b./ "Auch eine Art Ueberfall"
Irene und Tanja: Klappe eins
Andie, so hieß der Kochta, der Bedienung spielte.
Mittlerweile wußte Andie Kochta, der gestylte, ab und an eigenartige, vielfach interpretierbare blonde Kurzhaarfrisuren liebte, daß Michael nur Mineralwasser trank. Ohne Nachfrage bei Michael, daß Andie Kochta Michael das in ein Halbliterglas gefüllte Wasser brachte. Ebenso gewohnheitsgemäß bezahlte Michael Andie Kochta das Getränk sofort, als es am Tisch stand.
Irgendwie unbestimmt war Michael, es wäre an dem Nachmittag etwas. Irgend etwas war bei Kochta los.
Etwas, das ihn, Michael, anging.
Eine atmosphärische Störung.
Statt das Magazin aufzuschlagen, das er sich mitgenommen hatte, nippte Michael an dem Wasserglas, guckte in der Gegend rum.
Besonders das altbekannte Volk am Tisch vorne, das Michael ins Auge faßte. Auf das Michael hinblinzelte.
Zippos Weiber waren auch schon einmal hübscher gewesen, befand Michael, der sich der Sache gewippnet hatte.
Die Neue an Zippos Seite, die lachte, redete. Eine rauchige Dröhnstimme.
Sie schien irgendwie zu laut. Dazu schaute sie fülliger aus als manch andere.
Jene Liebes-Neuigkeit, um Zippo herum, viel älter, verlebter, als diejenigen, an die Michael sich erinnerte. Im Grunde war die alles mögliche, nur nicht 'schön' zu nennen.
War das zu glauben, bei Zippo? Zippo, der in Sachen Frauen Geschmack hatte.
Michael wartete. Daß sich irgendwas abspielte. Ob sich ihm Dinge auf den Punkt brachten.
Aber, es tat sich nichts weiter. Außer daß Atmosphäre war.
Keiner der mehrköpfigen Tischrunde um Zippo, der sich um den Kaffeehaus-Neuankömmling namens Michael kümmern wollte.
Das spielte sich ebenfalls nicht ab, daß Andie Kochta zurückkehrte.
Andie Kochta, vielleicht mit irgendeiner Kleinigkeit auf dem Herzen. So was, mit den Fäusten zu regeln. Etwas Schlagring-mäßiges. Oder Duftmarke 'Baseballschläger'.
Das einzige, das die Realität war, war, daß Michael dieses Empfinden von einer Sache hatte. Ein Gefühl.
Bei all der Ereignislosigkeit im Café Kochta war festzuhalten: Er, Michael, er litt unter Einbildungen.
Oder doch nicht? War immer alles eingebildet an erdatmosphärischen Wahrnehmungen? Es gab ihn schließlich, den Treibhauseffekt.
Es mochte schon eine Kleinigkeit im Busch sein.
Auf der anderen Seite blieb allerdings festzuhalten: Michael war, stellte er sich auf die Beine, noch immer einen Kopf größer als zum Beispiel Andie Kochta.
Die Frage nach den Fisimatenten war zu stellen. Daß zum Problem werden konnte, wenn Szenen nicht wunschgemäß abliefen. Zum Beispiel, traf Michaels Faust.
Es mußte sich, hatte einer Pech, nichts Erfreuliches aus einer Angelegenheit ergeben. Am Schluß brach am Ort eine Nase, die nicht brechen hätte sollen. Gab's wo Kieferprobleme, wo nicht daran gedacht war, daß sie auftreten könnten.
Weil sich nichts an der Gegenwart im Café Kochta ändern wollte, das Bühnenbild lange Weile hatte, schlug Michael ostentativ die ersten Seiten des Nachrichtenmagazins auf. Fing mit dem Blättern an.
In einem interessanten Artikel drehte es sich um die neue Macht reaktionär chauvinistischer Kräfte in Europa.
Auf den hinteren Seiten schrieb ein Autor über die unverminderte radioaktive Gefahr, die aus dem Osten drohte. Atommeiler östlicher Prägung hatten so ihre kleinen, größeren Störfälle. Der Zeitpunkt, wann sich der nächste Super-Gau ereignete, bestimmt nichts als eine Zeitfrage.
Aus den Augenwinkeln nahm Michael Bewegung wahr. Von seiner Zeitschrift guckte Michael hoch.
Eine alte Bekannte sah Michael vorne, am Tisch der Leute um Zippo. Sie, voraus, auf der Höhe der feuchtfröhlichen Gesellschaft im seit einem geraumen Weilchen bereits wieder neuen Café Kochta.
Der Frau zur Seite befand sich eine kleine, rothaarige Schönheit. Als wäre das hübsche Mädchen ihre Tochter.
Die frisch hereingekommene Bekanntschaft Michaels grüßte weiter in die Runde. Jeden der Tischbesetzer bei Zippo, den sie begrüßte.
Dann wandte die plötzlich den Kopf, begegnete ihr Blick dem Michaels.
Michael lächelte, nickte freundlich zu ihr hin. Aus welchem Grunde auch immer.
Daß jedermann an dem voll besetzten Rundtisch und sonstwo in der näheren, ferneren Umgebung es hörte, schrie sie: "Hallo, Rättie! Lange nicht gesehen, Rättie!"
Michael blies die Wangen auf; "Rättie" genannt zu werden, das hatte er nie gemocht. Dann und wann hätte er früher zuschlagen können, wenn einer mit doofer Visage gemeint hatte, ihn, Michael, "Rättie" nennen zu müssen.
Es schaute aus, als ob Irene, wie die alte Bekannte Michaels hieß, sich zu den Typen am vollen "Feier"-Tisch hocken wollte. Leute, mit denen sie allesamt bestens bekannt zu sein schien.
Eben beabsichtigte Michael, sich neu den Artikeln im Nachrichtenmagazin zuzuwenden - da mußte Michael mitkriegen, daß Irene tatsächlich auf ihn zueilte.
Selbstverständlich folgte Irene das kindliche Gefolge auf dem Fuß.
Breit grinste Irene auf Michael herunter, auf die Tischfläche klopfte Irene.
"Hallo, Rättie! Ist an deinem Tisch noch ein Plätzchen frei, Rättie?"
Widerwillen hoch zehn war in Michael; trotzdem schien es in dem Moment nicht angesagt, Irenes Ansinnen einfach abzuschmettern, "nein" zu sagen. Mit einer weitausholenden Geste bedeutete Michael Irene stumm, sie könne Platz nehmen, wenn sie wolle.
"Nicht schön, Rättie?" Irene blieb mal stehen, die Stirn gerunzelt. "Nicht schön?"
Dreimal hintereinander legte Michael den Kopf zur Seite. Wie ein unwillkürlicher nervöser Tick, nur, daß Michael den vorher nicht gehabt hatte. Danach behielt Michael die schräge Kopfhaltung bei, guckte in der Weise zu Irene auf.
"Fehlt dir was, Rättie?" erkundigte sich Irene mit einem schwer deutbaren Funkeln in den Augen bei Michael. "'ne Störung? Hast du ein Problem?"
"Hm - nö!" wehrte Michael ab, kratzte sich fahrig unterm Kinn. "Eigentlich nicht. Nicht bis vorhin."
"Mensch, Rättie - darf ich mich nun mit Tanja zu dir an den Tisch setzen?" Die Stimme Irenes dröhnte wirklich weithin, durchdrang die Welt. "Oder darf ich mich nicht zu dir setzen, Rättie? Magst du nicht, daß ich mich zu dir dazusetze?"
"Aber klar doch darfst du dich zu mir setzen." Im Rund deutete Michael auf die freien Stühle an seinem Rundtisch. "Nur zu. Setz dich zu mir."
"Einladend kommst du einem gerade nicht an, Rättie." Eine Schnute zog Irene, als überlege sie sich Dinge, was anders. Trotzdem setzte Irene sich auf den Café-Kochta-Stuhl hin, den sie sich erwählte, blickte nach Michael.
"Ist dir was über die Leber gelaufen, Rättie?"
"Nö, nichts ist mir über die Leber gelaufen", wiegelte Michael ab, Michael, dem so war, als hätte das, was er laut daherredete, bis vor einer Minute der Wahrheit entsprochen. "Wenn's dir so vorkommt, Irene, tut's mir leid. Dem ist nicht so. Mir ist nichts über die Leber gelaufen. Und wenn - mit dir hätte das nichts zu tun."
"Ach, vergessen wir's, Rättie!" Großzügig winkte Irene ab.
Ihren Schlüsselbund legte Irene auf die Tischfläche. Ein Päckchen Zigaretten, das Irene geschwind aus ihrer glänzend schwarzen, ziemlich großen Handtasche, die sie aufklappte, geholt hatte, landete, seitwärts geworfen, genau in der Mitte des Tisches.
Andie, die männliche Bedienung, Mitglied des Kochta-Clans, kam herbeigeschlendert, Irenes Bestellung entgegenzunehmen.
"Grüß dich, Andie! Bring mir mal ein großes Mineralwasser. So eins wie das da. Im Bierglas. Die Kleine hier, die Kleine trinkt bei mir mit."
Andie Kochta präsentierte ein Kopfnicken, machte auf dem Absatz kehrt.
Um Michael noch eins näher zu sein, wechselte Irene den Stuhl, nahm den Sitzplatz unmittelbar zu Michaels Rechter in Beschlag.
Auch das Mädchen, das Irene "Tanja" genannt hatte, das nicht alleine dem ihr fremden Mann gegenübersitzen wollte, sondern knapper bei der Mutti, rückte nach, blieb damit an die Seite der Mutti.
"Tanjalein - hahaha! -, das da ist der 'Rättie'!" stellte Irene Michael ihrer kindlichen Begleiterin vor. "Wo hast du denn die Locken gelassen, Rättie?"
Michael rieb sich die Nase angesichts der vielen spaßigen Dinge eben im Moment. "Hab' schon lange keine Locken mehr, Irene. Daß du mich aber überhaupt kennst, ohne Locken?"
Grinsend tat Irene, als würde sie nachdenken. "Beinah' hätt' ich dich auch nicht gekannt. Hattest schöne Locken. Als Lockenkopf hast du mir schon noch ein bißchen besser gefallen, Rättie. Ohne deine Locken - das macht dich direkt zu einem anderen Typen. Die Locken, die haben dir ganz gut gestanden, muß ich schon sagen. Deine vollen Lippen, die haben zur Frisur gepaßt. Wirklich. Hatte fast was Rockstar-mäßiges, Rättie."
Der Kochta kehrte zurück.
Ein Bierglas voll mit Mineralwasser stellte Andie Kochta von der Seite vor Irene hin.
"Dank dir schön, Andie!" meinte Irene, grinste unbeschwert zu dem Kochta-Abkömmling hoch. Aber, Andie Kochta war nicht bereit zu einem Zwischenstopp, schaute Irene streng an, wandte sich ab.
Davon schritt Andie Kochta, während Irene ihm nachdenklich hinterherblickte.
"Menschenskind, 'Rättie'?" eröffnete Irene das bei Michael wieder. "'Rättie' - weiß gar nicht ... 'Rättie' ...? Wie bist du eigentlich dazu gekommen, zu 'Rättie'? Hm, 'Rättie' ... 'Rättie', das hat doch eine tiefere Bedeutung, oder? 'Rättie' ...? Hast du denn viele Ratten daheim gehabt. Warum haben sie dir denn den Namen 'Rättie' gegeben? Weiß ich überhaupt nicht."
"Stimmt, hatte nie Ratten", gab Michael Irene recht, zuckte die Schulter. "Nicht eine."
"Was war das dann, das mit 'Rättie'? Sagst du's mir schnell? Du bist doch keine Ratte, oder?"
"Kann ich schon machen. Also, du erinnerst dich an die Clique von damals, nicht, Irene? Da war ich zu denen gekommen, und kurz drauf hatte ich die Locken. Hab' sie mir machen lassen. War die Rede davon, ich schaue jetzt aus wie 'ne Spitzmaus. Das mit der 'Spitzmaus' fanden sie schon witzig. Dann nannten sie mich plötzlich 'Rättie'. Englisch 'rat', nicht? Daraus haben sie 'Rättie' gemacht. Konnte nichts dagegen machen. Daß sie mich 'Rättie' genannt haben."
"So ...?" Die Augenbraue hatte Irene fragend hochgezogen. "Warum hast du dir damals eigentlich überhaupt Locken machen lassen? He, an 'ne Spitzmaus hab' ich bei dir nie gedacht, Rättie ... So 'ne spitze Nase hast du überhaupt nicht."
Schulterzucken Michaels. "Ich hab' 'ne Scheiß-Wette verloren. Hab' gesagt, daß Tom diese Nora nie im Leben abschleppt. Nie schleppt er die ab. Hat der aber gemacht. Sogar Monate waren die zusammen. Das war nicht gut für mich - ich mußte zum Friseur. Mußte mir Locken machen lassen. Sonst hätt' ich keine Ruhe gehabt. Aber ich hab' mich dann an die Locken gewöhnt. Fand, daß ich die lassen konnte. Ich damit nicht mal schlecht ausschaue. Also hab' ich sie noch ein paarmal beim Friseur so machen lassen. Das andere hat mir gar nicht so gepaßt. Geeiert haben die mich, 'Rättie' hier, 'Rättie' da. Wenn ich mich recht erinnere, Irene, haben wir uns erst einen Sommer drauf kennengelernt. Oder nicht? Im Sommer drauf."
"Ja, stimmt!" Kopfnicken Irenes. "Deswegen weiß ich das alles ja nicht so ganz genau. Du weißt dafür alles noch sehr genau, Rättie. Sehr genau."
Weil sich die letzten Worte und das "Rättie" Irenes in Michaels Ohren unübersichtlich anhörten, schwieg Michael Irene an.
Aus der Zigarettenschachtel hatte Irene wichtig eine Filter herausgezogen und auf die Tischfläche plaziert.
Einfach mal so, schnippte Irene die Filterzigarette ein Stückchen zu Tanja, ihrer Tochter, hin.
Als das rothaarige Mädchen mit Namen Tanja nach der Zigarette gefaßt hatte, schnappte Irene Tanja das Teil wie der Blitz aus den Fingern weg.
"Wenn hier eine raucht - dann ich", ließ Irene hören, Irene, die Tanja, ihr Kind, abschätzend anschaute.
Kein Aufmucken Tanjas, langsam lehnte Tanja sich auf ihren Stuhl zurück. Die Miene einer trotzigen, verstockten Göre aufgesetzt, verschränkte Tanja ihre Arme vor der Brust.
"Laß dich ja nicht von mir beim Rauchen erwischen, sag' ich dir." Den Zeigefinger, den Irene für Klein Tanja hoch erhoben hatte. "Wehe, ich riech' mal was aus deinem Mund. Was, das nach Zigarettenrauch riecht. Ich sag's dir ..."
Die Kleinmädchenschönheit mit dem roten Haar starrte biestig vor sich hin.
"Eh, hast du mal Feuer, Rättie?"
"Nee, hab' kein Feuer", erwiderte Michael. "Würd' sagen, ich rauch' nicht mehr. Ich hab' mit dem Rauchen aufgehört. Hör mal zu, Irene, wir sollten sofort etwas klären. Es gibt hier nur die Möglichkeit: Du hörst das auf, mich 'Rättie' zu nennen. Ich heiße Michael, Irene. Ich will meinen, du kannst mich auch 'Maik' oder 'Micha' nennen. Wenn du dazu keine Lust hast, kannst du gut hier aufstehen und von meinem Tisch weggehen. Dich woanders hinhocken, Irene, ja? Hier sind jede Menge Tische frei. Die freie Auswahl, die du hast, wie ich das sehe. Brauchst dich nur umzublicken."
Starr war Irenes Blick auf Michael gerichtet.
"Hör mal, Tanja-Süße", redete Irene ihr Töchterchen lässig an, "Mami braucht Feuer. Vorne ist die lange Theke. Wo du die Registrierkasse siehst, ist drunter unter der Kasse so ein Ablagefach. Dort findest du jede Menge Zündholzplättchen. Kannst du auch mal zwei, drei nehmen. Die kosten nichts. Da holst du mir jetzt bitte eines, ja, Tanja, mein Liebling?"
Klein Tanja, nicht darauf aus, wegen irgendeiner früheren Ansage der Mutti länger die beleidigte Leberwurst zu mimen, zeigte ein Kopfnicken, hüpfte von ihrem Sitzplatz hoch.
Dorthin lief Tanja, wo Mutti Irene ihr gesagt hatte, daß sie sich hinbegeben sollte.
"Nö, Rättie, macht mir nichts, dich 'Michael' zu nennen", plapperte es aus Irene raus. "Oder 'Micha'. Oder 'Maik'. Wart, ich nenn' dich 'Michael'. Nenn' ich dich lieber 'Mi-cha-el', wenn dir das besser gefällt als 'Rättie'. Was wäre denn die nächste Möglichkeit, wenn ich dich weiter 'Rättie' nenn', Mi-cha-el, aber nicht vom Tisch weggeh'?"
"Ich nehm' selber mein Zeug, steh' hier auf", war Michaels Antwort. "Ich setz' mich dann an einen andern Tisch. Weiter von dem hier weg. Glaub' nicht, daß du mir dorthin folgen solltest, Irene. Kommst du mir hinterher, glaub' ich, könnte es sein, ich hau' hier ganz ab. Kann auch woanders hingehen. Muß nicht hier drinnenbleiben."
"Ach was, Michael, mußt du nicht." Vertraut legte Irene ihre Hand kurz auf den Handrücken Michaels. "Nirgendwo anders mußt du dich hinsetzen. Ich will doch nicht streiten, Mi-cha-el. Mich nicht mit dir streiten. Nicht heute. Heute wirklich nicht. Heute ist so ein schöner Tag. Heute hab' ich einen Grund zum Feiern. Einen guten Grund zum Feiern. Mensch, heute bin ich glücklich. Glücklich bin ich. Ein echtes Glückskind. Kannst dir nicht vorstellen, Michael, wie glücklich ich bin. Überglücklich bin ich. Wolke sieben. Ich strahle vor Glück. Das mußt du doch sehen. Wir sollten mal ein Schlückchen trinken, auf mein Glück anstoßen, Michael. Heute ist wirklich ein schöner Tag. Ein Glückstag. Mannomann, drei Wochen Sackstetten. Drei Wochen. Heute war mein letzter Tag in Sackstetten. Seit heute vormittag bin ich wieder ein freier Mensch."
"Was? Was sagst du - Sackstetten?" Auf seinem Stuhl setzte Michael sich wieder aufrechter. "Was hast du gesagt? Hast du 'Sackstetten' gesagt? Du meinst das 'Bezirksklinikum Sackstetten'? Du sagst, du warst in Sackstetten?"
"Ja, leider." Anstandslos, daß Irene zugab, daß Michael das schon richtig verstanden hatte. Sogar ein Abwinken Irenes.
"A-aber ...?" Ungläubig schüttelte Michael den Kopf. "Was hat dich denn nach Sackstetten gebracht, Irene? Psychische Probleme?"
"Nö, Michael, nicht die Psyche. Obwohl ... Obwohl ... Psyche war wohl auch dabei." Mit dem Zeigefinger deutete Irene auf die Tischplatte. "Eigentlich war es der Alkohol, Michael. Der Alkohol. Der Alkohol war's. Der Alkohol hat mich fertiggemacht. Fertiggemacht hat mich der Alkohol. Wegen dem Alkohol mußt' ich ins Klinikum Sackstetten, Mi-cha-el. In Sackstetten hab' ich eine Alkohol-Entziehungskur gemacht. Hart. Hart. War das hart. Waren das harte Tage für mich. Harte Tage, sag' ich dir. Jetzt bin ich aber zum Glück wieder draußen - und gesund. Ich bin gesund. Gesund bin ich. Darauf trinken wir, Michael, daß ich gesund bin. Laß uns drauf anstoßen, daß ich keinen Rückfall haben werde. Nie mehr."
"Klar!" meinte Michael, hielt Irene sein Halbliterwasserglas hin, und Michaels Glas und das Irenes stießen klingelnd aneinander. Jeder trank dann einen Schluck Wasser.
Mit ihren Gedanken schien Irene jetzt plötzlich woanders, starrte vor sich hin.
Perplex betrachtete Michael Irene, seine alte Bekannte, ausführlicher.
Eigentlich waren er, Michael, und sie, Irene - sich ziemlich fremd. Daß Irene wegen dem Alkohol in Sackstetten war - warum erzählte Irene ihm das? Warum erzählte Irene ihm, Michael, so Sachen, brühwarm? Als wäre Michael ein Mensch, dem sie, Irene, Vertrauen entgegenbringen könnte.
Darauf entsann sich Michael, daß er und Irene sich erstmals vor elf Jahren begegneten. Eine Liebesgeschichte war daraus nicht groß entstanden. Bei kurzen Andeutungen in die Richtung war es geblieben. Daß Irene und er, Michael, vielleicht mal was füreinander übrig hätten, Dinge miteinander unternehmen könnten, mehr passiert war dahingehend nicht. Eine flüchtige Geschichte war Irene im Grunde genommen für Michael.
Ab und zu, daß er, Michael, und Irene sich nach einer langjährigen totalen Flaute in den vergangenen sechs Jahren über den Weg liefen. Eigentlich, ohne sich weiter größere Aufmerksamkeit zu schenken. Nur dann und wann, daß man sich kurz grüßte, für zwei, drei Sätze anredete, um sich woanders hinzuwenden.
Was war das jetzt? Reichlich unübersichtlich, daß Michael das Auftreten von Irene fand. Schon die Frage, was das von Irene plötzlich sollte, das gegenüber Michael. Überwältigte Irene urplötzlich irgendeine komische Art von Romantik, was Michaels Person anbetraf? Was sollte das für Michael werden, das, was Irene hier anfing?
Klein Tanja kehrte zu Michael und Mutti Irene an den Rundtisch zurück. Auf ihren Stuhl setzte Tanja sich. Wie eine Siegerin sich gebärdend, legte Tanja ein Plättchen Zündhölzer vor ihre Mutter Irene auf den Tisch.
"Mensch, du, ich will rauchen, eine rauchen - und was ist das mit dir?" pflaumte Irene ihr Töchterchen an. "Nicht mal fortschicken kann man dich, ein paar miserable Zündhölzchen zu holen. Sag mal, warst du irgendwo auf einer längeren Reise? Hast du vielleicht 'ne Weltreise gemacht? Was treibst du denn vorne? Was hast du denn so lange getrieben?"
"Wollt' ja schnell zurückkommen", wehrte Tanja sich. "Aber Andie hat gemeint, ich soll schnell mal dableiben. Bei ihm dableiben."
"Andie? He, was wollte Andie Kochta denn von dir?" Ihre Zigarette hatte Irene sich angezündet. Wie eine, die Gier hatte, sog Irene den Rauch tief, tief die Lungen runter. Beinahe, daß es ausschaute, Irene hätte seit ewiger Zeit keine Glimmstengel mehr genossen, hätte in der Hinsicht reichlich Nachholbedarf. "Sag schon, was wollte der? Was wollte Andie, Tanja? Was hat er denn Schönes von dir gewollt, er, Andie Kochta? Spuck's schnell aus. Hast du dich von Andie anfassen lassen? Hat Andie dich betatscht?"
"Nö, hat er nicht", gab Tanja zurück. "Hat mich nicht angefaßt. Andie hat gesagt, wenn ich ihm ein Küßchen auf die Wange gebe, kriege ich eine Kugel Eis."
"Was kriegst du - eine Kugel Eis, für ein Küßchen? Eine Kugel Eis für ein Küßchen auf die Wange?" Mehrmals mußte Irene husten. War schwer für Irene, ihren Hals vom Kloß freizubekommen. "Ah! Ach nee! Na, da schau einer her! Eine Kugel Eis für ein Küßchen bei Andie auf die Wange ... Da werd' ich mich mal demnächst mit Andie drüber unterhalten müssen. Eine Kugel Eis für ein Küßchen ... Werde Andie das mal fragen, was er dann dafür will, wenn er dir einen ganzen Eisbecher verspricht. Was er für einen Eisbecher von dir möchte. Du hast doch abgelehnt, Tanja, oder? Oder hast du Andie doch das Küßchen gegeben? Hast du Andie geküßt? Ein Küßchen für Andie?"
"Hm, nein!" ließ sich die rothaarige Nachwuchsschönheit, Irenes Tochter, vernehmen, deren Augen einen Glanz hatten. "Hab' Andie nur gesagt, ich würd' drüber nachdenken. Hab' gesagt, ich werd' da drüber nachdenken, ob ich ihm 'n Küßchen gebe. Für 'ne Kugel Eis."
In irgendwelche unbestimmte Fernen starrte Irene, genehmigte sich schnell hintereinander Züge von der Zigarette. "Soso! Soso! Andie - möchte ein Küßchen von dir, Tanja ... Andies Weiber sind aber doch jung genug. Jung genug. Eigentlich jung genug. Wenn sie bald noch jünger werden ... Irgendwann wird dann eine Mami oder ein Papi bei ihm vorbeikommen ... Wenn die's nicht erlauben, daß Andie immer bei den Hausaufgaben hilft - kommt am Schluß die böse Polizei. Die böse, böse Polizei. Wäre nicht gut für den guten Kochta-Ruf, denk' ich. Weil, Andie, er ist ein Kochta. Da sollte er besser aufpassen, mein 'Freund' Andie."
"Hast du nicht früher auch mal gesoffen, Michael?" sprach Irene Michael abrupt frontal an, Irene, die sich an Michael am Tisch zurückerinnerte. "Du hast doch viel gesoffen, Michael ... Nie Probleme gehabt, mit deinen Räuschen? Mit deiner Sauferei? Oder mit anderem Zeugs?"
"So Probleme, daß ich immer saufen hätte müssen, von früh morgens bis zum Abend, meinst du?" gab Michael zurück, Michael, der Irene nachdenklich anguckte. "Trinke heute nicht mehr wie früher. Wenn ich was Alkoholisches trinke, dann nur in Maßen. Habe, denke ich, keine Alkoholprobleme. Meistens bleibt's bei einer Flasche Bier. Höchstens zwei. Dann hat's sich. Würde ich mehr trinken, würde ich das vielleicht als Problem sehen ..."
"Das kannst du kontrollieren? So kontrollieren?"
"Warum denn nicht? Ich trinke nicht mehr. Ein Bier. Höchstens zwei Bier. Dann ist Schluß. Mehr trink' ich nicht. Zwei Flaschen sind nicht oft."
"Verdammter Mist, Michael! Ich, ich darf überhaupt kein Bier mehr trinken. Kein einziges Glas mehr. Ab jetzt überhaupt nichts mehr." Mit dem Knöchel des Zeigefingers klopfte Irene dreimal auf die Tischfläche: "Toitoitoi, daß es so bleibt. Toitoitoi! Sogar, wenn ich was essen möchte, muß ich nachschauen, ob was Alkohol drinnen ist, stell dir vor ... Dann soll ich's nicht essen. Sogar in 'ner Kugel Eis ... Die darf dann Tanja essen, wenn in der ... Blöde ist das. Blöde."
"Drei Wochen, sagst du, warst du in Sackstetten?" hielt Michael es fest. "Dachte immer, so ein Entzug, der dauert. Einen Monat, zwei Monate. Länger. Nur um das Zeug einigermaßen körperlich loszuwerden, geht's ein wenig schneller ... Der Rest, mit dem geht's lange nicht so geschwind."
Voll griesgrämig wirkte Irene, betrachtete Michael, die Umgebung um Michael herum.
"Du kennst dich aber man aus, Michael", öffnete Irene das nächstemal den Mund. "Das Problem ist nur, die in Sackstetten, die haben volles Haus. Volles Haus. Sackstetten ist überbelegt. Momentan wieder überbelegt. Drei Wochen, das mußte knapp für mich reichen. Drei Wochen, mir haben die auch voll gereicht. Bis auf weiteres stehe ich trotzdem immer noch unter Beobachtung. Auch wenn ich aus Sackstetten raus bin. Wie soll ich dazu sagen, Michael? Muß denen weiter beweisen, daß ich nüchtern bleiben kann. Ohne einen Tropfen Alkohol bleiben. Oder ich ... Oder ich fahre wieder bei ihnen ein. Oder die Reise geht woandershin."
"Ich glaub's nicht, Mutti!"
Sämtliche Augen am Tisch, daß sich auf Klein Tanja, Irenes Tochter, richteten. Tanja, die sich unvermittelt in die Unterhaltung einmischte.
"Ich kann's nicht glauben, Mutti. Ich kann's nicht glauben, was du dem Mann da erzählst. Du erzählst dem Mann da diese Sachen ... Du erzählst dem Mann da, daß du in Sackstetten warst. Das, daß du in Sackstetten warst, erzählst du dem. Einem Fremden, Mutti. Der Mann ist doch ein Fremder. Ich kenn' den nicht. Ich hab' den noch nirgends früher bei uns gesehen. Kann mich nicht erinnern, den schon irgendwo gesehen zu haben. Noch nie war er mit uns irgendwo zusammen. Noch nie."
"Es reicht doch, wenn ich 'Rättie' kenne", stellte Irene mit gerunzelter Stirn klar. "Du mußt 'Rättie' nicht kennen, Tanja. Wenn 'Rättie' ein guter Bekannter von mir ist und ich Lust habe, mit 'Rättie' zu sprechen, über alles mit 'Rättie' zu reden, wozu ich Lust habe - dann mach' ich das auch. Da frag' ich dich doch nicht erst lange vorher, ob ich das darf oder nicht. Dich frag' ich nicht, ob ich das darf. Dich nicht, Tanja-Baby."
"Aber ich - ich darf darüber nicht reden. Mir hast du's verboten. Zu niemandem darf ich irgendwas sagen. Niemandem was erzählen." Richtig feindselig schaute Klein Tanja auf Michael, von Michael zurück auf ihre Mutti Irene. "Daß du in Sackstetten bist, ich durft' das keinem Menschen sagen. Ich hab' das auch nie jemandem gesagt, daß du in Sackstetten ... Das, daß meine Mutti in Sackstetten ... Nicht mal mit meiner besten Freundin hab' ich darüber geredet. Vorhin im Auto, Mutti, hast du das noch mal zu mir gesagt. Zu mir gesagt, ich soll ja meinen Mund halten, wegen dem, daß du in Sackstetten warst. Nichts soll ich in der Schule sagen, nichts sonstwo irgendwem. Wir sagen den Leuten, Mutti, du wärst verreist. Dauernd müssen wir den Leuten sagen, wenn sie nach dir fragen, du wärst verreist. Oma hat das letzten Samstag zu Frau Kling, der Bäckerin, gesagt. Ich war bei Oma dabei. Und jetzt - du gehst hier rein ins Café, siehst den Mann da kurz sitzen, hockst dich zu ihm an den Tisch. Und redest mit dem. Du redest mit dem über alles. Als wär er sonst etwas für dich. Du sagst ihm, du warst in Sackstetten. Du sagst ihm ... Als wär der der allerbeste Freund auf der Welt von dir. Dabei kennst du ihn überhaupt nicht. Du kennst ihn überhaupt nicht. Schaut nicht aus, daß du ihn sehr gut kennst."
"Halt den Rand, Tanja!" fauchte Irene nach der Seite zu ihrer kleinen Tochter hin. "Sofort hältst du den Rand, Tanja, sag' ich dir."
"Du, du bist einfach nur peinlich, Mutti", setzte Tanja noch eins hinterher, schüttelte ihren Kopf. "Du bist einfach nur ober-, oberpeinlich. Selber nur ober-, oberpeinlich. Aber von andern was sagen ..."
"Laß das mal meine Sache sein, wie peinlich ich bin - und bei wem", sprach Irene gedehnt, holte sich die nächste Kippe aus der Schachtel, steckte sie sich in den Mund. Das Feuerholz riß Irene mit gerunzelter Stirn an.
"Mensch, Michael - das mit der Raucherei, das würd' ich auch gerne loswerden", störte Irene die entstandene Pause. "Aber ich schaff' das nicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich kann nicht mit dem Rauchen aufhören. Einfach nicht damit aufhören. Aber du, du hast das gekonnt, Michael. Du rauchst schon länger nicht mehr, nicht wahr?"
Kopfnicken bei Michael.
"Wie hast du das nur geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören?" wollte Irene wissen.
"Ich hab' aufgehört, zu rauchen", gab Michael launig zurück. "Es kam der Tag, war Schluß."
"Du meinst, alles eine Frage des Willens?" übersetzte Irene etwas der Problematik. "Einfach aufhören, nicht mehr rauchen?"
"Wenn du nicht mehr rauchen willst, mußt du aufhören, zu rauchen." Michael seufzte, betrachtete Irene, die rechter Hand von ihm dahockte. Irene, die davon sprach, mit dem Rauchen aufzuhören, und sich nebenher den nächsten Lungenzug besorgte. Einen nach dem anderen.
"Vorhin, als ich hier reinkam, war ich glücklich", teilte sich Irene aufs neue mit. "Überglücklich war ich. Und jetzt zieht's mich runter ... Aber nur ein bißchen - hahaha! Nur ein bißchen."
"Wenn ich der Grund bin, daß du nicht mehr richtig 'glücklich' bist, daß es dich runterzieht: Bitte, du kannst dich woanders hinsetzen." Der Zeigefinger Michaels deutete im Halbkreis herum. "Hier gibt's jede Menge freie Tische. Sehe jede Menge freie Tische, an denen einer alleine hocken kann ..."
Auf Michael guckte Irene.
"Oder ich - ich steh' hier auf, setz' mich woanders an einen Tisch ...
"Nein, nein, Michael - so hab' ich das nicht gemeint." Eine neue Zigarette zündete Irene sich an, hatte im Moment zwei zur gleichen Zeit brennen.
Die eine Filterzigarette, die halb heruntergeraucht war, drückte Irene im Aschenbecher aus, als sie sah, was los war.
"Wie schaut's eigentlich so aus in Sackstetten?" konnte Michael sich mit dieser Frage nicht zurückhalten.
"Was, Michael?" Großäugig beschaute Irene sich Michael.
"Wie's in Sackstetten so ausschaut?" wiederholte Michael seine Fragestellung. "Hatte bis heute noch nicht das Vergnügen. Ist mir noch nicht passiert. Mich interessiert's einfach, wie's in Sackstetten so ist. Du kommst schließlich frisch von dort, nicht?"
"Ja, stimmt! Stimmt genau!" Geziert rieb Irene sich das Kinn her. "Wie's in Sackstetten so ausschaut ...? Ordentlich. Ordentlich sieht's in Sackstetten aus, Michael. Ordentlich und sauber ist's in Sackstetten. Dauernd wird geputzt. Die letzten Wochen habe ich selber mitgeholfen. Hab' dort geputzt. Mit den andern mitgeputzt. Wir waren ein Dreier-Team. Ich, Silke und Renata. Hab' das aus freien Stücken gemacht. Hab' mich freiwillig gemeldet. Um beim Putzen zu helfen. Und die Einrichtung in Sackstetten? Die Einrichtung in Sackstetten? Modern, Michael. Kann man alles lassen. Wenn du krank bist, in Sackstetten kannst du gesund werden. Gesund werden kannst du in Sackstetten. Ist nichts dagegen zu sagen. So hab' ich das erlebt."
"Und - bist du in Sackstetten mit Psychopharmaka behandelt worden?" Fast war es Michael, dieses Thema sollte er nicht anfangen. "Mußten sie dich mal ruhigstellen? Irgendwo festbinden?"
"Nein, nein, nein!" wehrte Irene ab. "Womit fängst du denn jetzt an? Wovon redest du denn? Ich bin nicht mit irgendwelchen Substanzen 'ruhiggestellt' worden. Bin nicht mit Substanzen behandelt worden. Geht so auch nicht. So geht das nicht bei mir. Drogeninhaltsstoffe sind bei mir verboten. Strengstens verboten. Um das mal ganz klar festzuhalten: Kein Pfleger hat mich ruhigstellen müssen. Festgebunden hat mich auch keiner, nirgendwo. Ich war dort auf Entzug. Nur auf Entzug. Unter ärztlicher Aufsicht. An den Tropf haben sie mich angehängt, auf mich aufgepaßt. Von den Stationären war ich aber keiner. Keiner von den schwierigen Fällen. Keiner der Verbrecher. Von denen, die weggeschlossen sind. In der Geschlossenen. Aber raus, raus durfte ich ein paar Tage auch nicht ..."
Dazu fiel Michael nichts zu sagen ein.
"Auch so war's schwer genug für mich. Schwer genug war alles für mich. Mußte was aushalten. Böse was aushalten."
Das wiederholte sich. Das, daß Irene die Glut einer Zigarette ausdrückte, um sich unverzüglich eine neue anzuzünden.
"In Ordnung, Michael, ein paarmal war ich nahe am Ausflippen. Zuckerschlecken war das in Sackstetten nicht für mich. Muß jeder verstehen. Jeder. Du verstehst das sicher auch."
"Hm!" kam es von Michael; ein bestimmter Einfall, den Michael rüberbringen mußte. "Letztens hab' ich in so einem Buch gelesen, daß man Kranken in Nervenheilanstalten früherer Zeit Mittel verabreicht hat. Mittel, die nur einen Zweck hatten: die Sexualität zu dämpfen. Auf die Leute, bei denen man das gemacht hat, hat sich das dann ungefähr so ausgewirkt, daß die Leute nicht mehr richtig denken konnten. Nicht mehr richtig geradeaus denken. Wah, wenn ich mir überlege, mir könnte so was passieren. Daß man mir ohne mein Wissen etwas zu schlucken geben könnte. Etwas, was mich in eine Art hirnlosen Zombie verwandelt. Das Grauen. Horrormäßig. Daß man was unternimmt, mich mit chemischen Gemischen blöde zu machen. Daß man mir Sachen hinreicht, die ich fresse, die blöde machen ..."
"Tja ..." Michaels Gerede schien Irene, die an ihrer Zigarette sog, wenig zu begeistern. "Ist das ganze Leben im Grunde nichts anderes als Chemie? Kann mich gut an Pilleneinwürfe erinnern ... Na, hast du die einen genommen, warst du himmelhochjuchzend. Die anderen, die gelben, hast du geheult wie ein Schloßhund. 'Upper' - 'Downer' ... Ah, weiß, wovon ich spreche. Du auch, Michael, nicht?"
Schulterzucken Michaels.
"Hab' dich immer für 'nen Freak gehalten, Michael", eröffnete Irene. Wissend grinste Irene Michael ins Gesicht. "Du warst doch kein Kind von Traurigkeit. Eh, daß du so nüchtern geworden bist ...?"
"Weiß jetzt auf der Stelle nicht, was ich dazu sagen soll, Irene." Mit dem Mittelfinger schnippte Michael die Zigarettenpackung Irenes, die knapp bei seinem Wasserglas angekommen war, in die Mitte der Tischfläche zurück. "Das früher ... Nun, Irene, das war damals. Praktisch eine andere Zeit. Andere Tage, würd' ich sagen. Ich hab' drüber nachgedacht, wie das dauernd ist, besoffen zu sein. Da hatte ich keinen Bock mehr drauf, besoffen durch die Gegend zu torkeln. Am nächsten Tag nicht zu wissen, was ich weggetreten getrieben hab'. Das hat mir nicht mehr gepaßt, was mir die andern an peinlichem Dreck erzählt haben. Das, daß sie mir sagten, daß ich das verzapft hätte. Jenes. Geschichten über andere Leute ... Das und das soll ich angestellt haben. Ohne, daß ich noch was davon wußte. Nicht das geringste. Nicht die kleinste Erinnerung, die mir deswegen gekommen wäre. Da hatte ich die Schnauze voll von, später, nachdem ich was angestellt hatte, von nichts mehr was zu wissen. Wo anzukommen, von der miesen Stimmung gegen mich überrascht zu werden. Daß ich schief angeschaut wurde. Ohne daß ich die Ahnung gehabt hätte, was denen denn über die Leber gelaufen ist. Wo ich doch blank war. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Mußte mir dann das anhören, das. Wenn's mir unter die Nase gerieben wurde. Ich wußt' nichts davon. Konnten ja viel zu mir sagen, die. Nein, nein, Irene, der Laden hat's nicht mehr gebracht. Da mußte sich was ändern. Ich erinnere mich lieber an das, was ich treibe."
Die Stille am Tisch dehnte sich ziemlich in die Länge.
"Dann hab' ich mir überlegt", machte Michael schließlich wieder den Mund auf, "daß das einzige, was die Brüder und Schwestern, die ihre Drogen vertickten, wollten, mein Geld war. Das wollten sie von mir: mich ausplündern. Alle wollten sie das. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn ich dann nichts mehr habe, kaputt am Boden liege, um Hilfe bettele, spucken die nur auf mich runter. Die kacken, pissen noch auf mich drauf. Sonst nichts. Flotte Lotte bin ich für die. Die lassen mich im Dreck liegen, krepieren. Das macht denen nicht das Schwarze unterm Fingernagel aus. Macht sie jetzt eben wer anders reich. Idioten gibt's mehr als genug auf der Welt für die."
"Puh!" entfloh es Irene, Irene, die Michael vorkam, als hätte sie im Augenblick mit irgendwas ein Problem.
"Nichts mehr soll einem bleiben, was man hat, besitzt", setzte Michael locker fort. "Ich, die Freundin auf den Strich schicken ... Für den nächsten Schuß. Die, die bereichern sich an mir, in jeder Hinsicht. Und die, die sich an mir bereicherten, die fressen den Gourmet. Nachdem die sich an mir bereicherten, fressen die den Gourmet mit goldenen Löffeln. Mit goldenen Löffeln fressen die den Gourmet. Den teuersten Schrott auf zwei, vier Rädern fahren die, den's gibt. Die bezahlen dem unheimlichsten, korruptesten Politiker die Nutten, der ihnen das Ansehen mehrt, sie anständig macht ..."
"Ja, Michael?" Mit den Fingern trommelte Irene auf der Tischplatte, alles, als ob bei Irene etwas bevorstünde. Ein Entschluß.
"Na klar doch!" Breit grinste Michael Irene in Gesicht. "Wie läuft das denn? Wie läuft das denn sonst so? Na, meine Scheiben mit meiner Musik - die hab' ich versetzt. Um mir Stoff zu kaufen. Meine besten Lederklamotten - auch weg. Meine Freundin, der ich was von Liebe erzählt hab', die hat mich verlassen. Weil sie sich von mir nicht gerne auf den Strich schicken lassen wollte. Nicht von mir. Nun ja, ich hab' andere Freundinnen gefunden, das eine oder andere Pferdchen ist für mich gelaufen. Aber nichts ist für ewig. Wegen meinem Arsch mußte ich öfters ins Krankenhaus - Hämorrhoiden. Was sollte ich machen, ich hab' das Geld gebraucht. Und die hübsche Polizistin, die bei mir vorbeischaut, die weiß alles von mir. Ganz genau. Nichts kann ich der vormachen, gar nichts. Ohne daß ich nichts am Abend daheimhabe, komm' ich am Morgen kaum richtig ins Bad. Vor Schütteln kann ich die Zahnbürste nur schwer gerade halten. He, nicht schön, wenn man grüne Galle kotzt. Bei meinen Eltern kann ich mich wirklich nicht mehr blicken lassen. Die haben wegen mir sowieso Kredite bei den Banken laufen, für die sie zahlen ... Was soll ich nur weiter machen? Woher kriegen?"
"So schlimm, Michael?" Interessiert guckte Irene Michael an.
"Hahaha!" Das Gelächter brach bei Michael einfach aus. "Du denkst, das wär' ich?"
"Na klar doch!" Irene nickte mit dem Kopf. "Ist doch so, Michael, oder?"
Treuherzig schaute Michael Irene an.
"Tut mir leid, Irene, ich selber, ich hab' da keine Karriere gemacht ..."
"Keine, Michael? Nicht?"
"Hm, nicht, wenn du überlegst, wie das ist, wenn du Karriere machst. Wenn man sich überlegt, wie das zugehen kann ... Da wars bei mir eigentlich nur 'gemütlich'. Ein paar Joints hier, ein paar dort - mehr hab' ich nicht gebracht. Braucht's eigentlich mehr? Denke, den Rest, den kannst du auch in die Tonne klopfen."
"Ich hab' auch nur hie und da was geraucht, ein paar Trips eingeschmissen. Weiter war da nicht viel."
"Ach, nicht?"
"Nein, Mi-cha-el."
"Keine Ahnung, Irene - aber letztens erst hat mir wer erzählt, du hättest größere Probleme. So deine Probleme mit Drogen. Bei dir soll's was schlimmer zugehen, was Drogen angeht ..."
"Wer sagt das?" Irene sah aus wie eine, die sich empörte. "Wer hat das gesagt? Sag mir, wer war das Schandmaul? Sag mir jetzt sofort, wer das war, Michael?"
"Warum denn?" weigerte Michael sich. "Nein, sag' dir den Namen nicht."
Lange schaute Irene Michael intensiv an. "Ach, Michael, laß stecken. Laß stecken, Michael."
Michael ließ stecken.
Lächelnd winkte Irene ab. "Kenn' die Leute selber, die du kennst. Sind keine anderen hier in der Gegend, oder? Weiß über alle Bescheid. Einen wie den andern."
"Na denn, Irene!"
"Kann mir gut denken, wer sich zu dir hinhockt, Michael, dir was daherschwatzt. Auch mit dir über mich schwatzt."
"Dann ist ja gut, Irene. Haben wir damit kein Problem."
Aggressiv wich Michael dem Blick Irenes nicht aus. Irene, die für ein richtiges Augenduell ging. Einen Aufsatz mit den Augen veranstaltete Irene.
Ob ihn, Michael, jedoch viel was mit Irene jucken müßte? Es Michael interessieren würde, ob Irene ihn noch mal mochte oder nicht? Wollte Irene bei ihm vom Tisch weggehen, auch kein Problem, oder? Oder wenn Irene sonst was hier zu veranstalten gedachte, was war dann? Etwas mit Michael? Oder mit Irene?
"Mutti, Mutti!" rief Tanja, Irenes kleine Tochter Tanja, am Rundtisch aus, Klein Tanja, die aus der totalen Sonnenfinsternis ins Bewußtsein der Welt zurückkehrte. "Mutti, Mutti, bitte! Schau mal auf die Uhr, Mutti. Es ist bald halb drei ..."
Schnell blickte Irene auf die Uhr in der Mitte der langen Wand gegenüber. Die Wangen blies Irene auf. "O danke, Tanja! Danke dir schön, Tanja! Mensch, das wird jetzt aber knapp. Das wird jetzt ganz knapp. Entschuldige, Michael, aber ich muß schnell wohin. Hab' einen Termin."
Ihre Zigarettenpackung packte Irene in die sehr große Handtasche, den Schlüsselbund. Das weiterhin recht volle Wasserglas trank Irene auf einen Zug leer.
Ins Gesicht blickte Irene Michael scharf. Ein Kopfnicken Irenes zu Michael hin, Irene erhob sich. Irene nahm Tanja, ihre Tochter, bei der Hand. Dann entfernten Irene und Tanja sich von Michaels Tisch. Waren von Michaels Café-Kochta-Tisch fort.
Urplötzlich, daß sich Michael wieder alleine vor Ort vorfand.
Aus irgendeinem Grund, der Michael nicht ins Bewußtsein zurückkehrte, war die Illustrierte, in der Michael geblättert hatte, am Fußboden unten.
Die Wochenzeitschrift hob Michael vom Boden auf, schüttelte sie.