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Blog von TeddeMehr

c./ "Auch eine Art Ueberfall"

25. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

 

Irene und Tanja: Klappe zwei

 

 

 

Wieder mal guckte Michael nach vorne. Dorthin schaute Michael, wo Tanja, Irenes rothaarige Tochter, bei einer Dame der Marke "Geschäftsfrau" am Rundtisch herumhockte.

Schwarzes Haar, die, Bubikopf-Frisur. Weißes Art Männerhemd an, blaue Krawatte. Eine dunkelgraue Nadelstreifenhose. Das zur Hose passende Jackett hatte die andere nicht dabei; vielleicht im Auto oder im Büro gelassen.

Auf Michael wirkte die kurzhaarige Frau nicht gerade so, als könnte jedermann ihr mit Zeugs ankommen. Nochgerade das lästige Kind, das den Fortgang der weiteren nachmittäglichen Geschehnisse störte, bei ihr am Rundtisch abladen. Wie Irene das bei der anbringen hatte können.

Wirklich, die, die Michael unbekannt war, zeigte sich spendabel, was Tanja anging. Bereits die zweite Tasse Tee, die Tanja von Andie Kochta hingestellt bekommen hatte, das zweite Stück Kuchen. Alles immer augenblicklich von der andern bei Andie Kochta bezahlt.

Das alles hieß nun für Michael nicht mehr oder weniger, als daß Irene und die Michael Fremde ziemlich gut miteinander bekannt sein mußten. Ansonsten, daß Irene der Tanja nicht hätte aufdrängen können. Auch noch für längere Zeit, Klein Tanja bei der am Café-Kochta-Tisch herumsitzend. Eigentlich brav, die kleine Tanja mit den roten Haaren.

 

Aus den Augenwinkeln gewahrte Michael Bewegung.

Irene, sie war im Café Kochta zurück.

Vorne redete Irene im Stehen eifrig auf ihre gute Bekannte herunter, bei der Tanja die ganze Zeit recht wort- und bewegungslos verweilt hatte. Beinahe einen eingeschüchterten Eindruck, den Klein Tanja auf Michael machte.

Jetzt befand Tanja sich aber wieder an der Seite ihrer Mutti Irene, von Mutti Irene bei der Hand genommen.

 

Im Grunde genommen war Michael der Meinung, daß es das für diesen Tag mit ihm und Irene gewesen sein hätte müssen. Wenn Irene ins Café Kochta zurückkäme, würde Irene nicht wieder zu ihm an den Rundtisch kommen.

Darin hatte Michael sich getäuscht, die Denke die reinste Fehleinschätzung.

Breit grinsend wandte Irene sich Michael zu, nickte nach Michael hin. Richtung Michael und Michaels Rundtisch marschierte Irene, ein Bierglas Mineralwasser in der Hand, Töchterlein Tanja hinter sich herziehend.

Wie vorhin, als hätte sie einen angestammten Platz, setzte sich Irene rechter Hand von Michael auf den Café-Kochta-Stuhl, während sich Tanja der Mutti zur Seite hinhockte, Tanja, die ihre Mutti im Blick hatte, sonst niemanden.

Tanja also, ebenfalls wie vor einer Weile Michael am Tisch im Café Kochta wiedergekehrt.

Ihr Halbliterglas Mineralwasser stellte Irene auf die Tischfläche, schaute Michael ausführlich mit gerunzelter Stirn an.

 

"Das hätte ich hinter mir - puh!" eröffnete Irene die Runde. "War noch pünktlich. Zwar knapp. Aber ich war pünktlich. Ah, sonst bin ich selten pünktlich. Pünktlich bin ich eigentlich nur, wenn ich muß. Dort mußte ich aber auch pünktlich sein. Wäre nicht gut gewesen, unpünktlich zu sein."

Michael wußte nichts, was er großartig daherzuplappern gehabt hätte, wenn er nicht mal wußte, worum es ging.

 "Erst war ich also beim Anwalt, Michael", erklärte Irene, guckte Michael treuherzig an. "Der ausgemachte Termin bei meinem Anwalt. Dann war ich auch noch kurz auf der Polizei. Hab' denen das Foto gegeben. Dann habe ich bei den Beamten dort noch einen Schrieb unterschrieben."

Aus ihrer übergroßen schwarzen Glanzhandtasche, die sie aufklappte und sich vom Handgelenk schob, holte Irene eine Zigarettenschachtel und ein rotes Wegwerffeuerzeug.

Von der neuen Packung Zigaretten riß Irene die Plastikfolie herunter, fingerte eine Kippe heraus.

Die offene Schachtel, deren orangene Filterstücke Richtung Michael zeigten, legte Irene in die Tischmitte.

Bereit für jedermann, der sich was zu rauchen herausziehen hätte wollen. Auch Michael.

Sicher hätte Michael zugreifen dürfen, hätte Michael das Verlangen nach Rauchware gehabt.

 

Tanja, Irenes Tochter, schlürfte ein Schlückchen von dem halben Liter Mineralwasser, das Mutti Irene mitgebracht und am Tisch abgestellt hatte. Tanja faßte Michael einfach mal ins Auge.

Michael versuchte, ein Lächeln bei Klein Tanja anzubringen.

Tanjas Blick ließ nicht erahnen, was sich an Gefühlen, Gedanken in Tanja umtrieb. Nicht der allerkleinste Muskel, der sich in Klein Tanjas Mädchengesicht regte. Zurückzulächeln, das lag Klein Tanja voll fern.

"Ach, Mi-cha-el ... Ach, Michael ... Denen am Präsidium hab' ich dann das Bild nun gegeben." Wichtig zündete Irene sich mit dem Feuerzeug die erste Kippe an. "Stell dir das mal vor, Michael, heute vormittag, gegen half elf, ich war erst kurz bei uns daheim im Haus, da hab' ich das Foto zufällig in dem länglichen Umschlag im Schlafzimmerkleiderschrank entdeckt. Ganz hinten im Schubfach mit den Jeans, zusammengeknüllt. Schon lustig. Hab' ganz was anderes gesucht, find' ich heute das Foto. Vor 'nem Monat hab' ich wegen diesem verfluchtem Umschlag mit diesen paar Fotos stundenlang im ganzen Haus rumgesucht. Wirklich stundenlang. Ums Verrecken hab' ich den Umschlag nicht finden wollen - und heute ist er mir einfach so in die Finger geflutscht. Mußte ja irgendwo sein, der Umschlag mit diesen alten Fotos. Dem einen bestimmten Foto von ihm mit dabei. Schließlich hat er's mir gegeben gehabt, dieses Paßbild von sich. Wollte ich mir in den Geldbeutel tun ..."

 

Zu Irenes Worten fiel Michael nicht lange ein Kommentar ein.

Weil die kleine Tanja, Irenes Töchterchen, so unbestimmt starr zu ihm, Michael, herglotzte, streckte Michael Tanja die Zunge heraus.

An Klein Tanjas Gesichtsausdruck und Sitzhaltung änderte sich deswegen nicht das geringste.

"Vor drei Wochen, Michael, hab' ich den Mann angezeigt", setzte Irene fort, daß Michael hellhörig wurde. "Ihn hab' ich angezeigt, ihn, Dietmar. Bevor ich nach Sackstetten mußte, hab' ich Dietmar angezeigt. Bevor ich nach Sackstetten gemußt hab', hab' ich Dietmar, diesen Dreckskerl, noch schnell angezeigt. Dietmar, der Dreckskerl, der mich in Rainschloß vergewaltigt hat."

"Was?" Auf seinem Stuhl setzte Michael sich ruckartig besser zurecht. Großäugig blickte Michael Irene an. "Was, Irene? Von was redest du da?"

"Hast schon richtig gehört, Michael. Hast alles ganz genau richtig verstanden. Ich hab' gesagt, daß Dietmar mich in Rainschloß vergewaltigt hat."

Den Blick, mit dem Irene Michael anschaute, wußte Michael nicht zu deuten.

"'Vergewaltigt'?" Michael war die Ungläubigkeit in Person. "He, was, 'ver-ge-wal-tigt'? Dieser Dietmar hat dich vergewaltigt?"

"Ganz genau! Hab' ich eben gesagt, Michael. Klar und deutlich." Kopfnicken Irenes. "In Rainschloß hat Michael mich vergewaltigt. In Rainschloß oben hat Dietmar mich vergewaltigt. Er, Dietmar, hat das gemacht. Mit mir gemacht. Eigentlich hatte Dietmar mir gefallen. Das nächste Wochenende, das wir zusammen verbracht haben, Dietmar und ich. Dann ist Dietmar aber plötzlich gemein zu mir geworden. So gemein ..." Aus ihrer großen Handtasche holte Irene ein Päckchen Papiertaschentücher, zog eines der papiernen Tücher heraus, tupfte sich mit ihm unter den Augen. "In Rainschloß oben. Einsamer Parkplatz. Da. Auf dem Parkplatz im Auto ist Dietmar über mich hergefallen ... Dietmar, das Arschloch, das wollte sich von mir nicht mehr länger hinhalten lassen. Dietmar wollte, und Dietmar wollte nicht länger warten. Auf irgendwas warten ... Weil wir gerade noch so lustig zusammen waren, dachte sich Dietmar ... Dietmar wollte es, daß wir ... Und ich, ich wollte das aber nicht ... Dietmar hat nicht aufhören mögen. Weil er wollte, ich aber nicht gewollt hab', hat Dietmar mich einfach genommen. Mit Gewalt. Hat sich mich vorgenommen ... Hat ... Hat ... Bis Dietmar fertig war."

Auf Klein Tanja starrte Michael hinüber.

Auf ihrem Sitzplatz wirkte Klein Tanja sehr in sich gekehrt, beinahe versunken. Die Wangen Klein Tanjas wirkten kreidebleich, während Klein Tanja blicklos vor sich hinguckte.

 

"Schon 'ne Geschichte", plapperte es aus Michael heraus.

"Im 'Quarz' hab' ich Dietmar kennengelernt gehabt", erzählte Irene wieder drauflos. "An der Bar. Dietmar war nett. Konnte gut mit Dietmar reden. Dietmar hat gesagt, er wär beruflich auf Reisen. Ein Handelsreisender eben, das war Dietmar. Dietmar hat zu mir gemeint, er wär wieder unverheiratet. Scheiden hätte er sich lassen. Vor knapp einem Jahr. Alles aber gelogen. Gelogen von Dietmar. Alles nur Lügen Dietmars. Das hab' ich damals gesehen, als ich einmal zufällig in Dietmars Brieftasche herumgekramt hab'. Die Brieftasche hatte Dietmar nämlich an der Bar des Hotels liegenlassen, als er aufs Klo ist. Bildchen von zwei Kindern und der Ehefrau, die habe ich gesehen ... Das Foto war einen Monat zuvor aufgenommen, Datum war gut zu lesen hinten drauf ... Hat mich aber da nicht das geringste gestört, daß Dietmar mich angelogen hatte. Gut, hab' ich mir gedacht, wenn Dietmar mich liebt, kann er seine Frau und seine Kinder auch verlassen. Wenn Dietmar mich wirklich liebt, verläßt er seine Frau und seine Kinder für mich. Wenn Dietmar mich liebt, kann er das noch regeln, seine Frau und seine Kinder zu verlassen. Mußte ich Dietmar nur ein wenig Zeit geben ... So ähnlich hat Dietmar Zippo geschaut, Michael. Als wär Dietmar vom Zippo ein Bruder ... Kennst du Zippo, Michael?"

"Den seh' ich meistens, wenn ich ins Café Kochta reinkomme", meinte Michael mal zu Irene. "Nur, so rein persönlich, richtig persönlich kennen tun wir uns nicht, Zippo und ich. Eigentlich kenn' ich Zippo eher nur quasi vom Gesicht her ... Schon seit Jahren. Seit Jahren ... Hm, eigentlich hat Zippo doch vorhin noch hier im Café gesessen, als du mit deiner Tochter Tanja reingekommen bist, Irene ... Du hast doch mit den Leuten da geredet, wenn ich mich recht erinner'. Auch mit Zippo, glaub' ich ..."

 

"Zippo ist meine große Liebe", unterrichtete Irene mit einer gewissen Leidesmiene. "Zippo ist die Liebe meines Lebens. Ich und Zippo waren zusammen. Ich kann Zippo nicht vergessen ..."

"Ach was!" entfuhr es Michael. "Bis vor ein paar Minuten hab' ich Zippo mit seiner neuen Alten noch dort vorne hocken gesehen, glaub' ich. Hast du nicht, als du mit Tanja vor zwei Stunden das erste Mal heute nachmittag hier reingekommen bist, mit Zippo ein paar Worte geredet? Ah, denk' mir, jede Sekunde, jede Sekunde kann Zippo wieder hier zurückkommen, Zippo, zusammen mit seiner Braut ... Die Schönste ist die nicht eben, eigentlich ..."

"Nein, Michael, das mit Zippo und mir ist - vorbei ...", machte Irene der kleinen Stille zwischen Michael und ihr ein Ende. "Das mit Zippo und mir ist - vorbei. Zippo und ich - das ... Zippo und ich, das geht nicht. Zippo und ich, das hat nicht hingehauen. Das ist nicht gutgegangen."

"Wenn ich mir die anschaue, mit der Zippo sich im Moment gerade so rumtreibt, weiß ich nicht, warum. Da würd' ich fast meinen, bei Zippo könntest du wieder gute Chancen haben, Irene. Mußt nur einen neuen Versuch starten." Michael winkte ab.

"Nein, nein, Michael, das mit Zippo und mir - das haut nicht hin. Es hat einmal nicht hingehauen, wird nicht hinhauen. Zippo und ich, das funktioniert nicht." Irene schneuzte sich ausgiebig in ihr Papiertaschentuch, griff nach der Zigarettenschachtel, um an ihr zu fingern, eine der Filter herauszuziehen.

"Was denn?" Kopfschütteln Michaels. "Ich sag' mal, Irene, die an der Seite Zippos, das ist nicht eben der heißeste Feger. Die Frischeste von allen ist die schon gar nicht. Wenn ich mich da an andere erinnere, mit denen ich Zippo schon geblickt hab' ... Bei denen, da konnt man bei der einen oder andern fast neidisch auf Zippo werden ... Aber die, die heute, jetzt und hier ... Da brech' ich mir nichts für ab. Echt nicht."

 Statt da was drauf zu sagen, rauchte Irene durch die Gegend.

 

Michael betrachtete Irene blinzelnd. Irenes gerade Nase, graue Augen, ihre schmalen Lippen, ihr dickes, fast borstenähnliches und irgendwie glanzloses Haar von dunkelblonder Färbung, zum Pferdeschwanz gebunden. Dieselbe Frisur, die Irenes Töchterlein Tanja hatte. Klein Tanja, von Natur aus kupferrothaarig.

"Wirklich, Michael, Dietmar hätte der Zwillingsbruder vom Zippo sein können", machte Irene die Bude neu auf. "Dietmar war nett. Eigentlich nett. So nett war der, da hätte kein Zippo mithalten können ... Ich wollte doch nur, mit Dietmar ... Nur noch mit Dietmar warten ... Warten wollte ich ... Nicht sofort Dietmar ranlassen, Michael, verstehst du? Mit Dietmar wollte ich das langsam angehen, mir Zeit lassen ... Erst ein paar Treffen, so Spaß. Küsse, so was. Kein Sex. Dann sind wir in Rainschloß in der Kasinobar gewesen. Danach wollten Dietmar und ich in die Disko. Sind zum Auto Dietmars. Und in seinem Auto ... Im Auto ... Im Auto haben Dietmar und ich geschmust. Dann hat Dietmar nicht mehr aufgehört. Hat nicht mehr aufhören wollen ... Nicht mehr aufhören wollen, an mir herumzufummeln. Nicht mehr aufgehört. Bis Dietmar über mich hergefallen ist. Dietmar hat mich, hat mich ... Hat mich genommen. Mich genommen. In seinem Auto auf dem verlassenen Parkplatz in Rainschloß hat Dietmar mich vergewaltigt. Vergewaltigt hat Dietmar mich ... Mich vergewaltigt. Vor zwei Jahren. Heute ist das bald zwei Jahre her. Vor einem Monat hab' ich das auf der Polizei angezeigt, daß Dietmar mich vergewaltigt hat. Eine Woche später, daß ich dann nach Sackstetten ..."

"Zwei Jahre ...?" Als hätte er sich eben frisch im tiefen, dunklen Wald mit ihr verlaufen, starrte Michael Irene an, blies die Wangen auf.

"Was denn, Michael?" erkundigte Irene sich. "Was ist denn? Was guckst du mich so blöde an?"

"Sag das noch mal", verlangte Michael. "Sag das noch mal Irene ..."

"Was denn? Was soll ich noch mal sagen?"

"Was du gesagt hast! Hast du 'zwei Jahre' gesagt? Wirklich, 'zwei Jahre' ...?"

"Zwei Jahre, ja." Irenes Kopfnicken. "Zwei Jahre ist das mal jetzt her. Was ist denn, Michael? Was denn?"

"'... 'zwei Jahre her' ...", echote Michael. Dann stand Michael der Mund offen, während er Irene anstarrte.

"Ja, vor zwei Jahren hat Dietmar mich nachts auf dem Parkplatz in Rainschloß vergewaltigt, nachdem wir aus der Kasinobar gekommen waren", wiederholte Irene Michael die Geschichte. "Vor zwei Jahren war das, Michael. Vor zwei Jahren."

 

"Meinst du das im Ernst, Irene?" Die Fassungslosigkeit in Person war Michael. "Das glaub' ich jetzt nicht, das. Zwei Jahre her ... Du wartest zwei Jahre, bis du zur Polizei gehst? Bis du bei der Polizei angezeigt hast, daß dieser Dietmar dich vergewaltigt hat? Was meint denn dein Anwalt dazu, Irene?"

"Vergewaltigung ist Vergewaltigung", antwortete Irene. "Auch wenn das zwei Jahre her ist. Es war richtig, daß ich Dietmar angezeigt hab'."

"Alles klar - Anwaltsgelaber. Ist auch ein Geschäft." Launig winkte Michael ab. "Aber, deine Erfolgsaussichten ...? Zwei Jahre, Irene - das ist da ungefähr wie etwas aus der Dinosaurierzeit. Erst nach zwei Jahren kommst du damit bei den Leuten daher, sagst mal, daß dieser Dietmar dich ... Denkst du, du hast in Echt heute noch eine Chance, das diesem Dietmar vors Bein zu stellen?"

"Ja! Klar doch! Weil's die Wahrheit ist, Michael." Empört schaute Irene aus, wegen Michaels Widerborstigkeit, Ungläubigkeit hinsichtlich ihrer Möglichkeiten. "Dietmar hat mich in Rainschloß vergewaltigt. Das habe ich der Polizei gesagt. Das weiß mein Anwalt ..."

"Wenn ich wo vergewaltigt werde, dann geh' ich entweder sofort zur Polizei oder zum Frauenarzt", brachte Michael es mal auf den einen Punkt. "Besser, ich geh' erst zum Arzt und dann zur Polizei. Und zwar: auf der Stelle. Solange alles frisch ist, was mir angetan worden ist. Den Polizisten, denen zeige ich den Wisch vom Arzt, der alles auflistet, was der Doktor bei der Untersuchung meiner Person an Verletzungen bei mir festgestellt hat. Vielleicht fotografiere ich mich noch oder lasse ich mich fotografieren, daß die Beamten, wer auch immer, ganz genau sehen, was alles mit mir angestellt worden ist."

Schweigen bei Irene. Mit zittriger Hand rauchte Irene ihre Zigarette zu Ende.

 

"Ich hab' das nicht gewußt!" brach es bei Irene aus, Irene, die zu weinen anfing, und zwar richtig zu weinen. "Ich hab' das nicht gewußt, daß man das kann, einen anzeigen, der einen zur Liebe zwingt."

"Nee!"

Ausgiebig schweifte Michaels Blick im nahezu leeren Café Kochta herum. Angenervt war Michael von Irene. Von allem.

Lediglich eine ältere Frau hockte momentan vorne an einem der Rundtische. Eine Tasse Kaffee und ein hübsch großes Tortenstück, das die Seniorin vor sich stehen hatte. Um es sich in wenigen Augenblicken munden zu lassen.

"Mutti, Mutti - gehen wir jetzt, bitte!" ließ Klein Tanja sich hören. "Bitte, Mutti, gehen wir hier raus. Gehen wir bitte, Mutti."

Tanja zog und riß bei Mutti Irene am Ärmel ihres schwarzen Long-Shirts, daß Irene die Zigarette aus den Fingern flutschte.

Auf der Tischplatte, daß der Glimmstengel landete, rollte. Aber nur kurz, dann hatte Irene ihn zurück zwischen Zeige- und Mittelfinger.

"Mutti, Mutti, du hast mir versprochen, daß du mir ein Spiel kaufst." Auf den Beinen stand Klein Tanja. "Weil ich wochenlang brav war, hast du gesagt, kaufst du mir ein Spiel. Bitte, bitte, Mutti - das Spiel kaufen wir jetzt. Du hast es versprochen, es mir zu kaufen."

"Klappe halten!" fauchte Irene wild. "Halt die blöde Klappe! Du sollst Ruhe geben, sag' ich dir, Tanja. Ruhe! Ruhe!"

"Mutti, ich möchte, daß wir jetzt hier rausgehen, das Spiel kaufen", zeigte Tanja sich unbeirrt, trotz des aggressiven Tonfalls Mutter Irenes. "Ich möchte, daß wir hier fortgehen. Ich möchte, daß du mir das Spiel kaufst. Du hast es versprochen, Mutti."

"Nein! Nein!" Knapp verfehlte die Glutpartie von Irenes Filter Tanjas Handrücken, Tanja, deren Hand auf dem Tisch auflag. Nicht viel, hätte sich das Brennende draufdrücken können. "Nein, sag' ich. Laß mich damit bloß in Frieden."

"Bitte, Mutti!" Der Gesichtsausdruck Tanjas war nahe der Verzweiflung.

"Nein, sag' ich. Laß mich damit in Frieden, Tanja. Wäre besser."

"Bitte, Mutti! Laß uns bitte hier weggehen, Mutti. Sofort. Gehen wir hier weg, ja? Wir kaufen das Spiel, ja? Du hast es mir aber doch versprochen. Du hast versprochen, daß du es mir kaufst."

"Was bildest du dir denn ein, Tanja?" Zweimal hintereinander sog Irene an der Zigarette, stieß sich den Rauch tief, tief die Lungenflügel runter. "Du siehst doch, Tanja, daß ich mich mit Michael hier unterhalte. Das siehst du, ja? Die Geschäfte, die haben noch ein paar Stunden offen. Wir werden dir dein doofes Spiel heute schon noch kaufen. Aber nicht jetzt."

"Bitte, Mutti! Bitte, Mutti!" Die Hände bockig vor der Brust verschränkt, daß Klein Tanja Irene, ihre Mutti, anbettelte.

 

Von Klein Tanja wandte Irene ihren Blick ab, starrte Michael an.

Offen erwiderte Michael Irenes Starren.

"Den ganzen lieben Tag heute hab' ich den Quälgeist am Hals", redete Irene Michael hin. "Seit ich daheim bin. Von der Früh bis in die Nacht sitzt die mir jetzt wieder auf der Pelle. Kein Mensch, der die mir für längere Zeit abnimmt."

"Das stimmt nicht, Mutti", widersprach Tanja Irene. "Das stimmt nicht, Mutti. Heute ist erst der erste Tag, daß wir uns wiedersehen. Die ganze letzte Zeit hat sich Oma um mich gekümmert. Oma hat sich um mich gekümmert. Zusammen mit Tante Else. Du warst ja nicht da. Du warst woanders ..."

"In Ordnung, Tanja. Stimmt schon, ja." Großzügig in der Geste gegenüber Tanja und mit einem Abwinken, daß Irene sich die nächste Kippe anzündete.

Eine Filter rauchte im Aschenbecher ganz alleine vor sich hin.

"Hör mal zu, Tanja, wir beide, wir gehen dann demnächst bald, dir ein Spiel zu kaufen. Aber jetzt gibst du erst mal noch ein bißchen Ruhe, ja? Bist ein liebes Mädchen, ja? Bist du ein liebes Mädchen, darf das Spiel auch was kosten. Haben wir uns verstanden?" Den Finger hob Irene für Klein Tanja.

 

Verdrossen beschaute sich Klein Tanja, die sich auf ihren Stuhl zurückgehockt hatte, ausgiebig Michaels Gesicht.

"Übermorgen bin ich auf eine Matinee eingeladen, Michael", teilte Irene mit wichtiger Miene mit, verfolgte den Themenwechsel. "Warst du schon mal auf einer Matinee?"

"Nicht daß ich wüßte!" Kopfschütteln bei Michael.

"Find' ich sehr schön, wenn man Leuten, die man lange kennt, was wert ist, man eine Einladung von ihnen kriegt." Mit zusammengekniffenen Augen fixierte Irene Michael wichtig. "Kennst du Lennie Reikard, Michael? Lennie Reikard, den bildenden Künstler, der in Mützendorf wohnt?"

"Nö, kenn' ich nicht", mußte Michael gestehen, den Mann nicht zu kennen. "Kenne keine 'bildenden Künstler'. 'Lennie Reikard', sagt mir nichts, der Name. 'Bildender Künstler' - hört sich nach einem amtlichen Beruf an."

"Ich dachte nur, Michael, es wäre möglich, daß du Lennie Reikard kennst." Zittrig die Hand, setzte Irene sich ihr Wasserglas an die Lippen, trank ein paar Schlucke. "Lennie Reikard ist einer der bekanntesten Künstler hier im Landkreis. In der ganzen Region. Lennie erstellt Büsten, fertigt Statuen. Und Lennie malt. Lennie malt surreale und abstrakte Bilder. Auch schöne Naturbilder. Akte. Bilder, die sich verkaufen, Michael. Bei Lennie Reikard zu einer Matinee eingeladen zu sein, das ist für jede, jeden ein Ding, sag' ich dir, Michael. Und Lennie Reikard hat mich schon öfters zu sich eingeladen. Zu privaten Parties. Lennie und ich, wir kennen uns eigentlich recht gut ..."

"Nee ...! Nie was von einem Lennie Reikard gehört." Mit einem Schulterzucken unterstrich Michael seine Unwissenheit, bezeigte damit überdies, wie gleichgültig ihm dieser Lennie Reikard und der ganze Rest war. "Der muß aber was können, wenn er, wie du sagst, was von sich verkauft. Wenn er Sachen verkaufen kann."

 

"Wie ist das eigentlich mit dir, Michael?" klangen Worte Irenes Michael auf. "Bist du auch ein Künstler, Michael? Machst du irgendwas? Irgendwas Künstlerisches? Oder tust du nur ... denken?"

"Was ...?" Beinahe war es Michael, Irene wollte ihm einen Gefühlsabsturz verpassen, ihn sogar kurz mal herabsetzen, klein machen, indem sie ihm einen Müllbeutel rüberreichte.

"Na, Michael, machst du was, was Künstlerisches? Oder denkst du nur ...? Denkst du nur so rum?"

"Ö ...?" kam es von Michael, der schon gerne genauer gewußt hätte, was Irene da mit "tust du nur so rumdenken?" meinte. Jedenfalls hörte sich alles in Michaels Ohren unübersichtlich an. Wie ein falsches Klingeln in den Ohren.

"Was ist, Michael?" blieb Irene in dem Dreh. "Sag was. Sag was Genaures. Was tust, machst du so den ganzen, lieben Tag? Beschäftigst du dich mit irgendwas? Irgendwas Künstlerischem?"

"Nö, Irene", gab Michael Irene zur Antwort.

"Dann denkst du nur ...?"

"Bin kein Künstler. Ein Künstler bin ich nicht. Nö! Was soll jetzt der Müll mit dem 'Denken', Irene?"

"Ich dachte nur ... Ich dachte nur, Michael ..."

Michael guckte auf Irene.

Mit dem Zeigefinger schnippte Irene einen dicken Brocken Zigarettenasche, der sich dort von ungefähr plaziert hatte, von Mitte der Tischfläche Richtung Michael.

 

"Ich jedenfalls, Michael, schreibe Gedichte ... Deswegen, deswegen bin ich bei Lennie Reikard eingeladen. Bin bei Lennie Reikard zu Gast."

Anscheinend sehr erfreut, Irene, über das Fragezeichen, das Irene aus Michaels Mienenspiel herauslas, setzte Irene hinterher: "Willst du mal ein paar Zeilen aus einem meiner Gedichte hören?" Ein erwartungsvoller, fragender Blick Irenes, der Michael wenig Widerspruch erlaubte. "Soll ich dir schnell etwas aus einem meiner Gedichte aus dem Kopf vortragen?"

 "Wenn du meinst, Irene ..." Michael kratzte sich mit dem Zeigefinger unter dem Kinn, während Irene ihn gespannt anschaute. "Laß mal dann mal was von dir hören ..."

"- 'In einem einsamen Raum bei Dunkelheit im Netz gefangen,/
weder tot noch lebendig bin in Starre ich Jahre so im Klebrigen gehangen;/
hilflos hoffte ich ewig auf Flucht, der Schwarzen Witwe zu entkommen,/
die an mir saugte, sich labte, mich nur schwächte - übergenug, übergenug hab' ich mitbekommen. Mitbekommen von ihr! Von ihr mitbekommen. -'

Na, gefällt dir die kleine Strophe, Michael? Ein Lied ..."

"Ö, ziemlich wortgewaltig", lobte Michael. "Aber düster. Schon düster. Düsteres Zeug. Bedeutungsschwanger. Hat das real was zu bedeuten? Hat das einen wahren Hintergrund?"

"Die 'Schwarze Witwe' ist meine Mutter", erläuterte Irene. "Ich hab' meine Mutter gehaßt. Gehaßt hab' ich meine Mutter. So was von gehaßt. Schon als ich noch ganz klein war, hab' ich meine Mutter gehaßt. Hab' sie gehaßt. Sie gehaßt. Für mich war meine Mutter die Pest. Ihre ewigen Verbote, ihre dauernden Schläge ... Das darf ich nicht, das darf ich schon gar nicht. Auf mich schreit sie herunter ... Am liebsten würd' ich meine Mutter heut' noch umbringen. Als ich vierzehn war, hab' ich mit einer großen Schere nach meiner Mutter gestochen. Nach ihr gestochen. Ein wenig tiefer - der Stich hätt' nicht die Stelle an der Schulter, sondern ihr Herz erwischt. Das Herz meiner Mutter. Dann wär sie vielleicht tot gewesen, meine Mutter, hätt' ich sie besser getroffen. Tot. Weil ich das mit der Schere getan hab', hat meine Mutter mich weggeschickt, hergegeben. Mußte in ein Internat. Drei Jahre war ich auf dem Internat ..."

 

"Keine schöne Geschichte", warf Michael hin, nachdem sich die Stille am Tisch gedehnt hatte.

"Der Haß auf meine Mutter ist mir geblieben", sagte Irene dumpf. "Dieser Haß. Dieser fürchterliche Haß ... Wirklich fürchterlich. Wegen dem Haß war ich schon öfters beim Psychiater. Weil mein Haß immer noch so groß ist. Nach all den Jahren. Weil ich von dem Haß nicht loskomme. Heute noch. Alles ist so stark. Jahre ist meine Mutter tot, so viele Jahre. Aber, mein Haß ... Mein Haß ist so, so ... Das darf im Grunde eigentlich nicht sein."

Eine neue Runde Schweigen am Rundtisch.

Michael blinzelte auf die Zigarettenschachtel Irenes hinüber, eine Marke, die er auch schon geraucht hatte. Früher.

Seine Fingernägel begutachtete Michael, Fingernägel, die sauber waren. Nichts Schwarzes drunter.

 

"Lennie möchte unbedingt, daß ich zu der Matinee komme", kehrte Irene zu dem Thema "Lennie Reikard" zurück. "Vielleicht erfahre ich dort etwas. Erfahre, ob etwas von mir veröffentlicht wird. Lennie ist ein alter Geheimniskrämer, will nicht damit rüberkommen. Will's mir nicht geradeheraus am Telefon sagen, obwohl ich Lennie danach gefragt hab'. Wenn Lennie und ich uns sehen, ich Lennie auf der Matinee begegne, wird Lennie mir was sagen müssen."

"He, was von dir wird veröffentlicht?" rief Michael fragend aus. "Aber hallo, Irene! Dann wirst du ja demnächst berühmt sein. Eine berühmte Frau. Ob du dann einen wie mich noch kennen wirst, wenn wir uns mal wieder sehen? Wenn du berühmt bist. Könnt sein, daß du das nächstemal, wenn wir uns wiedersehen, über mich drüberschaust. An mir vorbei. Oder durch mich durch. Mich nicht mal im Ansatz grüßt. Weil du mich nicht mehr kennst ..."

"Ach was!" Gereizt drückte Irene ihre halb aufgerauchte Filterzigarette im Aschenbecher aus. "So weit sind wir noch lange nicht. Lange nicht. Bloß weil die dort ein, zwei Gedichte von dir in einem Sammelband abdrucken, den sie herausbringen, bist du keine Sorgen los. Hast keine Sorge weniger. Keine einzige."

"Der kleine Zeh in der Tür ist besser als die verschlossene Tür ...", griff Michael auf Weisheiten von sich zurück.

Kopfschütteln bei Irene. "Stimmt schon, Michael. Schon richtig."

"Also ..." Breit grinste Michael nach Irene hin.

"Eins geht mir gerade überhaupt nicht in den Kopf, Michael." Mit gerunzelter Stirn starrte Irene Michael in die Augen. "Das will mir nicht in den Kopf gehen, daß ich mich in dir getäuscht hätte. Ich meine, daß ich so bei dir daneben liege ... Will ich nicht glauben. Sag mal, Michael, was treibst du denn so den ganzen Tag?"

"Was soll ich denn treiben?" stellte Michael die Gegenfrage. "Was meinst du jetzt?"

"Nein, nein, Michael, jetzt bin ich enttäuscht", meinte Irene. "Dacht' wirklich, du wärst auch so ein Künstler. Auch ein Künstler. Du wärst auch einer, der sich mit Dingen beschäftigt. So wie Lennie. Das hab' ich echt von dir gedacht, Michael."

"Tut mir wirklich leid, Irene." Schulterzucken Michaels. "Ist nur nicht. Nichts Künstler. Male, zeichne nicht. Bildhauerei - nee! Schreibe auch keine Gedichte."

"Schade, ich dachte, das könnte die Richtung sein. Weil ..." Seltsam blickte Irene in irgendwelche Fernen. "Trotzdem, du bist nett, interessant. Würd' dich gerne besser kennenlernen, Michael."

"Wir kennen uns doch schon lange", leierte Michael in der Gegend herum. "Wir kennen uns eigentlich schon Jahre. Ganz schön lange, wenn man darüber nachdenkt. So, so lange. Eine Ewigkeit. Ist das nichts?"

"Nicht so. Nicht so, Michael." Mit den Fingern trommelte Irene auf die Tischplatte, wie gereizt, ungeduldig. "Hm, vielleicht war ich zu kurz mit dir zusammen, Michael. Damals. Ein bißchen zu kurz. Das ärgert mich heute. Komm, Michael, sag, was treibst du so die ganze Zeit? Glaub' nicht, daß du nur so rumhängst. Da kenn' ich andere. Ganz andere als dich. Die hängen rum. Hängen nur rum."

"Was wäre denn, wenn doch?" Die Augen ein schmaler Schlitz, betrachtete Michael Irene, Irene, die sich eine Zigarette anzündete. "Was wäre, Irene, wenn doch? Darf das doch, einfach nur rumhängen, oder? Ganz klar alles meine Sache, Irene. Oder bin ich dir irgendwie was schuldig, daß ich das nicht darf, einfach abhängen? Denke ich nicht. Nicht mal an diesem Tisch hocken bleiben mußt du ... An jeden andern kannst du dich setzen - jetzt sofort. Mit deiner Tochter zusammen."

 

Am Rauchen war Irene. Einen Zug nahm Irene von der Zigarette. Dann den nächsten.

"Mutti, Oma hat recht!" Die Stimme von Irenes kleiner Tochter Tanja, Klein Tanja, die sich ins Bewußtsein zurückbrachte; auch sie, daß weiter an dem Café-Kochta-Rundtisch herumhockte. "Ganz recht hat Oma. Du suchst dir immer nur die falschen Kerle, Mutti. Immer nur die falschen Kerle. Immer nur die Falschen suchst du dir aus. Immer die, die nichts taugen. Oder nichts haben. Das sagt übrigens nicht nur Omi, das sagt auch Tante Else. Tante Else sagt das auch. Dasselbe wie Oma."

"Tante Else ...?" erkundigte Irene sich mit hochgezogener Augenbraue. "Tante Else sagt das auch? Die sagt so was auch? Die sagt auch was?"

"Ja, Tante Else sagt das auch", antwortete Klein Tanja. "Dasselbe wie Oma sagt Tante Else. Tante Else sagt auch, sie weiß Bescheid. Ganz genau weiß sie Bescheid. Über dich."

"'Tante Else' ...", wiederholte Irene den Namen, als wäre der eine Obszönität. "Komm du mir nicht mit Tante Else, Tanja, mein kleines Baby. Nicht mit Tante Else, Tanja-Baby. Tante Else, was willst du denn mit der? Mit Tante Else, dieser alten, vertrockneten Jungfer, brauchst du mir nicht kommen. Kein Mensch weiß, warum Tante Else nicht seit ihrer Jugend im Kloster ist. Dort hätte sie ein Gelübde ablegen können ... Gefehlt hätte sie keinem. Mir nicht, dir nicht. Mann hat sie ohnehin keinen. Vielleicht nie einen gehabt ..."

"Tante Else hat gesagt, daß sie hofft, daß du, wenn du jetzt mit dem Saufen aufhörst, du auch mit dem Spinnen aufhörst. Mit dem Spinnen." Wild guckte Klein Tanja ihre Mutti an.

"Ach was?" entfuhr es Irene. "Das sagt die? Da hab' ich mit der alten Dame, deiner Oma, und Tante Else ja was zu bereden, wenn ich die wiedersehe. Heute noch. Oder morgen. Denen stopf' ich das Maul. Das Maul stopf' ich den beiden."

"Tante Else ist nett, Mutti", blieb Tanja auf Kurs Widerspruch. "Tante Else ist mit mir Eisessen gegangen. Ins Kino. Im Zirkus war ich mit Tante Else und Oma auch. In den Zirkus sind wir auch gegangen."

"Hat sich ja ganz schön was bei dir abgespielt, während ich weg war, Tanja." Ihre Zigarettenschachtel warf Irene in die Luft, fing sie auf. "Da haben sich welche was ganz schön was kosten lassen, daß sie bei dir vorndran sind, Tanjalein. Tante Else und Oma, statt nach ganz weit hinten, stellen sich bei dir ganz nach vorn. Was du mir da alles daherschwatzt, alle Achtung. Da haben sie dir was beigebracht, Tanja-lein. Was hat's denn Schönes im Kino gegeben?"

"'Räuber Hotzenplotz'", informierte Tanja. "Ich und Oma und Tante Else, wir waren im 'Räuber Hotzenplotz'."

"Eh, der 'Räuber Hotzenplotz' ...? Gibt's den in einer neuen Fassung? Könnten wir uns den nicht auch aus der Bibliothek ausleihen?"

"Stimmt. War schon ein älterer Film."

"Bist du dafür nicht schon ein bißchen zu groß, für den 'Räuber Hotzenplotz'?" erkundigte sich Irene bei Töchterchen Tanja. "Bei uns daheim schaust du gern mal bis spät in die Nacht Filme an. Bis spät in die Nacht. Und Filme dabei, die ... Die sind nicht erst ab sechs. Wie der 'Räuber Hotzenplotz'."

"War nicht schlecht, der Film. Auch wenn er schon älter war." Tanja nahm Irenes Wasserglas, nippte daran.

"Na, Tanjalein, das ist wirklich die Hauptsache. Wirklich die Hauptsache, daß er dir gefallen, dieser alte Film." Fahrig zündete Irene sich die nächste ihrer Kippen an. "Wenn Leute für dich Geld ausgeben - das steht bei dir sowieso an erster Stelle. Das ist hauptsächlich die Sache. Dann ist alles schön."

 

Das Halbliterwasserglas schob Tanja zu Mutter Irene hinüber, Mutter Irene, die Zigarette rauchte und vor sich hinstarrte.

"Was ist das denn genau, eine 'Matinee', Mutti?" war Tanja neugierig.

"Na, so eine Veranstaltung, bei der sich Künstler zum Plausch treffen", war Irenes Erwiderung. "Warum möchtest du das denn wissen, Tanja?"

"Weil du den Mann dort anlügst, Mutti!" Der Finger Tanjas deutete auf Michael. "Ich weiß nämlich nichts von einer 'Matinee'."

"Ach ...? Hast du nur nichts von mitbekommen, von der Einladung, Tanjalein. Du weißt nichts davon." Aus der Zigarettenpackung hatte Irene eine Filterzigarette gezogen, legte diese nahe der Tischmitte hin. Daß das Mundstück auf Michael zeigte.

Vielleicht, daß Michael, der Irene beobachtete, sie sich unwillkürlich, gedankenlos nähme, die Filter. Das rauchbare Einzelstück sich anzuzünden. Mit Irenes Feuerzeug.

"Gehst du denn auf die Matinee, Tanjalein?" Irene grinste Klein Tanja eins. "Nein. Das tust du nicht. Dort geht nur Mutti hin. Deine Mutti geht dort hin, alleine. Ohne dich. Außerdem ist's nicht meine erste Matinee. War schon auf ein paar Matinees."

"Du warst doch jetzt die ganze Zeit in Sackstetten. Die ganze Zeit. Und sonst redest du dauernd nur davon, wenn was ist, Mutti. Aber, davon hast du heute noch nichts gesagt. Seitdem du wieder daheim bist. Höre das jetzt heute zum ersten Mal ..."

Die Wangen Klein Tanjas waren scharf gerötet, und Klein Tanja hatte einen Glanz in den Augen.

"Daß bald eine Party oder diese 'Matinee' stattfindet, du redest sonst von nichts mehr anderem, Mutti. Aber ich, ich weiß da nichts von. Kein Sterbenswörtchen hast du heute von einer 'Matinee' gesagt. Nur jetzt, nur jetzt sprichst du plötzlich davon."

 

"Hab' die Einladung von Lennie schon gekriegt, ehe ich nach Sackstetten mußte. Zwei Abende zuvor war Lennie noch bei uns im Haus. Einnerst du dich, Tanjalein? Und dann hat Lennie mich am Vormittag drauf gegen halb elf angerufen - da warst du in der Schule. Gehst doch in die Schule, nicht wahr, Tanja-Baby?" Mit dem Zeigefinger schnippte Irene die auf den Tisch gelegte Filter weg, daß die linker Hand von Michael von der Tischplatte flog.

Klein Tanja hielt den Mund.

"Mann, Mann, Tanjalein! Bin nur noch nicht dazu gekommen, viel davon zu sprechen. O ja."

Klein Tanja beguckte sich ihre Mutter mit zusammengekniffenen Lippen.

"Mensch, das war Streß, das in Sackstetten. Wochenlang Streß. Heut' bin ich aber aus Sackstetten draußen, liebe Tanja. Ich kann also auf die Matinee bei Lennie Reikard gehen. Mich mit Lennie treffen. Deine Mutti geht auf die Matinee bei Lennie, Tanja-Baby, du nicht. Du bleibst schön daheim, mein Baby. Schaust vielleicht nur ein bißchen fern, wenn du die Fernbedienung findest. Oder tust sonst Dinge, wenn was funktioniert. Während ich bei Lennie Reikard bin, mich bei Lennie Reikard mit netten, interessanten Leuten unterhalte."

 

"Mag den nicht, diesen Lennie", eröffnete Tanja schroff der Welt. "'Onkel Lennie' - pah! Onkel ist der keiner von mir. Lange nicht. Aber ich soll 'Onkel' zu ihm sagen. Ich sag' 'Onkel' zu ihm, weil du das willst, Mutti. Und, 'Onkel Lennie' stinkt aus dem Mund. Daß du das nicht riechst, Mutti, daß Onkel Lennie aus dem Mund stinkt? Onkel Lennie stinkt aus dem Mund, und Onkel Lennie zwickt. Das letzte Mal hat Onkel Lennie mich dauernd gezwickt. Mußte sogar aus dem Haus rauslaufen, weil Onkel Lennie mich dauernd nur zwicken wollte. War nur hinter mir her, um mich zu zwicken. Wo Onkel Lennie mich erwischt hat, hat Onkel Lennie mich gezwickt."

"Nein, nein, Tanja - damit hörst du jetzt hier sofort auf!" Nun war Irene entrüstet wegen dem, was Tochter Tanja ihr an dem Ort daherbrachte, "Onkel Lennie" betreffend. "Sofort hörst du auf, so was daherzureden. Onkel Lennie stinkt nicht aus dem Mund, Tanja. Und Onkel Lennie zwickt auch nicht. Das hör' ich heute von dir alles zum ersten Mal. Das hör' ich heute überhaupt alles zum ersten Mal von dir."

"Stimmt aber!" blieb Klein Tanja dabei. "Onkel Lennie sollte sich mal mehr die Zähne putzen. Wie ich. Onkel Lennie, er stinkt aus dem Mund. Onkel Lennie stinkt aus dem Mund. Und ständig busselt Onkel Lennie mir die Wangen her, auch auf die Lippen. Und stinkt dabei aus dem Mund. Onkel Lennie hat mich, als er das letztemal bei uns war, wirklich nur gezwickt, immer nur gezwickt. Wenn ich näher an ihn ranmußte, hat Onkel Lennie gezwickt. Und dann mußte ich auch noch wieder ins Haus zurückkommen, bei Onkel Lennie sitzen."

"Warum sagst du so was, Tanjalein? Daß Lennie dich immer nur gezwickt hätte ... - alles hör' ich heut' zum ersten Mal. Alles hör' ich heut' zum ersten Mal von dir, Tanja. Stimmt wohl auch alles nicht. Du lügst. Alles, was du hier den Leuten redest, mitteilst, das stimmt nicht. Eine Lüge." Gereizt verdrehte Irene die Augen zur Raumdecke, als hätte Irene unbestimmte Gedanken, sich Dinge für später aufzuheben, was Klein Tanja anging.

"Und ob ich das erzählt hab'! Hab' das mehrmals erzählt, daß Onkel Lennie mich immer anhält und busselt. Hab' dir gesagt, daß Lennie mich zwickt, weil ich bei ihm nicht dableiben mag, mich ruhigverhalten. Aber du magst in der Küche nichts davon hören, Mutti. Du hörst nie was, wenn ich was von Onkel Lennie sag'. Und daß Onkel Lennie aus dem Mund stinkt, das mußt du doch selber merken. Dich busselt Onkel Lennie noch viel mehr als mich, Mutti. Faßt dich an ... Viel mehr, als er mich anfaßt." Großäugig glotzte Tanja ihre Mutter Irene an. "Onkel Lennie stinkt doch aus Mund! Immer stinkt Onkel Lennie nur aus dem Mund, wenn er busselt ..."

"Hör sofort auf damit, Tanja!" Am Stuhl hatte Irene sich zurechtgesetzt, als könnte sie jede Sekunde hochspringen. "Was du hier bloß alles daherredest, ich kann's nicht fassen. Stimmt doch alles gar nicht! Und bestimmt ist nichts so, wie du das erzählst. Nichts ist, wie du das hier sagst. Meine Güte! Meine Güte, Tanja!"

"Und ob das stimmt, was ich sage! Ich bin keine Lügnerin. Bestimmt keine Lügnerin."

 

Länger fixierte Irene ihr kleines Mädchen Tanja mit den Augen.

"Das stimmt alles, was ich sage, Mutti!"

Den Kopf schüttelte Irene zu ihrer kleinen Tochter Tanja hin. "Tsts, Tanja!"

"Und ob das stimmt! Onkel Lennie stinkt aus dem Mund. Und Onkel Lennie zwickt mich, weil ich nicht stehenbleibe, wenn er sagt, daß ich stehenbleiben soll ... Ich bleib' nicht bei ihm stehen, also kommt er hinter mir her, um mich zu zwicken ..."

Lächelnd wandte Irene sich Michael zu. "Bitte, Michael, hast du nicht gesehen, daß mir vorhin die Zigarette vom Tisch runtergerollt ist. Hätt' gedacht, du hebst mir die Zigarette sofort auf. Hast du bisher nicht gemacht. Würdest du mir die Zigarette bitte aufheben, Michael. Wäre sehr nett, ja? Leider ist sie auf deiner Seite drüben gelandet ... Rechts von mir, muß bei dir links sein. Wenn du so lieb wärst, Michael. Bitte!"

"Klar heb' ich die Zigarette für dich auf, Irene", erklärte Michael.

Nachdem er die Filterzigarette beim Herumschauen nicht sofort bei seinem Cafe-Kochta-Stuhl entdeckte, beugte Michael sich unter den Rundtisch.

Durch irgendwelche geheimnisvolle Umstände war der Glimmstengel Irenes in die Nähe des Standfußes des Tisches gerollert.

Seufzend streckte Michael den Arm dorthin, faßte mit zwei Fingern nach dem rauchbaren Teil.

Tanjas Kniescheiben fielen Michael ins Auge. Eine weiße Feinrippstrumpfhose hatte Tanja an den Beinen an.

Ziemlich die Oberschenkel war Tanja ihr dünner Blümchensommerrock hochgerutscht.

Die Beine hatte Tanja im Sitzen hübsch weit auseinander. Reichte überallhin, daß sich das Schauen für Michael lohnte.

Alles alles andere als blickdicht, die Strumpfhose. Deutlich für Michael der weiße Slip unter der maschinellen Strickstrumpfhose. Unter dem Slip, daß sich sogar Dunkleres abzeichnete ...

 

Blitzartig kam Michael die Tatsache zu Bewußtsein, daß das dauerte, daß er wegen der lapidaren Filter Irenes unterm Tisch herumsuchte; droben herrschte zwischen Mutter und Tochter außerdem eine fiese Funkstille.

Nach rückwärts ruckte Michael und hoch, haute sich den Hinterkopf gegen die Tischkante, daß es ein Glück war, daß am Tisch alle Gläser gut leergetrunken waren und keines umfiel.

"Aua!" meinte Irene.

Auf seinem Café-Kochta-Stuhl richtete Michael den Oberkörper wieder zur vollen Sitzhöhe auf, langte Irene ihr Stück Zigarette hinüber.

"Danke, Michael!" sprach Irene Michael Nettigkeit, nickte.

"Bitte!" gab Michael höflich zurück.

 

"Du magst Lennie nicht leiden, Tanja-lein ..." Keine Frage Irenes an Klein Tanja, eher eine Feststellung. "Aber Michael, Michael hier, Michael, den magst du? Michael, den magst du, oder was?"

"Nein, mag Michael nicht", widersprach Tanja freimütig. "Mag Michael nicht. Warum soll ich den Mann dort mögen, Mutti? Kenn' den doch nicht. Kenn' ihn nicht das bißchen. Das ist bloß ein Bekannter von dir. Doch bloß ein weiterer Bekannter von dir."

"Aber, Tanja-lein, der Mann beugt sich unter den Tisch ... Du mußt die Beine nicht überschlagen, wenn der Mann mal unterm Tisch abtaucht, oder was?" Die Lippen schürzte Irene, beschaute sich Klein Tanja distanziert. "Wie du wieder dasitzen mußt! Ich an deiner Stelle würd' die Beine gleich noch ein paar Meter weiter auseinandermachen. Ganz weit auseinander. Dann paßt alles richtig."

Unverständnis war im Gesicht Tanjas abzulesen.

"He, hörst schon richtig, Tanjalein! Wie du dahockst, Tanjalein - schickt sich das denn für ein Mädchen?" beharrte Mutter Irene auf ihrem Standpunkt. "Locker läßt du dich mal von Michael zwischen den Beinen fotografieren. Nichts tust du dagegen. Sagst aber, du magst den fremden Mann nicht. Du magst Michael nicht leiden."

"Er hat keinen Fotoapparat, er hat mich nicht fotografiert", verstand Klein Tanja Mutti Irene anscheinend nicht recht.

"Menschenskind, Tanjalein, du trägst doch heute keine Jeans. Sondern einen Rock und eine dünne, weiße Strumpfhose. Alles ziemlich durchsichtig. Kann man drunter durchsehen, was du drunter anhast. Wie du dagesessen bist, Tanja-Baby ... Als willst du dir heut' noch den Kerl aufreißen, Tanjalein. Etwa Michael. Willst dir Michael auftun, für ..." Auf Michael deutete der Finger Irenes. "Wissen wir ja noch nicht, ob Michael aus dem Mund stinkt. Wie du das von Onkel Lennie sagst. Vielleicht möchtest du von Michael erfahren, ob Michael auch aus dem Mund stinkt. Nicht nur, wie Michael küßt, nicht wahr?"

 

Die Lippen wie zum Kuß gespitzt, stellte sich Klein Tanja auf die Füße. Mit weit aufgerissenen Augen glotzte Klein Tanja auf ihre Mutti.

"Stell dir vor, Tanjalein, Michael da, der könnt' jetzt denken, du hast die Beine extra für ihn auseinandergemacht, als er unter dem Tisch abgetaucht ist ...", setzte Irene fort. "Ich glaub' auch sogar, du stellst dir was vor, Tanjalein. Du stellst dir was vor. Mit Michael da stellst du dir was vor, Tanjalein ..."

"Tu' ich nicht!" entfuhr Klein Tanja erbost.

Genußvoll zündete Irene sich die nächste Zigarette an, sog sich den Rauch tief in die Lungen hinunter. Absolute Lungenbombe. Irene: "Glaub' ich doch, Tanjalein. Glaub', du stellst dir da was vor. Etwas mit Michael. Daß Michael - und du ... Du stellst dir vor, du küßt Michael, Tanjalein ... Michael und du, Tanjalein, ihr küßt euch. Ihr beiden küßt euch ..."

"Das ist nicht wahr, Mutti!" Hörbar die Empörung in Tanjas Stimme. "Was du sagst, das stimmt nicht, Mutti!"

"Doch!"

"Nein!"

"Doch!"

"Du hast die Beine extra für Michael noch weiter auseinandergemacht, Tanja-lein."

"Nein! Hab' ich nicht gemacht. Hab' ich nicht gemacht. Du weißt, daß ich die Beine nicht auseinandergemacht hab'. Daß ich mich nicht bewegt hab'. Daß ich schon vorher so gesessen bin."

"Wart mal, Tanja-lein, ich denk' mal nach ..." Schulterzucken Irenes, die mit einem neuen Zug ihre Zigarette kürzte. "In Ordnung, du hast dich nicht viel bewegt. Gut, war falsch, was ich vorhin zu dir gesagt hab'. Aber trotzdem, Tanjalein, trotzdem ... So zu sitzen, so sitzenzubleiben ... Ja, da mußt du dich nicht viel bewegen. Dann aber zu mir zu sagen, daß du Michael nicht magst ..."

Tanja, die tief rote Wangenflecken herzeigte, hockte sich auf ihren Stuhl zurück. Der Mund stand Tanja offen.

 

"So, Tanja-lein!" durchbrach Irene die Stille zwischen den Anwesenden am Café-Kochta-Rundtisch wieder, winkte ab. "Stimmt schon. Doch, stimmt schon. Die Beine hast du nicht extra weiter auseinandergemacht. Klaro, das stimmt. Das hab' ich falsch rübergebracht. Worüber wir uns aber unterhalten, Tanja-lein, ist, ist, daß du alles so gelassen hast, wie's war. Du hast alles so gelassen, wie's war, obwohl du gesehen hast, daß Michael ... Daß Michael den Tisch runtertaucht ... Und Michael, der hat dir dazwischen hineingesehen ... Dir zwischen hinein. Ganz genau! Du bist schon ein großes Mädchen, Tanjalein. Schon ein großes Mädchen bist du. Ganz genau weißt du, wie du's anstellen mußt, daß ein Kerl spitz auf dich wird. Einer wie Michael. Du willst Michael mal anspitzen, Tanjalein. Hab' ich nicht recht, Tanjalein?"

"Du bist selber spitz, Mutti!" Mit beiden Händen faßte Tanja unterhalb den Schultergegenden Irenes schwarzes Long-Shirt, zog es im Nu nach unten. Der Welt präsentierte Klein Tanja Mutti Irenes große, feste Brüste, "big eyed beans from venus". "Selber bist du spitz, Mutti!"

"Tan-ja liebt Mi-cha-el, Tan-ja-lein liebt Mi-cha-el, Mi-cha-el", sang Irene ziemlich laut ins Café-Rund, Irene, die das Derangierte ihrer Oberkörperbekleidung eiligst wieder ungefähr in die ursprüngliche Position brachte. "Tan-ja liebt Mi-cha-el! Tan-ja liebt Mi-cha-el! Tanja liebt Michael!"

Die rothaarige Tanja sprang vom Stuhl auf. Eher mädchenhaft saft- und kraftlos patschte die rothaarige Tanja mit der flachen Hand von oben nach unten nach Irene.

Kaum ernst nehmbaren Maulschellen ihrer kleinen Tochter Tanja ausweichend, daß Irene sich rückwärts zu Michael hinüberlegte, den Hinterkopf bei Michael fast im Schoß plazierte, während Irenes volle Brüste, die Michael neuerlich zum Vorschein kamen, prall und drall zur Raumdecke hinaufzeigten.

 

Abrupt hörte Tanja mit dem Patscher-Stuß bei ihrer Mutti auf, hockte sich mit trotziger Miene auf ihren Café-Kochta-Stuhl.

Kurz noch mal starrte Tanja Michael mit rotfleckigen Wangen, zornigem Gesichtsausdruck ins Gesicht, dann hüpfte Klein Tanja vom Stuhl hoch.

"Du bist eine blöde Kuh, Mutti!" gellte Tanja. "Eine blöde Kuh bist du, Mutti!"

Im Stand warf Klein Tanja sich herum, rannte vom Rundtisch Michaels davon.

Richtung erste Tische im Café Kochta lief Klein Tanja und weiter.

Wie es für Michael aussah, der Klein Tanjas Rückansicht hinterhersah, gab es für alles im Moment nur einen Schluß: Der ganzen Szene im Café Kochta floh Klein Tanja.

 

Einige lange Sekunden, daß Michael in der Folgezeit lediglich das Bleiche der Wand gegenüber beguckte. Schließlich wandte Michael sich wieder Irene zu. Der Betrachtung Irenes, Klein Tanjas Mutti.

 Mit leerem Blick stierte Irene vor sich hin.

Aus einem Nasenloch, daß Irene tatsächlich Blut herausrann. Irene über die Lippen, hinunter zum Kinnwinkel.

Blutige Soße tropfte von dort auf die Tischfläche.

Eine schmale blutige Schramme hatte Irene über der rechten Augenbraue, wohl von einem langen, scharfen Fingernagel ihrer kleinen Tochter Tanja.

Auf unbestimmte Weise, daß Irene mehr von Klein Tanja abgekriegt hatte, als die Kleinigkeit, nach der es ursprünglich aussah.

 

Laufen ließ Irene die Blutsoße aus dem einen Nasenloch. Tropfen für Tropfen platschte auf den Tisch herab.

Nicht das geringste, das Irene dagegen unternahm. Das einzige, was Irene tat, war, ihr Long-Shirt hoch- und zurechtzuziehen, ihre drallen Brustumfänge, die teilweise sichtbar blieben, wieder vollends zu bedecken.

"Geh' dann besser", vernahm Michael unvermittelt von Irene, nachdem diese sich mit dem Papiertaschentuch aus der Packung, die Irene schließlich aus ihrer übergroßen schwarzen Handtasche geholt hatte, Blut unter der Nase, von den Lippen fortwischte. "Mal sehen, ob ich Tanja noch auf der Straße finde. Oder in einem der Geschäfte."

"Wirst sie schon irgendwo wiederfinden", säuselte Michael ohne viel innerer Beteiligung. "Wirst Tanja schon irgendwo finden, denke ich."

"Ja, das werd' ich sicher." Kopfnickend packte Irene am Rundtisch ihr Zeug zusammen, wischte wegen dem Blut mit zwei weiteren zusammengeknüllten papiernen Tüchern auf der Tischfläche bei sich.

"Irgendwo wird Tanja schon sein, Irene. Das bin ich mir sicher."

"Also, Michael, dann geh' ich dann schnell mal. Geh schnell Tanja-Baby suchen. Tschau, Michael!"

"Tschau, Irene!"

 

Ruckartig hievte Irene sich auf die Beine hoch.

Noch mal nickte Irene mit der schlecht vom Blut gesäuberten, verwischten unteren Gesichtshälfte zu Michael hinunter. Dann schaffte Irene sich in Bewegung, marschierte, ohne groß von wem irgendwo beachtet zu werden, den Zwischengang zwischen den parallel stehenden Rundtischen hoch.

Im Nu war Irene Michael entschwunden, Irene aus dem Café Kochta draußen.

 

Eine Reihe Leute befanden sich momentan im Café, einige, die die Szenen bei Michael am Tisch mitbekommen haben mußten, sich jetzt um anderes kümmerten.

Auch Andie Kochta war nicht unsichtbar.

Andie Kochta saß vorne einsam am runden Tisch, begutachtete die Fingernägel seiner Hand. Als wäre Andie Kochta nachdenklich. Würde über etwas nachdenken.

Mit einem Papiertaschentuch aus dem Aschenbecher, auf das er ein klein wenig Wasser aus seinem Halbliterglas geträufelt hatte, machte Michael Blutschmiere, die Irene gelassen hatte, von ungefähr von der Tischoberfläche weg.

Michael überlegte, aus dem Klo ein paar Trockentücher zu holen.

Sogar am gefliesten Fußboden unten waren verschiedenste Blutstropfen. Kleinere, größere.

 

Was Michael jedoch am allermeisten Ärger verursachte, war, daß er entdeckte, daß ihm aus einem unerfindlichen Grund ein ziemlich dicker Tropfen Blut Mitte Schienbein auf seine Jeans geplatscht war.

Als sollte ihm, Michael, ein Andenken bleiben.

 

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