herumhockte. "Wenn Sie, Herr Ernst, Frau Tümmel zeigen würden, wo hier oben die Klos sind ... Dann begleiten Sie Frau Tümmel bitte wieder ohne größere Umwege hierher zurück, ja?"
"Ja, Herr Dischinger, wird gemacht!" hörte Verena Herrn Ernst.
"Lassen Sie sich ruhig Zeit, Frau Tümmel", meinte Kommissar Moinson zu Verena. "Spätestens in einer Viertelstunde, zwanzig Minuten sind Sie dann frisch hier drinnen wieder zurück. Unsere Unterhaltung ist noch nicht zu Ende, Frau Tümmel. Wir haben noch ein paar Kleinigkeiten miteinander zu bereden."
"Ja, Herr Kommissar!" Kopfnicken Verenas.
Unsicher, daß Verena sich auf die Beine erhob. Von den zusammengeschobenen, senkrecht gestellten Schreibtischen und ihrem Holzstuhl taumelte Verena nach der Seite weg wie eine Betrunkene.
Zurückgekehrt war Verena in das Zimmer mit der römischen Nummer "IV".
Die Bürotüre fiel hinter Verena ins Schloß, zugezogen von Herrn Ernst, dem Wachmann, Streifenpolizisten.
Herum wandte sich Verena, betrachtete die graugestrichene Fläche der Tür. Dann richtete sich Verenas Blick auf die weiße Uhr mit den schwarzen Zeigern.
Zwei Minuten nach drei Uhr am Nachmittag war es.
Wahnsinn, welche Sprünge die Zeit machen konnte.
Herr Ernst hatte sich darüber beklagt, daß Verena eine geschlagene Viertelstunde auf der Kloschüssel gehockt hätte. Also mußten es jetzt so sechzehn, siebzehn Minuten sein, die Verena gebraucht hatte, in diese obskure Räumlichkeit eines Büros im Hauptgebäude der Polizeiinspektion zurückzukehren.
Mit einem Seufzer drehte Verena sich auf dem Absatz herum, trippelte zu dem Holzstuhl im Ecken-, Kantenstil, plazierte ihr Hinterteil auf dem roten Sitzpolster.
Das brachte Verena in ihrer gegenwärtigen Situation mitnichten irgendwie weiter, daß Verena die erste war, die in die Büroräumlichkeit zurückgekehrt war. Weiterhin wußte Verena nichts Genaues darüber, wie es mit Verena weitergehen sollte. Und diese Information, die schien die herausragende dieses Tages für Verena zu sein.
Ob es für Verena heute noch mal nach Hause in die Wohnung ging, das war nämlich die Frage.
Inwiefern Verena ihre Wohnräumlichkeiten überhaupt jemals wiedersehen würde, das war die nächste, die Gewicht hatte. Schweres Gewicht.
Verena hatte da so einen Verdacht. Hegte diesen in ihrem Innern.
Das Lüftungsgeräusch der weiterhin eingeschalteten technischen Gerätschaften drängelte sich, weil Verena alleine blieb, Verena ins Bewußtsein.
Der Flachbildschirm bei Kommissar Moinson auf der Schreibtischepassage war momentan so hingedreht, daß Verena einen guten Blick auf die schwarze Bildschirmfläche hatte.
Unvermittelt hellte sich der dunkle Bildschirm Kommissar Moinsons auf, als hätte das mit Verena, der Betrachterin, zu tun.
Was für Verena durchaus im Bereich des Möglichen war. Steuerung mit Gedanken. Hätte Verena einen Impuls erwischt, hätte passend geschaut.
Ein installiertes Programm war Verena vorstellbar, eins, mit dessen Hilfe Verena vom Kopf bis zu den Füßen ununterbrochen einem Scannvorgang ausgesetzt war. Gewissermaßen die Gedanken Verenas, die durch das Rechnerprogramm ausgelesen wurden. In Worte übersetzt, in eine Grafik.
Ins Reich der Fabeln war derartiges nicht unbedingt zu verweisen, hatte Verena die richtigen Informationen.
Ein gelbes, handflächengroßes Rechteck einer Nachricht, das seitlich rechts am Schirm von unten hochkam.
Um die schwarze Schrift des Textes zu lesen, hätte Verena vom Stuhl aufstehen müssen, sich unmittelbarer vor den Schirm hinbegeben.
Schließlich verschwand die programmierte Einrichtung nach ein paar längeren Augenblicken wieder, indem sie hinabfuhr. Wie es jedenfalls für den Betrachter aussah.
Wahrscheinlich, daß das lediglich eine Bekanntmachung vom eingerichteten Rechnerschutz war, daß sich Dateien aktualiert hatten. Oder daß alles sich am aktuellen Stand befand.
Irgendwas in der Art.
Das am Schirm war nicht der Bildschirmhintergrund, ging es Verena auf.
Ein weißes Dokument mit schwarzen Schriftzeilen stand am Bildschirm offen. Wie unbeabsichtigt offengelassen.
Etwas, das für Verena schnell durchzulesen wäre, erhob Verena sich, begab sich direkter vor den Bildschirm.
Also möglicherweise kein absichtsloses Moment bei der Geschichte, daß da Text zu lesen wäre. Schließlich hatte Verena mit sich zu kämpfen, ob Verena sich nicht doch auf die Füße stellen sollte, vor den Flachbildschirm am Schreibtisch Kommissar Moinsons hinzutreten.
Das Problem dabei für Verena: Jede Sekunde, daß Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger in die Büroräumlichkeit zurückkehren konnten. Entdeckten die beiden polizeilichen Herrschaften Verena unmittelbar vor dem Rechnerschirm, die Hand an der "Maus", Verena, lustig, diese zu rühren - würde es Tatsache sein, daß dringend bei Verena nachgefragt wurde, was Verena denn da Schönes anstelle. Was Verena im Sinn hätte. "Was wollen Sie am Monitor, Frau Tümmel? Das System zum Absturz bringen ...?"
Nach rechts wandte sich Verenas Blick, der grauen, in die Raumwand eingelassenen Glasfläche zu.
Unter Umständen stand dort ein Beobachter im Nebenraum. Jemand, der Verena dabei zuschaute, was Verena eben alleine so anstellte. Verena, die sich alleingelassen und unbeobachtet wähnte.
Entweder Kommissar Moinson. Oder Herr Polizeihauptmeister Dischinger. Beide im Team.
Oder irgendwer, den Verena bis dato nicht zu Gesicht gekriegt hatte.
Mitarbeiter, die ihnen zur Verfügung standen, um von ihnen beauftragt zu werden, gab es im ganzen Polizeigebäude für Kommissar Moinson und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger jede Menge.
Die Türklinke in Verenas Rücken wurde abrupt heruntergedrückt, die Tür hörbar aufgerissen.
Auf ihrem Holzstuhl, daß Verena vor Schreck heftig zusammenzuckte.
Unverzüglich, daß Verena sich am Sitzpolster ihres Stuhles umwenden mußte, denjenigen mit großen Augen anzugucken, der voll Ungestüm in die Räumlichkeit hereinstürmte.
"Eh, sind wir zurück vom Klo, Frau Tümmel?" Die Frage Kommissar Moinsons, der derjenige war, der als erstes den Büroraum betreten hatte. "Alles wieder klar dort?"
An der Seite Kommissar Moinsons, daß sich Herr Polizeihauptmeister Dischinger aufbaute, Herr Polizeihauptmeister Dischinger, mit der Miene eines gereizten, angenervten Mannes, der sich mit Dingen abgeben mußte, die in Wahrheit kein Mensch brauchte.
"Haben Sie's bemerkt, Frau Tümmel - ist's Ihnen bei Ihrer Rückkehr hierher aufgefallen?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Verena, Kommissar Moinson, der sich an Verena vorbei zu seinem Schreibtischplätzchen hinbegab. "Der Reinigungsdienst ist auch für fünf Minuten hier gewesen. Wieder alles bröselfrei. Der Plastikmüll entfernt, das Tablett mitgenommen. Können wir unsere nette Unterhaltung mit Ihnen in aller Ruhe in geordneten Verhältnissen fortsetzen. Ist das nicht herrlich, Frau Tümmel?"
"Pah-aff!" kommentierte Verena mit gedämpfter Stimme.
Das mit dem dauernden Starren auf Verenas Gesicht und Gestalt durch Kommissar Moinson und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, das nahm für Verena langsam ein geradezu unerträgliches Ausmaß an.
"Also, Frau Tümmel ..." Kommissar Moinson, der unvermittelt losredete, Verena ansprach. "Das Geschehnis auf der Gildebrücke am Montag dieser Woche hier in der Stadt, das endete damit, daß zwei junge Männer in den Fluß stürzten und im Wasser ertranken. Tot wurden sie ans Flußufer geschwemmt. Das ist unwiderlegbare Realität. Während das letzte Woche, am Dienstag, als Sie, Frau Tümmel ... Auf Ihre Meldung hin wurde am Dienstag am Nachmittag die Gildebrücke von der Polizei beidseitig gesperrt. Feuerwehr- und Polizeiautos und alles bevölkerte die Brücke. Ohne daß irgendwas gewesen wäre, was das gerechtfertigt hätte. Nicht das geringste war. An diesem Dienstag und auch nicht die Tage drauf. Suchergebnis: gleich Null. Nicht eine einzige Meldung, daß irgendwo an den Ufern des Flusses Leichen junger Burschen aufgefunden worden wären. Es war nichts. Überhaupt nichts. Außer, daß Sie für Betrieb sorgten, Frau Tümmel."
Die Lippen hatte Verena fest aufeinandergepreßt. Die Röte spürte Verena, die Verena in die Wangen geschossen war.
"Aber, am Montag dieser Woche - da war es", setzte Kommissar Moinson fort. "Zweimal die gleiche Geschichte, Frau Tümmel. Das eine mal stimmt sie, das andere mal nicht. Die von Dienstag letzter Woche ist nicht wahr. Die am Montag dieser aber schon. Was sagen wir denn da nur dazu, Frau Tümmel?"
Verena schniefte.
"Zwei Ereignisse, die sich beide ungefähr gleich abspielen, haben wir hier", hielt Kommissar Moinson es für Verena nochmals fest. "Nur, das eine Ereignis, bei dem Sie mittendrinnen mit dabei waren, Frau Tümmel - bei dem, bei dem hapert es an der Realität der Vorkommnisse. So ziemlich."
"I-ich ...", schaffte Verena hervor.
"Welche Schlüsse ziehen wir nun daraus, Frau Tümmel?" Scharf blickte Kommissar Moinson Verena an. "Was sollen wir daraus schließen? Würden Sie mir bitte dazu etwas sagen."
"Wei-weiß nicht. Wa-as de-denn ...?"
"Es ist nicht das erste Mal, daß Sie Polizei verständigten beziehungsweise dafür sorgten, daß Polizei verständigt wurde, Frau Tümmel!" Mit dem Zeigefinger tippte Kommissar Moinson zweimal auf die Kante seines Schreibtisches. "Tatsächlich gibt es beinahe knapp einmal im Jahr ein solches Vorkommnis mit Ihnen. Hier in der Stadt. Oder in der Umgebung der Stadt. Im Laufe der Zeit, daß eine hübsche Sammlung zusammengekommen ist. Von Polizeibeamten dokumentiert. Nicht wahr, Herr Dischinger?"
"Ein hübscher Ordner ist das, Herr Moinson." Mit dem Kopf nickte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Kommissar Moinson hinüber. "Hat Gewicht. Die Blätter Papier ebenso wie die Datei am Rechner."
"Haben Sie das gehört, Frau Tümmel, Frau Verena Tümmel?" Die Augenbraue hatte Kommissar Moinson für Verena hochgezogen. "Haben Sie das gehört? Gehört, was für eine auffällige Person Sie im Grunde genommen sind, Frau Tümmel?"
Zum Davonlaufen fand Verena ihre Lage. Aber, Verena, die konnte sich nicht hochschaffen, Verena blieb an Ort und Stelle am Stuhl hocken.
Immer nur der eine Schluß für Verena: Floh Verena aus der Büroräumlichkeit im Polizeigebäude - wo landete Verena dann? In den Armen von Herrn Wachmann Ernst am Fenstergang draußen. Herr Ernst, der auf der Holzbank nur auf so eine Gelegenheit wartete. Für gröbere Geschichten mit Verena.
"Vor dem auf der Gildebrücke war das mit dem Drogeriemarkt." Groß guckte Kommissar Moinson Verena an.
"Ein Herr Herbert Rauch hat Mitte Oktober des letzten Jahres die Polizei verständigt", übernahm Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Daß ein Überfall wäre, hat Herr Herbert Rauch informiert. Der Drogeriemarkt in der Selbstraße, der eben überfallen würde. Ein Vermummter mit Pistole ... Ein Schuß wäre auch schon gefallen ... Eine Zwei-Mann-Streife war in der Nähe. Keiner der Beamten hatte es schießen gehört, was jedoch nichts heißen mußte. Beide Kollegen, als sie verständigt worden waren, sind hingelaufen, am Drogeriemarkt angekommen. Sie, Frau Tümmel, haben die Kollegen vorgefunden. Sie. Nur Sie. Wegen jenes Herrn Rauch. Wegen des beherzten Zugriffes von Herrn Rauch. Weil Herr Rauch Sie festgehalten hat. Davonmachen hätten Sie sich gern wollen, Frau Tümmel. Abgehauen wären Sie liebend gerne. Warum? Weil Herr Rauch - mit Ihnen an der Seite, Frau Tümmel - unbedingt am Schaufenster des Drogeriemarkts nachschauen hatte müssen, was im Drogeriemarkt los wäre. Da sieht Herr Rauch - wie Sie das sehen, Frau Tümmel - die Verkäuferin hinter der Kasse sitzen. Gerade bedient die Verkäuferin eine Kundin. Eine einzige Kundin. Niemand sonst drinnen, als wäre überhaupt nichts. Und es war tatsächlich auch nichts. Herr Rauch sagt zu Ihnen, Frau Tümmel, es wäre kein Überfall. Da würde kein Mensch den Drogeriemarkt überfallen. Daraufhin wollten Sie, Frau Tümmel, weglaufen. Einfach von Herrn Rauch abhauen. Das hat Herr Rauch allerdings zu verhindern gewußt, daß Sie weggerannt sind. Sie hat Herr Rauch eingefangen, Sie in den Schwitzkasten genommen. Sie, Frau Tümmel, hat Herr Rauch meinen Beamten übergeben - und keinen Räuber, der den Drogeriemarkt in der Selbstraße überfallen hätte. Sie waren schließlich auf der Inspektion hier, Frau Tümmel."
Verena, der die Tränen die Wangen hinunterliefen, schneuzte sich in das Papiertaschentuch, das sie aus ihrer Hosentasche herausgefingert hatte.
"Eine Anzeige gegen Sie hat es am sechzehnten Oktober letzten Jahres auch gegeben, Frau Tümmel", fügte Kommissar Moinson dem Gesagten hinzu. "Dafür, daß Sie grundlos dafür gesorgt haben, daß Polizeibeamte zu dem Drogeriemarkt kommen hatten müssen. Außerdem wegen groben Unfugs. Und der Erregung öffentlichen Ärgernisses. Ja, das reicht denn auch. Kann man was mit anfangen."
"Ja, erinner' mich", brachte Verena leise hervor. "Erinner' mich, daß ich nach dem beim Drogeriemarkt ein paarmal Post bekommen hab'. Ein paarmal mußte ich hierher ins Polizeigebäude kommen ..."
"Knapp zwei Monate später, Mitte Dezember, wurde Ihnen jedoch in einem amtlichen Schreiben hochoffiziell die Mitteilung gemacht, daß von der Anzeige gegen Sie offiziell wieder Abstand genommen würde."
"Ja. Ich konnt's nicht glauben."
Die Tatsache, daß die Anzeige gegen Verena Tümmel zurückgezogen wurde, die hatte bei Verena damals vor einem Jahr Mitte Dezember viele Fragen aufgeworfen hatte. Voll brachte Kommissar Moinson Verena das ins Bewußtsein zurück.
Bis zum heutigen Tag, daß sich das Rätsel, daß alle Fisimatenten, die mit dem im Drogeriemarkt in der Selbstraße zu tun hatten, für Verena plötzlich ein Ende nahmen, nicht aufgelöst hatte. Davon abgesehen, daß Verena die Gedanken daran verdrängte.
"Mann!" rief Herr Polizeihauptmeister Dischinger aus, mit dem Effekt des Abrupten, daß Verena ziemlich zusammenzuckte. "Das läßt sich nicht widerlegen. Das läßt sich alles nicht widerlegen. Das mit dem vermeintlichen Überfall auf den Drogeriemarkt in der Selbstraße war nicht das Ende der Fahnenstange war. Das, was ich vorhin wiedergegeben habe, damit hatte es sich nicht. Die Geschichte geht weiter. Sie hat eine Fortsetzung. Sie wissen, wovon ich spreche, Frau Tümmel?"
"Bit-te - i-ich ...", entfloh es Verena, hob ihre Handflächen wie zur Abwehr.
"Das ist die Wirklichkeit. Das kann als Tatsache nicht von der Hand gewiesen werden." Mit den Knöcheln seiner Hand boxte Herr Polizeihauptmeister Dischinger gegen den Schreibtischrand. "Menschenskind, Herr Moinson, ich könnte ...! Ich könnte diese Frauensperson da, ich könnte sie -! Wie so eine nur immer frei herumläuft ... So eine ... So eine ..."
"Herr Dischinger, das brauchen wir hier nicht", tadelte Kommissar Moinson Herrn Polizeihauptmeister Dischinger am anderen Schreibtisch. "Unterlassen Sie das bitte, so zu sprechen. Wir bewahren die Ruhe, ja? Erregung, aggressive Verhaltensweisen, so was, das hilft uns in dem Fall nicht weiter. Mir nicht, Ihnen nicht. Sparen Sie sich alles weitere Frau Tümmel gegenüber. Würde sagen, wir machen genauso weiter wie bisher. Wie besprochen. Wenn Sie das nicht bringen können, es nicht schaffen, sich zu zügeln, würde ich Sie bitten, Herr Dischinger, hier rauszugehen. Ich kann das mit Frau Tümmel hier gut auch alleine. Gut kann ich das auch allein."
"Jaja! In Ordnung." Die Handflächen präsentierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Kommissar Moinson. "Ich reg' mich ja schon ab ..."
"Na denn!" Der Blick Kommissar Moinsons hatte sich am Gesicht Herrn Polizeihauptmeister Dischingers festgesaugt. "Würd' ich auch sehr drum bitten! Anders wären Sie hier wirklich fehl am Platz. Unmittelbar."
"Elf Tage später, am siebenundzwanzigsten Oktober letzten Jahres", sprach Herr Polizeihauptmeister Dischinger mit monotoner Stimme in den Büroraum hinein, "war dann das. Dieses Ereignis. Eins, das sich nicht von der Hand weisen läßt. Es ist unbestreitbare, dokumentierte Realität. Also ... Die Zentrale hier in der Dienststelle erreichte ein Anruf, den Drogeriemarkt in der Selbstraße betreffend. Achtzehn Uhr dreiunddreißig, der genaue Zeitpunkt des Anrufs. Grund: ein Überfall. Ein Maskierter mit Pistole würde eben den Drogeriemarkt in der Selbstraße überfallen."
"Herr Dischinger, Frau Tümmel, hatte seine Kollegen von der Streife angewiesen, vermehrt ein Auge auf den Drogeriemarkt in der Selbstraße zu haben. Das hatte mit Ihnen zu tun, Frau Tümmel." Den Finger hatte Kommissar Moinson für Verena erhoben. "Muß erklären, daß das ein Schluß war, den Herr Dischinger hier wegen frührer Geschehnisse, bei denen Sie eine Rolle spielten, Frau Tümmel, gezogen hatte. Herr Dischinger wollte das alles jetzt ganz genau wissen. Sozusagen seine Gedanken bestätigen. Öfters als üblich am Tag haben Kollegen beim Drogeriemarkt in der Selbstraße vorbeigeschaut."
Kommissar Moinson guckte Verena an, als ob Verena einen Kommentar abgeben sollte. Bloß, Verena, die hielt ihren Mund geschlossen.
"Demnach, Frau Tümmel waren die Kollegen von der Streife nicht ganz zufällig in der unmittelbaren Umgebung des Drogeriemarktes, als etwas passierte. Als tatsächlich etwas passierte. Die Kollegen hatten es nicht sehr weit, zum Drogeriemarkt zu laufen, als ein Schuß gefallen war. Weithin im Umkreis war der Knall zu hören." Mit der Unterkante der Faust haute Kommissar Dischinger auf die Tischfläche.
"O ja, Frau Tümmel, o ja ..." beendete Kommissar Moinson das Schweigen zwischen den Anwesenden in der Büroräumlichkeit im Polizeigebäude. Mit dem Zeigefinger deutete Kommissar Moinson auf den Flachbildschirm, den er vor sich hatte. "Steht alles auch bei mir in dem Protokoll, den Herrn Dischingers Kollegen am Ort am siebenundzwanzigsten Oktober verfaßt haben. Das, was Sie, Frau Tümmel, elf Tage zuvor, am sechzehnten Oktober, gesehen, gesehen zu haben glaubten, um die Polizei zu rufen, das steht auf dem anderen Protokoll. Muß ich nur groß machen."
Verena blinzelte Kommissar Moinson traurig ins Gesicht.
"Meine Kollegen waren im Nu beim Drogeriemarkt angekommen", war Herr Polizeihauptmeister Dischinger wieder derjenige, der übernahm. "Im gleichen Moment wurde die gläserne Ein-, Ausgangstüre des Marktes aufgerissen. Ein Mann ist aus dem Drogeriemarkt herausgestürmt. Eine schwarze Haube, in die Sehschlitze hineingeschnitten waren, hatte er sich übers Gesicht heruntergezogen. In der einen Hand hatte der Räuber eine Plastiktüte, in der anderen die Waffe. Mit ihren hochgehaltenen Pistolen haben die Kollegen den Verbrecher angerufen, er soll stehenbleiben, die Hände hochnehmen. Unser Mann hat die Situation sofort verstanden, Schußwaffe und Tüte weggeworfen, die Hände gehoben. Denke, hätte ich an seiner Stelle nicht anders gemacht. Hatte schließlich nur ein echt aussehendes Pistolenimitat, der Fritze, schußbereit mit drei Platzpatronen. Höchstens Selbstmord hätte er begehen können."
"Wieder ein Erfolg für die örtliche Polizei hier. Ein weiterer Verbrecher, auf frischer Tat ertappt."
Die Mundwinkel herabgezogen, nickte Kommissar Moinson lobend zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinüber.
"Ohne Herrn Dischinger, der mir am anderen Schreibtisch hier gegenübersitzt, hätte es die Festnahme wahrscheinlich so nicht gegeben. Hätte Herr Dischinger die Kollegen von der Streife nicht angewiesen, ein vermehrtes Auge auf diesen bestimmten Drogeriemarkt zu haben - vielleicht wäre der Räuber mit dem Geld aus der Kasse des Drogeriemarkts unerkannt getürmt. Und das, Frau Tümmel, hat Herr Dischinger nur getan, weil Herr Dischinger sich nach dem sechzehnten Oktober sicher war. Sicher war Herr Dischinger sich, daß sich die Tage nach dem sechzehnten Oktober in dem Drogeriemarkt in der Selbstraße wirklich etwas abspielen würde. Und Herr Dischinger hat sich nicht darin getäuscht. Auch wenn es ganze elf Tage gedauert hat, bis sich das von Herrn Dischinger Erwartete tatsächlich ereignet hat. Was sagen Sie, Frau Tümmel? Sagen Sie was? Fällt Ihnen dazu etwas zu sagen ein?"
An Kommissar Moinson starrte Verena vorbei.
"Will Ihnen nun das auseinandersetzen, Frau Tümmel, weshalb ich hier in die Stadt gekommen bin, mir gestern extra ein Zimmer hier im Städtchen genommen habe", meinte Kommissar Moinson, der die Wasserflasche, aus der er mehrere Schlucke getrunken hatte, zuschraubte, zu Verena. "Es hat - zweieinhalb Jahre ist das heute schon wieder her - aus Berlin so ein kleines Rundschreiben gegeben. Per e-Mail in sämtliche Städte mit Polizei verschickt. Praktisch an jede Polizeistation, auf jede Wache, für jedes Revier. In dem Schreiben wird jeder leitende Polizeiangestellte, Wachleiter, Kommissar und so weiter, aufgefordert, nach Berlin Dinge zu melden, die den Beamten während ihrer tagtäglichen Arbeit so unterkommen, untergekommen sind - und gewissermaßen nicht mit normalem, gesundem Menschenverstand zu erklären sind oder waren."
"Gibt's das?" entfuhr es Verena.
"Warum soll's das nicht geben?" stellte Kommissar Moinson die Gegenfrage.
"Gibt's keine anderen Probleme auf der Welt?" schaffte Verena launig hervor. "Müßte man der Welt mal sagen, das ... Das, daß ..."
"Hm, Frau Tümmel ..." Hinten am kahlen Kopf kratzte Kommissar Moinson sich. "Soviel Aufmerksamkeit hat dieses Schreiben in der breiten Öffentlichkeit bis heute nicht erregt. Beinah' würd' ich sagen, gar keins. Gar keins, seit's draußen ist. Nicht, daß ich wüßte. Weiß von nichts aus Presse, Funk, Fernsehen. Nichts aus dem Internet. Niemanden interessiert's."
Zu Kommissar Moinson blinzelte Verena hin.
"Nun ja, Frau Tümmel, denken können Sie von mir aus darüber, was Sie wollen." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Herr Dischinger hier hat dieses Anschreiben jedenfalls aufmerksam durchgelesen. Hat sich den Inhalt gemerkt. Und als das Protokoll - das mit dem ersten Geschehnis in der Selbstraße, bei dem Sie mittendrinnen dabei waren, Frau Tümmel - Herrn Dischinger auf dem Tisch gelegen war, hat Herr Dischinger sich so seine Gedanken gemacht. Mit der Folge, daß Herr Dischinger eine e-Mail geschrieben hat. Nach Berlin. Mit dem Protokoll der Kollegen, was die Geschichte mit dem Drogeriemarkt angeht, im Anhang. Außerdem ausführliche Protokoll-Abhandlungen, ein paar weitere Geschichten betreffend, die sich die vergangenen Jahre mit Ihnen, Frau Tümmel, hier in der Gegend abgespielt haben. Und, stellen Sie sich vor, Frau Tümmel - ich habe das e-Mail-Anschreiben durch Herrn Dischinger ein gutes Ding gefunden, damals, nachdem ich es aufmachte und alles durchlas. Das nächste war, daß ich mich mit Herrn Dischinger in Verbindung gesetzt habe. Und, nachdem dann der Überfall auf den Drogeriemarkt in der Selbstraße tatsächlich Realität geworden war, da waren Sie und alles frühere mit Ihnen, Frau Tümmel, nur noch um so interessanter."
"Wirklich nicht zu fassen!" rief Verena aus. Auf Kommissar Moinson stierte Verena, verzweifelt und wild.
"Sie haben meinen Ausweis gesehen, Frau Tümmel. Ich habe mich Ihnen vorgestellt." Den hochgerecktem Zeigefinger pendelte Kommissar Moinson zweimal hin und her. "Ich bin Kommissar. In Diensten des LKA. Beamter zur besonderen Verwendung. Ich bin Mitarbeiter der Soko Para.
"'So-ko Pa-ra' ...", wiederholte Verena abgehackt jede Silbe, schüttelte den Kopf. "'ne 'Soko Pa-ra' - gibt's das ...?"
"Ja, 'Soko Para', die gibt's - was dagegen?" fuhr Kommissar Moinson Verena unvermittelt regelrecht an. "Wie der Name 'Para' aussagt, untersucht die Soko Para sogenannte paranormale Fälle. Wovon ich spreche, liebe Frau Tümmel: Allem mit einem möglichen derartigen Hintergrund gehen wir hinterher. Das heißt, wir nehmen uns bestimmte Geschichten, Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart vor, in denen von der Polizei ermittelt wurde. Alles, was irgendwie komisch, undurchsichtig, übernatürlich ausgesehen hat oder aussieht, daß man damit als gewöhnlicher Ermittlungsbeamter nicht richtig zurechtgekommen ist, war, nehmen wir uns noch mal eingehend vor. Wenn wir davon Meldung erhalten, kümmern wir uns noch mal eingehend darum. Versuchen, die Geschichte noch mal auszuleuchten."
"Ah - ja?" Kopfschütteln Verenas.
"Was denn?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Verena. "Was ist denn? Dürfen wir das etwa nicht, einer scheinbar schauderhaften Sache, die sich noch nicht restlos erklärt hat, noch mal hinterhergehen? Was stört Sie denn daran, Frau Tümmel? Was stört Sie denn daran? Was denn? Vielleicht stört Sie am meisten nur das, daß wir dabei auf Sie gestoßen sind! Auf Sie, Frau Tümmel!"
Wie Herr Polizeihauptmeister Dischinger sie, Verena, anguckte, guckte jemand eine Mißgeburt an.
Oder so ein komisches Insekt, das ihm zufällig untergekommen war. Eins, das er am liebsten auf der Stelle mit irgendwas in der Hand erschlagen oder zwischen den Fingern zerdrückt hätte.
Bloß, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger das nicht unmittelbar so tun durfte, weil das für Herrn Polizeihauptmeister Dischinger angesichts der Gegenwart von Kommissar Moinson nicht großartig angesagt war.
Wäre Kommissar Moinson jedoch nicht anwesend - und wichtig für Herrn Polizeihauptmeister Dischinger gewesen -, möglicherweise, daß sich gerade nicht viel Erfreuliches bei und mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger abgespielt hätte, was Verena Tümmel und Verena Tümmels Gesundheit anging.
Mit zittriger Hand beschäftigte Verena sich damit, sich mit ihrem papiernen Taschentuch Wange, Stirn und Nase herzuwischen. Tunlichst, daß Verena es dabei vermied, Kommissar Moinson oder Herrn Polizeihauptmeister Dischinger anzusehen.
"Sprichwörtlich könnte man sagen, was Sie angeht, Frau Tümmel: Treffer versenkt. Nach dem Drogeriemarktereignis habe ich mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger mir gegenüber erst mal Stillschweigen vereinbart. Außerdem das, daß Sie noch eine Zeitlang in Ruhe gelassen und beobachtet werden." Ein befreundetes Kopfnicken von Herrn Kommissar Moinson zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinüber. "Auf das nächste Ereignis mit Ihnen, Frau Tümmel, wollten wir warten, Herr Dischinger und ich." Mit der Zeigefingerspitze klopfte Kommissar Moinson dreimal auf die Schreibtischkante. "Zwar haben Herr Dischinger und ich darauf bald ein dreivierteltes Jahr warten müssen. Aber, das Warten hat sich gelohnt. Hat sich wirklich gelohnt. Am Montag dieser Woche war das mit den Jugendlichen auf der Gildebrücke hier in der Stadt. Den zwei, die von der Brücke abstürzten. Die Wirklichkeit jenes Vorkommnisses, das Sie, Frau Tümmel, am Dienstag letzter Woche vorhergesehen haben. Beinahe in allen Einzelheiten. Eine große Sache. Eine ganz, ganz große. Wie die Dinge überhaupt immer größer werden, bei Ihnen, Frau Tümmel, in der letzten Zeit. Würde fast sagen, man könnte das Ganze mit Frau Verena Tümmel in den Nachrichten bringen ..."
Die Unterlippe, die Verena sich voll innerer Unruhe herkaute.
Wenn Verena die richtigen Schlüsse zog, den Tatsachen scharf ins Auge blickte, konnte es für Verena gut möglich sein, daß Verena den Abend nicht in ihrer Stadtwohnung, sondern in der Klatsche der unmittelbaren Umgebung des Städtchens verlebte.
Verena Tümmel, die in die "Irre" einfuhr. Eine Reise in die örtliche Irrenanstalt machte. Auf unabsehbare Zeit ins Bezirksklinikum.
Wo alle hinreisten, die das Pech hatten, auffällig zu werden.
Finden konnte man bei psychiatrischen Sitzungen am Schluß bei jedem irgendwas. Immer und zu jeder Zeit. Wenn man wollte. Bis hin zur Gemeingefährlichkeit.
Und das bei Frau Verena Tümmel. Das, mit dem Frau Verena Tümmel momentan ins hellste Licht der Aufmerksamkeit geraten war - gesund war das nicht, mit so was entdeckt zu werden. Höchstwahrscheinlich, daß sich das als unheimlich schwierig für Frau Verena Tümmel herausstellte, von hinter der hohen Mauer aus der Klinikparkanlage rauszukommen.
"Wirklich, Frau Tümmel, ein Riesending, das, daß Sie letzte Woche am Dienstag gemeldet haben, daß etwas auf der Gildebrücke los sein sollte. Was dann nicht war. Nicht das bißchen. Dann aber - am Montag die Woche drauf - Wirklichkeit wurde. Wirklich ist es geworden. Es ist geschehen. Wahnsinn. Wahnsinn."
Mit großen Augen schaute Kommissar Moinson Verena an.
"Als ich den Text von Herrn Dischinger hier - Herrn Polizeihauptmeister Dischinger - am Schirm gelesen habe, der aussagte, daß in dem Fall die Wirklichkeit eingetreten ist - mußte ich das auf der Stelle noch mal lesen. Gestern hatte ich mich von allem losgeeist, bin aus Berlin abgereist. Um Sie so schnell wie möglich zu sehen, Frau Tümmel. Mich mit Ihnen von Auge zu Auge zu unterhalten. Ihnen in die Augen zu sehen."
Heiß liefen Verena die Tränen nur so die Wangen hinab. Die Welt, ein einziger Schrecken für Verena. Kommissar Moinson, Horror in Potenz.
"Sie haben Gesichte, Frau Tümmel." Starr glotzte Kommissar Moinson seltsam auf Verena. "Sie sehen Dinge als Realität, Frau Tümmel, Dinge, die sich jedoch erst Tage später tatsächlich ereignen. Erst ein paar Tage drauf, daß sie sich vergleichbar in der Art abspielen. Die Dinge, die Sie bereits als Wirklichkeit gesehen haben."
Ein Schniefgeräusch, das Verena vernehmen ließ.
"Fast könnte man sogar sagen, Frau Tümmel, Sie sind dort, wo ein Unglück stattfinden wird."
Beide Augenbrauen hatte Kommissar Moinson hochgezogen, riß die Augen weit auf.
"Sind Sie an einem solchen Ort eingetroffen, wo ein Unglück passieren wird, werden die Szenen Ihnen unmittelbar real. Szenen, die sich jedoch erst in nächster Zukunft tatsächlich abspielen werden. Ah, was ich gerne wissen möchte, Frau Tümmel: Sie sind in einer Szene gefangen, nicht wahr? Jedesmal dauert es eine Weile, bis Sie aus den Eindrücken vor ihren Augen zu sich kommen ... Wie ist das dann, Frau Tümmel, wenn Sie feststellen, daß etwas, das Sie für Wirklichkeit gehalten haben, nicht Wirklichkeit ist?"
"Wie ich mi-ich dann fühle, wenn ... - wol-len Sie von mir wissen?" Am liebsten hätte Verena, obwohl ihr das Tränennaß nur so herunterlief, lauthals losgelacht. "Was denken Sie? Zum Davonlaufen. Zum Davonlaufen, fühle ich mich. Ich fühle mich dann, ich könnte davonlaufen ..."
"Das tun Sie ja auch, Frau Tümmel, davonlaufen." Die Stirn gerunzelt, linste Kommissar Moinson Verena ins Gesicht. "Das heißt, wenn man Sie davonlaufen läßt ... Wenn man es zuläßt, daß Sie davonlaufen."
"Ja, was denken Sie denn?" entfloh es Verena voller Erregung. "Daß das angenehm ist, mittendrinnen zwischen Leuten zu stehen - wenn sie anfangen, dich komisch anzugucken? Ich seh' das doch dann an denen ihren Augen, daß sie beginnen, sich zu fragen. Sich Fragen zu stellen, was mich angeht. Wenn sie mich für plemplem halten. Eine Spinnerin. Da war überhaupt nicht das, was ich zu ihnen gesagt hab', daß sein sollte. Nichts, das war. Nicht irgendwas. Und ich bin die, die hat dafür gesorgt, daß Polizei kommt, die Feuerwehr ... Für nichts ist Polizei da. Die Feuerwehr. Aber, was soll ich vorher dagegen tun? Ich bin wie drinnen gefangen, in dem Bild gefangen. In dem, was ich gesehen habe. Ich kann das doch nicht, einfach so weggehen. So tun, als wäre nichts. Wenn vor meinen Augen etwas ist. Wenn gerade ein Unglück passiert. Kann doch nicht so tun, als ob ich nichts sehen würd', nichts mitbekäme, wenn ... Wenn ..."
"Sehr lobenswert von Ihnen, Frau Tümmel. Wirklich, sehr lobenswert. Tatsache." Die Mundwinkel hatte Kommissar Moinson herabgezogen, nickte mehrfach mit dem Kopf. "Das gereicht Ihnen wirklich zu aller Ehre, Frau Tümmel. Muß ich schon sagen. Muß wirklich eine Sache sein, wenn Sie zu sich kommen, aus dem Gesicht und der Aufregung aufwachen. Und wenn Sie feststellen, daß eigentlich nichts um Sie her wirklich so ist, wie Sie das als zuvor noch als die Wirklichkeit wahrgenommen hatten."
"Ja!" Blinzelnd, ihr Papiertaschentuch vor dem Mund, beguckte Verena sich Kommissar Moinson.
"Nun, Frau Tümmel ...?"
Der auffordernde Blick Kommissar Moinsons, sie solle irgendwas reden, lastete schwer auf Verena. Bockig preßte Verena ihre Lippen fest aufeinander, schwieg.
Ausgiebig beschäftigte Verena sich damit, sich mit dem papiernen Taschentuch in der Hand die Wangen, Stirn und unter den Augen zu wischen. Dasselbe wieder von vorne.
"Hm, es dauert eine geraume Weile, bis die Realität des Gesichts, der Vision Sie verläßt ...", verlangte Kommissar Moinson die Wiederholungsschiene, beharrte auf seinem Thema. "Sie haben vorhin ein bißchen etwas davon anklingen lassen, Frau Tümmel, wie Sie sich fühlen, wenn Sie zu sich kommen, aus einer Szene erwachen. Das bemerken müssen, daß Sie ..."
"Ich ka-kann da-as nur wie-wiederholen: Es ist schreck-schrecklich!" Verena schluchzte. "Ich bin mir des Gesehenen und des Geschehens so sicher gewesen. Mittendrinnen komme ich nicht auf den Gedanken, daß es nicht real sein könnte, was ist, wissen Sie. Bis ich dann ... Die Augen der Leute sind plötzlich andere ... Plötzlich werd' ich von Leuten mit einem anderen Blick wie noch vor ein paar Augenblicken angesehen. Komisch wird man zu mir. Da fängt's mir zu dämmern an. Zu dämmern, daß ... Daß wieder ... Daß ich wieder ..."
"Tja, schlimm, Frau Tümmel. Alles schon schlimm."
"Ja! Letzte Wo-che auf der Gildebrücke - da-as wa-war schli-imm ..." Der Blick Verenas, deren Augen zuvor einen Punkt am Uniformjackett Kommissar Moinsons fixiert hatten, huschte für ein Sekündchen über Kommissar Moinsons Gesicht. "Oder am Drogeriemarkt, da sagt der Mann dann zu mir: 'Hab' ich mir doch gedacht, daß da kein Schuß war, Sie -! Hab' ich mir doch gedacht, daß ich keinen gehört hab'. Sie wollen mich verarschen, was? Wollen sich wichtig machen, was? So eine sind Sie, was? Bleiben Sie ja da, Sie -! Sie -!' Oder das, was der Busfahrer da ... Der bei der Beethoven-Schule da an der Haltestelle ... Der hat sich herabgebeugt, unter den Bus zu schauen. Stellt sich wieder auf die Füße. Mich schaut er an wie ein Irrer. An schreit mich der Mann: 'Sie blödes Drecksstück, Sie. Da ist kein Kind unterm Bus, Sie Stück Scheiße. Da ist kein Kind. Ich hab' kein Kind umgefahren, Sie Drecksstück. Ich nicht. Komm her, du dreckige Hure - schau selber drunter. Schau selber drunter, du Stück Scheiße, ob ich ein Kind umgefahrn hab' ... Schau nach, ob da ein Kind drunter ist. Ist da ein Kind drunter? Ich seh' keins.' Der Schlag hätte mich fast getroffen, als mir das schlagartig klar wurde, daß ... Daß ich wieder ... Daß ich wie-der ... Geschüttelt hat mich der Busfahrer, mich gestoßen. Am Boden bin ich gelegen, der Mann, der den Schulbus fährt, schlägt auf mich herab, tritt auf mich ein ..."
"O ja, Frau Tümmel ..." Kopfnicken Kommissar Moinsons. "Auch über diesen der Polizei gemeldeten Vorfall am Parkplatz des Beethoven-Gymnasiums weiß ich Bescheid. Habe sämtliche darüber verfertigten Protokolle gelesen. Auch das hat Herr Dischinger mir auf meinen Computer geschickt."
"Da-das wa-war schli-schlimm, da-das mit dem Bus-fah-fah-rer ...", stotterte Verena. "Wirk-wirklich schlimm. Ein schlimmes Erlebnis."
"Weiß nicht, wie ich mich in der Situation verhalten hätte, wäre ich der Busfahrer gewesen", meinte Herr Polizeihauptmeister Dischinger distanziert, kühl. "Wenn ich mir vorstelle, daß jemand von draußen - zu mir als Busfahrer auf meinem Sitz hinter dem Lenkrad - hereinruft, ich hätte eben im Moment ein Kind über den Haufen gefahren ..."
Laut, daß Verena aufschluchzte.
"Der Busfahrer, der aussteigen und nachsehen hatte müssen, hat schließlich total durchgedreht", setzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger fort. "Der Mann hat Frau Tümmel gepackt, hergeschüttelt, ihr die Beine weggetreten. Am Boden ist Frau Tümmel gesessen - hat der Busfahrer sie aufgefordert, noch mal ganz genau unter dem Bus nachzusehen. Ob sie unter dem Bus ein überfahrenes Kind daliegen sehen würde. Dann hat der Busfahrer angefangen, auf Frau Tümmel einzutreten. Zum Glück sind zwei Lehrer des Beethoven-Gymnasiums dazugekommen gewesen. Die beiden Lehrer sind dazwischengegangen, haben verhindert, daß Frau Tümmel was Schlimmeres passiert ist. Sonst hätte der Busfahrer Frau Tümmel wahrscheinlich krankenhausreif getreten. Oder sogar Schlimmeres mit Frau Tümmel gemacht."
"Es wa-war al-les so kla-klar, wa-was ich ge-se-hen hat-te ..." Voll am Flennen war Verena; der Rotz lief bei Verena. In ihr papiernes Taschentuch schneuzte Verena sich. "I-ich ... I-ich ..."
"Außer einem blutigen Näschen, ein paar Prellungen und blaue Flecken hat Frau Tümmel trotz der Treterei des Busfahrers nichts abgekriegt", hörte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger resümieren. "Die Anzeige des Busfahrers gegen Frau Tümmel wurde die folgenden Wochen drauf zurückgezogen. Auch die des Busunternehmens. Als Grund für den Rückzug der Anzeige hat der Anwalt des Busfahrers angegeben, daß 'sein Mandant und sein Umfeld mit seinen Verhaltensweisen gegenüber Frau Tümmel nicht mehr glücklich' wären. Tja, haben auch die Ereignisse mit was zu tun, die sich eine Woche drauf abspielten. An gleicher Stelle. Mit demselben Busfahrer ..."
"Tja ..." Das Kinn rieb Kommissar Moinson sich her, während er großzügig Verena zunickte. "Eine Woche drauf ... Eine Woche drauf, Frau Tümmel ... Eine Woche drauf ..."
"Die da, SIE hatte das Unglück vorhergesehen, Herr Moinson", ließ sich Herr Polizeihauptmeister Dischinger fast wie atemlos vernehmen. "Die Woche drauf, am Donnerstag, daß es wirklich war. Also, die Busse haben die Schulkinder wie üblich nach Schulschluß an ihren gewöhnlichen Haltestellen abgeholt. Der gleiche Busfahrer am gleichen Halteplatz ... Anke Klaus, dreizehn Jahre, hatte drüben bei den Autoparkplätzen mit Freundinnen geschwatzt, Freundinnen, die mit dem Auto geholt wurden. Plötzlich hatte Anke, die Dreizehnjährige, bemerkt, daß der eigene Bus, mit dem sie mit heimfahren sollte, wollte, lange da war. Die letzten, die eben am Einsteigen waren. Beeilte sie sich nicht sofort, würde der Bus ohne sie abfahren ... Also mußte Anke von den Parkplätzen auf der gegenüberliegenden Straßenseite losrennen. Rüber über die Straße. Um dann ... Unglückliche Umstände waren das. Vom Bus wurde Anke umgefahren. Der Busfahrer war kurz vor dem Anfahren vom zänkischen Gekreisch zweier Mädchen abgelenkt gewesen, hatte von der Dreizehnjährigen im toten Winkel seines Busses nur etwas mitbekommen, weil er zufällig meinte, es hätte vorn irgendwie etwas gegeben. Einen seltsamen Schlag. Angehalten hat der Busfahrer schnell mal, ist ausgestiegen. Unter seinem Bus ist Anke, die Dreizehnjährige, gelegen. Ein schreckliches Unglück."
"Für den Busfahrer eine ernste Angelegenheit, Frau Tümmel." Den Finger, den Kommissar Moinson für Verena hob.
"Anke Klaus, die Dreizehnjährige, hatte schwere Verletzungen davongetragen", übernahm Polizeihauptmeister Dischinger wieder seinen Sprechpart. "Tage hat das Mädchen im Krankenhaus mit dem Tod gekämpft. Bis es wieder besser mit Anke wurde. Das reinste Glück, daß die Kleine das überlebt hat. Auf alle Fälle war der Busfahrer seinen Job los. Dazu hatte er jede Menge Ärger am Hals. Obwohl die Dreizehnjährige mit dem Leben davongekommen ist. Weil, er, der Busfahrer, mußte besser achtgeben, konnte sich nicht einfach ablenken lassen. Dann losfahren, ohne groß umzugucken ..."
"Was sollen wir nur zu allem sagen, Frau Tümmel, Herr Dischinger und ich?" sprach Kommissar Moinson Verena an. "Mich wundert das eigentlich nicht, daß der Busfahrer seine Anzeige gegen Sie zurückgezogen hat. Aber Sie, Frau Tümmel, jetzt hätten Sie zum Gegenschlag ausholen können, den anzeigen ..."
Den Verschluß der Wasserflasche am Tisch beschaute sich Verena intensiv.
"In dem Protokoll, das die Kollegen Remke und Heinders damals, nachdem die Szene zwischen Ihnen, Frau Tümmel, und dem Busfahrer war, mit Ihnen hier im Gebäude verfertigt haben, steht zu lesen, daß das mit Ihren unvermittelten, lebhaften Visionen nach dem Unfalltod Ihres Sohnes und Ihres Ehemannes angefangen hat ..." Mit gerunzelter Stirn betrachtete Kommissar Moinson Verena.
Als hätte sie irgendwelche Schmerzen, stöhnte Verena.
"In dem Protokoll steht des weiteren, daß Sie, Frau Tümmel, sagten, daß Sie das mit dem Unfalltod Ihres Ehemannes und ihres Sohnes noch anders wahrgenommen hätten." Die Augenbraue hatte Kommissar Moinson hochgezogen, las am Rechnerschirm Zeilen. "Eher als Traumbild im Schlaf. Als bösen Traum, der schließlich zur Realität geworden sei. Im Morgengrauen seien Sie immer aus ihrem Alptraum aufgewacht, hätten gekreischt und geflennt, Dinge aufgeführt. Ihr Ehemann neben Ihnen im Ehebett, der habe gegen die Aufregung bei Ihnen erst mal nicht viel tun können ..."
"Ja-a ..." Kopfnicken Verenas.
"Genau, Frau Tümmel!" Ein Nicker mit dem Kopf Kommissar Moinsons. "Eher eine von Ihnen geträumte Vorausahnung war das. Das sagten Sie gegenüber unseren Kollegen Remke und Heinders. Das änderte sich dann aber ... Nach dem Ableben Ihres Mannes und Ihres Sohnes hatten Sie keine großartig nennenswerten Träume mehr. Nichts mehr dergleichen. Dafür stellten sich bei Ihnen bildhafte, unmittelbare Gesichte ein. Visionen des Augenblicks von Unglücken. Wenn Sie in der Stadt oder an anderen Orten unterwegs waren, blickten Sie irgendwann plötzlich Szenen, Szenen, die Sie für real hielten, die jedoch alles andere als real waren, wenn Sie zu sich kamen, aus ihnen erwachten. Bloß, daß das, was Sie gesehen hatten, stellten Sie, Frau Tümmel, fest, Tage später tatsächlich zur Realität wurde. Sagen Sie was, Frau Tümmel. Reden Sie mit mir."
"Nein!" zischte Verena. "Ich will Ihnen nichts sagen. Nicht mit Ihnen reden. Am liebsten würde ich hier fortgehen. Bitte, lassen Sie mich nach Hause gehen."
"Den Kollegen Remke und Heinders haben Sie damals ziemlich detailliert erzählt, Frau Tümmel", kehrte Verena die Stimme von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zurück, "wie das war, als Sie die allererste Ihrer Visionen hatten ... Es war Samstag, Wochenende. Sie waren mit dem Fahrrad unterwegs. Einfach nur so sind Sie wegen dem schönen Wetter von Zuhause aufgebrochen, sind mit dem Frauengangrad durch die Gegend geradelt. Dabei sind Sie in Pleithen, einem kleinen Dörfchen hier in der Umgebung, an einem Garten vorübergeradelt. Dort, in dem großen Garten, befand sich ein hoher Kirschbaum. An diesen Kirschbaum war eine lange Metalleiter angelehnt. Auf der Leiter stand ein Mann oben. Kaum, daß sie den Mann ein paar Momente gesehen hatten, ist der Mann abgestürzt. So zur Seite, daß Sie den Sturz durchs Geäst nicht genau verfolgen haben können. Sie meinten allerdings, Sie würden einen dumpfen Aufprall vernehmen. Dann aber nichts mehr."
"Habe den Mann ganz deutlich sehr hoch auf der Leiter oben am Baum gesehen", schaffte Verena niedergeschlagen hervor. "Seitlich ist er gekippt, rein zwischen die Äste. Wie ein nasser, schwerer Sack. Abgestürzt. Bestimmt ein Herzanfall, war meine Vermutung. Weil - ich habe keinen Hilfeschrei von ihm gehört, nichts. Ich ... - hören Sie -, ich ... Ich bitte Sie ..."
"Ist doch alles gut, Frau Tümmel", versuchte Kommissar Moinson einen beruhigenden Tonfall. "Nur die Ruhe. Ich bin ja da."
"Ja ...?"
"Ja!"
"Der dicke Mann auf der Leiter ..." Wild schaute Verena, die die Szene mit dem Mann auf der Leiter in einem Moment vor ihrem geistigen Auge ablaufen sah, Kommissar Moinson ins Gesicht. "In allen Einzelheiten kann ich alles in meiner Erinnerung sehen. Auch heute noch. Alles ganz klar. Als wär's erst vorhin oder gestern gewesen ... Überhaupt hab' ich viele klare, deutliche Bilder in meinem Kopf ... Von allem, was ich gesehen hab'."
"Nun, Frau Tümmel, mich stört das nicht", meinte Kommissar Moinson. "Überhaupt nicht stört mich das."
Ein paar Schlucke Wasser hatte Verena aus der Mineralwasserflasche trinken müssen.
Zittrig stellte Verena die zugeschraubte Glasflasche vor sich auf den Schreibtischrand.
Ein Kopfnicker Kommissar Moinsons zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinüber.
"Um diese Geschichte von Ihnen fortzusetzen, Frau Tümmel ...", nahm Herr Polizeihauptmeister Dischinger wieder seine Rolle. "Auf der Straße sind Sie mit Ihrem Fahrrad herumgestanden. Weil Sie nichts weiter gehört und gesehen haben, haben Sie sich gedacht, Sie müßten was unternehmen. Ja, Sie dachten, so einfach könnten Sie sich das nicht machen, in die Pedale zu treten, wegzuradeln, als wäre nichts gewesen. An den Gartenzaun haben Sie Ihr Fahrrad gelehnt. Die Gartentüre haben Sie aufgezogen. Den Aufweg sind Sie zum Haus gerannt. An der Haustüre haben Sie geläutet. Die Dame des Hauses hat Ihnen die Tür geöffnet. Der Frau haben Sie atemlos alles berichtet, was Sie glaubten, die Augenblicke zuvor in allen Einzelheiten gesehen zu haben. Dann ist der Hausherr plötzlich drinnen am Flur aufgetaucht. Den Kopf hat der Mann geschüttelt, gemeint, daß er erst nächste Woche daran denke, auf den Kirschbaum zu steigen. Die Kirschen bräuchten noch ein bißchen Sonne. Erst nächste Woche, nächste Woche, da wären die Kirschen richtig reif."
"I-ich hab' gedacht, wo-wo bin i-ich denn? Ich spinne doch nicht." Bei sich beguckte Verena die Handfläche der linken Hand. "Wenn ni-nicht der, ei-einer muß vo-vom Baum ge-gefallen sei-sein. Meinte der Mann der Frau, es könnte höchstens jemand aus der Nachbarschaft auf dem Kirschbaum oben gewesen sein. Wenn einer der Buben mit der Leiter auf den Baum rauf ist, abgestürzt. Nachgesehen werden müßte auf alle Fälle. Liegen lassen könnte man niemanden. Nur weil er sich an ein paar Kirschen vergriffen hat. Der Krankenwagen müßte gerufen werden, wenn jemand dort am Boden lag. Zu dritt sind wir zu dem Kirschbaum gelaufen ..."
"Kein Mensch war aber dort beim Baum!" brachte Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Tatsache für Verena auf den Punkt. "Als Sie mit dem Hausherrn und seiner Frau um den Kirschbaum herumschritten, war dort immer noch kein Mensch. Niemand. Und eine Leiter war auch nicht drangelehnt, an den Kirschbaum ..."
"I-ich konn-konnte es nicht be-greifen ..." Kopfgeschüttele Verenas. "Ein-fach nich-nicht glau-glauben. Niederge-gekniet ha-hab' ich mi-mich, wo-wo ich dach-dachte, da-da müßte der liegen ... Ein Ab-druck de-der Lei-ter hätte i-in der Er-de sei-sein müs-sen. Ich konn-konnte es nich-nicht fas-sen, daß i-ich mir da-das mit de-dem Mann au-auf der Lei-ter nur ein-eingebildet gehabt hät-hätte."
Ihr lautes Geschluchze hatte Verena wieder eingestellt.
"Aber, eine Woche drauf ...", durchbrach Kommissar Moinson die Stille zwischen den in dem Büroraum im Polizeigebäude anwesenden Personen. "Eine Woche drauf ... Aus der Zeitung haben Sie es erfahren, Frau Tümmel, steht hier."
"Ja!" kam es resigniert von Verena. "Wa-war nie ei-eine große Zeitungsleserin. Aber es wa-war Wochenende. Der Samstag drau-drauf, dieses Wochenende. Da-da ha-hab' ich am Vormittag zufällig Zeitung gelesen. Am Küchenti-tisch. Als ich den Lokaltei-teil aufgeschlagen hab', ha-hab' ich die Augen aufge-aufgerissen. Die Überschrift wa-war - 'Infarkt im Kirschbaum'. Ein Bild de-des Kirschbaums. Der O-ort: Plei-then. Das au-auf dem Fo-to, da-das war der Baum, da-das ha-hab' ich so-sofort gewußt. Der Baum in dem Garten ... Der Bau-aum, vo-von de-dem ich de-den Mann ab-abstürzen se-sehen hab'. Ge-gesehen ha-hab', wie der ab-abstürzt. Das glei-gleiche sta-stand un-ungefähr in dem Artikel zu le-lesen, was ich ..., per Zufall. Es wa-war für mich so was vo-von un-unfaßbar. Nichts an-andres, a-als das, was ich ge-gesehen hatte, sta-stand in dem Artikel. Der Wahn-sinn!"
"Der Artikel in der Zeitung war die Abbildung des realen Geschehens", schnarrte Kommissar Moinson. "Von etwas, das Sie, Frau Tümmel, eine Woche zuvor vorausgesehen hatten. In sämtlichen Details."
"J-ja ...!" Ein mattes Kopfnicken Verenas. "So ka-kann ma-man das au-auch sa-gen. Hab' ich wirklich nicht fas-fassen können, was ich in der Zeitung gelesen hatte. War scho-schon ein komischer Zufall. Bin Sonntag am Nachmittag so-sogar extra nach Pleithen geradelt. Vor dem Haus mit dem Kirschbaum bin ich an-angekommen. Hab' keinen Menschen dort im-im Frei-en gesehen. Niemand, der zu mir herausgekommen wäre. Obwohl ich eigentlich gut für jeden zu sehen war, der zu-zufällig rausschaute. An der Haustür zu läuten, das hab' ich mich dann nicht getraut. Konnte das nicht. Bin dann nach ein paar Mi-nuten von dort weg. Was sollte es? Was hatte ich denn mit den Leuten zu tun? Ha-hab' dann das Ganze verdrängt ... Ist mir auch ganz gut gelungen, nicht weiter dran zu denken. Bi-bis ..."
"... zur nächsten Begebenheit ungefähr derselben Art, wollten Sie sagen, Frau Tümmel, ja?" beendete Herr Polizeihauptmeister Dischinger, alles andere als freundlich, angenehm im Ton sich anhörend. "Das wollten Sie uns jetzt hier sagen, nicht wahr? Sie, Frau Tümmel, ja? Sie wollten das sagen - ja? Bis Sie dann wieder was zu sehen glaubten - was, wie es sich herausstellte, dann nicht war? Bis es dann aber Wirklichkeit wurde - ein paar Tage drauf, nicht? Dann, daß es wirklich passiert ist, nicht wahr?"
"Nein, Herr Dischinger - so geht das nicht! Hören wir jetzt hier auf. Das reicht uns jetzt hier. Das reicht." Abwinken Kommissar Moinsons zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger am gegenüberliegenden Schreibtischplatz hinüber. "Wir wollen mit Frau Tümmel nicht jeden einzelnen Fall durchkauen. Das sollen dann andere mit ihr machen. Deswegen bin ich nicht hierher in die Stadt gekommen. Mir geht's um was anderes."
Müde, traurig linste Verena Kommissar Moinson ins Gesicht, Kommissar Moinson, der wegen Herrn Polizeihauptmeister Dischinger ungehalten war. Eindeutige Blicke in dieser Hinsicht hatte Kommissar Moinson für Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.
"Haben Sie eigentlich schon einmal an Ihre ganze Lebenssituation gedacht, Frau Tümmel?" erkundigte sich Kommissar Moinson, nachdem Verena mehrere Schlucke aus der Mineralwasserflasche getrunken hatte, die Flasche zuschraubte.
"Wa-as ...?"
"Mehrere Jahre schon jetzt sind Sie keiner geregelten Arbeit mehr nachgegangen, liebe Frau Tümmel. Den Antrag auf Privatinsolvenz, Jahre her heute, daß Sie den gestellt haben. Drei, glaube ich. Ihre Schulden sind Sie deswegen heute noch nicht los. Sie leben praktisch nur von staatlichen Zuwendungen. Viel von dem Geld, das Sie monatlich überwiesen bekommen, bleibt nicht für Sie übrig. Kaum etwas, das Sie sich leisten können. Man sieht das unter anderem daran, daß Sie sich hier in der Stadt zweimal die Woche für Lebensmittel anstellen."
Nichts Großartiges, das Verena darauf zu sagen einfiel. Um die Lippen Verenas herum zuckte es.
"Haben Sie eigentlich schon einmal überlegt, Frau Tümmel, sich für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung zu stellen?" erkundigte sich Kommissar Moinson. "Sich von Fachleuten untersuchen zu lassen? Von Wissenschaftlern?"
"Wie mei-meinen ...?" schaffte Verena, die die Augen aufriß, mit belegter Stimme hervor, räusperte sich. "Wie meinen Sie da-as?"
"Bitte, Frau Tümmel, nicht lange irgendeine künstliche Aufregung hier von Ihnen." Beide Handflächen zur Beruhigung präsentierte Kommissar Moinson Verena. "Sie müssen sich hier wegen nichts erregen. Es hört sich doch eigentlich alles viel schlimmer an, als es tatsächlich ist: 'sich untersuchen zu lassen' ... Ich bitte Sie! Wir sind heute nicht im Dritten Reich. Kein Forscher bohrt mehr in den Kopf, macht sonst Sachen, nur zum Schaden des Probanden. Es hat in der Hirnforschung große Fortschritte gegeben. Sehr, sehr große."
"Versteh' nicht." Kopfschütteln Verenas. Obwohl Verena durchaus meinte, ein bißchen was davon zu begreifen, worauf Kommissar Moinsons Worte abzielten.
Bespaßt sich fühlen mußte Verena Tümmel sich deswegen jedoch nicht.
"Was ist daran nicht zu verstehen, Frau Tümmel?" Eindringlich sah Kommissar Moinson Verena an. "Sie haben so Gesichte, Visionen. Die Fälle mit Ihnen, die polizeibekannt sind, die haben sich gehäuft. In der jüngsten Zeit werden die Sachen auch immer größer, die Sachen da mit Ihnen ..."
Die Augen schlug Verena angesichts von Kommissar Moinsons Blick nieder.
"Denken Sie an die Geschichte auf der Gildebrücke, Frau Tümmel", vernahm Verena Kommissar Moinson. "Deren Wirklichkeit war am Montag dieser Woche. Dann das mit dem Raubüberfall auf den Drogeriemarkt. Den Unfall Ankes, der Dreizehnjährigen, mit dem Schulbus auf dem Parkplatzgelände ihres Gymnasiums hier in der Stadt. Das läßt sich alles nicht leugnen, daß Sie, Frau Tümmel, diese Vorkommnisse vorausgesehen haben. Wir können es schwarz auf weiß in unseren Protokollen nachlesen. Zuerst die Protokollseiten mit Ihnen, Frau Verena Tümmel - dann die anderen Seiten, nachdem sich die Dinge Tage darauf wirklich ereignet haben. Als sie Realität wurden."
"I-ich ..." Ein Stöhnlaut entschlüpfte Verena; der Kehlkopf hüpfte Verena wie verrückt.
"Immer ist's dasselbe, Frau Tümmel", redete Kommissar Moinson. "Sie hatten ein Gesicht. Was sich als Realität vor Ihren Augen abspielte, das hat Sie veranlaßt, die Polizei anzurufen. Die Polizei ist gekommen. Die Polizisten stellten fest, daß nichts war, weswegen man sie herbeirufen hätte müssen. Man hat Sie, Frau Tümmel, festgenommen, auf die Inspektion mitgenommen. Später wieder freigelassen. Schließlich sinnlos, Sie lange festzuhalten und wegzusperren."
"Ins Klinikum hätte man sie eigentlich bringen können, ins Klinikum ..."
Auf Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, der das gesagt hatte, mußte Verena starren. Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der Verena feindselig anglotzte. Wie eine Persona non grata. Jemand, der ihm, Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, voll gegen den Strich ging.
"Hören Sie bitte mir zu, Frau Tümmel!" verlangte Kommissar Moinson Verenas Aufmerksamkeit zurück. "Ich bin hier der, der wichtig ist für Sie. Niemand sonst."
Traurig blinzelte Verena Kommissar Moinson an.
"Sehen Sie, Frau Tümmel, ich denke an Sie." Den Zeigefinger, den Kommissar Moinson für Verena hob. "Ihre gesamte Lebenssituation ist verzweifelt. Vielleicht, daß Sie diese ändern möchten. Meine Überlegung wäre also, daß es möglich wäre, daß Sie vielleicht nichts dagegen hätten, wieder ein geregeltes Monatseinkommen zu beziehen. Gleichzeitig könnte ich dafür Sorge tragen, daß Sie von einem Moment auf den anderen wieder vollkommen schuldenfrei sind. Ihre Schulden zurückzuzahlen - das, was Ihnen solche Probleme, Sorgen bereitet, Frau Tümmel ... Für den Staat sind diese Beträge nichts als 'peanuts'. Das hätten wir alles gleich. Eine Unterschrift auf einen Scheck - zack! Weg sind Ihre Schulden. Allerdings müßten Sie sich im Gegenzug dazu mit allem einverstanden zeigen, was ich von Ihnen verlange, Frau Tümmel. Was würde ich von Ihnen verlangen? Nicht viel Schlimmes. Zuerst einmal, Frau Tümmel - daß Sie mit mir mit nach Berlin kommen. Als nächstes, daß Sie in dem Beschäftigten- und Probandenvertrag das Einverständnis geben, daß Sie sich wissenschaftlichen Untersuchungen zur Verfügung stellen, Frau Tümmel. Schließlich sind Sie - als jemand, der so Gesichte, Visionen hat, die ein paar Tage, ein, zwei Wochen drauf Realität werden -, eine Person, die für die Wissenschaft von höchstem Interesse ist. Ihr Gehirn, ihre Gehirnströme ..."
"Glau-glau-glaube nich-nicht, da-daß i-ich ...", stotterte Verena.
Verena fühlte sich im Augenblick wie eine, der gerade eigentlich alles auf der Welt zuviel war. Wenn Verena, zur Seite weggekippt wäre, Verena, der es schwarz vor Augen wurde, niemand hätte sich darüber wundern dürfen.
"Drei Tage gebe ich Ihnen Zeit, Frau Tümmel", unterrichtete Kommissar Moinson Verena. "In drei Tagen müssen Sie mir Bescheid sagen, wie Sie sich entschieden haben. Es ist Ihre Entscheidung, eine, die Sie sich gründlich überlegen sollten. Auf alle Fälle wäre es besser, wenn Sie freiwillig eine Entscheidung träfen. Ihre freie Entscheidung ist uns wichtig, Frau Tümmel."
"Ja ...?" Starr fixierte Verenas Blick Kommissar Moinson.
"Wissen Sie was, Frau Tümmel?" Ins Gesicht grinste Kommissar Moinson Verena.
In ihr Papiertaschentuch trompetete Verena.
"Drei Tage, Frau Tümmel, die ich noch anderes hier in der weiteren Umgebung zu erledigen habe." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Drei Tage also, die Sie Zeit haben, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, mit mir nach Berlin mitzukommen. In den drei Tagen können Sie noch in aller Ruhe Dinge hier in der Stadt regeln, Kleinigkeiten, die Sie geregelt haben wollen."
Der Mund stand Verena offen. Mit dem papiernen Taschentuch wischte Verena sich Stirn und Wangen her.
"Im Grunde denke ich überhaupt nicht daran, Frau Tümmel, daß Sie mir einen ablehnenden Bescheid geben."
Die Handflächen rieb Kommissar Moinson aneinander, betrachtete bei sich die Fingernägel.
"Hören Sie, Frau Tümmel, ich sag's Ihnen noch mal: Was geschieht Ihnen denn groß bei Untersuchungen im Labor? Sicher nichts, was Ihnen nicht in jedem anderen stinknormalen Schlaflabor auch passieren kann. Na, Sie bekommen Elektroden zum Messen der Hirnströme auf den Kopf geklebt. Oder so eine Badekappe mit den Elektrodenflächen oben aufgesetzt. Sie fahren für Bilder Ihres Hirns in die Tomo-Röhre ein. EKG wird gemessen. Mensch, bei keinem ärztlichen Gesundheits-Check Ihres Hausarztes passiert Ihnen mehr. Mit Wissenschaftlern verschiedener Fakultäten führen Sie ein paar interessante, angenehme Gespräche. Sonst ist nicht viel. Mit Sicherheit nicht. Und dafür kriegen Sie einen hübschen Batzen Geld auf Ihr Konto. Haben Kohle zu Ihrer freien Verfügung. Zum Ausgeben. Außerdem sind Sie schuldenfrei ..."
"Un-und - wa-was wä-re da-dann so-sonst noch so mei-meine Ar-beit ...?" wollte Verena stotternd wissen. "Was müß-müßte i-ich so-sonst noch tun, fü-für mein Ge-eld?"
"Nach Ihren Aufgabenbereichen, Pflichten, daß Sie mich fragen, Frau Tümmel?" An der Schläfe kratzte Kommissar Moinson sich mit dem Mittelfinger.
"Wa-was mu-muß ich al-les fü-für Sie tun?" setzte Verena zögerlich hinterher.
"Ihre Fähigkeit ist es, Ereignisse vorauszusehen, ehe diese stattfinden, Frau Tümmel", antwortete Kommissar Moinson Verena. "Erst ein paar Tage drauf, in der Zukunft, daß das, was Sie gesehen haben, Wirklichkeit wird. Das heißt, wenn Sie etwas blicken, daß etwas in Ihre Wahrnehmung kommt - tut sich dann das auch wirklich so. Ein paar Tage drauf. Hm, sogar wahrscheinlich, daß nichts dagegen unternommen werden kann. Oder dagegen getan werden sollte. Sonst würden Sie das ja nicht so lebhaft vor Auge haben - wenn sich das dann nicht auch so abspielt. Hat es ja bisher immer. Immer haben sich die Geschichten dann wirklich ereignet, die Sie gesehen haben ... Eine verflucht vielschichtige Angelegenheit ist das. Verflucht vielschichtig. So was von vielschichtig. Wie eine Zeitreise. Wie das Problem einer Zeitreise. Zum Beispiel - auf jemanden wie diesen Räuber mit der Spielzeugpistole im Drogeriemarkt hier in der Stadt, auf so einen bräuchten Polizisten eigentlich immer nur zu warten. Um ihn dann festzunehmen und abzuführen. Auf frischer Tat ertappt - peng! Das war es für den, er wird einfach weggeführt und in die Zelle gesperrt. Eine verhältnismäßig simple Geschichte. Weil im Grunde keiner dabei größer zu Schaden kommt. Nur - was sollen wir unternehmen, wenn Sie, Frau Tümmel, vorausgesehen haben, daß es Tote gibt? Was tun, wenn da wirklich tote Leute sind? Wie die zwei Jungs, die von der Gildebrücke gestürzt sind. Weil - wenn das die einzige Möglichkeit ist, die wir haben ... Nicht einzugreifen, obwohl wir genau darüber Bescheid wissen, alle warnen könnten ... Eine schwer vermittelbare Angelegenheit, die uns in einen Gewissenszwiespalt bringt. Müßten wir nicht informieren, daß ...? Könnten wir das, was Frau Tümmel gesehen hat, nicht doch verhindern ...? Das müssen wir doch, Leben retten. Oder? Steht das nicht zuoberst, an erster Stelle, Leben retten? Wenn wir nicht Leben retten - müssen wir das geheimhalten. Niemand, der das erfahren darf, daß wir ..., obwohl wir ..."
Eines Kommentars gegenüber Kommissar Moinson enthielt Verena sich lieber.
"Hahaha!" prustete Kommissar Moinson unvermittelt los vor Lachen, nachdem es ein geraumes Weilchen Stille in der Büroräumlichkeit gegeben hatte. "Eh, Frau Tümmel ...? Glaube nicht, daß jeder Politiker, jede Politikerin das wollen wird, daß wir Sie, Frau Tümmel, dorthin schicken, wo er, sie demnächst hinreisen wird. Nein, wirklich nicht."
Die Lippen schürzte Verena.
"Darüber sollten Sie sich aber keine Gedanken machen, Frau Tümmel", sagte Kommisar Moinson mit spöttischer Miene. "Was Sie für uns tun werden und was nicht, das hat nicht Ihre Sorge zu sein. Sicher ist nur eins, nämlich das, daß wir hübsche, nette Einsatzgebiete für Sie finden werden. Sehen Sie, Frau Tümmel, dann in der Umgebung einer bestimmten Person, zum Beispiel des organisierten Verbrechens, etwas voraus - werden wir zusehen, was wir mit diesen Informationen anstellen können. Was nicht. Sie allerdings, Frau Tümmel, sollten sich darüber keinen Kopf machen."
"Ni-nicht ...?"
"Nein!"
Den Blick hob Verena von ihren verschränkten Händen, die sie eingehend in Augenschein genommen hatte, hoch, um Kommissar Moinson eins hinzublinzeln. "Und - wenn ich nun nicht einwillige, mit Ihnen nach Berlin mitzukommen?"
"Tja, drei Tage haben Sie Zeit, sich das scharf zu überlegen", gab Kommissar Moinson zur Antwort.
"Wenn ich nun nicht mit Ihnen nach Berlin mitkommen möchte, wenn ich mich dagegen entscheide, das zu machen - was wird dann ...?" beharrte Verena auf dem Thema.
"Dann haben wir auch kein größeres Problem miteinander. Dann reise ich in drei Tagen ohne Sie hier ab." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Viel lieber denken wir daran, daß Sie mit mir mit nach Berlin kommen. Wenn Sie, Frau Tümmel, mit mir mit nach Berlin kommen, dann sorgen wir dafür, daß Sie mit Ihren Gesichten, Visionen - wie immer wir es nennen wollen - nicht an das Licht der breiten Öffentlichkeit gezerrt werden. Sozusagen schirmen wir Sie vor der Welt ab. Kein Mensch erfährt viel von uns, was mit Ihnen eigentlich los ist."
"Sonst nich-nichts?" Auf Kommissar Moinson starrte Verena.
"Das reicht doch, oder?" Die Augenbraue, die Kommissar Moinson hochgezogen hatte. "Schauen Sie, liebe Frau Tümmel: Ich habe wirklich keine Ahnung, warum dem so ist. Aber bisher haben Sie hier in der Stadt und in der Umgebung der Stadt, was die öffentliche Resonanz angeht, nicht viel ausgelöst. Soviel, wie ich von Herrn Dischinger weiß. Nur ein einzigesmal, das hat Herr Dischinger mir mitgeteilt, daß Sie, Frau Tümmel, in einem lokalen Zeitungsartikel eingehender als diejenige erwähnt wurden, die ein bestimmtes Unglück eigentlich schon eine Woche früher vorausgesehen hatte. Das war damals, als die Geschichte mit dem Busfahrer auf dem Gelände der Schulbushaltestellen des - wie heißt es schnell noch? - Beethoven-Gymnasiums war. Da hatte einer der Reporterleute Ihren Namen, Frau Tümmel, sogar ausgeschrieben gehabt - 'Verena Tümmel', 'Frau Verena Tümmel'. Die Tatsache hat der Reporterknilch in seinem Zeitungsartikel hervorgehoben festgehalten, daß der Polizei eine Woche vor dem Busunglück mit der Dreizehnjährigen bereits ein Vorfall ähnlicher Art gemeldet worden war. An genau der gleichen Bushaltestelle. Mit ausgerechnet dem gleichen Busfahrer, der eine Woche drauf Anke soundso überfahren hat. Auch da sollte ein Mädchen von dem Bus überfahren worden sein. Was jedoch, wie sich glücklicherweise herausgestellt hatte, da noch nicht der Realität entsprochen hatte. Na, auf diesen Zeitungsschrieb hin war nicht viel, Frau Tümmel, oder? Oder? Da war nichts. Nichts war, Frau Tümmel, was sich an Ihrer Haus- oder Wohnungstür abgespielt hätte. Kein Mensch, der das mit dem Artikel, in dem Sie, Frau Tümmel, sogar namentlich erwähnt wurden, ernster genommen hätte. Nicht wahr? Unbelästigt sind Sie geblieben. Trotz allem. Bisher immer, daß niemand Sie näher betrachtet hat."
Unwillig nickte Verena Kommissar Moinson hinüber.
"Sehen Sie das beziehungsweise Ihr Problem, Frau Tümmel?" erkundigte sich Kommissar Moinson. "Sie haben das mit der breiten Öffentlichkeit und der Aufmerksamkeit, die Leute einem entgegenbringen, bis heute noch überhaupt nicht kennengelernt. Vielleicht, weil die Verena-Tümmel-Fälle bisher immer einzeln und nicht zusammenhängend gesehen wurden. Nicht als Häufung. Keine Ahnung, warum. Dabei waren doch immer Sie die Frau, Frau Tümmel. Immer war es ein und dieselbe Person - Sie, Frau Tümmel. Frau Verena Tümmel, die Weissagerin. Frau Verena Tümmel, das Orakel."
"Ach, Sie meinen, Sie, Sie würden ...?" flüsterte Verena. "Mehr müssen Sie nicht machen, denken Sie?"
"Genau, Frau Tümmel! Haargenau das." Kopfnicken Kommissar Moinsons. "Eigentlich muß nichts anderes getan werden, als Sie der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen. Die Fragestellung: Was passiert mit Ihnen, wenn Sie aus Ihrer Deckung draußen sind, Frau Tümmel ...? Haben Sie darauf eine Antwort?"
Auf die Füße war Verena gesprungen.
Sonst aber war nichts. Nicht das bißchen was bei Verena. Keinen Millimeter, daß Verena sich von der Stelle fortbewegte.
Neugierig guckte Kommissar Moinson auf Verena.
Während Herr Polizeihauptmeister Dischinger ausschaute, als würde er bloß auf das warten, was Verena Tümmel als nächstes unternehmen würde. Auf das, was Verena Tümmel noch anstellen wollte. Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der Verena Tümmel gerne ...
"Wovon ich spreche, Frau Tümmel", nahm Kommissar Moinson schließlich wieder das Wort, "der ganze Spaß mit Ihnen, der muß bei der Presse nur richtig lanciert werden. Vielleicht spielen sich dann die unglaublichsten Dinge bei Ihnen ab. Sie, Frau Verena Tümmel, könnten zu einer Berühmtheit werden. Der Wahnsinn, Frau Tümmel. Herr Dischinger, mir hier an seinem Schreibtisch gegenüber - der Sie, Frau Tümmel, nicht übermäßig gern hat - ist schon von Berufs wegen mit dem einen oder anderen Zeitungsfritzen, dergleichen Leuten bekannt ... Hm, Sie verstehen, was ich Ihnen damit sagen möchte, Frau Tümmel?"
"Ja!" gab Verena durchaus zu.
"Glauben Sie mir, Frau Tümmel, wenn Herr Dischinger richtig anfängt, stehen Sie demnächst in der Zeitung, sind namentlich ganz oben in den Nachrichten des Lokalradios. Die Reporter vom lokalen Fernsehsender stehen bei Ihnen an der Wohnungstüre." Mit der Zunge schnalzte Kommissar Moinson. "Könnte eine richtige Fortsetzungsserie werden, das mit Ihnen. Für all das könnte Herr Dischinger gewissermaßen sorgen. Mit allen Fällen, die der Polizei bis heute mit Ihnen bekannt geworden sind. Überlegen Sie mal, Frau Tümmel: Was die von Herrn Dischinger schon erfahren, darüberhinaus wollen die Medienleute noch recherchieren ... So Interviews mit Leuten aus Ihrer Nachbarschaft, Frau Tümmel. Jedem wird ein Mikro unter die Nase gehalten. Verwandten, Bekannten von Ihnen. Den Schwiegereltern. Mann, Mann, Mann, unglaublich, das mit Frau Tümmel. Das, wie Frau Verena Tümmel plötzlich die Auflage des Käseblatts steigert. Und das nur wegen des Lokalteils. Denken Sie, Frau Tümmel, die Einschaltquoten des Lokalradios ... Frau Verena Tümmel schraubt die in die Höhe. Und der örtliche Fernsehsender, der hat mehr Zuschauer als üblich. Der Grund, der heißt Frau Verena Tümmel. Die Klicks im Internet, die muß man sich mal vorstellen. Weil jeder was von Verena Tümmel wissen möchte. Die nächste Nachricht, die Frau Verena Tümmel zum Mittelpunkt hat ..."
Müde seufzend hockte Verena sich wieder mit ihrem Hinterteil auf die Polsterfläche des Holzstuhls nieder.
"Das Interviewer-Team des Regionalfernsehens, Frau Tümmel ... An Ihrer Haustür, daß alle paar Minuten geläutet wird. Ständig, daß sie alle direkt vor Ihrer Wohnungstür auf der Matte stehen, Frau Tümmel. Im Haus, draußen vorm Haus, nebenan ..." Kommissar Moinson, der sich sichtlich an seinen Worten ergötzte, fixierte Verena mit seinen wissend spöttischen Augen. "Haben solche Leute erst mal über einen Bescheid gekriegt, wird man sie nicht leicht wieder los. Irgendwann müssen Sie ja wieder zur Haustür raus, Frau Tümmel. Gehen Sie dann aus dem Haus hinaus, haben SIE sich schon wieder unvermittelt wie aus dem Nichts vor Ihnen aufgebaut. Das Mikrophon wird Ihnen, Frau Tümmel, unter die Nase gehalten. Im Hintergrund hat der Kameramann seine Linse auf Sie gerichtet. Fotos werden von Ihnen geschossen, ununterbrochen. Wirklich ununterbrochen. Was die Kamera an Speicherplatz hergibt. Und solche Kameras haben viel Speicherplatz. Kann sogar eine Direktübertragung sein, in die regionale Nachrichtensendung ... Was da alles mit Ihnen los sein kann, Frau Tümmel, tsts! Ist das vorstellbar? Können Sie sich das vorstellen, Frau Tümmel?"
Keinerlei Regung, die Verena Herrn Moinson diesmal zeigte.
"Es müssen bald längst nicht mehr nur die lokalen Medien sein, mit denen Sie es zu tun kriegen, Frau Tümmel." Mit der Zunge schnalzte Kommissar Moinson. "Bundesweit könnten SIE gepilgert kommen. Alles, was man sich vorstellen kann. Film, Funk und Fernsehen. Öffentlich, privat. Die Redakteure der europa-, sogar der weltweiten Regenbogenpresse. Immer auf der Jagd nach dem nächsten Riesending, mit dem sie eine erste Seite, eine Sendung fürs Boulevardpublikum aufmachen können. Paparazzis haben Sie am Hals, Frau Tümmel. Die legen sich wegen Ihnen auf die Lauer, Frau Tümmel. Wegen Ihnen. So interessant sind Sie geworden."
Ihr Kopfschütteln wiederholte Verena, Verena, die von Kommissar Moinson zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger guckte. Und zurück. Hilflose Blicke Verenas.
"Und erst das Internet, Frau Tümmel ..." Abwinken Kommissar Moinsons. "Der kleinste Arsch hat heute einen größeren, kleineren Auftritt im Internet. Kann dafür sorgen, daß Sie, Frau Tümmel, eine eigene Seite im weltweiten Netz bekommen. Stellen Sie sich das nur vor! Herr Dischinger oder ich - wir dürfen so was nicht mit Ihnen machen. Uns ist das nicht so gestattet. Was andere Leute aber durchaus tun dürfen. Irgendwer könnte das einfach machen. Weil er, sie Lust drauf hat. Es ihm, ihr nichts ausmacht. Vielleicht einer, eine aus Ihrer neuen Anhängerschaft, Frau Tümmel. Ein 'Fan'. Weil Sie es ihm, ihr besonders angetan haben, Frau Tümmel. Er, sie könnte eine Extraseite eröffnen. Die alleine Sie zum Mittelpunkt hat, Frau Tümmel. Jeden Tag, jede Stunde mit einer frischen Neuigkeit von Ihnen. Mit der will er, sie die Welt versorgen. Mit der sich Ihre Berühmtheit nur immer noch mehr steigert. Verena Tümmel, die Frau von nebenan, die Dinge voraussieht. Das, was die Frau sieht, geschieht. Meint sie, etwas wäre passiert, in der Zukunft wird es zur Realität. Und zwar mit todsicherer Wahrscheinlichkeit. Weil das vielfach bereits war, daß, wenn Sie, Frau Tümmel, etwas wie wirklich vor Ihren Augen gesehen haben, was zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht wahr war, ein paar Tage drauf tatsächlich Wirklichkeit geworden ist ... Bei Frau Verena Tümmel ist das Geschehen bewiesen. Ein harter, unleugbarer Fakt. Frau Verena Tümmel, die kann Dinge voraussehen. Frau Tümmel, die Seherin. Die Weissagerin. Das Orakel Frau Tümmel. Wo immer Sie hinkommen, Frau Tümmel, Sie werden auf der Stelle erkannt. In jedem Supermarkt beim Einkaufen ... Wer möchte aber immer nur ein Autogramm von Ihnen? So viele böse Menschen gibt es auf der Welt. Lynchjustiz ... Vielleicht meinen welche, Sie wären ein unheiliges, böses Monster, Frau Tümmel. Vom 'Satan' besessen, vom 'Satan' gesandt ... Eine Hexe. Eine, die brennen sollte. Nur, weil Sie anders sind. Sie anders sind als andere, Frau Tümmel. Weil Sie so Dinge sehen, Dinge, die sich in Echt ereignen, echt wahr."
Bei Verena hatten die Tränen wieder wie toll zu laufen angefangen. Mit dem papiernen Taschentuch in der Hand wischte Verena sich unter den Augen, die Wangen her.
"Ja, es gibt genügend Spinner, durchgeknallte Menschen auf der Welt, Frau Tümmel." In die Hände klatschte Kommissar Moinson, begeistert von sich selber. "Denken Sie nur, Religion. Religiöse Fanatiker. So was. So was gibt's überall. Immer und überall. Bei denen gibt es dann überhaupt keine Hemmungen. Für nichts. Das sind die hemmungslosesten Leute, die Sie sich vorstellen können, Frau Tümmel. Fanatiker bringen einen schneller um, als man kurz schauen kann. Denen kann man nichts erklären. He, Frau Tümmel, kennen Sie eigentlich den einen oder anderen Pfarrer hier in der Stadt? Muß da, wo Sie für das tägliche Brot anstehen, Frau Tümmel, nicht gebetet werden?"
Den Kopf schüttelte Verena.
"Na ja, Frau Tümmel! Sie bekommen die Lebensmittel ja auch verpackt ausgehändigt. Müssen Ihre Mahlzeiten mit dem Zeugs am oder jenseits vom Ablaufdatum später daheim selber zubereiten ..." Zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger auf die Schreibtischseite schaute Kommissar Moinson mit belustigtem Gesichtsausdruck hinüber. "In Berlin gibt's dafür mancherorts kirchliche Armenspeisungen. Da werden von den Anwesenden vorm und nach dem Essen dann erst mal einige Gebete gesprochen. Gedankt für das schöne Mahl, das ER geschenkt hat. Von allen."
Die Augen schlug Verena gegenüber Kommissar Moinson nieder. Bei sich beguckte Verena die Oberschenkel, den blauen Hosenstoff.
"Hm, Frau Tümmel!" fing Kommissar Moinson aufs neue an. "Vielleicht, daß Sie ein Stadtpfarrer demnächst an der Wohnungstür besucht. Könnte sein, daß Sie es richtig schwer haben, den Mann draußen vor der Tür zu halten. Sie glauben das gar nicht. Versucht ja nur, in allerlei Glaubensfragen mit Ihnen zu diskutieren, Frau Tümmel. Dazu so nett, verständnisvoll über Ihr bisheriges Leben zu labern. Auf Ihre momentane Lebenssituation könnte er zu sprechen kommen. Richtig freundliche, allseits beliebte, angesehene Männer und Frauen gibt es da, die Priesterämter bekleiden ..."
"I-ich - i-ich ..." stotterte Verena.
Eine wegwerfende Handbewegung machte Kommissar Moinson zu Verena hin. "Vielleicht ist der Priester, der Sie besucht, Frau Tümmel, irgendwann nicht mehr alleine. Sondern hat ein, zwei höhergestellte Kirchenleute bei sich. Alles wegen Ihren Gesichten, Visionen, Frau Tümmel. Nur, weil die Leute plötzlich genauer darüber Bescheid wissen, daß es so was bei Ihnen gibt. Gesichte, Visionen, seherische Fähigkeiten ... Das ist in jeder Religion ein Riesenthema, Frau Tümmel. Denken Sie nicht? Was glauben Sie, wie interessant Sie für solche Leute sind, Frau Tümmel ..."
Der Kehlkopf hüpfte Verena.
"Vielleicht erleben Sie Telefonterror, Frau Tümmel ...", beendete Kommissar Moinson längeres Schweigen. "Anrufer bedrohen Sie, Anrufer, die Sie für ein leibhaftiges Monstrum halten. Würde mich nicht wundern, Frau Tümmel, daß Sie plötzlich aufpassen müssen, nur kurz auf die Straße zu gehen. Sage ja, es gibt viel zu viele Spinner auf der Welt. Viel zu viele. Die einem mit dem Messer ... Hinterrücks ... Glaubt man überhaupt nicht ..."
Das linke Augenlid zuckte Verena, bemerkte Verena bei sich.
"Um auf das zuvor zurückzukommen, Frau Tümmel ..." Die Mundwinkel hatte Kommissar Moinson tief heruntergezogen. "Sind Sie eigentlich das, was man eine religiöse Person nennt?"
Kopfschütteln Verenas.
"Dachte nur ... Wegen Ihren Gesichten, Visionen, die eigentlich ziemlich unheimlich, verstörend sind. Die oder der eine oder andere, der würde daraufhin wahrscheinlich religiös werden, würde ich meinen."
Schulterzucken bei Kommissar Moinson.
"Ist mir eigentlich so was von egal, ob Sie religiös sind oder nicht. Rede das eigentlich nur deswegen zu Ihnen, Frau Tümmel, weil ich Sie zum Denken bringen möchte."
"Ja?" Verena stierte Kommissar Moinson an.
"Ja, Sie zum denken bringen, Frau Tümmel. Daß Sie nachdenken. Sie wissen jetzt also ein bißchen was davon, was bei Ihnen los sein könnte, wenn Sie in drei Tagen nicht mit mir nach Berlin mitkommen. Was ich Ihnen im Gegensatz dazu anbiete, das ist Schutz. Relativ vernünftigen Umgang mit Ihnen. Ein geregeltes Einkommen. Geld am Konto, Frau Tümmel, fast für nichts. Also, wenn das nichts ist, Frau Tümmel ..."
Nur in einer Tour Kommissar Moinson anblicken, zu sonst nichts war Verena in der Lage.
"Hm, Frau Tümmel!" Den braunledernen Bürodrehstuhl schob Kommissar Moinson zurück, klatschte sich zweimal mit den Handflächen auf die behosten Oberschenkel. "Hier wäre jetzt eigentlich alles gesagt. In drei Tagen setze ich mich wieder mit Ihnen in Verbindung, ja? Bis in drei Tagen sollten Sie wissen, was Sie wollen."
Nichts, das Verena sagte.
"Ah, sollte ich nichts von mir hören lassen, Frau Tümmel, rufen Sie bitte im Laufe des nächsten Tages hier auf der Polizeiinspektion an. Die Nachricht von Ihrem Anruf wird an mich weitergeleitet. Eventuell sind Sie, Frau Tümmel, auch in der Lage, haben Sie das Geld für die Fahrkarte, alleine im Zug nach Berlin zu reisen. Das dürfte wirklich kein größeres Problem für Sie sein, sind Sie in Berlin angekommen, eine Adresse zu finden ..."
Den Mund hatte Verena weit offen stehen, während Verena großäugig auf Kommissar Moinson gaffte.
"Gut denn, Frau Tümmel!" Auf die Füße erhob sich Kommissar Moinson. "Das wär's jetzt hier. Herr Dischinger und ich, wir haben Sie heute lange genug in Anspruch genommen, hier aufgehalten. Dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Bitte, Sie können nach Hause gehen. Drei Tage. Bitte, denken Sie über alles nach. In drei Tagen dann, ja? Warten wir ab, wie's in drei Tagen bei mir ausschaut. Aber eher doch wahrscheinlich, daß ich in drei Tagen persönlich für Sie da sein werde. Na denn! Auf Wiedersehen, Frau Tümmel! Auf Wiedersehen!"