Overblog Alle Blogs Top-Blogs Literatur, Comics & Gedichte
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU
Werbung
Blog von TeddeMehr

bb./ "three times waking up"

25. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Fortsetzung: Die Erkenntnis der Einsamkeit

 

 

8. Jo, der Revolvermann, reitet nicht alleine

 

1

Jo, der Revolvermann, der Willy der Willys und Marga, die Bardame, ritten auf ihren Pferden auf weißfarbener, seltsamer Wolkenwatte dahin.

Eine weiße Watte, als wäre sie etwas zu essen. Bräuchte jemand nur hinunterzugreifen, hätte etwas Süßes für sich in der Hand.

Den Willy der Willys hörte Jo. Der eine Willy verging fast noch vor Dankbarkeit. Weil Jo, der Revolvermann, ihn gerettet hatte. Zurückgekommen war Jo, der Revolvermann, hatte den Willy aus seiner mißlichen Lage befreit. Wie Jo, der Revolvermann, Marga, die Barfrau, aus dem Abgrund heraufgeholt hatte.

Im letzten Moment, ehe der Felsvorsprung unter dem Gewicht des Willys der Willys nachgegeben hatte, mit dem einen Willy in die Tiefe abzustürzen - rettete Jo, der Revolvermann, ihn. Ewig, daß der Willy der Willys Jo, dem Revolvermann, dafür dankbar sein würde. Seine Dankbarkeit würde er Jo, dem Revolvermann, noch bezeigen. Darauf könnte Jo, der Revolvermann, sich verlassen.

An der linken Seite Jo's, daß Marga, die Barfrau, auf ihrer Stute dahingaloppierte, Marga, die Gute, die bleichgesichtig war, als wäre die Situation, in der sie sich befand, weiterhin miserabel, ginge es ihr nicht so gut. Marga war das Schweigen. Während Jo, der Revolvermann, den Willy der Willys nur quasseln sah. Ohne Unterlaß quasseln. Eine echte Quasseltante, der eine Willy. So voll dankbar, der Willy.

Weiter hatte Jo nicht viel Ahnung, woher er, Jo, das gewußt hatte, wo, Marga, seine Herzensdame, sich aufhielt. Sich zusammen mit dem Willy der Willys aufhielt. Jedenfalls war Jo zufällig zur rechten Zeit am richtigen Ort. Hatte die Schreierei eines Weibes und eines Kerls gehört. Herumgeschaut hatte Jo auf Susan. Die Felsenklippe hinab. Danach war Jo von Susan herabgestiegen. An den Abgrund war Jo hingelatscht. Wo er die zwei Leute auf dem Felsvorsprung stehen sehen hatte. Den dritten Blick, den Jo gebraucht hatte, Marga zu erkennen, den einen Willy, der an der Seite Margas, Jo's Liebling, dabei war. Statt zu ziehen, den Willy der Willys irgendwohin zu ballern, vielleicht dabei auch Marga mit einer Kugel zu treffen, war Jo, der Revolvermann, zu Susan, seinem Wallach, zurückspaziert, hatte das Hanfseil vom Sattelknauf genommen. An den Knauf des Sattels Susans hatte Jo das Seil gebunden, anschließend das andere Seilende in die Tiefe hinuntergeschmissen. Marga, die Bardame, die sich mit Hilfe des Willys der Willys das Seil um die Hüften band.

Als erstes hatte Jo, der Revolvermann, Marga in ihrem tiefausgeschnittenen Barfraukleid heraufgezogen. Anschließend hatte Jo, der Revolvermann, dasselbe anstandslos mit dem einen Willy gemacht. Dem Willy der Willys heraufgeholfen.

Damit hatte sich das erledigt, daß der Willy abgestürzt wäre.

Es war nicht zu fassen. Wirklich eine unglaubliche Geschichte. Jetzt ritt Jo, der Revolvermann, mit dem Willy der Willys zusammen durch die weite Steppenlandschaft. War der Willy der Willys an Jo's Seite. Ebenso wie Marga, die Bardame. Marga, die Untreue. Fast, als wäre alles nichts. Obwohl Jo, der Revolvermann, seine Revolver links und rechts hatte. Zum Ziehen bereit.

Abzudrücken, das war für Jo, den Revolvermann, nicht viel. Oder?

 

2

Wo die Reise Jo's mit Marga und dem Willy eigentlich hinging, Jo, der Revolvermann, hatte keine Ahnung. Irgendwo müßte man jedoch ankommen. Das war sicher.

Am meisten freute sich immer noch der Willy der Willys über alles. Daß Jo, der Revolvermann, ihm das Leben gerettet hatte.

Nebeneinander ritten Marga, die Barfrau, und der Haupt-Willy jetzt Jo, dem Revolvermann, voraus.

Schließlich wandte sich Marga nach Jo um. Eine Rast verlangte Marga. Für sich und die Pferde.

Da dagegen hatte Jo nichts.

Jeder trank ein paar Schlucke aus der Wasserflasche.

Marga, die Frau, die sich einmal Jo als Braut versprochen hatte - länger her jetzt schon wieder -, glotzte Jo ins Gesicht. So ein dummes Glotzen. Während der Willy der Willys breit nach Jo hin grinste. Der eine der Willys erklärte Jo, dem Revolvermann, daß er in den südlichen Bergen einen riesigen Klumpen Gold bei einem Bergwerk vergraben hätte. Den Riesenbrocken Gold, den könnten sie zu dritt gemeinsam holen. Sie alle drei, Marga, Jo und er, der eine Willy. In die Stadt könnten sie den Goldklumpen schaffen. Dafür sorgen, daß der goldene Brocken sich in harte Dollars verwandelte. Die Hälfte für Jo, den Revolvermann. Die Hälfte.

Zustimmend nickte Marga, deren Bardamenkleid Jo immer zerrissener ausschaute, dem einen Willy der Willys hinüber.

Das Reiten hatte jetzt ein Ziel. Die Berghöhen südwärts.

Immer unbeschwerter gab sich Marga, links oder rechts von dem einen Willy reitend. Ganz selbstverständlich kümmerte Marga sich ziemlich ausschließlich um den Willy. Als wäre nicht viel von einem Jo präsent, ein Jo, der hinterherritt. Jo, mit seinen beiden Revolvern.

Das war die Frage: Waren es dicke Dollarbündel, die sich Jo wünschte? Brauchte Jo diese Dollars? Im Grunde, daß sich Jo nicht das geringste Verlangen nach einem Dime eines ekelhaften Willys hatte. Außer Jo, der Revolvermann, holte sich das Goldstück aus der Hosentasche eines toten Willys.

Tot waren die Willys eigentlich am besten. Und den einen Willy der Willys abzuknallen - wo war da ein Problem?

Es gab im Grunde nur einen Kummer. Der hieß Marga. Marga, die Barfrau. Daß Jo noch daran dachte, Marga könnte wieder von dem Willy der Willys ablassen. Um sich wieder in seine, Jo's, Arme zu begeben.

Wie sehr sich Jo Marga wünschte. Daß Marga wieder mit ihm lachte. Und nicht mit einem Willy. Einem dummen Willy.

Für den Rest hätte eine Kugel genügt. Oder das Seil. Den Haupt-Willy aufzuknüpfen. Den einen Willy feste zu verschnüren, ihn an Susan anzuhängen, den Strick über einen Baumast - und Susan die Sporen zu geben, daß Susan anfing, den Willy am Hals hochzuziehen.

Ein Genuß, dabei zuzusehen, wie der eine Willy der Willys seine letzten Zuckungen vorzeigte.

Statt dessen, daß Jo, der Revolvermann, Marga, der untreuen Barfrau, und dem Willy hinterherritt. Nach den südlichen Bergen. Wohin Jo nie hätte reiten wollen. Für keinen dreckigen Goldbatzen auf der Welt.

 

3

Der Süden war weit. Geritten mußte werden.

Irgendwas sprach der Willy der Willys zu Marga, der Barfrau. Auflachen sah Jo Marga, Marga, die fest an der Seite des Willys blieb. Eine witzige Bemerkung des einen Willys, die Jo nicht verstehen hatte können. Statt dessen erlauschte Jo etwas anderes. Wie ein dumpfes, rollendes Grollen.

Schwarze Gewitterwolken zogen auf.

Rasch war die wattige Wolkenschwärze überall. Susan, der Wallach Jo's, stoppte den Galopp, stieg auf die Hinterbeine hoch.

Den Weiterritt verweigerte Susan Jo. Halsstarrig achtete Susan dem Sporeneisatz Jo's nicht. Die Augen verdrehte Susan irre. Schaum hatte Susan vorm Maul. Während der Donner dumpf rollte.

In der Ferne zuckten gelbe Zackenblitze.

Zu Jo, daß Marga, die Barfrau, und der Haupt-Willy zurückgeritten kamen.

Vor Überraschung starrte Jo auf den Willy der Willys. Von irgendwoher hatte der Willy einen Revolver hervorgezogen. Das Antlitz eine Fratze der Feindseligkeit zielte der Haupt-Willy mit seiner Waffe auf Jo. Jo, der nicht wußte, wo er hätte hinmachen sollen, der Kugel zu entkommen, schoß der eine Willy.

Regen prasselte laut auf den milchigbleichen Wattebauschboden herab. Trotzdem glaubte Jo die Worte des Willys der Willys zu verstehen. Der Willy schrie Jo an, daß Jo, der Revolvermann, die Schuld am Aufkommes der Gewitterwand hätte. Durch irgendeine böse Zauberei hätte Jo, der Revolvermann, für das Gewitter gesorgt. Am liebsten hätte Jo, der Revolvermann, Marga und ihn, den Willy, hineinreiten lassen, dorthin, wo die meisten Blitze niedergingen.

Den Kopf schüttelte Jo. Nur noch, daß Jo über das, was der Willy da sagte, den Kopf schüttelte.

Unbegreiflich, daß Marga jetzt zu dem Willy der Willy zustimmend hinübernickte. Marga meinte zu dem Willy, daß der Willy vollkommen recht hätte. Jo, das wäre ein Dreckskerl. Hätte sie, Marga, immer gewußt. Vor Jo hätten sie sie, Marga, gewarnt. Jetzt wüßte sie, warum alle sie gewarnt hätten, sich nicht auf Jo, den Revolvermann, einzulassen. Weil Jo, der Revolvermann, eifersüchtig auf den Willy war, hätte Jo dafür sorgen wollen, daß sie und ihr Geliebter Willy mitten in das Gewitter hineinritten. Die Blitze sollten Willy und sie treffen.

Vollkommen hilflos fühlte Jo sich dem Ganzen gegenüber.

Der Willy der Willies hob den Lauf seines Vielschüssers neuerlich an, zielte auf Jo's Oberkörper.

Das Mündungsfeuer blickte Jo. Die linke Schulterpartie traf etwas. Dort fühlte Jo sich getroffen.

Sich sah Jo dabei zu, wie er von Susan herunterstürzte, auf die weiße Wattefläche. Zusammen mit Susan, den er weiter am Zügel hatte, gab es für Jo auf der Wolkenwatte keinen Halt mehr. Hindurch stürzte Jo, Susans Leib neben sich.

Immerhin, alles war für Jo besser, als die immer drückender werdene grollende Schwärze, in der Marga mit dem Willy der Willys zwischen den Blitzschlägen zurückblieb. Und die Schußverletzung? Leicht fühlte Jo sich, als wäre er überhaupt nicht schlimm getroffen. Und Jo's Gefühl, das sagte ihm, daß das nicht das Ende war. Weiter ging es für ihn. Wohin auch immer.

 

 

9. Spät am Mittwoch

 

1

Irgendwie ging es Joachim gerade einigermaßen. Kein 'Jo, der Revolvermann'; 'Jo, der Revolvermann' war länger nicht mehr.

Verhältnismäßig gut konnte Joachim sich momentan auf seinen Beinen halten und in der Küche durch die Gegend bewegen.

Nur ins Bad aufs Klo war Joachim vorhin nicht rechtzeitig gekommen. Hatte die Blase den Flurgang runter entleert. Das mit jeder Menge Brennen um die Körpermitte und an den Füßen, mit denen er in der Lache getaumelt war, bezahlt.

Trotzdem, eine neue Bewußtlosigkeit hatte es Joachim erspart.

Joachim hatte sich sogar mit den Trockentüchern von der Rolle in der Küche, die er mit Wasser tränkte, das den aufgedrehten Wasserhahn herunterlief, die Körpermitte hertupfen können. Ohne dabei vor Schmerzen wegzukippen. Auch die Fußflächen hatte Joachim mit einem nassen Papiertrockentuch vorsichtig betupft. Um das augenblicklich aufzuhören, als es Joachim dort zu stark aus den Poren zu bluten anfing.

Das Digitalradio, das auf der Abstellfläche beim Kühlschrank stand, hatte Joachim im Auge, stellte sich auf die Beine. Joachim stöhnte, verdrehte vor schrillem Schmerz die Augen, während Stockie unterhalb von Joachim zweimal bellte.

Stehen blieb Joachim auf seinem Beinpaar, und das war die Hauptsache.

Vier kleine Trippelschritte, und Joachim war bei dem Radiogerät.

Die Uhr- und Tageszeitanzeige blinkte, hatte mit dem Stromausfall zu tun. Die Anzeige hätte Joachim per Knopfdruck neu einstellen müssen.

Auf den Einschaltknopf drückte Joachim.

Nichts war zu erlauschen, obwohl angeschaltet war. Als hätte 'ElvisEins', der Rock'n'Roll-Sender, Ton- oder Sendeausfall.

Eine Minute wartete Joachim, sich auf die Stellfläche gebeugt und angelehnt, zwei Minuten. Es blieb dabei. Keine Musik, die aufklang. Keine abrupt vernehmbare Ansage oder Entschuldigung, kein Aufklingen von Musik.

Hatte ihm ein paar Scheine gekostet, das Ding zum Radiohören mit mehreren Arten von Rundumraumklang, erinnerte sich Joachim. Vor allem der Grund: Das Digitalradio war brauchbar für das Musikhören in der Küche. Dampf, Wasserspritzer, Staub, Dreck - nichts drang in das Gehäuse. Sogar herunterschmeißen könnte man das digitale Radiogerät mit Netzzugang. Es wäre quasi unkaputtbar, stand im kleinen Heftchen der Garantiebescheinigung. Fünf Jahre Garantie, die dem Besitzer dieses Geräts für den Radioempfang und Abspielen digitaler Medien gegeben wurden.

Die programmierten Senderplätze tippte Joachim langsam alle durch.

Es blieb bei allen Sendern bei der Stille. Nicht ein verzerrtes Wort, das irgendwo Joachim erlauschen durfte.

Eine komische Sache, daß sämtliche Sender tot waren. Mußte es generell eine größere Störung geben. Vielleicht ein Übermittlungsproblem bei den Datenpaketen.

War Joachim erst mal gleichgültig, Joachim ließ eingeschaltet. Irgendwann würde sich jedes Problem erledigt haben, hatte Joachim wieder Musik in bester Qualität in der Küche. Als ob nie etwas gewesen wäre.

Dann fiel Joachim der kleine Hebel seitlich am Radio ins Auge. Den konnte er, Joachim, kurz umlegen, fürs altvordere UKW. 

Das war sozusagen ein Service des Gerätes, daß sein Eigentümer auch auf Ultrakurzwelle umschalten konnte. Drehte man hinten das schmale Rädchen, konnten dadurch UKW-Sender gesucht werden.

Auf UKW, der Empfang ebenfalls gleich Null. Nichts, das laut wurde, außer anödender Rauscherei.

Auf Digitalempfang schaltete Joachim mit dem Hebel zurück.

Nirgends nichts. Nur Stockie, Stockie, der bellte auf einmal wieder los, sorgte für Klang.

Die Schwäche und sein allgemein miserabler körperlicher Folterzustand verlangten neuen Tribut. Das war nicht zu unterschätzen. Zum Küchentisch torkelte Joachim, sich schnellstens auf den nächsten der schwarzen Plastikstühle draufzuhocken. Pause war einzulegen. Ehe es ihn, Joachim, auf die kühlen Küchenfliesen bretterte. Dabei war aufzupassen, nicht bei den Glasflaschen zu landen.

Nicht immer konnte Joachim daran denken, ging eine Weinpulle zu Bruch, daß er aus einer Bewußtlosigkeit aufwachte, um festzustellen, daß anscheinend Hainzelmännchen in der Küche gewesen waren. Mindestens in der Gestalt eines anderen Joachims, der erwacht war und beim Wiedererwachen vergessen. Dieser Joachim, der die Scherben wegräumte, trockenwischte. Und das, ohne sich irgendwie an einer kleineren, größeren Glasscherbe zu verletzen.

Darauf konnte Joachim sich nun wirklich nicht verlassen, daß der zweite Joachim die Arbeit immer für ihn erledigte und dabei keine Verletzungen davontrug.

 

2

Musik würde schon noch aufklingen, war Joachim sich sicher.

Der Sprecher von 'Elvis eins', des lokalen Rock'n'Roll-Radios, dessen Sendung morgens bei Joachim auf Dauerbetrieb lief, hatte erst letztens so nebenbei verlauten lassen, daß der Regionalsender seinen Sendeplatz behalten werde. Der Vertrag für die Welle wäre um fünf Jahre verlängert.

Konnte demnach gut die Möglichkeit sein, daß einige andere Radiostationen aufhörten oder ihre Plätze tauschten. Was hieß, eventuell hatte das damit eine Kleinigkeit zu tun, daß die Radiowelt still blieb. Weil beim Sendertausch, Einnehmen der neuen Digitalfrequenz Probleme entstanden waren.

Keine Veranlassung für nichts, sich Sorgen zu machen, erholte man sich langsam, fand Joachim. Alles würde eine Lösung erfahren, hatte er, Joachim, sich erst mal wieder richtig erholt.

Das Telefon für weltweites Netz, Nachrichtenschreiben und das profane Telefonieren, das lag in der Tischmitte.

Joachims Blick fixierte das goldumrandete schwarzflächige Teil. Das leider tot war.

Tot, weil zwar geladen, aber ausgeschaltet.

Irgendwie hatte Joachim das Ding abgeschaltet. Ohne, daß er sich im Moment erinnerte, wie und warum.

Etwas hatte Joachim angestellt, als er feststellte, daß das Phone geladen war, es vom Netzteil zu trennen war.

Jedenfalls lag es seitdem tot mitten am Küchentisch herum. Weil Joachim der richtige Pin-Code einfach nicht einfallen wollte.

Auf den roten Telefonpunkt drückte Joachim drauf. Wartete.

"Bitte geben Sie Ihre Pin ein" - konnte Joachim groß auf der Anzeige lesen, der Rest war verschwommen.

Bisher hatte Joachim sich nur einmal getraut, eine Zahlenfolge einzugeben. Weil er geglaubt hatte, das wären die richtigen Zahlen gewesen.

"2534" tippte Joachim jetzt beim erstenmal Probieren mit zittrigem Zeigefinger, wischte sich den Finger am papiernen Trockentuch das Blut ab, das Joachim auf der Fingerkuppe aus den Hautporen drang. Dann: "O.K."

Falsche Zahleneingabe.

Die "2" war vorne, war Joachim sich sicher. Die zweite Zahl war die "5". Die dritte Zahl, hier fing für Joachim das Problem an. Wenn nicht die "7", dann die "5" oder die "8".

Angst hatte Joachim, daß er nach dem drittmaligen falschen Eingeben das Phone blockiert kriegen könnte. Daß dann nur noch das Handbuch half. Eine Suche nach dem Handbuch für sein Phone fällig war. Oder das Teil, das mußte überhaupt ins Ladengeschäft gebracht werden, damit ein Service-Mensch weiterhalf.

Zwei Zahlen noch zur Auswahl. Die "5" oder die "8".

Voll setzte Joachium auf die "8". "2584" und "O.K" - war Joachims Eingabe.

Die Musik klang auf. Das stanardisierte Eingangsbild des Telefonanbieters präsentierte sich.

Tief atmete Joachim durch.

Vor seinem geistigen Auge sah Joachim schon die rotgekleideten Sanitäter, die zu ihm in die Wohnung hereinkamen. Eine Liege hatten die Männer dabei. Ein Notarzt in weißem Kittel kam ebenfalls über die Küchenschwelle geschritten. Er untersuchte Joachim. Fand, Joachim müßte ins Krankenhaus gebracht werden. Daß sich endlich etwas bei ihm abspielte, freute Joachim sich ...

 

3

Den Kopf hatte Joachim von den Armen hochgerissen. Konnte das problemlos. Joachim saß am Küchentisch, wach.

Der Zeigefinger Joachims näherte sich zittrig der Phone-Anzeige.

Kurz tippte Joachim drauf.

Vor Freude hüpfte Joachim das Herz, als er das Aufleuchten seines Phones sah.

Ablesen konnte Joachim.

Es war der dreiundzwanzigste April. Mittwoch, der dreiundzwanzigste April. Uhrzeit: "19:08".

Als Joachims Welt sozusagen noch die alte war, war es Sonntag gewesen, Sonntag, der zwanzigste.

Drei Tage, die in der Zwischenzeit vergangen waren.

Geschlagene drei Tage.

Am Montag, Dienstag, auch den ganzen Mittwoch über, daß Joachim nicht in der Arbeit gewesen war, sich auch nicht mit dem leisesten Ton in seiner Firma gemeldet hatte.

Es war um "19:10", wirklich zu spät, bei Menzle, dem Personalchef, anzurufen.

Im Moment hätte Joachim auch nicht gewußt, was er Menzle, dem Personalmenschen, sagen hätte sollen. Schließlich konnte Joachim sich nichts richtig erklären. Keine Ahnung hatte er groß, Joachim, von dem, was ihn zu seiner derzeitig miserablen Verfassung verhalf. Was ihn aus allen Körperporen bluten gemacht hatte. Immer noch, daß Joachim viel an seinem verkrusteten Körper bemerkte, daß er aus seinen Poren herausblutete.

Drei Tage unentschuldigtes Fehlen in der Firma. Das bedeutete, er, Joachim, hatte jede Menge Ärger am Hals. Eine Abmahnung drohte zumindest ihm, ob mit Krankmeldung durch einen Arzt oder nicht. Wenn nicht die Rede von Entlassung war. Die innerbetrieblichen Vereinbarungen waren scharf. Erlauben durfte sich einer nicht viel. Eigentlich nichts. Wenn ein Mitarbeiter sich tagelang sich nicht in der Firma gemeldet hatte, hatte er die betrieblichen Abläufe enorm gestört.

Heiß war es Joachim. Joachim spürte das schnelle Schlagen seines Herzens.

Alles war Dreck hoch zehn.

Morgen - morgen am Donnerstag - würde er, Joachim, wie es aussah, immer noch nicht recht wieder in einem arbeitsfähigen Zustand sein. Das war zu einhundert Prozent sicher, daß Joachim nicht an seinem Schreibtisch vor dem Rechner antreten konnte.

Herr Menzle, der entließ gerne Leute. Aber bisher war Joachim nie einer, den Herrn Menzle ins Auge gefaßt hatte. Mit Joachim wechselte Herr Menzle sogar freundliche Worte.

Jetzt jedoch: Ob mit einem ärztlichen Attest, das er, Joachim, bei Herrn Menzle anbrachte, überhaupt noch irgendwas abzubügeln war? Nachdem Joachim sich volle drei Tage nicht mit einem Ton in seiner Firma gemeldet hatte.

Wurden Leuten gegenüber Entlassungen ausgesprochen, war alles immer zum Lachen - solange die Geschichten einen selber nicht angingen. Nur jetzt, jetzt war er, Joachim, selber mittendrinnen bei so was. In einer miesen Situation. Einer, die kaum zu wünschen übrig ließ. Selbstverschuldet oder nicht.

An die Kopie eines Entlassungsschreiben erinnerte Joachim sich. Das hatte er letzte Woche in der Kantine in den Fingern gehalten. Gekichert hatte die männliche, weibliche Kollegenschaft - Mary, Timo, Heike, Rudi, Ali - als Joachim den Text pointiert vorgelesen hatte. Das Vorschreiben aus dem Büro Menzles, das Joachim im Drucker gefunden hatte. Wohl von der Auszubildenden im Vorbüro bei Menzle - Susi hieß die - vergessen. Susanne Bunk, siebzehn Jahre, feist, mit immer so geröteten Wangen, als wäre sie eine, allzeit bereit. Für Geschlechtsverkehr. Wollte jemand ein Sexleben mit ihr.

Herr Menzle feuerte ihn, Joachim. Einer, eine, die seinen Platz einnehmen konnte, ratzfatz gefunden. Personalchaf Menzle hatte die freie Auswahl. Qualifizierte Bewerbungen hatte Menzle immer auf dem Tisch. In hoher Zahl, daß welche von außerhalb sich in den Betrieb reindrängen wollten.

Würde es viel stören, daß ein anderer als Joachim an Joachims Schreibtisch auf dem Drehstuhl Platz nahm?

Das war die Frage für Joachim: War mit ärztlichem Attest überhaupt noch irgendwas für ihn abzubügeln? Nachdem sich Joachim Tage nicht mit einem einzigen Piepton hören hatte lassen.

Vielleicht war die Freistellung Joachims durch Herrn Menzle heute im Laufe des heutigen Mittwochs schon von den Herrschaften auf den Chefplätzen beschlossen worden, die Auswahlkriterien für einen Neuen festgelegt.

Was half das Joachim, daß er nur gesoffen hatte, weil Marga, seine Freundin ...? Die Arbeit nun ebenso zu verlieren wie die Freundin, überschaute er, Joachim, die Situation richtig ...

 

 

10. Kurznachrichten

 

1

Bei Marga war weiter nichts zu erlauschen als Margas abgespeicherte Mailbox-Ansage. Margas Speicher-Stimme sprach: "Hier ist Margas Mailsbox. Du willst was von mir ... Ob ich aber auch was von Dir will ...? Hast Du mir was zu erzählen ...? Na dann, nach dem - PIEP!"

Das ärgerte Joachim, auf dem Plastikstuhl in seiner Küche hockend, beinahe maßlos, daß Marga sich nicht herabließ, sich auf einen einzigen Anruf Joachims hin einmal kurz zu melden. Obwohl Marga Joachims Nummer sehen konnte.

Was fiel Marga denn ein? Das würde er, Joachim, Marga nicht vergessen, daß sie auf nichts von Joachim reagierte. Nicht einmal. Ein einzigesmal. Um sich kurz anzuhören, was Joachim zu sagen hatte. Joachim, der Hilfe brauchte.

Der letzte Anruf Margas war vom Montag - Uhrzeit: "00:32". Der Anbruch der Nacht des Montags.

Das mit den Anrufen Margas, auf die Joachim sich nicht gemeldet hatte, begann um "23:15".

Vier weitere Male, daß Marga danach bei ihm, Joachim, einen Anrufsversuch unternommen hatte.

Hätte Joachim auf eines dieser Antelefonate Margas reagiert, wäre das nicht abgespeichert gewesen. Warum hatte er, Joachim, sich nicht auf einen dieser Anrufe Margas melden mögen?

Das war die Frage für Joachim?

Hatte Joachim sich Joachim in seinem rauschigen Sud bereits auf Bettchen gelegt gehabt, hatte vor sich hingedämmert, unfähig zu irgendwas? War von Joachim tatsächlich nichts mehr davon mitzukriegen, daß sein Phone Melodien spielte - für Anrufe und Kurzmeldungen? Weil Joachim bereits dermaßen abgefüllt war, daß er auf den Brettern lag?

 

2

Marga ...

Auf das Symbol mit dem grünen Telefon drückte Joachim am Phone.

Die Pfeile, auf der Bildfläche, auf die Joachim blinzelnd herabstierte, sagten, daß die Impulse abgingen. Bei Marga würde angerufen.

Joachim räusperte sich, krächzte "Ja" in die Weite der Küche.

Stockie bellte unterhalb von Joachim los.

Daß er, Joachim, schon Jahre in dieser hellhörigen Wohnung wohnen hatte können, nicht zu glauben für Joachim. Andererseits: Hunde hörten besser als Menschen. Um einiges besser. Die Dottlers hatten in der Vergangenheit schon sehr laut schreien müssen, damit Joachim etwas von ihnen hörte.

Die Mailbox-Ansage Margas wiederholte sich für Joachim: "Hier ist Margas Mailsbox. Du willst was von mir ... Ob ich aber auch was von Dir will ...? Hast Du mir was zu erzählen ...? Na dann, nach dem - PIEP!"

"Mar-ga ...", hörte Joachim sich sagen, weiter krächzig. "Mar-ga, me-meld dich bei mir, Jo - ja. Bit-te!"

Seufzend beende Joachim mit einem Fingerdruck den Anruf.

Alles wäre wirklich viel besser gewesen, wenn Marga rangegangen wäre.

Eine ekelhafte Sache, daß Marga nicht mit ihm, Joachim, redete, obwohl Joachim es gerade sehr nötig gehabt hätte, von ihr zu hören.

 

3

Ins weltweite Netz wechselte Joachim mit dem nächsten Fingerdruck.

Da war sie, die weiße Seite der Suchmaschine. Wie eh und je.

Was wollte er, Joachim, aber im International-Netz? Für eines seiner Postfächer hätte Joachim seine Codewörter gebraucht. Der Schreibblock, auf dem Joachim sich die Buchstaben-, Ziffern- und Zahlenreihen aufgeschrieben hatte, befand sich neben der Tablet-PC im Wohnzimmer, erinnerte sich Joachim.

Ein weiter Weg, dorthin, ins Wohnzimmer.

Das mit dem I-net brach Joachim ab.

War auch höchsten gut dafür, befand Joachim, wenn er, Joachim, sofort einen entschuldigenden Bücke-Brief für die Firma verfassen wollte. Den dann abschicken.

Wie hätte Joachim das mit der Tipperei momentan bringen können? Auch das Nachrichtenschreiben am Phone haute eigentlich erst mal nicht hin. Mußte es Joachim erst wirklich wieder besser gehen für.

Was nutzte außerdem ein selbstverfaßter Entschuldigungsbrief? In seinem Fronbetrieb mußte Joachim persönlich anrufen, mit Herrn Menzle oder mit wem noch weiter oben sprechen. Erklärungsversuche aus Joachims Mund, wegen den vielen Arbeitsstunden, die er unentschuldigt gefehlt hatte.

Nicht einmal angerufen hatte Joachim, um sein Fehlen plausibel zu machen. Während drei Tagen mußte man doch einmal in der Lage sein, einmal anrufen zu können.

Nur: Wie hätte das Joachim eigentlich gekonnt? Die meiste Zeit seit Sonntag war Joachim bewußtlos gewesen. Und Joachims körperlicher Allgemeinzustand, so viel besser war der immer immer noch nicht.

 

4

Den Speicher mit den Kurzmitteilungen öffnete Joachim.

Jede Menge kurze Nachrichten, die Joachim von Marga erhalten hatte.

 

 

Margas Kurzmitteilungen (gesendet in mehreren Teilen):

Montag, 21. April, 03:04 Uhr; Absender: "Marga Leitner".

Text: Mi gets so miese, Willy ... Wa is mi mir, Willy? I sterb Willy ... Komm schnel wili

 

Montag, 21. April, 02: 59 Uhr; Absender: "Marga Leitner".

Text: Willy .. Willy ... I bi aufgwach ... komm zu mir Willy ... mir, mir  so schlecht willy ... u muß kommmän willy zuu mir

 

Montag, 21. April, 00:56 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Morgen, Jo, werde ich mir von meinem Anbieter eine neue Nummer geben lassen, dich überall von meiner Freundesliste nehmen. Außerdem werde ich eine Zeitlang nur bei Willy wohnen, nicht in meiner Wohnung. Gut, Jo, das wäre alles, was ich dir noch zu schreiben hätte. Ob die Welt nun heute nacht noch untergeht oder nicht, ich geh jetzt ins Bett. Muß morgen schließlich trotzdem arbeiten. Würde sagen, meine Chefin ist im Büro. Mein Angebot war, Jo, daß wir Freunde bleiben. Weiß nicht, ob ich das so aufrecht erhalten kann. Willy sagt, besser ganz Schluß zu machen. Mich und Willy, Jo, bringt nichts mehr auseinander. So starke Gefühle, wie ich für Willy habe. Kann mich nicht an ein so ein Gefühl erinnern, das, daß ich so was gehabt hätte, was dich angeht. Weißt du, Jo.

 

Montag, 21. April, 00:33 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Was sagt man denn nun dazu? Auch draußen etwas gesehen? Die Leute spielen überall auf der Welt verrückt, und ich schau aus im Dunklen aus dem Fenster, ist es dort auch. Auch so was. Seit halb zehn läuft das jetzt schon auf sämtlichen Kanälen. Haben das laufende Programm überall auf der Welt unterbrochen, deswegen. Im Internet kann man hinklicken, wo man will, das ist das Thema. Hab aber keine Lust, mich verrückt machen zu lassen. Obwohl, schon unheimlich. Soll sich wohl einer deswegen aus dem Fenster stürzen, was? Am Ende ist das inszeniert. Meint Willy. So was war auch schon öfter, in der Vergangenheit. Was sagst du nun dazu, Jo? Nicht zu dem. Zu mir und Willy sollst du was sagen. Bitte, Jo, ruf mich jetzt noch eine Sekunde an. Wir müssen sprechen, das ist klar. Oder schreib mir eine Zeile, wo wir uns morgen nach der Arbeit für ein klärendes Gespräch treffen können. Bitte aber, Jo, das mußt du jetzt sofort machen, mich anzurufen. Muß morgen früh in die Arbeit. Kann auf der Welt sein, was will, ich muß dann mal ins Bett. Morgen ist aufzustehen. Denke nicht, daß meine Chefin morgen daheim bleibt. Bloß, weil hier was Verrücktes abläuft, ja? Warte nur noch kurz auf deinen Anruf, Jo ...

 

Montag, 21. April, 00:15 Uhr; Absender: "Margarete Leitner":

Habe mich in Willy verliebt. Und Willy liebt mich. Werde mit Willy zusammenbleiben. Nichts wird daran etwas ändern, egal, was du meinst, Jo. Das mit uns beiden, Jo, das war nicht mehr so gut, die letzte Zeit. Zwischen uns ist zu vieles anders geworden. Das siehst du doch ein, Jo? Willy paßt, Jo. Das mit Willy, das ist perfekt. Wir passen perfekt zusammen. Ob du das glaubst oder nicht, Jo.

 

Montag, 21. April, 00:09 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Mit Willy bis eben wegen dir telefoniert, Jo. Das Licht hab ich ausgeschaltet. Nur der Fernseher, der ist an. Ich sitze hier vorm Monitor. Wirklich unglaublich: Als ich vorhin beim Telefonieren mit Willy das Rollo hochgezogen hab, im Dunklen vom Fenster rauszuschauen, hab ich auch eines der leuchtenden Kugeldinger gesehen. Wie sie's die ganzen Zeit auf allen Kanälen zeigen. Es ist langsam die Straße hochgeschwebt. Was ist das? Was ist nur los auf der Welt?

 

Montag, 21. April; 00:01 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Bitte, Jo, ruf mich an. Oder schreib mir, was du zu sagen hast. Willy und ich, wir sind ein Paar. Da gibt's nichts mehr dran zu rütteln. Willy und ich, wir sind zusammen. Das mußt du zur Kenntnis nehmen, Jo. Dir bleibt nichts mehr anderes übrig. Ich liebe Willy.

 

Sonntag, 20. April; 23:51 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Willy und ich, wir glauben das einfach nicht, was da seit halb zehn Uhr auf allen Känälen am Fernseher läuft. Es verstopft bald das Internet. Lichtphänomene am Himmel. Leuchtkugeln, die durch die Straßen schweben. Aber Tausende, Aber Tausende davon. Lassen sich filmen, während sie einfach nur rumschweben. Die Leute spielen alle total verrückt. Es hat sogar schon Tote gegeben, weil alle so durchdrehen. Kein Politiker, niemand auf der Welt weiß, was das ist. Wo das alles herkommt. Keiner hat die leiseste Ahnung.

 

Sonntag, 20. April; 23:42 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Wir müssen sprechen, Jo. Die Angelegenheiten zwischen uns klären. Lieber heute als morgen. Du mußt es verstehen, Jo. Das darf es nicht geben, daß du, Jo, Willy und mir in der nächsten Zeit eifersüchtig ankommst. Daß dir das klar ist. So was, das geht nicht. Wir sind alle erwachsene Menschen, oder? Wir sind zur Vernunft fähig. Denke ich wenigstens. Und deswegen können wir Dinge in aller Ruhe besprechen, klären. Du mußt das einsehen, Jo: Zwischen dir und mir ist es aus. Aus und vorbei.

 

Sonntag, 20. April; 23:29 Uhr; Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Willy und ich, Jo ... Da war Willy, da bei mir. Mit mir. Und plötzlich war alles anders. Plötzlich hab ich Willy mit anderen Augen gesehen, Jo. Da hat sich zwischen Willy und mir was abgespielt, was vorher nie war, Jo. Willy ist bei mir gestanden, hat mich so angeschaut - und wir sind uns in die Arme gefallen, Willy und ich. Wir haben uns geküßt. Lange geküßt ... Am Fernseher, Jo, der helle Wahnsinn. Was ist das denn? Atmosphärisches Wetterleuchten. Aber nur Nordlichter, das ist nicht gewesen. Was sagte vorhin der Moderator? Als wäre das vernetzt. Das vielfarbige Lichterspiel, es käme von außerhalb. Außerhalb der Erde. Dort hätte es am Südhimmel seinen Ursprung ... Mensch, Mensch, hier geht es aber los. Lichtkugeln zeigen sie, die in rauhen Mengen überall in den Großstädten durch die Straßen fliegen. Auch in Nordamerika. Vorhin hatten sie in der Hauptstadt zu einem Reporter auf einem Hausdach geschaltet. Bei dem ist die Leuchtkugel in der Nähe herumgeschwebt. Einen Meter im Durchmesser. Noch mehr Kugeln sind gekommen. Aber davongeflogen. Auf den Platz hinab, zu den anderen Kugeln. Die leuchtenden Dinger schweben am Platz über den Leuten. Mitten rein sind sie zwischen die Leute ... Die Panik. Am Boden sind welche liegengeblieben. Glaubt man das, Jo? Was bringen die auf den Sendern? Wenn das alles eine Fälschung ist, wenn die die Leute nur verrückt machen wollen ...

 

Sonntag, 20. April, 23:00 Uhr, Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Kann man das glauben, was da auf allen Kanälen am Fernseher läuft? Was sagst du denn dazu, Jo? Ich denke, ich werde mich davon nicht allzu sehr verrückt machen lassen. Nein danke! Willy mag das alles auch nicht glauben. Da läuft ein Fake, meint Willy. Und ich geb Willy recht. Willy sagt, du wirst schon noch runterkommen, Jo. Das muß wohl so sein, daß einer beleidigend, ausfällig wird. War nicht schön, was du zu Willy am Telefon gesagt hast, Jo. Mußte Willy sofort auflegen. Mußt aufpassen, Jo, was du sagst oder schreibst. Das kann als Beleidigung weggehen. Heute nehmen Willy und ich das noch hin. Aber morgen ist das anders. Dann zeige ich dich an, Jo. Kriegst du eine Beleidigungsklage an den Hals, das darfst du mir glauben. Von Willy. Und von mir.

 

Sonntag, 20. April, 22: 48 Uhr, Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Keine Ahnung, Jo, was das da am Fernseher auf allen Kanälen ist. Sehe das auch nur, weil Willy mich um halb zehn darauf aufmerksam gemacht hat. Extra den Film, den Willy sich angeschaut hat, haben sie dafür unterbrochen. Da hat Willy dann herumgeschaltet, war es überall bei den Privaten, Öffentlichen. Wirklich überall. Die ganze Welt schaut anscheinend zu. Ich auch. Willy. Du auch, Jo, was? Könnten wir uns nicht in aller Ruhe unterhalten, Jo? Gerne würde ich dich anrufen. Aber nicht, wenn du ausfällig wirst. Deswegen gehe ich auch nicht ran, wenn du mich anrufst, Jo. Willy und ich, wir sind ein Paar. Willy und ich, wir sind zusammen. Bald möchte sich Willy mit mir verloben. Willy will mir einen goldenen Verlobungsring an den Finger stecken, Jo ...

 

Sonntag, 20. April; 22: 18 Uhr, Absender: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

Willy hat gemeint, ich soll den Fernseher einschalten. Nicht zu glauben, was da überall läuft. Gerade wird von Land zu Land zu Reportern geschaltet. Überall in Europa ist es dasselbe. Auch in Rußland ist es. Beim Kreml schweben die Kugeln durch die Straßen. Ich weiß ja nicht, Jo. Die können einem viel verkaufen. Morgen haben sie wieder eine ganz natürliche Erklärung für alles. Ich mag mich nicht aufregen. Willy tut das auch nicht. Schaut sich alles ganz ruhig an, in seiner Wohnung. Ich mach das auch. Rauszulaufen, unter freiem Himmel durch die Gegend zu kreischen, fällt mir nicht ein. Mach ich nicht mit dabei. Willy, der könnte dich noch mal anrufen, Jo. Oder möchtest du mit mir in aller Ruhe über alles sprechen. Ich denke, wir sollten das klären, Jo. Aber nicht so, daß du nur plärrst, schlimme Worte sagst, drohst. So geht das nicht, Jo. So nicht.

 

Sonntag, 20. April, 21:43 Uhr; Absener: "Account Media: member 'Margarete Leitner'":

So kannst du nicht reden, Jo; so nicht. Du solltest froh sein, daß ich mit dir sprechen möchte. Dir die Dinge auseinandersetzen. Dir erklären, wie, warum. Es mußte sein, daß dir das irgendwann offiziell bekannt gemacht wird. Daß du genau darüber Bescheid weißt. Willy und ich, wir haben kein Verbrechen begangen. Willy und ich, wir haben uns verliebt. Wir lieben uns. Wir haben uns ineinander verliebt. Und du, Jo - du mußt das zur Kenntnis nehmen. Du mußt das begreifen, daß es zwischen mir und dir aus ist. Aus und vorbei. Ich liebe dich nicht mehr. Ich bin jetzt mit Willy zusammen. Und ich möchte, daß alle Welt das auch weiß. Ich trenne mich von dir, Jo. Leid tut mir das eigentlich nicht.

 

Sonntag, 20. April, 21: 28 Uhr; Absender: "Marga Leitner":

Willy liebt mich, Jo. Und ich liebe Willy. Willy und ich sind zusammen. Ganz einfach. Das heißt, ich und du, Jo, wir gehen getrennte Wege. Willy und ich werden zusammenbleiben. Lächerlich ist daran nichts. Ich denke nicht, daß du es nötig hast, so herablassend von Willy zu sprechen. Immerhin ist Willy dein Freund. Dein bester Freund. Du warst der mit Willy hier, Willy dort. Dann ist Willy mal wieder bei mir in der Wohnung gewesen. Du warst gerade nicht da, Jo. Da hat sich zwischen Willy und mir etwas ereignet. Plötzlich war alles zwischen Willy und mir ganz anders. Ganz anders, Jo. Du warst auch eine Stunde drauf noch nicht bei dir daheim. Willy war gegangen, ehe du heimgekommen bist, Jo. Dann war ich öfter mit Willy zusammen. Heimlich haben Willy und ich uns getroffen. Bei Willy war ich. Unsere einzige Sorge warst du, Jo. Aber, ich will das nicht mehr, Jo, mich wegen dir Sorgen machen. Mag auch nicht mehr mit dir ins Bett gehen, nur um mit dir noch ins Bett zu gehen, als ob nichts wäre ... Nein. Es ist aus und vorbei, Jo. Ich liebe dich nicht mehr.

 

Sonntag, 20. April, 20: 37 Uhr, Absender: "Marga Leitner".

Hallo, Jo! Muß unbedingt mit dir telefonieren. In einer Minute ruf ich bei dir an. Dann sprechen wir, ja? Wir müssen uns über uns unterhalten, Jo. Ich muß dir was sagen. Das muß ich jetzt heute unbedingt tun. Kann mir das nicht mehr aufsparen. In einer Minute, Jo ...

 

5

Deprimiert starrte Joachim auf die schwarze Glasfläche seines Phones.

Marga hatte am Sonntag ihre Liebesbeziehung zu ihm, Joachim, beendet. Schluß hatte Marga gemacht. Wirklich die Mitteilung, daß sie, Marga, und Willy jetzt ein Paar wären.

Die eigene Reaktion darauf in Textform konnte Joachim nicht nachvollziehen. Der "Postausgang" war gelöscht. Ebenso der Speicher mit den ein- und abgehenden Anrufen.

Als hätte eine Bombe eingeschlagen. Das mußte Joachim in seinem Suff noch recht gut gekonnt haben: zornig Mitteilungen löschen. e-Mails waren auch keine im Ein- oder Ausgang. Wenigstens nicht auf seinem Phone.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Werbung
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post