aa./ "three times waking up"
Die Erkenntnis der Einsamkeit
1. Schmerz
1
Er und das schwarze Mädchen. Das bei ihm geblieben war. Irgendwie bei ihm geblieben.
Nur die Frage: Woher kannte er jemanden mit dunkler Haut?
Sie war dunkelhäutig. Hatte aber blonde, gekrauste Haare. Wie von Natur aus.
Seltsam. Eine Irritation.
Langsam näherte er sich mit dem Mädchen zusammen auf der sonderbar keramikglatten, weißen Fläche etwas, das voraus wirkte, als wäre da Ende. Daß dort nichts mehr mit Weitergehen war. Weil es jenseits in die Tiefe hinunterging.
Ein unausgesprochenes Einverständnis, daß sie beide, die händchenhaltend dahinspaziert waren, stehenblieben.
Plötzlich erschien ihm ihre schwärzliche Haut, als wäre dieses Schwarz eine Art schwarze Krustenschicht, wie Schlamm, der an ihr getrocket war.
Die Hautoberfläche bekam bei ihr helle Risse, Flächen. Aus den Rissen lief es auf einmal, eine Flüssigkeit. Rote Farbe. Wie Blut. Die Färbung von Blut.
Er sah sie, sie, wie sie sich von ihm losriß. Ihren Mund öffnete sie weit. Wie zu einem schmerzerfüllten Kreischen. Nur, daß er von ihrem Kreischen nichts hören konnte.
Aus dem Stand sprintete sie los. Er beeilte sich, ihr hinterherzukommen.
Da war tatsächlich Schluß. Aus. Abgrund jenseits der scharfen Kante. Nichts mit Weiterkommen.
Am Rand lief das schwarze Mädchen entlang. Bis es ausrutschte.
Im letzten Moment, daß er bei ihm war, es am Handgelenk gepackt hatte. Ehe es, die seine Freundin war, in die Nachtschwärze hinein abstürzte.
Hochgezogen hatte er sie im Nu. Wofür sie ihm allerdings nicht im geringsten dankbar war. Von sich stieß sie ihn. Wiederholte ihren Stoß.
Abermals tanzte die mit der schwärzlichen Hautfarbe knapp vor dem Absturz durch die Gegend.
Gestenreich beschwor er sie, mit ihrem Treiben aufzuhören, dort wegzugehen und zu ihm zu herzukommen. Zu ihm sollte sie herkommen, in seine Arme. In seine ausgebreiteten Arme. Dort wäre sie in Sicherheit.
Bleckend sah er sie lachen. Nur immer lachen. Lachen und lachen. Und tanzen.
Zornig versuchte er, sie zu, greifen, beidarmig zu umfassen.
Jeder seiner Versuche, der in die Leere ging. Zu schnell war sie für ihn, entkam immer seinen zugreifenden Händen, seinen Umarmungen.
Prächtige Zähne zeigte sie ihm, während sie ihn auslachte. Ihn, der zu langsam für sie war. Einfach zu langsam.
Plötzlich waren da Leute. Jede Menge Leute. Auf der Bühne erschienen.
Mitten in der Menge erkannte er sie, Marga. Seine Freundin Marga. Alles andere als lustig gestimmt guckte Marga aus der Wäsche. Vielleicht wegen der dunklen Schönheit, die bei ihm war, die miese Laune Margas.
Tatsächlich, Marga gestikulierte, zornig. Zeigte mit spitzem Finger auf die mit der komischen, nahezu schwarzen Haut. Eine Haut, die brüchig war und ebensogut schwarzer Dreck sein konnte. Mit einer Dusche abzuwachen.
Ganz klar, das mit Margas Eifersucht. Eifersüchtig war Marga. Auf die, die seine Begleiterin war.
Denjenigen, die bei ihr waren, bezeigte Marga mit eindeutig verständlichen Gesten, was der da bei der andern für einer war. Er. Der dort. Von Marga, daß sie erfuhren, daß er ein Mistkerl war. Ein untreuer Taugenichts. Mit einer anderen trieb er sich herum. Mit der da. Der Schwarzen.
Nicht beruhigen wollte sich Marga lassen. Von niemandem.
Die schiere Wut kochte in Marga. Angelaufen kam Marga, senste die Dunkelhäutige, die ihn, Margas Geliebten, begleitete, mit den Füßen um. Groß und mächtig war Marga dann über ihm, ihren Freund. Als Riesin präsentierte Marga sich. Riesenpranken, mit denen Marga zupackte. Ihn, daß Marga wie nichts hochhob. Über sich, daß Marga ihn mit beiden Armen stemmte, seinen Bauch himmelwärts.
Als ob er außerhalb von sich wäre, sah er Marga. Und die eigene Person, von Marga hochgehalten. Obwohl er sie nicht hören und verstehen konnte, wußte er, was die Worte aussagten, die Marga in die dichtgedrängte Menschenmenge hineinrief.
Das hätte er, ausgerechnet er, den sie über alles liebte, sich nicht erlauben dürfen, ihr, Marga, fremdzugehen. Obwohl er Bescheid wußte, klar darüber Bescheid wußte, daß, wenn hier jemand fremd ging, sie, Marga, das war. Sonst keiner. Niemand sonst, daß hier fremdging. Nur sie, Marga, sie durfte das.
Nichts und niemand half ihm gegen Margas Gewalt. Wild schüttelte und schwang Marga ihn durch die Gegend. Schließlich schleuderte Marga ihn in die nachtschwarze Abgründigkeit.
Aus den Augenwinkeln sah er, daß noch jemand fiel. Das komisch schwarzfarbene Mädchen, das ebenfalls den Abflug machte.
Tief, daß er fiel. Tief ging der Fall. Dann - Aufprall.
2
Das mit dem schwarzen Mädchen war ein Traum. Nichts als ein Traum.
Jetzt aber war Joachim wach. Trotzdem, es war die Hölle, wachzusein. Als wäre er tatsächlich wo draufgeprallt.
Ein Brennen war das. Die Haut schien Joachim in Flammen zu stehen. Keine Stelle seines Körper, daß es aussparte. Regelrecht schien es Joachim, daß er ein Säurebad nahm. Schön wurde er geätzt.
Wohl das Tränennaß, das das Verklebende aufweichte, daß Joachim plötzlich die Augen aufreißen konnte. Schrill hell wurde die Welt.
Deutlich zu sehen war für Joachim von der Räumlichkeit um ihn herum nichtsdestotrotz zunächst nichts. Weil er grelles Geflirre blickte. Feurige Spiralen, Funken, die sprühten.
Dieser Zustand seiner Selbst, Joachim unerklärlich. Die Frage: Was war denn mit ihm los? War war hier mit ihm passiert?
In Joachims Ohren drängte sich ein schriller Pfeifton nach vorn. Ein Ton von einer ekelhaften Penetranz.
Die Blase, die drückte Joachim. Eine Aufforderung, loszumachen, hochzukommen. Wollte er es nicht rinnen lassen.
Die Verbindung zu seinen Beinen, für Joachim jedoch nicht so einfach herzustellen. Es blieb die Lähmung, der Dringlichkeit des Bedürfnisses zum Trotz.
Richtiggehend drehte Joachim in sich beinahe durch. Er war nicht imstande, irgendwas an und bei sich in Bewegung zu schaffen. Daß aufs Klo zu machen wäre. Die paar kleinen Meterchen nach nebenan. Für die Entleerung.
Am letzten Abend hatte Joachim zwar Bier, Wein und Obstbrand durcheinandergesoffen. Der Grund: Marga. Marga, die nicht zu ihm heimkommen wollte. Marga, die nicht ankommen wollte, bei ihm, Joachim, in der Wohnung. Den hilflosen Zustand erklärte der vorabendliche Suff allerdings in keinster Weise. Samt dem Kater hätte er zumindest aus dem Bett raussteigen können müssen, voranstolpern.
Das konnte Joachim jedoch nicht. Nicht das bißchen. Das hieß, es war etwas anderes, das ihm mitspielte. Irgendwas, was sich vom Normalen unterschied. Irgendwie. Etwas Unerklärliches.
Schließlich war der Punkt für Joachim erreicht. Es gab nichts mehr zu halten. Ins Bett hinein entleerte Joachim sich.
Eine böse Sache.
Was nun anschließend bei ihm los war, überstieg bei Joachim das Vorstellbare. Das Brennen um seiner Körpermitte herum potenzierte sich. Um ein Vielfaches. Eine Erfahrung, die Joachim keinem wünschte und sich am liebsten erspart hätte.
Endlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit der reinsten Pein, kam für Joachim die Erlösung: die Bewußtlosigkeit, die Joachim ins Dunkel zurückschickte. In den Zustand, in dem er nichts spürte, von nichts weiter irgendeine Kleinigkeit mitkriegte.
3
Kaum war Joachim wiedererwacht, nahm er sich einigermaßen bewußt wahr, kehrte die unausstehliche Qual ihm aus jeder Richtung zurück.
Tatsache, das, aufzuwachen, hätte ihm, Joachim, ohne weiteres erspart bleiben können. Warum war er in der Zwischenzeit nicht einfach gestorben? Warum geschah nichts, das ihn von seinem Zustand erlöste?
Nichts hatte sich geändert. Überhaupt nichts.
Nicht zu verstehen war das. Das, was über ihn gekommen war. Welch ein urungemütliches Befinden.
Mit einem Kater hatte das wirklich nicht das allergeringste zu tun. Oder war er, Joachim, schon lange tot? War das das "Fegefeuer", von dem Religionen dem Sünder erzählten? War der Gedanke an einen Körper ein Trug? Dieses Meer des Schmerzes, in dem er schwamm, schließlich die endgültige Rechnung für seine Sünden, die er bezahlte?
Allerdings hatte er, Joachim, noch Augen, Augen, mit denen zu blinzeln war.
Ewig, daß das gedauert hatte, bis er die Feuerräder, das Flirren durchblicken konnte. Er hatte den Blick klar.
Joachims Gesicht lag mit der rechten Wange am Bett. Am Nachtkästchen war der Radiowecker. Die digitale Anzeige des Radioweckers. Die Zahlen: 14 und 42. Vierzehn Uhr zweiundvierzig. Dreiviertel drei am Nachmittag.
Es war nachmittags. Draußen, unter freiem Himmel, hellster Tag.
Den Kopf, daß Joachim unvermittelt drehen und anheben konnte. In seinem Schlafzimmer guckte Joachim herum.
Altbekannt, die Räumlichkeit. Bis Joachim das zu lange getan hatte, den Raum zu sehen. Der schwere Hinterkopf landete Joachim auf seinem Kopfkissen - womit ihm die Pein aufs neue im wahrsten Sinne des Wortes explodierte.
Alles hatte eine Grenze des Erträglichen, auch jegliche Art von Schmerz. Die Bewußtlosigkeit kehrte Joachim zurück. Damit die Zeit des Nichtwissens.
4
Auf dem Holzschild, auf das Jo, der Revolvermann, von "Susan", seinem Wallach, herabblickte, standen zwei Worte in roten Großbuchstaben geschrieben. Wie mit Blut.
PAIN CITY.
"Pain City". Stadt des Schmerzes.
Wirklich ein besonderer Name für ein dreckiges Loch von einem Holzbudenstädtchen. Fand Jo.
"Pain City", die kleine Stadt, in die er, Jo, einreiten wollte. Den Auftrag auszuführen. Zu tun, was getan werden mußte.
Schließlich hatte er, Jo, die Dollars bereits vor Monaten gekriegt. Vor Monaten.
Es war also allerhöchste Zeit. Wirklich die allerhöchste Zeit. Für ihn, Jo. Das Unausweichliche, das mußte getan werden.
Das Vorhaben nicht auszuführen, das wäre für Jo's guten Ruf nicht eben zuträglich. Außerdem war es Jo's Wunsch, Marga, die Bardame, wiederzusehen. Marga, von der ihm, Jo, erzählt worden war, Marga wäre nach "Pain City" abgereist. Eine neue Betätigung hätte Marga, im Saloon von "Pain City".
Zwei Fliegen mit einer Klatsche also. Marga und die Erledigung seiner Aufgabe.
Die Sporen gab Jo Susan, seinem Wallach. Susan, der wehleidig loswieherte, voranhüpfte.
Der Wind hatte stärker zu blasen angefangen, daß Jo sich sein Halstuch vor den Mund schob, sich vor den Staub zu schützen.
Vertrocknetes, kugeliges Gesträuch flog die Staubstraße rauf und runter durch die Gegend, als Jo auf Susan in "Pain City" einritt.
Der Saloon in der Mitte von "Pain City" hatte den schönen Namen "Empireless". In weißer Schnörkelmalschrift prunkte der Name am langen, hölzernen Längsschild über dem Saloonvorbau.
Der Saloon "Empireless", der Mittelpunkt des schnöden Städtchens.
An der Querstange des Gestells hinter dem Wassertrog band Jo Susan seitlich an.
Sich den Halstuchstoff von Nase, Lippen herunterziehend, stieg Jo die drei Stufen der Holzstiege hinauf.
Nichts und niemand war als Passant unter den schützenden Vordächern der Ladengeschäfte und Hütten rundherum zu blicken, als Jo auf der Gehfläche in den Saloon hinein stehenblieb. Sich um die eigene Achsel drehend, sich noch einmal im gesamten Umkreis umschauend, blieb es für Jo dabei: "Pain City", im Augenblick wie ausgestorben die Örtlichkeit.
Ein seltsames Gefühl der Bedrohung, das Jo in der Magengegend entstanden war. Eins, das besagte, das Aller-, Allerbeste wäre, kehrtzumachen, wieder auf Susan draufzusteigen, auf dem Pferd abzureiten.
Würde jedoch als Flucht gesehen werden. Seine Auftraggeber aus dem Osten würden neue Scheinchen in jemand anders investieren. Ihr Geld von Jo, dem Revolvermann, des weiteren zurückverlangen. Was nichts anderes bedeutete, als daß hinter Jo jemand herkommen würde, die hübsche Summe bei Jo wieder einzutreiben. Und Jo hatte von dem Betrag leider nicht mehr viel übrig. Konnte nur den kleinsten Teil rüberreichen. Was nichts Gutes hieß.
Zwar duellierte Jo sich gerne. Trotzdem besser, Jo, der jagte selber.
Die ledernen Halteschleifchen zog Jo von den Hähnen seiner beiden stählernen Revolver links und rechts herunter. Jo lockerte die Dinger in den Holstern.
Nein, sicher keine Flucht. Jo flüchtete vor nichts. Einen guten Leumund hatte Jo in der Welt. Einen Standpunkt zu verteidigen. Überall im wilden Westen war Jo's Schnelligkeit berühmt. Warum sollte sich Jo, Jo, der mit seinen Waffen dauernd am Üben war, sich vor Angst in die Hosen machen? Langsamer war Jo die letzte Zeit nicht geworden.
Also ...
Die Stille, die nervte Jo an. Woher kam diese Finsternis um ihn her nur auf einmal? Lediglich die gelbfarbenen Schwingflügel in den Saloon hinein waren für ihn, Jo, zu betrachten. Sonst nichts. Als ob eine Kulisse sich abbaute.
Jo sah sich weitermachen, die Schulter gegen den rechten der gelbfarbenen Schwingflügel stoßen, um sich hineinzubegeben in die gute Stube.
Einen langen, braungestrichenen Tresen überblickte Jo. Dahinter sah Jo einen Ober mit weißer Schürze vorgebunden. Ein Riese von einem Kerl.
Als Jo sich an die Längstheke anlehnte, rutschte sofort ein Whiskeyglas mit einer weißlichen Flüssigkeit zu Jo hin. Genau vor Jo stoppte das Glas.
Wollte der bedienende Dreckskerl ihn, Jo, veräppeln? Aufgebracht starrte Jo nach den Riesenkerl.
Warum hatte der denn eigentlich keine Visage? Nur der Umriß einer Kopfform. Der Rest, der war umschattet. Als läge ein Schatten auf dem Mann, wo nirgends ein Schatten war. Nicht zu verstehen für Jo, das.
Schulterzucken Jo's. Die Saloonbedienung war schlußendlich nicht das entscheidende für Jo, den Revolvermann. Anders als die Gäste. Der eine oder andere Gast des Saloons.
Zunächst mal jedoch widmete Jo sich ausgiebig dem Eisenlüster, der von der Saloondecke herunterhing.
Dreizehn Kerzen brannten an dem Ding, zählte Jo. Dreizehn Kerzen.
Unter dem Lüster wimmelte ein seltsamer Schwarm glitzernder Glühwürmchen. Die haufenweise fliegenden kleinen Dinger bildeten einen runden Ball, eine Wolke; dann wirkte es dort, es wäre Feuerwerk. Ein Jahrmarktfeuerwerk am Himmel.
Hatte Jo so noch nicht gesehen, nirgends. Überhaupt nicht wußte Jo, was er damit anfangen sollte. Was war das denn im "Empireless"?
Eine hastige Bewegung lenkte Jo's Augen ab. Da war ein Mann seitlich der Bühne im Saloon gewesen, war Jo sich ganz sicher. Jemand, der war am Huschen. Am Davonhuschen. Weil er etwas gesehen hatte.
Ihn, Jo, den Revolvermann? Der, den Jo, der Revolvermann, kriegen wollte, der hatte viele Freunde. Viele Willys gab es außerdem.
Mädchen, junge Frau tanzten nackt Can-Can. Warfen die Beine Arm in Arm die Beine.
Die Kleiderhaufen, die lagen den Tänzerinnen zu Füßen.
Auf der anderen Seite der vielen Schönheiten, deren Anblick nichts zu wünschen übrig ließ, fand sich ein Piano. Ein bärtiger Barpianist hockte dahinter, hämmerte in die Tasten.
Jo begriff nicht, daß von dem Spiel des Mannes nicht das geringste an seine Gehörgänge drang. Nicht der leiseste Ton.
Die Hüften wiegten die unbekleideten Schönen, spreizten sich, drehten den Anwesenden ihre Hinterteile zu.
Nur, das mit den Tänzerinnen, das war im Augenblick nicht wichtig für Jo. Ums Publikum, daß Jo, der Revolvermann, sich lieber ausgiebig kümmerte. Nachdem Jo das lange genug versäumt hatte.
Kaum hatte Jo seinen Blick über die Menge schweifen, bemerkte Jo, der Revolvermann, daß ein junger Bursche mit einem Stetson am Kopf oben mit dem Finger auf ihn, Jo, deutete.
Ein Tisch in der Saloonmitte. Und der Sitzplatz von Mörder-Willy. Mörder-Willy, der daraufhin interessiert nach Jo hinlinste.
Am Tisch bei Mörder-Willy saß Marga. Wie selbstverständlich. Mit Mörder-Willy, daß Marga beisammen dasaß.
Barbusig, Marga; Marga, das Barmädchenkleid am Oberkörper bis zum Bauch heruntergeschoben.
Zu Mörder-Willy grinste Marga hinüber. Irgendwas Spöttisches in Richtung Jo, das Marga zu Mörder-Willy meinte. Als hätte Marga was von Jo nötig.
Den Sechsschüsser, der aus irgendeinem Grund auf der Tischfläche herumgelegen war, reichte Marga grinsend Mörder-Willy, Mörder-Willy, der sich daraufhin auf die Füße stellte, den Revolver lässig, kühl ins Holster an der Hüfte schob.
Mörder-Willy, derjenige, den Jo, der Revolvermann, für Geld suchte. Und Marga, nach Marga, daß Jo außerdem in den Gegenden herumsuchte, Marga, die Jo eigentlich ausgerissen war. Mörder-Willy und seine Marga in trauter Zweisamkeit vereint zu sehen, etwas, das für Jo im Grunde nicht zu fassen war. Obwohl Marga ausschaute, als wäre Mörder-Willy nicht die einzige Beschäftigung.
Mit dem Finger deutete Jo, der Revolvermann, auf Mörder-Willy, und Mörder-Willy verstand Jo's Wink.
Von ihrem Sitzstuhl kam Marga abrupt hoch. Mörder-Willy umarmte Marga. Etwas flüsterte Marga Mörder-Willy ins Ohr. Mörder-Willy, der lachte daraufhin. Ohne daß Jo Mörder-Willys Lachen hören hätte können. Ebensowenig wie Jo weiterhin irgendwas von der Musik erlauschen konnte, die der Barmann hinter seinem Klavier mit viel Einsatz spielte. Zu der die nackten Tänzerinnen im Takt hüpften. Eine ziemliche Irritation.
Zwischen den Tischen durch kam Mörder-Willy in die Richtung Jo's, des Revolvermannes, geschritten.
Breitbeinig stellte Mörder-Willy sich beim langen Schanktisch Jo, dem Revolvermann, gegenüber in Positur. Jo beeilte sich, sich ebenfalls breitbeinig zum Duell aufzustellen.
Mit höhnischer Visage starrte Mörder-Willy nach Jo. Jede Sekunde, daß Mörder-Willy den Revolver an seiner Hüfte ziehen würde. Nur daß Jo, der Revolvermann, kaum mehr etwas von Mörder-Willy erkennen konnte. Weil die unzähligen, vielfarbigen Glühwürmchen ihre Heimat beim Kerzenlüster verlassen hatten, um sich für Jo zu interessieren. Jo umschwirrten sie. So viel nahm Jo das von seiner Sicht auf Mörder-Willy, daß Jo das nur ungefähr erahnen konnte, wie Mörder-Willy seinen Revolver aus dem Gürtel riß, nach Jo zielte und abdrückte.
Jo's eigener Schuß verfehlte Mörder-Willy. Ganz eindeutig war das für Jo.
Vor der Brust spürte Jo, der Revolvermann, einen heftigen Schlag. Die Kugel aus Mörder-Willys Waffe, die hatte getroffen.
5
In die Dunkelheit blinzelte Joachim.
Das im Westernsaloon, das war ein Alptraum. Nichts als ein doofer Alptraum. Einer, aus dem er, Joachim, erwachen hatte können.
Zu sich zu kommen, das bedeutete Leben. War nicht der Tod.
Besseres Erwachen als zuvor außerdem. Weil, weniger mit Qual verbunden. Er, Joachim, er spürte gerade nicht viel. Nichts von Schmerzen von überallher.
Nur ein unangenehmes Gefühl war da. Wie etwas im Hintergrund. Beinahe war es Joachim, als wäre alles nahezu wieder beim alten bei Joachim.
In dem blöden Traum, der Revolverschütze, das war Willy gewesen. Sein allerbester Freund Willy. Willy, das Kerlchen, aber zusammen mit Marga, seiner, Joachims, Freundin? Marga und Willy in trauter Zweisamkeit beieinander?
Träume waren Schäume. Seine, Joachims Marga, und Willy-Boy. Ein Witz. Normalerweise. Willy, nicht eben Billy the kid bei den Weibern. Noch dazu Marga, die mochte Willy nicht so gern. In der jüngsten Zeit hatte Marga noch mehr gestänkert, wenn Willy, Joachims bester Kumpel, bei Joachim an der Wohnungstüre klingelte. Willy, der wieder hereinkam, irgendwas von Joachim wollte. Daß Joachim ihm, Willy, dort half, da mit ihm mitkam. Auch nur, um zusammen einen zu heben.
Also, Marga und Willy. Gewissermaßen eine schwer vorstellbare Sache. Obwohl, bei Margas ungestümen Attacken auf ihn, Joachim, die letzten drei Tage. Konnte es durchaus vorstellbar sein, daß Marga auch Willy ins Schlafgemach mitnahm, nur, um ihm, Joachim, eine lange Nase zu drehen.
Warum eigentlich nur die vielen Streitigkeiten und Störfälle zwischen ihm, Joachim, und Marga? Hätten Joachim und Marga sich besser vertragen, wäre Marga jetzt im Moment in Joachims Wohnung. Zu zweit wären Joachim und Marga in Joachims Schlafzimmer. Möglicherweise hätte Marga ihm bei einem seiner Erwachen etwas von seinem unübersichtlichen Zustand momentan auseinandersetzen können. Denn, der Schmerz kehrte Joachim langsam wieder ins Bewußtsein zurück. Das Urungemütliche, das gewiß nichts mit dem Suff vom Vortag zu tun hatte.
Nur, leider, keine Marga weit und breit.
Durst quälte Joachim. Regelrecht klebte Joachim die Zunge am Gaumen.
Daran erinnerte sich Joachim, daß er eine Mineralwasserflasche seitlich vom Bett stehen hatte. Zwar sicherlich ausgeraucht, die Flasche. Trotzdem noch trinkbar, das Wasser.
Ruckartig brachte Joachim es, sich aufzusetzen. Ein paar Sekündchen wartete Joachim, während denen sich nichts an seinem Zustand verschlimmerte. Demnach konnte die Fahrt weitergehen.
Vorsichtig, um nichts herunterzuwerfen, ertasteten Joachims Finger den Untersatz der Nachttischlampe. Den Kippschalter legte Joachim mit dem Zeigefinger um - und "puff". Die erst vor einer Woche frisch eingeschraubte Energiesparlampe war durchgebrannt.
Es blieb für Joachim bei Lichtlosigkeit. Schöne Bescherung.
Wenigstens war durch das Lichtflackern der Standort der Wasserflasche beim Nachtkästchen zu erahnen, und der Platz des Phones hinter der Nachtlampe oben nahe der Stellflächenkante des Kästchens.
Nach seinem Phönchen langte Joachim ungeschickt, wischte das gute Stück fahrig von der Fläche herunter. Am Plüschteppich landete es unten, die Phone-Anzeige, die aufleuchtete.
Der kleine Lichtschein half Joachim, zielsicher die Glasflasche zu greifen, diese hochzunehmen.
Das war ein Schmerzeindruck für Joachim, als er mit der Hand den Verschluß der Wasserflasche aufdrehte.
Vorsichtig nahm Joachim ein paar kleine Schlucke Wasser aus der Flasche, diese mit beiden zittrigen Händen am Bauch festhaltend.
Der Schmerz brach bei Joachim wieder voll los. Ein richtiger Ausbruch, eruptionsmäßig. Heiße Glut. Lava.
Zurück legte Joachim sich mit dem Rücken auf das Kopfkissen.
Das Wasser aus der Glasflasche floß ihm über den Oberkörper beide Hüften hinunter, gewahrte Joachim. Während die Flasche seitlich rollte, um mit dumpfem Geräusch am Teppich drunten aufzukommen.
Die Qual für Joachim wurde mit jeder Sekunde größer. Bis der schreckliche Schmerzimpuls für Joachim zuviel wurde. In die nächste Bewußtlosigkeit, daß Joachim abtauchte.
2. Phone-Call
1
Die Wahrnehmung eines Aromas. Wie der aromatische Duft von Kaffee, der in die Nase stieg.
Eine Frau glaubte Joachim zu hören. Helles Frauenlachen. In unmittelbarer Nähe.
Joachims Augen waren offen, also sah er sie jetzt: Marga. Die, die gelacht hatte, war Marga. Mit Marga hockte er, Joachim, zusammen am Küchentisch. Joachim, lange war er nicht mehr im Schlafzimmer und im Bett. Sondern in der Küche am Tisch. Zusammen mit Marga. Ganz trivial.
Unbeschwert freundlich lächelnd faßte Marga mit beiden Händen die schwarze Kaffeekanne. Die Tasse, die schenkte Marga ihm, Joachim, voll.
Welch eine Freude für Joachim, daß sich ihm seine Wünsche erfüllt hatten. Daß Marga jetzt da war, wieder zu ihm, ihrem 'Jo' zurückgekehrt. Daheim war Marga.
Nicht länger, daß Marga miese Laune wegen bestimmten Dingen hatte. Marga lachte, grinste. Worte formten Margas Lippen: "Ich liebe dich."
"Ich liebe dich auch", war Joachim sich seiner Erwiderung sicher. Obwohl Joachim sich nicht bewußt war, daß er den Mund für irgendwas aufgemacht hätte.
"Das darfst du mir glauben, das, was ich dir jetzt sage, Jo: Ich liebe dich!" ging Joachim das mit der Rede Margas weiter. "Das mit Willy - ein Ausrutscher. Nur ein dummer Ausrutscher. Mehr nicht. Freut mich, daß du mir das glaubst. Mir nicht weiter böse bist. Weiter mit mir zusammenbleiben willst. Kann mir vorstellen, demnächst auch wieder bei dir einzuziehen, Jo."
Was war das? Hatte er, Joachim, vorhin etwas nicht richtig mitbekommen? Marga, sie hatte ihm gestanden, sie wäre mit Willy zusammen gewesen? Bis eben hatte Joachim nichts davon gewußt. Marga meinte sogar, er hätte ihr das mit Willy verziehen - bloß, Joachim, er erinnerte sich nicht daran. Nicht an Margas Geständnis. An nichts, daß Joachim sich erinnerte. Wann war das denn jemals ein Thema zwischen Marga und ihm, Joachim, daß Marga ein Verhältnis mit Willy gehabt hätte? Sein Kumpel Willy und Marga - nein, das konnte nicht sein. Ein Ding der Unmöglichkeit. So herb, derb, wie Marga sich aufführte, kam der Name 'Willy' bei ihr ins Spiel.
"Ich meine, was ich sage, Jo", klang es von Marga, und Joachim war, als käme die Stimme Margas von weiter weg, aus größerer Distanz. Als wäre Marga nicht in seiner unmittelbaren Nähe in der Küche. Sondern ganz woanders.
Überhaupt, wie das sein konnte, daß Marga im Angesichte Joachim plötzlich durchscheinend wurde. Als wäre Marga ein Geist. Margas Gegenwart lediglich die eines geisterhaften Wesens.
Die Melodie blieb jedoch in Joachims Ohren. Ging ungefähr so: "Ich meine, was ich sage, Jo. Mit Willy ist nichts weiter. Na ja, tut mir alles sehr leid. Daß es passieren hatte müssen. Wie ich's dir gesagt hab', so war's aber leider passiert. Es hat sich alles einfach so ergeben. Willy war bei dir in der Wohnung, mit mir zusammen. Und Willy und ich, wir haben uns gut miteinander unterhalten. Plötzlich war alles ganz anders zwischen Willy und mir. Ganz anders. Weitergegangen ist das. Zu allem ist's gekommen, Jo. Im Bett sind wir zusammen gelandet, Willy und ich. Ab und zu ist's dann bei Willy auch so gewesen. Willy und ich, wir mußten nur aufpassen, daß du nicht plötzlich kommst, Jo. Oder du uns nicht irgendwo zufällig siehst, wenn Willy und ich in einem Café waren."
Davon hatte Joachim keine Ahnung. Nicht die geringste von nichts. Woher hätte Joachim das zwischen Marga und Willy wissen sollen?
"Du hast doch gesagt, daß du mir verzeihst, Jo. Das hast du gesagt. Wenn du mir jetzt aber wieder böse bist - geh' ich wieder ..." Anstalten machte Marga, die geisterhaft durchsichtig war, fortzuschweben. Durch die Wand durch.
"Nein, du gehst nicht!" Ein Kreischen, das Joachim eher spürte, als mit den eigenen Ohren zu erlauschen. Nach Marga faßte Joachim, um durch Marga hindurchzugreifen. Als wäre Margas Erscheinung tatsächlich nur Luft. Nichts als reinste Luft.
Neue Brötchen schnitt Marga jedoch, konnte das Joachim gegenüber bringen. Die Brötchenhälften bestrich Marga mit Butter. Auf jede der Hälften kleckste Marga einen Löffel voll blutroter Himbeermarmelade aus dem Glas. Um alles auf einer Untertasse Joachim hinzuschieben, Marga. Zu Joachim hin, Joachim, der ungläubig auf Marga starrte. Marga und Willy, sein bester Freund Willy, das war etwas, eine schier unerträgliche Geschichte.
"Du mußt nicht mit mir zusammenbleiben, Jo", klingelte Marga. "Nein, Jo, das mußt du nicht. Mußt nicht mit mir zusammenbleiben. Kann auch mit Willy zusammensein. Willy, der ist wirklich auch ganz gut, Jo, weißt du. Auch ganz gut, Willy. Wenn ich das schon früher gewußt hätte, wie gut Willy ist. Wie Willy küßt, Jo ..."
Eine Verwandlung bei Marga. Das grinsende Gesicht Margas näherte sich dem Joachims. Die Lippen spitzte Marga zu einem spöttischen Küßchen. In keinster Weise eben irgendwie nett, sie, Marga.
Einen schalen Kuß bekam Joachim von Marga jedoch keinen. Weil, urplötzlich begannen sich die Gesichtszüge Margas aufzulösen begannen. Zerflossen zu einer amorphen bleichen Masse. Lediglich seine Kopfform die Margas Kopf soeben beibehielt.
Ein Gebiß tauchte bei Marga auf. Prächtig weiße Zähne. Schnappende Zähne. Und riesige Dinger. Ein monströses Zahnreihendoppel, total nicht menschlich. Eher Marke Sauriergebiß. Eins, tiefster Vorzeit entliehen. Diese Monsterzähne bissenbei Joachim zu. Tief trieben sich die Riesenzähne Joachim ins Fleisch. Bisse waren das, die taten weh. Jeder Biß war ein Schmerz. Nicht auszuhalten.
2
Das nächstemal, daß Joachim konstatierte, daß er aus einem Traum erwacht war.
Alptraumhorror, der ihn aufgeweckt hatte. Ihn in seine ihm unerklärliche Schmerzenswelt zurückgeholt. Nur daß alles, was peinvoll orgelte, im Moment ein einigermaßen erträgliches Maß hatte. Eine kleine Dämpfung. Trotzdem reinste Ungemütlichkeit.
Der Traum ... Aus dem Traum erinnerte Joachim sich an klare Inhalte. Dort, in dem Alptraum, daß Marga und er miteinander geredet hatten. In der Küche.
Könnte ja auch so gewesen sein. Ein Gespräch zwischen Marga und ihm, Joachim. Wäre Joachim am Vorabend nicht besoffen gewesen, vielleicht, daß er sich jetzt genau an alles erinnern hätte können, was abends bei ihm war.
Vielleicht war das, was das schlimm endende Traumgebilde ansprach, der Nachgang von einem Telefonat, das er am Abend mit Marga geführt hatte.
Nur, das mit dem Filmriß. Nicht das bißchen was, was die bewußte Erinnerung hergab.
Fiebrig blinzelte Joachim vom Fußboden im Flur zur weißgestrichenen Decke hoch. Am Flur, daß er Bodenlage hatte, entdeckte Joachim.
Keinerlei Begriff hatte Joachim, wie er es aus seinem Bett auf den Wohnungsflur geschafft hatte. Alleine, ohne eine Marga. Das elektrische Licht brannte außerdem. Eigenhändig mußte Joachim das eingeschaltet haben. Oder Joachim hatte es im Suff überhaupt nicht ausgeschaltet gehabt.
Joachim horchte. Es blieb dabei: Außer ihm, der elendiglich am Boden auflag, niemand in der Wohnung.
Kein Mensch. Keine Marga nirgends. Keine Marga nirgendwo, die Kaffee aufgebrüht hätte. Alles nur ein öder Traum. Etwas, was sich in seinen Hirnlappen abgespielt hatte, ansonsten nur andeutungsweise real war.
Den großen Hund der Dottlers in der Wohnungseinrichtung eine Etage tiefer hörte Joachim unvermittelt losbellen. Das Hundevieh bellte, daß man die Polizei hätte rufen können. Oder sich beim Hauseigentümer beschweren.
Rundherum blieb nichts als Stille, als "Stockie", das Vieh der Dottlers, das Maul wieder hielt.
Joachims Zustand, eine Qual. Dringend hätte er, Joachim, einen Arzt nötig gehabt, der ihm Schmerzmittel verabreichen hätte können. Alles in Joachim vibrierte aufs neue vor Pein. Das ohne Tabletten auszuhalten, das war nicht der größte Bringer auf der Welt.
Schmerzen, Schwäche, Benommensein. Wenn er, Joachim, nur eine Ahnung gehabt hätte, was über ihn gekommen war. Davon abgesehen, daß er besoffen war. Am Vorabend gesoffen hatte.
Hatte er sich in seinem Alkoholsud irgendwie angezündet?
Hätte da dann aber, hätte es bei Joachim Feuer gegeben, am Schluß nicht die gesamte Wohnungseinrichtung in Flammen stehen müssen?
Bei einem Brand wäre die Feuerwehr und die Polizei herbeigekommen. Sanitäter. Ins Krankenhaus hätten die Joachim gefahren. Im Krankenbett wäre Joachim erwacht.
Die Geschichte seines miserabel unsäglichen körperlichen Zustands war Joachim vollkommen unerklärlich. Im Leben war es ihm noch nie so übel gegangen, fand Joachim.
In einem Anfall des puren Trotzes gegen die Welt des Schmerzes wuchtete Joachim seinen Schädel vom Fußboden hoch, drehte ihn nach links und nach rechts.
An der weißgestrichenen Wand zu Joachims Linken war der blutige Abdruck einer Hand. Eine Bluthand.
3
Gerne hätte Joachim wieder mal was anderes wahrgenommen als Schmerz, Übelkeit, Benommenheit und Feuerräder vor den Augen.
Überraschend fand Joachim, daß er Gefühl in den Fingern seiner Rechten hatte. Er spürte dort glattes, festes Material. Wie Glas und Plastik.
Tatsächlich, Joachim konnte das bringen, sich den Gegenstand vor das Gesicht zu halten.
Es war sein Phone. Sein Phone, daß er die ganze Zeit mit der Hand umkrallt hatte.
Goldfarbenes Plastikdesign hinten und an den Seiten.
Drehen mußte Joachim das gute Stück, legte es sich dafür auf die Hemdbrust. Als wäre das nun wieder kein Problem mehr für ihn, solche Dinge mit den Fingern zu unternehmen.
Auf die Drucktaste für die Anrufe drückte Joachim. Die Anzeige erhellte sich mit einem Zirpen.
Tastendrückgeräusch, ein Anruf ging ab. Margas Nummer hatte Joachim vor den Augen; die Nummer, die gewählt wurde.
"Marga-Schatz hier", lauschte Joachim Margas Stimme; Margas altbekannte Ansage: "Hier ist Margas Mailsbox. Du willst was von mir ... Ob ich aber auch was von Dir will ...? Hast Du mir was zu erzählen ...? Na dann, nach dem - PIEP!"
"Bitte, Marga - Jo hier!" krächzte Joachim in die Gerätschaft, die er sich vor den Mund hielt. Joachim mit entschlossenerem Stimmenklang: "Komm schnell, Marga. Komm schnell bei mir vorbei, Marga. Mit mir ist was. Weiß nicht, was. Bitte, Marga, bitte, du muß sofort zu mir in die Wohnung kommen. Ich glaub', ich muß ins Krankenhaus ... Bitte, Marga, vergessen wir alles in der letzten Zeit, was zwischen uns los war. Komm zu mir. Beeil dich bitte, ja? Beeil dich - bitte! Mit tut überall alles weh, Marga. Das sind Schmerzen. Schmerzen sind das ... Kann nicht mehr viel aushalten, Marga ..."
Das reichte, Joachim drückte den roten Knopf. Der Arm sank Joachim kraftlos über die Schulter hinab nach der Seite weg. Aus den Fingern rutschte Joachim sein Phone.
Hörte Marga ihren Anrufespeicher nächstens ab, wußte Marga Bescheid, daß etwas mit Joachim war. Bestimmt, daß Marga zurückrief. Marga mußte einfach bei ihm, Joachim, vorbeischauen. Sehen, was mit Joachim los war.
Und wenn Marga sich nicht bei ihm, Joachim, meldete, blicken ließ, war es das mit ihr und ihm. Wirklich, die Geschichte mit Marga war dann aus. Aus und vorbei. Dann gab es nichts mehr weiter zwischen ihnen. Ob das mit Willy aus seinen Alpträumen nun der Realität entsprach oder nicht.
Stockie, die blöde Tölle der Dottlers, bellte von neuem los. Als hätte plötzlich irgendwas den Köter aufgeschreckt.
Darauf entsann sich Joachim, daß Frau Dottler, das blonde Frauchen Stockies, letztens zu ihm, Joachim, gemeint hatte, daß Stockie in der Hundeschule gut gearbeitet hätte; alles hätte bei Stockie geklappt. Das mit dem nächsten Besuch der Hundeschule, das war auch schwer nötig für Stockie. Weil der Hausmeister im Namen des Vermieters bei Herrn und Frau Dottler vorstellig geworden war. Der Mann darauf hinwies, daß die Dottlers ausziehen würden müssen, sollten die Dottlers das mit ihrem eineinhalb Jahre alten Beller nicht endgültig in den Griff bekommen.
Die Stunden Erziehung auf der Hundeschule, die hatten anscheinend bei Stockie nicht viel genutzt. Das altbekannte Lärmverhalten war bei dem Vieh eben aufs neue voll ausgebrochen.
3. Rinnsale von Blut
1
Das Gekläffe Stockies, des Hundeviehs der Dottlers, von unten, brachte Joachim zu sich.
Wieder war Joachim sinnlos weggekackt gewesen. Um schließlich die Augen aufzureißen. Wegen Stockies sinnlosem Gebelle, das ihm ins Bewußtsein drang.
Wie vorhin entdeckte Joachim sich am Flurboden liegend. In das Licht der Deckenlampe blinzelte Joachim trübe hoch. Von überallher erfuhr Joachim die Pein und Not seines gegenwärtigen körperlichen Zustands.
Marga, sie war noch nicht gekommen. Immer noch nicht war Marga vorbeigekommen.
Entweder ließ Marga sich Zeit. Oder Marga, die dachte überhaupt nicht daran, bei ihm, Joachim, in der Wohnung zu erscheinen.
Aber, Marga, die mußte herbeikommen. Marga mußte das. Marga mußte zumindest dafür sorgen, daß sie Joachim ärztlich versorgten, ins Krankenhaus brachten.
Marga MUSSTE das.
Nach seinem Stück Phone tastete Joachim, hörte sich, wegen der Qual, die ihm jede Bewegung verursachte, stöhnen. Trotzdem, Joachim mußte das sehen. Sehen, ob Marga nicht eine Nachricht geschickt hatte. Oder Joachim auf die Mailbox gesprochen.
Vor die Augen hielt sich Joachim das mobile Telefon, drückte.
Allerdings, es blieb bei der Gerätschaft dabei: Die Anzeige war tot. Nichts mehr, das sich aufhellte. Auch Schütteln half dagegen nichts.
Wenn der Akku leer war, war der Akku leer. Sich lange deswegen zu erregen, das war hier vollkommen unnütz.
Wo war das Netzteil? In der Küche? Oder lag es im Wohnzimmer auf dem Tisch herum?
Nein, zuletzt hatte er das Teil zum Anstecken in der Küche gehabt. In der Küche war das Phone für den Ladevorgang angesteckt gewesen. In der Vierfach-Leiste da.
Also war der nächste Weg der in die Küche ...
Ein trauriger Seufzer entrang sich Joachims Brust, Joachim, dem die Erkenntnis mitspielte, daß er in der eigenen Wohnung nur immer noch am Boden des Flurs herumlag. Daß er liegenblieb. Erst mal war hier kein Hochkommen. Nichts ein Gliedmaß, das sich bei Joachim rührte. Obwohl er sich befahl ...
2
Es reichte. Das Herumgeliege reichte. Stockie hatte mit seinem Gebell ganz recht. Vollkommen recht hatte Stockie mit seiner Bellerei.
Wenn der Hund der Dottlers so weiter kläffte, mußte das eigentlich nicht auf sich warten lassen, daß Leute bei den Dottlers vor der Wohnungstüre auftauchten. Daß bei den Dottlers an der Tür geklingelt würde.
Nur, das half Joachim wenig, wenn jemand bei der Dottlers läutete. Joachim, der hatte die Wohnung eins drüber. Außerdem hatte Joachim lange kein solches Schreiorgan wie Stockie.
Ein Krächzen erlauschte Joachim von sich. Nichts als gedämpfte Krächzlaute. Zum Schreien war Joachim, der bereits Marga auf die Mailbox ihres Phones gesprochen hatte, anscheinend im Moment nicht in der Lage. Joachim konnte das nicht bringen, lauthals um Hilfe zu schreien. Auf gut Glück.
Den Oberkörper hievte Joachim unvermittelt in die Höhe. In die Sitzposition schaffte sich Joachim. Obwohl er, Joachim, sich selbst das eigentlich gerade nicht bewußt befohlen hatte.
Das weiße Schört Joachims war blutdurchtränkt. Überdies ziemlich hochgerutscht. Viel Fläche von seinem Bauch überblickte Joachim, die schwarze, dunkelfleckige Männerunterhose.
Blut sah Joachim in der Bauchgegend laufen. In kleinen Rinnsalen.
Aus den Poren da, daß ihm die rote Soße lief, begriff Joachim, der mit dem Finger drüberwischte.
Kruste hatte sich bereits gebildet, Kruste, die brach, wenn Haut sich anspannte, zusammenzog. Mußte so sein, daß wegen der frischen Bewegung Joachims hier Blut floß.
An seiner Handfläche war es genau das gleiche, hielt Joachim die Tatsache fest.
Die Unterhose, die klebte ihm, Joachim, an der Körpermitte. Und die dunkleren Flächen am Hosenstoff, die stammten von Blutfluß her. Eigener Bluterei. Alt und neu.
Vielleicht, überlegte Joachim, war die eigene allgemeine Schwäche unter anderem auch auf Blutverlust zurückzuführen.
3
Das Wundern war Joachim überkommen, das Wundern darüber, daß er, Joachim, überhaupt lebte.
So, wie Joachim alles an sich fand, sollte Joachim tot sein. Eigentlich. Wie ihm das vorkam. Wenn Joachim die Situation richtig überblickte.
Dringend, daß Joachim zu einem Arzt müßte. Ärztliche Versorgung Joachims wäre angesagt. Ein Arzt, der mußte sich diesen Spaß an Joachim dringendst ansehen. Es war an der Zeit, daß Marga ihren Arsch zu Joachim an die Wohnungstüre bewegte.
Aber - was war, wenn Marga an der Wohnungstüre war?
Zu seinem Erschrecken sah Joachim, daß die zwei Sicherheitsketten vor waren. Zugesprerrt war außerdem. An der Türe steckte der Schlüssel im Schloß drinnen.
Marga, wenn Marga ihren eigenen Schlüssel aus der Handtasche holte, aufzusperren, konnte Marga ihren Wohnungsschlüssel überhaupt nicht reinstecken ins Schloß.
Das würde Marga sicherlich nicht machen, wenn Marga nicht reinkonnte, einen Schlüsseldienst zu rufen. Das würde Marga nicht einfallen. Eher wahrscheinlich, daß Marga gereizt wieder den Aufzug nach unten nahm. Oder die Stiegen zornig hinunterstürmte.
Auf die Füße kommen würde Joachim müssen, sich zur Wohnungstüre zu begeben. Um den Schlüssel aus dem Schloß zu ziehen. Damit Marga, sollte das Marga einfallen, vorbeizukommen, sich aufsperren konnte.
Wenn Joachim schon am eigenen Flurgang herumhockte, würde Joachim das dann bringen müssen. Blieb Joachiam nichts anderes übrig, als zur Wohnungstüre zu kriechen, dort zu fingern.
4
Die Frage der Fragen, die in Joachim kreiselte: Was war los mit ihm, Joachim?
Was war das, was ihn erwischt hatte?
Ein Virus?
Irgend so etwas?
Von welchen Erkrankungen hatte er schon gelesen, daß es einem das Blut aus den eigenen Hautporen herausdrückte?
Ebola!
Erst Donnerstag letzter Woche war eine Dokumentation über das Ebola-Virus im Fernsehprogramm gelaufen. Den Film hatte Joachim sich ein Weilchen angeschaut. Bis es Marga gereicht hatte. Marga wollte ein anderes Programm.
Eine weiße Farmersfrau war in der Sendung zu sehen, der das Rote nur so die Augenwinkel herausgelaufen ist. Blutige Tränen, die die weinte. So sah es aus. Das Krankenbettlaken der Farmerin war blutfleckig.
Das Herz schlug Joachim bis zum Hals - Ebola?
Bloß - wo hätte er, Joachim, sich solch fürchterliches Zeug einfangen können. Das hier war Europa, nicht Afrika.
Die weiteste Reise, die Joachim in den letzten Monaten gemacht hatte, war die in den Baumarkt außerhalb der Stadt.
Auf Urlaubsreise war Joachim das letztemal vor drei Jahren. Mit Herthalein, seinem damaligen Liebling. Zusammen mit Hertha bereiste Joachim südfranzösische und norditalienische Provinzen. Hübsche Landschaften.
Seitdem - nichts mehr in der Art.
Mit Marga gemeinsam hatte sich noch kein Urlaub ergeben. Mit Marga zusammen verbrachte Joachim seinen Jahresurlaub auf Balkonien. Oder am Baggersee. Davon gab's ein paar hübsche.
Bis zur nächsten Badesaison waren es dieses Jahr immerhin noch ein paar Tage. Jetzt, im April.
Im April müßte es für Ebola, das Stechmücken übertrugen, irgendwo in Europa wirklich noch zu kalt sein. Im Hochsommer hätte es in europäischen Landen dafür ganz andere Möglichkeiten, setzte man Ebola als Möglichkeit in Betracht.
5
Der Schweiß war Joachim böse ausgebrochen. Sicherlich ein Effekt seiner schmerzensreichen Gegenwart. Dazu das Wachsein, die bewußten Gedanken, Überlegungen.
Die Stirn lief das Salzige Joachim herunter, über die Wangen. Im Nacken spürte Joachim böseste Bisse.
Damit kehrte das Unerträgliche seiner Ganzkörperpein Joachim ins volle Bewußtsein zurück. Hell, schrill.
Joachim fluchte, stöhnte. Woraufhin Stockie, der hellhörige Köter der Dottlers, auf ein neues losbellte. Als würde das Vieh auf Joachim lauschen. Auf ihn, Joachim.
Richtige Verzweiflung, der Klang des Gebelles Stockies, fand Joachim. Oder es war Joachim, der sich das so einbildete. Schließlich war Joachim selber gerade alles zum Verzweifeln.
Weiter hockte Joachim am Fußboden. Nach der Wand patschten Joachims Hände. Auf die Knie begab sich Joachim. Sich an der Wandfläche abstützend, versuchte Joachim, auf die Füße zu gelangen.
Immer das eigene Stöhnen in den Ohren, schaffte Joachim das tatsächlich in einem Versuch.
Leider eine kurze Freude. Die Beine knickten Joachim in einer Sekunde wieder weg, gaben ihm unter dem eigenen Körpergewicht nach. Auf den Flurboden stürzte Joachim zurück. Auf dem Rücken landete Joachim, schlug sich den Kopf am Linoleumboden des Gangs an.
Ein greller Stern war Joachim vor den Augen aufgegangen. Immer greller wurde das Licht. Dann war schlagartig nichts.
4. Willy-Stadt
1
Jo, der Revolvermann, spazierte sie hinauf. Die Straße. Hinein in die Stadt der Willys. In die Stadt der respektlosen Willys. Von denen Jo, der Revolvermann, den einen Willy erledigen sollte. Den Willy umzulegen, dafür war es allerhöchste Zeit.
Bedächtig schritt Jo auf der öden Staubstraße aus, hatte die ersten Gebäudeumrisse links und rechts von sich.
Ewig, daß der Marsch Jo dauerte. Längst hätte Jo die Stadtmitte erreicht haben müssen.
Zumindest eins war klar: Nicht einer der Willies, die Jo Marga, die Barfrau, entführt hatten, wollte irgendwo aus einem der Holzbauten herauskommen. Kein Willy wollte Jo und seinen Revolvern gegenübertreten.
Die Feigheit der Willys. Einfach die Feigheit der Willys. Wenn man einem Willy nicht den Rücken zudrehte, war mit einem Willy nichts los.
Dann waren voraus von Jo plötzlich Stadtbewohner. Aber keine Willys.
Immer mehr von denen standen zu beiden Seiten der Hauptstraße bei oder auf den Aufgängen zu den Gebäuden herum, bevölkerten dichtgedrängt die hölzernen Spazierflächen.
Schrecklich gesichtsloses Volk war das. Schrecklich. Jedem Mann, jeder Frau fehlte das Gesicht. Nase, Mund, Augen, -brauen, Ohren - nichts davon vorhanden. Auch keine Haare am Kopf oben. Nur glatte, graue Bälle mit Langhals unten hatten die in der Stadt der Willys als Köpfe.
Etwas, was ausgezeichnet zu den Willys paßte. Ein anderes Völkchen als solches brauchte kein Willy. Echt nicht.
Nur, Marga, die Barfrau, die sah die Willys plötzlich anders. Marga, die hatte neuerdings einen Narren an den Willys gefressen. Besonders an einem Willy. Deswegen ließ Marga sich von den Willys rauben.
Wegen dem einen Willy war Jo, der Revolvermann, nun höchstpersönlich in die namenlose Stadt der Willys gekommen. Den Willy zu erledigen, ein für allemal.
Zeigen sollte sich dieser Willy bald mal Jo. Oder machte das neuerdings bei Marga, der Barfrau, Eindruck, wenn einer feige nicht herauskommen wollte?
Besser, der Willy der Willys stellte sich der Situation. Baute sich mit seinen Revolvern Jo gegenüber auf. Wie ein Mann. Wäre doch besser für diesen Willy, noch größeren Eindruck bei der Barfrau Marga zu schinden?
2
Die Hautköpfe mit den langen Hälsen lauerten. Anscheinend waren alle total gespannt auf den Fortgang der Geschehnisse.
Wenn Jo, dem Revolvermann, die Hand zuckte, kam Bewegung in die Kugelköpfe Jo gegenüber. Nieder duckten sich die traurigen Gestalten. Bis der erste merkte, daß Jo die Revolver immer noch stecken hatte.
Jo, der Revolvermann, der auf den einen Willy wartete, war sich klar darüber, daß das Stadtgesindel, das mit den Willys die Stadt der Willys bewohnte, nicht glücklich oder dankbar sein würde, würde Jo mit seinen Revolvern als der Sieger aus dem Schießen mit dem einen Willy hervorgehen.
Würde es der eine oder würden es mehrere der restlichen Willys sein, die tot im Dreck lagen, mußte Jo scharf aufpassen. Haarscharf. Vielleicht war der eine oder andere dieser hinterlistigen Kugelhautköpfe, der im Umkreis der Schießerei anwesend waren, fähig, eine Waffe hervorzubringen und zu heben. Zwei, drei Schüsse von hinterrücks abzugeben. Nach Willy-Art. Wie die Herren, so das Gescher.
Jo wartete auf einen Willy. Oder den einen Willy. Nicht mehr die geringste Lust hatte Jo, wegen einem Willy voranzulatschen. Auch nicht wegen dem Willy der Willys. Ohnehin war das Stadtmitte. Voraus der Stadtsaloon.
Die Willys mußten eigentlich längst von der Ankunft Jo's, des Revolvermannes, wissen.
"Totenwacht", der Name, der bei dem Saloon oben am langen Holzschild zu lesen stand. Weiße Schrift.
Totenwacht? Eine Totenwacht würde der eine der Willys brauchen, wenn Jo, der Revolvermann, mit ihm fertig war.
Herausfordernd guckte Jo, der Revolvermann, ins weite Runde, während die Stille die Szene beherrschte. Sogar der Wind hatte zu wehen aufgehört. Nicht der kleinste Hauch einer Brise wahrnehmbar.
Irgendein Laut, wie ein geiles Stöhnen, entwich der Horde der gesichtslosen Rumsteher. Sicher, weil die Matschköpfe voller Vorfreude an die Willys als die Preisträger der Veranstaltung dachten. Schließlich immer neu, daß Jo, der Revolvermann, seinen Ruf beweisen mußte.
Riesig fand Jo die Silbersporen, die er hinten an seinem braunen, staubigen Stiefelpaar festgemacht hatte. So riesige Dinger.
Zusammen, daß Jo fuhr. Aus den Augenwinkeln, eine Bewegung, die Jo wahrgenommen hatte. Bei den Schwingflügeln des Saloons.
Los riß Jo den Blick von seinen blöden Reitstiefeln und den Sporen hinten. Den rechten seiner Revolver befingerte Jo, als müßte er sich vergewissern, daß die Waffe noch da war.
Nur, das war kein Willy. Kein Willy war das. Eine Gestalt in Weiß blickte Jo, die aus dem Stadtsaloon der Willys getreten war.
Ganz in weißer Spitze, daß sie den Vierer Holzlattenstiege herunterschwebte, Jo, dem Revolvermann, gegenüberzutreten. Ohne einen der Willys irgendwo. Nicht mal mit dem einen.
Sie, Marga! Marga, die Barfrau.
Marga, die Barfrau, die sich Jo versprochen hatte.
Jo starrte. Aber es blieb dabei. Das war Marga. Seine Marga. Ob Barfrau oder nicht.
Jo's Marga, die in einem weißen Hochzeitskleid dastand. Durchsichtig, Marga, wie ein Gespenst.
3
Immer noch nur Marga. Nur Marga, Jo gegenüber.
Marga, die Barfrau, in den weißen Laken eines Kleides. Knöchellang.
Eins, wie zur Hochzeit. Ein Kleid wie zur Hochzeit.
Ein Brautkleid. Als wäre bald Hochzeitszeremonie.
Bloß - mit wem? Mit wem wollte die Barfrau Marga in den Stand der Ehe treten? Etwa mit dem einen Willy der Willys.
Das konnte nicht möglich sein. Die Barfrau Marga mit diesem einen Willy. In Weiß. Für ein Jawort in der Kirche.
Auf knapper Duellweite verhielt Marga Jo gegenüber. Marga, die schwebte. Über dem Boden schwebte Marga. Keinen Bodenkontakt hatte Marga. Mit nackten Füßen verhielt Marga in der Luft.
Scharfe Knöchel, die Marga hatte. Messerscharf. Knöchel, die nach mehr aussahen.
Das gefiel Jo unter anderem an Marga. Ihre scharfen Knöchel.
Flehentlich und gleichzeitig leidend, der Blick Margas. Die Hände rang Marga.
Jo verstand, was Marga ihm damit sagen wollte: Schnell sollte er hier weggehen. Aus der Stadt der Willys verschwinden. Solange er, Jo, das noch konnte. Ehe ihm, Jo, irgendwas geschah.
Die Arme herabhängen lassend, sich links und rechts an den Hüften den Revolvern bewußt - zweimal sechs Schuß -, blieb Jo, der Revolvermann, unbeeindruckt stehen.
Mit den Händen, daß Marga herumgestikulierte. Mit den Fingern deutete Marga. In Wiederholung bedeutete das gestenreiche Gefummle Margas, daß Jo sofort umkehren und aus der Örtlichkeit, der Stadt der Willies, fortmachen sollte.
Verstand Jo Marga richtig, meinte Marga sogar, von den Willys wäre keiner mehr da. Die Willies wären alle vergangen. Hinübergegangen. Dasselbe würde mit ihr, Marga, geschehen. Jede Sekunde. Im Laufe der nächsten kurzen Momente wäre sie, Marga, für immer verschwunden. Wie ein Windhauch. Nichts, das von Marga bleiben würde. Nicht einmal Staub. Aber, er, er, Jo, er könnte das soeben noch knapp schaffen. Zu entkommen. Aus der Stadt der Willys. Wenn er sich beeilte, umtat. Retten sollte er, Jo, sich.
Nicht genau überblickte Jo, warum er so gut begriff, was Marga ihm mit ihrem fahrigen Gestikulieren eigentlich sagen wollte. Außerdem: Warum sollte Jo, der Revolvermann, fortgehen, ohne sich mit dem Willy der Willys duelliert zu haben? Schließlich war Jo zu diesem Zweck in die Stadt der Willies gekommen. Hätte Jo auch schon vorher wegbleiben können.
Nein, Jo, der Revolvermann, wollte das Duell. Unbedingt.
4
Immer schlechter war Marga auch nur umrißhaft auszumachen. Schon ganz genau mußte Jo schauen, um was von Marga zu erkennen.
Kurz erlaubte Jo es sich trotzdem, von Marga weg- und im Halbkreis herumzugucken.
Es war schrecklich. Die ganze Stadt der Willys samt ihren verkommenen Bewohnern, den gesichtslosen Hautköpfen, war dabei, sich aufzulösen. Alles in der Willy-Ödestadt wollte ins Nichts verschwinden. Dem reinen Nichts.
Marga? Aber, ohne Marga wegzugehen. Ohne Marga, die der Preis für den Sieger war. Nein, ohne Marga wollte Jo, der Revolvermann, nicht fort von dem Ort. Jo war nicht nur wegen dem einen Willy gekommen, Jo war auch in der Willy-Stadt, sich Marga, die Barfrau, zurückzuholen. Wenn nicht im Guten, dann packte Jo, der Revolvermann, sich Marga, warf sie sich aufs Pferd.
Nach Marga suchte Jo mit seinen Augen.
Einzig und alleine - da war keine Marga mehr. Wo Marga gestanden hatte, war nichts als milchige Bleiche.
Überall war jetzt auf einmal die Welt rundum von Jo bleich.
Einzig und alleine er, Jo, er war noch. Er war sich noch bewußt. Und konnte sich, die eigene Gestalt mit der grauen Hose und Jacke, die Revolver links und rechts in den Holstern an den Hüften, mit den Sinnen erkennen.
Nur er, Jo, der Revolvermann.
Nichts half etwas, Jo mußte vom Ort fort. Aus dem Stand, daß Jo herumwarf. Zu rennen fing Jo an. Jo rannte und rannte. Solange er, Jo, immer noch voranrannte, schien alles gut. Im Rennen war er sich und den eigenen Möglichkeiten bewußt. Mit beiden Füßen rennen, das hieß Leben. Bedeutete es, in der Lage zu sein, dem Ganzen vielleicht zu entkommen.
Dann hatte Jo alles richtig gemacht. War alles richtig gewesen. Susan, sein Wallach, tauchte Jo hinter der Sanddüne auf. An einem Gesträuch, daß Susan rupfte und fraß.
Bei Susan angekommen, daß Jo nach dem Sattelknauf faßte. In den braunen ledernen Sattel schwang sich Jo hinauf. Nach dem ledernen Zügel langten Jo's Finger.
Alles, alles wollte Jo zu lange sein. Es mußte ihn doch längst erreicht und gekriegt haben.
Hatte es aber bis dahin nicht. Aus irgendeinem Grund. An der Leine zog Jo, riß Jo Susans Kopf seitwärts, gab Susan die Sporen. Tüchtig die Sporen.
In die Richtung wüsteneinwärts mußte Susan. Jede Wüste war besser als dieses Nichts. Trotzdem dauerte das einfach ewig, bis Susan in Galopp verfiel. Immer knapper, empfand es Jo, wurde die Geschichte für ihn und Susan. Immer knapper.
Da war bereits ein Hauch. So ein leiser Hauch. Unmittelbar bei ihm, Jo. Das Ende, das dieser Hauch verhieß.
5
Aus dem nächsten Alptraum mit seinen beschissenen Szenen erwacht. Jetzt war es angesagt, mal für länger im Wachen zu bleiben, auch wenn die Welt größte Qualen mit sich brachte. Pein und Schmerz.
Joachim erinnerte sich daran, daß der Akku für sein Phone in der Küche sein mußte. Also war Küche angesagt.
Oder doch Wohnzimmer, für seinen Tablet-PC? Oder das Arbeitszimmer, dort war die Rechneranlage Joachims?
Dort einzuschalten ... Kontakt mit der Welt aufzunehmen.
Andererseits, das Phone wieder zu Leben zu erwecken ... Um bei Marga anzurufen. Das war doch eher das Angsagte, als irgendwas anderes.
Mails zu schreiben, auf den Empfang von e-Mails zu warten - wenn das nicht dämlich war, dann war nichts dämlich. Mit Marga mußte gesprochen werden. Oder mit Willy. In der Arbeit, die Kollegen.
Die Erkenntnis durchzuckte Joachim heiß, daß die Arbeitswoche längst angefangen hatte. Wer allerdings fehlte dem laufenden Firmenbetrieb? Klare Antwort: Er, der Jo.
Das war das mindeste, daß er in dem Laden seine Stimme hören ließ. Sich beim Menzle wortreich dafür entschuldigte, daß er, Jo, nicht in der Arbeit erschienen war. Und zwar so, daß sich Menzle, die Leute im Büro sich Sorgen wegen Jo machten, dem Armen. Weil es Jo gerade nicht sehr gut ging. Jo, den hätte irgendwas erwischt. Im Taxi würde er sich dann zum Doktor fahren lassen.
"Und - ach ja, Herr Menzle -, sobald sich alles erledigt hat, bin ich wieder pünktlich. Pünktlich in der Arbeit. Vor acht bin ich im Büro. Ja, die vom Arzt ausgestellte Krankmeldung wird mitgebracht. Natürlich. Selbstverständlich."
Joachim, der wollte schließlich nicht arbeitslos. Nicht gerade zu dieser Zeit. Während draußen welche zu Tausenden nur darauf warteten, sich selber an Joachims Schreibtisch zu plazieren, Joachims Geld zu verdienen.
Dutzende von Bewerbungen gingen unverlangt jede Woche auf der Etage von Menzle ein. Menzle, der Personalchef, hatte, wollte er das, freie Auswahl. Konnte sich aus dem Haufen die besten Kräfte aussuchen. Ganz davon abgesehen, daß in der Firma Planstellen wegfielen, Arbeitsplätze nicht unbedingt neu besetzt wurden. Wegrationiert wurde.
Also, das war dringend verlangt, nicht negativ bei Menzle in die Gedanken zu gerten. Jede negative Aktennotiz konnte irgendwann Folgen haben.
6
Übelkeit, dumpfe Benommenheit, greller Schmerz - das kam für Joachim in Wellen. Wie größere, kleinere Wellen, die an den Strand anbrandeten, sich zurückzogen, um wieder anzubranden. Not war für Joachim in jeden Fall.
Zumindest war es eben solche Augenblicke, daß es Joachim deswegen nicht in die Bewußtlosigkeit abschickte.
Eine Idee kam Joachim ... Wenn er schon nicht aufstehen konnte, am Gang rumsaß - konnte er sich auf seinem Hintern mit Armen und Beinen voranschieben. Wie ein Sitzfußballer.
War er erst in der Küche, war alles gut. Nach dem Rest fragte kein Mensch.
Erzählt werden mußten Geschichten wie das alles mal so war, als es ihn damals unvermittelt dreckig ging, jedenfalls niemandem. Nicht solche, die allzusehr das eigene Ego beschädigten.
Hauptsache, er, Joachim, war demnächst in der Küche, hatte das Netzteil in den Fingern, das an das Phone drangesteckt und alles war im Stecker - ab dafür. Dann rief Joachim bei Marga an, bei Willy, im Büro, wenn noch Arbeitszeit war.
Obwohl er Willy und Marga im Verdacht hatte, den Verdacht, daß Willy und Marga ... Daß das aus seinen Alpträumen als Revolvermann Jo nicht so ganz daneben war.
Wie ein Mitspieler bei einer Runde Fußball im Sitzen war Joachim unterwegs, schob sich voran. Wenn auch in Zeitlupe. Irre, welche Zeit brauchte. Mit langen Pausen dazwischen. Ohne großartig den Hintern heben zu können.
Auf die Küchenschwelle gelangte Joachim endlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit. Streckte sich hoch, suchte mit den Fingern linker Hand den Lichtschalter in der Küche ...
Hell wurde es. Allerdings war die Welt seiner Schmerzen jetzt auf einmal wieder überwältigend. Möglicherweise, weil sie so lange Pause hatte. In schwärzeste Nacht fiel Joachim ...
5. Der eine Willy
1
Jo, der Revolvermann, schaute herum. Von Susan, seinem Wallach, hinunter.
Es war Jo, als ob Susan auf einer Art Watte galoppierte. Weiße, fasrige Watte. Wie auf einem überdimensionierten Wattebausch.
Die kleineren Wolken voraus, an denen Jo auf Susan knapp vorüberkam, hatten dieselbe Konsistenz. Also war das "Wolkenwatte" zu nennen. Irgendwie so feste Wolkenwatte, daß Susans Hufe nicht einsanken.
Davor fürchtete Jo sich, daß die wilde Jagd auf Susan irgendwann nicht mehr weiterging. Daß das Ende kommen würde. Schlagartig.
Aber, solange Jo auf Susan ritt, war alles gut.
Der Untergrund für Susan's Viermalhufe, der blieb alles andere als vertrauenswürdig. Überhaupt, solche Wattemengen hatte Jo noch niemals gesehen. Ungeheuer.
Auf einmal hatte Jo voraus eine schwebende Gestalt.
Eine weibliche Person war das. In einem weißen Nachthemd. Zwischen den bauschigen Wattewölkchen konnte Jo sie ausmachen.
Dann schien es, Jo hätte diejenige aus den Augen verloren. Aufgeregt guckte Jo herum, während Susan seinen Galopp beibehielt.
Schließlich war sie wieder zu sehen, die Dahinschwebende. Zum Glück, fand Jo. Mit derjenigen war wenigstens jemand anders mit auf der Welt.
Schlagartig kannte Jo sie wieder. Sie, eine Schlafende, die voranschwebte, das war Marga. Marga, die Barfrau.
Zuletzt hatte Jo Marga in der Wüstengegend gesehen, ehe er auf der Wolkenwelt ankam. Am Marktplatz des letzten Städtchen, zwischen zwei Buden. Schon genau hatte Jo hinschauen müssen, ehe er Marga erkannte. Es blieb aber dabei, das war Marga. Keine andere als Marga, die Barfrau, war das, Marga, das Weib, von Jo verzweifelt gesucht.
Jedoch hatte Marga sich beim Herumgehen vor irgendwas erschrocken, was Marga voraus bemerkte. Ohne daß Jo, der dorthin schaute, wo Marga hinschaute, eine Kleinigkeit da blickte, nichts, was den Schrecken bei Marga verursacht haben könnte. Aus dem Stand, daß Marga losrannte. Jedoch nicht in die Richtung Jo's. Vom Markt, daß Marga floh. Zwischen den Leuten auf den Straßen, daß Marga voranlief, in verwinkelte Seitenwegen. Bis Jo Marga aus den Augen verlor. Auf alle Fälle, daß Marga für Jo spurlos verschwunden blieb. Keine Marga für Jo weit und breit. Auch nicht, wenn Jo an Tore und Türen klopfte, diese selber aufmachte, wenn sie offen waren.
Seitdem, kein Wiedersehen mit Marga. Bis jetzt. Jetzt, daß Jo Marga, die Barfrau, bei Jo voraus war. Schlafend, von einem Zauber, der sie gewichtslos machte, getragen, daß Marga immer vor Jo, dem Revolvermann, irgendwohin voranschwebte.
2
Von der Verfolgung Margas wollte Jo nicht ablassen.
Immer weiter verfolgte Jo, der Revolvermann, Marga, die Barfrau.
Regelrecht, daß Susan, der Wallach, im vollen Lauf dahinflog. Ohne je näher an Marga, seine, Jo's, Marga, voraus heranzukommen.
Auf eine herrlich weiße Schönwetterwolke, daß Marga zuhielt. Immer größer wurde für Jo diese Wolke.
Immer dichter kam Marga an die Wolkenlandschaft heran. Einigen Vorsprung, den Marga weiter vor Jo, der auf Susan hinterhergaloppierte, hatte. Von unten her mußte Jo schließlich auf Susan das Watteweiß hinaufreiten, während Marga Jo oberhalb längst dem Blick entschwunden war.
Die Augen riß Jo dann auf, auf der wattigen Wolkenoberfläche droben. Eine Überraschung. Weil, voraus waren in der Ferne verschiedene Gebäude zu entdecken.
Ein hölzerner Lattenzaun war das, bei dem Jo auf Susan ankam. Dem Zaun entlang ging Jo's Ritt.
Am Zügel riß Jo Susan. Anhalten mußte Susan.
Über sich hatte Jo ein weißfarbenes Holzschild, auf dem in schwarzer Schrift WILLIES KOMMEN zu lesen stand. WILLIES KOMMEN - dieses Schild, das schmückte den Durchritt auf einen weitläufigen Hof mit Haupthaus, zwei kleineren Hütten, drei großen Ställen, einem Brunnen in der Mitte.
Von weitem hatte alles nett ausgesehen. Als Jo auf Susan jetzt unmittelbar an das große Holzlattenhaus, das der Mittelpunkt von allem war, die Hüttenaufbauten und die Stallungen heranritt, war alles ziemlich heruntergekommen. Miserabel zusammengezimmert. Windschief.
Ein Windrad drehte sich auf einem kastenartigen Silobau auf dicken Holzpfählen, für Jo erst von dem Standort aus hinter dem hohen Stall linker Hand zu gewahren. Futter- und Wasserträge stand dort überall verstreut.
Hier waren also Willys daheim. Irgendwelche Willys. Ein verfluchtes Willy-Heim war das. Dorthin hatte jene gespenstisch in weißes Laken gekleidete Marga ihn, Jo, geleitet.
Den Kopf schüttelte Jo, der Revolvermann. Wunderte sich immer nur über Marga, Marga, die mit dem Willy der Willys zusammen war. Ausgerechnet sie, Marga, mit einem Willy. Marga, die Schöne, mit einem häßlichen Willy. Einem Willy, der überhaupt nicht zu Marga paßte.
Das hätte Marga nicht passieren dürfen. Marga mit einem Willy zusammen, daß das sich ereignete. Es war so ein Affront gegen Jo, den Revolvermann. Logisch, daß Jo, der Revolvermann, das nicht aus sich beruhen lassen konnte. Mit dem einen Willy der Willys, mit dem würde Jo, der Revolvermann, demnächst abrechnen. Ihm ein schnödes Ende bereiten.
3
Weit und breit nichts mehr von einer Marga. Nirgends rundherum. Spurlos war Marga irgendwohin verschwunden.
Im Haupthaus mußte Marga drinnen sein, überlegte Jo, der Revolvermann.
Ein weiteresmal, daß Jo, der Revolvermann, zu allem entschlossen auf Susan, dem Wallach, unter dem weißgestrichenen Holzschild mit der schwarzen Aufschrift WILLIES KOMMEN vorn und hinten durchritt.
WILLIES KOMMEN.
Gerne, daß Jo, der Revolvermann, Willies kommen lassen würde. Vor die Läufe seiner beiden Pistolen - peng, peng!
Reichlich Schaum hatte Susan vorm Maul. Schaumfetzen Susan's stieben nach den Seiten, bekleckerten Jo's graues Beinkleid.
Vor den nächststehenden Wassertrog lenkte Jo Susan.
Weil Susan das Wasser zu gierig aus dem Trog saugte, riß Jo am Zügel, Susan den Pferdekopf zurück. Zornig wieherte Susan.
Oder war das ein Bellen Susans? Ein Hundegebell?
Von einem Hund sah Jo jedoch weit und breit im Umkreis nichts. Susan war das einzige lebende Tier bei Jo. Etwas anderes zeigte sich nicht, kam nicht bei Jo angelaufen. Susan mußte wiehernd gebellt haben. Mal was anderes von Susan.
Nachdem sich auf der Szene so überhaupt nichts tat, stieg Jo von Susan herunter.
An seinen Revolvern links und rechts in den Holstern fingerte Jo, der Revolvermann. Jo spürte die Hähne seiner machtvollen Waffen. Sechs Schuß in jeder Waffe. Für zwölf Willys eine Kugel. Oder zwölf Kugeln für den einen Willy.
Und Jo, der Revolvermann, hatte noch mehr Kugeln. Jo, der Revolvermann, war rasch im Nachladen. Das Nachladen, das Jo, der Revolvermann, bei jeder Gelegenheit übte. Einen Revolver flink neu zu laden, das war für den Revolvermann ebenso von höchster Wichtigkeit wie das Schnellziehen, Zielen und Treffen. Oder die Sauberkeit der Waffe.
Beide Sechsschüsser lockerte Jo, der Revolvermann, in den Holstern an seinen Hüften.
4
Auf einen der Willys zu warten, das war immer so eine Sache.
Einen Willy kriegte Jo, der Revolvermann, selten zu Gesicht, überlegte Jo sich das genauer. Irgendwie wollte Jo, der Revolvermann, Willys um die Ecke bringen. Bloß, die Willys, die tauchten nicht in dem Maße vor Jo und seinen Revolvern auf.
Auf eine unbestimmte Art und Weilse fehlte es bei Jo an Willys. Obwohl es genügend Willys gab. Außerdem den einen, den besonderen Willy, den hatte Jo, der Revolvermann, noch kaum je länger zu Gesicht gekriegt. Und immer, wenn Jo, der Revolverman, den Gesuchten vor sich hatte, hatte Jo Pech. Irgendwie Pech. Bisher jedenfalls.
So richtig besorgen hatte Jo, der Revolvermann, es noch keinem der Willy-Brut können.
Weil sich weiter nichts ereignete, widmete Jo sich seinen bestiefelten Füßen. Tief waren seine braunen Stiefel samt den Silbersporen hinten an der Ferse schon in die seltsame Zuckerwatteweiße des Bodens eingesunken. Fast wirkte es, je länger Jo am selben Platz stehenblieb, desto tiefer, daß Jo einsank.
Das war eine Erkenntnis. Jo hob das linke behoste Bein, das rechte. Einigermaßen schwierig, daß das alles für ihn, Jo, war, den Fuß aus der Öffnung herauszubringen. Eine unmögliche Anstrengung.
Dieses Watteweiße, das blieb eine unerhörte Unheimlichkeit. Ein Platz, wo er, Jo, unbedingt sein hätte müssen, war diese Örtlichkeit der Willys, an der sich ein Willy-Holzlattenhaus mit Nebengebäuden und Stallungen befand, nicht. Eher etwas war das, was man sich sparte, wenn man konnte.
Das Beste war, einer ersparte sich den Aufbau des Geländes irgendeines dieser schmierigen Willys.
Ekelhaft, die Willys. Einfach ekelhaft. Jeder Willy, gerade recht zum Abschießen.
Dabei war der eine Willy einmal auch mit Jo, dem Revolvermann, geritten. Am selben Lagerfeuer waren Jo, der Revolvermann, und jener eine Willy gesessen. Hatte aus demselben Topf gegessen, vom gleichen Fleischstück Stücke heruntergerissen. Der Willy, der Jo, dem Revolvermann, Marga, die Barfrau, abspenstig gemacht hatte, er war ein Freund Jo, des Revolvermannes.
In der Gegenwart jedoch führte jener eine Willy sich auf, als wäre Jo, der Revolvermann, langsamer geworden in jüngster Zeit. Könnte Jo, der Revolvermann, nicht blitzschnell ziehen. Und der Rest der Willys glaubte anscheinend das gleiche.
5
Irgendwie landete Jo immer wieder vor der Veranda des Haupthauses. Vor dem Stiegenaufgang des Gebäudes blieb Jo stehen. Obwohl, stand Jo ein Weilchen nur so auf der Stelle herum, Jo die Füße in das Watteweiß einsanken. Und zwar ziemlich flott seit kurzem.
Unheimlich war Jo das. Wie alles in der Umgebung Jo's.
Unvermittelt öffnete sich die Haustüre oberhalb beim heruntergekommenen Farmerwohnhaus. Eine hastige Bewegung. Marga, die verhuscht die Türe herausgeschlüpft kam. Sie, Marga.
Marga nicht mehr in dem weißen Lakennachthemd, in dem Marga zwischen den Wolken durch die Gegend geschwebt war. Das, was Marga nun anhatte, war ein weißes, tiefausgeschnittenes Brautkleid. Einen weißen Schleier hatte Marga vor ihrem Gesicht.
Alles andere als ein Gespenst, seine, Jo's, Marga. Ziemlich körperlich wirkte Marga, gegenwärtig. Außerdem hergerichtet, Marga, als wäre sie mit den Vorbeitungen für Hochzeit fertig. Sofort dann, daß sie, Marga, zu der Hochzeitszeremonie abfahren konnte.
Von hinter Margas Bauch schoben sich unvermittelt zwei Hände vor. Männerhände. Hoch wanderten die Hände, umfaßten Margas Brusthügel, patschten dort mehrere Male drauf. Fingerspitzen tasteten Marga den Hals hoch, klopften Marga auf den Kehlkopf. Wieder runter, zu Margas Kleidausschnitt. Um sich unter den Stoff zu schieben ...
Ganz erfreulich schien Marga das zu finden. Nicht das bißchen fiel Marga ein, sich, im Angesichte Jo's, dagegen zu wehren. Obwohl er, Jo, Jo, der Revolvermann, alles genau beobachtete. Sogar beispringen hätte Jo, der Revolvermann, ihr, Marga, können. Hätte Marga nur das bißchen was bezeigt, daß sie Hilfe vertragen konnte. Eingegriefen hätte Jo. Jo, der Mann, den sich Marga bereits noch nicht allzu langer Zeit versprochen hatte.
Zu voller Körpergröße richtete sich der Willy hinter Marga auf. Jener bespaßte Willy. Der Willy, den Jo, der Revolvermann, suchte. Entkommen hatte dieser Willy Jo, dem Revolvermann, schon öfters können.
Nichts als Spott konnte Jo, der Revolvermann, im Gesicht des Willys sehen. Lässig trat der eine der Willys neben Marga hin. Der Willy in seinem besten grauen Ausgehanzug. In dem ein Mann auch in den Bund der Ehe eintreten konnte.
Ein ansehnliches, brauchbares Brautpaar, jener Willy und Marga, die Barfrau, Jo's Liebste.
Sorglos stemmte der Willy der Willys die Arme in die Hüften. Wie Jo, der Revolvermann, hatte der Willy links und rechts schwere Revolver in den dunkelbraunen Lederholstern.
Es schien, es wäre so weit, Jo, der Revolvermann, könnte seine Geschäfte zu einem Ende bringen. Endlich würde Jo, der Revolvermann, sich mit dem Willy der Willys schießen. Der Moment der Entscheidung, der war gekommen. Nur einen konnte es geben - entweder Jo, den Revolvermann, oder den Willy.
Ein zweiter Willy in einem braunen Knitteranzug torkelte durch die Türöffnung des Haupthauses auf die Bretterflächenveranda heraus. Was ein angesoffener Willy! Eine schwarze Whiskeyflasche hatte der Willy in den Fingern. Mit dem Arm holte der Willy aus, schleuderte die Schnapsflasche.
Einen Meter seitlich von Jo, dem Revolvermann, traf die Flasche auf den milchigweißen Watte-Boden. Augenblicklich, daß der Flaschenkörper einsank. Überhaupt nicht gehalten von irgendwas Festem. Schnell war der Bauch der Flasche abgetaucht, ein Momentchen drauf der Flaschenhals dem Blick entschwunden.
Das verstand Jo nicht, warum er, Jo, unter diesem Umständen mit beiden Füßen wie auf festem Boden dastehen konnte. Der Untergrund verschluckte die Glasflasche, während Jo, der Revolvermann, mit beiden Füßen mit seinem ganzen Gewicht aufrecht auf der Bodenfläche verharrte.
Das war ein irrer Fehler von Jo, dem Revolvermann, sich Fragen zu stellen, die mit seiner Umgebung nichts zu tun hatten. Sich von dem Geschehen mit der Whiskeyflasche ablenken zu lassen, statt auf die Willys aufzupassen. Obwohl Jo, der Revolvermann, besser auf die Willys aufgepaßt hätte. Die Unaufmerksamkeit Jo's, des Revolvermannes, die hatte der eine Willy der Willys genutzt, den Revolver gezogen. Nach Jo zielte die Schußwaffe des einen Willys. Der Willy der Willys drückte sofort ab, als Jo, der Revolvermann, ihn anguckte. Dunkles spritzte es aus dem Lauf raus; weißer Rauch stieg von der Willy-Waffe auf.
Ein Schlag traf Jo, den Revolvermann. Von dem Hieb schwer vor die Brust getroffen, torkelte Jo. Beobachtete, wie der eine der Willys Marga jubelnd an der Hüfte umfaßte, Marga hochhob und im Kreis herumschwang.
Hinab sank Jo, der Revolvermann, auf das Weiße zu. Traf mit der Nasenspitze zuerst auf, am Weißschaumigen.
Große Seifenblasen schwebten buntflächig vor Jo's Augen. Bis eine der Blasen vor Jo platzte.
6. Küche
1
Wann immer Joachim zu sich kam, nichts hatte sich bisher geändert. Die Welt für ihn reinste Ungemütlichkeit. Das körperliche Befinden: Schmerz, Übelkeit.
Die Feuerräder vor Joachims Augen wurden weniger. Seine Umgebung konnte Joachim wieder erkennen. Zum Glück nicht die Jo's, des Revolvermannes. Aber schlimm genug.
Weiterhin alleine und verlassen, befand Joachim sich langgestreckt auf der Küchenschwelle liegend. Keine Marga, niemand weit und breit bei Joachim. Kein Mensch, der Joachim unter die Arme greifen hätte können.
Wenigstens das elektrische Licht, das brannte in der Küche. Ziemlich das einzige, was paßte. Daß Joachim nicht im Dunkeln herumtappen mußte.
Seitdem die feurigen Räder Joachims Blick entschwunden waren, er deutlich seine Umwelt sah, warf es Joachim - Schüttelfrost. Die eigenen Zähne hörte Joachim klappern.
Nach seiner Stirn faßte Joachim zittrig.
Voll heiß. Heißer Kopf. Das hieß Fieber.
Das konnte so nicht bleiben, daß er, Joachim, in dem kritischen Zustand am eiskalten Fußboden rumeierte. Vom Boden mußte Joachim hochkommen.
Unvermittelt, ohne es bewußt gewollt zu haben, schaffte Joachim sich ruckartig in Sitzposition.
Am liebsten hätte Joachim sich augenblicklich wieder zurücksinken lassen. Ein Übelsein war das, ein Drehen. Trotz des Eingedrehten blieb Joachim jedoch sitzen. Das eigene, schwere Haut, das runterzog, lehnte Joachim erst mal an die Küchenwand an.
Ob er überhaupt am Küchentisch hocken würde können?
Andererseits - mit ihm, Joachim, mußte etwas geschehen. Dinge sich ereignen. In die Welt der Menschen hinaus mußte Joachim Nachricht geben. Versuchen, Marga zu erreichen. Oder Willy. Oder Thomas Käser, den Menschen in der Nachbarwohnung. Oder die Eltern. Vater, Mutter ... Ein Arzt mußte verständigt werden. Von irgendwem. Oder von Joachim selbst. Joachim selber. Und um den Onkel Doktor selber anzurufen, Marga, Willy, Vati, Mutti - brauchte er, Joachim, das funktionierende Phone. Der Akku mußte geladen werden - dann schaltete sich der ganze Rest ein, klappte es mit dem Telefonieren, Kurznachrichten schreiben.
Mit allem klappte es dann. Einfach mit allem.
2
Hinein in die Kücheninnenwelt rutschte, ruckte Joachim. Seinen Hintern brachte er dabei nicht vom Boden hoch. Auf den Quadrattisch machte Joachim zu, auf dem Flaschen herumstanden. Eine Mineralwasser-, eine Cola-, zwei Weinflaschen und drei Dosen Energiedrink. Zwei Packungen Chips sah Joachim außerdem.
Die Hände bluteten Joachim. Überall am Körper hatte Joachim das Gefühl, es liefe da was. Rinnsale, die sich ihren Weg bahnten. Und es war Schmerz. Von überall. Innen wie draußen.
Was ihn da erwischt hatte, das war für Joachim nicht zu begreifen. Nicht zu begreifen war das.
Zwei Plastikstühle, die auch für einen Gartenauftritt gut gewesen wären, hatte Joachim in seiner Küche an den Tisch gestellt. Auf die schwarze Sitzfläche des ersten Stuhls in Joachims Weg legte Joachim sein blutverschmiertes Phone.
Nachdem Joachim eine Pause einlegte, durchschnaufte, kehrte das Schütteln ihm böse zurück. Die Mauer des Schmerzes von überallher baute sich wieder höher auf. Greller drangsalierte es Joachim.
Aus Joachims Mund landete ein Blutbatzen auf einer weißen Fliese am Boden. Ein hübscher, roter Batzen.
Zurück bretterte es Joachim nach rückwärts. Wohl die Anstrengung der vergangenen kurzen Zeit, daß ihm alles zuviel war.
Am kalten Fliesenboden, das war jedoch der sichere Tod. Lungenentzündung und ähnlich Vorstellbares, bis das Ende einen ereilte.
Aufgeben, sich mutwillig in seine Lage ergeben - das war nicht. Sollte wenigstens nicht sein.
Schließlich sollte es nicht sein, daß Marga sich darüber freuen durfte, daß Joachim nicht mehr war. Jene Marga, die nicht bei Joachim vorbeimachen wollte, bei Joachim nachschauen, was bei Joachim war. Obwohl Marga die Mailbox-Nachricht einhundertprozentig abgehört haben mußte. Darüber Bescheid wußte, daß bei und mit Joachim irgendwas war.
Statt jedoch bei Joachim vorbeizusehen, blieb Marga einfach weg.
Wohl, um sich die Dinge bei Joachim zu ersparen. Das, daß Joachim ihr seine Fragen stellte. Deutlicheres von ihr, Marga, und ihren Angelegenheiten mit Willy zu erfahren wünschte. Was war das nun genau mit, das mit ihr, Marga, und mit Willy?
Das mit ihr, Marga, und seinem, Joachims, bestem Kumpel Willy - was war mit ihnen beiden?
Mit ihr Marga. Und diesem Drecks-Willy!
3
Hoch rappelte sich Jo, der Revolvermann.
Ein Rundblick, Jo wußte wieder, wo er war.
Das war der Friedhof. Der Friedhof am anderen Ende der Stadt der Willys. Der heruntergekommenen Stadt der Willys.
Der Willy-Stadt. Dreckige Willy-Stadt.
"Willy", das sagte alles. Daß Willys es irgendwo im Westen zu einer Stadt brachten, das war schon groß. Eine Sache.
Schmucklose Holzkreuze blickte Jo. Frisch aufgeschüttete schwarze Erdhügel.
Hier waren erst vor kurzem viele gestorben. Sehr, sehr viele, wie es ausschaute, überblickte Jo die Grabreihen.
Aber nicht Jo. Jo, der Revolvermann, der war nicht tot. Jo, der Revolvermann, der konnte dastehen und alles überblicken. Und sich daran erfreuen.
Links und rechts gewahrte Jo, der Revolvermann, an sich die großen Revolver in den Holstern am braunen Ledergurt um seinen Hüften.
Ziehen, das konnte Jo, der Revolvermann. Ziehen.
Und Jo, der Revolvermann, der zog schnell. Wenn es sein mußte.
Außerdem war Jo, der Revolvermann, es gewohnt, seine Ziele zu treffen. Die Schüsse von Jo, dem Revolvermann, saßen. Gingen nicht daneben.
Das war schon mal ein Vorteil: Der Feind hatte Jo, den Revolvermann, nicht entwaffnet. Jo, der Revolvermann, hatte seine beiden Waffen.
Wo der Rest an Stadtbewohnern abgeblieben war, schwer zu sagen. Keine Willys weit und breit. Nicht die, die mit den Willys zusammenlebten. Ebenso, nirgendwo eine Marga.
Aber, an einem Ort der Willys, der verkommenen Willys, war Marga sicher nicht weit.
Marga mußte auch mittendrinnen gewesen sein, beim großen Schießen zuvor. Sicherlich hatte Jo, der Revolvermann, es den restlichen, überlebenden Willys zu verdanken, daß Jo, der Revolvermann, zwischen den Grabstätten rumgelegen war.
Hatten die Willys und das restliche Volk ihn, Jo, für tot gehalten?
Wo war der eine Willy? Wo war dieser Feigling?
Obwohl, das Geballere, das sich ereignet hatte. Jo, der Revolvermann, der war zwar dabeigewesen. Bloß, viel geschossen hatte, Jo, der Revolvermann, eigentlich nicht. Wer hier wirklich durch die Gegend geballert hatte, konnte Jo, der Revolvermann, eigentlich so überhaupt nicht sagen. Es war, als wären sie alle schon tot, sobald Jo nach ihnen schaute.
Hatten sich Willys hier gegenseitig abgeknallt?
Am Friedhof der Stadt der Willys - Willy-Stadt -, daß Jo, der Revolvermann, wartend herumstand. Lange wartete Jo, der Revolvermann, bereits.
Vor sich hatte Jo, der Revolvermann, die Menge der frisch geschaufelten und aufgehäuften Gräber.
Wer waren nun die Toten? War womöglich sogar der eine der Willys darunter? Hatten die gesichtslosen Stadtmitbewohner der Willys dem einen Willy sein Grab schaufeln müssen? Bloß, die Gräber nacheinander aufgraben, das herauszufinden, das würde Jo sicherlich nicht machen.
Plötzlich - eine Bewegung in Jo's Augenwinkeln. Etwas blitzte auf.
Das war eine Kugel.
Irre langsam, daß Jo die Kugel auf sich zufliegen sah. Ihre Flugbahn beobachtete.
An Jo, daß die Kugel vorüberflog.
Eine echte silberfarbene Bleikugel.
Bloß, der Schütze, der verfehlte Jo, den Revolvermann, verfehlt. Hatte schlecht gezielt, danebengeschossen.
Jo, der Revolvermann, zog den rechten Revolver aus dem Holster, drehte die Waffe mit dem Finger.
Längst hatte sich Jo's Feind wieder feige niedergeduckt. Derjenige, der seine Waffe abgedrückt hatte, hatte mitgekriegt, daß Jo, der Revolvermann, nicht getroffen war, und hatte sich zurück in seine Deckung begeben. Ehe Jo, der Revolvermann, seinen Sechsschießer zog.
5
Die genagelte Holzbretterrückwand des Bauwerkes, an dem ein großes Metallkreuz oben an der Spitze des kleinen Turms prunkte, beguckte sich Jo ausgiebig.
Die Kirche der bescheidenen Örtlichkeit, Stadt der Willys.
Jo, der Revolvermann, wußte nun wieder plötzlich, warum er nach der Willy-Stadt zurückgekommen war: Den Willy der Willys hatte Jo nahe der Wüste in der Wagenburg der fahrenden Händler beobachtet. Dem Willy der Willys dabei zugesehen, wie der Willy ein herrliches weißes Brautkleid aus Paris von dem Handelsmann gekauft hatte. Das nächste Hochzeitskleid für Marga, die Barfrau. Für Jo's untreue Marga. Teure Seide, Spitzenware. Zwei pralle Beutel Golddollars, die der Willy dem Kaufmann für das edle Kleid hinüberrreichte. Hinterrücks ihm eine Kugel in den Rücken zu jagen, das hätte Jo können. Hatte jedoch darauf verzichtet, das mitten unter den vielen der Umgebung zu tun.
Der Willy der Willys blieb dabei, er wollte mit Marga den Bund der Ehe eingehen. Heiraten wollte er Marga. Und dort war eine Kirche. Die Dreckskirche der Willy-Stadt.
Heirateten dort Marg und der Willy der Willys gerade?
Die Hochzeitsfeier würde Jo, der Revolvermann dem Willy der Willys verderben. Mit seinen Revolvern dafür sorgen, daß sich auf der Willy-Hochzeit unerwartet ein paar passende Dinge abspielten.
Es reichte nicht, Jo, dem Revolvermann, nur eins drüberzugeben, um ihn auszuschalten. Man mußte dafür sorgen, daß Jo, der Revolvermann, nicht wieder aufstand. Und das mußte der Willy der Willys lernen. Endgültig lernen.
Schon Pech, daß Jo, der Revolvermann, zu sich kam. Daß die Bleikugeln eine nach dem andern Jo, den Revolvermann, verfehlte.
Daß einer vom Rest der Willys so schlecht schoß, dafür konnte Jo, der Revolvermann, wirklich nichts.
Kopfschütteln bei Jo, dem Revolvermann.
Die Köpfe, die knallte Jo, der Revolvermann, den Willies weg. Jedem einzelnen. Gehirnmasse mußte spritzen. Auch die des einen Willys. Dem die seine vor allen Dingen. Und ob Jo, der Revolvermann, das nicht auch bei Marga machen sollte, die eine oder andere Kugel nach Marga abzufeuern, das war die Frage.
6
Jo, der Revolvermann, hatte keine Ahnung, warum er nicht von der Stelle wegkam. Das mußte doch das Wenigste sein, sch in Bewegung zu setzen, um in das Innere der Kirche der Willy-Stadt hineinzumachen. Wenn dort drinnen Willys waren. Und der eine Willy. Der Willy der Willys.
Statt dessen stand Jo, der Revolvermann, nur rum. Als warte er auf den nächsten Schuß eines Heckenschützen.
Der feige Schütze von zuvor, der kam allerdings nicht wieder aus seinem Versteck hoch. Wahrscheinlich vom Wissen um die Treffsicherheit Jo's, des Revolvermannes, eingeschüchtert. Jo, der Revolvermann, der mit der Waffe in der Hand dastand.
Vielleicht, daß es Jo, dem Revolvermann, nicht mal half, seinen Revolver wegzustecken. Damit würde der andere auch nicht auf Einfälle kommen.
Eine Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit Jo's, des Revolvermannes, ab. Schießen mußte Jo allerdings nicht.
Schlichtest zwei zu einem Kreuz genagelte Äste schmückten die Grabstelle. Bei dem frisch aufgeschütteten, mannslangen Erdhügel davor, daß sich die Erde in Unruhe befand.
Gebannt schaute Jo dabei zu, wie sich zwei Glatzköpfe aus der schwarzen Erde heraushoben. In grinsende, bleiche Fratzen blickten nach Jo.
Zweimal mal zwei menschliche Gliedmaßen, die Erdkruste zur Seite wegwischten. Oberkörper, die sich hochrichteten. Der eine männlich, der andere weiblich.
Die zwei Fratzengesichter waren Jo, dem Revolvermann, zugewandt geblieben.
Urplötzlich kannte Jo sie. Beide kannte sie Jo. Bestens waren sie Jo bekannt.
Der eine Kahlkopf, das war Marga. Der zweite, das war der des einen Willy. Des Willy der Willys. Des Entführers Margas, der Barfrau. Derjenige, der Jo, dem Revolvermann, Marga entführt hatte. Marga, die Jo's Geliebte gewesen war.
Versprochen hatte sich Marga Jo lange gehabt. In der Gegenwart jedoch schien Marga dem Willy der Willys nur noch zu Willen zu sein. Nie eine Gelegenheit, die Marga nützte, zu ihrem Liebhaber Jo zurückzukehren.
Breit grinsende Zerrgesichter Margas und des einen Willys. Mit einer Hand winkend, grüßten Marga und der eine Willy Jo, den Revolvermann. Jede Menge Fingerzeige in die Richtung Jo's, die aussagten, Jo, der sollte sich schnell zu ihnen beiden, Marga und Willy, hinzubegeben. Zu ihnen, Marga und Willy, dazukommen. Praktisch sich dazulegen. Zu dritt wäre auch was Schönes.
Irgendwas milchig Helles, das Marga aus der Nase herausschlüpfte, dann den Halt an Margas Oberlippe verlor, auf der schwarzen Friedhofserde landete, um dort geradeaus voranzukriechen.
Weitere weißen Maden, die aus Margas Nasenlöchern geschlüpft kamen. Das grinsende Fratzengesicht des einen Willy war vor wimmelnden Regenwürmern nicht mehr zu erkennen.
Dort sollte er, Jo, der Revolvermann, hin- und dazukommen. Dorthin, wo Marga und dieser Willy der Willys waren. Fiel Jo überhaupt nicht ein. Fiel Jo nicht ein, sich auch bloß einen Millimeter zu Marga und dem Willy der Willys hinzubewegen.
Schließlich reichte Jo der Anblick, wollte Jo nur noch fort von dem Ort.
Schließlich schaffte Jo noch Bewegung. Herum warf sich Jo, der Revolvermann. Vom Friedhof der Willy-Stadt. Auf die staubige Seitenstraße.
Die Staubstraße hoch ums Eck war Susan, der Wallach, an eine Holzstange angebunden. Auf Susan wollte Jo sich hinaufschwingen, fortreiten, solange er, Jo, das weiterhin konnte.
Wie es aussah, wollte Jo, den Revolvermann, niemand daran hindern, zu Susan zu laufen. Voraus sah Jo Susan auch schon seitlich stehen. Susan, der seinen Pferdekopf Jo, seinem Herrn, zuwandte.
7. Küchentisch
1
Der Benommenheit, des fiebrigen Schüttelfrosts und des ganzen Rests, der ihn quälte, zum Trotz, hatte Joachim sich hochziehen können.
Mit ungeschickten, kraftlosen Fingern schaffte Joachim es tatsächlich beim dritten Versuch, den Wasserhahn etwas aufzudrehen, ein paar Schlückchen kühlen Nasses zu trinken.
Das Stehenbleiben, das klappte ganz gut. Momentan. An den Küchenherd taumelte Joachim, blieb auf wackligen Beinen stehen, setzte sich nicht auf die Küchenfliesen.
Wegen den neugierigen Nachbarn, die ihm direkt in die Küche hineingafften, hatte Joachim die Rollos der beiden Küchenfenster heruntergelassen. Leider jetzt.
Es in der Küche mit Marga treiben konnte Joachim jedenfalls besser bei heruntergelassenem Rolladen. Während das Marga gleichgültig war. Marga war auch in Form, wenn die nebenan zuguckten. Dabei, wie Marga, die nackt am Herd oben plaziert war, Joachim zwischen ihren Beinen, von Joachim gestoßen wurde. Während Joachim Zuschauer störten, Joachim an Haltung verlor. Bei Joachim mußten die Küchenrolläden unten sein.
Marga mußte endlich kommen! Zu ihm, Joachim, herbeikommen.
Wo war das doofe Ansteckteil für den Ladeakku seines Phones?
Nirgends lag die Leitung samt dem Zubehör links und rechts für den Besitzer herum, daß dieser bloß zuzugreifen brauchte.
War denn die Welt für ihn, Joachim, von allen guten Geistern verlassen?
Dann kam es Joachim: die Schublade! Die Ansteckegerätschaft hatte er eigenhändig in die Schublade unter der Bestecklade getan. Früher am Abend. Als Joachim noch nicht richtig am Saufen war.
Die Lade schob Joachim auf, mußte sich wegen den Feuerrädern vor den Augen schwer auf der Geschirrabstellfläche abstützen. Der Drehwurm hinderte Joachim nicht daran, hinabzuschauen. Das Netzteil lag auf dem Kochbuch auf.
"Schnelles Essen, leicht gemacht - auch für den Kochanfänger", der Titel des Wälzers.
Nachdem das Joachim das Ladegerät aus der Schublade herausgehoben hatte, rutschte Joachim vor taumeliger Schwächlichkeit weg. Im letzten Moment, daß Joachim sich abfangen konnte, indem er sich seitlich mit dem Oberkörper auf die Fläche auflegte. Mehrere Teller und eine Bratpfanne landeten dadurch auf den Fliesen der Küche.
Das fand Joachim das reinste Glück, daß er sich nicht am Fliesenboden zwischen den Keramikscherben wiederfand.
Zum Küchentisch torkelte Joachim. Das Phone hatte Joachim auf die Sitzfläche des schwarzen Plastiksitzstuhls gelegt.
Der Schweiß, der ihm herunterlief, biß Joachim. Daß sein Körper eine einzige schwärende Wunde war, kehrte Joachim ins Bewußtsein zurück. Das Grelle der Pein hatte damit keine Pause mehr. Niederhocken mußte Joachim sich auf den Plastikstuhl, nachdem er glücklich das Phone auf den Tisch gezittert hatte.
Die Frage der Fragen: Wie konnte es sein, daß Joachim in einem solchen Zustand überhaupt am Leben war?
2
Den Kopf, der auf seinen Armen aufgelegen war, riß Joachim hoch.
Am eckigen Quadrattisch in der Wohnung seiner Küche entdeckte Joachim sich, ins bewußte Denken zurückgekehrt.
Der Faden blieb der von zuvor. War kein anderer. Joachim spürte Schmerzen, irgendwas lief immer auf seiner Haut, krabbelte ekelhaft. Grelles hatte Joachim vor Augen, fühlte sich be- und mitgenommen, schwach.
Der eine Alptraum fand seine Fortsetzung. Die Welt wurde anscheinend keine andere mehr.
Wo war das Stecketeil? Wo war das Phone?
Ein Seufzer entrang sich Joachims Kehle, als er entdeckte, daß sein mobiles Telefongerät bereits angesteckt war. Alles befand sich auf der Geschirrabstelle, zusammen- und in die Steckerleiste reingesteckt.
Mußte er, Joachim, selber gemacht haben. Ein anderer Joachim. Einer, an den Joachim sich gerade überhaupt nicht erinnerte. Ein hilfreicher Geist, jener Joachim. Auch wenn Joachim von diesem Joachim nichts weiter wußte, konnte man diesen Joachim lassen.
Der Akku lud also. Joachim konnte telefonieren, Kurznachrichten schreiben.
Hatte Joachim das nicht bereits gemacht?
Hätte Joachim sich nur darauf entsinnen können.
Vor sich auf der Tischfläche hatte Joachim eine aufgeschraubte Flasche Mineralwasser stehen. Dazu ein blutumrandetes Trinkglas mit Inhalt, viertelvoll. Und drei Plastikröhrchen. In den Röhrchen: Multivitamintabletten. Tabletten zum Auflösen in Wasser.
Hatte jener andere Joachim sich mit versorgt. Der andere Joachim hatte das für Joachim getan.
Der Köter der Dottlers, der bellte von unterhalb los. Als befände sich das kläffende Hundevieh direkt unter Joachim.
Dann brach die Bellerei Stockies aus irgendeinem Grund abrupt ab.
Was war denn mit den Dottlers? Die Dottler mußten das doch schaffen, dafür zu sorgen, daß ihr Drecksköter die Nachbarschaft mit seinem Gebelle nicht unnötig störte.
Waren die Dottlers schon wieder ausgegangen, hatten ihren Stockie alleinegelassen?
Scheiße, daß Joachim die Nummer der Dottlers nicht am Phone oben hatte. Hätte Joachim sonst bei den Dottlers anrufen können.
Die Dottlers hätten ebensogut zu Joachim heraufkommen können, nach Joachim zu sehen, Joachim, dem es irgendwie schrecklich ging. Ein total unverständlich miserabler körperlicher Zustand, in dem Joachim sich befand.
Von überallher kam Joachim der Schmerz. Praktisch aus jeder Richtung. Von der Haut her, aus den inneren Organen. Kaum auszuhalten, alles.
Unter diesen Umständen am Leben zu sein ...
3
Das Gesicht hob Joachim von seinen Armen, auf denen es aufgelegen war, weg an. Wieder war er ein Weilchen weggetreten gewesen.
Ganz eindeutig. Es stimmte. Stockie, das mistige Hundevieh der Dottlers, bellte zu ihm, Joachim, herauf. Direkt unter Joachim, daß Stockie seine Bellerei anstimmte.
Helfen konnte Joachim Stockie deswegen nicht. Nicht das bißchen.
Reine Multivitamintabletten fanden sich in den drei Röhrchen. Die einen Tabletten zum Auflösen waren welche mit Orangen-, die anderen mit Zitronengeschmack.
Nach dem Wasserglas mit den blutigen Fingerabdrücken und dem Blutrand samt gelbem Inhalt linste Joachim.
Nach dem Glas faßte Joachim zittrig mit seinen wundrissigen, blutdunklen Fingern, umfaßte es, brachte es sich vor die Lippen.
Den ersten Schluck genehmigte Joachim sich. Die Flüssigkeit schmeckte gräßlich.
Nachdem sein Magen alles bei sich behielt, nippte Joachim weiter an dem Glas. Dabei immer wieder vor Schmerz zu stöhnen, das war nicht verboten.
Und wenn Joachim lauter stöhnte, bellte Stockie von unten. Zwei-, dreimal.
Stockie, der war bei Joachim dabei. Mit dabei.
Wenn es ihm wieder besser ging, würde er, Joachim, sich wegen ihres Köters bei den Dottlers beschweren. Dem Hausmeister würde Joachim ein paar Töne erzählen, die Stockie zum Mittelpunkt hatten.
Die Dottler würden sich noch anschauen, wegen ihres vierbeinigen Drecksviehs. Da würde sich in der allernächsten Zukunft was tun, was Stockie anging.
Am liebsten wäre Joachim sofort zu einem kleinen Botengang aufgebrochen. Nur, dazu hätte Joachim in der Lage sein müssen.
Hätte er, Joachim, nur gewußt, was das war, was von gestern auf heute über ihn gekommen war. Welche Krankheit.
Mit solch einem wundschwärenden Körper in der Wohnung durch die Gegend zu turnen, das war unbegreiflich. Unfaßlich, daß er, Joachim, damit am Leben war. Daß Joachim lebte.
Und am Boden war Joachim mit seiner Ganzkörperwundoberfläche bereits herumgeturnt. In all dem ganzen Dreck, den sein Körper damit aufgewischt hatte.
Ein Arzt, der war zwingend für Joachim notwendig. Das, Joachim im Krankenbett an einen Tropf anzuhängen. Desinfektion. Heilsalben, Verband. Alle paar Stunden zu wechseln.
Krankenhauspersonal mußte das bei Joachim machen. Krankenschwestern. Ärzte, die alle paar Stunden nach Joachim und seinem Befinden schauten.
Unvermittelt ging Joachim in der Küche das Licht aus.
Stromausfall, konstatierten Joachims Gedanken.
Die Dunkelheit rund um Joachim her wurde noch schwärzer. Das Bewußtsein verließ Joachim erneut.