d./ "Auch eine Art Ueberfall"
Irene und Tanja: Klappe drei
Eigentlich hatte Michael aus dem Café Kochta fortgehen wollen. Irene hatte, ihre Tochter Tanja an der Hand haltend, Michael ganz knapp erwischt, als Michael am Hinaus- und Fortgehen war. Und jetzt waren bereits wieder neue Getränke serviert, Andie Kochta hatte den Abgang gemacht.
Irene und Michael tranken, wie früher schon, Mineralwasser im Halbliterbierglas. Klein Tanja hatte sich Tee bringen lassen, Früchtetee.
"Schön, daß du noch im Café Kochta bleibst, Michael", wiederholte Irene zu Michael hinüber. "Bei dem schönen Wetter ..."
"Mutti, ich mag das nicht", quengelte Klein Tanja sich weiter voran. "Ich mag das nicht, Mutti. Ich mag das einfach nicht."
"Warum denn nicht, Tanjalein? Was ist denn daran nicht schön?"
Das DIN-A5 große, dünne Malheftlein für Kleinstkinder, das Klein Tanja zur Hand genommen hatte, schleuderte Klein Tanja mit einem Seitwärtsschwung aus dem Handgelenk, daß das kleine Heft so eben noch knapp am gegenüberliegenden Tischrand bei Michael zu liegen kam.
"Etwas anderes ist nicht als Kundengeschenk auf der Sparkasse ausgelegen." Schulterzucken bei Irene. "Das ist besser als nichts, Tanja-Baby. Ich hätt' dir auch überhaupt nichts mit hinausbringen können. Dann hättest du jetzt nichts."
"Du hast mir das versprochen, daß ich mir was wünschen darf, was du mir kaufen wirst, Mutti", sang Tanja ihr Lied, das die Wartezeit auf Andie Kochta vertrieben hatte. Rechter Hand von Mutti Irene sitzend, stampfte Tanja mit dem Fuß auf. "Weil ich brav war, hast du gesagt, daß du mir was kaufst. Weil ich die Wochen bei Oma brav war, krieg' ich was Schönes von dir. Du hast es mir versprochen. Du hast es versprochen."
"Ach, gib doch Ruhe!" Die erste ihrer Zigaretten aus einer neuen, von der Plastikhülle befreiten Zigarettenschachtel, die Irene sich anzündete.
Eine mit weißem Filter. Eine Frauenzigarette; dünn und lang.
Keine Marke aus dem Allerweltszigarettenautomaten, sondern eine, die man sich in einem Zigarrenladen besorgen mußte.
"Mutti, ich möchte, daß wir zu Kiermeier rübergehen", verlangte Tanja. "Ich möchte, daß wir sofort zu Kiermeier rübergehen. Du kaufst mir das neue 'Drachenflug Teil III'. Du hast es mir versprochen, daß ich mir was wünschen darf. Und ich wünsche mir 'Drachenflug Teil III'. Daß du mir das Spiel kaufst."
"Mach' ich nicht, nein", versetzte Irene. "Heute nicht. Da mußt du warten, bis dein Kindergeld auf dem Konto von dir droben ist. Dacht', es wär oben. War es aber nicht. Tut mir leid! Mußt du eben Geduld haben. Noch ein bißchen Geduld."
"Aber für dich - für dich, für dich hast du Geld", giftete Klein Tanja. "Für dich holst du Geld, Geld vom Sparbuch. Für dich hebst du Geld ab. Für dich. Da hast du Geld. Für dich kaufst du ein teures Kleid und gehst in das Tabakgeschäft, zahlst eine Stange teurer Zigaretten. Mit weißen Filtern."
"Mußt' ich doch, mir was Neues kaufen." Herausfordernd strich Irene sich in der Bauchgegend über ihr neues himbeerrotes Art Sackkleid mit V-Ausschnitt, eins, das Irenes Oberweite prächtig zur Geltung brachte. "Wer hat mich denn auf die Nase gehauen? Überall hatt' ich mich vollgeblutet. Konnt' mich doch so nirgends mehr sehen lassen, oder? Und - hab' ich dir nicht auch was gekauft? Die Strumpfhose, Tanjalein ... Schau hin, Michael - Tanja hat eine neue Strumpfhose an!"
Am Rundtisch guckte Michael nach rechts ums Eck herum, guckte nach Klein Tanjas Beinen.
Es stimmte: Statt ihrer weißen Strick- trug Klein Tanja nun eine transparente himbeerrotfarbene Feinstrumpfhose.
Die Gedanken Michaels konstatierten, daß das bei Klein Tanja einfach üblich zu sein schien, daß ihr im Sitzen der eigentlich ausreichend lange Blümchenrock zur Mitte der Oberschenkel hochrutschte. Außerdem gewährte Klein Tanja Einblicke da zwischenrein.
"Ein Sonderangebot, Mutti. Ein Sonderangebot, die Strumpfhose. Pah!" Das hübsche Gesichtlein Tanjas präsentierte sich als die reinste Ausgeburt an Unzufriedenheit. "Was du anhast, Mutti, war kein Sonderangebot. War tausendmal so teuer. Tausendmal."
"Wenn ich auf die Künstler-Matinee gehen will, muß ich mir was Schönes zum Anziehen kaufen, Tanjalein", erklärte Irene, rauchte fahrig.
"Ich will das Spiel, Mutti, das du mir versprochen hast." Das mit dem Aufstampfen mit dem Fuß wiederholte sich bei Klein Tanja. "'Drachenflug Teil III', das Spiel will ich. Du hast versprochen, mir 'Drachenflug Teil III' zu kaufen. Du hast es versprochen, Mutti. Du hast gesagt, daß ich 'Drachenflug Teil III' heute kriege. So teuer wie dein Kleid war, hättest du mir 'Drachenflug Teil III' dreißigmal kaufen können. Wär' ich bloß in das Taxi eingestiegen, wäre zu Oma heimgefahren ... Aber du - du hast mich gefunden. Du hast mich finden müssen. Und ich war so doof, hab' mich überreden lassen, wieder mit dir mitzugehn. Wär' jetzt echt längst wieder bei Oma draußen, statt bei dir, bei dir hier ..."
"Wenn ich kurz mal scharf drüber nachdenk', Tanjalein, glaub' ich nicht, daß du 'Drachenflug Teil III' kriegst, wenn du zu Oma fährst." Sinnend betrachtete Irene Tanja, ihre Tochter. "Von Tante Else kriegst du das Spiel schon überhaupt nicht. Oma, Tante Else, da kannst du dir das Spiel knicken. Weißt du, Michael, was Tanjalein mir vorhin erzählt hat?"
"Keine Ahnung, Irene", plapperte Michael, der, von Irene wahrgenommen, als Anwesender am Tisch zurück war. "Woher soll ich das wissen?"
"Gibst du mir das Malheftlein, Michael?"
"Ja!" Das schmale Heftchen gab Michael Irene in die Finger.
Die Wangen, die Michael aufblies. Weil er schon wieder nach der rechten Seite nach Tanjas Knie hinlinsen hatte müssen. Ein Spaß Michaels, von dem Irene mitgekriegt hatte. Das, wohin Michael schaute.
Tatsächlich wirkte Irene ein Sekündchen, als hätte sie sich das von Michael mal so beiläufig auf einem ihrer geistigen Notizblöcke vermerkt.
"Tante Else hat Tanjalein einfach ihre schönen Gameboy-Spiele weggenommen, Michael." Breit grinste Irene, blickte Michael treuherzig ins Gesicht. "Alle sechs, die Tanja bei Oma dabeihatte, nimmt Tante Else Tanja weg. Weil die Spiele, die sind 'Teufelszeug', sagt Tante Else. Wird sie sofort in die Tonne werfen, das 'Teufelszeug'. Das hat Tante Else gemeint, echt wahr. Hat Tanja mir erzählt ..."
"Pech." Schulterzucken Michaels.
"Ein Glück, daß Tanja die Konsole noch nicht an den Fernseher von Oma angeschlossen hatte ..." Irene schüttelte den Kopf. "Die Konsole hat Tante Else Tanja noch nicht weggenommen. Weiß Tante Else ja nicht, was eine Konsole ist."
Bei Michael wiederholte sich das Wangenaufblasen. Weil er das frisch angestellt hatte, nach Tanjas Kniescheiben hinzuglotzen. Ziemlich unverhohlen.
Der himbeerrote Hauch von dem Weiß bei Tanja dazwischen ...
Irene wandte den Kopf Klein Tanja zu, guckte Richtung Klein Tanjas Kniepartien.
"Jetzt bin ich wieder die, die alles von Tante Else zurückholen muß, Michael." Mit dem Blick einer wegen Tante Else Angenervten betrachtete Irene sich Michaels Miene. "Ich bin die, muß das wieder machen, zu Tante Else zu gehen. Wehe, wenn Tante Else die Spiele wirklich in die Tonne gekloppt hat. Dann zahlt Tante Else mir das, jedes einzelne Spiel. Die Alte kennt sich gewiß nicht aus mit den Spielen. Was die im Geschäft kosten. Die zahlt mir den Ladenpreis. Tante Else hat keine Ahnung, daß ich die Dinger von der Nachbarin fast geschenkt bekommen hab'. Haha! Hat bei Helga drüben keiner mehr mit gespielt, also wurde aussortiert, Michael ..."
Nichts, das Michael dazu zu sagen einfiel.
"Hm, hm, Tanjalein, wenn ich nachdenke, könntest du jetzt sofort zu Oma fahren", flötete Irene Richtung Tochter Tanja. "Ja, fahr doch zu Oma."
"I-ich soll ...?" Perplex guckte Klein Tanja aus der Wäsche.
"Mach doch zu, Tanja-Baby. Fahr doch heim zu deiner Oma. Los, los, fahr heim zur Oma. Laß mich in der Stadt alleine. Kann gut alleine in der Stadt bleiben, ohne dich. Bei Michael. Wenn du mit dem Taxifahrer bei ihr an der Haustür stehst und klingelst, zahlt Oma das Geld für das Taxi sicher sofort. Da brauchst du deswegen keine Angst haben, meine liebe Tanja. Oma zahlt das schon."
"Nein! Du kannst mich mal, Mutti. Ich fahr' nicht heim, fahr' nicht zu Oma. Jetzt nicht mehr." Die Miene trotzig, verschränkte Tanja die Arme vor der Brust. "Du kannst mich mal. Du kannst mich mal. Ich bleib' da, bei dir. Jetzt fahr' ich nicht mehr zu Omi heim. Jetzt nicht mehr, Mutti."
"Komm, Michael, wir beide, wir beide, wir lassen uns von dem kleinen Miesepeter da doch nicht die Laune verderben." Grinsend hob Irene Michael ihr Mineralwasserglas entgegen. "Komm, Michael, stoßen wir an. Trinken wir 'nen Schluck. Trinken wir 'nen Schluck, auf uns und unsere Gesundheit."
Dagegen hatte Michael mal nichts einzuwenden, also stießen zwei Biergläser voll mit Mineralwasser klingend aneinander.
Mineralwasser wurde getrunken. Klein Tanja nippte an ihrem Tee.
"Nie wieder Alkohol!" beschwor Irene die guten Geister und trank noch zwei große Schlucke hinterher. "Hoff' jetzt, daß ich gesund bleib', Michael. Gesund bleiben, das heißt für mich: kein Alkohol mehr. Nicht einen Tropfen. Nie mehr."
"Na denn, Irene - bleib trocken!" wünschte Michael Irene das Beste.
"Genau, Michael! Der Alkohol, der ist die Scheiße. Echt die Scheiße." Mit der Handfläche patschte Irene auf die Tischfläche. "Sag mal, Michael, bin ich die Scheiße? Bin ich eigentlich die Scheiße, Michael?"
"Eh, was, Irene?" war Michael von dieser Art Fragestellung Irenes überrascht. "He, warum sollst du denn die Scheiße sein?"
"Weil ich mit Alkohol nur die Scheiße war, Michael", antwortete Irene. "Der Alkohol ist die Scheiße, und mit Alkohol war ich die Scheiße. Die Scheiße. Volle Kloschüssel. Du kannst dir das nicht vorstellen, Michael. Du kannst dir das nicht vorstellen, wie fertig ich war. Erst ein paar Wochen her. Ich war ein Wrack; ein Wrack war ich. Und wenn ich sag', ich war ein Wrack war, mein' ich, daß ich auch ein Wrack war. Ich war ein Wrack. So, so fertig. Nur noch nicht ... tot. Nur noch nicht tot."
Stille herrschte am Rundtisch.
Klein Tanja, die ihre Mutti fasziniert großäugig angeschaut hatte, genehmigte sich mit gerunzelter Stirn die nächsten Schlückchen Tee.
"So hab' ich gezittert, Michael." Irene präsentierte die Hände, zeigte ein Zittern, damit Michael sich ungefähr vorstellen konnte, was das für ein Zustand war, unter dem Irene gelitten hatte.
Unzufrieden schien Irene, während sie Michael anguckte. Vielleicht, weil Michaels Gesicht nicht genügend Betroffenheit wiederspiegelte.
"Nein, nein, Michael! Du siehst mich jetzt hier sitzen, hier neben dir sitzen - und kannst dir keine Vorstellung machen. Kannst dir das nicht vorstellen. Kannst dich mich nicht vorstellen. Überhaupt nicht vorstellen. Es ist so unvorstellbar. So unvorstellbar. Ein altes Waschweib war ich. Ein altes Waschweib. Voll mit den Nerven runter. Am Ende. So böse war ich dran. So böse. So hat's mich geschüttelt. So, Michael, so."
Irene wiederholte das, Michael den Unglückszustand im ungefähren vorzuzeigen. Und noch mal.
"Glaub's nicht, Irene." Die Wangen, die Michael aufblies.
"Im Sanka, im Sanka haben sie mich nach Sackstetten gefahren. Ich konnt' nicht mehr stehen. Wirr gebrabbelt hab' ich, wie 'n Kleinkind. Aus dem Mund ist mir Soße gelaufen. Und ich, ich hab' sie gesehen, die weißen Mäuse. Weiße Mäuse. Weiße Mäuse und anderes ... Horrormäßiges. Gekreischt hab' ich. Gekreischt. In die Zwangsjacke haben sie mich gesteckt. In die Gummizelle. Ich war extrem selbstgefährlich. Ein Horror, Michael. Der reinste Horror. Irre. Dann hatte ich den Kollaps."
"Wär's nicht besser gewesen, sie hätten dich ins Krankenhaus gefahren?" erkundigte sich Michael, der Irene hinblinzelte. "Um dich zu versorgen?"
"Sackstetten ist ein Klinikum - ein Klinikum ist ein Krankenhaus, Michael", stellte Irene klar. "In Sackstetten haben sie echte Ärzte. Das einzige, was sie in Sackstetten nicht haben, ist 'ne chirurgische Abteilung. Operiert wirst du in Sackstetten nicht. Brauchst du 'ne Operation, mußt du ins Krankenhaus. Auf die chirurgische Abteilung."
"Schön, Irene, fast hätt' ich's gewußt." Michael zuckte die Schulter.
"Die Monate in Sackstetten haben mich geheilt", verkündete Irene nach einer kleinen Sinnier- und Rauchpause, während der alles um Irene herum reglos dasaß. "Das Elend ist für mich vorbei. Das ist die Hauptsache. Daß ich heute gesund bin. Heute bin ich gesund. Ob's so bleibt, ob's so bleiben wird - liegt ganz allein an mir."
"Hm - was?" Zusammengesunken war Michael auf seinem Stuhlplatz dagehockt, fuhr hoch, setzte sich besser zurecht, legte die Unterarme auf den Tisch. "Was hast du gerade gesagt - 'Monate'? Hast du gerade 'Monate' gesagt, Irene? Dachte, du hast gesagt, es wären nur ein paar Wochen gewesen. Nur drei Wochen, so was. Drei Wochen warst du in Sackstetten."
"Drei Wochen, da ist mir jeder Tag wie ein Monat vorgekommen", war Irene nicht von der Schiene zu bringen. "Wochen, Monate, alles heute egal. Hauptsache, Sackstetten, das ist jetzt für mich vorbei."
Klein Tanja, den blümeligen Rock hoch bis zur Mitte der Oberschenkel mit allem Drum und Dran an Unterhöschenschau, schaute nach Michael hin, als hätte sie eben auf eine Zitrone gebissen. Als wäre sie wegen irgendwas sauer auf Michael. Als hätte Michael bei ihr was angebracht, daß sie stinkig sein müßte.
"Du kennst das ja, Michael - du säufst am Morgen sofort wieder 'n Bier, 'nen Schnaps, dann geht's dir schnell besser. Die Übelkeit geht weg, du zitterst nicht mehr ..." Das weiße Mundstück ihrer nächsten Zigarette klopfte Irene auf die Tischfläche, steckte sich die Rauchware in den Mund, zündete die Filterzigarette mit dem goldfarbenen Metallfeuerzeug an, ein Feuerzeug der Marke "Luxus und Angeberei", das ebenfalls an Irene neu war. "Ich hab' aber immer noch weitergezittert, Mann. Obwohl ich den Pegel hatte. Obwohl ich den Pegel doch hatte. Ich konnt' mir die Flasche nicht mehr mit der Hand an die Lippen halten, so hat's mich geschüttelt. Hab' die Flasche mit Mund und Zähnen genommen, sie gekippt. Oder, wenn sie leerer war, angehoben - gluckgluck. Die letzten Tage, bevor ich nach Sackstetten gebracht worden bin, konnt' ich kaum mehr aufrecht stehen, irgendwo hingehen. Auf allen vieren bin ich im Haus herumgekrochen, auf den Stiegen ... Wenn was zu Bruch gegangen ist, Mensch, Michael, war das gefährlich ... Eine gefährliche Sache. Kannst du glauben, was ich dir da erzähle, Michael?"
"Nö!" Kopfschütteln bei Michael.
"Du glaubst mir das nicht?"
"Du hast immer ganz vernünftig ausgesehen, wenn wir uns zufällig wo begegnet sind. Ganz in Ordnung, Irene. Dich hab' ich nie saufen gesehen. Kann mich nicht erinnern. Nicht so, wie du das mir hier jetzt erzählst ... So kraß saufen. Daß du kraß gesoffen hättest - ich hab' das nie wo bei dir gesehen. Nie. Das haut mich aus den Galoschen, was du mir hier erzählst. Bin voll von den Socken."
"Ich mag nicht mehr dableiben", ließ die kleine Tanja sich vernehmen, weil Mutti Irene Redepause hatte. "Draußen ist ein schöner Tag. So ein schöner Tag. Bitte, Mutti, gehen wir hier raus ..."
"Nein, Tanjalein, ich bleib' noch ein bißchen", war Irenes Erwiderung. "Du kannst dich aber in der Stadt rumtreiben, wenn du willst. Such dir 'nen Freund, Tanja. Such dir 'nen Freund, der ... Der dir 'n Eis kauft, Tanja-Baby."
Statt vor Begeisterung vom Café-Kochta-Stuhl zu hüpfen, loszurennen, das anzustellen, was Mutti Irene ihr so ohne weiteres erlaubte, blieb Klein Tanja sitzen. Feste hatte Klein Tanja Mutti Irene ins Auge gefaßt; ausschließlich ihre Mutti Irene beschaute Klein Tanja sich.
"Glaubst du an parapsychologische Phänomene, Michael?" stellte Irene eine überraschende Frage.
"Weiß nicht", antwortete Michael ohne viel Schwung in der Stimme, hustete in die Handfläche. "Parapsychologische Phänomene ...? Also, mir ist im Leben noch nicht viel 'Parapsychologisches' passiert. Hab' auch noch kein Ufo gesehen. Vielleicht fragst du da besser bei anderen Leute nach. Ich glaube nicht, daß ich in der Sache der Richtige bin."
"Du hast sicher schon von Leuten gelesen, Michael, die im Koma gelegen sind, nicht?" Ernst fixierte Irene Michaels Augen.
"Doch, hab' ich ..." Michael vollführte eine Geste des Unbestimmten, linste verhuscht im Café Kochta rum, in dem an zwei Tischen weiter Besucher saßen, ein Geschäftsmann im Anzug und eine ältere Frau, die ihren schwarzen Filzhut abnahm. "Stimmt, hab' schon was drüber gelesen. Aber viel zu tun mit mir hat das nicht. Parapsychologie und solche Sachen - keine Ahnung, Irene. Esoterik ... Geheimwissen ... Versessen drauf bin ich nicht. So was, das bleibt besser auf Distanz."
"Ich - war - tot, Michael!" stieß Irene mit heiserer Stimme hervor. "Doch. Ich war - tot. Tot. In Sackstetten war ich für 'n kurzes Weilchen tot."
Betroffenes Schweigen bei Michael.
"Hör mal, Michael, in Sackstetten war ich tot", setzte Irene das Thema fort. "Ich - war - tot! In Sackstetten bin ich auf meinem Bett gelegen. Und ich bin über mir geschwebt. Mich hab' ich gesehen. Die, die im Krankenbett gelegen ist, war ich - mich hab' ich im Bett liegen sehen. Von oben. Ich war hinüber. Tot. Ich war - tot. Meinen Körper hatte ich verlassen, Michael. Ich war tot, hatte meinen Körper verlassen. Da waren zwei Ärzte und Pfleger in Kitteln um meinem Bett herum. Ganz hektisch waren die. Denen hab' ich zugesehen, bei ihrem Treiben. Dann bin ich da plötzlich weg. Weil ich da irgendwie plötzlich weg mußte, Michael. Weg. War dann dort weg. Bin aufgestiegen. Hinaufgestiegen bin ich durch die Mauern, mehrere dicke Mauern ... Verschiedene Stockwerke höher bin ich bei drei Männern in Ärztekitteln vor einem großen Getränkeautomaten angekommen. Dort, bei denen, bin ich komischerweise aus irgendeinem Grund geblieben. Nie vorher hatt' ich die drei Ärzte gesehen ... Weißt du, Michael, ich bin wieder zu mir gekommen, in Sackstetten. Als es mir wieder besser ging, kannte ich die drei. Alle drei. Alle drei sind wirklich in Sackstetten beschäftigt, waren aber neu dort. Als ich zum erstenmal droben bei dem Automaten war - konnt' ich ihn sofort bedienen. Ohne daß ich jemanden vorher gefragt hätte, an dem Automaten gelesen hab', wie er funktioniert. Einfach, weil ich dort, als ich weg und oben war, Herrn Zertl - der einer der zu der Zeit neueingestellten Fachärzte in Sackstetten ist -, zugesehen hab', hab' ich genau gewußt, was ich an dem Automaten tun muß, daß das Getränk unten im Fach rauskommt. Den drei in den Arztkitteln hatte ich dabei zugeschaut, wie die bei dem Getränkeautomaten gestanden waren, den Automaten bedient haben. Wie die das gemacht haben. Während ich tot war, Michael. Während ich tot war. Und ich hab' die Namen jedes der drei Ärzte gewußt, die ich vorher nicht gekannt hab', als sie mir dann begegnet sind. Mit denen sie sich bei ihrer Unterhaltung angeredet hatten, als ich tot war und ich bei ihnen oben und über ihnen herumgeschwebt bin. Nachdem ich die Mauern hinauf durchdrungen hatte, bei den dreien ankam ... Keine Ahnung, warum ich bei den dreien zum Stillstand gekommen bin ..."
"Hm!" Etwas anderes fiel Michael nicht dazu zu sagen ein.
Das Kinn rieb Michael sich her. Die Mundwinkel zog Michael herab.
"Das ist wahr, was ich sage, Michael!" Der Blick Irenes war beschwörend, als müßte Michael ihr, Irene, jedes Wort glauben, gäbe es für Michael nur diese eine Möglichkeit. "Was ich sage, ist wahr. Ich sag' dir nichts als die Wahrheit."
"Hm, was ist das, die Wahrheit, Irene?" Schulterzucken Michaels.
"Ich sag' dir was, Michael: Als ich wieder aufgewacht bin, haben die Ärzte mir erklärt, daß sie mich reanimieren mußten. Weil: Nachdem ich drei, vier Stunden in Sackstetten war, ist mir der Kreislauf gekippt. Total gekippt. Eine Zeitlang war ich nicht mehr auf der Welt, Michael. Ich war gestorben."
"Denk' nicht, daß du tot warst", lehnte Michael Irenes Gedankengänge schlichtweg ab. "Weißt du, ich sage: Entweder bist du tot. Oder du lebst. Etwas anderes gibt's nicht. Nur das. Wenn du lebst, kannst du nicht tot sein. Wenn noch ein Funke Leben in dir ist, bist du nicht tot. Wenn du mich fragst, gibt es nur zwei Zustände: entweder du lebst - oder du bist tot. Dazwischen gibt's nichts."
"Wie erklärst du dir dann alles?" Nicht eben freundlich glotzte Irene Michael an. Viel eher war das der Augenaufschlag einer Frau, die Michaels Widerworte auf die Palme brachten.
"Was? Was soll ich mir erklären?" Michael griff nach seinem Wasserglas.
"Was ich gesagt hab', Michael. Das, was ich dir erzählt hab', das, was in Sackstetten mit mir war. Warum kenne ich Leute, die ich vorher nicht gesehen hab'? Warum weiß ich Bescheid, wie ein Getränkeautomat funktioniert - den ich nie vorher benutzt hab'?" Beinahe sah es aus, Irene war in einem Zustand, der sie befähigt hätte, rüberzukommen, Michael am Kragen zu packen und herzuschütteln. Damit Michael wüßte, was Sache war.
"Was weiß denn i-ich?" plapperte Michael daher, nippte an seinem Wasser. "Ich war noch nicht tot. Also kann ich das nicht sagen. Vielleicht haben sie dich in Sackstetten ein paarmal durch die Pampa gefahren. Von Zimmer zu Zimmer, Stockwerke rauf und runter. Da sind dir die Augenlider geflattert. Oder so. Die Bilder hat dein Unbewußtes aufgenommen. Keine Ahnung. Auch einige Worte, die in deiner Nähe geredet wurden, hast du mitgekriegt. Zwar nicht so, daß du dich bewußt daran erinnerst. Aber das mit den Wahrnehmungen reicht, daß du weißt, wie das mit dem Getränkeautomaten geht. Irre kompliziert sind die Dinger nicht. Sonst dürfte nicht jeder an sie ran."
"Nein, nein, Michael!" Den Rauch ihrer Zigarette, den blies Irene zu Michael hinüber, Michael direkt ins Gesicht. "So, denke ich, war das sicher nicht. So nicht. Ich bin am Tropf gehangen, war an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen. Das mußt du schon ganz klar sehen, Michael. Das, was ich erlebt hab', so was haben Koma-Patienten, die aufgewacht sind, auch so berichtet. So ähnlich hab' ich das gelesen. Bei denen war das ähnlich."
"Hab' auch schon ein paar Krankenhausfilme gesehen", rückte Michael unverdrossen nicht von seiner Position ab. "In denen haben sie die Patienten ganz schön oft durch die Korridore geschoben. Samt den Infusionsbeuteln. Von lebenserhaltende Maschinen werden sie sicher zwei, drei haben, an die sie einen schnell anschließen können. In einer Nacht auf verschiedenen Stockwerken. Das sollte bei einem Krankenhaus mal möglich sein, oder? Wenn sie das eine Zimmer dringend gebraucht haben, werden sie dich in ein anderes gerollert haben. Und zurück. Ich sage: entweder lebst du. Oder du bist tot. Und wenn du lebst, kannst du nicht tot sein. Bist noch nicht tot. Tot bist du, wenn's wirklich aus und vorbei ist. Tot ist der, der nicht mehr aufwacht. Wenn du nicht mehr aufwachen kannst, das nie mehr wirst - das ist der Tod. Ansonsten hast du dir was zusammengeträumt. Du träumst ..."
Irene waren ihre Worte, was das Nahtod-Phänomen anging, nicht unwichtig gewesen. Wie Michael das zur Kenntnis nahm, das paßte Irene nicht. Der augenblickliche Unwille gegen Michael war Irene deutlich anzusehen.
Mit verkniffener Miene und geröteten Wangen - eine gewisse Zornesröte - schaute Irene ostentativ im Café Kochta herum, nach rechts, nach links.
Eine Männerstimme von vorne war plötzlich unmittelbar, drang im wahrsten Sinne des Wortes bei Michael in die Poren ein: "... mal 'ne neue Lieferung bringen ..."
Nach dem, der da daherredete, wandte Michael den Kopf nach links.
Den Mann kannte Michael. Natürlich kannte Michael ihn. Ronald Kochta.
Ronald Kochta im Café Kochta. Ronald Kochta persönlich war im Café Kochta.
"Ronnie! Ronnie!" plärrte Irene, die Michael zur rechten Hand am Stuhl dasaß, los, daß Michael zusammenschrak. "Ronnie! Ronnie! Ronald Kochta! Ronald, komm mal schnell her zu mir!"
Ronald Kochta, der staunte nicht bloß nach Irene hin. Für Michael voll die Entdeckung, daß Ronald Kochta sich außerdem in Bewegung schaffte, Irenes Ruf Folge zu leisten. Im Nu, daß Ronald Kochta, der Alpha-Sohn der Kochta-Sippe, am Rundtisch Michaels herumstand.
"Grüß dich, Irene! Was ist denn los? Was ist denn bei dir?" Freundlich lächelte der Herbeigekommene auf Irene herab, klatschte zweimal in die Hände, schlenkerte mit den Armen durch die Gegend.
"He, Ronnie, freu' mich einfach, dich zu sehen", säuselte Irene den Süßstoff. "Haben uns ja länger nicht gesehen, Ronnie, nicht wahr? Das letztemal, das war bei Lennie. Da bei Lennie Reikard, nicht?"
"Wo warst du denn, Irene? Das bei Lennie, das ist ja schon wieder ewig her."
"War für 'ne Zeitarbeiterfirma verpflichtet, Ronnie. Die Firma, zu der sie mich hinvermittelt haben, ist insolvent gegangen. Leider. Eigentlich hätt' ich an dem Arbeitsplatz noch drei Monate länger sein sollen. Jetzt bin ich aber wieder hier unten, Ronnie. Jetzt mach' ich wieder hier die Gegend unsicher. Hab' nur leider keine Arbeit mehr."
"Schön, dich mal wieder zu sehen, Irene." Gutgelaunt nickte Ronald Kochta zu Irene herunter.
"Mensch, Mensch, Mutti - du bist so eine -!" Klein Tanja, der das entfuhr. Klein Tanja, die das Wort ergriff. Klein Tanja, die sich einmischte und ihre Meinung zum Ausdruck brachte. "Mutti, du bist so eine -. So eine -. Eine -."
"Mensch, Ronnie, kannst du nicht für mich ein bißchen auf den Balg da aufpassen?" Auf Klein Tanja deutete Irenes Finger. "Heut morgen bin ich im Zug hier unten angekommen. Dann bin ich im Taxi heim ... Seitdem sitzt Tanja mir im Genick. Ist nicht in die Schule gegangen, der Balg, weil ich ja heimkommen sollte. Dabei hat er sich bis jetzt nicht richtig gefreut, daß Mutti wieder da ist. Oder nicht, Tanja, mein kleiner Liebling? Nicht riesiggroß, die Freude, daß Mutti wieder da ist. Dabei hab' ich meinen Liebling Tanja so vermißt. Und so gern. Hab' mein Tanja-Baby so gern." Mit der flachen Hand strich Irene Tanja, ihrer Tochter, über den roten Pony.
"So was kommt in den besten Familien vor, Irene." Verständig guckte der Kochta auf Irene herab. "Muß auch sehen, wo ich für die Frau und die Kinder die Zeit herkriege ..."
"Mein' das im Ernst, Ronnie - paßt du auf die Kleine auf, darfst du sie ruhig rannehmen. Ihr sagen, wo's langgeht. Kaufst du ihr das neue 'Drachenflug Teil III' - dann ist sie sowieso lieb. Tanja freut sich immer über neue Sachen. Und wenn wer mit ihr spielt, freut sich Tanja auch."
"Tut mir leid, Irene, ich kann nicht mit der Kleinen spielen. Kann nicht auf sie aufpassen. Fahr' heute schon den ganzen Tag in der Gegend rum. Immer was zu erledigen, was zu delegieren. Mann, mein Arbeitstag ist heute noch lange nicht zu Ende. Heute geht's rund."
"Kannst Tanja-Baby auch mit dir mitfahren lassen, Ronnie. Brauchst es nur zu sagen, daß du sie willst, gebe ich sie dir mit. Hauptsache, ich hab' Tanja für 'ne Weile vom Hals. Bei dir wär Tanja gut aufgehoben, Ronnie."
"Nein, nein, Irene, das geht nicht, daß ich die Kleine wohin mitnehme. Mit der Kleinen spielen, ist nicht." Freundlich blickte Ronald Kochta auf Irene herunter, ohne die geringste Kleinigkeit im Hintergrund seiner Augen.
"Schade, Ronnie!"
"Wenn ich im Moment nicht so viel losmachen müßte, Irene. Wenn das nicht wär, gerne. Dann könnt Tanja vielleicht mitkommen."
"Leider darf Tanja nicht an den Weiher, Ronnie. Auch nicht die nächsten Tage. Das ist Tanja-Baby verboten."
"Warum denn das, Irene?"
"Tanja hat 'ne Sonnengrippe."
"'ne Sonnengrippe? Schon schlimm, so 'ne Sonnengrippe. Kenn' ich gut."
"Sonst fehlt sich aber nichts, Ronnie. Sonst fehlt Tanja-Baby nichts. Gar nichts. Wenn du Tanja aber nicht brauchen kannst ..."
"Geht leider nicht. Geht leider alles nicht, Irene. Ich hab' wirklich noch die verschiedensten Erledigungen ... Tut mir leid, Irene."
"Mir auch, Ronnie."
Das Augenpaar des hohen Kochta-Sohnes, desjenigen, der der Logistiker der Kochtas war, verantwortlich für den ganzen geschäftlichen Aufschwung und die Expansion über das enge Lokale hinaus, flatterte zu Michael hin.
Michael grüßte mit einem Kopfnicken, und Ronnie nickte grüßend zurück. So, wie sich das gehörte.
Michael und Ronnie kannten sich eigentlich ebenfalls, sogar ein bißchen besser. Von früher her. Waren öfters in Räumen zusammengesessen. Andere Tage waren das allerdings. Sehr vergangene Zeiten.
"Ist Tanja nicht ein hübsches Ding, Ronnie?" Art naiv lächelte Irene zu Ronald Kochta hinauf. "Tanja versteht, was man von ihr möchte. Tanja hat's gern, wenn man mit ihr spielt. Und wenn Tanja erst 'Drachenflug Teil III' gekriegt hat, Ronnie. Wenn Tanja erst 'Drachenflug Teil III' gekriegt hat ... Tanja wird sofort spielen wollen, Ronnie. Sofort spielen ..."
"Hört sich gut an, Irene. Wirklich gut. Schade ist dabei nur, daß ich keine Zeit hab'. Hab' einfach keine Zeit. Erwachsenenleben. Tut mir wirklich leid, daß ich dir nicht helfen kann, Irene. Ausgerechnet heute ist mein Arbeitstag extra stressig. Nicht mal ein anständiges Mittagessen hab' ich gehabt. Hab' mir zwei Hamburger gekauft, Pommes. Die ganze Welt will anscheinend heute was von mir. Hab' jetzt gleich zwei fixe Termine. Und muß noch Sachen besorgen, die wir unbedingt brauchen. Im Büro muß ich mich später noch mit Zahlenkolonnen herumschlagen, daß es zehn, elf werden kann, bis ich dort rauskomme. Dabei soll ich um elf rum im Bett sein. Weil ich morgen um halb fünf raus muß. Aber am Wochenende, Irene, am Wochenende, da geht's vielleicht." Kopfnicken Ronald Kochtas. "Vielleicht kann Tanja mich ja am Wochenende besuchen kommen. Ruf morgen, übermorgen bei mir an, Irene, ja? Hast ja meine Nummer, nicht?"
"Schlimm, das, daß du so viel Arbeit hast, Ronnie. Mach' ich. Werd' dich anrufen."
"Du bist mir jetzt nicht böse, Irene? Vielleicht kriegt Tanja das Spiel am Samstag. Mal sehen. Aber jetzt: Auf Wiedersehen, Irene! Auf Wiedersehen, Tanja!" Zu Tanja nickte Ronald Kochta hinunter, Tanja, die aus nächster Nähe bei Ronald Kochta zu Ronald Kochta hinaufstarrte.
Ein Moment des Zögerns bei Ronald Kochta, dann: "Auf Wiedersehen, Rättie! Geht's gut, Rättie?"
"Geht so!" antwortete Michael.
"Mensch, jetzt muß ich aber. Wir sehen uns, Irene. Byebye!"
"Auf Wiedersehen, Ronnie!" gurrte Irene, während Ronnie Kochta zum Abschied noch mal für die Allgemeinheit mit dem Kopf ins Rund nickte.
Dann war der Kochta doch davon vom Tisch Michaels und sogar wie der Blitz fort aus dem ganzen Laden, dem Café Kochta.
Was da in Ronald Kochtas Gedanken gerade vor sich ging, das hätte Michael gerne mal gewußt. Ob Ronald Kochta die Möglichkeit oft in Betracht zog, auf irgendwelche Mädchen aufzupassen, mit denen zu "spielen", die eher Kinder waren und noch dazu nicht die eigenen?
Die andere Frage, die in Michael arbeitete: Führte Irene das öfters auf, den verschiedensten erwachsenen Männern, mit denen sie mehr oder weniger gut bekannt war, die kleine Tochter als "Spielgefährtin" anzubieten? Männer, die mit Tanja "spielen" sollten. Erwachsene als Spielkameraden für die kleine Tanja.
Oder war das nur heute so? War das so, weil Tanja sich bereits wiederholt aufmüpfig gezeigt hatte, der Mutti Widerworte gab?
"Ich will noch mal auf die Gesundheit trinken, Michael." Lächelnd hielt Irene Michael ihr Wasserglas hin. "Auf meine Gesundheit. Auf deine."
"Schön, Irene, trinken wir auf die Gesundheit." Michael hob Irene sein Glas entgegen.
"Die Gesundheit ist das Wertvollste, was ein Mensch haben kann", trällerte Irene, und die Biergläser, gefüllt mit Mineralwasser, stießen aneinander.
"Tobi war damals der, mit dem zusammen ich dich zum ersten Mal bei uns in der Clique gesehen hab', Irene", durchbrach Michael die Wand des Schweigens, die für länger bei ihm am Rundtisch geherrscht hatte. "Mit ihm bist du eingetroffen, als ich dich zum ersten Mal gesehen hab' ... Was gibt's denn Neues bei dem, bei Tobi?"
"Ach, Tobi - was es bei dem Neues gibt?" Am Tisch blickte Irene in unbestimmte Fernen. "Das letztemal, daß ich Tobi getroffen hab', war vor drei Jahren. Damals war Tobi gerade ein Jahr verheiratet. Geheiratet hatte Tobi seine Silke ..."
"Ja?"
"Silke war im dritten Monat. Es war bei den Leuten damals die Frage, heiratet Tobi Silke, weil die ein Kind von ihm kriegt. Oder ist das Liebe? Kann man sich doch nicht vorstellen, daß einer heute eine heiratet, weil die von ihm schwanger ist, oder? Nun ja, Tobi hat Silke geheiratet. Silke hat Tobi geheiratet. Ein Mädchen hat Silke sechs Monate drauf gekriegt ..."
Michael betrachtete Irene, Irene, die momentan wieder aussah, als hätte sie keine Laune.
"He, Michael, was interessiert uns beide eigentlich Tobi?" Abwinken Irenes.
"Was denn, Irene?"
"Mit Silke wohnt Tobi in der großen Stadt. Dort fährt Tobi Taxi. Taxi fährt Tobi. Tobi fährt Taxi. Damit hat's sich, das mit der Ratte. Muß dich nicht beeindrucken, mich nicht. Tobi, auch nur einer, der tut, was alle tun. Das, was alle tun. Pah! Weiber wie diese Silke, die triffst du an jedem Straßeneck. Willst du dir eine auftun, Michael, solche triffst du überall. Welche wie Silke, die gibt's im Dutzend billiger."
"'Ratte' ...?" echote Michael, nachdem er kurz ein wenig im Café Kochta herumgeschaut hatte. "Tobi, eine 'Ratte'? Warum nennst du Tobi 'Ratte'? Hat Tobi dir was getan, Irene?"
"Kann ich dir schon was sagen, Michael." Kopfnicker Irenes. "Ein Weilchen war ich mal bei Tobi in der Wohnung oben. Oben in der großen Stadt. Ich und Tobi, wir haben uns wiedergesehen. Sind wieder zusammengekommen gewesen. Für ein paar Wochen. Bis Tobi dann eines Abends vom Taxifahren heimgekommen war. Herumgeplärrt hat Tobi. Mich gehauen hat er. Gesagt hat er, Silke wäre zwar nicht bei ihm in der Wohnung, seit ein paar Wochen zurück zu ihrer Mutter nach Hause. Aber Silke, Silke, sie wär seine Frau. Er, Tobi, er hätte nicht vor, sich von Silke scheiden zu lassen. Silke, die käme nun außerdem mit dem Kind wieder zu ihm zurück. Vielleicht morgen schon. Und weil Silke jetzt zu ihm zurückkäme, gäb's auch keine Scheidung mehr. Eine zweite Frau, eine zweite Frau, die bräuchte er nicht. Keine zweite Frau, die ihm auf der Tasche liegt. Ich sag' dir, Tobi, der Dreckskerl, ist auf mich los. Gepackt hat Tobi mich, auf mich eingedroschen. Aus seiner Wohnung hat Tobi mich rausgeworfen."
"Ja ...?" Fragend betrachtete Michael Irene, Irene, die blinzelnd im Cafè Kochta herumschaute.
"Das hat die Ratte mit mir gemacht, mich bei sich rauszuwerfen. Mitten in der Großstadt oben." Aus ihrer großen Handtasche holte Irene eine Packung Papiertaschentücher.
Schluchzend weinte Irene vor sich hin.
Betroffen beschaute Michael sich Irene, Irene, die in dem hübschen, teuren himbeerrotem Art Sackkleid, verhältnismäßig tief ausgeschnitten, bei ihm rechter Hand am Stuhl dahockte.
"Tobi hat mich oben in der großen Stadt aus seiner Wohnung geschmissen", öffnete Irene wieder den Mund. "Danach, nachdem Tobi, die Oberratte, mich aus seiner Wohnung rausgeschmissen hatte, hab' ich einen Absturz erlebt. Einen, wie ich noch selten einen hatte. Völlig haltlos bin ich geworden. Völlig haltlos war ich. Völlig haltlos. Alles nur wegen Tobi. Wegen allem mit Tobi. Tobi, die Ratte, hatte die Schuld an meinem Absturz. Er hatte die Schuld. Das kannst du dir nicht vorstellen, was das mit mir war, Michael. Ungefähr geht das so: Du hast kein Geld, hast trotzdem dauernd wen, der dir was zum Saufen zahlt, bei dem du etwas mitrauchst. Mit jedem bin ich ins Bett. Mit jedem. Wirklich mit jedem. Die meisten der Kerle waren großzügig, haben was für mich springen lassen. Und ich war ständig hackedicht. Habe gesoffen, geraucht, was geschnupft, Pillen eingeworfen. Einfach alles genommen, niedergeraucht, leergesoffen, weggeschnupft, was mir untergekommen ist."
Dazu großartig einen Kommentar abzugeben, fiel Michael nicht ein.
"Zweieinhalb Jahre her heute, das, was oben in der Großstadt war. Nachdem Tobi mich bei sich aus der Wohnung geschmissen hatte. Der totale Absturz, Michael, sag' ich dir. Auch nicht viel schlechter, wie der, der mich nach Sackstetten gebracht hat. Trotzdem war das, warum ich nach Sackstetten mußte, schon was sehr Schlimmes. Schon sehr, sehr schlimm. Weil ich in Sackstetten so, so am Ende war. So fertig. Kaputt. Beinah' gestorben wäre ich in Sackstetten." Unter den Augen tupfte Irene sich mit dem papiernen Taschentuch.
"Was du hier so erzählst, Mutti - ich mag das nicht", gab Klein Tanja kund. "Ich mag's auch nicht mehr hören. Es ist peinlich. Oberpeinlich. Für dich. Für mich. Mag das nicht mehr, Mutti. Mag auch nicht mehr hier im Café bleiben, am Tisch von dem Mann da. Draußen ist es so schön, Mutti. Warum gehen wir nicht raus? Warum gehen wir nicht hier raus? Warum sind wir überhaupt hierher zurückgekommen?"
"Halt deinen Mund, Tanja!" Vor zorniger Erregung schnappte Irene regelrecht wie ein aus dem Wasser gezogener Fisch. "Wenn du nicht Ruhe gibst, Tanja ... Wenn du nicht Ruhe gibst, Tanja ... Paß nur auf, sag' ich dir. Paß nur scharf auf. Ganz scharf."
"Das versteh' ich nicht, warum du mit dem dort redest und redest, Mutti. Als wär der sonstwas von nett. Sonstwas für dich. Ich weiß nicht, Mutti." Tanja deutete mit spitzem Finger auf Michael. "Versteh' das nicht, warum du das alles mit dem da redest. Ich kann das aber nicht mehr hören, was du andauernd sagst. Was du dauernd zu dem sagst. Alles so Sachen, so, so Sachen ... Ununterbrochen sagst du was zu dem. Nein, Mutti, ich versteh's einfach nicht. Besser, wir gehen schnell woanders hin, Mutti. Müssen doch nicht hiersein, oder? Müssen doch nicht hiersein, Mutti, oder?"
"Halt deinen vorlauten Mund, Tanja!" zischte Irene, Irene, der die Tränen dick liefen.
"Ich kenne den Mann nicht", hielt Tanja es fest. "Ich hab' den Mann vorher nicht gekannt. Warum du mit dem so vertraut redest, ich kann's nicht glauben. Du kennst den doch auch nicht so richtig, oder? Kann's nicht fassen. Als würdest du ihn sonstwie besonders kennen, wäre sonstwie was ... Aber ich, ich kenn' den nicht. Ich kenn' ihn nicht. Nein, Mutti, ich sage, hör auf. Hör sofort auf mit allem."
"Hey, Schwede!" gellte Irene ins ganze Café Kochta hinein. "Hey, Schwede!"
Auf seinem Café-Kochta-Sitzstuhl wandte der "Schwede" sich um, Irene zu.
Der, den Irene "Schwede" nannte, hockte nur zwei Tisch nach vor entfernt. Praktisch eigentlich die beste Lauschentfernung.
"Grüß dich, Schwede! Sag mal, Schwede, wie wär's - kannst du mir nicht mal meine lästige Tochter Tanja hier abnehmen? Ich will mich hier unterhalten, und die mault mir hier ständig blöd rum, die Kleine. Komm, Schwede, sei so lieb, die Kleine soll sich mal zu dir an den Tisch setzen, ja? Kauf Tanja ein Eis oder so. Bitte, Schwede! Wenn du so lieb wärst ..."
Der "Schwede", der die Haare schulterlang trug, einen strammen Ziegenbart der Marke "Sandmann" der Welt präsentierte, nickte freundlich. "Geht klar, Irene. Ich kauf' der Süßen mal ein Eis. Dann hast du Ruhe. Sie braucht bloß herkommen, sich zu mir an den Tisch setzen."
"Dank dir, Schwede! Ist echt nett von dir. Hast was gut dafür bei mir." Sichtlich war Irene von der Neuigkeit erfreut. "Hast du gehört, Tanja-Baby? Der Schwede dort, der kauft dir ein Eis. Ein leckeres Eis kauft dir der Schwede. Sei ein liebes Mädchen, setz dich zum Schweden, ja? Will mich mit Michael hier noch ein bißchen unterhalten, ja? Mußt nicht länger bei mir dabeisitzen, ja?"
"Na schön, Mutti!" Die rothaarige Tanja sprang auf die Füße, haute mit der Faustunterseite auf die Tischplatte, daß die Biergläser, die noch einigermaßen mit Mineralwasser gefüllt waren, hüpften. Jedoch, ohne umzufallen. Nicht ein Glas fiel um.
Hoch rumpelte Irene von ihrem Holzstuhl, wollte sich Tanja, ihr Töchterlein, unverzüglich greifen. Nur, daß Tanja schnell und gewandt war, sich unter den zufassenden Händen Irenes wegduckte oder sich in letzter Not losreißen konnte.
Auf ihrem Fluchtweg geriet Tanja in die Nähe Michaels, Michael, der deswegen aber keinen Zucker machte.
Hinter Michaels Rücken und Michaels Café-Kochta-Stuhl quetschte Klein Tanja sich mit dem Rücken die Wand entlang vorbei. Gelangte damit außerhalb der Reichweite der Arme der Mutter, auch, weil diese Tanja nicht weiter hinterhersetzte.
Zum "Schweden", daß Klein Tanja sich hockte. Mit einem Kopfnicken, daß Klein Tanja den "Schweden" grüßte.
Eine Überraschung für Michael, daß Tanja an den Rundtisch des "Schweden" machte.
Eigentlich hatte Michael eher daran gedacht, Klein Tanja würde nun aus dem ganzen Café Kochta hinausflitzen. Der gesamten Café-Kochta-Szene fliehen.
Die Stirn hatte Irene in tiefen Falten, als Michael sie wieder anschaute. Starr glotzte Irene auf die Rückansicht Klein Tanjas. Klein Tanja, zu der der "Schwede" irgendwas sagte. Nach Andie Kochta rief der "Schwede".
"Jetzt kriegt das kleine Miststück doch tatsächlich ein Eis", meinte Irene zu Michael. Den Kopf schüttelte Irene. Irene sah aus, als wäre sie unschlüssig, ob sie Tanja, ihrer Tochter, nicht doch zum "Schweden" hinterhermachen sollte.
"Trinken wir mal, Irene!" versuchte Michael ein Ablenkungsmanöver; schließlich war Irene weiterhin bei ihm in der Nähe, wollte sich um ihn, Michael, kümmern. "Auf die Gesundheit, Irene!"
"Na klar, Michael, trinken wir 'nen Schluck. Auf die Gesundheit!" In den Augen Irenes war ein gefährlicher Glanz; die Wangen Irenes schienen zu glühen.
"Auf die Gesundheit, Irene! Auf deine Gesundheit. Die meine. Unsere Gesundheit."
Nach einigen längeren stillen Augenblicken am Rundtisch stieß Glas klingend an Glas.
Michael trank ein größeres Schlückchen, Irene tat das ebenso.
"Vor zweieinhalb Jahren war ich in der Großstadt sogar in den Zeitungen, Michael ..." Schief grinste Irene Michael eine Runde, Irene, die sich mit dem Papiertaschentuch die Wangen trockenwischte.
"In den Zeitungen, Irene ...? In den Zeitungen warst du?"
"Leider nichts, auf das ich sonderlich stolz wär', Michael. Eigentlich erzähl' ich das lieber niemand. Weil, es ist nichts in den Zeitungen gestanden, als daß mich die Polizei morgens aufgegriffen hat. Nackt. Splitterfasernackt. Splitterfasernackt bin ich durch die Straßen der Großstadt getorkelt. So ganz sauber hab' ich auch nicht ausgesehen, hab' gestunken. In den Straßen und auf ein paar Plätzen bin ich nackig in der Gegend rumgetorkelt. Bis wem das nicht mehr gepaßt hat, der mich gesehen hat. Jemand hat nach der Polizei telefonieren müssen. Polizeibeamte sind bei mir angekommen. Polizisten waren plötzlich bei mir da. Doof haben die in Uniform mich angegafft. Als wüßten sie nicht, was sie mit mir anstellen sollten. Mich verhauen, weil ich nichts anhatte? Da hab' ich zwischen den Beinen zu bluten angefangen. Keine Ahnung, was der Klops in Uniform geglaubt hat, daß los wäre, jedenfalls hat er mich geschubst. Hat mich gegen die Mauer geschubst. Kannst du dir das vorstellen, Michael? Kannst du dir vorstellen, was ich dir sage?"
"Daß Polizisten einen schubsen, klar kann ich mir das vorstellen", erwiderte Michael mit gedämpfter Stimme, schob sein Mineralwasserglas von links nach rechts.
"Für mich haben sie den Sanka kommen lassen", war Irenes Fortsetzung. "Erst im Krankenhaus konnten die Ärzte bei mir die Blutung da stoppen. Als ich wieder klarer war, sprechen konnte, wollten wieder welche von der Polizei sofort alles mögliche von mir wissen. Der Chefarzt meinte, so wie er das sah, wie ich zugerichtet war, hätt' 'ne ganze Fußballmannschaft mich genommen. Sich mich vorgenommen gehabt. Von hinten, im Po, vorne; am Gaumen war ich verletzt. Am ganzen Körper grün und blau geschlagen. Stark hergeschlagen. Spuren von 'nem Gürtel. Mit dem ich verhauen worden war. Ich konnt' den Kriminalern jedoch nichts erzählen, keinem Doktor. Nichts konnt' ich erzählen ... Voll die Lücke. Totaler Filmriß. Bis heute weiß ich nicht, wo ich war und wer das mit mir gemacht hat. Wer mich so zugerichtet hat. Ich weiß erst wieder ein bißchen was, als ich durch die Straßen gewankt bin. Einmal hab' ich mich in Blumen hinein übergeben, daran erinner' ich mich ... Blaue Veilchen. Die blauen Veilchen, die seh' ich so klar. Im Blut von mir haben sie Alkohol und Drogen gefunden. Ich muß Opium geraucht haben ... Opium aus der Pfeife. He, die Frage: Wo alle koksen, sich was spritzen - wer raucht da Opium? Wer raucht da Opium? Das hat der Chefarzt der Klinik mich gefragt: 'Wen kennen Sie, der mit Ihnen zusammen Opium raucht?'"
"Dir muß doch mal was eingefallen sein, wer dich so mißhandelt hat?" zweifelte Michael mal das mit der Gedächtnislücke Irenes an.
"Nein, Michael!" Schulterzucken Irenes. "Überhaupt nichts. Ich weiß nichts; bis heute weiß ich nicht, was mir passiert ist. Ich weiß nur, wie's sich später anfühlte. Alles. Sterben hätte ich an meinen Verletzungen können. Gut dran sterben. Es ging mir aber bald wieder viel besser. Bin dann heimgefahren. Ein paar Monate drauf hatt' ich wieder Wohnungswechsel, und ich hatt' für ein Weilchen kein Telefon, nichts. Hat doch tatsächlich die Polizei aus der Großstadt angerufen, bei Oma. Bei Oma. Weil ich Omas Nummer als Zweitnummer angegeben hatt', unter der ich erreichbar wär'. Nein, das konnt' ich wirklich nicht haben, daß irgendwelche Bullen aus der Großstadt dauernd bei Oma anrufen. Sich mit Oma unterhalten. Also hab' ich die Anzeige gegen Unbekannt schnell zurückgezogen. Hab' die Anzeige wieder zurückgezogen, damit Ruhe herrscht."
"Du hast die Anzeige zurückgezogen?" Michael staunte Irene groß an.
"Ja doch!" Irene winkte ab. "Die können doch nicht einfach immer bei Oma anrufen, wenn sie mich nicht erreichen. Das hatte mir gerade gefehlt, der Anruf der Polizistin bei Oma. Wußt' schon gar nicht mehr, daß ich in der Großstadt überhaupt 'ne Anzeige gemacht hab'. So im Tran war ich. Wollten sowieso bloß wissen, die von der Polizei, ob mir wieder was eingefallen wär. Ob ich mich heute wieder an etwas mehr erinnern könnte. Mit ihren eigenen Nachforschungen sind sie nämlich auf der Stelle getreten. Haben echt nichts herausbekommen. Nur mitgeteilt haben sie mir, daß ich draußen vor der Nobeldisko von einer gesehen worden wär', wie ich in 'n Auto gestiegen bin, in dem drei Männer gesessen sind. Zu drei Männern bin ich in ein großes Auto gestiegen. Mehr war nicht. Wenn ich das überhaupt mal war. Pah! Pah! Pah!"
"Hm!" kam es von Michael.
"Wenn mir wieder was einfällt, Michael, kann ich mich bei den Bullen in der Großstadt melden, wenn ich Lust dazu hab'. Mit Anzeige oder ohne. Oder nicht? Nur, es fällt mir nichts ein. Schlagbaum. Was das angeht, was mir in der Großstadt passiert war, bin ich bis heute voll blank."
"Schon gut, Irene - ich meinte nur ..." Abwehrend hob Michael Irene die Handflächen entgegen.
"Außerdem, Michael - ich kann was aushalten", erklärte Irene, die eine ihrer Frauenzigaretten mit weißem Mundstück zu Ende geraucht hatte, um sich mit dem Feuerzeug die nächste anzuzünden. "Ich kann was aushalten. Wirklich, ich kann was aushalten, Michael. Mit siebzehn bin ich das erste Mal vergewaltigt worden. Gedacht hab' ich aber nicht, daß ich vergewaltigt worden wär'. Ich hab' gedacht, das wär' so. So macht man das auch. Daß man das auch so macht. Und, einmal tut dir das mit einem, mit dem du was hast, mehr weh, dann wieder weniger. Oder, es tut auch mal überhaupt nicht weh ... Auf den Gedanken, ich würd' 'vergewaltigt', auf den bin ich nicht gekommen. Wenn's mir wieder weh tat, ich viel geblutet hab', war's mal eben so. Das war nun mal alles so. Einmal so, dann wieder anders. Wenn da ein Arzt zu mir sagt, es könnt' auch mal nicht mehr zu bluten aufhören ... Bei mir hat's aber immer zu bluten aufgehört. Immer hat's zu bluten aufgehört. Zwei, drei Tage, dann hatte sich alles wieder bei mir. Sag' doch, ich bin eine, die was aushalten kann ... Ich kann was aushalten. In Ordnung, das in der Großstadt, das war schon ein bißchen arg, was da mit mir gemacht worden ist ... Aber, ich hab's überlebt. Hab's überlebt. Außerdem weiß ich kein bißchen was davon. Erinnere mich an rein gar nichts."
"Wie alt warst du, als ich dich kennenlernte?" sprach Michael mal eine seitliche Überlegung aus. "Zwanzig warst du, oder, Irene? Du warst so zwanzig, als ich dich damals das erste Mal getroffen hab'"
"Ach, du warst ein ganz Lieber, Michael ..." Breit grinste Irene Michael ins Gesicht, beinahe mit einem richtiggehend gütigen Augenaufschlag von oben herab.
"Ach nee, Irene!" Ungläubig schaute Michael Irene an. "Ein 'ganz Lieber' - was ist denn das? Das ist aber nett. Wie du mir jetzt ankommst, meinst du, ich hätt' dich ruhig mal härter rannehmen dürfen. Ein bißchen was Schwitzkasten, ein wenig Haue für dich nachgeschoben ... Ein paar aufs Maul - schon geht das mit dir und mir ein paar Runden besser. Weil's dich ruhiger macht, wenn dir einer zeigt, wo's lang geht. Meinst du das?"
"Noch was, was schlimm ist, Michael, die wollen mir Tanja nehmen ...", eröffnete Irene, nachdem sie der nächsten ihrer Filterzigarette den Löschvorgang im Aschenbecher verursacht hatte, unvermittelt für Michael die nächste Baustelle. Ganz eine andre.
"Was will man, Tanja, Tanja, deine Tochter, die wollen die dir nehmen ...? Tanja wollen dir die wegnehmen?" Scharf hatte Michael Irene ins Auge gefaßt, kratzte sich am Kopf.
"Genau, Michael!" Fahrig strich Tanja sich über die Wange. "Ich weiß nicht, ob ich Tanja behalten darf. Ich leb' in Scheidung. Mein Glück ist, daß Hugo nur sehr unregelmäßig Arbeit kriegt. Sonst hätt' ich gegen Hugo weniger Chancen, wenn's ums Sorgerecht für Tanja geht. Jetzt war ich zum Glück in Sackstetten. Glück deswegen, weil, solang' ich nichts mehr trinke ... Bleibt's dabei, daß ich nichts mehr trinke, können die mich keine Trinkerin mehr nennen. Vielleicht kann ich denen vom Jugendamt noch mal klarmachen, daß ich doch 'ne bessere Wahl bin. Besser als Hugo. Mit seinen unsicheren Lebensumständen. Jetzt werd' ich auch wieder ganz für Tanja da sein, nachdem ich aus Sackstetten entlassen bin. Außerdem hab' ich ja noch Oma, bei der Tanja gern ist. Wenn ich auf Arbeit bin, bleibt Tanja bei Oma. In die Schule muß Tanja ja auch noch ... Das Schlimmste ist, Michael, daß die vom Jugendamt das überhaupt in Betracht ziehen, Tanja zu Pflegeeltern zu geben. Weil Hugo und ich in 'ungeklärten Verhältnissen' leben. Deshalb muß ich beim nächsten Termin beim Jugendamt in ein paar Tagen unbedingt einen vorteilhaften Eindruck machen. Würd' ich jetzt sofort wieder mit dem Trinken anfangen ..."
"Wenn du nichts mehr trinkst und so, wird schon alles klargehen", war Michael nicht bereit, das Böse zu denken, daß Irene Tanja, ihre Tochter, weggenommen würde. "Die in Sackstetten werden denen vom Amt sicher verklickern können, daß du nichts mehr trinkst, wenn du nichts mehr trinkst. Und wenn du dann noch Arbeit hast ..."
"Ja, noch ist es nicht soweit, daß sie mir Tanja genommen haben", klang Irene kämpferisch. "Erst war ich in Sackstetten, hab' entzogen. Dann ist Hugo nicht super in Familie, und Hugo ist knapp bei Kasse. Auch möcht' Tanja nicht zu Pflegeeltern, sondern bei Mutti bleiben. Ein klein wenig Wahlmöglichkeit hat man denn schon."
"Na denn, Prost!" Aus dem Handgelenk hievte Michael das mit Wasser halb gefüllte Bierglas in die Höhe.
Klein Tanja kam angerauscht, hockte sich wie vorher an Michaels Rundtisch auf den Stuhl rechter Hand von ihrer Mutti.
"Tanja - was willst du schon wieder ...?" meinte Irene zu ihrer kleinen Tochter Tanja, die nicht beim "Schweden" geblieben war.
"Zippo ist hereingekommen", redete Klein Tanja. "Der Schwede hat gesagt, daß er sich zu Zippo an den Tisch setzt. Schau selbst, Mutti, der Schwede setzt sich gerade zu Zippo an den Tisch. Der Schwede fragt, ob du nicht Lust hast, dich auch dazuzusetzen, Mutti."
"Nö, hab' nicht die Lust", lehnte Irene das Angebot, von dem Klein Tanja unterrichtete, ab. "Fällt mir gerade nicht ein. Komm her, Tanja. Komm her zu mir, Tanja, Tanja, mein liebes Baby. Komm her, Tanja, mein kleines Mädchen, ich will dich in die Arme nehmen ..."
"Was hast du denn, Mutti?" Klein Tanja blieb lieber sitzen und guckte Mutti Irene vorsichtig an.
"Komm her, Tanja-Baby." Irene winkte mit den Händen. "Komm her, Tanja, mein Baby."
Tanja gehorchte denn doch, begab sich in Mutti Irenes Arme. Wange schmiegte sich an Wange.
"Du bist doch mein kleines Baby, Tanja, mein kleines Ba-by ..." Die Frauenfilterzigarette fiel Irene aus den Fingern, landete am Fliesenboden unten. "Du bleibst bei mir, Tanja, mein liebes kleines Mädchen; du bleibst bei mir ... Sag, Tanja-Baby, daß du bei mir bleibst. Sag schnell, daß du bei mir bleibst. Sag deiner Mutti schnell, daß du bei ihr bleibst, bitte ..."
"Warum denn, Mutti?" wollte Klein Tanja schon etwas Genaueres von Mutti Irene hören.
"Du bist mein kleines Baby, Tanja", säuselte es bei Irene heraus. "Mein kleines Baby. Mein Mädchen. Darfst dir alles von mir wünschen. Kriegst alles, was du willst."
"Dann krieg' ich 'Drachenflug Teil III'", sah Klein Tanja den Zeitpunkt günstig, den Faden wieder aufzunehmen. "Dann krieg' ich jetzt 'Drachenflug Teil III'?"
"Nein, mit 'Drachenflug Teil III' müssen wir noch warten, Tanja-Baby", lehnte Mutti Irene seufzend ab. "Aber, Tanja, mein Mädchen - irgendwann die nächsten Tage kriegst du das Spiel. Das versprech' ich dir. Wenn dein Kindergeld am Konto oben ist ... Heute mußt du dir was andres wünschen ..."
"Dann fahren wir zum Rodel-Weiher. Bitte, bitte, Mutti, fahren wir zum Rodel-Weiher. Jetzt schnell! Sofort!"
"Sag's mir, Tanja, du bleibst bei deiner Mutti, oder?" wiederholte Mutti Irene ihre Frage. "Sag's mir, du willst nicht zu Papi, oder? Du willst bei deiner Mutti bleiben, nicht? Sag's jetzt schnell, daß du bei deiner Mutter bleiben möchtest. Du gehst nirgends anders hin, du bleibst bei deiner Mutti, nicht wahr?"
Stumm blieb Klein Tanja.
Daß Klein Tanja den Mund nicht aufmachte, das dauerte, empfand Michael es, immer länger.
"Möchtest du denn nicht bei deiner Mutti bleiben, Tanja, mein Baby?" brach die Frage aus Mutti Irene heraus. "Möchtest du das denn nicht?"
"Bin doch bei dir, Mutti, hier bei dir", überhörte Tanja abermals die dringende Bitte der Mutti, ihr die Antwort auf eine bestimmte Frage ohne Umschweife sofort zu liefern. "Du hast gesagt, ich darf mir was wünschen. Also, dann wünsch' ich mir was, Mutti. Ich sage, ich möchte, daß wir zum Rodel-Weiher fahren. Jetzt. Bitte, bitte, Mutti, das machen wir, jetzt. Jetzt sofort. Wir fahren schnell zum Rodel-Weiher. Möchte zum Rodel-Weiher, Mutti ..."
"Nein, Tanja!" Mutti Irene sah plötzlich aus, als stünde es nur knapp, und sie könnte jede Sekunde gegenüber Klein Tanja gröber werden.
"Ich will aber zum Rodel-Weiher, Mutti! Ich will!"
Unten drunter unterm Armpaar Irenes schlüpfte Tanja weg. Mit dem Hinterteil plazierte sich Klein Tanja wieder auf den Café-Kochta-Stuhl, verschränkte die Arme vor der Brust, guckte Mutti Irene bockig an.
"Du weißt das aber schon noch, daß du 'ne Sonnengrippe hast, Tanja?" erinnerte Mutti Irene mit scharfem Blick. "Das mit der Sonnengrippe, das dauert noch zwei, drei Tage. Außerdem kannst du heut nicht im Rodel-Weiher baden, weil das Wasser zum Baden dort noch zu kalt ist. Nach dem kälteren Wetter der letzten Tage. Was willst du denn außerdem dauernd am Rodel-Weiher?"
"Möchte zum Rodel-Weiher! Möchte zum Rodel-Weiher!" blieb Klein Tanja bei ihrer Platte. "Möch-te zum Rodel-Weiher! Möch-te zu-um Ro-del-Wei-her!"
"Ich sag' dir mal, Michael, was Tanjalein am Rodel-Weiher möchte ..." Während sie Michael anguckte, hatte Irene so einen seltsamen Schimmer in den Augen. "Mein Tanjalein möchte nackte Kerle sehen. Nackte Kerle. Tanjalein sieht gern nackte Kerle. Da schaut Tanjalein lange. Wenn Tanja-Baby sieht, daß einer aufsteht ... Da guckt sie. Wird sie mit dem Gucken nicht fertig."
"Hörst du auf, Mutti!" empörte sich Klein Tanja. "Sofort hörst du damit auf, Mutti! Du hörst auf, Mutti, so zu reden ..."
"Nein, Tanjalein!" meinte Mutti Irene, die das weiße Mundstück einer Kippe herumdrehte, sich beschaute, deren Glut sie im Aschenbecher ausgedrückt hatte. "Wir müssen doch nicht extra lange zum Rodel-Weiher kutschieren, Tanjalein. Schau mal her, Tanjalein, Michael hier, Michael hat auch 'nen schönen ..." Mit den Fingern beider Hände malte Irene eine dreidimensionale Figur in die Luft. Derart plastisch, real, wie bei einer Hexerei. Form, Länge, nichts daran ließ zu wünschen übrig.
Groß wurden Tanjas Augen, die Zähne bleckte Tanja. Ein Stöhnlaut entwich Tanja. "Höhö, Mutti!"
Weiter zeichnete Mutti Irene mit ihren beiden Händen die Gestalt, daß sie handfest in der Luft über der Tischfläche erkennbar blieb.
"Sag 'Pe-nis', Tanjalein ...", raunte Irene zu Tochter Tanja hinüber.
"Hihi - 'Pe-nis', Mutti!" Klein Tanja grinste ihre Mutti an.
"Sag's noch mal, Tanja-lein - 'Pe-nis'!"
"'Pe-nis' - höhöhö!"
"Sag Michael doch einfach, daß du gerne möchtest, daß er mit uns nach Hause mitkommt, Tanja-Baby ...", forderte Irene Tanja, ihr Töchterchen, auf. "Zu uns mit nach Hause, Tanjalein ... Später vielleicht auf dein Zimmer ... Michael auf dein Zimmer ... Sag ihm das, Tanjalein! Frag Michael, ob Michael Lust hat, mit zu uns mit nach Hause zu kommen ..."
Großäugig starrte Tanja Michael an.
"Ach, komm schon, Michael, du mußt nicht so komisch gucken." Abwinken Irenes.
Mit breitem Grinsegesicht zündete Irene sich die nächste Zigarette an. Dann zeigte Irene Tochter Tanja die Zunge.
"Tanja-Baby ist wirklich schon ein großes Mädchen. Ein großes Mädchen. Steh mal auf, Tanjalein, komm her zu mir ..."
"Warum denn, Mutti?" Fragend schaute Tanja Michael an, nicht die Mutter, gehorchte Mutti Irene zunächst nicht.
"Wirst schon sehen, Tanjalein ... Komm mal her zu mir. Komm her. Mach' schon nichts Schlimmes. Wird sicher nicht weh tun."
Zögernd erhob Klein Tanja sich schließlich aus irgendeinem Grund von ihrem Café-Kochta-Stuhl, näherte sich langsam, vorsichtig Mutti Irene.
Die Fluppe zwischen die Lippen geklemmt, beugte Irene sich vor, faßte Tanja beidhändig von unten hinauf unter den knielangen Blümchenrock.
Kurz, daß Tanja schrillte; nicht allzu laut für die Umgebung.
Ihre Mutti Irene ließ Tanja jedoch machen, weitermachen. Mutti Irene, die Klein Tanja die Unterwäsche nach unten schob, wie es Michael aufging.
Irgendwas bei Tanja zu Gesicht kriegte Michael trotz des Treibens Mutti Irenes nicht. Nur, am Schluß fanden sich die himbeerrotfarbene Nylonstrumpfhose und der Schlüpfer Tanjas bei den Fußknöcheln Klein Tanjas wieder.
Mutti Irene rauchte aus Mund und Nase.
Wieder komisch die Zähne bleckend, fixierte Tanja mit ihrem fleckig-rotem Gesichtchen Michael, Michael, der die Wangen aufblies.
"Ich tu' alles weg, in die Handtasche, Tanja-Baby", klang es von Mutti Irene.
Klein Tanja verstand die Mutti, streifte sich ihre braunen Ledersandalen von den Füßen herunter, Sandalen, die Michael bis zu dem Moment nicht an Klein Tanja aufgefallen waren. Um Tanjas Schuhwerk hatte Michael sich bisher nicht das bißchen gekümmert.
Einen Patscher gab Irene Tanja seitlich auf die Hüfte, und Klein Tanja stieg aus ihrer himbeerroten Nahtstrumpfhose und dem weißen Schlüpfer heraus.
Großäugig, daß Michael bei allem zuguckte. Michael, der nichts weiter blickte als den dünnen Blümchenmusterrock, der Klein Tanja bis zu den Kniescheiben herabfiel. Außerdem das, daß die im Grundton weiße Unterhose Tanjas aussah, als hätte Tanja die schon längere Zeit am Stück getragen. Nicht die Rede davon, daß das Kleidungsaccessoire Klein Tanjas dafür vorbereitet gewesen wäre, der weiten Welt vorgezeigt zu werden.
Mutti Irene bückte sich am Stuhl herunter, nahm Tanjas Unterhöschen, die Samtstrumpfhose hoch, verstaute das Ganze umstandslos in ihrer großen, schwarzglänzenden Kunstlederhandtasche.
Eigentlich hatte sich nichts an Klein Tanja verändert. Alles an Klein Tanja sah wie zuvor aus. Überhaupt nichts war, außer daß Michael jetzt wußte, daß Tanja nichts mehr drunter anhatte.
"Geh mal um mich rum und rüber zu Michael, Tanja", meinte Irene lächelnd zu ihrer kleinen Tochter. "Gib Michael ein Küßchen auf die Wange, Tanjalein. Kannst du auch machen, Michael, Tanjalein küssen. Mußt dir deswegen keine Sorgen machen, ich erlaube das. Du kannst alles tun, solange Tanja das mag, Michael, ich hab' nichts dagegen. Ja, Mutti erlaubt das. Alles ist erlaubt, was Spaß macht. Alles. Solange Tanja-Baby nichts dagegen hat, weiß ich nicht, was ich dagegen haben sollte. Dann paßt das, Michael."
"Hm!" brachte Michael hervor, der Tanja anschaute, Tanja, die bei ihrem Stuhl dastand, nicht auf der Stelle begeistert unternehmen wollte, was Mutti Irene ihr daherredete, daß sie anstellen sollte.
"Hör mal, Michael, vierzehn wird Tanjalein", hatte Irene ihre Fahrt. "Ein ganz schön großes Mädchen ist Tanja-Baby, sag' ich dir. Ein ganz schön großes Mädchen ..."
"Elfeinhalb bin ich", widersprach Tanja den Informationen der Mutter. "Elfeinhalb bin ich, Mutti!"
"Na und?" Abwinken Irenes. "Macht das was? Ist das ein Unterschied? Vierzehn, elfeinhalb, macht das viel Unterschied? Nein, viel Unterschied ist das nicht. Nicht viel. Vierzehn, elfeinhalb, stört doch keinen ... Oder stört's dich, Michael?"
"Vierzehn zu elfeinhalb?" redete Michael fragend mit leiser Stimme. "Vierzehn, elf, das soll kein Unterschied sein? Weiß gerade nicht, was hier los ist, Irene. Wo du mit dem Stuß mit deiner Tochter bei mir hinwillst. Mir redest du was davon, du wärst mit siebzehn zum ersten Mal vergewaltigt worden. Damals, mit siebzehn, das erste Mal vergewaltigt. Dann meinst du jetzt hier, ich könnt' mal zu euch nach Hause kommen - und mit deiner Tochter, elfeinhalb Jahre, ein bißchen herummachen ... So Spiele. Oder versteh' ich hier was anders?"
"Tanjalein ist naturgeil, Michael", brachte Irene bei Michael an, fast wie einen Spruch.
"Ah - was ...?" Fast glaubte Michael das Gehörte nicht. "Tanja ist - was? 'Naturgeil'?"
"Tanjalein ist naturgeil", wiederholte Irene es.
"Hey, Tanja - bist du 'naturgeil'?" erkundigte Michael sich direkt an der Quelle, bei Klein Tanja, der, um die es sich drehte. "Mutti sagt, du wärst 'naturgeil' ... Sag mir mal, was meint deine Mutti damit? Von was redet deine Mutti hier?"
Das mit der Antwort Tanjas dauerte. Während Mutti Irene keinen Kommentar abgab.
"Ö, weiß nicht."
Vorsichtig schaute Tanja, wie eine, die nicht gerne einen Fehler machte, von Michael zu Mutti Irene und zurück.
"Ö, bin hübsch. Bin geil. Seh' geil aus für mein Alter, hab' ich schon gehört."
"Klar bist du reizend." Michael nickte. "Für elfeinhalb bist du schon sehr reizend und hübsch, Tanja ..."
"Du hast doch gehört, daß Tanjalein gesagt hat, sie wär geil", sah Irene, die Mutti, sich durch Tanjas Worte bestätigt.
"Geil ist nicht 'naturgeil'", hielt Michael dagegen. "Wenn Tanja sich geil findet, ist das was anderes. Nicht das, wovon du redest. Mal was anderes, Irene: Stellen wir uns vor, ich würd' das machen, was du vorschlägst. Das, daß ich mit euch nach Hause mitkomme, ich irgendwann mit Tanja auf ein Zimmer verschwinde. Ich und Tanja ... Du sagst ja, daß du mir und Tanja das erlaubst ... Überlegen wir mal, elfeinhalb Jahre ist Tanja alt ... Gut, heute dürfte ich das mal mit Tanja ... Morgen, morgen vielleicht auch noch. Aber übermorgen, übermorgen bist du auf der Polizei. Weil du übermorgen vormittags mal sowieso dort vorbeischaust, bei der Polizei. Schließlich hast du 'ne Anzeige gegen diesen Dietmar laufen. Gegen manche Leute hast du was, Irene. An einige mußt du dich nur kurz erinnern. Dann ... Und auf der Polizei - auf der Polizei erzählst du den Leuten da so nebenher was von mir, Irene. Das, daß die hören, daß ich was mit deiner Tochter Tanja anstelle. Erst elfeinhalb, die Kleine. Elfeinhalb, das kleine Mädel. Das darf der doch nicht, daß der das mit der tut, oder? Das darf der doch nicht, oder? Stell dir das mal vor, Irene: Vielleicht sprichst du auf der Polizei nur was, weil wir beide, tags zuvor am Nachmittag, als ich das letztemal bei Tanja und dir daheim war, kurz gestritten haben. Oder ich dich beim Vorbeigehen, als ich auf dem Weg zu Tanja, deiner elfjährigen Tochter, war, nicht so angeschaut hab', wie ich sollte. Oder du einfach die Lust dazu hast, weil du mir jetzt was mitgeben möchtest. Mir was mitgeben. Schließlich ist das drinnen, daß du das nicht mehr magst, daß ich zu euch komme, zu Tanja und dir. All das. So was. Ja, klar, du hast mich satt, Irene. Ich hänge dir aus dem Hals. Du möchtest, daß ich wieder verschwinde. Wieder ganz aus deinem Leben verschwinde. Aus deinem Leben. Und dem deiner Tochter. Und weil du schon so schön bei denen bei der Polizei am Vorbeischauen bist, erzählst du denen mal kurz was von mir ..."
"Das denkst du, Michael?" Kühl guckte Irene Michael an, rauchte, aus Nase und Mund heraus. "Das denkst du von mir?"
"Klar denk' ich das." Michaels Kopfnicken. "Was glaubst du denn? Daß die von der Polizei, wenn die zu mir kommen, viel Verständnis für mich haben werden? Verständnis für mich? Wenn ich denen erzähle, wie ich mit deiner Tochter Tanja, elfeinhalb Jahre, zusammengekommen bin. Ich, der ich Tanjas Vati sein könnte. Die würden mir ganz nett Sachen sagen, würd' ich meinen. So über den Daumen gepeilt, Irene. Einiges, das danach auf mich zukäme ..."
"Da kann ich dir nun auch nicht weiterhelfen, Michael. Wenn du meinst. Wenn du das so meinst." Feste schaute Irene Michael ins Gesicht.
Den Kopf wandte Irene, Tochter Tanja zu. Zu Tochter Tanja nickte Irene hinüber. "Weißt du, du hast recht, Tanja-Baby. Du hast wirklich recht, Tanjalein. Heute ist draußen so ein schöner, ein herrlich schöner Tag, Tanja. Und wir sitzen stundenlang drinnen rum. Eine Sünde, nicht draußen zu sein. Eine echte Sünde. Was meinst du, Tanjalein, haben die bei Spiele Kiermeier drüben 'Drachenflug Teil III' im Schaufenster gehabt? Gibt's das Spiel vielleicht im Angebot? Da waren wir noch gar nicht drüben, bei Kiermeier, wir beiden. Vielleicht könnten wir bei Kiermeier drüben fragen, ob sie uns 'Drachenflug Teil III' nicht ein bißchen billiger geben könnten. Vielleicht könnten wir zwei uns 'Drachenflug Teil III' dann doch leisten. Wenn wir 'Drachenflug Teil III' später zahlen könnten. Oder auf Raten. Weißt du was, Tanja, mein Baby, wir beiden, wir gehen jetzt sofort schnell mal zu Kiermeier rüber, schauen mal, was 'Drachenflug Teil III' bei denen kostet, ja? Hören uns an, was die Verkäuferinnen bei Kiermeier uns erzählen."
"Klasse, Mutti! Klasse, Mutti! Echt klasse!" Freudig klatschte Klein Tanja in die Hände, hüpfte von ihrem Café-Kochta-Stuhl auf, auf den sich Tanja wieder gesetzt hatte. Niedergesetzt hatte, um sittsam dazusitzen, ihre Knie eng aneinander, den Blümchenrock an die Kniescheiben gezogen und mit den Fingern festgehalten.
"Du entschuldigst mich, Michael?"
"Ja, klar, Irene!"
"Muß mit Tanja-Baby mal zu Kiermeier drüben rein, Michael. 'Drachenflug Teil III', ist ja eigentlich noch recht neu. Ob sie's wohl im Angebot haben?"
"Keine Ahnung, Irene. Da bin ich überfragt."
Ihr Wasserglas trank Irene leer. Danach schmiß Irene ihre Zigarettenschachtel für die noble Frau mit einem besserem Geschmack und Lebensstil mitten in ihre große Handtasche. Das goldene Feuerzeug steckte Irene extra seitlich ins Fach.
"Tschau, Michael!"
"Tschau, Irene!"
"Wir sehen uns, Michael!"
"Wir sehen uns, Irene!"
Das mit dem Sehen war für Michael aber so eine Sache. Es gab in dem Sinne kein Wiedersehen mit Irene und Tanja mehr.
Vielleicht, wenn Michael Irene gesucht hätte. Dann hätte Michael eventuell bei Irene auch Tanja wiedergesehen. Oder auch nicht.